Wer spricht?

Silvia Rivera Cusicanqui (1949, La Paz) — Bolivianische Soziologin, Historikerin und Aktivistin mit Aymara-Wurzeln; jahrzehntelang Professorin an der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz, heute emerita. Sie gründete 1983 den Taller de Historia Oral Andina (THOA) mit, ein Forschungskollektiv zur Dekolonisierung von Wissensproduktion und Geschichte. Ihre Arbeit verbindet anarchistische Theorie mit Aymara-Kosmologie und Subaltern-Studien. Kernkonzept: ch’ixi — eine nicht-harmonische, konfliktreiche Koexistenz von Unterschieden als gelebte Wirklichkeit und Grundlage dekolonialer Praxis.

Biografie

Silvia Rivera Cusicanqui wurde 1949 in La Paz geboren — in einer weißen, akademisch gebildeten Familie, doch mit Aymara-Wurzeln, eine Konstellation die ihre gesamte intellektuelle und politische Arbeit prägt. Sie ist Soziologin von Beruf (Abschluss UMSA 1976) und Historikerin von Leidenschaft, mit anarchistischem Gewissen.

Wendepunkte:

  • 1976: Abschluss in Soziologie an der Universidad Mayor de San Andrés
  • 1979: Master in Sozialwissenschaften an der Pontificia Universidad Católica del Perú
  • Frühe 1980er: Arbeit mit sozialen Bewegungen (Bauern, Kokabauer, Katarismo) — die Phase, in der ihre Kritik an akademischer Abgehobenheit und staatlicher Instrumentalisierung entsteht
  • November 1983: Gründung des Taller de Historia Oral Andina (THOA) zusammen mit anderen Aymara-Intellektuellen und Studierenden. THOA wird zum Epistemologie-Labor: Wie schreiben wir Geschichte aus der Erfahrung unterdrückter Völker, nicht über sie?
  • 1984: Publikation von Oprimidos pero no vencidos: la Lucha Campesina Entre los Aimaras y Quechuas en Bolivia, ein Wendepunkt in der Historiografie Boliviens — nicht akademisches Gewäsch, sondern gelebte Erinnerung
  • 1980er–1990er: Professorin an UMSA, Leitung von THOA, Forschung zur internen Kolonialität, zu Frauenbewegungen und zum Katarismus
  • 2010: Veröffentlichung von Ch’ixinakax utxiwa (Aymara, sinngemäß: „es gibt auch uns Ch’ixis, die Gemischten” — nach einem Satz des Bildhauers Víctor Zapana) — ihr philosophisches Hauptwerk, das ch’ixi als Konzept systematisiert
  • 2015: Sociología de la imagen — Versuch, Bildlichkeit als dekoloniale Erkenntnismethode zu etablieren
  • 2018: Un mundo ch’ixi es posible — Essays über Krisen und die Hoffnung auf nicht-verschmolzene, konfliktreiche Koexistenz
  • 2022: Cátedra Victoria Castro an der Universidad Alberto Hurtado, Santiago: “Descolonización y pueblos indígenas. Reflexiones desde lo Ch’ixi”

Sie wird emerita an der UMSA, arbeitet aber weiter — eine Figur der Hartnäckigkeit und des Widerstands, zugleich scharfsinnig kritisch auch gegenüber der eigenen Seite.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Oprimidos pero no vencidos: la Lucha Campesina Entre los Aimaras y Quechuas en Bolivia, 1900-19801984Monumentales Werk zur Geschichte der Aymara und Quechua-Bauernbewegungen; Oral History als Methode; Bruch mit akademischer Distanz
Ch’ixinakax utxiwa: A Reflection on the Practices and Discourses of Decolonization2010Essayistische Reflexion auf Aymara-Konzept ch’ixi: Dekolonisierung als gelebte Praxis, nicht als akademischer Diskurs; Kritik an westlichen Multikultivalismus
Sociología de la imagen: ensayos2015Bildlichkeit und Sichtbarkeit als epistemologischer Kampfplatz; wie dekoloniale Perspektive das Sehen verändert
Un mundo ch’ixi es posible: Ensayos desde un presente en crisis2018Essays über Hoffnung inmitten von Krisen; ch’ixi als mögliche Weltwirklichkeit
Bircholas: trabajo de mujeres — explotación capitalista y opresión colonial entre las migrantes aymaras de La Paz y El Alto1996Ethnografie der Aymara-Migrantinnen und ihrer Mikrokredit-Ökonomie; kapitalistische Ausbeutung und koloniale Unterdrückung zusammengedacht
Las fronteras de la coca: epistemologías coloniales y circuitos alternativos de la hoja de coca2003Kokablatt als Symbol kolonialer Unterdrückung und alternativer Epistemologie
Violencias (re)encubiertas en Bolivia2010Versteckte und wieder-verdeckte Gewalt in den Strukturen Boliviens; auch Kritik an der Regierungslogik unter Morales

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Kernthesen

  1. Ch’ixi als Ontologie: Das Aymara-Konzept ch’ixi (mottled, flecked — ein buntes Durcheinander) beschreibt die reale Welt als nicht-harmonische Koexistenz widersprüchlicher Kräfte. Weder Harmonie noch Synthese, sondern konfliktreiche Nachbarschaft. Das Gegenteil von westlichem „Multikulturalismus”, der Differenzen absorbiert und glättet.

