Biografie
Geburt: 1961 in Shantou, Guangdong, China Originalname: 赵汀阳 Disziplinen: Politische Philosophie, Ontologie, Erkenntnistheorie, Weltordnungstheorie Hauptposition: Research Professor, Institut für Philosophie, Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften (CASS), Peking Akademiemitglied: Akademie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (Xuebu Weiyuan)
Werdegang
- 1982: BA Philosophie, Renmin-Universität Peking
- 1982–Mitte 1980er: Wissenschaftlicher Mitarbeiter an Ausbildungsinstitut der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS)
- Mitte 1980er: MA Philosophie unter Li Zehou am Institut für Philosophie der CASS (1988)
- 1988–gegenwärtig: Wissenschaftlicher Mitarbeiter und später Research Professor am Institut für Philosophie der CASS
- 1990er–2000er: Intensive Publikationen zu westlicher Ontologie, Erkenntnistheorie, später chinesischer Geistesgeschichte
- 2005: Veröffentlichung von Das Tianxia-System — intellektueller Durchbruch als politischer Philosoph
- 2013: Pusey Distinguished Fellow, Harvard–Yenching Institute und Gastprofessor, Harvard University
- 2018–2019: Senior Fellow, Berggruen China Center (Peking-Universität)
- 2019–gegenwärtig: Englischsprachige Publikationen, internationales Vortragsprogramm (Berggruen Institute, internationale Universitäten)
Intellektuelle Entwicklung
Zhao durchlief einen Paradigmenwechsel von primär westlich orientierter Philosophie (1980er) hin zu einer Rekonstruktion chinesischer Geistestradition (1990er–gegenwärtig). Diesen Weg teilte er mit einer ganzen Intellektuellen-Generation, die nach 1989 die Frage stellte, wie China eine eigenständige Modernität entwickeln könnte. Im Unterschied zu reinen Rezipierenden westlicher Theorien machte sich Zhao zur Aufgabe, chinesische Begriffe und historische Erfahrungen als gleichberechtigte Stimmen in die globale Theoriearena einzubringen.
Bücher & Publikationen
| Titel (Chinesisch / Englisch) | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Ästhetik und zukünftige Ästhetik | 1990 | Frühere Monografie zu Grundproblemen der Ästhetik nach westlichen Traditionen |
| Die Krise der Philosophie | 1992 | Theoretische Philosophie; Reflexion über Grenzen begriffsontologischen Denkens |
| On Possible Life | 1994 | Ontologische und logische Fragen des Möglichen und des Ganzen |
| One or All Problem | 1998 | Erste Überlegungen zu prozessualem, verbzentriertem Denken |
| Eine Welt ohne Weltanschauung | 2003 | Essay-Sammlung; Skepsis gegenüber geschlossenen Ideologien, Interesse an offenen Perspektiven |
| Das Tianxia-System (天下体系) | 2005 | Monumentales Werk: Erste systematische Darstellung eines auf Tianxia gegründeten Weltordnungskonzepts. Intellektueller Bestseller in China. |
| Investigations of the Bad World: Political Philosophy as First Philosophy (chinesisch: 坏世界研究) | 2009 | Politische Philosophie als „erste Philosophie” angesichts einer strukturell „schlechten” Weltsituation |
| First Philosophy: From Cogito to Facio | 2012 | Systematische Entfaltung einer Ontologie der Koexistenz, Kritik des cartesianischen cogito ergo sum |
| Redefining a Philosophy for World Governance | 2019 | Englischsprachige Monografie: Präzisierung ontologischer und institutioneller Dimensionen des Tianxia-Systems |
| All Under Heaven: The Tianxia System for a Possible World Order (UC Press) | 2021 | Englische Fassung von Das Tianxia-System; konsolidiert Zhaos Position und macht sie einem internationalen Publikum zugänglich |
| The Whirlpool That Produced China: Stag Hunting on the Central Plain | 2024 | Neuere Arbeit: Tianxia als geschichtlicher „Strudel”, China als Wirbelbewegung |
