GedankenraumAladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt
Misstrauen verbindet stärker als jeder gemeinsame Glaube. Und wo Recht das Vertrauen ersetzt, wird es zur Prothese, schwächer als der Muskel, den es ersetzt.
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Frans Masereel — expressionistischer Holzschnitt in Schwarz-Weiß mit einem einzigen Rot: nächtliche Mietskasernen, in jedem Fenster eine vereinzelte Figur am leuchtenden Bildschirm, über die Dächer ein rotes Fadennetz, das die Isolierten zu einem Gewebe verknüpft — im Hintergrund die gerissene Fassade der Institutionen. Masereels Bildwelt der modernen Vereinzelung, ins Algorithmus-Zeitalter gedreht: genau El-Mafaalanis Vergemeinschaftung des Misstrauens.
Prompt: Expressionist woodcut in the style of Frans Masereel, stark black and white, a dense nocturnal city of tenement blocks, in many lit windows solitary figures sitting alone hunched over small glowing screens, thin luminous red threads running from window to window across the dark rooftops weaving the isolated figures into one tangled web, a great crack running through a monumental bank and parliament building in the background, high contrast bold carving marks, palette of black, white and a single vivid red, wide banner, no photorealism, no realistic faces
Quelle: Weiterdenken mit Aladin El-Mafaalani – taz FUTURZWEI-Talk Gesprächspartner: Peter Unfried (Chefredakteur taz FUTURZWEI)
Aladin El-Mafaalani (*1978, Ruhrgebiet) — Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der TU Dortmund. Sohn syrischer Einwanderer, aufgewachsen im Ruhrgebiet. Studierte Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaft, Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. Bekannt für öffentlichkeitswirksame Analysen zu Integration, Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftlicher Polarisierung. Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Soziologiepreises für öffentliche Wirksamkeit. Wichtigste Bücher: Das Integrationsparadox (2018), Mythos Bildung (2020), Wozu Rassismus? (2021), Kinder — Minderheit ohne Schutz (2025, nominiert für Deutschen Sachbuchpreis), Misstrauensgemeinschaften (2025).
Das Ausgangsproblem: Vertrauensverlust als persönliche Erfahrung
El-Mafaalani schildert, wie ihn Freunde und Bekannte nach der Pandemie mit Aussagen konfrontierten: Sie vertrauen ihm persönlich, aber nicht seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen — ein TikTok-Video erscheint ihnen plausibler als seine Expertise. Das brachte ihn dazu, sich systematisch mit Systemvertrauen und Misstrauen zu beschäftigen.
19:00 Der entscheidende Unterschied: Die Freunde misstrauen nicht ihm als Person (sie würden ihm Geld leihen), sondern ihm in seiner Rolle als Teil des Wissenschaftssystems.
Vertrauen und Misstrauen: Soziologische Grundlagen
24:25 Bezug auf Georg Simmel und Niklas Luhmann: Vertrauen ist eine riskante Vorleistung, die Komplexität reduziert. Erst die Fähigkeit, Fremden zu vertrauen (generalisiertes Vertrauen), macht moderne Marktwirtschaften und Demokratien möglich — weit über den Dorfmarkt oder persönliche Beziehungen hinaus.
Niklas Luhmann: „Vertrauen reduziert Komplexität."
Im Gespräch — 24:25
Vier Zustände in El-Mafaalanis Modell:
- Blindes Vertrauen — man kennt den Akteur kaum, vertraut trotzdem ohne Basis
- Konstruktives Vertrauen — informiertes, reflektiertes Vertrauen mit Handlungsspielraum
- Konstruktives Misstrauen — kritische Haltung mit dem Ziel, etwas zu verbessern (z.B. kritischer Journalismus, Kontrolle)
- Destruktives Misstrauen — grundlegende Ablehnung des Systems, keine konstruktive Zielrichtung mehr
29:02 Vertrauen fällt mit der Schwerkraft — ein Kipppunkt entscheidet schlagartig. Der Rückweg von Misstrauen zu Vertrauen ist dagegen kaum planbar und extrem schwer.