  2. Dekolonisierung ist Praxis, nicht Diskurs: “Dekolonialidad es una moda” — für sie ist das akademische Gerede von “Dekolonialität” (à la Walter Mignolo) oft bloße Reproduktion westlichen Elitismus unter neuem Namen. Echte Dekolonisierung: Arbeit mit sozialen Bewegungen, Oral History als Epistemologie, Transformation des Alltags.

  3. Interner Kolonialismus: Das Problem Boliviens ist nicht nur der externe Imperialismus, sondern der innere, internalisierte Kolonialismus — wie die kreolische Mittelschicht und selbst der plurinationale Staat (unter Evo Morales) die Aymara und Quechua strukturell unterdrücken, auch wenn sie sich als „indigene” Regierung inszenieren.

  4. Mündlichkeit als Epistemologie: Die Oral History des THOA war nicht nur Methode, sondern ein Anspruch auf andere Wahrheitsproduktion. Was in den Erzählungen der Bauern, Frauen und unterdrückten Völkern lebt, ist nicht weniger wirklich als akademische Archive — es ist fundierter.

  5. Soziología de la imagen: Sehen ist ideologisch; die kolonialen Blicke reproduzieren sich in Fotografie, Film, Kunst. Dekolonisierung erfordert ein neues Sehen — weniger ein theoretisches Denken als ein Umlernen der Wahrnehmung selbst.

Politische / ideologische Einordnung

Anarchistische Grundhaltung: Rivera Cusicanqui bezieht sich explizit auf anarchistische Theorie — nicht im Sinne der westlichen europäischen Anarchie, sondern verschweißt mit Aymara-Gemeinschaftsprinzipien (Ayllu, gegenseitige Hilfe). Sie misstraut Staatlichkeit grundsätzlich, auch “indigenen” Staaten.

Kritik am Evo-Morales-Regime: Obwohl sie anfangs der ersten Morales-Regierung (2006) nahe war — hoffnungsvoll, dass ein tatsächlich indígena-Präsident Veränderungen brächte — wurde sie zunehmend kritisch. Morales’ Staat reproduzierte interne Kolonialität, korruptive Logiken; die “plurinationalen Strukturen” blieben Rhetorik. Sie kritisierte öffentlich seine Geschäftsmänner-Mentalität, die Zerstörung des Amazonas unter seiner Herrschaft.

Skeptisch gegenüber westlicher Linker & Dekolonialen Akademikern: Sie wirft der westlichen akademischen Linken vor, sich “dekolonial” anzueignen wie ein Mode-Accessoire — siehe ihre Polemik gegen die “Dekolonialitäts-Schule” (Mignolo, Castro-Gómez), die sie als weiterhin elitär, logozentrisches Denken unter neuer Verpackung kritisiert.

Feministische Perspektive: Ihre Arbeit zu Frauenbewegungen (Bircholas, El Colectivo Ch’ixi mit weiblicher Partizipation) zeigt: Dekolonisierung ohne Geschlechterkritik ist blind. Die Überkreuzung von kolonialem und Geschlechts-Patriarchalismus ist zentral.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Ambedkar — dieselbe fraktale Struktur der Unterdrückung (Kette der Scharniere / Turm ohne Treppen), entgegengesetzte Antwort: Verfassung und Konversion vs. Misstrauen gegen jede Institution
  • Kojin Karatani — ihre Neocomunidad ist gelebter Mode D: Assoziation jenseits von Kapital, Nation und Staat
  • Chantal Mouffe — Ch’ixi und Agonismus: zwei Theorien des produktiven, nie aufgelösten Widerspruchs
  • Achille Mbembe — Kolonialität erfasst alle; aber planetarischer Universalismus vs. Universalismus von unten
  • Abdolkarim Soroush — Reform des Eigenen von innen, gegen Orthodoxie und westliche Bevormundung zugleich
  • Zhao Tingyang — eigenständige nicht-westliche Episteme statt bloßer Westkritik; Weltganzes vs. radikal von unten
  • Boaventura de Sousa Santos — Epistemologien des Südens; ihr Gesprächspartner in der Conversa del Mundo (2014)
  • María Galindo / Mujeres Creando — anarchafeministische Weggefährtin und Streitpartnerin in Bolivien

Cortex-Notes