Quelle: Jetzt! – Die Zeit als Schlüssel zum guten Leben | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur
Wer spricht?
Udo Marquardt — Philosoph, Autor und Musiker, lebt in Unkel (Rheinland).
Studierte Philosophie in Heidelberg, Luzern und Freiburg — promovierte über Aristoteles’ Zeittheorie. Hans-Georg Gadamers Begriff der „erfüllten Momente” prägt sein Denken. Kein klassischer Universitätsphilosoph, sondern Vermittlungsdenker: arbeitete als Redakteur beim ARD Hörfunk, schreibt Radioessays und betreibt zusammen mit seiner Frau Sabine den Theologie-Philosophie-Blog theophil.online. Bücher: Spaziergänge mit Sokrates, Kriminalromane (Die Schwarzwaldfalle) und das Hauptwerk Zeit und Mensch — Facetten einer Kulturgeschichte (Schwabe Verlag, 2024 — 5 Jahre geschrieben, täglich von 6–7:30 Uhr vor der Arbeit). Nebenbei Gitarrist und Sänger in einer Rockband. Praktizierender Katholik, kürzlich in den Ruhestand getreten.
Im Gespräch mit Yves Bossart (SRF Sternstunde Philosophie, 17.05.2026). → DenkerVita
Erfüllte Zeit — was bleibt
Was ist erfüllte Zeit? Marquardt gibt keine abstrakte Antwort, sondern eine phänomenologische: Zeit, an die ich mich gerne erinnere. Zeit, die in meinem Gedächtnis haften bleibt.
Der Begriff stammt nicht von ihm, sondern von Hans-Georg Gadamer. Marquardt übernimmt ihn und macht ihn zur Leitfrage seines gesamten Denkens. Erfüllte Momente sind nicht planbar — sie sind die Geburt der Tochter, ein Konzert wo man die Zeit vergisst, ein Gespräch in einem indischen Kloster.
„Man steht da drin in diesem Konzert und man vergisst völlig die Zeit und ist nur noch da und ist nur noch jetzt und ist nur noch im Augenblick.”
Das Gefühl der Zeitvergessenheit ist paradoxerweise das Zeichen, dass Zeit gerade am intensivsten erlebt wird. Nicht das Festhalten, sondern das Loslassen schafft Erinnerung.
Marquardt kennt diesen Moment auch persönlich — nicht aus einem Konzert, sondern aus dem Radio. Abends, im November, kam die Nachricht, dass George Harrison gestorben war. Man spielte My Sweet Lord.
„Und plötzlich war ich in dem Zimmer der Kindheit, in dem ich dieses Lied gehört habe — und konnte mich in diesem Zimmer bewegen, als würde ich drin stehen, und sah alles, und sah plötzlich Dinge, die völlig aus meinem Gedächtnis waren.”
Das ist sein Madeleine-Moment — nicht durch Geschmack wie bei Proust, sondern durch Klang. Musik ist besonders eng mit emotionalem Gedächtnis verknüpft; sie öffnet Räume im Palast der Erinnerung, die man nicht willentlich aufsuchen kann. Das Erfüllende solcher Momente liegt darin, dass sie einem passieren — sie lassen sich nicht durch Absicht erzwingen.
Weitergedacht
Wenn erfüllte Momente gerade dadurch entstehen, dass man die Zeit vergisst — was sagt das über alle Versuche, Zeit bewusst zu „erleben” und zu „gestalten”? Sabotiert die Absicht das Erlebnis?
Zeit als meine Lebenszeit — der Grundgedanke
Dies ist das Herzstück von Marquardts Denken und das Zentrum seines Buches: Wir haben die Zeit zu einem Fetisch gemacht — zu einem Götzen, der außerhalb von uns steht.
„Mein Grundgedanke ist eigentlich, dass wir so etwas haben wie Zeitvergessenheit. Wir haben vergessen, dass Zeit wir selber sind.”