Das Paradox: Einstellungen stabil, Gesellschaft polarisiert
37:29 Eine der zentralen Thesen des Gesprächs: Auf der Einstellungsebene der Menschen hat sich in den letzten 20 Jahren kaum etwas verändert. Verschwörungsglauben ist stabil niedrig (einstellige Prozentsätze), das Spektrum der Einstellungen ist nicht signifikant nach rechts gerutscht — und dennoch erleben wir eine dramatisch polarisiertere Gesellschaft.
Wie ist das möglich?
39:45 Vergemeinschaftungsprozesse des Misstrauens: Misstrauische Menschen, die früher vereinzelt und handlungsunfähig lebten, werden durch die Digitalisierung miteinander verbunden. Der Algorithmus schickt Misstrauische zu anderen Misstrauischen — ohne dass diese selbst aktiv suchen müssten. Dasselbe Misstrauen, das vorher resignativ und isoliert war, erzeugt plötzlich kollektive Strukturen, Zugehörigkeitsgefühl, Selbstwirksamkeit.
„Gleiche Anzahl von Leuten, gleiche Einstellungen — vorher resignativ und still, jetzt die aktivsten Menschen in unserer Gesellschaft."
Im Gespräch — 39:45
40:33 Entscheidend: Es haben sich Misstrauensinfrastrukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen etabliert — alternative Medien, alternative Währungen (Bitcoin als „Trustless Structure", entstanden direkt nach der Finanzkrise 2008), alternative Parteien (die AfD gründet sich unmittelbar nach Merkels Satz, die Euro-Rettung sei „alternativlos").
"Alternativ" als semantische Verschiebung
60:00 El-Mafaalani weist auf eine aufschlussreiche Begriffsgeschichte hin: Das Wort „alternativ" war in den 1970er und 1980er Jahren links besetzt — es meinte Gegenkultur, Selbstbestimmung, Aufbruch. Die Grünen gründeten sich als Alternative zu den Altparteien. Die taz war eine alternative Zeitung.
Heute bedeutet das Wort fast ausnahmslos: Misstrauen.
- Alternative Medien = Misstrauensinfrastruktur
- Alternative Medizin = Misstrauen gegenüber Schulmedizin
- Alternativwährungen (Bitcoin) = Misstrauen gegenüber Finanzinstitutionen
- Alternative für Deutschland — der Name ist kein Zufall: Merkel erklärte die Euro-Rettung für „alternativlos", wenige Wochen später gründet sich die AfD.
„Alternativ war früher mal so links besetzt. Heute ist es eigentlich immer Misstrauen."
Im Gespräch — 60:00
Linke Bewegungen damals versus heute
63:42 El-Mafaalani unterscheidet strukturell zwischen dem konstruktiven Misstrauen früherer linker Bewegungen und dem heutigen destruktiven Misstrauen rechtspopulistischer Misstrauensgemeinschaften:
- Früher (linke Bewegungen): Misstrauen richtete sich gegen einzelne Akteure — bestimmte Politiker, bestimmte Parteien. Das System selbst war nicht das Ziel. Das erklärt, warum diese Bewegungen konstruktiv blieben und in Institutionen mündeten (Grüne, Bürgerbewegungen).
- Heute: Das Misstrauen ist systemisch — es richtet sich gegen das gesamte demokratische System, nicht gegen einzelne Politiker. Das macht es strukturell anders und für demokratische Integration unzugänglich.
- Zweiter Unterschied: Früher mussten Misstrauende mühsam Infrastruktur aufbauen (Zeitung gründen, Kongresse organisieren). Digitale Algorithmen übernehmen diese Vernetzung heute automatisch und kostenfrei.
Misstrauensgemeinschaften haben kein positives Projekt
68:18 Eine wichtige strukturelle Eigenschaft: Misstrauensgemeinschaften verbindet das Misstrauen — und sonst nichts.
Das Misstrauen erzeugt Zugehörigkeitsgefühl, Selbstwirksamkeit und gegenseitigen Support. Aber es erzeugt noch kein gemeinsames Ziel, das über das Misstrauen hinausgeht. Solange die Energie darin besteht, etablierte Strukturen schlecht zu reden, braucht man auch kein positives Projekt. Die Frage „Was wollt ihr eigentlich?" kommt erst viel später — wenn überhaupt.
