Gedankenraum
DenkerVita·27. September 2026

Elif Eralp — DenkerVita

Mit 25,7 Prozent machte Elif Eralp die Linke 2026 zur stärksten Kraft in Berlin. Die Juristin, Tochter politischer Flüchtlinge, knüpft jedes Regieren an die Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne.

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Fikret Mualla: eine Hochhaussiedlung der Achtziger mit grauen Betonblöcken und grünem Rasen in der Mitte. Ein Mädchen in rotem Pullover mit gelben Kopfhörern steht auf einem Sperrmüllcontainer und hält stolz ein zotteliges Fundstück hoch, während zwei andere Kinder in den Container klettern. Vom Balkon schauen die Eltern zu, und am Horizont zieht ein kleines Flugzeug vorbei. Mualla, weil er selbst ein türkischer Maler im Exil war, der das Leben der kleinen Leute in schnellen, leuchtenden Gouachen festhielt. Eralp erinnert sich an die Dortmunder Siedlung als schöne Zeit: Von außen sah sie aus wie eine „Migrantensiedlung“, von innen war es ein Kinderreich mit einer ALF-Puppe aus dem Sperrmüll. Die Note trägt Zille, die Vita Mualla.

Prompt: Wide 1200x500 panoramic banner painted in the manner of Fikret Mualla, the Turkish expressionist painter who lived in Paris exile — vivid gouache on paper, loose nervous brush lines and quick contours, bright saturated flat colors (cobalt blue, lemon yellow, vermilion, emerald green, pink) with visible brushwork, expressive and slightly naive, figures sketched with a few strokes. A 1980s housing estate: tall grey concrete apartment blocks on both sides, a green lawn with bushes in the middle. A little dark-haired girl of about six with olive skin, in a red sweater and big yellow headphones of a portable cassette player, stands on the edge of a huge open bulky-waste container and proudly holds up a found shaggy brown toy creature, while two other children climb into the container beside her. On a balcony above, a dark-haired Turkish mother and a mustached father watch and smile. On the far horizon beyond the blocks a small airplane crosses a pale evening sky. Mood: a childhood that feels rich although the family is poor; arrival. The four corners of the image are plain lawn and sky. No signature, no artist monogram, no initials, no scribbles, no text, no letters, no brand names, no flags, no symbols, painterly, not photorealistic, not cartoon.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Elif Eralp (*14. Januar 1981 in München) ist Juristin und Politikerin der Linken, seit 2021 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und Spitzenkandidatin ihrer Partei für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Mit ihr wurde Die Linke bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 mit 25,7 Prozent stärkste Kraft in Berlin.

Sie ist das Kind politischer Flüchtlinge: Ihre Eltern, Sozialisten und Gewerkschafter, flohen nach dem Militärputsch vom September 1980 aus der Türkei, die Mutter im achten Monat schwanger. Am Münchner Flughafen beantragten sie Asyl, zweieinhalb Jahre dauerte das Verfahren. Eralp wuchs in München, Dortmund und Hamburg-Altona auf, studierte Jura in Hamburg, um Menschenrechtsanwältin zu werden, und kam 2010 als Referentin für Rechtspolitik der Linken-Bundestagsfraktion nach Berlin. Parteimitglied wurde sie erst 2017, als die AfD in den Bundestag einzog. Im Abgeordnetenhaus war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende, seit Mai 2025 ist sie zudem stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner Linken.


Biografie

Die Geschichte beginnt vor ihrer Geburt, in einem Zug durch Bulgarien. Nach dem Putsch vom 12. September 1980 wurde die sozialistische Partei der Eltern verboten, gegen den Vater lief ein Verfahren, beide tauchten unter. Sie verließen das Land mit einem falschen Pass, den bulgarische Grenzer auf der Fahrt durchlöcherten, reisten weiter durch Jugoslawien und entschieden sich in Zagreb um: nicht England, wo Türken damals visafrei einreisen konnten, sondern Deutschland, wo Freunde im Ruhrgebiet warteten. Das Flugzeug nach Düsseldorf machte eine Zwischenlandung in München. Die Polizei kam direkt auf das Paar zu, und die Eltern vermuten bis heute, dass die jugoslawischen Behörden einen Hinweis gegeben hatten. Sie beantragten noch am Flughafen Asyl. Ein Unterstützer von Amnesty International holte sie ab, damit sie die erste Nacht nicht im Heim verbringen mussten; Amnesty „adoptierte" die Familie und machte eine Kampagne für sie. Wenige Wochen später, im Januar 1981, kam Elif in München zur Welt.

