Quelle: So trickst du dein Gehirn aus – scobel im Gespräch: Mit Rebecca Böhme

Wer spricht?

Dr. Rebecca Böhme — Neurowissenschaftlerin und Assistenzprofessorin am Zentrum für soziale und affektive Neurowissenschaften der Universität Linköping (Schweden). Leitet die Forschungsgruppe The Böhmelab. Doktorarbeit an der Charité Berlin (Psychiatrie/Psychotherapie), ausgezeichnet mit dem For Women in Science-Preis. Erforscht zwischenmenschliche Berührung, leibliche Selbstwahrnehmung und die Frage, wie Gehirn und Körper gemeinsam unser Selbsterleben formen.

Bücher: Human Touch (2019), Resilienz (2021), The Power of the Mind (2025, C.H. Beck)

DenkerVita


Inhalt

Das Gehirn als Vorhersagemaschine

▶ 6:52 — Böhmes zentrale These: Das Gehirn ist kein passiver Empfänger von Sinneseindrücken, sondern ein Prognosesystem. Es will ständig vorhersagen, was als Nächstes passiert — evolutionsbiologisch die Voraussetzung fürs Überleben.

„Die Hauptfunktion des Gehirns ist sicherzustellen, dass wir überleben. Dafür muss es sehen: welche Bedürfnisse entstehen, was kann ich von meiner Umwelt erwarten, und wie kann ich dann meine eigenen Bedürfnisse entsprechend decken?”

▶ 7:38 — Das klingt banal, hat aber weitreichende Konsequenzen: Wenn das Gehirn primär Vorhersagen trifft, dann ist jede Wahrnehmung bereits eine Interpretation — gefiltert durch das, was wir erwarten. Böhme nutzt ein basales Beispiel: Ich weiß, ich bekomme später Hunger. Ich werde unterwegs sein. Woher kriege ich dann das Essen? Diese scheinbar triviale Antizipation ist die Grundfunktion, die alle Lebewesen erfüllen müssen — genug Energie sicherstellen, um weiter zu existieren.

▶ 8:23 — Daraus folgt: Auch die Interpretation von Sinnesreizen ist probabilistisch. Ein Lichtblitz wird nicht einfach registriert, sondern sofort gegen ein Modell abgeglichen — was könnte das gewesen sein? Das Gehirn rechnet Wahrscheinlichkeiten, nicht Gewissheiten. Es „möchte” verstehen, was einen Reiz ausgelöst hat, noch bevor es sicher sein kann.

Kein radikaler Konstruktivismus — gegen die Halluzinations-These

▶ 10:40 — Böhme distanziert sich ausdrücklich von der These der „kontrollierten Halluzination” (Anil Seth). Ihr Argument ist evolutionsbiologisch: Das Gehirn hat sich in ständiger Interaktion mit der realen Umwelt entwickelt. Unsere Sinnesorgane sind nicht zufällig so — sie wurden auf die für uns relevante Wirklichkeit optimiert.

„Unsere Wahrnehmung ist nicht eine Halluzination, sondern eine wirkliche Repräsentation der Wirklichkeit, und sie entsteht auch immer in Interaktion mit der Wirklichkeit.”

▶ 13:42 — Entscheidend ist der Zweiweg-Charakter: Wir sind keine passiven Konsumenten von Signalen. Wenn ich etwas sehe und nicht sicher bin, was es ist, sitze ich nicht fest mit einer Halluzination. Ich kann hingehen, es anfassen, hochheben, von allen Seiten anschauen. Diese aktive Interaktion mit der Wirklichkeit ist der Grund, warum wir uns nicht in selbstgebauten Modellen verlieren — die Realität kann uns eines Irrtums überführen.

▶ 14:27 — Das unterscheidet ihre Position vom radikalen Konstruktivismus und von der oft zitierten These „wir sehen nur 1% der Realität”: Ja, Fledermäuse hören anders, Adler sehen schärfer — aber unsere Sinne decken ein breites Spektrum ab, evolutionär optimiert auf das, was für uns essentiell ist. Das ist kein Bug, sondern ein Feature.