Wichtige Essays:
| Titel | Jahr | Journal/Sammlung |
|---|---|---|
| Rethinking Empire from a Chinese Concept ‘All-under-Heaven’ (tian-xia) | 2006 | — |
| A Political World Philosophy in terms of All-under-heaven (Tian-xia) | 2009 | Diogenes |
| Tianxia: All Under Heaven | 2020er | Noema |
| Verb Thinking and Neo-Enlightenment | 2025 | Berggruen Institute (Lecture) |
(Buchlinks über https://www.genialokal.de/suche/?q=zhao+tingyang — deutschsprachige Verfügbarkeit begrenzt; Originalausgaben in Chinesisch und Englisch.)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Verbal Thinking and Neo-Enlightenment (2025, Berggruen Institute) — Neueste Vorlesung: Zhaos Überlegungen zur Überwindung der Grenzen nominalen Denkens, Verbdenken als Werkzeug für komplexe gegenwärtige Phänomene, Verbindung zu Smart Democracy
- The Maze of Tianxia (2022, GIP Lectures) — Systematische Einführung in Zhaos Weltordnungskonzept, Tianxia als Alternative zum westfälischen Staatensystem
- The Meanings of Democracy (2021, Villa Aurora) — Dialog über moderne Demokratie und ihre Krise, Überleitung zu Smart Democracy und wissensbasierten Verfahren
- Ten Scenes of Chinese and Western Thought (2019, Berggruen Institute) — Vergleich östlicher und westlicher Philosophietraditionen, historische Genealogie des Tianxia-Begriffs
Kernthesen
1. Ontologie der Koexistenz — Vom Cogito zum Facio
Kritik am cartesianischen cogito ergo sum: Das klassische Modell des isolierten, selbstbegründenden Subjekts ist metaphysisch fragwürdig und politisch gefährlich, weil es monologische, „diktatorische” Perspektiven begünstigt.
Alternative: Facio (lateinisch „ich handle/mache”) verweist auf ein Tun, das immer schon kooperativ verfasst ist. Sein ist nicht primär Bewusstsein eines einsamen Subjekts, sondern Mitsein in gemeinsamen Weltbezügen. Koexistenz ist die Bedingung der Möglichkeit individuellen Daseins, nicht sein Produkt.
Konsequenz: Das Politische kann nicht als Interessenausgleich autonomer Subjekte verstanden werden, sondern als Gestaltung von Koexistenzverhältnissen. Die Welt wird zur primären Kategorie des Politischen.
2. Die „Nicht-Welt” — Weltbildung als fehlendes Problem
Die gegenwärtige Erde ist geografisch, ökonomisch und kommunikativ hochgradig vernetzt, aber politisch und psychologisch fragmentiert. Es fehlt:
- Eine Institution, die die Welt als solche repräsentiert (nicht als Summe nationaler Interessen)
- Ein gemeinsames Bewusstsein, in dem sich Menschen als Bürger einer Welt verstehen
- Eine politische Ordnung, die die Welt als irreduzibles Subjekt mit eigenen Belangen behandelt
Diagnose: Staaten sehen sich als voneinander getrennte Einheiten; Individuen definieren Identität primär national/religiös/kulturell. Das Ergebnis: eine „Nicht-Welt” — eine Ansammlung rivalisierender Akteure statt einer koexistierenden Gesamtheit.
3. Das Tianxia-System als politische Weltordnung
Historischer Ausgangspunkt: Zhou-Dynastie (ca. 1046–256 v. Chr.) — das kleine Zhou-Königreich stabilisierte seine Herrschaft nicht durch militärische Dominanz, sondern durch ein „Enfeoffment”-System, in dem Vasallenstaaten lokale Autonomie erhielten, aber in ein Netz ritueller, genealogischer und moralischer Beziehungen zum Zentrum eingebunden waren. Legitimität speiste sich aus moralischer Vorbildlichkeit, nicht nackter Macht (Mandat des Himmels, tianming).
Zhaos Rekonstruktion: Tianxia ist nicht die konkrete Außenpolitik des chinesischen Kaiserreichs (Tribut, Vier Barbaren), sondern ein Leitbild einer Ordnungsform, die auf Inklusion, Ritual, relationale Autorität statt Zwang beruht — und daher über Jahrtausende relative Stabilität gewährte.
