GedankenraumValentine Fanjeaux — DenkerVita
Eine Chemieingenieurin aus Bar-le-Duc, die mit ihren Kolleginnen und Kollegen die letzte französische Spinnerei für Strickgarn übernahm und nun an ihrer Spitze steht.
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Sonia Delaunay (simultane Farbscheiben) — Delaunay kam von der Stoffgestaltung zur Malerei und wieder zurück: Ihre Farbscheiben sind Textil, das in Bewegung geraten ist. Valentine ist Chemie-Ingenieurin aus der Färberei einer Spinnerei und läuft Marathon. Also: Knäuel und Farbkreise aus gefärbter Wolle, und quer hindurch eine kleine laufende Figur, die den Faden mitnimmt. Eine andere Hand als Léger für die Note, weil die Note das Kollektiv malt und die Vita die eine, die vorne läuft.
Prompt: Painting in the style of Sonia Delaunay's simultaneous color works, wide horizontal banner, gouache on paper with a flat matte finish. Large overlapping concentric discs and arcs of pure color fill the composition like skeins and cones of dyed wool seen from above: vermilion, saffron yellow, cobalt blue, emerald, violet, warm pink, black. Strands of yarn unwind from the discs as flowing rhythmic bands across the whole width. Within the rhythm, a single small stylized running figure made of simple geometric color planes, no facial features, striding from left to right as if running along the bands of wool. Joyful, rhythmic, energetic, handmade. No text, no letters, no numbers, no signature.
→ Gedankenwelten-Notes: ARTE Re — Wenn Arbeiter Chefs werden
Biographischer Snapshot
Valentine Fanjeaux ist Präsidentin und Generaldirektorin (PDG) der Bergère de France SCOP in Bar-le-Duc (Meuse, Lothringen), der Wollspinnerei, die ihre Belegschaft im Oktober 2024 aus der Liquidation gekauft hat. Sie ist in Bar-le-Duc geboren, studierte angewandte Chemie und Textiltechnik und fing im Januar 2014 mit einem befristeten Vertrag in der Fabrik ihrer Heimatstadt an. Zur Zeit der ARTE-Reportage ist sie 36, leitet die Produktion mit einem Team von 20 Leuten und ist frisch gewählte Vorsitzende des Verwaltungsrats: eine Praktikerin ohne Werk im Buchsinn. Ihr Werk ist eine Fabrik, die noch läuft.
Biografie
Die Geschichte beginnt in der Stadt, in der sie geboren ist. Im Januar 2014, gerade aus einer Ingenieurschule für angewandte Chemie gekommen, unterschreibt Valentine Fanjeaux ihren ersten befristeten Vertrag bei Bergère de France in Bar-le-Duc (L'Est Républicain, „Ils ont marqué 2025“, 20.12.2025, zitiert in der Presseschau des Unternehmens). Nach Angaben von Dauphine Executive Education kam sie von der ITECH, der Lyoner Ingenieurschule für Textil und Chemie, und stieg über die Jahre bis in die Produktionsleitung auf (Dauphine Executive Education, 14.10.2025). Im Oktober 2024 führt sie Le Journal des Entreprises als Verantwortliche für Färberei und Veredelung (JDE, 22.10.2024); in der ARTE-Reportage ist sie Produktionsleiterin mit 20 Arbeiterinnen, Arbeitern und Vorarbeitern.
Das Unternehmen, in das sie hineinwächst, ist eines im langen Abstieg. 1946 von Robert Petit gegründet, in den 1990er-Jahren mit rund 800 Beschäftigten und 1.500 Tonnen Wolle im Jahr, danach ein Jahrzehnt der Sozialpläne und Gerichtsverfahren (La Gazette France, April 2026). 2015 das erste Sanierungsverfahren, im April 2024 die Zahlungsunfähigkeit, dann die Liquidation; die Fabrik sollte am 26. Oktober 2024 schließen (JDE). Im Gespräch mit ARTE erzählt sie von den Jahren davor: Kurzarbeit, fehlendes Material, eine Motivation im Keller, „weil wir mit der Schließung gerechnet haben“. Viele hätten gewartet, dass das Beil fällt, „aber dann dachten wir, wir nehmen das selbst in die Hand“.
Mit einer kleinen Gruppe, drei oder vier Leute, darunter die Kreativchefin Corinne, sitzt sie beim ersten Treffen mit Marie-Madeleine Maucourt von der Union Régionale des Scop Grand Est und fragt, wie man ein Unternehmen übernimmt. Es gibt zwei Angebote vor Gericht: das der Belegschaft und eines des Konkurrenten Phildar, der nach Aussage der Beschäftigten nur die Marke wollte. Am 21. Oktober 2024 gibt das Handelsgericht Bar-le-Duc dem Genossenschaftsplan den Zuschlag, am 25. Oktober übernimmt die SCOP. Rund 56 von 145 Beschäftigten werden Gesellschafter (die Presse schwankt zwischen 56 und 57), alle mit gleicher Einlage; laut Reportage im Schnitt etwa 20.000 Euro, bezahlt aus Abfindung und Arbeitslosengeld. Die Leitung ist zunächst zweiköpfig: Jean-Michel Nicolas, bis dahin kaufmännischer Direktor, wird Generaldirektor, Valentine Fanjeaux Präsidentin des Verwaltungsrats (JDE).