Zeit ist nicht ein abstraktes Behältnis, in das man Dinge füllt oder aus dem man etwas herausholt. Zeit kann man nicht sparen — nicht im Sinne von aufheben. Wenn man Zeitmanagement-Seminare besucht und Dinge priorisiert, hat man am Ende des Tages kein Behältnis mit fünf gesparten Lebensstunden. Man hat nur weniger Stress — nicht mehr Zeit.
Was man hat, ist die Spanne zwischen Geburt und Tod. Das ist die Zeit. Und wie man diese Spanne lebt, bestimmt ob man sein Leben als sinnvoll empfindet. Hannah Arendt formuliert das ähnlich: Man schlägt seinen Faden ins Gewebe der Welt — und zieht ihn bis zum Tod.
Historisch setzt dieses Vergessen bei Newton ein. Marquardts Diagnose ist präzise:
Newton definiert Zeit nicht — er stellt sie einfach als absolut fest: losgelöst von uns, gleichmäßig fließend, unabhängig von allem Äußerem. Diese metaphysische Deklaration — Zeit als Ding da draußen — schuf die Grundlage für die Industrielle Revolution. Wer Zeit als externe Ressource begreift, kann sie koordinieren, synchronisieren, handeln.
„Von dieser absoluten Zeit, von dieser physikalischen Revolution, die Newton ja war — von da an sind Dinge möglich geworden wie die Dampfmaschine. Und das hat Zeit zu einem unglaublich erfolgreichen Wirtschaftskonzept gemacht.”
Das Resultat ist heute in jedem Liefersystem sichtbar. Als 2021 der Frachter Ever Given im Suezkanal feststeckte, kollabierte ein Teil der globalen Wirtschaft — weil alles auf synchronisierte Zeit angewiesen ist. Just-in-time, Lieferketten, Fahrpläne: Zivilisation als Zeitarchitektur.
„Unsere Containerschiffe sind erstaunliche Zeitmaschinen.”
Das ist die Ironie: Newton wollte Physik machen, keine Lebensphilosophie. Aber die Deklaration der absoluten Zeit hat ein Weltbild erzeugt, in dem Zeit nicht mehr meine Zeit ist — sondern eine externe Ressource, die man verwaltet, optimiert, spart. Diese Weltanschauung sitzt so tief, dass Zeitmanagement-Seminare sie nicht einmal hinterfragen — sie setzen sie voraus.
Weitergedacht
Wenn Zeit immer „meine Zeit” ist — was bedeutet das für strukturelle Zeitarmut? Wenn die Bedingungen eines Lebens (Armut, Pflege, Lohnarbeit) keine Wahl über die eigene Zeit lassen: ist „Zeit als Lebenszeit” dann Privileg-Philosophie?
Das Rätsel des Jetzt
Ein philosophisches Rätsel, das Marquardt von seiner Dissertation her begleitet: Was ist eigentlich das Jetzt?
Aristoteles definierte Zeit als „Zahl der Bewegung” — man misst eine Bewegung mit einer anderen Bewegung (der Sekundenzeiger gegen meine Schritte). Das Jetzt ist bei ihm ein ausdehnungsloser Punkt, scharf wie eine Rasierklinge zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Augustinus widerspricht: Zeit ist nicht draußen, sie passiert in mir. Ich zeitige Zeit — durch Erwartung, Erinnerung und das, was ich jetzt tue. Dadurch dehnt sich das Jetzt aus. Bei Augustinus: „Wenn man mich nicht fragt, was die Zeit ist, dann weiß ich es eigentlich. Soll ich es jemandem erklären, dann weiß ich es nicht.” — Das Grundproblem der Philosophie: das Vertraute entzieht sich im Moment der Reflexion.
William James: das Jetzt als „Sattelrücken der Zeit” (specious present) — James selbst schätzte das erlebte Jetzt auf etwa 12 Sekunden, neuere Forschung tendiert zu kürzeren Werten (2–5 Sekunden). Im Gespräch fließt das zusammen — die exakte Zahl ist unerheblich, das Phänomen bleibt dasselbe. Eine Melodie hören wir nicht Ton für Ton, sondern als Ganzes — weil das Jetzt sich aufspannt.
