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Zeitgeist·28. April 2026·1:01 h·11 Belegstellen

Laura Zöckler — Bürgerenergie und die Demokratisierung der Energiewende

Quelle: #33 Bürgerenergie — Laura Zöckler (Bürgerwerke) | enPower Podcast

Wer spricht?

Laura Zöckler — Vorständin der Heidelberger Energiegenossenschaft (HEG, seit 2010) und Öffentlichkeitsarbeit bei den Bürgerwerken (Dachgenossenschaft von ~100 lokalen Energiegenossenschaften). Studierte Politikwissenschaft, wollte ursprünglich über Physik in die Energiewende — kam dann über ein Praktikum zu den Bürgerwerken. „Ich gehe wirklich jeden Morgen gerne ins Büro, weil ich 100 % hinter den Sachen stehe, für die ich arbeite."

Markus Fritz und Julius Wesche — Hosts des enPower-Podcasts, der Energiewende-Wissen vermittelt.


Was ist Bürgerenergie?

9:16 — Bürgerenergie bedeutet: Bürgerinnen und Bürger nehmen ihre Energieversorgung selbst in die Hand — unabhängig von Konzernen. Nicht ein Projektierer von irgendwo baut irgendwas hin, sondern Menschen vor Ort entscheiden, was die beste Lösung ist.

Die Zahlen sind eindrucksvoll:

10:46 — Zöcklers zentrale These: „Ohne Bürgerinnen und Bürger hätte in den 2000er Jahren die Energiewende ziemlich sicher nicht so viel Fahrt aufgenommen." Die Konzerne sind erst aufgesprungen, als die Bürger schon vorgelegt hatten.


Die Genossenschaft — Demokratie als Rechtsform

12:18 — Das Genossenschaftsmodell ist bemerkenswert:

Das ist strukturell das Gegenteil von Konzernen wie BP oder Shell, wo Stimmrechte proportional zum Kapital verteilt sind. Bei einer Genossenschaft zählt der Mensch, nicht das Geld.


Die Bürgerwerke — Genossenschaften der Genossenschaften

35:49 — 2013 gegründet, sind die Bürgerwerke eine Dachgenossenschaft: Fast 100 lokale Energiegenossenschaften bündeln ihre Kräfte.

Das Problem war: Einzelne Genossenschaften können Strom erzeugen, aber nicht liefern — Kundenservice, Portfoliomanagement, Bilanzkreismanagement sind zu komplex fürs Ehrenamt. Die Bürgerwerke übernehmen das zentral.

Das Modell:

41:09 — Netzwerkeffekt: Die Inselwerke (Usedom) bauten ein E-Ladenetz in Bürgerhand → über die Bürgerwerke können jetzt alle 100 Genossenschaften das Konzept übernehmen. Wissen wird geteilt, nicht proprietär geschützt.


Wie entsteht ein Projekt? — Von der Fläche zur Anlage

47:18 — Zöckler beschreibt den konkreten Ablauf:

  1. Fläche finden — Akquise per Google Maps oder (inzwischen häufiger) Anfragen von Unternehmen und Privatpersonen
  2. Eignung prüfen — Statik, Ausrichtung, Verschattung
  3. Wirtschaftlichkeit — Modell entwickeln (Mieterstrom, Volleinspeisung, Eigenverbrauch)
  4. Gestattungsvertrag — 20 Jahre Dachnutzung, Dienstbarkeit im Grundbuch eingetragen
  5. Aufsichtsrat-Genehmigung — demokratische Kontrolle über jedes Projekt >10.000 €
  6. Finanzierung — Mischung aus Mitglieder-Darlehen und Bankkrediten
  7. Bau — eigenes Baustellenteam (Tochtergesellschaft) oder externe Solateure
  8. Netzanschluss — oft der Flaschenhals (Netzbetreiber-Abhängigkeit)

48:48 — Bemerkenswert: Die HEG macht inzwischen keine aktive Akquise mehr — die Projekte kommen zu ihnen. „Wir haben letztes Jahr so viel zugebaut wie in den neun Jahren zuvor zusammen."


Grenzen der Bürgerenergie

19:10 — Zöckler benennt ehrlich die Schwächen:

Ehrenamt als Flaschenhals: Die meisten Genossenschaften laufen noch (teil-)ehrenamtlich. Professionalisierung ist nötig, aber teuer. Die HEG hat erst seit einem Jahr bezahlte Stellen.