Das erklärt auch, warum Misstrauensgemeinschaften sich nicht selbst entzaubern, selbst wenn ihre Kandidaten regieren und scheitern. Das Misstrauen als Kitt der Gemeinschaft bliebe — man würde nur einen anderen Populisten suchen.
Im Gespräch — 68:18
Warum die AfD nicht entzauberbar ist
69:03 El-Mafaalani argumentiert, dass Misstrauensgemeinschaften sich nicht entzaubern lassen — auch nicht durch schlechte Regierungsperformance:
- Wenn Misstrauen die bindende Kraft einer Gemeinschaft ist, wechselt man das Team nicht, weil es schlecht performt. Man sucht dann allenfalls einen anderen Populisten — aber kehrt nicht zur CDU oder SPD zurück.
- In der Regierung haben Rechtspopulisten sogar mehr Möglichkeiten, Misstrauen zu säen und zu wachsen.
- Historischer Beleg: Weder in den USA, noch in Österreich, noch anderswo ist nach rechtspopulistischer Regierungsbeteiligung eine Rückkehr zum demokratischen Mainstream messbar eingetreten.
Populisten als körpergewordenes Misstrauen
71:22 El-Mafaalani erklärt den Erfolg von Figuren wie Trump, Weidel oder Krupalla nicht primär programmatisch, sondern körperlich: Diese Politiker verkörpern das Misstrauen wortwörtlich.
Optik, Gestik, Mimik, Sprachgebrauch, Stil — all das sendet Misstrauenssignale. Eine Figur, die so auftritt, signalisiert der Misstrauensgemeinschaft: „Einer von uns." Das ist keine Frage von Sachpolitik, sondern von Identifikation über Habitus. Das erklärt auch, warum inhaltliche Kritik an diesen Figuren bei ihrer Anhängerschaft regelmäßig ins Leere läuft: Die Identifikation ist nicht rational, sondern gemeinschaftlich.
Das Publikum des taz-Talks kürte in der Abschlussabfrage diese These zu einer der stärksten des Abends: „Zur Karikatur gewordene Rechtspopulistinnen verkörpern das Misstrauen."*
Im Gespräch — 71:22
Was nicht hilft
72:53 Drei Strategien, die El-Mafaalani explizit als unwirksam oder kontraproduktiv einschätzt:
- Ihre Themen übernehmen / ihre Sprache sprechen — verstärkt das Misstrauen der konstruktiv Misstrauenden und grenzt die eigene Basis aus
- Ignorieren — funktioniert nicht, weil Misstrauensinfrastrukturen eigene Reichweiten aufgebaut haben; Misstrauensgemeinschaften sind wie eine Autoimmunerkrankung, die man nicht ignorieren kann
- Angreifen / Antifaschismus als Strategie — Misstrauensgemeinschaften sind gegen genau die Akteure gemeinschaftet, die sie bekämpfen. Angriffe machen sie aggressiver und mobilisierungsfähiger. Die größten Demos in der Geschichte Deutschlands haben die AfD kurzfristig 1 % gesenkt und einen Monat später 3 % steigen lassen.
76:43 Noch ein vierter kontraproduktiver Ansatz: fancy Kommunikationsstrategien. Wer Misstrauenden mit ausgefeilten Botschaften, neuen Narrativen oder professionellem Framing begegnet, macht das Misstrauen nur stärker. Denn aufwändige Kommunikation bestätigt dem Misstrauenden: „Die versuchen mich zu manipulieren." Das Gegenteil von Vertrauen.
77:31 Zusätzlich: Wer pauschal alle AfD-Wähler anspricht (nach dem Motto „wir müssen sie zurückgewinnen"), ignoriert die andere Hälfte der Bevölkerung — die nicht AfD wählt und ebenfalls Vertrauen verliert, wenn die Demokratie sich nur noch um die Misstrauenden dreht.
Was helfen könnte
80:34 Die eigentliche Verschiebung findet nicht im Lager des Misstrauens statt, sondern in der Mitte: Menschen, die früher vertrauten, befinden sich jetzt im unangenehmen Zwischenzustand — weder klares Vertrauen noch klares Misstrauen. Dieser Zustand ist psychologisch belastend und treibt Menschen zur Entscheidung, kippt also tendenziell ins Misstrauen.