Moderne Anwendung: Eine zukünftige Weltordnung hätte folgende Charakteristika:
- Kein „Außen” — alle Staaten/Akteure sind in ein System eingebunden; keine Möglichkeit, Kosten auf „Andere” zu verlagern
- Dezentrale Autonomie innerhalb eines gemeinsamen Rahmens — wie die Schweiz oder föderale Systeme
- Wirbelartige Struktur — Zentren haben „Sogwirkung” durch kulturelle und institutionelle Attraktivität, nicht Zwang
- Keine Hegemonie, kein König — das System selbst ist die Ordnung
4. Drei konstitutionelle Prinzipien des neuen Tianxia
Internalisierung der Welt (internalization of the world): Alle Externalitäten (Umweltschäden, Finanzrisiken, Sicherheitsbedrohungen) müssen internalisiert werden — kein Akteur darf Kosten auf „Andere” abwälzen. Auf Bewusstseinsebene: Menschen verstehen die Welt nicht als bloßen Hintergrund ihrer Projekte, sondern als primären Referenzrahmen.
Relationale Rationalität (relational rationality): Nicht Maximierung des eigenen Nutzens, sondern Optimierung gemeinsamer Überlebensfähigkeit. Rational ist, was wechselseitige Sicherheit und minimale Feindseligkeit herstellt — nicht was einen Vorteil relativ zu anderen schafft. In hochinterdependenten Systemen führt individuelle Rationalität zu kollektiven Katastrophen.
Konfuzianische Verbesserung (Confucian improvement): „Wer sich selbst zu etablieren wünscht, hilft anderen, sich zu etablieren” — Verbesserung ist nicht exklusiv, sondern inklusiv zu denken. Ein Zustand ist nur dann eine wahre Verbesserung, wenn alle Beteiligten bessergestellt werden (striktere Fassung als Pareto-Optimalität). Universale Regel: „Tue anderen nicht, was sie nicht wollen, dass du ihnen tust” — nicht „was du nicht willst, das man dir tu” (Symmetrie statt Egozentrismus).
5. Nominales Denken vs. Verbdenken
Diagnose: Die klassische europäische Aufklärung ist geprägt von „nominalem Denken” — einer Denkform, die Sprache und Wissen um stabile Gegenstände, Kategorien, Definitionen organisiert. Dies ermöglichte zivilisatorische Leistungen in Naturwissenschaften und Klassifikation.
Grenze: Nominales Denken ist schlecht geeignet für hochkomplexe, dynamische, emergente Phänomene — ökologische Systeme, Finanznetzwerke, digitale Ökonomien. Diese sind weniger durch feste Substanzen als durch Prozesse, Beziehungen, Flüsse, Übergänge charakterisiert.
Lösung — Verbdenken: Eine ergänzende Denkform, die zentral auf Verben setzt: „Wie wird etwas zu dem, was es ist?” statt „Was ist was?”; „Wie verändern sich Beziehungen im Vollzug?” statt „Was verursacht was?” Jede stabile Kategorie sollte als Knotenpunkt von Tätigkeiten und Beziehungen verstanden werden.
Beispiel: „Staat” ist nicht nur eine Substanz mit Eigenschaften, sondern ein Prozess: regieren, tauschen, symbolisieren, interpretieren.
Weltordnungs-Dimension: Wenn Weltordnung primär als Netz wechselseitiger Handlungen und Abhängigkeiten verstanden wird (nicht als feste „Blöcke”), dann wird eine Denkform benötigt, die diese Prozesshaftigkeit, Kompatibilität und Wandel modelliert.
6. Politische Philosophie als „erste Philosophie”
Die grundlegendsten philosophischen Fragen unserer Zeit sind nicht mehr die nach dem Sein als solchem oder der Struktur des Bewusstseins, sondern:
- Wie kann eine gerechte und friedliche Weltordnung entstehen angesichts einer strukturell „schlechten” Weltsituation?
Das bedeutet: Klassische Metaphysik tritt in den Hintergrund; politische Weltphilosophie rückt ins Zentrum. Legitim ist nur ein philosophisches Denken, das sich an den drängendsten, weltbezogenen Problemen (Klimawandel, Pandemien, Gewalt, Ungleichheit) orientiert.