„Man hat diejenigen Töne, die schon erklungen sind, noch im Ohr. Man erwartet aber gleichzeitig auch, welche Töne noch kommen. Dieses Jetzt, das bei Aristoteles nur ein Punkt ist, dehnt sich aus.”
Der Bezug zu Vipassana liegt auf der Hand: Die Praxis des Beobachtens des gegenwärtigen Moments ist genau das Experiment, diesen Sattelrücken zu weiten — Bewusstsein als Gegenwart, nicht als Plan oder Erinnerung.
Weitergedacht
Augustinus und der Vipassana-Pfad landen fast am selben Ort: Zeit entsteht in uns, nicht außerhalb. Aber Augustinus denkt das christlich-narrativ (Lebensgeschichte vor Gott), Vipassana denkt es erfahrungsbezogen-empirisch (dieser Atemzug). Was folgt aus diesem Unterschied — für die Praxis?
Das Erinnerungsparadox — Neuheit, Langeweile und das Gedächtnis
Ein Phänomen, das Marquardt nicht nur theoretisch beschreibt: Erlebte Zeit und erinnerte Zeit folgen entgegengesetzten Gesetzen.
Zwei Wochen Ferien. Erste Woche: alles neu — neue Geschmäcker, der Markt, das Meer. Die Tage sind unendlich lang. Zweite Woche: Routine, der gewohnte Pool, dieselbe Strandbar — im Erleben ziehen sich die Tage hin. Aber in der Erinnerung ist die zweite Woche ausgelöscht. „Wie einfach vorbei.” Die erste Woche trägt hundert Episoden. Die zweite kaum eine.
Was fehlt: Neuheit. Nicht Anspannung, nicht Intensität im konventionellen Sinn — sondern erste Male. Erste Erfahrungen schaffen Erinnerungsanker; Routine hinterlässt keinen Abdruck. Das ist auch Rosas Beobachtung aus anderer Richtung: Beschleunigung tötet Resonanz, weil sie Erstmaligkeit verhindert. Man erledigt alles — aber erlebt nichts.
„Ältere Menschen sagen, die Tage vergehen so schnell, die Jahre gehen so schnell vorbei.”
Marquardt nennt zwei mögliche Erklärungen: Erstens ein Proportionseffekt — ein Jahr ist für einen Zehnjährigen ein Zehntel seines Lebens, für einen Achtzigjährigen ein Achtzigstel. Die Verhältnismäßigkeit verändert sich, unabhängig davon, was man erlebt. Zweitens schlicht: weniger erste Male.
Kinder sind Experten im Sich-Langweilen — und das ist kein Defizit, sondern eine Form von Zeitreichtum. Langeweile ist die Erfahrung von Zeit als elastisch, dehnbar, ungerichtet. Marquardt stellt bei sich selbst fest: Er langweilt sich nicht mehr. Die Geduld für leere Zeit ist ihm abhanden gekommen — und damit auch ein Stück jener Wahrnehmungsqualität, die Kindern noch vollständig zur Verfügung steht.
Das führt zu einer stillen Herausforderung an alle Achtsamkeitspraxis: Nicht bewusstes Erleben ist das Ziel, sondern die Bereitschaft für Neuheit. Wer jeden Moment kontrolliert wahrnehmen will, bricht paradoxerweise die Offenheit, die Resonanz erst ermöglicht. Wer sich langweilen kann, hat Zeit.
Weitergedacht
Wenn Langeweile die Zeitwahrnehmung so temporal reich macht — ist das Nicht-Tun der Meditation eigentlich eine Rückkehr zu dieser Offenheit? Oder ist die Praxis selbst schon zu absichtsvoll, um echte Leere zu erzeugen?
Geschichte der Beschleunigung
Marquardt erzählt die Kulturgeschichte der Zeit als Geschichte der Beschleunigung — und zeigt dabei ein Muster: Jede Beschleunigung ruft die nächste hervor.
