Gedankenraum
DenkerVita·22. September 2026

Marie-Madeleine Maucourt — DenkerVita

Wer einmal mitentschieden hat, will nicht mehr bloß gehorchen: Marie-Madeleine Maucourt hilft Belegschaften im Grand Est, ihre Betriebe selbst zu übernehmen.

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Jean-Jacques Sempé — Sempé zeichnet kleine Menschen in großen Landschaften, mit Zärtlichkeit und ohne Spott. Maucourt sagt über sich, sie verbringe zu viel Zeit im Auto, und was sie rette, beschreibt sie in Bäckereien, Metzgereien und dem Postboten. Also: die weite Lothringer Ebene am Morgen, Dörfer mit kleinen erleuchteten Läden und ein einziges winziges Auto mit Licht, das von Dorf zu Dorf fährt.

Prompt: Drawing in the style of Jean-Jacques Sempé, wide horizontal banner, fine pen and ink line with delicate soft watercolor washes on white paper, lots of air. An immense gentle rolling landscape of Lorraine at early morning: fields, poplar rows, a few small villages with church towers far apart. In each village, tiny lit shopfronts: a bakery, a butcher, a small grocery, a yellow post van. A long thin winding country road connects all the villages across the whole width, and on it one very small car with its headlights on, driving from village to village, tiny against the vast land. Pale sky with a few birds. Tender, humorous, humane, quiet. No text, no letters, no signature.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Marie-Madeleine Maucourt leitet als Direktorin (directrice) die Union régionale des Scop Grand Est (URSCOP), den regionalen Verband der französischen Arbeitergenossenschaften (Scop) und Genossenschaften mit Mehrparteien-Beteiligung (Scic). Seit rund einem Vierteljahrhundert begleitet sie Belegschaften, die ihren Betrieb selbst übernehmen wollen: aus der Insolvenz heraus, bei der Nachfolge eines Inhabers oder als Neugründung. In der ARTE-Reportage Wenn Arbeiter Chefs werden wird sie als Präsidentin des Regionalverbands vorgestellt; französische Quellen nennen sie durchgehend Direktorin. Sie ist Französin, Jahrgang etwa 1964/65, und seit 2004 Mitglied im regionalen Wirtschafts- und Sozialrat (CESER).

Biografie

Über ihre Herkunft ist öffentlich wenig bekannt. Der Verband beschreibt sie als Frau mit einer höheren Ausbildung in Management und Wirtschaftsprüfung (expertise comptable) und fast dreißig Jahren Erfahrung in der Genossenschaftswelt. Laut ForumEco ist sie seit 2000 in der Sozial- und Solidarwirtschaft (économie sociale et solidaire, ESS) tätig. Ob sie selbst je eine Scop geführt hat, lässt sich aus den öffentlichen Quellen nicht sagen. Belegt ist die Rolle, in der man sie kennt: die Begleiterin, die mit Zahlen, Finanzierungsplänen und Statuten dafür sorgt, dass eine Übernahme durch die Belegschaft überhaupt vor Gericht bestehen kann.

Neben der Verbandsarbeit hat sie früh den Weg in die regionale Mitbestimmung gesucht. 2004 wurde sie in den CESER Lorraine gewählt, nach der Regionalreform von 2016 gehörte sie dem CESER Grand Est an, dort für die URSCOP im dritten Kollegium. Sie leitete die Finanzkommission und die Kommission für Wirtschaft und Beschäftigung. Von 2009 bis 2016 war sie Präsidentin der Regionalkammer der Sozial- und Solidarwirtschaft Lothringen (CRESS Lorraine). Im Frühjahr 2021 kandidierte sie, damals 56 Jahre alt, für den Vorsitz des CESER Grand Est; die Wahl war für den 29. April 2021 angesetzt.

Der Verband, den sie führt, ist in dieser Zeit stark gewachsen. Ende 2023 zählte die URSCOP Grand Est 214 Scop und Scic mit 4.871 Beschäftigten; in fünf Jahren seit 2017 entstanden nach ihren Angaben 60 neue Genossenschaften mit 1.030 Arbeitsplätzen. Ein Satz aus dieser Bilanz verrät, woher ihre Arbeit kommt: 63 Prozent der neuen genossenschaftlichen Arbeitsplätze entstanden durch Umwandlung oder durch Übernahme von Betrieben, die schon in einem Insolvenzverfahren steckten. Im Elsass, sagt sie, habe sich die Zahl der Scop in zehn Jahren verdoppelt.

