GedankenraumSascha Chaimowicz — DenkerVita
Wo endet Kritik, wo beginnt Judenhass? Sascha Chaimowicz, Chefredakteur des ZEITmagazins, zieht die Linie beim Aufruf zur Gewalt und erzählt vom jüdischen Alltag in Kreuzberg.
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Romare Bearden — Collage aus gerissenem Papier, Zeitschriftenfetzen und bemalten Flächen; Bearden setzte schwarzes Leben aus Erinnerungsstücken zusammen. Chaimowicz' Herkunft ist selbst eine Collage: die Familie der Mutter aus Trinidad über London, die Familie des Vaters aus Polen, Kinder von Holocaust-Überlebenden, eine Münchner Jugend, heute Kreuzberg. In der Mitte die Frage, die er 2026 öffentlich gestellt hat: auf welche Schule der Sohn gehen soll. Der rote Faden läuft durch alle Stücke und endet in der Hand des Kindes.
Prompt: Wide horizontal banner 1200x500 in the manner of Romare Bearden's photomontage collages: cut and torn paper, magazine fragments, painted paper shapes, flat overlapping planes, warm ochres, deep blues and greens, faces only as simple cut-paper silhouettes without detail, no photorealism. In the center, a father in a brown sweater holds the hand of a small boy with a school satchel at the open gate of a Berlin schoolyard in Kreuzberg, a tenement facade with balconies behind them. Woven into the collage on the left: fragments of a Caribbean shoreline with palm fronds and a steel drum, an old ocean steamer, a London row house; on the right: a pair of brass candlesticks with two candles, a faded black-and-white Polish village street, a Munich tram ticket, a tennis racket. A thin red thread of string runs through all the fragments and ends in the boy's hand. Tender, layered, questioning. No text, no letters, no signature.
Sascha Chaimowicz ist einer von drei Chefredakteuren des ZEITmagazins. Er stammt aus München, lebt seit rund zehn Jahren in Berlin-Kreuzberg und schreibt über sich selbst: „38, jüdisch und schwarz“ (2023). Seit dem 7. Oktober 2023 ist der jüdische Alltag in Berlin sein wiederkehrendes Thema, zuletzt nach dem Wahlsieg der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September 2026.
Biografie
Sascha Chaimowicz wurde 1984 in München geboren und wuchs im Stadtteil Obermenzing auf. Sein Vater ist Arzt und Kind polnischer Holocaust-Überlebender, seine Mutter Englischlehrerin; sie kam Ende der 1950er-Jahre als junges Mädchen mit ihrer Familie aus Trinidad, damals britische Kolonie, nach London. Die Jahre im München der Neunziger beschreibt er selbst als privilegiert: humanistisches Gymnasium, Tennisplatz, Reggae-Festivals am Chiemsee. Mit Rassismus sei er dort kaum in Berührung gekommen, sagte er 2020 der Jüdischen Allgemeinen. Prägender waren die Sommer, in denen die Familie Freunde in Florida besuchte, und die Reisen nach Israel. Dort, erinnert er sich, wirkten seine Eltern auf ihn freier als in München. Ein Teil seiner Familie lebt in Israel, der Vater ist dem Land eng verbunden.
Nach dem Abitur begann er ein Medizinstudium, bis ein Praktikum bei einer überregionalen Zeitung ihn umlenkte. Er wechselte an die Deutsche Journalistenschule in München und arbeitete während der Ausbildung 2009/10 bei der taz, beim ZEITmagazin und bei Neon. Von 2010 bis 2015 blieb er bei Gruner + Jahr, erst als Redakteur von Neon, ab 2013 als stellvertretender Chefredakteur von Neon und Nido. 2016 ging er zum Zeitverlag und zog nach Berlin. Dort verantwortete er zunächst das ZEITmagazin Mann und baute die Regionalausgaben für Frankfurt und München mit auf.
Im Dezember 2020 übernahm er gemeinsam mit Maria Exner die Chefredaktion des ZEITmagazins. Nach Exners Wechsel zur Stiftung Publix im April 2022 führte er das Heft rund ein Jahr allein, ab April 2023 als Doppelspitze mit Emilia Smechowski. Als die ZEIT im November 2025 ihre Print- und Online-Ressorts zusammenlegte, wurde das fusionierte ZEITmagazin einem Trio anvertraut: Chaimowicz sowie Carmen Böker und Kilian Trotier, den bisherigen Leitern von ZEITmagazin Online.
