Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Dr. Rebecca Böhme — Neurowissenschaftlerin und Assistenzprofessorin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften der Universität Linköping (Schweden). Leitet die Forschungsgruppe The Böhmelab. Doktorarbeit an der Charité Berlin (Psychiatrie/Psychotherapie), ausgezeichnet mit dem For Women in Science-Preis. Erforscht zwischenmenschliche Berührung, leibliche Selbstwahrnehmung und die Frage, wie Gehirn und Körper gemeinsam unser Selbsterleben formen.

Bücher: Human Touch (2019), Resilienz (2021), The Power of the Mind (2025, C.H. Beck) Kernkonzepte: Predictive Brain, Embodied Self, Reappraisal, Resilienz


Biografie

Rebecca Böhme kam über philosophische Neugier zur Neurowissenschaft — die Frage nach dem Bewusstsein trieb sie an, aber sie wollte sie empirisch testen, nicht nur darüber nachdenken. Ihr akademischer Weg führte über die Charité Berlin, wo sie zur Psychiatrie und Psychotherapie promovierte und dabei den For Women in Science-Preis erhielt.

Der Wendepunkt: Der Wechsel nach Linköping, Schweden, wo sie am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften ihre eigene Forschungsgruppe aufbaute. Das Böhmelab vereint, was viele Neurowissenschaftler trennen — die leibliche Dimension (Berührung, Körper, Interozeption) mit der kognitiven (Vorhersagemodelle, Beliefs, Reappraisal).

Inzwischen ist sie sich nicht mehr sicher, ob der rein empirische Ansatz der richtige ist — die Kombination aus Philosophie und Neurowissenschaft scheint ihr der fruchtbarere Weg. Diese Reflexivität durchzieht auch ihre Bücher, die konsequent zwischen Laborergebnissen und Lebenspraxis vermitteln.


Bücher & Publikationen


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine — es arbeitet probabilistisch (bayesianisch), hält mehrere Hypothesen gleichzeitig, und aktualisiert sie anhand neuer Evidenz.
  2. Wahrnehmung ist keine Halluzination — im Gegensatz zu Anil Seth betont Böhme: unsere Sinne haben sich evolutionär in Interaktion mit der realen Welt entwickelt. Wir haben echten Zugang zur Wirklichkeit.
  3. Sprache als neuronaler Schalter — durch Reappraisal (kognitive Neubewertung) können wir über Sprache den Präfrontalkortex aktivieren und tieferliegende Verarbeitungsprozesse regulieren (z.B. chronische Schmerzen).
  4. Freiheit = der Raum zwischen Reiz und Reaktion — diese Fähigkeit ist trainierbar, aber akut bedroht durch permanente digitale Reizflutung.
  5. Individuelle Veränderung reicht nicht — strukturelle Regulierung der Aufmerksamkeitsökonomie ist nötig; gleichzeitig kann der Einzelne nicht auf Politik warten.

Politische Einordnung

Böhme vertritt keine explizit politische Position, argumentiert aber klar für Techkonzern-Regulierung und gegen individualisierte Wellness-Ideologie. Sie kritisiert McMindfulness und die Selbstoptimierungsindustrie. Gleichzeitig betont sie individuelle Handlungsfähigkeit als Würdeakt — kein Widerspruch, sondern Mehrebenen-Ansatz.


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Albert Moukheiber — Forscht ebenfalls an der Konstruiertheit von Wahrnehmung; Böhme ergänzt die Interventions-Perspektive (wie ändert man Modelle aktiv?)
  • Claus-Christian Carbon — Vertritt stärkeren Konstruktivismus; Böhme distanziert sich explizit von der „Halluzinations”-These
  • Karl Friston — Begründer des Predictive Processing / Free Energy Principle, auf dem Böhmes Arbeit aufbaut
  • Daniel Kahneman — psychologische Evidenz für kognitive Biases, die Böhmes neurowissenschaftliche Erklärungen ergänzen

Gedankenwelten-Notes