Die Spinning Jenny macht mehr Stoff — also muss das Bleichen schneller werden. Mehr gebleichte Baumwolle braucht schnellere Transportwege — also die Dampfmaschine auf der Eisenbahn. Schnellere Logistik braucht schnellere Kommunikation — also der Telegraf.
„Das ist eine Beschleunigung, die zieht die andere Beschleunigung immer nach sich.”
Irgendwann wird Geschwindigkeit nicht mehr Mittel, sondern Wert an sich. Filippo Tommaso Marinetti und die italienischen Futuristen erheben das zum ästhetischen Programm: „Ein rasendes Automobil ist schöner als die Nike von Samothrake.” Aus der Ästhetik wird Politik — und die Futuristen landen fast alle im Faschismus.
Das Versprechen der Beschleunigung — mehr Freizeit durch Zeitersparnis — ist nicht eingehalten worden. Man schreibt keine Briefe mehr, aber 1000-mal mehr E-Mails. Man wäscht öfter, obwohl man eine Waschmaschine hat. Die eingesparte Zeit füllt sich sofort mit neuem Tempo.
Weitergedacht
Marquardt sagt, Geschwindigkeit als Wert an sich war die Einstiegsdroge des Faschismus. Ist das eine Warnung an die KI-Beschleunigungsdebatte? Oder ist das eine historische Analogie, die mehr verschleiert als erhellt?
Resonanz und Weltverlust — Hartmut Rosa
Marquardt bezieht sich mehrfach auf Hartmut Rosa, und hier liegt eine der produktivsten Verbindungen im Gespräch: Rosas Begriff des Weltverlusts durch Beschleunigung.
„Wir haben nicht mehr diese Resonanz mit der Welt. Wir fühlen uns nicht mehr berührt, angesprochen. Was uns abhandenkommt, ist ein Stück Welt.”
Der Hunger nach mehr Welt wird nicht durch schnelleres Machen gestillt. Er wird gestillt durch eine andere Beziehungsqualität — durch das, was Marquardt sich anrufen lassen nennt:
„Ich glaube, das Leben gelingt in dem Moment, wo ich gar nicht etwas tue, sondern mich anrufen lasse von etwas, was da draußen ist.”
Das ist keine passive Haltung, sondern eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit: nicht beim Subjekt beginnen (ich muss wahrnehmen), sondern beim Objekt — die Welt kommt auf mich zu. Die glücklichen Momente sind die, wo etwas da draußen so stark wirkt, dass es uns überwältigt.
Dagegen steht das Leben als letzte Gelegenheit (Marianne Gronemeier) — die säkulare Angst, dass dieses Leben alles ist und man alles hineinpacken muss. Das Wochenende nach New York, die Skitour, das Konzert — alles auf einmal, weil danach nichts mehr kommt. Marquardt hält dagegen mit der pascalschen Wette: Wenn ich auf Ewigkeit setze, nimmt das den Druck aus dem Kessel.
Genügsamkeit — das Kloster Kurishumala
Marquardt und seine Frau verbrachten Zeit in der Einsiedelei des christlichen Aschrams Kurishumala, Kerala. Die Unterkunft: ein Holzbrett als Bett, kaltes Wasser, drei Glühbirnen.
„Wir haben dort wunderbar gelebt. Wir waren sehr glücklich. Und man stellt fest, eigentlich das andere, was man alles so zu Hause hat, braucht man gar nicht.”
Das Erfüllende war nicht die Askese selbst, sondern die Einbettung in einen Rhythmus — Frühgebet um 6 Uhr, Mahlzeiten, Gemeinschaft, Gespräche. Genügsamkeit als Zeitgewinn: Wer weniger besitzt, muss weniger verdienen, muss weniger arbeiten — und gewinnt nicht Zeit im abstrakten Sinne, sondern Lebenszeit in Qualität.
Die Verbindung zur Teilzeit-Debatte, mit der das Gespräch beginnt, ist direkt: Die Frage „Brauche ich das ganze Geld?” ist dieselbe wie „Brauche ich all das, was ich dafür eintausche?” — nämlich meine Zeit.