Neben dem Journalismus arbeitet er an einem autofiktionalen Roman mit dem Titel Entfernte Verwandte, für den er 2020 das Arbeitsstipendium für Schriftsteller des Freistaats Bayern erhielt; erschienen ist er bislang nicht. Für seinen Essay Schwarz Weiß war er 2023 für den Deutschen Reporter:innen-Preis nominiert.
Was er von seiner Familie öffentlich macht, erzählt er selbst: Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Kreuzberg, und die Frage, auf welche Schule sein Sohn gehen soll, hat er 2026 zum Gegenstand eines Textes und mehrerer Gespräche gemacht.
Karriereverlauf
- Herkunft: geb. 1984 in München, aufgewachsen in Obermenzing
- Studium: zunächst Humanmedizin
- Ausbildung: Deutsche Journalistenschule München (Stationen 2009/10: taz, ZEITmagazin, Neon)
- Gruner + Jahr (2010–2015): Redakteur Neon, ab 2013 stellv. Chefredakteur Neon und Nido
- Zeitverlag (seit 2016): verantwortlicher Redakteur ZEITmagazin Mann, Mitentwicklung der Regionalausgaben Frankfurt und München
- Chefredaktion ZEITmagazin: ab 12/2020 mit Maria Exner · 2022/23 allein · ab 04/2023 mit Emilia Smechowski · seit 11/2025 im Trio mit Carmen Böker und Kilian Trotier
- Auszeichnungen: Arbeitsstipendium für Schriftsteller des Freistaats Bayern (2020) · Nominierung Deutscher Reporter:innen-Preis (2023)
Quellen: Wikipedia · WDR Presseclub, 04.10.2026 · Meedia — Smechowski verlässt ZEITmagazin-Chefredaktion (12.11.2025) · MVFP — Smechowski und Chaimowicz als Doppelspitze · Literaturportal Bayern — Arbeitsstipendien 2020 · Reporter:innen-Forum — Nominierungen 2023 · Jüdische Allgemeine, Interview 2020 · RONZHEIMER-Podcast, 09/2026
Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement
Ein Buch hat Chaimowicz bislang nicht veröffentlicht. Sein Werk sind Essays, Kommentare und Gespräche im ZEITmagazin und in der ZEIT, gesammelt auf seiner Autorenseite bei ZEIT Online. Auf Instagram ist er als @sascha.chaimowicz zu finden.
Texte, die ihn zeigen
| Titel | Jahr | Worum es geht |
|---|---|---|
| Liebe Nachbarn, was habt ihr da bitte gewählt? | 2026 | 42 Prozent für die Linke in Kreuzberg, trotz der Antisemitismusvorwürfe. Ein Linken-Kandidat an der Haustür, der verspricht, nach der Wahl „aufzuräumen“; die Schulfrage für den Sohn; das Schwanken zwischen Verbundenheit mit dem Viertel und dem Gedanken an Charlottenburg. |
| Wieder allein | 2024 | Kommentar zum ersten Jahrestag des 7. Oktober: Das Mitgefühl mit den jüdischen Opfern sei verbraucht, seit Israel sich wehrt. |
| Irre traurig | 2024 | Alltag als Jude in Berlin nach dem 7. Oktober. |
| Schwarz Weiß | 2023 | Nach George Floyd kommen die Anfragen: Podien zu Diversität, Kampagnen über Diskriminierung. Viele erwarten von ihm ein progressives Weltbild, weil er schwarz und jüdisch ist, und er fühlt sich als „Renegat“, sobald er anders denkt. Nominiert für den Reporter:innen-Preis. |
| Dieses Schweigen | 2023 | Über die Stille in Deutschland nach dem Hamas-Überfall. |
| Netanjahu hat sich mit dem falschen Volk angelegt | 2023 | Zum Protest gegen die israelische Justizreform. |
| Gershon Baskin: „Ich bekam eine WhatsApp von einem Hamas-Führer“ | 2025 | Gespräch mit dem israelischen Friedensaktivisten und Geisel-Unterhändler. |
| Warum wenden sich schwarze Männer von Kamala Harris ab, Mr. Loury? | 2024 | Gespräch mit dem konservativen schwarzen Ökonomen Glenn Loury vor der US-Wahl. |
| Kommt ein Neonazi ins Luxushotel | 2025 | Über den Umgang mit Neonazis im öffentlichen Raum. |
