Gedankenraum
DenkerVita·8. Oktober 2026

Şeyda Kurt — DenkerVita

Zärtlichkeit und Hass als politische Gefühle: Şeyda Kurt aus Köln-Kalk denkt die Liebe gegen den Kapitalismus und verteidigt die Unversöhnlichkeit, wo Gerechtigkeit fehlt.

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Frans Masereel — Holzschnittromane, die die Stadt von unten erzählen, aus Mietskasernen und Fabrikschloten. Über einer Kalker Straße in der Dämmerung erheben sich zwei Gesten: eine offene Hand und eine Faust, Versöhnlichkeit und Unversöhnlichkeit, Zärtlichkeit und Hass als Gefühle desselben Viertels.

Prompt: A woodcut in the manner of Frans Masereel's novels in woodcuts such as Die Stadt, bold black ink cut from the block with visible gouge marks and white chisel lines, printed on warm off-white paper, with a single second colour of warm brick red, 1200x500 wide banner. A working-class street of an industrial district at dusk: brick tenements with narrow balconies, laundry on a line, a small corner kiosk with a lit window, a tall factory chimney and an old factory hall, the sky cut in rhythmic parallel lines. Rising monumental from the lower edge, two gestures made only of hands and forearms, both clean and evenly carved with smooth white skin areas and no stains or blotches: on the left an open palm turned upward, offered gently, on the right a single raised clenched fist, firm and defiant. The red is used only for the geraniums on one balcony and the glow of the kiosk window. Hands stylized and carved, no faces, no bodies, no figures, no text, no letters, no words, no signs, no signature, no initials, no monogram, no edition number, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Şeyda Kurt (*1992 in Köln), Journalistin, Autorin und Aktivistin. Aufgewachsen im rechtsrheinischen Köln-Kalk in einer Familie kurdischer und türkischer Herkunft, studierte Philosophie und Romanistik in Köln und Bordeaux, Kulturjournalismus an der UdK Berlin. Lebt in Kalk und in Berlin. Bestsellerautorin, Theaterautorin, Moderatorin, seit Juli 2026 Ratgeberkolumnistin bei Jacobin.

Wichtigste Werke: Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist (2021), Hass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls (2023), Zeit der Monster (Roman, 2026) Kernkonzepte: Radikale Zärtlichkeit, Hass als Geste der Unversöhnlichkeit, künstliche und reale Verknappung, solidarischer Alltag, Sicherheit von unten


Biografie

Kalk (1992–2011): Kurts Großeltern kamen in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Köln, in das Arbeiterviertel Kalk auf der rechten Rheinseite. Dort wächst sie auf, macht Abitur am Herder-Gymnasium in Köln-Mülheim und bleibt dem Viertel verbunden. Kalk ist für sie mehr als Herkunft: Im Zweiten Weltkrieg wurde es bombardiert, weil dort Rüstungsindustrie stand, erzählt sie in Lüneburg, und heute werde in Mülheim, nebenan, wieder eine Panzerzentrale gebaut.

Studium und Redaktionen (2011–2020): Von 2011 bis 2017 studiert sie Philosophie und Romanistik an der Universität zu Köln und an der Université Bordeaux Montaigne, schreibt frei für taz und Kölner Stadt-Anzeiger, arbeitet für Filmfestivals wie die Kurzfilmtage Oberhausen. 2017 bis 2020 folgt der Master Kulturjournalismus an der UdK Berlin, unter anderem bei Dirk Pilz und Bascha Mika, als Stipendiatin der Fazit-Stiftung. 2018/19 ist sie Redakteurin bei ze.tt, bis 2021 schreibt sie die Kolumne ❤️topia für nachtkritik.de. Als Redakteurin des Spotify-Podcasts 190220 – Ein Jahr nach Hanau über den rassistischen Anschlag erhält sie mit dem Team 2021 den Grimme Online Award.

Zwei Bestseller (2021–2023): Radikale Zärtlichkeit (HarperCollins 2021) steigt auf Platz vier der Spiegel-Bestsellerliste ein und hält sich über zwanzig Wochen. Kurt untersucht darin bürgerliche Liebesnormen aus queerfeministischer, dekolonialer, antirassistischer und antikapitalistischer Sicht und erzählt von eigenen gescheiterten Beziehungen. Das Gegenstück folgt 2023: Hass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls, ebenfalls ein Bestseller, 2025 bei Verso auf Englisch. Die Süddeutsche nennt sie danach „eine der interessantesten jungen Autorinnen in diesem Land“.

