Quelle: Verbal Thinking and Neo-Enlightenment | Professor Zhao Tingyang · Berggruen Research Center, Peking · 2025 · 1:29:10

Wer spricht?

Zhao Tingyang (赵汀阳, geb. 1961, Shantou, Guangdong) — Research Professor am Institut für Philosophie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS). Berggruen Fellow 2018–2019. Bekannt durch seine Tianxia-Weltordnungstheorie (Alles unter dem Himmel, Suhrkamp 2020); dieser Vortrag zeigt eine andere Seite: den Sprachphilosophen und Erkenntnistheoretiker, der sich seit seinem Buch One or All Problem (1998) mit dem Problem des verbalen Denkens beschäftigt.

DenkerVita

Sun Xiangchen — Professor für Philosophie, Fudan Universität Shanghai; Berggruen Fellow 2024–2025. Moderiert das Gespräch und stellt Zwischenfragen.


Das Problem: Unser Denken ist in der Substantivform eingefroren

▶ 1:36 Zhao beginnt mit einem autobiographischen Hinweis: Er beschäftigt sich mit dem verbalen Denken seit seinem Buch One or All Problem (1998). Dann trifft er auf Komplexitätswissenschaft — und merkt, dass beide Projekte dasselbe Problem haben, ohne bislang eine methodologische Antwort gefunden zu haben.

Das Grundproblem, das er entwickelt: Menschliche Sprache ist nomenbasiert (名词为本 — „das Nomen als Fundament”). Alle grammatischen Strukturen, alle Logik, aller wissenschaftliche Diskurs sind um Substantive organisiert: Klassifikation, Definition, Identifikation von Entitäten. Das war über Jahrtausende hinreichend — und ist es in vielen Bereichen immer noch. Aber es erzeugt einen blinden Fleck für alles Dynamische: für Entstehung, Verwandlung, Kausalität, Emergenz, kreative Singularität.

Weitergedacht

Ist das „Nomen-Denken” wirklich eine sprachliche Falle — oder handeln wir in unserer Praxis (Kochen, Bauen, Tanzen, Sprechen) längst verbal, nur ohne dafür eine Philosophie zu haben? Was würde es bedeuten, über das Tun nachzudenken, statt über das Ergebnis?


Warum Sprache nomenbasiert ist: Die paläolithische Weiche

▶ 59:22 Zhao gibt eine evolutionstheoretisch informierte Erklärung. Gesprochene Sprache entstand im Paläolithikum — vor 50.000 bis 130.000 Jahren. Die Informationen, die damals überlebenswichtig waren, waren Klassifikationsmerkmale: Ist das ein Löwe oder eine Antilope? Ist diese Pflanze giftig oder essbar? Freund oder Feind?

Genau diese Funktion wurde von Substantiven und Adjektiven übernommen — und durch Pfadabhängigkeit zur Grundstruktur aller Sprachen. Verben blieben in einem „Kindheitszustand”: vage, kontextabhängig, nie zu echter theoretischer Präzision entwickelt. Das gilt bis heute — die meisten Verben in natürlichen Sprachen haben nur eine imaging function, eine bildhafte Andeutung, kein analytisches Profil.

Die einzige Ausnahme: Mathematik. Mathematische Verben — Funktionen, Operatoren, Gleichungen — sind voll ausgearbeitet, präzise, logisch vollständig. Sie sind das reife Verb-System der Menschheit. Aber sie können nur das Quantifizierbare erfassen.

Die Bilanz, die Zhao zieht: Ungefähr 50 % des Denkens wird vom Nomen-Denken abgedeckt. 25 % weitere durch Mathematik (als ausgereifte Verb-Form). Die verbleibenden 25 % — das Qualitative, das Emergente, das Nicht-Quantifizierbare — sind terra incognita.