| Fünf Jahre ohne Alkohol | 2025 | Eine nüchterne Bilanz in eigener Sache. |
| Danke für Ihren Rat! Ich bin ja wirklich nur der Vater | 2025 | Über Ratschläge, die Väter ungefragt bekommen. |
| „Rassismus und Antisemitismus gehen Hand in Hand“ | 2020 | Interview in der Jüdischen Allgemeinen nach dem Tod George Floyds: privilegierte Münchner Jugend, die amerikanische One-Drop-Rule, die Begegnung mit Lenny Kravitz, der eine ähnliche osteuropäisch-jüdische und karibische Herkunft hat, und das Unbehagen gegenüber BDS auf Demonstrationen. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
| Video | Jahr | Format | Thema |
|---|---|---|---|
| Presseclub — Wer regiert die Hauptstadt: Kommt die „Brandmauer“ nach links? | 2026 | ARD-Presseclub (phoenix) | Die Berliner Linke nach dem Wahlsieg, Antisemitismus, Rote Hilfe, Koalitionsfrage (04.10.2026) |
| RONZHEIMER — Was zu viele Deutsche nicht hören wollen | 2026 | Podcast-Gespräch mit Paul Ronzheimer, ca. 55 Min. | Jüdischer Alltag in Kreuzberg, der Rat einer städtischen Beratungsstelle, das Kind nicht in Kreuzberg einzuschulen, wo Israelkritik endet (Audio und Transkript) |
| Futur Wir — Das neue deutsche Selbstverständnis (3/3) | 2022 | 3sat | Chaimowicz befragt Marina Weisband, Mohamed Amjahid, Yasmine M'Barek und Annika Rittmann: Wie radikal wollen wir sein? |
| Freitagnacht Jews — „Identität hängt vom Kontext ab“ | 2021 | WDR Fernsehen | Zu Gast bei Daniel Donskoy: „Chraime“ mit karibischer Würze, die Herkunft aus Trinidad und Polen und das Leid auf beiden Seiten der Familiengeschichte |
Über dieselbe Erfahrung mit der Beratungsstelle sprach er auch im Podcast „based“; die Berliner Zeitung hat darüber berichtet (29.09.2026).
Kernthesen
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Die Grenze liegt beim Aufruf zur Gewalt. Wer „Yalla Intifada“ ruft, den Tod israelischer Soldaten feiert oder erklärt, Palästina sei erst befreit, „wenn Tel Aviv fällt“, betreibt für ihn Volksverhetzung und Kriegstreiberei. Diesseits dieser Linie verlangt er viel Duldsamkeit, auch von Juden: Wer auf einer Kulturbühne eine Kufiya trägt und für Palästina ruft, sei nicht per se antisemitisch, und Künstler wie den Rapper Macklemore auszuladen hält er für falsch. „Wir müssen sehr viel robust zulassen an Kritik an Israel“, sagt er bei Ronzheimer.
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Jüdisches Leben zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, und das gilt inzwischen als normal. Er kenne in Kreuzberg niemanden, der einen sichtbaren Davidstern trägt. Mit seinem Vater, der aus München zu Besuch kommt, verabredete er Codewörter, damit Israel auf der Straße nicht zur Sprache kommt. Erschreckend findet er weniger die einzelne Parole an der Wand als die Gelassenheit, mit der man auf Spielplätzen nickt, wenn er davon erzählt. Dass eine städtische Beratungsstelle der Familie riet, den Sohn lieber nicht an einer öffentlichen Schule in Kreuzberg einzuschulen, wertet er als menschlich ehrlich gemeinten Rat und zugleich als Offenbarungseid.
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Die Mitte hat moderat palästinasolidarischen Menschen kein Angebot gemacht. Viele, die das Leid in Gaza täglich beschäftigt und die zugleich das Existenzrecht Israels achten, fanden nur bei der Linken eine Partei, die ihre Gefühle ansprach. So stehen sie am Wahlabend plötzlich neben Hamas-Sympathisanten. Das rechnet er ausdrücklich auch den Parteien der Mitte zu (Presseclub, Ronzheimer).
