Worum es geht

Wir sind politisierter denn je — und ändern nichts. Anton Jägers „Hyperpolitik” erklärt, warum die Wut von BLM bis Gaza verpufft: Repolitisierung ohne Reinstitutionalisierung. Das ARTE-Format „Offene Ideen” führt in zwanzig Minuten durch ein Jahrhundert politischer Kultur — von der Massenpolitik, in der die Partei noch das ganze Leben trug, über die technokratische Postpolitik der Neunziger bis zur heutigen Dauererregung ohne Unterbau. Die Frage im Titel beantwortet das Video indirekt: Engagement lohnt sich — aber nicht in der Form, in der wir es gerade betreiben.

Anlass — 13. Juli: Staatstag Montenegros

Montenegro begeht heute seinen Staatstag mit doppeltem Grund: 1878 erkannte der Berliner Kongress das Fürstentum als 27. unabhängigen Staat der Welt an — und am 13. Juli 1941 erhob sich das Volk gegen die italienische Besatzung, in einem der ersten Massenaufstände im faschistisch besetzten Europa. Der Tag markiert die eine Fallhöhe: 1941 war Aufbegehren eine Frage von Leben und Tod — und es war organisiert, getragen von Strukturen, die Menschen über Jahre banden. Heute fragt sich der Einzelne zwischen zwei Instagram-Stories, ob sein Engagement überhaupt etwas bewegt. Der Kontrast der Fallhöhen ist selbst der Gedanke dieser Note.

Quelle: Lohnt sich politisches Engagement noch? | Offene Ideen | ARTE (13.06.2026)

Wer spricht?

Anton Jäger (1994, Belgien) — Historiker der politischen Ideen, Dozent an der KU Leuven und in Oxford, promoviert in Cambridge über den amerikanischen Populismus des 19. Jahrhunderts; bekannt geworden mit dem Begriff der Hyperpolitik (Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen, Suhrkamp 2023). Er schreibt u.a. für die New York Times, Jacobin und den Guardian. Im ARTE-Format entfaltet er seine Epochendiagnose; dazu Einspieler der Techniksoziologin Zeynep Tufekci (Twitter and Tear Gas) und französischer Politikwissenschaft. → DenkerVita


Inhalt

Das grausame Paradox von 2020

▶ 1:41 — Jägers Ausgangspunkt ist eine Zahl, die eigentlich Hoffnung machen müsste: Nach dem Mord an George Floyd gingen fast 25 Millionen Amerikaner auf die Straße — mehr als in der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger, die größte Protestbewegung der amerikanischen Geschichte. Und dann der zweite Blick, fünf, sechs Jahre später: Es hat sich fast nichts geändert; bei manchen Problemen wurde es schlimmer.

▶ 2:26„Wenn man schaut, wie die Proteste organisiert sind […] dann sieht man eigentlich, dass es fast keine Strukturen oder Institutionen gibt, die das wirklich angetrieben haben.”

Man könne sich, sagt Jäger, eine Gesellschaft vorstellen, in der alle ideologisch einig sind, dass Polizeigewalt ein Problem ist, in der es permanente Kritik an Polizeigewalt gibt — und in der die Polizeigewalt trotzdem nicht abnimmt. Genau das sei „das grausame Paradox” von Black Lives Matter: Das Bewusstsein hat sich geändert, die institutionelle Realität nicht. Demonstrationen wirken auf die öffentliche Meinung — aber ohne Organisation hat die Politisierung keine Folgen.

Hyperpolitik: Repolitisierung ohne Reinstitutionalisierung

▶ 3:59 — Jägers Diagnose steht in einem Satz, der das ganze Buch trägt:

„Die schnelle Definition würde sein: Repolitisierung ohne Reinstitutionalisierung.”

Er spannt zwei Achsen auf. Die eine misst die Politisierung: Geht man wählen, demonstriert man, streitet man, unterschreibt Petitionen, postet engagierte Inhalte? Die andere misst die Institutionalisierung: Gehört man Parteien oder Gewerkschaften an, ist man eingebunden in Strukturen, die überdauern? In der Massenpolitik des 20. Jahrhunderts waren beide hoch. In der Postpolitik der Neunziger beide niedrig. Die Hyperpolitik der Gegenwart ist die schiefe Kombination: Politisierung stark, Institutionalisierung schwach — viel politische Aktivität, aber individualisiert, kurzfristig, eilig.