Die Milkshake-Studie — Wenn Erwartung den Körper verändert

▶ 18:59 — Böhmes vielleicht überraschendstes Beispiel für die Macht der Vorhersage: Zwei Gruppen trinken denselben Milchshake. Einer Gruppe wird gesagt „gesunder Milchshake”, der anderen „reichhaltiger Milchshake”. Ergebnis: Die Reichhaltig-Gruppe fühlt sich satter und schüttet messbar mehr Ghrelin aus (ein Sättigungshormon).

„Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen war nur, was man den Leuten mitgeteilt hatte. Und diese reine Mitteilung — da hat der Körper darauf anders reagiert.”

▶ 21:17 — Die Konsequenz ist radikal: Unsere Vorstellung von der Welt prägt nicht nur die Wahrnehmung der Welt, sondern die körperliche Realität selbst. Das Gehirn sendet Vorhersagen nicht nur an andere Hirnregionen, sondern an den gesamten Körper — Verdauung, Hormonhaushalt, Immunsystem. Erwartung ist keine bloß mentale Angelegenheit.

Wann Modelle sich verfestigen — Überzeugung als Precision-Gewichtung

▶ 22:47 — Nicht alle Erwartungen sind gleich stark. Böhme führt das Konzept der Precision ein (ohne den technischen Begriff zu nutzen): Wie überzeugt bin ich von meiner Erwartung? Eine schwache Erwartung lässt sich leicht updaten. Eine starke, tausendfach bestätigte — kaum.

„Wenn ich ganz ganz stark davon überzeugt bin, dass meine Erwartung die Wirklichkeit widerspiegelt, dann wird diese Erwartung sehr viel größeren Einfluss haben auf meine Wahrnehmung. Da bräuchte es ganz ganz viele andere Erfahrungen.”

▶ 24:20 — Das Beispiel der Anorexie macht die klinische Dimension greifbar: Die Betroffene hat ein festes Körpermodell entwickelt (größer als real), und dieses Modell ist so stark verankert, dass es gegen alle Evidenz resistent wird. Ob ich mein Modell update, hängt von Vertrauen in die Gegeninformation ab, vom Kontext, von der sozialen Beziehung zur widersprechenden Quelle — und von der schieren Häufigkeit bisheriger Bestätigung.

Verschwörungsdenken als Vertrauensverschiebung

▶ 28:56 — Böhme erklärt Verschwörungstheorien nicht als Dummheit oder Informationsdefizit, sondern als neuronales Vertrauensproblem: Menschen haben das Vertrauen in konventionelle Nachrichtenkanäle verloren und auf andere Quellen übertragen. Einmal verankert, folgt das Gehirn dem Pfad: „Das ist meine Gruppe, denen vertraue ich — also stimmt, was von dort kommt.”

„Das Gehirn hat die Entscheidung getroffen. Das hier ist jetzt die Richtung. Das sind die Menschen, denen ich vertraue, da gehöre ich dazu. Und dann kann das schon in die Richtung gehen, dass das Gehirn sagt: okay, dann glaube ich jetzt alles, was von da kommt.”

Scobel ergänzt die psychologische Evidenz: Kahneman und Tversky haben in vielen Variationen gezeigt, dass Confirmation Bias (Bestätigungstendenz) kein Ausnahmefall ist, sondern der Normalzustand. Perspektivwechsel — das, was Wittgenstein als zentrale Funktion der Philosophie sah — ist neuronale Schwerstarbeit.

(Faktencheck: vereinfacht — Verschwörungsdenken hat multiple psychologische Ursachen; Vertrauen ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor)

Reappraisal — Sprache als neuronaler Schalter

▶ 31:57 — Faszinierend am Beispiel chronischer Schmerzen: Wenn die Gewebeschädigung längst ausgeheilt ist, aber der Schmerz chronifiziert bleibt, kann eine simple kognitive Intervention (Reappraisal) helfen. Allein das Bewusstwerden — dieses Signal ist irrelevant, der Körper ist übererregt — reguliert den Schmerz herunter, in manchen Fällen bis zur vollständigen Schmerzfreiheit.

▶ 33:28 — Studienergebnis: 50–60% der Teilnehmer mit chronischen Schmerzen waren ein Jahr nach einer simplen Reappraisal-Intervention schmerzfrei. Böhme erklärt den Mechanismus:

„Wir nutzen eine menschliche Fähigkeit, die die anderen Tiere nicht haben — unsere Sprache. Einfach nur durch Worte haben wir diese Fähigkeit, da so eine Art Schalter umzulegen.”