Rituale — strukturierte Zeit als Befreiung
Paradoxerweise hält Marquardt nicht Spontaneität für den Weg zu erfüllter Zeit, sondern Ritual und Rhythmus. Fünf Jahre schrieb er sein Buch, täglich von 6–7:30 Uhr, montags bis freitags — bevor er zur Arbeit ging. Idee seiner Frau. Er fand es zunächst furchtbar.
„Ich habe das als zutiefst beglückende Zeit empfunden.”
Der lateinamerikanische Begriff cuadradito — das Kleinkarierte — ist für Marquardt kein Vorwurf, sondern eine Beschreibung: Wer feste Rhythmen hat, wird entlastet. Das Klosterleben, das frühe Aufstehen, die Jahreszeiten erleben beim Schreiben (erst ohne Lampe, dann mit) — all das ist Zeitqualität durch Struktur.
Gleichzeitig ist er ehrlich: Er ist nicht gut im frühen Aufstehen. Er schiebt den Spaziergang raus. Er hört beim Bügeln Hörbücher. Die hohe Kunst, jeden Moment vollständig zu erleben, gelingt auch ihm nicht immer — und er lacht darüber, ohne es zu dramatisieren.
Wer möchte ich gewesen sein?
Die vielleicht stärkste Frage des Gesprächs — und Marquardts persönlicher Kompass:
„Wer möchte ich gewesen sein? Das ist die Frage, wie möchte ich gelebt haben? Und das ist in gewisser Weise eine Antwort darauf, was ist denn der Sinn unseres Lebens gewesen? Die Zeitfrage ist für mich eine Sinnfrage.”
Das ist keine Frage, die man beantwortet — sondern eine, nach der man lebt. Sie kommt aus der Zukunft und blickt zurück auf die Gegenwart. Der Bonner Philosoph Michael Zichy formuliert es als: anderen wichtig sein — der Sinn des Lebens liegt darin, dass es Menschen gibt, denen man etwas bedeutet. Das verbindet Zeit und Beziehung: Für andere da zu sein braucht Zeit. Es ist keine Leistung, sondern Präsenz.
Faktencheck
Bestätigt — Teilzeitarbeit Schweiz ~40%
Marquardt nennt „fast 40 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten Teilzeit”. Laut BFS 2023 rund 38% — Tendenz korrekt. Quelle: BFS — Arbeit und Erwerb
Bestätigt — Aristoteles: Zeit als Zahl der Bewegung
„ἀριθμὸς κινήσεως κατὰ τὸ πρότερον καὶ ὕστερον” (Physik IV, 11, 219b1) — korrekt. Marquardts Vereinfachung trifft den Kern.
Bestätigt — Augustinus: Palast der Erinnerungen
Memoriae palatium in Augustinus’ Confessiones, Buch X — korrekt zugeordnet.
Bestätigt — Madeleine-Moment bei Proust
Du côté de chez Swann (1913), erster Band der Recherche — korrekte Zuordnung.
