Quelle: Die größte Lüge der Philosophie – scobel im Gespräch: Mit Wolfram Eilenberger

Wer spricht?

Wolfram Eilenberger (1972, Freiburg) — Philosoph, Autor und einer der wichtigsten Vermittler philosophischen Denkens im deutschsprachigen Raum.

Eilenberger studierte und promovierte in Zürich (2008, über Michail Bachtin und das dialogische Selbst), lehrte an Universitäten in Kanada und der Schweiz und war von 2011 bis 2017 Chefredakteur des Philosophie Magazins. Seit 2018 moderiert er die Sternstunde Philosophie auf SRF — eine Plattform, die er zu einem Zentrum öffentlichen Philosophierens gemacht hat. Sein Lebensweg verlief von der akademischen Philosophie zur öffentlichen Praxis — nicht als Abkehr, sondern als Konsequenz seiner Überzeugung, dass Philosophie Weltbegriff ist, kein Schulbegriff.

Bekannt wurde er durch seine Philosophen-Trilogie: Zeit der Zauberer (2018, über Wittgenstein, Heidegger, Benjamin, Cassirer — in 36+ Sprachen übersetzt), Feuer der Freiheit (2020, über Simone de Beauvoir, Ayn Rand, Simone Weil, Hannah Arendt) und Geister der Gegenwart (2024). Sein neues Buch, Die Gegenwart der Philosophie (2026), analysiert den Zustand des akademischen Philosophierens — und liefert das Gerüst für dieses Gespräch mit scobel-Moderator Gert Scobel.

Kernkonzepte: Geistesgegenwart, Ontologie der Gegenwart, Dreifache Sorge, Fundamentverlust, Mystik als Sandfluss


Inhalt

Was ist Philosophie überhaupt? — Die vier Funktionen

▶ 2:16 — Eilenberger beginnt mit einer Bestandsaufnahme: Warum gilt Philosophie heute als Luxus, als weltfremd, als irrelevant? Seine Antwort ist eine Diagnose des Selbstmissverständnisses.

Er unterscheidet vier Funktionsbestimmungen der Philosophie, wie sie heute im Betrieb kursieren:

  1. Normengründende Wissenschaft — Philosophie als Fundament aller anderen Wissenschaften (eine Idee, die seit dem 19. Jahrhundert erodiert)
  2. Dienerin des Wissenschaftsfortschritts — Philosophie als Hilfsdisziplin, die Begriffe klärt, wenn Wissenschaftler sich selbst verwirren
  3. Aktivismus-Hilfswissenschaft — Philosophie als Legitimationsressource für politische Projekte (Klimaethik, Technikfolgenabschätzung)
  4. Ontologie der Gegenwart — Philosophie als Praxis der Geistesgegenwärtigkeit: das Vermögen zu sagen, was die eigene Gegenwart ist

Eilenberger bekennt sich klar zur vierten Bestimmung — und das mit einem Foucault-Zitat als Fundament:

„Was ist meine Gegenwart? Was passiert jetzt? Was passiert in mir und um mich, das ich so erlebe?”

▶ 7:03 — Das ist für ihn nicht Navel-Gazing, sondern die radikale philosophische Frage: Wach sein im Moment — präzise, kritisch, ohne Flucht in Systeme oder Aktivismus.

Eigene Einschätzung

Ich erkenne in dieser vierfachen Unterscheidung etwas, was ich selbst lange nicht so klar formulieren konnte: Warum mich akademische Philosophie nie wirklich angesprochen hat. Die ersten drei Funktionen haben alle etwas Dienendes — sie legitimieren, sie helfen, sie fundieren. Nur die vierte ist eine eigenständige Tätigkeit des Wachseins. Das ist auch der Unterschied zwischen Philosophie lesen und Philosophie leben.


Philosophie als Ontologie der Gegenwart — Der Foucault-Kern

▶ 5:11 — Eilenberger entfaltet, was Foucault 1968 mit “Ontologie der Gegenwart” meinte: die Fähigkeit zu sagen, was die eigene Gegenwart ist — nicht was sie bedeuten sollte, nicht was sie werden könnte, sondern was sie ist.