Das ist eine präzisere Beschreibung als das übliche Lamento über „Politikverdrossenheit”. Die Menschen sind nicht verdrossen — sie sind hochgradig erregt. Nur findet die Erregung keinen Ort, an dem sie sich in Macht übersetzen ließe.

Social Media: Die Kosten des Ausdrucks fallen — und mit ihnen die Bindung

▶ 4:44 — Warum jetzt? Jägers erste Antwort ist medientechnisch. Soziale Medien haben die Kosten des politischen Ausdrucks radikal gesenkt: Früher brauchte man eine Plattform — eine Partei, einen Verband — und wurde durch die Organisation gefiltert; heute äußert sich jeder ohne Mandat und ohne Zustimmung von irgendwem. Man kann sich „sehr kurzfristig und sehr billig” einem Kollektiv anschließen —

▶ 5:30„Aber das Kollektiv dauert nicht sehr lange. Man kann Teil einer Hype sein, die ein oder zwei Wochen dauert. […] Wenn die Debatte dann getan ist, kann man sich wieder zurückziehen.”

Dazu die soziale Unterfütterung: Seit Corona, Streaming, Lieferdiensten und Remote-Arbeit verbringen die Menschen mehr Zeit zu Hause — die amerikanische Bevölkerung war 2023 täglich anderthalb Stunden weniger draußen als 2003, Berichte sprechen von einer „Epidemie der Einsamkeit”. Der Beitrag wird gepostet, dann wird weitergescrollt. Die Techniksoziologin Zeynep Tufekci liefert im Einspieler den entscheidenden Kontrast: Die Bürgerrechtsbewegung, die 1955 den Busboykott von Montgomery organisierte — Flugblätter heimlich vervielfältigt, über Dutzende Organisationen von Hand verteilt —, erledigte mit dieser mühsamen Logistik nicht nur Aufgaben. Sie erschuf dabei die Organisation selbst: ein Gebilde, das kollektiv denken und harte Entscheidungen treffen konnte. Occupy dagegen organisierte globale Märsche in zwei Wochen — und hatte danach nichts in der Hand.

Weitergedacht

Wenn die Mühsal der Organisation — Flugblätter falten, Säle mieten, Beiträge eintreiben — nicht Nebenkosten des Protests war, sondern sein Kapital: Lässt sich dieses Kapital überhaupt digital bilden, oder ist die Reibung selbst der Rohstoff?

Als die Partei noch das ganze Leben trug

▶ 8:40 — Um die Gegenwart zu vermessen, braucht Jäger die Epoche davor: die Massenpolitik der industriellen Moderne, hohe Politisierung und hohe Institutionalisierung. Sein schönstes Beispiel ist Didier Eribons Erinnerung an seine kommunistische Familie in Reims: Die Partei war „das unbestrittene Organisationsprinzip” des Verhältnisses zur Politik — nicht eine Meinung, sondern eine Lebensform. Jäger ergänzt aus eigener Anschauung:

▶ 10:11„Es gab einfach Autos, mit denen man nicht gefahren ist, wenn man Kommunist war. Das war das Gleiche in Belgien: Als Mitglied der christdemokratischen Partei hatte man seine eigene Zeitschrift, seine eigenen Krankenhäuser, seine eigenen Schulen.”

Das ist die belgische Verzuiling, die Versäulung der Gesellschaft — und sie hatte ihren Preis: Die Institution kontrollierte auch das Privatleben. Niemand sollte diese Welt zurückwünschen, und Jäger tut es nicht. Aber sie erklärt, was verloren ging: Zugehörigkeiten, die Verpflichtung erzeugten, und Apparate, die Wut in Programm übersetzen konnten. Wo die Sternstunde vom 13. Juli fragt, wie 1941 ein ganzes Land binnen Tagen zum Aufstand fand — hier steht die halbe Antwort: Es gab Strukturen, in die der Zorn einrasten konnte.

Postpolitik: Als Politics und Policy sich schieden

▶ 11:42 — Der Abstieg begann nicht mit dem Internet. Ende der Siebziger schwächte die Politik gezielt die Gewerkschaften, um unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen; die Parteien professionalisierten sich und rückten von ihrer Basis ab — Otto Kirchheimers „Catch-All-Parteien”, die keine Klasse mehr vertreten, sondern Kommunikationsstrategien fahren. Mit dem Ende der Sowjetunion verschwand die Alternative, Fukuyama verkündete das Ende der Geschichte. Es folgte die Postpolitik: schwache Politisierung, schwache Institutionalisierung.