Bestätigt — Futurismus und Faschismus
Marinetti trat 1919 dem faschistischen Movimento bei, war ideologisch eng verknüpft. Korrekt. Quelle: Encyclopaedia Britannica — Futurism
Bestätigt — Newton: absolute Zeit als losgelöst
Newtons absoluta tempus aus den Principia (1687): Zeit fließt gleichmäßig, unabhängig von allem Äußeren. Marquardts Deutung als Ursprung des modernen Zeitfetischs ist eine legitime philosophiehistorische Interpretation. Quelle: SEP — Newton’s Principia
Vereinfacht — William James: erweitertes Jetzt
Die Sattelrücken-Metapher (saddleback) für das specious present stammt von James — korrekt. Aber James schätzte das erlebte Jetzt selbst auf „about a dozen seconds”, also ~12 Sekunden (Principles of Psychology, 1890). Die im Gespräch kursierenden „3–8 Sekunden” entsprechen neueren, kürzeren Schätzungen — didaktisch vereinfacht, aber nicht falsch. Quelle: Psychclassics — James, Principles Kap. 15
Vereinfacht — Michel Siffre: drei Monate
Marquardt spricht von „drei Monaten” — das 1962er Experiment dauerte jedoch nur 63 Tage (etwa zwei Monate). Drei Monate trifft eher auf spätere Experimente zu (1972: sechs Monate in einer texanischen Höhle). Biorhythmus-Befund und Zeitgefühl-Verlust sind korrekt beschrieben — nur die Dauer ist falsch. Kein strategisches Interesse erkennbar, wahrscheinlich Versprecher. Quelle: Wikipedia — Michel Siffre
Nicht verifizierbar — Brief von Rom nach Paris 10 Tage
Historisch plausibel für vormoderne Reisezeiten — eine Verifikation für genau diese Route ist nicht möglich. Tendenz stimmt, Zahl unprüfbar.
Weiterführende Quellen (Sherlock)
- Michel Siffre — Wikipedia — genaue Dauer des 1962-Experiments (63 Tage), Unterscheidung zu späteren Experimenten
- William James, Principles of Psychology (1890), Kap. 15 — Psychclassics — Original zum specious present und Sattelrücken; James’ eigene Schätzung ~12 Sekunden
- Stanford Encyclopedia of Philosophy — Newton’s Principia — Newtons absolute Zeit, philosophiehistorische Einordnung
- Schwabe Verlag — Zeit und Mensch — Marquardts Hauptwerk, bestätigt Erscheinungsjahr und Verlag
- ResearchGate — Knife-Edge and Saddleback: Augustine & William James on the Specious Present — wissenschaftlicher Vergleich Augustinus/James
Weiterführende Quellen
Im Gespräch zitierte Werke:
- Udo Marquardt: Zeit und Mensch. Facetten einer Kulturgeschichte — das besprochene Hauptwerk, 2024 erschienen. genialokal.de
- Udo Marquardt: Spaziergänge mit Sokrates — frühere philosophische Publikation. genialokal.de
- Augustinus: Confessiones — Zeittheorie in Buch XI, Palast der Erinnerung in Buch X.
- Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016). genialokal.de
- Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (2005). genialokal.de
- Michael Zichy: Anderen wichtig sein — Bonner Philosoph, Buch über Sinn durch soziale Bedeutsamkeit. genialokal.de
- Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit — Madeleine-Episode. genialokal.de
- Marianne Gronemeier: Das Leben als letzte Gelegenheit — zitierter Begriff zu säkularer Zeitangst.
Verbindungen
→ Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit
Rosa ist das explizite Gegenstück: Marquardt beschreibt phänomenologisch, was Rosa soziologisch analysiert. „Sich anrufen lassen” (Marquardt) ist dasselbe wie Resonanz (Rosa) — nur aus der subjektiven statt der systemischen Perspektive.
→ Goenka — Vipassana und die Kunst des Sterbens
Die Frage „Wer möchte ich gewesen sein?” und der Augustinus’sche Zeitbegriff (Zeit entsteht in mir) berühren den Kern der Vipassana-Praxis: Vergänglichkeit (Anicha) und die Qualität der Gegenwärtigkeit. Marquardt kommt von der christlichen Philosophie, Goenka von der buddhistischen Praxis — beide landen beim selben Ort: Bewusstsein als Gegenwart.
→ Blaise Pascal — Wette und Unruhe
Marquardt zitiert explizit die pascalsche Wette als persönliche Lebenshaltung: auf Ewigkeit setzen nimmt den Druck aus dem Kessel. Pascal selbst diagnostizierte die divertissement-Falle — die Beschleunigung als Flucht vor dem Sein. Marquardt wiederholt diese Diagnose 400 Jahre später.