Das klingt einfach. Aber es ist radikal schwer. Denn es setzt voraus:

  • Nicht in Vergangenheitsschemas zu denken (das Fliegenglas)
  • Nicht in Zukunftsprojektionen zu fliehen (der Aktivismus)
  • Wach zu sein für das, was jetzt passiert — und in Sprache zu bringen, was man wahrnimmt

Die Fähigkeit dazu nennt Eilenberger GeistesgegenwartGeistesge-gen-wart. Er zerlegt das Wort: Geist, der gegen die Wart [= Hut, Wachsamkeit] angeht, der gegen das Trägheitsmoment der eigenen Begriffe kämpft.

▶ 10:22 — Dazu gehört für Eilenberger zwingend die dreifache Sorge (wiederum Foucault):

Sorge um sich selbst — Sorge um andere Lebewesen — Sorge um das Sagbare

Nicht Sorge um abstrakte Prinzipien. Nicht Sorge um “die Gesellschaft”. Sondern konkrete, relationale, sprachlich verfasste Sorge — um sich, um andere, um das, was man überhaupt sagen kann.

Eigene Einschätzung

Die “Sorge um das Sagbare” trifft mich besonders. Es geht nicht nur darum, was wahr ist, sondern was sagbar ist — welche Sprache einem zur Verfügung steht, welche Begriffe man hat, um Wirklichkeit zu erfassen. Das ist auch das Projekt dieser Datenbank: die Sprache erweitern, in der ich über die Gegenwart nachdenken kann. Eilenbergers Foucault ist in gewisser Weise ein Programm für das, was ich hier tue.


Befreiungsbilder — Die philosophische Tradition als Ausweg-Zeigen

▶ 14:47 — Eilenberger beschreibt die großen Befreiungsbilder der Philosophiegeschichte als eine durchgehende Grundstruktur: Jemand zeigt uns, dass wir gefangen sind — und zeigt uns den Ausweg.

  • Platons Höhle: Wir halten Schatten für Wirklichkeit. Die Philosophie führt ans Licht — schmerzhaft, geblendet, aber frei.
  • Descartes’ böser Dämon: Was wenn alles, was ich wahrnehme, Täuschung ist? Die radikale Zweifelsübung als Befreiung vom Schein.
  • Wittgensteins Fliegenglas: „Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen” — die Fliege rennt gegen transparente Wände, weil sie zum Licht will. Der Ausweg ist unten, im Dunkeln. Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen meiner Welt — aber diese Grenzen sehen zu können, ist Befreiung.

Was alle drei eint: Gefangenschaft ist unsichtbar. Das Fliegenglas ist transparent. Die Höhle ist die einzige Welt, die man kennt. Der Dämon lässt sich nicht von außen erkennen. Philosophie ist das Medium, in dem diese Unsichtbarkeit sichtbar wird.

▶ 61:46 — Eine subtile Differenz: Eilenberger betont gegen Scobel, dass Wittgenstein selbst (Frühwerk) sagte, die Diagnose löse die Lebensprobleme nicht. Mündigkeit ist der Ausgang — aber der Ausgang macht nicht alles gut. Es gibt Formen des Seins, die jenseits des Sagbaren liegen. Das verweist auf die Mystik.


Fundamentverlust — Das Schwimmen auf offenem Meer

▶ 19:00 — Eilenberger beschreibt das Grundgefühl der Nachkriegsphilosophie als Fundamentverlust — und gibt ihm drei Gesichter:

  • Neuraths Schiff: Philosophie ist wie ein Schiff, das auf offenem Meer repariert werden muss. Man kann kein Plank entfernen, ohne auf einem anderen zu stehen. Es gibt kein Trockendock, keine terra firma, von der aus man denken könnte. Die Philosophie ist das Schiff — und muss es gleichzeitig umbauen.

  • Benjamins Engel der Geschichte: Der Engel schaut auf die Trümmer der Vergangenheit, während der Sturm des Fortschritts ihn in die Zukunft treibt. Er kann nicht handeln — nur sehen. Ein Bild für die Ohnmacht des diagnostischen Blicks.