Das Asylverfahren zog sich über zwei Jahre, bis die Akte zu einem anderen Richter wanderte. Danach zog die Familie nach Dortmund. Der Vater, in der Türkei Arzt, bekam eine Stelle im Krankenhaus nur, weil ein türkischer Kollege darauf bestand, man brauche „Herrn Eralp" für die vielen türkischen Patienten; das sogenannte Inländerprivileg hätte ihn sonst hinter jeden deutschen Bewerber gestellt. Er wurde Anästhesist. Der Abschluss der Mutter als Berufsschullehrerin für Krankenpflege wurde erst fünfzehn Jahre später anerkannt; bis dahin putzte sie, betreute Familien von Gastarbeitern im Auftrag des Jugendamts, sang zweisprachig in Kitas und holte an der Abenduni ein Studium der Sozialpädagogik nach. Die Mutter, Hülya Eralp, wurde später als Feministin und Publizistin bekannt. Zwölf Jahre lang konnten die Eltern nicht in die Türkei zurück, erst ein Amnestiegesetz öffnete den Weg. Die Tochter schickten sie jeden Sommer allein zu den Großeltern, das erste Mal mit sieben Jahren, mit Walkman und Benjamin-Blümchen-Kassetten und sieben Stunden Verspätung.

Ab dem achten Lebensjahr lebte sie in Hamburg-Altona, und dort, sagt sie, sei sie eigentlich aufgewachsen. Das Elternhaus war links, ohne sie zu belehren: Am Wochenende saßen Menschen in der Wohnung, die um ihre Rechte als Arbeiter kämpften oder als Geflüchtete keine Anerkennung bekamen, jemand spielte Saz, es wurden Gedichte vorgetragen und Konferenzen besucht, auf denen sie manchmal Geburtstag feierte. Das Kommunistische Manifest fand sie selbst im Bücherregal, las es aber erst Jahre später, weil die Schrift so klein war. Mit zehn gründete sie in der Garage der Mietwohnung einen „Umwelt-Club" mit selbstgemalten Plakaten. Später saß sie bei Castor-Blockaden im Wendland auf den Schienen und erlebte dort, wie eine Pferdestaffel auf die Sitzenden zuritt.

Im Leistungskurs Kunst malte sie in Öl und Kohle, der Vater hätte ein Kunststudium gern gesehen. Sie entschied sich für Jura, weil man Menschenrechtsanwältin nicht nebenbei werden könne. Von 2001 bis 2007 studierte sie an der Universität Hamburg mit Schwerpunkt Kriminologie und einem Auslandssemester in Alicante; beide Staatsexamen legte sie mit Prädikat ab. Im Referendariat arbeitete sie unter anderem beim UN-Flüchtlingshilfswerk in Berlin, an der Deutschen Botschaft in Ottawa und in einer Kanzlei für Aufenthalts- und Asylrecht. Ein Prüfer riet ihr dringend zum Richteramt; sie wollte nicht in den Staatsdienst.

2010 zog sie nach Berlin und wurde Referentin für Rechtspolitik der Linken-Bundestagsfraktion im Arbeitskreis „BürgerInnenrechte und Demokratie", dort auch Betriebsrätin und Mitglied der ver.di-Tarifkommission. Ihre politische Heimat blieb zunächst außerparlamentarisch: eine Selbstorganisation türkischer und kurdischer Migrantinnen und Migranten, die gegen eine Lesung Thilo Sarrazins mobilisierte, und der Kreuzberger Verein Allmende e.V., der gegen Verdrängung kämpfte und am Ende selbst vom Kottbusser Damm weichen musste, weil ein zahlungskräftigerer Gewerbemieter kam. Der Partei spendete sie monatlich, Mitglied wurde sie nicht, um unabhängig zu bleiben.