Theater, Bühne, Bewegung (seit 2023): Sie schreibt Texte für Eine Volksfeindin am Nationaltheater Mannheim und für Brechts Trommeln in der Nacht am Schauspielhaus Bochum (2025), wo sie seit Januar 2025 eine eigene Talkreihe moderiert, unter anderem mit Eva von Redecker. 2023 fliegt sie auf Einladung von medico international mit dem Aufklärungsflugzeug von Sea-Watch über das Mittelmeer, im November 2025 reist sie mit einer Delegation der Progressiven Internationale ins Westjordanland. Sie gibt den Sammelband Spiel*Kritik über Videospiele im Kapitalismus mit heraus und schreibt in Wolfgang M. Schmitts und Ann-Kristin Tlustys Selbst Schuld! über Instagram.

Zeit der Monster (2026): Im Juli 2026 erscheint bei Hanser ihr Debütroman Zeit der Monster, zwischen Gesellschaftsroman, Tragikomödie und politischem Thriller, mit Figuren, deren Geschlecht und manchmal deren Menschsein offen bleibt. Ein weiteres Sachbuch wollte sie nicht schreiben, um der „Verengung der Meinungskorridore“ zu entgehen. Denis Scheck nennt den Roman ein „fulminantes Debüt“. Im August 2026 eröffnet sie mit Maja Göpel und Barbara Bleisch die Utopie-Konferenz „Großzügigkeit, eine Utopie?“ der Leuphana Universität Lüneburg und streitet dort später mit Mithu Sanyal gegen die Militarisierung.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Zeit der Monster2026Debütroman: ein üppig, bewusst verschwenderisch erzähltes Pop-Epos über Gemeinschaft und Solidarität in einer „Zeit der pathologischen Zukunftsunfähigkeit“. Hanser.
Spiel*Kritik. Kritische Perspektiven auf Videospiele im Kapitalismus2024Mit Holger Pötzsch und Thomas Spies herausgegeben. transcript, Open Access.
Hass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls2023Wer darf hassen, und wer nicht? Hass als politisches Gefühl in einer kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Welt, und sein widerständiges Potenzial. HarperCollins.
Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist2021Liebe als Feld der Gerechtigkeit: gegen bürgerliche Liebesnormen, für eine Zärtlichkeit, die Machtverhältnisse mitdenkt. HarperCollins.

Beiträge (Auswahl): „Instagram“ in Selbst Schuld! (Hg. Wolfgang M. Schmitt, Ann-Kristin Tlusty, Hanser 2024) · „Protest“ in Frei sein (Kein & Aber 2024) · „Kultur ist kein Luxus“ in GENUG! (Brumaire 2023) · Texte in Soll und Habitus (Sukultur 2021)

(Buchlinks führen auf die genialokal-Suche, lokaler Buchhandel statt Amazon.)


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Liebe ist politisch. Wen wir lieben dürfen, wie und mit welchen Folgen, ist durch Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus geformt. Radikale Zärtlichkeit ist ihr Gegenprogramm: eine Zuwendung, die Machtverhältnisse benennt, statt sie im Privaten zu verstecken.
  2. Hass kann widerständig sein. Hass interessiert Kurt als Geste der Unversöhnlichkeit, Zärtlichkeit als Geste der Versöhnlichkeit. Beides gehört nach ihr zum Repertoire emanzipatorischer Bewegungen; feministische und antikoloniale Kämpfe hätten je nach Lage mit beiden Gefühlen gehandelt. Entscheidend ist die Frage, wer überhaupt hassen darf.
  3. Woher kommt die Knappheit? Großzügig heißt, wer auf seinen Anteil verzichtet. Kurt fragt zuerst, ob die Knappheit künstlich ist, wie in einer Wirtschaft, die Güter verwaltet und eingrenzt, um Konkurrenz und Preise zu erzeugen, oder real, durch den Raubbau an der Natur. Die eigentliche Utopie wäre eine Welt, in der Großzügigkeit nicht mehr die größte Sehnsucht sein muss.
  4. Fürsorge darf keine Gnade sein. Die Sehnsucht nach Großzügigkeit ist für sie eine Sehnsucht nach solidarischem Alltag. Mit Eva von Redecker will sie ein „kaltes Geben und Nehmen“ möglich machen, bei dem sich niemand für Pflege oder Sorge erst qualifizieren und auf die Großzügigkeit anderer zählen muss.
  5. Nachsicht braucht ein gesichertes Leben. Nachsichtig sein kann nur, wer die gemeinsame Zukunft mit dem anderen für lebbar hält. Ob Versöhnlichkeit oder Unversöhnlichkeit der Gerechtigkeit mehr hilft, entscheidet der Kontext.
  6. Militarisierung nach außen heißt Militarisierung nach innen. Aufrüstung, Befugnisse für Geheimdienste, Sozialabbau und soldatische Männlichkeitsbilder hängen für sie zusammen. Vor jedem „Wir müssen uns verteidigen“ fragt sie, wer dieses Wir ist. Als „migrantische linke Feministin“ sei sie darin selten mitgedacht.
  7. Sicherheit von unten. In ihrer Stadtteilarbeit in Kalk fragen Nachbarinnen einander, was sie sicher macht. Selten heißt die Antwort Polizei oder Kamera, meistens bezahlbare Miete, Gesundheitsversorgung, Hilfe in seelischer Not und Beziehungen. Was Menschen mit eigenen Händen aufgebaut haben, ein Raum, ein Beet, ein Projekt, geben sie schwerer der Zerstörung preis.
  8. Gegen die Askese im Schreiben. „Kein Wort zu viel“, das höchste Lob der deutschen Literaturkritik, hält sie für ein bürgerliches Distinktionsbedürfnis gegenüber denen, die angeblich nicht auf den Punkt kommen. Ihr Roman antwortet mit üppigem, absichtlich verschwenderischem Erzählen.