▶ 34:14 — Der Präfrontalkortex — „der Erwachsene im Gehirn” — sagt den tieferliegenden Schmerzregionen: „Hey, diese Signale, die da reinkommen, sind gar nicht so wichtig, wie wir die ganze Zeit dachten. Also seid mal leise.” Die Reize kommen vielleicht noch, aber sie werden nicht mehr ins Bewusstsein gebracht. Ein Feed-Forward-Mechanismus: mehr Ruhe kehrt ein, der Schmerzreiz verschwindet tatsächlich.

▶ 35:45 — Scobel spitzt die philosophische Frage zu: Top-Down (Vorstellung reguliert Sinne) vs. Bottom-Up (Sinneswahrnehmung bricht durch). Es gibt kein Zentrum im Gehirn — wir haben es ständig mit verteilten Prozessen zu tun, ohne genau lokalisieren zu können, an welcher Schraube wir drehen müssen.

Grenzen der Gedankenkraft — gegen Manifestations-Ideologie

▶ 39:34 — Böhme zieht eine scharfe Grenze gegen die positive Psychologie und Manifestations-Industrie. Drei klare Einschränkungen:

  1. Manifestation ist magisches Denken — „Ich sage mir jeden Morgen: ich werde reich. Und dann bin ich plötzlich reich. Das ist natürlich Blödsinn.”
  2. Anatomische Grenzen — Es gibt keine direkte neuronale Verbindung zwischen Präfrontalkortex und Krebszellen. Gedankenkraft braucht anatomische Pfade. Beim Schmerz existiert diese Verbindung; bei Krebs nicht.
  3. Schuldzuweisung an Kranke — Die Idee „du hast deinen Krebs gewollt” ist nicht nur falsch, sondern schädlich. Scobel erinnert an Susan Sontag (Krankheit als Metapher): Noch vor 30 Jahren haben Ärzte Magenkrebs als Folge von „alles in sich reinfressen” erklärt.

„Durch meine reine Gedankenkraft kann ich nicht plötzlich Krebs hervorrufen — und genauso gut kann ich ihn nicht heilen.”

Was möglich ist: indirekte Einflussnahme über Stressreduktion (Atemübungen, Selbstregulation) → Immunsystem. Aber dieser Weg ist lang, indirekt und von vielen anderen Faktoren abhängig.

Emotionale Ansteckung — Die Facebook-Studie und ihre politischen Folgen

▶ 44:53 — Die berühmte Facebook-Studie macht emotionale Ansteckung empirisch greifbar: Otto in Frankfurt schreibt bei Regen einen negativen Post. Melanie in der Sonne Spaniens sieht das — und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie ebenfalls etwas Negatives schreibt. Stimmung ist ansteckend, das wussten wir — aber durch soziale Netzwerke wird diese Ansteckung globalisiert.

„Durch die sozialen Netzwerke kann es zu globalen Stimmungsanpassungsphänomenen kommen. Wir wissen, dass wir alle miteinander über sechs Verbindungen überall hinkommen.”

▶ 47:57 — Scobel macht die politische Dimension auf: Wenn alle dieselben Talkshows konsumieren, entsteht kollektive Stimmungsansteckung — aktuell ein deutsches „Pessimismusloch”. Er berichtet von der umgekehrten Erfahrung: Zwei Wochen Japan, Abschalten von deutschen Nachrichten, internationale Medien — und plötzlich verändert sich die Stimmung komplett.

▶ 49:29 — Böhme differenziert: Sich zu informieren ist moralische Pflicht. Aber das 24/7-Newsfeed-Regime ist etwas anderes — es hilft niemandem, wenn ich permanent in schlechter Stimmung bin. Die Tagesschau mit ihren roten „Eilmeldung”-Bannern aktiviert das Dopaminsystem und hält uns fest. Das fällt nicht mehr unter demokratische Informationspflicht, sondern unter Aufmerksamkeitsextraktion.