Ausschreibungssystem: 29:46 — Ab einer gewissen Anlagengröße müssen Projekte ausgeschrieben werden. Das Gebot-System bevorzugt Großkonzerne: Entwicklungskosten von 10.000–100.000 € ohne Zuschlagsgarantie können Genossenschaften nicht stemmen. RWE gibt 30 Gebote ab, eine Genossenschaft hat eine Fläche.

Größenlimitation: Genossenschaften sind regional — für Offshore-Windparks oder riesige Freiflächenanlagen fehlt das Kapital. Zöckler: „Ich bin dankbar für jede Anlage, die gebaut wird — von mir aus kann die auch RWE bauen."


Vision: Jede Person Teil der Energiewende

60:09 — Zöcklers Zukunftsvision für 10–15 Jahre:

„Die Genossenschaften schaffen es seit 10 Jahren, im Detail ganz konkret Lösungen zu zeigen, die funktionieren — wo letztlich niemand was dagegen hat."


Heidelberg: 2 % Solardächer — und die Frage nach dem Warum

22:58 — Nur 2 % der Dächer in Heidelberg haben Solaranlagen. Zöckler ist fassungslos: „Ich verstehe nicht, wie das sein kann."

Die Ursachen:

Die HEG setzt auf Quartiersversorgung: Solar + Speicher + E-Ladesäulen als Gesamtpaket für Wohnviertel. „So kriegen wir die Energiewende in die Städte."


Faktencheck

Bestätigt — Bürgerenergie-Anteil

Der Anteil der Bürgerenergie an den Erneuerbaren in Deutschland lag 2012 bei ~46 %, 2021 bei ~40,4 %. Quelle: Agentur für Erneuerbare Energien — Eigentümerstruktur

Bestätigt — Insolvenzquote Genossenschaften

Die Insolvenzquote eingetragener Genossenschaften liegt bei 0,1 % — die niedrigste aller Rechtsformen in Deutschland. Quelle: DGRV — Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband

Bestätigt — Bürgerwerke Größe

Die Bürgerwerke bündeln aktuell über 100 Energiegenossenschaften. Quelle: buergerwerke.de

Vereinfacht — „Letztes Jahr so viel zugebaut wie in 9 Jahren zuvor"

Diese Aussage bezieht sich auf die HEG und ist im Podcast als persönliche Einschätzung Zöcklers formuliert. Die Größenordnung ist plausibel angesichts des Solar-Booms seit 2022, aber exakte Zahlen sind nicht öffentlich zugänglich. (Faktencheck: nicht unabhängig verifizierbar)


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Erwähnt im Gespräch:

  • Inselwerke Usedom — E-Ladenetz in Bürgerhand als Modell
  • enPower Folge 10 — Ausschreibungen bei der Windenergie (mit Basilius Anatolides)

Verbindungen

→ re:publica 26 — Wie gelingt die Energiewende? Und was bedeutet sie für unsere Demokratie?

Amprion-Chef Müller bestätigt die Demokratisierung als vollzogenes Faktum: 5 Millionen Stromproduzenten, das alte Oligopol aufgelöst. Zöcklers Vision von der anderen Seite — mit derselben offenen Frage, ob eine vor allem für Hausbesitzer zugängliche Teilhabe schon Demokratisierung ist.

→ Follow This — Die grüne Horzel in Big Oil

Zwei Seiten derselben Medaille: Follow This demokratisiert die Konzern-Governance (Stimmrechte gegen das Management), Bürgerenergie demokratisiert die Erzeugung (Genossenschaften statt Konzerne). Beide nutzen kapitalistische Strukturen für die Transformation.

→ Kai Schöneberg — Ölkrise lohnt sich für BP

BPs Krisengewinne fließen an Aktionäre. Genossenschaftsgewinne fließen an Mitglieder vor Ort. Die Systemalternative in der Praxis.

→ ARTE — Woher bekommen wir saubere Energie? (Gute Nachrichten vom Planeten)

Großbardorf (35-facher Eigenbedarf) und Energiegarten Grensfeen als internationale Parallelen zu Zöcklers Bürgerenergie-Vision.

→ MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus

Reiches Politik schützt Konzerne vor genau dem dezentralen Modell, das Zöckler beschreibt. Der Lobbyismus blockiert die Demokratisierung der Energieversorgung.

→ Ines Schwerdtner — Energiepreiskrise und das Versagen der Bundesregierung

Schwerdtner fordert staatliche Umverteilung (Übergewinnsteuer). Bürgerenergie ist der komplementäre Ansatz: strukturelle Demokratisierung statt nachträgliche Korrektur.