7. Smart Democracy — Zwei-Stimmen-System + Wissenskomitees
Diagnose der gegenwärtigen Demokratie-Krise:
- Globale systemische Macht (GSP): Fusion von Finanzkapital, Plattformen, Big Data, Medien — entzieht sich demokratischer Kontrolle, manipuliert Bewusstsein durch personalisierte Informationen → „Publicracy” (Herrschaft über ein künstlich erzeugtes Publikum statt echtes Volk)
- Wertepluralismus: Moderne Individuen sind alleinige Schiedsrichter über ihre Interessen; überindividuelle Zielsetzungen (Nation, Klasse, Religion) verlieren Bindekraft → kein gemeinsamer Gemeinwille, auf den Demokratie beruht
- Folge: Vertrauen in demokratische Institutionen erodiert; Politik wird von Stimmungslage und algorithmischen Emotionalisierungen getrieben
Lösungsvorschläge:
a) Zwei-Stimmen-System: Jeder Wähler erhält nicht nur eine positive Stimme (pro), sondern auch eine negative (contra) gegen Kandidaten/Vorschläge, die er ablehnt. Gewinner ist nicht, wer die meisten ja-Stimmen, sondern wer das höchste Nettoplus (Zustimmung minus Ablehnung) erreicht.
Effekt: Kandidaten mit hoher Zustimmung, aber auch hohem Widerstand werden benachteiligt gegenüber solchen mit breiter, weniger feindselig akzeptierter Zustimmung. Fördert Kompatibilität statt Polarisierung. Institutionalisiert das Prinzip der Minimierung von Feindseligkeit.
b) Wissenskomitees (Smart Democracy im engeren Sinne): Der Wahlprozess verläuft in zwei Phasen:
- Bürger definieren durch Abstimmung (mit Zwei-Stimmen-System) einen „Wunschraum” — eine Menge von Optionen, die sie befürworten
- Zwei unabhängige Wissenskomitees (Experten aus verschiedenen Disziplinen) prüfen, welche dieser Optionen realisierbar, nachhaltig und mit langfristigen Gemeinwohlzielen vereinbar sind → treffen endgültige politische Entscheidungen
Ziel: Demokratie mit „eingebauter Intelligenz” — Vernunft und Expertise sind institutionell „vorinstalliert”, nicht bloßer Diener kurzfristiger Stimmungen.
Inspirationsquelle: Altchinesisches „Hongfan”-Kapitel (Buch der Urkunden) mit fünf „Stimmen” (König, Minister, Volk, zwei mal Schamanen/Himmelsbefragung) — proto-demokratisches Risikomanagement-System.
c) Künftige Dimension: Zhao denkt weiter in Richtung künstlicher Intelligenz: Super-AI könnte als „Add-on zum menschlichen Geist” fungieren und transsubjektive Entscheidungsinstanzen bilden, die hochkomplexe Folgenabschätzungen ohne ideologische Verzerrungen vornehmen.
8. Neue Enzyklopädie der Wissensordnung
Eine zukünftige Wissensordnung müsse nicht mehr nach disziplinären und nationalen Grenzen organisiert sein, sondern nach universalen Anliegen (Klimawandel, Pandemien, technologische Risiken, globale Ungleichheit) — Probleme, die alle Menschen betreffen.
Charakteristika:
- Epistemischer Pluralismus: Wissen aus allen Zivilisationen (chinesisch, indisch, afrikanisch, arabisch, europäisch) mit gleichem Respekt
- Problem-Zentrierung: Nicht Disziplinen, sondern globale Herausforderungen als Organisationsprinzip
- Komplexitäts-Orientierung: Betonung emergenter Phänomene, nichtlinearer Dynamiken, systemischer Risiken
- Metaphor: „Metaverse-Bibliothek” — dezentral, zugänglich, wechselseitig erkennend
Verbindung zu Tianxia: Eine Weltinstitution kann nur funktionieren, wenn es auch eine angemessene Wissensbasis über die Welt als Ganzes gibt. Umgekehrt setzt eine wirklich „allunterhimmlische” Enzyklopädie eine politische Ordnung voraus, die keine Zivilisation privilegiert.
Politische / Ideologische Einordnung
Nicht-westlicher Universalismus
Zhao positioniert sich jenseits des Westfälischen Staatensystems und jenseits liberal-kosmopolitischer Traditionen, ohne jedoch in Partikularismus oder Relativismus zu verfallen.