→ Wolfram Eilenberger — Die größte Lüge der Philosophie
Eilenbergers „Geistesgegenwart” (Ontologie der Gegenwart — das Vermögen zu sagen, was jetzt ist) ist der erkenntnistheoretische Rahmen für das, was Marquardt phänomenologisch als „erfüllte Momente” beschreibt. Marquardt zeigt, wie man dorthin kommt (Rituale, Genügsamkeit, Sich-anrufen-lassen); Eilenberger benennt, was man dort tut (Diagnostizieren der eigenen Gegenwart ohne Flucht in Systeme). Beide bei SRF Sternstunde Philosophie, beide gegen den Zeitfetisch der Moderne — aus verschiedenen Himmelsrichtungen.
→ Teresa Buecker — Zeit NEU DENKEN
Bücker und Marquardt stellen dieselbe Grundfrage von entgegengesetzten Seiten: Marquardt fragt wie man Zeit erfüllt erlebt — Bücker fragt wer überhaupt das Recht auf Zeit hat. Marquardts Kloster-Genügsamkeit setzt Wahlfreiheit voraus; Bückers Zeitpolitik macht sichtbar, dass diese Wahlfreiheit strukturell verteilt ist. Das ist der produktive Widerspruch: Ohne Bückers Zeitgerechtigkeit bleibt Marquardts Zeitphilosophie Privileg-Denken.
→ Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes
Marquardt im christlichen Aschram Kurishumala, Ricard im himalayischen Kloster Shechen — beide beschreiben denselben Befund: Genügsamkeit und Rhythmus verändern die Qualität von Zeit grundlegend, ohne Zeit als Ressource zu vermehren. Marquardt zeigt dies philosophiegeschichtlich, Ricard liefert den neurowissenschaftlichen Beleg (Davidson-Studien: Langzeitmeditation verändert die Zeitwahrnehmungsarchitektur des Gehirns).
→ Erich Fromm — Haben oder Sein
Fromms „Haben-Modus” — Identität durch Besitz, Kontrolle, Anhäufung — ist genau das, was Marquardt als Zeitfetisch beschreibt: Zeit als abstraktes Behältnis, das man füllen, sparen und optimieren kann. Marquardts Gegenthese (Zeit bin ich selbst) ist Fromms „Sein-Modus” auf das Phänomen Zeit angewandt. Fromm fragt: Was hat man? Marquardt fragt: Was ist man — in der Zeit?
→ Annette Kehnel — Vom Mittelalter für die Zukunft lernen
Kehnel zeigt das Mittelalter als gelebtes Archiv anderer Zeitstrukturen — Commons-Denken, Jahreszeitenrhythmus, liturgische Zeit statt linearer Produktionszeit. Das ist das historische Material für Marquardts These, dass die Moderne einen spezifischen (und falschen) Zeitbegriff erfunden hat. Kehnels Befund: Es gab andere Möglichkeiten. Marquardts Befund: Wir haben sie vergessen.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Marquardt sagt: Zeit ist immer meine Lebenszeit. Aber wenn mein Leben strukturell fremdbestimmt ist — durch Lohnarbeit, Pflege, Armut — wessen Zeit ist es dann? Ist Zeitphilosophie ohne Zeitpolitik Luxusdenken?
- Er empfiehlt Rituale und feste Rhythmen als Weg zu erfüllter Zeit. Aber Rituale schließen aus — wer keinen geregelten Tag hat, bleibt draußen. Gibt es Zeitqualität auch im Chaos?
- Das Sich-anrufen-lassen setzt voraus, dass man still genug ist, um den Ruf zu hören. Wie viel Stille ist strukturell nötig, um Resonanz zu ermöglichen — und wer hat sie?
- Marquardt setzt auf die pascalsche Wette und findet das entschleunigend. Kann man ein philosophisches Argument wählen, weil es sich gut anfühlt — oder wäre das genau das, was Pascal selbst kritisiert hätte?
- Wenn erfüllte Momente dadurch entstehen, dass man die Zeit vergisst — ist Achtsamkeit (bewusstes Zeiterleben) der Weg zu erfüllter Zeit, oder ihr Feind?