Eigene Einschätzung

Das ist ein kühner Schätzungsrahmen, der mehr rhetorisch als empirisch gemeint ist. Aber die Geste ist treffend: Mathematik hat Verb-Funktionen übernommen, die natürliche Sprache nie entwickelt hat. Wittgenstein hätte anders angesetzt — für ihn tun wir mit Verben ständig, wir verstehen sie durch Gebrauch, nicht durch Definition. Zhao würde antworten: genau deshalb ist das Verb-Denken unterentwickelt, weil wir es nie aus dem Gebrauch heraus theoretisiert haben.


Komplexitätswissenschaft — ein gescheiterter Vorläufer

▶ 3:10 Zhao situiert sein Projekt im Kontext der Komplexitätswissenschaft. Das Santa-Fe-Institut wurde 1984 von Physikern, Ökonomen und Mathematikern gegründet — darunter mehrere Nobelpreisträger — mit dem Anspruch, eine dritte Generation der Wissenschaft zu begründen (nach Newton und Einstein). Ihr Ziel: die Phänomene zu erklären, die klassische Wissenschaft nicht erfassen kann — Emergenz, Selbstorganisation, Nicht-Linearität.

Zhao stellt nach 40 Jahren nüchtern fest: Der Fortschritt war begrenzt. Einzelne Entdeckungen, aber kein methodologischer Durchbruch. Seine Diagnose: Komplexitätswissenschaft versuchte, dynamische Phänomene mit einem nomenbasierten Instrumentarium zu erfassen — und scheiterte genau daran. Das Programm leidet am selben Grundproblem wie alle Wissenschaft seit Aristoteles.

Weitergedacht

Wenn Komplexitätswissenschaft nach 40 Jahren keinen methodologischen Durchbruch hatte — warum sollte eine „Verb-Logik” das leisten? Oder ist das gerade Zhaos Punkt: Die Komplexitätswissenschaft fehlte die philosophische Grundlage, die Verb-Denken erst möglich macht?


Mathematik als Verb-Denken — und ihre Grenzen

▶ 50:47 Mathematik ist in Zhaos Deutung das erfolgreichste Verb-Denksystem der Menschheit. Funktionen, Differenzialgleichungen, Operatoren — das sind ausgereifte Verben: Sie beschreiben nicht was etwas ist, sondern wie es sich verhält, was es tut, wie es sich verändert.

Aber Mathematik ist ihrem Wesen nach quantitativ. Sie kann die Dynamik messen, zählen, berechnen — nicht aber das Qualitative erfassen. Die semantische Domäne der Mathematik ist kleiner als die semantische Domäne des verbalen Denkens.

▶ 52:24 Das zeigt sich besonders bei Emergenz: Wenn etwas wirklich Neues entsteht — eine neue Lebensform, eine neue soziale Praxis, ein neues Bewusstsein — dann versagt die Mathematik. Sie kann beschreiben, dass etwas entstand, aber nicht das qualitative Was des Entstehens.

Zhao formuliert das als kognitive Lücke: Wir haben Werkzeuge für das Statische (Nominalsprache) und für das Quantitativ-Dynamische (Mathematik). Aber das Qualitativ-Dynamische — der Bereich der wirklichen Entstehung — ist philosophisch unbearbeitet.

Eigene Einschätzung

Das berührt das alte Problem des qualitativen Wandels seit Aristoteles’ Bewegungslehre. Aber auch: Bergson hat genau das gezeigt — durée ist nicht mathematisierbar. Und Whiteheads Prozessphilosophie war genau dieser Versuch: eine Philosophie des Werdens statt des Seins. Zhao kennt diese Tradition, baut aber lieber sein eigenes chinesisches Instrumentarium — was sowohl Stärke als auch Begrenzung ist.