→ Felix Goldbach (MoneyForFuture) — Batteriespeicher und die ignorierte Lösung der Energiewende

Zöcklers Quartiersversorgung (Solar + Speicher + Ladesäulen) ist genau das dezentrale Flexibilitätssystem, das Goldbach als Alternative zu Gaskraftwerken beschreibt.

→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)

Kemferts strukturelle Ölabhängigkeit wird durch dezentrale Bürgerenergie systematisch aufgelöst — jede Genossenschaft ist ein Stück weniger Abhängigkeit.

→ Volker Quaschning — Sprit-Abzocke und Ölabhängigkeit

Quaschnings Diagnose (Konzernmargen statt Kostenwahrheit) trifft auf Zöcklers Lösung: Wenn die Genossenschaft liefert, gibt es keine Margen-Abzocke.

→ Erich Fromm — Haben oder Sein

Die Genossenschaft als gelebter Sein-Modus: Nicht Gewinnmaximierung, sondern Förderung der Mitglieder. Zöckler: „Sinn, ganz klar" auf die Frage „Sinn oder Geld?"

→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN

Schwans kommunale Entwicklungsbeiräte und Zöcklers Bürgerenergie-Genossenschaften teilen die Grundidee: demokratische Partizipation auf lokaler Ebene als Gegenmittel gegen Entfremdung.

→ Maja Göpel — Mut zur Zukunft

Göpels Agency-Konzept liefert den theoretischen Rahmen für Zöcklers Bürgerenergie: Dezentrale Versorgung als Ermächtigung gegen Ohnmacht.

→ Akkudoktor — Programmbeschwerde gegen Markus Lanz: Energiewende-Desinformation im ZDF

Dezentrale Realität widerlegt Lanz-Narrativ: Was als „Stillstand" geframt wird, zeigt sich in 47% Erneuerbaren-Kapazität in Bürgerhand

→ Michael Sterner — Söders Energie-Irrtum: Faktencheck

Sterners regionale Wertschöpfungs-Argument (Erneuerbare als heimische Industrie) findet bei Zöckler seine politische Konsequenz: 40% Erneuerbaren-Kapazität in Bürgerhand untermauert das Strauß-Autarkie-Argument empirisch.

→ Dirk Specht — Merit Order und Großbatterien

Zöcklers Bürgerenergiegenossenschaften sind das europäische Gegenstück zu Spechts chinesischem Direktversorgungsmodell: beide umgehen die Merit-Order-Strombörse — einmal durch staatliche Festpreisauktionen, einmal durch demokratisch organisierte Eigenversorgung zu Produktionskosten.

→ erneuerbare tv — Sommerwärme im Erdreich

Kupferzell ist Zöcklers Bürgerenergie-Vision auf Unternehmensebene: Nicht eine Genossenschaft, sondern ein Familienunternehmen zieht sich aus dem Energiemarkt zurück und produziert selbst. Beide Modelle — Genossenschaft und Eigenversorgung — realisieren dieselbe Logik: Energiesouveränität als wirtschaftliche Entscheidung, nicht als Ideologie.

→ Christoph Hein — Geoökonomie NEU DENKEN

Bürgerenergie als gelebte Geoökonomie von unten: Die dezentrale Energieversorgung ist exakt die Ressourcenunabhängigkeit, die Hein als europäischen Standortvorteil beschreibt

→ Norio — GICON Höhenwindturm: Ostdeutscher Ingenieur revolutioniert Windkraft

Großmanns Klettwitz-Modell (80€/Einwohner/Jahr Direktausschüttung) ist das praktische Pendant zu Zöcklers Bürgerbeteiligungs-Vision. Beide beantworten dieselbe Frage — wer profitiert von Windkraft? — mit derselben Antwort: die Menschen vor Ort.

→ Andreas Löschel — Strom NEU DENKEN

Der Energieökonom liefert die Forschungsgrundlage zu Zöcklers Praxis: Co-Benefits wirken umso stärker, je weiter sie vom Klima entfernt sind (Hallenbad statt CO₂-Bilanz), und die „laute Minderheit" verdeckt die stille Mehrheit pro Windkraft — Bürgerenergie ist die Operationalisierung dieses Befunds.

→ ARTE Re — Wenn Arbeiter Chefs werden

Dasselbe Prinzip in der Industrie: 56 Beschäftigte übernehmen eine Spinnerei, und ein regionaler Verband mit Solidarfonds übernimmt die Rolle, die hier die Bürgerwerke spielen. Auch Zöcklers Grenzen kehren wieder, das Amt neben dem Beruf und das fehlende Kapital für den großen Fall.

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

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