Die ARTE-Kamera zeigt, was das kostet. Drei bis vier Stunden am Tag kommen für das neue Amt dazu, „mehr arbeiten für das gleiche Geld“. Die Kinder holt sie später von der Schule ab, oder ihr Mann tut es. Sie schließt die Arbeitsverträge der neuen Gesellschafterinnen selbst ab, fährt mit Corinne nach Paris zu italienischen Lieferanten, entdeckt auf einer Messe ein recyceltes Garn. Sie klopft monatelang bei Behörden an, bis der Präsident des Departements Meuse die Genossenschaft empfängt und 570.000 Euro zusagt, 10.000 Euro pro Gesellschafter; das Geld soll in den Onlinevertrieb, die Produktion und die Reparatur der Maschinen fließen. Und sie läuft. Seit sieben Jahren ist das Laufen ihr Ventil, New York, Chicago und Berlin hat sie hinter sich, Tokio ist der Traum. „Man muss das Ventil ablassen, bevor es explodiert.“
Im August 2025 ändert sich die Doppelspitze. Laut Handelsregister (BODACC vom 12.08.2025) scheidet Jean-Michel Nicolas als Generaldirektor und Verwaltungsrat aus; seit dem 5. August 2025 ist Valentine Fanjeaux Präsidentin des Verwaltungsrats und Generaldirektorin (Pappers / BODACC). Die Gründe für diesen Wechsel sind öffentlich nicht berichtet. Parallel absolviert sie das Universitätsdiplom Business Management SCOP an der Pariser Université Dauphine, weil sie als Textilingenieurin, wie sie sagt, wenig von Buchhaltung, Personalwesen und Arbeitsrecht verstand (Dauphine).
Wie es der Genossenschaft geht (Stand September 2026)
Ob die Genossenschaft trägt, lässt sich bisher nur an Zeichen ablesen, noch nicht an Bilanzen.
- Keine Bilanz öffentlich. Das erste volle Geschäftsjahr sollte am 31. Juli 2026 enden; im November 2025 waren noch keine Umsatzzahlen veröffentlicht (L'Usine Nouvelle, „Où en est … un an après sa reprise en Scop ?“). Im Register sind bis heute keine Jahresabschlüsse hinterlegt (Pappers). Ob das Umsatzziel von 12 Millionen Euro (bei rund 155 Tonnen Garn; vor der Übernahme 15,2 bis 15,4 Millionen Euro bei 217 Tonnen) erreicht wurde, ist nicht belegt.
- Kein neues Insolvenzverfahren. Das Register verzeichnet für die SCOP keine procédure collective (Pappers).
- Sichtbarkeit. Erstmals in der Firmengeschichte auf dem Salon du Made in France (November 2025), dann unter den 103 Ausgewählten der Grande exposition du fabriqué en France im Élysée-Palast, wo das Garn La Barisienne Emmanuel Macron vorgestellt wurde; Auszeichnung „Étoile de l'Entreprise de l'Année“ bei der Nuit des Réussites Meuse/Haute-Marne am 20.11.2025 (Presseschau Bergère de France; Puissance Télévision).
- Umbau. Der Farbfächer mit echten Garnproben, früher gratis, kostet seit 2025 Geld (2026: 15 Euro, ab 100 Euro Bestellwert gratis, Auflage 70.000); das Sortiment wurde von über 500 Referenzen gestrafft; Vertrieb über Presse-Kioske (Ziel 800, Stand Februar 2025: 130) und eine Kooperation mit La Poste Grand Est; ein Profi-Webshop für Kurzwarenläden (La Gazette France, Nuancier 2026; JDE, Februar 2025).
- Nachfrage. Laut La Gazette stieg die Zahl der Kundenkonten seit Anfang 2026 deutlich. Die Tonnage reicht aber noch nicht, um die Maschinen auszulasten; darum sucht die SCOP Industriekunden für Garn in der Bekleidungsbranche und testet mit der lothringischen Wollkette Mos-Laine (La Gazette France, April 2026).
- Achtzig Jahre. Am 25. April 2026 feierte die Genossenschaft den 80. Geburtstag der Marke mit Gesellschaftern, Kundschaft und gewählten Vertretern in Bar-le-Duc.