Leibniz und das Kausalitätsproblem der Logik

▶ 70:55 Hier wird Zhao am technisch präzisesten. Das Problem: Die formale Logik kennt nur einen Verb-Ausdruck: Implikation (wenn P, dann Q). Implikation überträgt Wahrheit — wenn die Prämisse wahr ist, ist die Schlussfolgerung wahr. Das ist sauber, elegant, und für analytische Aussagen vollständig.

Aber Kausalität ist nicht Implikation. Wenn X die Ursache von Y ist, dann folgt Y nicht analytisch aus X. Die Kausalbeziehung ist empirisch, real, zeitlich — sie ist genau das, was Hume gezeigt hat: nicht logisch ableitbar, nur durch Erfahrung zugänglich.

▶ 71:41 Leibniz hatte das gespürt. Er ergänzte die formale Logik um den Satz vom zureichenden Grund (principium rationis sufficientis): Nichts geschieht ohne zureichenden Grund. Damit wollte er Kausalität in die Logik integrieren. Aber dieser Satz wurde von Logikern und Mathematikern abgelehnt — er ist zu „ontologisch”, zu abhängig von Existenzannahmen, um als rein logisches Prinzip zu gelten.

Zhao verteidigt Leibniz: Die Problemdiagnose war richtig, auch wenn die Lösung zu ambitioniert war. Ein zureichender Grund für irgendein Ereignis wäre — streng genommen — der gesamte Weltzustand, was der Aussage keine explanatorische Kraft lässt. Nur Gott hätte eine Logik, die das leisten kann.

Die Konsequenz: Verb-Logik braucht keine zureichende, nur eine wirksame Kausalität — eine, die erklärt ohne zu erschöpfen, die Verbindungen sichtbar macht ohne Omnisziptienz zu behaupten. Ein bescheideneres, aber reales Programm.

Eigene Einschätzung

Das ist philosophisch tief. Humes Kausalitätsskepsis hat die moderne Wissenschaftsphilosophie dominiert — Popper, Carnap, Quine haben alle mit diesem Erbe gerungen. Zhaos Argument: Wir haben uns damit abgefunden, dass Logik Kausalität nicht formalisieren kann. Verb-Logik wäre der Versuch, das doch zu tun — nicht für Gott, aber für uns.


Das paläolithische Gehirn — und wer das wirklich gesagt hat

▶ 63:13 Zhao zitiert im Vortrag Geoffrey Hinton (Turing-Preis 2018, Nobelpreis 2024) mit dem Satz: „Die Menschheit hat ein Gehirn aus der Altsteinzeit, Institutionen aus dem Mittelalter und eine gottgleiche Technologie.” (Faktencheck: Das Zitat stammt tatsächlich vom Soziobiologen Edward O. Wilson — eine verbreitete Fehlattribuierung, die Zhao reproduziert. Der Satz passt zu Hintons KI-Warnungen, ist aber Wilsons Formulierung.) Die Diagnose selbst ist für Zhao nicht nur eine Pointe — sie ist die Schlüsselformel für das Zeitalter.

Das paläolithische Gehirn ist nomenbasiert: Es klassifiziert schnell, identifiziert Muster, reagiert auf unmittelbare Gefahr. Es ist für eine Welt gebaut, in der statische Kategorien das Überleben sichern. KI und globale Vernetzung haben aber eine Welt erzeugt, in der Dynamik, Emergenz, nichtlineare Rückkopplungen dominieren. Unser Gehirn ist dafür nicht kalibriert — und unsere Philosophie als Verlängerung des Gehirns auch nicht.

Neo-Aufklärung bedeutet: nicht das Nomen-Denken aufgeben (das wäre absurd — 50 % des Denkens kann man nicht abschalten), sondern das Verb-Denken als gleichberechtigte zweite Dimension entwickeln. Eine neue philosophische Infrastruktur für das Zeitalter der Emergenz.

Weitergedacht

Wenn unser Gehirn wirklich paläolithisch kalibriert ist — kann Philosophie das überhaupt korrigieren? Oder braucht es neue Werkzeuge (KI, erweiterte Kognition), um Verb-Denken zu implementieren, statt es nur zu beschreiben?