Das änderte sich 2017. Die AfD zog in den Bundestag ein, und in der Linken wuchs der Einfluss Sahra Wagenknechts, die von einem „Gastrecht" für Geflüchtete sprach. Eralp trat ein, um die Strömung zu stärken, die Migration und soziale Frage zusammendenkt. 2018 wurde sie in den Berliner Landesvorstand gewählt, 2019 gründete sie mit Ferat Koçak, Hamze Bytyci und Belma Bekos den Zusammenschluss Links*Kanax, der Mitglieder mit Rassismuserfahrung in der Partei stärken sollte und eine Antidiskriminierungsstelle sowie einen Diversitätsausschuss durchsetzte. Den Anschlag von Hanau 2020 nannte sie als Grund, selbst zu kandidieren.

2021 trat sie als Direktkandidatin in Kreuzberg an und führte etwa die Hälfte ihrer Haustürgespräche auf Türkisch. Den Wahlkreis verlor sie gegen die Grünen, über Listenplatz 7 zog sie ins Abgeordnetenhaus ein und hielt den Sitz bei der Wiederholungswahl 2023. In der Fraktion wurde sie stellvertretende Vorsitzende, im Mai 2025 stellvertretende Landesvorsitzende. Im Oktober 2025 nominierte der Landesvorstand sie als Spitzenkandidatin. Die Partei, die sie verkörpern sollte, hatte sich unter Jan van Aken und Ines Schwerdtner erneuert: doppelt so viele Mitglieder, jünger, weiblicher, migrantischer. Eralp selbst sagt, genau dafür sei sie ausgewählt worden, und räumt ein, dass ihr Regierungserfahrung fehlt.

Den Wahlkampf 2026 führte die Berliner Linke als Personenkampagne mit einem großen Haustürwahlkampf. Im Frühjahr ließ sich Eralp von Morris Katz coachen, der an der Kampagne Zohran Mamdanis in New York mitgearbeitet hatte. Mieten standen im Zentrum, dazu eine harte Bedingung: Regiert die Linke, wird der Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen" von 2021 umgesetzt. Am 20. September 2026 wurde Die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Partei vor CDU (18,8), AfD (16,3), Grünen (14,3) und SPD (12,1). Bei den 18- bis 34-Jährigen kam sie laut Infratest dimap auf über 40 Prozent. Es war das erste Mal seit 1990, dass in Berlin weder SPD noch CDU vorn lagen.

Unmittelbar nach dem Sieg brach eine Antisemitismus-Debatte über die Partei herein (→ Politische Einordnung). Am 25. September 2026 beschloss ein Landesparteitag, SPD und Grüne zu Sondierungsgesprächen einzuladen, die in der Woche darauf beginnen sollten; beide Parteien verlangen vorab eine klare Positionierung gegen Antisemitismus. Die Berliner Zeitung führte Eralp am 26. September als Fraktionsvorsitzende der Linken im Abgeordnetenhaus. Stand 27. September 2026 ist sie Kandidatin für das Rote Rathaus, eine Koalition gibt es noch nicht.

Eralp ist verheiratet und hat zwei Kinder, die öffentliche Schulen besuchen; sie wohnt zur Miete. Sie besitzt die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit und spricht Deutsch, Türkisch, Englisch und Spanisch. Ihr Vater lebt heute überwiegend in der Türkei, ihre Mutter in Hamburg.


Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

Websiteelif-eralp.de: Vita, Wahlkreis, Offenlegung der Einkünfte (keine Nebeneinkünfte)
Kampagne 2026elif-fuer-berlin.de: Mitmach-Seite der Bürgermeisterinnen-Kampagne
AbgeordnetenhausProfil beim Abgeordnetenhaus Berlin
Abstimmungen & Fragenabgeordnetenwatch.de
FacebookElifEralpBerlin: auch türkischsprachige Videos
NetzwerkLinks*Kanax (Mitgründerin 2019): Zusammenschluss von Linken-Mitgliedern mit Migrations- und Rassismuserfahrung
ZivilgesellschaftAllmende e.V. (Kreuzberg); Initiativen für das Gedenken an die Opfer von Halle und Hanau; Unterstützung von „Deutsche Wohnen & Co enteignen"

Texte und Gespräche


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Wohnraum gehört dem Markt teilweise entzogen. Die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne nach Artikel 15 Grundgesetz ist für Eralp Bedingung jeder Regierungsbeteiligung: ein Gesetz im ersten Regierungsjahr, gestützt auf den Volksentscheid von 2021, in dem fast 60 Prozent zustimmten. Sie nennt das einen „Einstieg in einen Transformationsprozess" und bestreitet nicht, dass man danach noch lange nicht im Sozialismus lebt. Aus dem gescheiterten Mietendeckel, den das Bundesverfassungsgericht 2021 kippte, zieht sie die Lehre, immer einen Plan B bereitzuhalten.