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Wagenburg statt Aufarbeitung. Den Reflex der Linken-Spitze, sich bei Gegenwind vor die eigenen Leute zu stellen, hält er für nachvollziehbar und für links typisch. Er erwartet aber, dass die Partei das Problem selbst adressiert, statt die Vorwürfe als Kampagne abzutun, und dass sie den Sorgen jüdischer Berliner mit mehr Gefühl begegnet.
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Hautfarbe ist kein Weltbild. In Schwarz Weiß beschreibt er, wie viele weiße Gesprächspartner von ihm als schwarzem Juden eine bestimmte progressive Haltung erwarten. Er sieht seine Hautfarbe nicht als Kern seiner Identität, kritisiert eine verengte Identitätspolitik und hält zugleich daran fest, dass Rassismus und Antisemitismus zusammengehören, wie die Sprechchöre von Charlottesville 2017 zeigten („Jews will not replace us“).
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Berlin bleibt, im Vergleich, eine freie Stadt für Juden. Auf die Zuschauerfrage im Presseclub, ob junge Juden Deutschland verlassen sollten, antwortet er, Berlin sei international betrachtet, etwa gegenüber London, noch immer eine der freiesten Städte für Juden; seit dem 7. Oktober habe sich das Lebensgefühl aber vollständig verändert, und als Vater komme ihm das sehr nah.
Politische Einordnung
Chaimowicz lässt sich schwer in ein Lager stellen, und er legt es darauf an. Er schreibt aus der Perspektive eines liberalen, urbanen Juden, der Israel biografisch nahesteht, die Regierung Netanjahu aber kritisiert hat (Justizreform 2023). Gegenüber dem linken und propalästinensischen Milieu Kreuzbergs ist er scharf, wo es um Gewaltaufrufe und Judenfeindschaft geht, und zugleich auffallend nachsichtig im Alltag: Mit einer Babysitterin, die Wassermelonen-Anhänger trug, arbeitete die Familie lange weiter, weil er „keine Gesinnungspolizei“ sein will, bis es ihnen „zu krass“ wurde. Cancel-Forderungen lehnt er in beide Richtungen ab. Seine Kritik an der Identitätspolitik (Schwarz Weiß) und seine Gespräche mit Stimmen wie Glenn Loury verorten ihn eher bei den Liberalen als bei der progressiven Linken; Positionen der politischen Rechten vertritt er in den gesichteten Texten nicht.
Im Presseclub vom 04.10.2026 stellte ihn der Moderator ausdrücklich als jemanden vor, der selbst Jude ist und das offen sagt. Seine Rolle in der Runde war die des Betroffenen, der zugleich die Gegenseite verstehen will.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Michel Friedman — DenkerVita: Zwei jüdische Stimmen, die Antisemitismus über alle Lager hinweg sehen und die AfD für die größere Gefahr halten. Friedmans Maß, eine Demokratie am Schutz ihrer Minderheiten zu messen, steckt in Chaimowicz' Bitte, sich in jüdische Berliner zu versetzen, die auf jeden Vorfall „da hinten ist es auch schlimm“ hören.
- Düzen Tekkal — DenkerVita: Tekkal trennt Islamismus scharf von Muslimen, Chaimowicz trennt den Gewaltaufruf scharf von Palästina-Solidarität. Beide ziehen die Grenze beim Entmenschlichen und verlangen diesseits davon Duldsamkeit.
- Eva von Redecker — DenkerVita: Redecker hält links und rechts begrifflich auseinander, damit scharfe Kritik an der Linken überhaupt möglich bleibt. Chaimowicz macht es vor: keine Parallele der Brandmauern, wohl aber eine der Rechtfertigung („ein paar Verrückte in Kauf nehmen“).
- Elif Eralp — DenkerVita: Eralps eigener Maßstab, der „Empfängerhorizont“ (was eine Parole jüdischen Menschen antut), ist derselbe, den Chaimowicz anlegt. Darum zählt für ihn weniger ihr Austritt aus der Roten Hilfe als die Frage, ob sie diesen Maßstab in ihrer Partei durchsetzen kann.
Gedankenwelten-Notes
Im Bestand
sechs gedachte Verweise · zwei geteilte Quellen, die noch niemand verlinkt hat