Psychedelika — REBUS, ALBUS und die offenen Fragen

▶ 55:36 — Die REBUS-Hypothese (Relaxed Beliefs Under Psychedelics): Psychedelika lockern die Top-Down-Filter, sodass Modelle leichter aktualisiert werden können. Aber Böhme mahnt zur Vorsicht — wir sind „noch in den Kinderschuhen”:

  • Forschung war in Europa lange verboten (nur ETH Zürich durfte)
  • Wirkungsmechanismen unklar — neben REBUS gibt es ALBUS (Altered Beliefs): eine Phase gesteigerter Überzeugungen während der Erfahrung
  • Set und Setting wahrscheinlich entscheidend, aber kaum systematisch erforscht
  • Die Neuroplastizitäts-These: geringe Dosen LSD fördern nach 24h messbar das Axon- und Dendritenwachstum — ein Zeitfenster erhöhter Lernfähigkeit

„Es gibt auf jeden Fall Menschen, denen das helfen kann und helfen wird. Gleichzeitig ist es wichtig mit zu bedenken, dass wir noch gar nicht viel verstanden haben, welche Mechanismen da vor sich gehen.”

▶ 57:51 — Besonders spannend: Die Spannung innerhalb der psychedelischen Erfahrung selbst. ALBUS beschreibt eine Phase, in der Erwartungen besonders stark werden — man glaubt, die Welt durchschaut zu haben, den Sinn des Lebens gefunden zu haben. Erst danach kommt (möglicherweise) die Phase der Lockerung. Das erklärt, warum Kontext so wichtig ist.

Zwischen Reiz und Reaktion — Freiheit als trainierbare Fähigkeit

▶ 60:09 — Scobel bringt das Viktor-Frankl-Zitat (Zuschreibung unsicher): „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegt unsere Entwicklung und unsere Freiheit.”

Böhme antwortet ohne Zögern: Ja, das hat ganz wesentlich mit Freiheit zu tun — und diese Fähigkeit ist akut bedroht.

„Was wir wirklich brauchen, ist dieser Raum. Den haben wir nicht einfach. Meistens reagieren wir sehr automatisch. Aber wir müssen die Fähigkeit haben, in den Momenten wo es drauf ankommt, diesen Raum bewusst schaffen zu können.”

▶ 62:26 — Der neuroanatomische Grund: Der Präfrontalkortex braucht Zeit, um regulierend einzugreifen. Er ist langsamer als die automatische Reaktion. Smartphones mit ihren Bling-Bling-Notifications trainieren das Gegenteil: immer schneller reagieren, nie pausieren. Was wir trainieren müssen, ist Aufmerksamkeitskontrolle — die Fähigkeit zu entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

▶ 63:56 — Meditation kann das trainieren, aber Böhme warnt vor McMindfulness: Der Achtsamkeitsboom ist teils zur neoliberalen Konsumwelle verkommen — schnelle Häppchen statt langfristiger Transformation. Echte Veränderung braucht Wiederholung über Monate und Jahre.

Gleichzeitig vorsichtiger Optimismus: Böhme beobachtet auf Reisen Menschen die wieder Bücher lesen, stricken, sich lösen.

„Wir Menschen sind viel weniger vorhersagbar, als diese KI- und Techkonzerne es sich wünschen würden. Wir haben so eine rebellische Seite.”

Politische vs. individuelle Verantwortung — kein Entweder-Oder

▶ 68:33 — Scobel zieht die Parallele zum CO₂-Fußabdruck: Man kann nicht alles auf den Einzelnen abwälzen. Es braucht kollektive, politische Prozesse. Böhme stimmt zu: Bildung über Manipulationsmechanismen und Regulierung der Techkonzerne sind nötig.

„Wenn man den Menschen klar macht: dieses Spiel geht es nicht darum, dass du Spaß haben sollst — es geht nur darum, dass du möglichst lange drauf starrst, damit sie möglichst viel Werbung in dich reinfüttern können. Da aktiviert man die rebellische Seite.”

▶ 71:36 — Aber: Der Einzelne kann nicht warten, bis die Politik handelt. Sein Leben ist nicht so lang. Selbstwirksamkeit im Kleinen ist kein neoliberaler Wellness-Quatsch — es ist ein Akt der Würde. Sich zu informieren, zu reflektieren und dann selbst wirksam zu reagieren gibt Selbstachtung zurück. Nicht als Pflicht, sondern als Möglichkeit: „Nee, ich mache da jetzt nicht mit. Ich mache mein eigenes Ding.”