Politische Einordnung

Kurt versteht ihre Arbeit als antikapitalistisch, feministisch, ökologisch und dekolonial und benennt die Kontexte, in denen sie schreibt, ausdrücklich. Sie unterschrieb den offenen Brief gegen das Sondervermögen für die Bundeswehr und sprach sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus, weil sie darin eine Aufrüstung Deutschlands, Europas, der Grenzregime und der NATO sieht. Den Krieg Russlands bettet sie in eine Welt der Staatenkonkurrenz und der schwindenden westlichen Hegemonie ein. Sie schreibt für Jacobin, engagiert sich mit medico international und der Progressiven Internationale und arbeitet als Stadtteilaktivistin.

Kritik: In der FAZ nahm Helena Schäfer Hass nicht als Sachbuch ernst: Kurt entwerfe eine gesellschaftliche Utopie, die ohne den westlichen Rechtsstaat auskomme, und die Idee, Hass als freie Entscheidung zu betrachten, überzeuge nicht. Auch die wohlwollende Süddeutsche teilte einige ihrer linken Positionen nicht. In Lüneburg hielten ihr die Gastgeber Aladin El-Mafaalani und Maja Göpel gegen die Verbindung von Kriegstüchtigkeit und patriarchalem Backlash Finnland und die nordischen Länder entgegen, wo Wehrpflicht und Krisenvorsorge selbstverständlich sind, ohne dass die Männlichkeitsbilder verrohen. Und ihr Einwand gegen die Ukraine-Hilfe lässt offen, wie sich ein angegriffenes Land ohne Waffen behaupten soll.


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Mithu Sanyal

Ihre Partnerin auf dem Lüneburger Podium, mit der sie sich nach eigenem Bekunden sehr nah fühlt. Sanyal argumentiert vom Völkerrecht und von Abrüstungsverträgen her, Kurt von der kapitalistischen Weltordnung und vom Alltag in Kalk. Gemeinsam ist beiden die Weigerung, die Aufrüstung alternativlos zu nennen.

→ Eva von Redecker

Kurt zitiert in Lüneburg Redeckers „kaltes Geben und Nehmen“: Sorge soll eine Frage von Strukturen sein, nicht der Freundlichkeit Einzelner. Redecker war Gast in Kurts Talkreihe am Schauspielhaus Bochum. Beide denken Freiheit und Zuwendung von der Sorgearbeit her.

→ Teresa Bücker

Kurt verweist auf Bückers Zeitgerechtigkeit: sich in der eigenen Verwundbarkeit einander zuwenden zu können, ohne Angst, aus der Zeit oder aus gewissen Räumen zu fallen. Was Bücker über die Zeit sagt, sagt Kurt über die Liebe: Beides ist ungleich verteilt, und beides ist politisch.

→ Barbara Bleisch

Bleisch befragte Kurt 2022 in den SRF-Denkimpulsen zur Generation Z und eröffnete mit ihr 2026 die Utopie-Konferenz. Ihr Gegensatz ist produktiv: Bleisch definiert Großzügigkeit als Überschuss jenseits des Anspruchs und als Verzicht, Kurt fragt, wer die Knappheit gemacht hat, die den Verzicht erst nötig erscheinen lässt.

→ Wolfgang M. Schmitt

Für seinen und Ann-Kristin Tlustys Sammelband Selbst Schuld! schrieb Kurt über Instagram. Beide lesen Kultur als Ausdruck ökonomischer Verhältnisse; in Lüneburg griff Kurt Schmitts Frage auf, wer mit „wir“ gemeint ist, wenn von Verteidigung die Rede ist.


Cortex-Notes

Im Bestand

Mithu Sanyal und Şeyda KurtEntgegenkommen, wenn es…Mithu SanyalDenkerVitaEva von RedeckerDenkerVitaTeresa BückerDenkerVitaBarbara BleischDenkerVitaWolfgang M. SchmittDenkerVita

sechs gedachte Verweise

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