Jägers analytisch stärkster Zug ist die Trennung von Politics und Policy: In der Massenpolitik waren Koalitionsbildung und Programmumsetzung eng verbunden — man wählte eine Partei, sie regierte, sie führte ihr Programm aus. Die Postpolitik riss beides auseinander: Politics wurde Medienspektakel, Policy wanderte zu Technokraten — Zentralbanken, supranationale Organisationen, „die kein Mandat von Wählern haben, aber technokratisch ein Programm durchführen, das nicht viel zu tun hat mit der Frage, wer die Wahl gewonnen hat”. Die Menschen zogen sich ins Private zurück; Konsum und Lifestyle wurden zur einzigen Sphäre, in der Veränderung noch möglich schien — „Open your mind statt Change the state”.

2008: Die Wut kehrt zurück — und läuft ins Leere

▶ 15:36 — Die Finanzkrise beendete den Mythos der Expertenregierung. Die Staaten hatten soziale Probleme mit Verschuldung und Privatkrediten übertüncht; als das System kollabierte, wollten die Menschen ihr politisches Schicksal zurück. Die 2010er wurden — Jäger zitiert die Forschung — zur protestreichsten Dekade der Menschheitsgeschichte: Arabischer Frühling, Indignados, Griechenland, Occupy Wall Street; auch die Wahlbeteiligung stieg wieder. Repolitisierung, unübersehbar.

Aber sie läuft ins Leere, weil die Strukturen der Massenpolitik zerfallen sind — und weil das Misstrauen gegen sie bleibt: Die Parteien „haben sich isoliert von der Gesellschaft, befinden sich jetzt im Staat und nicht in der Gesellschaft selber”. Protest ist dann kein gewähltes Mittel mehr, sondern das letzte verbliebene — „weil man das Gefühl hat, dass alle anderen Formen von kollektivem Druck hoffnungslos geworden sind”. Der französische Einspieler ergänzt das Wahlverhalten: „Abstentionnisme dans le jeu” — man interessiert sich für Politik und wählt trotzdem nicht, gerade unter Jungen, weil Wählen heißt, seine Macht abzugeben, ohne sie zurückholen zu können.

Die Flucht ins Symbolische

▶ 18:52 — Der vielleicht unbequemste Gedanke des Videos: Wenn strukturelle Veränderung unerreichbar scheint, sucht sich der politische Impuls das, was erreichbar ist — das Zwischenmenschliche.

„Dann ist es natürlich sehr attraktiv, das Interpersönliche zu ändern — die Hygiene darüber, was man sagt oder wie man es sagt, welches ideologische Vokabular man gebrauchen muss. […] Politik hat dann strukturell eine Tendenz zum Symbolischen.”

Das ist keine Häme gegen Sprachsensibilität, sondern eine Mechanik: Die Sorgfalt im Reden ist dort am intensivsten, wo die Macht über die Verhältnisse am kleinsten ist — nicht, weil die Menschen oberflächlich wären, sondern weil das Symbolische der einzige Hebel ist, der sich noch bewegen lässt. Gegen „die großen wirtschaftlichen und sozialen Themen” hat die Hyperpolitik wenig Macht; also verlagert sie sich dorthin, wo Wirkung spürbar wird. Der öffentliche Raum ist wiederbelebt, bilanziert das Video — aber „auf eine individualistische, emotionale und kurzlebige Weise, die dem Tempo von Social Media entspricht”. Die Machtverhältnisse lässt das unberührt.

Weitergedacht

Jäger beschreibt die Verlagerung ins Symbolische als Folge der Ohnmacht. Aber gilt auch die Rückrichtung — bindet das Symbolische Energie, die sonst in Organisationsaufbau flösse? Oder ist das die bequeme Erzählung derer, die sich das Organisieren ersparen wollen?

Lohnt es sich also?