  • Foucaults Gesicht am Strand: „Das Gesicht des Menschen am Meeressand” — ein Bild aus den Wörtern und Sachen (1966). Der Mensch ist ein Gesicht, das der Wellen ausgesetzt ist. Eine Figur der Kontingenz, nicht der Substanz.

Diese drei Bilder sind keine Nihilismus-Metaphern. Sie beschreiben eine produktive Freiheit: Wenn es kein Fundament gibt, gibt es auch keine letzte Autorität — nur das eigene Urteil, in der eigenen Gegenwart.


Die größte Lüge — Sehnsucht nach dem einen System

▶ 23:00 — Hier entfaltet Eilenberger seinen zentralen Gedanken, der auch dem Gespräch den Titel gibt:

Die gefährlichste Triebkraft der Philosophie ist nicht Dummheit, nicht Eitelkeit — sondern die Sehnsucht nach dem einzigen wahren System. Die Überzeugung, dass es eine Grundwahrheit gibt, auf die alle anderen Wahrheiten zurückführen lassen. Einen Boden unter Neuraths Schiff.

Diese Sehnsucht ist verständlich. Sie entsteht aus dem Unbehagen am Fundamentverlust. Aber sie ist — das ist die eigentliche “Lüge” — philosophisch nicht einlösbar. Und politisch wird sie zur Vorstufe des Totalitarismus.

Eilenberger beruft sich auf Adornos Dialektik der Aufklärung: Die Aufklärung, die die Vernunft als Werkzeug zur Befreiung einsetzte, erzeugte durch ihre eigene Logik der totalen Beherrschung den Faschismus. Das Systemdenken selbst trägt den Keim der Gewalttätigkeit.

▶ 27:32 — Dagegen setzt Eilenberger: Pluralität als offenbare Tatsache. Nicht als Problem, das adressiert werden muss. Nicht als Defizit. Sondern als die Grundbedingung des Denkens. Wundt nannte das das Gleichgewicht zwischen zentrifugalen und zentripetalen Kräften — Polyphonie statt Monophonie.

Eigene Einschätzung

Hier berührt sich Eilenberger mit dem, was mich am Yin-Yang-Grundsatz fasziniert: Keine Wirklichkeit ist einseitig. Wer auf ein System beharrt, dem gelingt nicht mehr Klarheit — sondern weniger Wirklichkeit. Die “Lüge” ist keine böswillige Täuschung. Sie ist die strukturell menschliche Versuchung, aus Angst vor Komplexität Einfachheit zu erzwingen. Eilenberger nennt das philosophisch. Adorno nennt es politisch. Goenka nennt es Anhaftung (upādāna). Es ist dasselbe Muster.


Die drei Nachkriegsströmungen — Wien, Frankfurt, Paris

▶ 28:00 — Eilenberger strukturiert die Philosophie nach 1945 um drei Kristallisationspunkte, die jeweils eine andere Antwort auf den Fundamentverlust geben:

StrömungZentrumAntwort auf den Fundamentverlust
Wiener Kreis / WittgensteinWienSprache klären, was nicht sagbar ist, schweigen
Kritische TheorieFrankfurtGesellschaft analysieren, Vernunft als Kritik
Strukturalismus / FoucaultParisSubjekt dekonstruieren, Macht analysieren

Alle drei arbeiten am Fundamentverlust — aber keine behauptet, ihn aufzulösen. Das unterscheidet sie von den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts.


Analytische Philosophie als institutionelle Pathologie

▶ 32:00 — Eilenberger ist scharf, aber präzise in seiner Kritik: Das Problem ist nicht die analytische Philosophie als Denkweise — sondern als institutionelles Machtprojekt.

Der Kern seiner Kritik:

  • Monopolanspruch auf Klarheit: „Anonymisierte Mündigkeit gibt es nicht” — wer sagt, Philosophie müsse “klar” und “unpersönlich” sein, treibt Studierenden den persönlichen Bezug aus. Das ist keine Klarheit, sondern institutionelle Gewalt.
  • Peer Review als Perversion: Das akademische Karrieresystem (20-seitige Artikel auf Englisch, DFG-Anträge, Citation Index) hat die analytische Philosophie zur dominierenden Strömung gemacht — nicht weil sie die besten Antworten hat, sondern weil ihr Format sich am einfachsten standardisieren lässt.
  • Sackgasse auf dem Höhepunkt: ▶ 41:57 Die analytische Philosophie befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer institutionellen Macht — und hat sich gleichzeitig in eigene Labyrintgassen manövriert. „Ausdifferenzierung bis ins grotesk Lächerlichste von Verästelung von Seitenfragen, die niemanden interessieren”.