Faktencheck

Bestätigt — Santa-Fe-Institut 1984

Das Santa Fe Institute wurde 1984 gegründet, mit Nobelpreisträgern (insbesondere Murray Gell-Mann als Mitgründer) und explizit als Zentrum für Komplexitätswissenschaft. Quelle: Santa Fe Institute — Wikipedia

Bestätigt — Geoffrey Hinton, Nobelpreis 2024

Geoffrey Hinton erhielt 2024 den Physik-Nobelpreis (gemeinsam mit John Hopfield) für grundlegende Entdeckungen zum maschinellen Lernen. Quelle: Nobel Prize 2024 Physics

Falsch — Hinton als Urheber des Paläolithikum-Zitats

Das Zitat „Humans have paleolithic emotions, medieval institutions, and god-like technology” stammt nicht von Geoffrey Hinton, sondern vom Biologen und Soziobiologen Edward O. Wilson, der es in mehreren Büchern und Vorträgen verwendet hat. Die Attribuierung an Hinton ist eine verbreitete Fehlzuschreibung — vermutlich weil Wilsons Diagnose inhaltlich zu Hintons KI-Warnungen passt. Zhao zitiert im Vortrag „Hinton” — die Fehler liegt beim Sprecher. Quelle: E.O. Wilson — Wikiquote

Vereinfacht — Leibniz, principium rationis sufficientis, in der Logik „abgelehnt"

In der formalen Logik (seit Frege/Russell) ist der Satz vom zureichenden Grund tatsächlich kein anerkanntes Axiom. Aber in der gegenwärtigen analytischen Metaphysik wird er weiterhin intensiv diskutiert — er wurde nicht einfach „abgelehnt”, sondern differenziert: Die starke leibnizianische Fassung (keine „brute facts”) ist kontrovers; abgeschwächte Varianten bleiben relevant. Quelle: Principle of Sufficient Reason — SEP

Vereinfacht — One or All Problem als früheste Verb-Philosophie

Das Buch erschien 1998 und ist ein wichtiges frühes Werk zur Verb-Philosophie. Aber es war nicht Zhaos erstes Buch — das war On Possible Life (1994). Richtig ist: One or All Problem ist der erste Text, in dem Verb-Denken explizit zum Hauptthema wird. Quelle: Zhao Tingyang — Berggruen Institute

Vereinfacht — „50% Nomen, 25% Mathematik, 25% Verb-Denken"

Zhao präsentiert diese Verteilung als heuristische Schätzung, nicht als empirisch belegtes Modell. Es ist eine philosophische Proportionfigur — kein kognitionswissenschaftlicher Befund. Als Denkfigur plausibel, als Messung nicht belastbar. Keine unabhängige Quelle gefunden.


Weiterführende Quellen

Hauptwerke des Sprechers:

Im Vortrag erwähnt:


Verbindungen

Zhao Tingyang — Tianxia und die Bedeutungen der Demokratie

Beide Notes zeigen denselben Denker in verschiedenen Modi. Dort: Zhao als politischer Philosoph und Weltordnungstheoretiker. Hier: Zhao als Sprachphilosoph und Erkenntnistheoretiker. Die Verbindung ist tiefer als nur „derselbe Autor”: Zhaos ontologischer Ausgangspunkt in der Tianxia-Note (Koexistenz als Grundbedingung des Seins) und sein Verb-Denken hängen zusammen — wer von Koexistenz-als-Sein ausgeht, braucht eine Philosophie des Werdens, nicht des Seins.

Konfuzius in 60 Minuten

Zhaos Verb-Denken hat eine klassische chinesische Vorgeschichte: Das chinesische Schriftzeichen 仁 (Ren, Mitmenschlichkeit) ist selbst relational — Mensch plus Zwei — keine Substanz, sondern eine Beziehung. Konfuzius dachte in Prozessen und Beziehungen, nicht in westlichen Substanzkategorien. Zhao reaktiviert diese Intuition mit dem Werkzeug moderner Sprachphilosophie.