Abgrenzungen:
| Position | Kritik Zhaos | Zhaos Alternative |
|---|---|---|
| Westfälischer Realismus | Sieht die Welt nur als Hintergrund rivalisierender Staaten; ignoriert die Welt als irreduzibles Ganzes | Weltinstitution, die die Welt als primäres Subjekt nimmt |
| Liberal-kantianischer Kosmopolitismus | Bleibt im Rahmen des Souveränitätsparadigmas; fasst Kosmopolitismus als Aggregat von Rechtsbeziehungen | Neo-Universalismus: Welt als ontologisch und normativ primäre Kategorie |
| Westlicher Imperialismus | Partikulare Normen mit universalem Anspruch; führt zu Hegemonie | Echte Universalität speist sich aus keiner Partikularität, sondern aus dem Allgemeinen selbst |
| Chinesischer Konfuzianismus (traditionell) | Zu sehr in historischer Particularität verhaftet; nicht modern umgearbeitet | Konfuzianische Begriffe (Ren, Li, Tianxia) als Ressourcen für moderne Weltphilosophie |
Keine chinesische Hegemonie — philosophische Utopie der Koexistenz
Zhao bestreitet energisch, dass sein Projekt eine neue Form chinesischer Hegemonie darstelle. Kritiker werfen ihm vor:
- Idealisierte Geschichtsbilder des Zhou-Tianxia
- Doppelte Standards gegenüber „dem Westen”
- „Verdeckter Sinizentrismus”
Zhaos Gegenargument: Tianxia ist eine philosophische Utopie der Koexistenz, nicht das Programm einer chinesischen Weltherrschaft. Die historische Inspiration (Zhou) dient nur als heuristische Ressource; der Anspruch ist universal — nicht chinesisch. Zentrale Maxime: „Politik ist die Kunst, Hostilität in Gastfreundschaft zu verwandeln.”
Intellektuelle Nähen
- Zu postwestlichen Kosmopolitismustheorien — bietet einen dritten Typus neben liberalen und demokratischen Varianten
- Zu kritischer Globalisierungsforschung — diagnose von Fragmentierung und externalisierter Kosten
- Zu Ökomarxismus / Degrowth-Denken — Kritik am Finanzkapitalismus als „ontologischem Verbrechen” (Verkauf von Nichtexistierendem)
- Zu prozessontologischen Traditionen (Whitehead, Bergson) — Betonung von Dynamik, Prozess, Relation über Substanz
- Zu konfuzianischer Renaissance — aber mit explizit modernem, philosophischem (nicht kulturalistischem) Zugriffsgriff
Verbindungen zu anderen Denkern
- Edgar Morin — Das komplexe Denken — Terre-Patrie und Tianxia: zwei Entwürfe einer planetaren Schicksalsgemeinschaft ohne Außen. Zhaos Ordnung entsteht durch Anziehung und Zentrum, Morins Gemeinschaft dagegen nicht durch einen gemeinsamen Feind, sondern durch geteilte fundamentale Probleme auf einem geschrumpften Planeten.
Gedankenwelten-Notes
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Zhao sagt, die Welt sei gegenwärtig eine „Nicht-Welt” — doch handelt es sich um ein Fehlen von Institution, oder um ein Fehlen von Bewusstsein? Können Sie beide Dimensionen überhaupt trennen, wenn Institutionen immer bereits durch Bewusstsein hergestellt werden?
- Wenn Koexistenz der Existenz ontologisch vorausgeht, folgt nicht daraus, dass auch Konflikt und Feindseligkeit primär sind? Warum sollte das Tianxia-System nicht auch ein Strukturkonflikt der Koexistenz einschreiben, statt ihn zu überwinden?
- Sie kritisieren nominales Denken als europäisch und problematisch — aber sind Sie sich bewusst, dass auch Ihr „Verbdenken” eine Nominalisierung ist (Verben als stabile Kategorien)? Wo ist die Grenze zwischen notwendiger Konzeptualisierung und der Falle, die Sie diagnostizieren?
- Das Zwei-Stimmen-System soll Polarisierung reduzieren — doch könnte es nicht auch dazu führen, dass Menschen mit starker Überzeugung systematisch benachteiligt werden, während sich „Mitte”-Positionen durchsetzen, die weniger Ablehnung, aber auch weniger Engagement mit echten Alternativen bedeuten?
- Ihr Tianxia-System basiert auf „relationale Rationalität” statt Eigennutz-Maximierung — doch wer bestimmt, was die „Relation” ist und welche Rationalität sie verlangt? Ist die Gefahr von Manipulation oder neuer Formen unsichtbarer Dominanz hier wirklich gebannt?