Die Zeichen sprechen für eine Genossenschaft, die lebt und sich umbaut. Ob sie wirtschaftlich hält, entscheidet sich an Zahlen, die noch niemand veröffentlicht hat.
Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement
- Bergère de France SCOP — Präsidentin und Generaldirektorin; SA coopérative ouvrière de production, 91 rue Bradfer, Bar-le-Duc: bergeredefrance.fr
- Presseschau des Unternehmens (sammelt Artikel seit Oktober 2024): bergeredefrance.fr/medias
- Handelsregister (öffentlich): Pappers — Bergère de France SCOP
- Presseauftritte mit eigenen Aussagen:
- Le Journal des Entreprises — „Bergère de France redémarre en Scop avec un nouveau plan stratégique“ (22.10.2024) — Produktion auf 155 Tonnen, Konzentration auf die bekannten Rundgarne wie La Barisienne.
- Dauphine Executive Education — „Deux dirigeantes réinventent le textile français grâce au modèle coopératif“ (14.10.2025) — Doppelporträt mit Clémence Royer-Cachot (Velcorex).
- La Gazette France — „Bergère de France : entre tradition et modernité“ (April 2026) — Farbfächer, Industriegarn, französische Wolle.
- Weitere Berichterstattung über die Übernahme: ICI (France Bleu) · L'Usine Nouvelle · La Gazette France — „c'est désormais acté“ · Pacte Transmission-Reprise Grand Est
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- ARTE Re: — Wenn Arbeiter Chefs werden — Reportage (F 2024, ca. 30 Min.) über die ersten Monate der Genossenschaft, parallel zur gescheiterten SCOP-Rettung eines elsässischen Betriebs. Auch in der ARTE-Mediathek.
- Entreprendre — SCOP Bergère de France — Gespräch mit Valentine Fanjeaux bei Puissance Télévision nach der Auszeichnung im November 2025 (französisch); auch auf puissancetelevision.fr.
- Sur ma route avec Valentine Fanjeaux — Porträt bei Moselle TV, 05.06.2026 (französisch).
Kernthesen
- Das Können gehört denen, die es tragen. „Unser Know-how ist unser Erbe. Das gehört uns“ (ARTE). Die Genossenschaft war für sie der Weg, ein Wissen zu retten, das mit der Fabrik verloren gegangen wäre; „Il n'était pas concevable de perdre une telle perle“ (Dauphine).
- Wer führt, fragt öfter. Sie hole bei Produktionsentscheidungen häufiger die Meinung der Belegschaft ein, weil so Wissen zur Geltung kommt, das manche über Jahrzehnte erworben haben (Dauphine). Die ARTE-Reportage zeigt die Kehrseite: Ein Messetag zu zweit bringt mehr als ein Monat hierarchischer Abstimmung.
- Kleiner werden, um zu bleiben. Von 217 auf 155 Tonnen, von über 500 Referenzen auf ein gestrafftes Sortiment, vom Gratis-Fächer zum bezahlten; „Wir schafften es nicht, mit der Zeit zu gehen, wir waren immer einen Schritt hinterher“ (JDE, 2024). Das „Paquebot Bergère de France“ müsse sparsamer und steuerbarer werden (La Gazette, 2026).
- Nach dem Umbruch kommt das Festigen. „Seit der Gründung der SCOP haben sich die Ereignisse in hohem Tempo überschlagen. Jetzt muss man die Grundlagen festigen und sich Zeit zum Erklären nehmen, denn nicht jede Forderung lässt sich sofort umsetzen“ (Dauphine, 2025).
- Unternehmerin wird man durch Lernen. „Unternehmerin zu werden ist nicht unüberwindbar. Man muss sich die Mittel geben, sich weiterbilden und die vorhandene Begleitung nutzen“ (Dauphine).
Verbindungen zu anderen Denkern
- Marie-Madeleine Maucourt — Die Verbandsdirektorin, die Valentine und Corinne beim ersten Treffen zu dritt oder viert erklärte, wie man eine Firma übernimmt, und den ersten Verwaltungsrat eröffnete. Maucourt kennt das Modell aus hundert Fällen, Valentine lebt es in einem, mit drei bis vier Stunden mehr am Tag.
- Erich Fromm — Fromms These, das Interesse an der Arbeit wachse mit der Mitbestimmung über die eigenen Arbeitsbedingungen, ist Valentines Alltag, samt dem Preis, den Fromm nicht nennt: die Müdigkeit.
- NANO Talk — Arbeiten wir zu wenig oder völlig falsch? — Simon Schaupps „halbe Demokratie" (die Regierung wählen, den Chef nicht) ist in Bar-le-Duc aufgehoben: Die Belegschaft hat ihre Produktionsleiterin zur Vorsitzenden gewählt.
Cortex-Notes
Im Bestand
vier gedachte Verweise