Die Titelfrage beantwortet das Video nie direkt — und genau darin liegt die Antwort. Jäger ist kein Fatalist: Demonstrationen verändern Bewusstsein und öffentliche Meinung, die Repolitisierung ist real, die Wut hat Gründe. Was fehlt, ist nicht der Wille, sondern die Übersetzung — Institutionen, die aus zwei Wochen Hype zwanzig Jahre Druck machen. Die implizite Pointe: Engagement lohnt sich nicht trotz, sondern erst mit der langweiligen Hälfte der Politik — Mitgliedschaft, Beitragszahlung, Sitzungen, Verantwortung, die man nicht nach dem Newscycle wieder ablegt. Die Bürgerrechtsbewegung gewann nicht, weil sie empörter war als Black Lives Matter, sondern weil ihre Empörung eine Adresse hatte, ein Gedächtnis und eine Kasse.


Faktencheck

Bestätigt — BLM 2020 als größte Protestbewegung der US-Geschichte

Nach dem Mord an George Floyd gingen 2020 rund 15 bis 26 Millionen Amerikaner auf die Straße — nach Einschätzung von Protestforschern die größte Bewegung der US-Geschichte. Jägers „fast 25 Millionen” liegt am oberen Rand dieser Spanne. Die zugrundeliegenden Umfragen wertete die New York Times im Juli 2020 aus. Quelle: Black Lives Matter May Be the Largest Movement in U.S. History (NYT)

Bestätigt — Amerikaner verbringen ~1,5 Stunden mehr zu Hause

Laut Patrick Sharkeys Studie „Homebound” (2024) stieg die täglich zu Hause verbrachte Zeit US-amerikanischer Erwachsener von 2003 bis 2022 um 99 Minuten. Quelle: Sharkey, „Homebound”, Sociological Science 2024, DOI 10.15195/v11.a20

Bestätigt — „Epidemie der Einsamkeit"

Der Begriff ist amtlich: US-Surgeon-General Vivek Murthy legte im Mai 2023 das Advisory „Our Epidemic of Loneliness and Isolation” vor — rund die Hälfte der US-Erwachsenen erlebt demnach Einsamkeit, mit Gesundheitsrisiken auf dem Niveau des Rauchens. Quelle: Our Epidemic of Loneliness and Isolation — U.S. Surgeon General (PDF)

Bestätigt — Anton Jäger, Oxford & Hyperpolitik

Jäger ist Departmental Lecturer in the History of Political Thought am University College, Oxford (zuvor Cambridge, ULB, KU Leuven, Cornell). Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen erschien 2023 bei Suhrkamp (engl. Hyperpolitics, Verso). Quelle: Anton Jäger — University of Oxford, DPIR

Vereinfacht — Die 2010er als „protestreichste Dekade der Menschheitsgeschichte"

Dass die 2010er eine Welle globaler Proteste sahen, ist gut belegt: „World Protests” (Ortiz et al.) dokumentiert fast 3.000 Proteste 2006–2020 mit Höhepunkt 2012/13. Der Superlativ „der Menschheitsgeschichte” ist eine rhetorische Zuspitzung — die Studie zählt Proteste des 21. Jahrhunderts, nicht aller Epochen. Der Trend stimmt, die Höchststufung ist nicht sauber messbar. Quelle: Ortiz et al., World Protests (Springer, Open Access)

Bestätigt — Wahlbeteiligung stieg im Zug der Repolitisierung

Für die USA hält das klar: Die Präsidentschaftswahl 2020 hatte mit 66,7 % der Wahlberechtigten die höchste Beteiligung seit 1900; als pauschale Aussage über alle westlichen Demokratien wäre es uneinheitlicher. Quelle: Pew Research Center

Bestätigt — Tufekcis Kontrast Busboykott vs. Occupy

Der Einspieler-Gedanke stammt aus Zeynep Tufekcis Twitter and Tear Gas (2017) bzw. ihrem TED-Talk (2014): Die mühsame Logistik des Montgomery-Busboykotts von 1955 erschuf die handlungsfähige Organisation, während digital organisierte Massenproteste schnell mobilisieren, aber ohne dauerhaften Unterbau bleiben. Quelle: Zeynep Tufekci, „Online social change: easy to organize, hard to win” (TED 2014)