Faktencheck

Bestätigt — Bayesianisches Gehirn

Die Predictive Processing-Theorie (Karl Friston, Andy Clark) ist ein dominantes Paradigma in den Neurowissenschaften. Die Grundidee — das Gehirn minimiert Vorhersagefehler durch probabilistische Modelle — ist breit belegt. Quelle: Clark, A. (2013). Whatever next? Predictive brains, situated agents

Bestätigt — Reappraisal bei chronischen Schmerzen

Die Boulder Back Pain Trial (Ashar et al., 2022) zeigte: 66% der Teilnehmer mit Pain Reprocessing Therapy waren nach Behandlung schmerzfrei oder nahezu schmerzfrei, vs. 20% Placebo. Effekt hielt nach einem Jahr an. Quelle: Ashar et al. (2022), JAMA Psychiatry

Bestätigt — Emotionale Ansteckung auf Facebook

Die Studie von Coviello et al. (2014) analysierte Millionen von Facebook-Posts und fand tatsächlich, dass negative Posts sich wellenförmig durch Freundesnetzwerke verbreiten — unabhängig vom lokalen Wetter der Freunde. Quelle: Coviello et al. (2014), PLOS ONE

Vereinfacht — Verschwörungsdenken als reines Vertrauensproblem

Böhmes Erklärung über Vertrauensverschiebung ist ein valider Teilaspekt, aber Verschwörungsdenken hat multiple Ursachen: Bedürfnis nach Kontrolle, epistemische Verunsicherung, narzisstische Motive, systematisches Misstrauen. Quelle: Douglas et al. (2017), Current Directions in Psychological Science

Vereinfacht — Axon-Wachstum durch LSD

Böhme erwähnt Axon-/Dendritenwachstum nach 24h LSD. Die Studie (Ly et al., 2018) zeigte erhöhte Dendritogenese und Synaptogenese in Zellkulturen und bei Drosophila — aber in vitro/in vivo bei Tieren, nicht direkt am Menschen belegt. Quelle: Ly et al. (2018), Cell Reports


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnte Konzepte und Personen:

  • Karl Friston — Free Energy Principle und Predictive Processing
  • Daniel Kahneman & Amos Tversky — Kognitive Verzerrungen, Biases
  • Susan Sontag — Krankheit als Metapher (Kritik an Schuldzuweisung an Kranke)
  • Viktor Frankl (Zuschreibung unsicher) — „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum”
  • REBUS-Hypothese — Carhart-Harris & Friston (2019): Relaxed Beliefs Under Psychedelics

Verbindungen

republica26 — Social-Media-Verbot fuer Kinder

Böhmes Predictive-Processing-Rahmen (das Gehirn als Vorhersagemaschine, Aufmerksamkeitsextraktion durch Neuigkeit) gibt dem re:publica 26-Panel über das Social-Media-Verbot sein neurobiologisches Fundament: Paschkes Argument, dass Kinder besonders vulnerable Nutzer sind, beruht auf demselben Mechanismus — der unreife Präfrontalkortex kann die Vorhersagefehler nicht kompensieren, die Push-Notifications und Algorithmen gezielt erzeugen.

Albert Moukheiber — Mein Hirn und ich

Direkte thematische Überschneidung: Moukheiber beschreibt dasselbe Grundprinzip — das Gehirn rekonstruiert Wirklichkeit statt sie abzubilden, kognitive Verzerrungen als evolutionäre Anpassungen. Böhme ergänzt die neurowissenschaftliche Mechanik (bayesianische Vorhersage, Präfrontalkortex) und die Interventionsmöglichkeiten (Reappraisal, Meditation).

Markus Gabriel — Was ist Realitaet

Gabriel vertritt philosophischen Sinnesrealismus — wir haben Zugang zur Wirklichkeit. Böhme stützt das neurowissenschaftlich: Evolution hat unsere Sinne auf reale Interaktion mit der Umwelt optimiert. Beide distanzieren sich vom radikalen Konstruktivismus, Gabriel philosophisch, Böhme empirisch.

Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes

Ricard verkörpert die kontemplative Seite dessen, was Böhme neurowissenschaftlich beschreibt: Mentales Training verändert messbar neuronale Strukturen. Böhmes Warnung vor McMindfulness trifft sich mit Ricards Betonung, dass echte Transformation langfristiges Üben erfordert — nicht Quick-Fix-Apps.