▶ 45:46 — Das Härteste: Die Philosophie hat sich damit selbst verraten. Die Menschen, die Eilenberger in seinen Büchern behandelt — Wittgenstein, Benjamin, Arendt, Weil — haben Reportagen, Dramen, Essays, Drehbücher geschrieben. Kein einziger von ihnen hat 20-seitige Artikel auf Englisch produziert. Und sie haben die Philosophie des 20. Jahrhunderts geprägt.

„Die Verengung der philosophischen Karriere auf das Produzieren von 20-seitigen Artikeln auf Englisch ist vielleicht das Allerschlimmste, was die letzten 30, 40 Jahre passiert ist. Das ist eine Form der Gewalt an der Tradition selbst.”


KI als unerwartete Befreiung

▶ 45:00 — Hier macht Eilenberger einen überraschenden Zug: Die KI-Krise könnte die Philosophie befreien.

Wenn KI akademische Artikel in 30 Sekunden ausspuckt — werden diese Artikel wertlos. Wenn ChatGPT Multiple-Choice-Tests besteht — werden diese Tests sinnlos. Das Prüfungssystem, das 500 Jahre lang stabil war, kollabiert gerade vor unseren Augen.

Für die meisten Disziplinen ist das ein Problem. Für die Philosophie ist es eine Chance. Denn was Mündigkeit bedeutet — zum Moment sprechen, Geistesgegenwart zeigen, die eigene Gegenwart in Worte fassen — das kann keine KI:

„Die KI hat immer eine Nachzeitigkeit. Sie kann das architektonisch schon mal nicht. Sie hat auch gar kein Bedürfnis nach Mündigkeit im Sinne einer sorgenden Wachheit um sich selbst.”

▶ 48:02 — Die Philosophie sollte “außerparlamentarisch” werden — außerinstitutionell. Nicht weil Institutionen böse sind, sondern weil die Chance da ist, sich aus selbstgebauten Labyrinthen zu befreien.

Eigene Einschätzung

Das ist einer der ehrlichsten Gedanken über KI, die ich gelesen habe — nicht weil er KI verherrlicht oder verteufelt, sondern weil er fragt: Was kann ein Mensch, was die Maschine nicht kann? Und die Antwort ist nicht “mehr Wissen”, nicht “schnellere Verarbeitung” — sondern genau das, was die Philosophie immer meinte: Wach sein. Jetzt. In dieser Gegenwart. Das ist die Kernkompetenz, die weder outgesourct noch automatisiert werden kann.


Diagnose vs. Therapie — Die Grenze des Philosophierens

▶ 59:28 — Eine wichtige Grenzziehung: Philosophie ist diagnostisch, nicht therapeutisch.

Eilenberger unterscheidet (mit Foucault): Sagen, was die Gegenwart ist — das ist Diagnose. Was daraus folgt, was man tun soll — das ist Therapie. Philosophen können exzellente Diagnostiker sein. Wenn sie aber beginnen, Therapie zu verschreiben (Klimaaktivismus, Tech-Ethik, “Philosophie als Grundlage für Transformation”), verlassen sie das Feld ihrer Kompetenz.

Das klingt nach Rückzug. Eilenberger meint das Gegenteil: Ohne genaue Diagnose ist keine Therapie möglich. Wer die Gegenwart nicht klar versteht, wird falsche Lösungen produzieren. Das Prioritätenproblem ist real.

Daraus folgt eine Figur der Bescheidenheit — aber nicht der Untätigkeit. Wie Hannah Arendt, Simone Weil, Adorno, Foucault: Sie alle haben sich geweigert, Lösungen zu verkaufen. Stattdessen haben sie die Fragen schärfer gemacht.


