Gedankenraum
DenkerVita·3. Oktober 2026

Thomas „Eichi" Eichstädt — DenkerVita

Früher Bomberjacke und Parolen vor einer Unterkunft in Neubrandenburg, heute Trainer des FC Pio in Torgelow: Thomas Eichstädt hat aus der Szene herausgefunden und erzählt seinen Spielern, wer er war.

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HAP Grieshaber — der Farbholzschnitt, roh gegraben, mit übereinandergedruckten Farbflächen: ein stämmiger Trainer mit Pfeife mitten in einem Kreis junger Spieler, die einander die Arme um die Schultern legen; ein Fußball zu ihren Füßen, dahinter ein Tor und eine tiefe rote Sonne. Grieshaber schnitt das Gemeinschaftliche und das Einfache in Holz, ohne Glätte. Die Note malt das Thema (die Umkehr), die Vita den Menschen: einen, der heute mitten in seiner Mannschaft steht.

Prompt: Rough expressionist colour woodcut print in the manner of HAP Grieshaber, hand-carved irregular gouges, uneven ink, overprinted transparent colour blocks, raw and archaic, NOT vector, NOT cartoon, wide 1200x500 banner. A stocky middle-aged coach with a whistle stands among a tight circle of young soccer players who put their arms around each other's shoulders and lean their heads together in a huddle. A round black-and-white association football (soccer ball) lies on the grass at their feet. Behind them a low red sun and a simple soccer goal. Earthy red, ochre, deep green, indigo and black. Stylized, simplified figures without facial details, no text, no logos.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Thomas „Eichi" Eichstädt — Fußballtrainer und Jugendbetreuer in Torgelow (Vorpommern-Greifswald). Ab 1993, mit achtzehn, Teil der rechten Szene in Neubrandenburg — nach eigenen Angaben fast fünfzehn Jahre; der Ausstieg begann 2005, als seine Freundin und heutige Frau Anja ihn vor die Wahl stellte. Seit 2018 im AWO-Jugendclub „Pio", einem früheren Pionierhaus, wo er den FC Pio gründete — eine Mannschaft vor allem junger Geflüchteter. Lange ehrenamtlich und vom Bürgergeld, seit Juni 2026 über die AWO angestellt, finanziert durch eine Spendenaktion von DerDara. Seine Geschichte erzählt der Dokumentarfilm Im Osten was Neues (Loraine Blumenthal, ZDF/Das kleine Fernsehspiel 2025).

Biografie

Thomas Eichstädt, Jahrgang 1975, wuchs bei Burg Stargard südlich von Neubrandenburg auf, in einer Handvoll Neubaublöcke am Rand eines Geländes der Nationalen Volksarmee, in der sein Vater diente. Die Sturmbahn der Soldaten war der Spielplatz der Kinder. Den Mauerfall erlebte er mit vierzehn als Befreiung: eine Depeche-Mode-Kassette und ein Batman-Shirt aus Westberlin, die erste Sportschau im Westfernsehen, seither Werder-Bremen-Fan.

Nach der achten Klasse lernte er Melker. In einer abgebrochenen Tischlerlehre in Neubrandenburg geriet er in eine rechte Clique — nach eigenen Worten ohne politisches Interesse, „nur die Jungs nicht enttäuschen". Ab 1993 folgten Alkohol, Prügeleien, Jagd auf Linke und Punks, Parolen vor Unterkünften — bei stern TV spricht er von fast fünfzehn Jahren, von Messern und Schreckschusswaffen, die „fast jeder" dabeihatte, und von eingeworfenen Scheiben an einem Haus mit Geflüchteten in Neubrandenburg. Im Marcant-Podcast (2026) erzählt er milder: fünf intensive Jahre, eine Grenze bei Waffen. Die Rolle seiner Mutter, die sich nicht dafür interessierte, welche Richtung er einschlug, sieht er heute kritisch.

2001 lernte er Anja kennen, die daran glaubte, dass er sich ändern kann. 2005, schwanger, stellte sie ihn vor die Wahl — sie und das Kind oder Alkohol und die Freunde. Er warf den Kasten Bier auf die Straße. Bis zum endgültigen Bruch mit der Vergangenheit dauerte es nach eigener Aussage noch rund zehn Jahre; 2014 zog die Familie nach Torgelow. Seine Einstellung, sagt er, änderte sich erst durch die Begegnung mit Geflüchteten ab 2018. Heute ist er mit Anja verheiratet, hat sechs Kinder (fünf mit ihr, eines aus einer früheren Beziehung).

Über einen kleinen Neubrandenburger Verein kam er zum Fußball. 2018 begann er einen Bundesfreiwilligendienst in der Jugendberatungs- und Begegnungsstätte Torgelow (Träger: AWO Sozialdienste Uecker-Randow), gründete dort mit sechs, sieben Jugendlichen auf einem Schuttplatz den FC Pio — heute rund 27 Spieler aus Afghanistan, Syrien, Sierra Leone, der Ukraine und anderen Ländern, trainiert gemeinsam mit seiner Frau. Neuen Spielern erzählt er im Kreis, wer er früher war, und lässt sie entscheiden, ob sie ihm eine zweite Chance geben. 2021 berichtete der Nordkurier erstmals über ihn, daraus entstand der Dokumentarfilm von Loraine Blumenthal (gedreht 2022–2024).

Weil das Amt „richtige Arbeit" verlangte, startete der Streamer DerDara im März 2026 eine Spendenaktion zugunsten der AWO; über 86.000 € kamen zusammen. Seit 1. Juni 2026 ist Eichstädt angestellt — für fünf bis sechs Jahre finanziert, schätzt er.

Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Zugehörigkeit vor Ideologie. Er ging in die Szene, um dazuzugehören, eine Weltanschauung brauchte er dafür nicht; Alkohol machte mutig, die Gruppe machte Druck.
  2. Hinter die Kulissen schauen. „Ich höre nicht auf Medien, ich höre nicht auf irgendwelche Leute — ich lerne diese Menschen kennen." Begegnung, nicht Belehrung, hat sein Bild verändert.
  3. Offenheit über die eigene Vergangenheit. Wer eine zweite Chance will, legt die Karten auf den Tisch und lässt die anderen entscheiden.
  4. Nicht alle erreicht man. „Die Menschen müssen halt wollen." Reden hilft nur, wo jemand zuhören kann.

Politische Einordnung

Heute klar gegen rechts: Er fürchtet ein hohes AfD-Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern, auch weil seine Arbeit an den Geflüchteten im Jugendclub hängt; Torgelow ist mit einem AfD-Ergebnis von 27,4 % bei der Kommunalwahl ein Ort, an dem diese Frage nicht abstrakt ist. Parteipolitisch tritt er nicht auf; seine Haltung ist die eines Praktikers, der aus eigener Erfahrung spricht.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

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fünf gedachte Verweise

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