Gedankenraum
DenkerVita·3. Oktober 2026

Philip Schlaffer — DenkerVita

Kameradschaftsgründer in Wismar, Rockerpräsident, Häftling in Stralsund — heute Deradikalisierungstrainer, der sagt: Rechtsextremismus funktioniert, aber nur kurzzeitig.

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Max Beckmann — kräftige schwarze Konturen, flacher Raum, starke Farben: Ein schwerer Mann im grauen Pullover tritt aus einer verrauchten Kneipe, in der gebeugte Gestalten über ihren Biergläsern sitzen, hinaus ins Tageslicht; vor der Brust trägt er einen kleinen Topf mit einem jungen Pflänzchen, draußen eine Wiese und eine leere Tischtennisplatte. Beckmann malte Menschen in Übergängen, zwischen Kneipe und Welt — die Note malt die Zelle, die Vita den Schritt hinaus in den Verein.

Prompt: Expressionist oil painting in the manner of Max Beckmann, bold black contours, flattened space, strong colors, unsigned, wide 1200x500 banner. A heavily built man with a shaved head, wearing a plain dark grey long-sleeved sweater, seen from behind, steps out through an open doorway of a cramped smoky bar on the left where dark hunched figures sit over beer glasses under a dim lamp. In front of his chest he carries a small clay pot with a young green plant. On the right, outside, bright daylight over a plain green meadow with an empty ping-pong table. Plain surfaces only: no tattoos, no symbols, no emblems, no letters, no logos, no signature anywhere.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Philip Schlaffer (1978, Lübeck) — rund zwanzig Jahre in der Szene: ab 1994 Neonazi, NPD-Mitglied, Rechtsrock-Händler und Gründer der Kameradschaft „Werwolf Wismar“; ab 2008 Präsident des Rockerclubs „Schwarze Schar MC“, den Mecklenburg-Vorpommern im Januar 2014 verbot. Im Dezember 2014 verurteilte ihn das Landgericht Schwerin wegen der Finanzierung einer Cannabisplantage zu zwei Jahren und zehn Monaten, die er in der JVA Stralsund absaß. Heute Anti-Gewalt- und Deradikalisierungstrainer, Geschäftsführer von Extremislos e.V.

Biografie

Philip Schlaffer wurde 1978 in Lübeck geboren, wuchs vor allem in Stockelsdorf auf, als Kind zeitweise in Großbritannien, in einem Akademikerhaushalt — mit, wie er sagt, einer „hasserfüllten Verbindung“ zum Vater. Mit fünfzehn kam er 1994 in die Lübecker Skinhead-Szene, später in die NPD. Er wurde einer der größeren Importeure illegalen Rechtsrocks, betrieb Läden in Berlin, Hamburg und Wismar, ein Tattoostudio und eine Konzertstätte, und gründete die Kameradschaft „Werwolf Wismar“; mit neunzehn erhielt er die erste Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung (Wikipedia).

2008 wechselte er ins Rocker- und Rotlichtmilieu und gründete in Wismar den „Schwarze Schar MC“, dessen Präsident er war; Vollmitglied wurde nur, wer sich zur „deutschen Herkunft“ bekannte, der Club war in Drogenhandel und Prostitution verwickelt. Im Januar 2014 verbot das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern den Club; im selben Monat erklärte Schlaffer seinen Ausstieg. Im Juli 2014 kam er in Untersuchungshaft, im Dezember verurteilte ihn das Landgericht Schwerin zu zwei Jahren und zehn Monaten, weil er eine Cannabisplantage mitfinanziert hatte (NDR 2014, Archiv).

In der JVA Stralsund, so erzählt er, hängte er ein Jahr lang den Spiegel mit einem Handtuch ab, wurde Buddhist und bat Anstaltspsychologen und Pastorin per Brief um Hilfe, weil sein Vollzugsplan keine vorsah. Er schrieb seinen Opfern, traf einige von ihnen später vor der Kamera. Nach knapp zwei Jahren kam er frei, ließ sich beim Violence Prevention Network zum Anti-Gewalt- und Deradikalisierungstrainer ausbilden und gründete mit Axel Reitz Extremislos e.V.

Seine öffentliche Rolle ist umstritten. 2017 sah die Ausstiegsforscherin Johanna Sigl in der taz einen „Ausstieg als Inszenierung“: erzählt als Abkehr von der Kriminalität, ohne Auseinandersetzung mit der Ideologie, mit dem Erzähler weiter im Mittelpunkt (taz). Schlaffer nennt den Artikel unfair und sagt heute selbst, sein Weltbild habe er erst nach dem Ausstieg bearbeitet.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Hass. Macht. Gewalt. Ein Ex-Nazi und Rotlicht-Rocker packt aus2020 (Droemer), TB 2025 (Knaur)Autobiografie von der Kindheit bis zum Ausstieg; Spiegel-Bestsellerliste

Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Rechtsextremismus funktioniert — kurzzeitig. Er bietet Gemeinschaft, Ersatzväter, Hypermännlichkeit, Anerkennung, oft als eine Art Jugendsozialarbeit; enttäuscht wird am Ende jeder.
  2. Der Ausstieg ist zuerst persönlich. Enttäuschung und Ausbrennen kommen vor der Einsicht; die Arbeit am Weltbild folgt und dauert so lange wie die Radikalisierung.
  3. Gespräch braucht einen Riss. Gefestigte Neonazis erreicht man nicht; Jugendliche darf man nie aufgeben.
  4. Die Hand reichen, die Stoppkarte zeigen. Wer jeden ausgrenzt, der etwas Antidemokratisches sagt, füllt die Reihen der Rechten.

Politische Einordnung

Bezeichnet sich heute als liberal und parteilos, „Demokrat“, wechselnd zwischen links und konservativ wählend. Ausstiegsforscherinnen kritisieren an der Figur des öffentlichen Aussteigers, dass Authentizität keine pädagogische Kompetenz ersetzt.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

Philip SchlafferKann man sich ändern?Felix BenneckensteinDenkerVitaThomas „Eichi" EichstädtDenkerVitaFabian WichmannDenkerVitaWie kommt man aus der…Stephan MarksDenkerVita

sechs gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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