Lyotard — Das Ende der Wahrheit

Lyotard hat mit der Dekonstruktion der Meta-Erzählungen das statische Klasifikationsdenken philosophisch angegriffen — auch er sah das Problem der Noun-Dominanz, ohne es sprachphilosophisch so zu benennen. Aber wo Lyotard bei der Diagnose bleibt (Inkommensurabilität der Sprachspiele), versucht Zhao ein konstruktives Programm: Verb-Logik als neue Meta-Sprache. Die Frage ist, ob das nicht selbst wieder eine Meta-Erzählung wird.

Markus Gabriel — Ethischer Kapitalismus

Gabriel spricht von einer „zweiten Aufklärung” mit ethischen Parametern. Zhao spricht von „Neo-Aufklärung” mit kognitiven Parametern. Beide diagnostizieren, dass die erste Aufklärung an ihre Grenzen stößt — aber aus verschiedenen Richtungen. Gabriels Diagnose: Wir brauchen andere Werte. Zhaos Diagnose: Wir brauchen eine andere Denkform. Vielleicht sind beide Dimensionen nicht trennbar.

Varoufakis — Technofeudalism

Varoufakis und Zhao teilen die Beobachtung, dass KI und Technologie qualitativ neue Phänomene produzieren, die mit alten Kategorien nicht erfassbar sind — Varoufakis nennt es Feudalismus statt Kapitalismus, Zhao nennt es das Scheitern des Nomen-Denkens. Beide suchen neue konzeptionelle Werkzeuge. Aber Varoufakis vertraut dem politischen Begriff (Feudalismus), Zhao vertraut dem philosophischen Strukturprinzip (Verb-Logik).

Markus Gabriel — KI als Resonanzfeld und Mu (scobel)

Gabriel entwickelt über den japanischen Begriff Mu eine fast deckungsgleiche Diagnose: Westliches Denken ist substanzfixiert (Dinge mit Eigenschaften), während Mu — wie Zhaos Verb-Denken — Relationen und Prozesse als primär setzt. Gabriels Satz „KI ist nicht im Gerät, sondern im Resonanzfeld” ist eine angewandte Verb-Ontologie: Existenz als Geschehen zwischen Dingen, nicht als Zustand in Dingen. Gleichzeitig zeigt die Note einen produktiven Widerspruch: Gabriel operiert weiterhin mit Hegelscher Begrifflichkeit — also mit einer hochentwickelten Nomen-Logik, die Bewegung nur dialektisch, nicht wirklich verbal denkt.

Hartwin Maas — Bildung NEU DENKEN

Maas’ Unterscheidung Bild-Denker vs. Sprach-Denker ist eine empirische Bestätigung von Zhaos philosophischer These: Sprache ist nomenbasiert und bevorzugt Sprach-Denker systematisch — Bild-Denker (Mandelbrot, Grandin) arbeiten in einem Modus, der dem Verb-Denken näher ist: Prozesse, Transformationen, räumliche Dynamiken vor statischen Kategorien. Zhaos Neo-Aufklärung müsste daher nicht nur neue Logik-Systeme entwickeln, sondern auch neue Bildungssysteme — denn das paläolithische Sprachsystem, das er kritisiert, wird genau im Bildungsapparat reproduziert.

Andreas Zimpel — Neurodiversität

Zimpels Kernbefund — dass etwa die Hälfte der Menschen Bild-Denker sind und das Schulsystem sie systematisch benachteiligt, weil es auf Sprache ausgerichtet ist — ist die neurobiologische Untermauerung von Zhaos Sprachkritik. Wenn Nomina-Sprache den Denkraum seit dem Paläolithikum einengt, dann ist Neurodiversität kein Rand-Phänomen, sondern das Auftauchen alternativer Kognitionsmodi, die das herrschende Sprachparadigma nicht abbildet. Mandelbrots Apfelmännchen — zuerst gesehen, dann bewiesen — ist ein konkreter Fall von Verb-Erkenntnis: Prozess vor Begriff.