Zwei Fälle zeigen beide Enden dieser Arbeit, und beide begleitet die ARTE-Reportage. Im Herbst 2024 half sie den Beschäftigten der Wollspinnerei Bergère de France in Bar-le-Duc (Meuse), einer der letzten Spinnereien Frankreichs, gegründet 1946, den Betrieb als Scop zu übernehmen. Die ersten Gespräche führte sie mit drei, vier Leuten, die wissen wollten, wie so etwas geht; am 21. Oktober 2024 bestätigte das Handelsgericht Bar-le-Duc den Plan. 57 Beschäftigte wurden Genossenschafter, 70 Arbeitsplätze blieben erhalten. Maucourt eröffnete die erste Sitzung des neuen Verwaltungsrats und erklärte den elf gewählten Mitgliedern, die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter, dass von nun an nur noch gemeinsam entschieden wird, im Gremium.

Wenige Monate später scheiterte der zweite Versuch. Beim Dämmplattenhersteller Sitek Insulation in Wissembourg (Bas-Rhin) wollten 65 von 107 Beschäftigten den Betrieb nach zwanzig Monaten Sanierungsverfahren als Scop weiterführen und dafür ihre Arbeitslosenansprüche einsetzen. Der Verband wollte 300.000 Euro aus seinem Fonds beisteuern, der Plan brauchte insgesamt rund 5,7 Millionen. Die Banken zögerten, die Arbeitslosenversicherung Unédic lehnte eine Ausnahme ab, der Hauptkunde sprang ab. Am 24. Februar 2025 ordnete die Handelskammer des Gerichts Straßburg die Liquidation an. Nach dem Urteil fällt in der Reportage der Satz, der Staat habe hier nicht geholfen wie bei Bergère (ähnlich äußerte sich Sitek-Direktor Philippe Kapps gegenüber der Presse). Maucourt kündigt an, sich auszuruhen und dann für andere weiterzukämpfen.

Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

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Kernthesen

  1. Wer die Arbeit kennt, soll über sie entscheiden. Warum sollten die, die das Geschäft wirklich verstehen, die Entscheidungen anderen überlassen, die mit dem Alltag im Werk nichts zu tun haben? Die Scop gibt den Beschäftigten die Mehrheit am Kapital, das Stimmrecht und einen Anteil am Gewinn.
  2. Mitbestimmung verändert die Menschen, die sie ausüben. Partizipatives Management ist für sie der Grund, diesen Beruf zu machen. „Wer das einmal erlebt hat, findet nur schwer zurück zum knallharten Kapitalismus.“
  3. Eigentum heißt gemeinsame Verantwortung. „Vous êtes des associés, vous n'êtes pas tous patrons!“ Wer Genossenschafter wird, teilt Eigentum und Verantwortung mit allen anderen; widersprechen kann das gewählte Gremium, der Einzelne am Band muss seine Stimme dorthin tragen.
  4. Ein gerettetes Werk hält einen Ort am Leben. Wo ein Betrieb schließt, verschwinden oft auch Bäckerei, Metzgerei und Post. Der Genossenschaftsfonds, gespeist aus Beiträgen der Genossenschaften selbst, ist ihre Antwort: Solidarität, die aus den geretteten Betrieben in die nächsten fließt.
  5. Ohne Geld zur rechten Zeit scheitert auch der beste Wille. Der Fall Sitek zeigt, dass Belegschaften ihre Betriebe nur retten können, wenn Banken, Arbeitslosenversicherung und Staat schnell genug mitziehen. Reindustrialisierung bleibt sonst ein Wort.

Politische Einordnung

Maucourt ist Verbandsfunktionärin, keine Parteipolitikerin; eine Parteizugehörigkeit ist nicht bekannt. Sie steht für die französische Tradition der Sozial- und Solidarwirtschaft, die in Frankreich weit über das linke Lager hinaus als Standortpolitik gilt: Scop und Scic sind Handelsgesellschaften, die Gewinn machen müssen, nur eben im Besitz ihrer Beschäftigten. Ihre Kritik zielt auf die fehlenden öffentlichen Finanzierungswege für Belegschaftsübernahmen; den Markt selbst stellt sie in den Quellen nicht in Frage. Wer genauer hinsieht, bemerkt auch die Grenze des Modells, die sie selbst benennt: Es passt vor allem zu kleinen und mittleren Betrieben, weniger dort, wo sehr viel Kapital gebraucht wird.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

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fünf gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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