Bestätigt — Kirchheimers Catch-All-Partei & Eribons Retour à Reims

Otto Kirchheimer prägte die These der „catch-all party” Mitte der 1960er; Didier Eribons Rückkehr nach Reims (2009) schildert die kommunistische Arbeiterfamilie, in der die Partei „das unbestrittene Organisationsprinzip” war — genau in Jägers Sinn zitiert. Quelle: Otto Kirchheimer, „The Transformation of the Western European Party Systems” (1966)


Weiterführende Quellen

Im Video zitierte Werke & Studien:


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Hyperpolitik „Repolitisierung ohne Reinstitutionalisierung” ist — welche Institution wärst du bereit zu tragen, mit Beitrag, Sitzung und Pflicht, auch wenn sie dich langweilt? Und wenn keine: Ist die Diagnose dann nicht auch deine?
  • Die Massenpolitik band Menschen, aber sie kontrollierte auch ihr Privatleben (welches Auto ein Kommunist fahren durfte). Gibt es Bindung ohne Kontrolle — oder ist die Freiheit von der Institution genau das, was wir nicht aufgeben wollen und dann Ohnmacht nennen?
  • Der Aufstand vom 13. Juli 1941 war Massenpolitik im äußersten Ernstfall: organisiert, verbindlich, tödlich riskant. Was davon ist Vorbild, was davon Warnung — und verwechselt die Sehnsucht nach „echtem” Widerstand beides?
  • Wenn Politik „strukturell zum Symbolischen tendiert”, sobald die Macht fehlt — woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Symbol, das Organisation stiftet (der Busboykott), und einem, das sie ersetzt (der Repost)?
  • Jäger verortet Policy bei ungewählten Technokraten. Aber wer Zentralbanken wieder der Wahlpolitik unterwirft, bekommt auch Trumps Zugriff auf die Fed. Ist Entpolitisierung der Institutionen Schutz oder Enteignung — und wer entscheidet das?

Verbindungen

Sternstunde Philosophie — Droht ein neuer Faschismus

Die Schwester-Note desselben Gedenktags — und das präzise Gegenstück zu Jägers Leerstelle: Redeckers These, das faschistische „Wir” existiere vor der Mobilisierung gar nicht, sondern werde durch die Beschwörung des Diebstahls erst erzeugt, zeigt, dass die Rechte genau die (Re-)Institutionalisierung baut, die Jäger auf der zivilgesellschaftlichen Seite vermisst.

Kevin Kühnert — Lobbyist für die Zivilgesellschaft

Die Innenansicht zu Jägers Außendiagnose: Kühnerts „Snippet-Politik” ist die gelebte Politics/Policy-Trennung, und sein Befund der ins Kulturelle verschobenen sozialen Frage ist empirisch dasselbe wie Jägers Flucht ins Symbolische — bestätigt von einem, der drin war.

El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften

El-Mafaalanis Paradox spiegelt Jägers BLM-Paradox von rechts: gleiche Leute, gleiche Einstellungen — vorher resignativ still, jetzt die Aktivsten. Das sind Jägers gefallene „Kosten des Ausdrucks”, soziologisch quantifiziert: Nicht die Meinungen kippten, ihre Aktivierung.

Martin Oetting — Faschismus stoppen mit der Wahrheit

Oetting verschreibt genau die Reinstitutionalisierung, die Jäger als fehlend diagnostiziert: eine neue Organisation für kollektiven Druck. Produktive Reibung — Oetting normativ-appellativ, Jäger analytisch-illusionslos.

Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft

Mau schärft Jägers Einwand gegen das Verdrossenheits-Lamento: Die Menschen sind nicht apathisch, sondern erregt — und die Spaltung ist weniger real als über Triggerpunkte medial hergestellt. Frage an Jäger zurück: Inflationiert die Hyperpolitik auch die Wahrnehmung von Konflikt selbst?

Martin Andree - Monopole zerstoeren unsere Demokratie

Die politökonomische Unterfütterung: Wenn die Kosten des politischen Ausdrucks fallen, dann auf Plattformen, die wenigen Konzernen gehören — die Öffentlichkeit, in der Jägers Hype-Kollektive entstehen, ist selbst monopolisiert. Zur Medientechnik kommt die Eigentumsfrage der Infrastruktur.

Walther Ziegler — Habermas in 60 Minuten

Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit ist die historische Tiefenschicht unter Jägers Epochendiagnose — die Verflüssigung der politischen Meinungsbildung, bei Jäger bis zur digitalen Dauererregung weitergetrieben.