Moukheiber — Mein Hirn und die anderen

Moukheibers Befund, dass das Gehirn sozial vor kognitiv ist — Gesichtserkennung entsteht vor Sprache, Theory of Mind vor Abstraktion — ergänzt Zhaos evolutionsphilosophische Diagnose mit neurobiologischem Rückhalt. Wenn das Gehirn zuerst relationales Wahrnehmen entwickelt und Sprache erst sekundär aufbaut, dann ist Zhaos Hypothese plausibel: Nomina-Dominanz ist ein historisches Artefakt, keine kognitive Notwendigkeit. Gleichzeitig stellt das eine Frage an Neo-Aufklärung: Wenn paläolithisches Denken so tief ins soziale Gehirn eingebaut ist, wird Philosophie es verändern — oder braucht es veränderte Praxis und Werkzeuge?

Silvia Rivera Cusicanqui — Dekolonisierung und lo Ch’ixi

Wie Zhao entwirft Cusicanqui eine eigenständige nicht-westliche Episteme statt bloßer Westkritik: ihren Dialog mit nicht-menschlichen Subjekten (Berge, Sterne, Ahnen) gegen das Subjekt-Objekt-Schema, wie Zhaos Verb-Denken gegen die Substanz-Ontologie. Der Unterschied liegt in der Richtung: Zhao denkt vom Weltganzen (Tianxia) her nach unten, Cusicanqui radikal von unten — vom Körper, vom Markt, vom Haus — nach oben.

Souleymane Bachir Diagne — Der Philosoph als Uebersetzer

Dasselbe Misstrauen gegen die erstarrte Kategorie: Zhaos „in der Substantivform eingefrorenes” Denken trifft Diagnes Nietzsche-/Sapir-Argument, dass Grammatik die heimliche Metaphysik ist (das Cogito, unübersetzbar ins Kinyarwanda). Zhao sucht die Verb-Bewegung, Diagne die Übersetzungs-Bewegung.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Zhao sagt, Verben sind in einem „Kindheitszustand” — aber Dichter, Musiker, Handwerker denken seit Jahrtausenden verbal. Ist das Verb-Denken vielleicht schon da — nur nicht formalisiert? Und wenn es sich der Formalisierung entzieht, was folgt daraus für Zhaos Projekt einer „Verb-Logik”?
  • Das Gehirn ist laut Hinton paläolithisch kalibriert. Aber Philosophie ist auch ein Gehirnprodukt. Kann Verb-Denken als Philosophie das Gehirn über sich selbst hinaustreiben — oder ist das die Schlange, die sich in den Schwanz beißt?
  • Leibniz’ Satz vom zureichenden Grund wurde aus der Logik verbannt, weil er zu „ontologisch” war. Zhao will genau das zurückbringen. Wäre das eine Erweiterung der Logik — oder eine Aufgabe des logischen Projekts zugunsten einer neuen Form der Metaphysik?
  • Wenn 25 % des Denkens von Mathematik abgedeckt wird und Mathematik schon eine Form des Verb-Denkens ist — müsste Zhaos „verbales Denken” nicht viel enger mit mathematischer Modellierung zusammenarbeiten statt eine neue philosophische Sprache daneben zu stellen?
  • scobel — Lyotard das Ende der Wahrheit würde fragen: Ist „Verb-Logik” nicht selbst eine neue Meta-Sprache, die den Tod aller Meta-Sprachen überleben will? Wie unterscheidet sich Zhaos Enzyklopädie des Werdens von der aufklärerischen Enzyklopädie des Seins?