Mystik als Sandfluss — Das abgekappte Erbe

▶ 66:23 — Das Ende des Gesprächs ist das überraschendste: Eilenberger argumentiert, dass die größte Selbstverkürzung der modernen Philosophie die Abkopplung von der mystischen Tradition war.

Er benutzt eine Bild aus Alice Springs: Mitten durch die australische Wüste zieht sich ein grüner Streifen. Der Grund: ein Sandfluss unter der Oberfläche — Wasser, das im Sand fließt, nie an die Oberfläche kommt (sonst würde es verdunsten), aber die Wüste von unten begrünt.

„Die Tradition der Mystik ist ein Sandfluss der philosophischen Tradition. Die Wüste ist ziemlich gewachsen — wir brauchen wieder ein bisschen klareres Grün.”

Was er meint: Es gibt Formen der Geistesgegenwärtigkeit, die nicht über sprachliche Differenzierung laufen. Nicht-Denken als Praxis. Sammlung. Stille. Das war — von Meister Eckhart über Simone Weil bis zur japanischen Philosophie — immer Teil der philosophischen Tradition. Die akademische Moderne hat es ausgesperrt.

▶ 70:57 — Eilenbergers Begrenzung ist ehrlich: Er kann nicht einfach in indigene oder östliche Traditionen einsteigen — dazu fehlt ihm das sprachliche Wissen. Aber die europäische mystische Tradition (Eckhart, Tauler, Simone Weil) — die könnte man wieder aktivieren.

Eigene Einschätzung

Hier kreuzt sich Eilenbergers Philosophie mit dem, was Vipassana für mich ist: eine Praxis, die nicht über Begriffe läuft, aber Geistesgegenwärtigkeit produziert. Goenka würde sagen: Anicca beobachten ist kein kognitiver Akt — es ist ein Akt des Gewahrseins. Was Eilenberger den “Sandfluss der Mystik” nennt, fließt bei Goenka durch jede Stunde auf dem Kissen. Ich denke, diese Verbindung ist tiefer als die akademische Philosophie wahrhaben will.


Verbindungen

  • Agnes Callard - Warum lohnt sich ein sokratisches Leben — Callard führt vor, was Eilenberger fordert: Philosophie als öffentliche, gelebte Praxis statt Schulbetrieb. Beide markieren dieselbe Grenze — Eilenbergers „Mystik als Sandfluss” jenseits des Begriffs entspricht Callards Zugeständnis an den Zen-Mönch, der vielleicht ohne Argument weiß, wie er leben soll.

  • Hannah Arendt — Denken ohne Geländer — Arendt ist für Eilenberger eine der exemplarischen Verkörperungen von Geistesgegenwart; beide betonen: Denken ist ein eigenständiger Akt, kein Instrument für andere Zwecke. “Denken ohne Geländer” = Fundamentverlust als Freiheitsbedingung.

  • Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes — Ricards Meditationspraxis ist genau das “Nicht-Denken”, das Eilenberger als Sandfluss der Mystik beschreibt; wo Eilenberger philosophisch argumentiert, verkörpert Ricard die Praxis.

  • S.N. Goenka — Vipassana — Vipassana ist das direkteste Gegenstück zu Eilenbergers Mystik-These: eine nicht-sprachliche, präzise Methode der Geistesgegenwart — Anicca, Vedana, Upekkha als Werkzeuge des Gewahrseins jenseits des Begriffs.

  • Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit — Rosa diagnostiziert Beschleunigung als das Grundproblem der Moderne; Eilenbergers Geistesgegenwart ist strukturell eine Antwort darauf — wer wach im Moment ist, kann nicht gleichzeitig in Resonanz mit der Beschleunigung stehen.

  • Erich Fromm — Haben oder Sein — Fromms Kritik der Habens-Orientierung spiegelt Eilenbergers Kritik der Philosophie als Karrieresystem: Wissen als Besitz (Artikel, Zitationen, Stellen) statt Wissen als Sein (Geistesgegenwart, Mündigkeit).

  • Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer — Mausfeld analysiert, wie institutionelle Macht intellektuelle Konformität erzwingt; Eilenbergers Beschreibung der analytischen Philosophie als institutionelles Machtprojekt ist dieselbe Analyse im akademischen Innenraum.

  • Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit — Bonhoeffers “Dummheit” als soziales Phänomen, das Institutionen produzieren, findet sein Äquivalent in Eilenbergers “Philosophie, die Studierenden den persönlichen Bezug austreibt”.

  • Manfred Spitzer — KI, Gehirn und Lernen — Spitzer untersucht, was digitale Medien mit dem Gehirn machen; Eilenberger dreht den Blick: Was kann das Gehirn, was KI nicht kann? Die gemeinsame Frage: Was ist genuiner menschlicher Geist?

  • Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel) — Ebenfalls ein scobel-Gespräch; Nosthoff analysiert die technokratische Logik von außen, Eilenberger von innen (wie Philosophie sich selbst in die Technikdienerin verwandelt hat).

  • Immanuel Kant — Was ist Aufklärung? — Kants Sapere aude ist die Antwort auf Eilenbergers Frage: Was wäre echte Philosophie? Denken als Haltung und Mut, nicht als akademische Karrieretechnik. Eilenbergers Kritik am Vernünften-Betrieb der Hochschulphilosophie ist Kants eigener Begriff des Vernünftelns — Argumente ohne Wahrheitsanspruch, Form ohne Haltung.

  • Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen — Haidts Pluralismus moralischer Grundlagen resoniert mit Eilenbergers Pluralitäts-These: Es gibt kein “eine wahre Moral” — genauso wenig wie “eine wahre Philosophie”.

  • Annette Kehnel — Vom Mittelalter für die Zukunft lernen — Kehnel rehabilitiert mittelalterliches Denken als Ressource; Eilenberger nennt dieselbe Periode: Meister Eckhart, Tauler — mystische Traditionen, die ausgesperrt wurden.

  • Erich Fromm — Die Welt lieben, SRF 1979 — Fromm kritisiert im 1979er Interview dieselbe Passivitätsfalle: Analyse als Wissen-besitzen statt Wissen-leben; der Spinoza-Hinweis (“Lesen von Spinoza kann bessere Therapie sein”) ist Eilenbergers These in Fromms Sprache

  • Walther Ziegler — Adorno in 60 Minuten — Eilenberger beruft sich direkt auf Adornos Dialektik der Aufklärung: Die Vernunft als Werkzeug totaler Beherrschung trägt den Keim der Gewalttätigkeit. Adornos Verdacht gegen das Identitätsdenken fundiert Eilenbergers Kritik am akademischen Philosophiebetrieb

  • Markus Gabriel — Universelle Moral — Beide öffentliche Philosophen mit unterschiedlichem Ansatz: Eilenberger als Philosophiehistoriker, Gabriel als systematischer Denker mit gesellschaftspolitischem Anspruch

  • David Chalmers — Das Hard Problem des Bewusstseins — Chalmers verkörpert einerseits genau das, was Eilenberger kritisiert: Theorieproduktion auf höchstem Niveau. Andererseits zielt er auf die irreduzible Realität des subjektiven Erlebens — das, was Eilenberger Geistesgegenwart nennt. Die Spannung zwischen Theorie-Ambition und Praxis-Forderung ist produktiv.

  • Markus Gabriel — KI als Resonanzfeld und Mu (scobel) — Eilenbergers „Mystik als Sandfluss” und Gabriels Mu-Konzept zielen auf dieselbe Schicht unterhalb des begrifflichen Dualismus. Eilenberger nennt es das abgekappte Erbe der westlichen Philosophie, Gabriel findet es als lebendige Ressource der Kyoto-Schule wieder. Beide bei scobel, beide zur Frage: Was kann Philosophie leisten, was KI nicht kann?

  • Marquardt - Zeit als Schluessel zum guten Leben — Marquardt beschreibt denselben Ort, den Eilenberger als Geistesgegenwart benennt: das vollständige Eintauchen in die eigene Gegenwart. Wo Eilenberger erkenntnistheoretisch fragt (Was ist meine Gegenwart?), zeigt Marquardt phänomenologisch, wie man dorthin gelangt — durch Rituale, Genügsamkeit und das Sich-anrufen-lassen. Beide SRF Sternstunde Philosophie, beide gegen den Zeitfetisch der Moderne.