Liya Yu — Neuropolitik und die Grenzen der Moral

Beide arbeiten an der Schnittstelle Neurowissenschaft/Politik. Yu zeigt, warum Moraldiskurs in polarisierten Gesellschaften scheitert; Böhme erklärt den Mechanismus dahinter — festgefahrene Vorhersagemodelle und Vertrauensverschiebung hin zu In-Groups.

Claus-Christian Carbon — Wahrnehmung und Wirklichkeit

Direkte Gegenposition: Carbon vertritt einen stärkeren Konstruktivismus — „Die Welt, die du wahrnimmst, existiert nicht da draußen.” Böhme distanziert sich genau davon und betont die evolutionäre Anpassung unserer Sinne an die Realität. Die Spannung ist produktiv: Carbon zeigt, wie viel konstruiert wird; Böhme zeigt, dass diese Konstruktion dennoch auf realer Interaktion basiert.

Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel)

Böhmes Forderung nach Regulierung der Techkonzerne trifft auf Nosthoffs Analyse der kybernetischen Herrschaftsideologie. Beide sehen das Problem nicht nur im individuellen Verhalten, sondern in den Geschäftsmodellen, die Aufmerksamkeitsextraktion maximieren.

Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht

Böhmes predictive coding erklärt neurobiologisch, warum Bourdieus Habitus so hartnäckig ist: Früheste Vorhersagen werden zu neuronaler Architektur. Die Gefangenen sind nicht nur soziologisch gefangen (Bourdieu) — ihr Gehirn prognostiziert Verletzlichkeit als Gefahr und bestätigt die Prognose immer wieder selbst.

Architekten des Lebendigen — Systeme die dem Leben dienen

Reappraisal als Schlüssel zum Verlassen der Schockstarre: Die Architekten können erst bauen, wenn sie den Raum zwischen Reiz und Reaktion geöffnet haben. Böhme liefert das neurowissenschaftliche Werkzeug für die vierte Reaktion — Begegnen statt Erstarren, Fliehen oder Bauen.

Das unsichtbare Netzwerk — Gravitation statt Revolution

Das Netzwerk-Essay als Praxisform von Böhmes Theorie: Jede aufrichtige Begegnung aktualisiert die Vorhersage des Gegenübers positiv (Prediction Error). Das ist Reappraisal im Sozialen — nicht am Kissen trainiert, sondern in der Begegnung. Die Myzel-Metapher als Bild für das, was neurowissenschaftlich messbar ist.

Barbara Tversky — Denken beginnt nicht im Kopf

Böhmes Milkshake-Studie und Tverskys Embodied Cognition treffen sich im selben Befund: Der Körper ist nicht passiver Empfänger, sondern aktiver Mitgestalter von Wahrnehmung und Kognition. Böhme zeigt, wie mentale Modelle den Körper physisch verändern (Ghrelin-Ausschüttung). Tversky zeigt, wie der Körper das Denken erst ermöglicht (Gesten, Deprivations-Experiment). Zwei-Wege-Kanal, beide Richtungen empirisch belegt.

Wolfram Schultz — Dopamin mehr als ein Glueckshormon

Böhmes Predictive Processing (Erwartung formt körperliche Realität) und Schultz’ RPE (Abweichung von Erwartung erzeugt Dopamin) sind zwei Seiten derselben Architektur: Das Gehirn minimiert Vorhersagefehler (Böhme), aber es ist genau dieser Fehler — die Überraschung — der Lernen und Motivation antreibt (Schultz). Böhmes Aufmerksamkeitsextraktion durch rote Eilmeldungen bekommt durch Schultz den biologischen Mechanismus: Neuigkeit als positiver RPE, der das Dopaminsystem aktiviert.

Jürgen Kornmeier — Grenzgebiete der Psychologie

Kornmeier teilt Böhmes Predictive-Processing-Rahmen bis ins Detail — der Torwart, der den Ball nie in Echtzeit verarbeiten könnte, ist ihr bayesianisches Gehirn in einem Bild. Und ihre Grenzziehung teilt er auch: Psychedelika setzen für ihn nur den Plausibilitätscheck außer Kraft, sie öffnen kein Fenster zur wahren Welt. Die Spannung liegt woanders: Böhmes Realitätsanker ist die aktive Interaktion — hingehen, anfassen, überprüfen. Kornmeiers Institut erforscht Phänomene, die sich genau dieser Prüfung entziehen, und er hält das aus, ohne die Prüfung aufzugeben.