  2. Kein Problem ist zu klein. Ihr Amtsverständnis hat sie bei Zohran Mamdani abgeschaut: Politik muss im Alltag sichtbar werden, beim Schlagloch, beim Müll, beim Bus, der nicht kommt. Wer das Vertrauen in die Demokratie zurückgewinnen will, muss sich um Kleinigkeiten kümmern. Führung versteht sie als Vermittlung; in einer Koalition sollen sich alle Partner Erfolge gönnen.

  3. Antirassismus ist Sozialpolitik. Dass Migration und soziale Frage gegeneinander ausgespielt werden, war der Grund ihres Parteieintritts. Wer von Menschen mit Migrationsgeschichte als „Gästen" oder „Verschiebemasse" spricht, redet über sie statt mit ihnen, und übersieht, dass die meisten von ihnen zur arbeitenden Klasse gehören.

  4. Der Rechtsstaat muss sich selbst kontrollieren. Eine Polizei mit Gewaltmonopol braucht kritische Aufsicht, keine pauschale politische Rückendeckung. Sie verteidigt das Landesantidiskriminierungsgesetz, das Beschwerden gegen Behörden ermöglicht, und fordert mehr Deeskalation bei Demonstrationen, unter Berufung auf eine von der Innenverwaltung selbst beauftragte Evaluation.

  5. Das Völkerrecht gilt für alle. Russland werde zu Recht kritisiert, Israels Regierung und die USA würden dagegen geschont. Zugleich argumentiert sie als Juristin mit dem „Empfängerhorizont": Eine Parole wie „Yalla Intifada" mag von manchen als Aufruf zum Widerstand gegen Besatzung gemeint sein, wenn jüdische Berlinerinnen und Berliner sie als Bedrohung hören, gehört sie trotzdem nicht auf eine Veranstaltung der Linken.


Politische Einordnung

Eralp steht für die Linke, die nach der Abspaltung des BSW entstanden ist: migrantisch geprägt, bewegungsnah, auf Mieten und Alltag konzentriert, in der Migrationspolitik offen gegen den Kurs, den Wagenknecht vertrat. Ihren Aufstieg verdankt sie keiner langen Apparatskarriere. Sie war acht Jahre Parteimitglied, als sie Spitzenkandidatin wurde, und kommt aus dem Referentenbüro, der Stadtteilarbeit und dem Parlament, nicht aus einer Senatsverwaltung. Unterstützer sehen darin ihre Stärke, weil sie das Leben vieler Berliner aus eigener Anschauung kennt. Kritiker sehen darin ein Risiko für eine Stadt mit Milliardendefizit im Haushalt, und sie selbst weicht der Frage nach fehlender Regierungserfahrung nicht aus.

Wohnungspolitik. Die Vergesellschaftung ist juristisches Neuland: Artikel 15 wurde noch nie angewendet, die Höhe der Entschädigung ist offen, eine Klage absehbar. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach warf der Linken im Wahlkampf vor, mit dieser roten Linie gar nicht regieren zu wollen. Die Grünen erklärten sich an den Volksentscheid gebunden. Auf Eralps Seite steht das Ergebnis des Volksentscheids und ein Rahmengesetz, das CDU und SPD selbst verabredet, aber nicht umgesetzt hatten.

Antisemitismus-Debatte. Hier liegt die schwerste Kritik an ihr und ihrem Landesverband, und sie reicht über die Person hinaus.

Offen bleibt, ob die Grenze, die Eralp zieht, im eigenen Landesverband trägt. Ihre Distanzierungen sind belegt, ebenso die Vorfälle im Umfeld der Partei. Ob Neukölln ein Randphänomen ist oder ein Muster, darüber verhandeln jetzt SPD und Grüne mit ihr in den Sondierungen. Stand 27. September 2026 gibt es dazu kein Ergebnis.


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Gedankenwelten-Notes

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