79:02 Ein oft übersehener Indikator: Steigende Wahlbeteiligung ist kein Zeichen demokratischen Erstarkens. Sie zeigt die Aktivierung zuvor resignierter Misstrauender. Solange die Wahlbeteiligung sank, waren Misstrauende zwar zahlreich, aber handlungsunfähig und isoliert. Jetzt, da sie digital vernetzt sind, gehen sie auch wählen — und wählen AfD. Wer also bei Rekordbeteiligung denkt „Die Demokratie lebt", übersieht, wessen Energie da plötzlich mobilisiert wird.
Das bedeutet: Das Ziel ist nicht, Misstrauensgemeinschaften umzudrehen, sondern den Vertrauensverlust in der Mitte zu stoppen.
84:24 Dafür benennt El-Mafaalani zwei Handlungsfelder:
1. Staatliche Kernaufgaben funktionsfähig machen: Bildungssystem, Bundeswehr, Infrastruktur, Deutsche Bahn — all jene Bereiche, in denen der Staat legitimer Monopolist ist, funktionieren gerade nicht zufriedenstellend. Es gibt gute Gründe für Vertrauensverlust — und das muss man anerkennen. Das geplante Sondervermögen für Infrastruktur ist ein Schritt in die richtige Richtung.
2. Staatlichen Übergriff im Kleinen reduzieren: Gleichzeitig ist der Staat in Bereichen, in denen er gar nicht gebraucht wird, zu präsent: Dokumentationspflichten, Bürokratie, Kontrollmechanismen, die alle Berufsgruppen belasten. El-Mafaalani liest das als Misstrauen des Staates gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern. Die Kombination ist politisch toxisch: „Das was er machen müsste, kriegt er nicht hin. Und das was er nicht machen muss, macht er und nervt dabei."
Der beschlossene (noch nicht umgesetzte) Bürokratieabbau auf Bundes- und Länderebene sei zumindest in die richtige Richtung formuliert.
89:45 Wichtige Ergänzung zur Vertrauensentstehung: Vertrauen braucht keine Perfektion — es braucht spürbare Bewegung in die richtige Richtung. Wenn Dinge langsam besser werden, wenn jemand merkt, dass es aufwärts geht — das reicht als Grundlage für Vertrauen. Weil Vertrauen eine riskante Vorleistung ist, genügt das Signal „es verbessert sich". Das Gegenteil ist ebenfalls wahr: Wenn trotz großer Anstrengung nichts spürbar besser wird, entsteht kein Vertrauen — egal wie gut die Absichten sind.
Exkurs: USA vs. Deutschland — warum die Misstrauensgemeinschaften dort früher entstanden
59:03 Die Finanzkrise 2008 war in den USA strukturell verheerender als in Deutschland. Während Deutschland glimpflich davonkam (u.a. durch Merkels Vertrauenskapital), traf die Krise die USA mit voller Wucht: Massenarbeitslosigkeit, Zwangsversteigerungen, kollabierter Mittelstand.
In den USA entstanden deshalb zuerst und am stärksten jene Misstrauensinfrastrukturen, die El-Mafaalani beschreibt:
- Bitcoin (Oktober 2008, direkt nach Lehman)
- Tea Party (2009)
- Occupy Wall Street (2011)
- Trump als politische Eskalation (2016)
„In Deutschland ist es bis heute nicht klar, was ab 2008 in den USA los war."
Hören — 59:03
Daraus folgt: Was die USA vor Deutschland erlebt haben, ist kein amerikanisches Phänomen — es ist ein Vorbote. Die Misstrauensgemeinschaften, die dort entstanden, sind durch soziale Medien und digitale Vernetzung inzwischen auch in Deutschland und Europa angekommen.
Exkurs: Vertrauen als politische Ressource — Merkel und die Finanzkrise
55:14 El-Mafaalani beschreibt anhand der Finanzkrise 2008, warum Deutschland so glimpflich davongekommen ist: Das Vertrauen der Bevölkerung in Angela Merkel war so groß, dass Geldtransaktionen nach ihrer Aussage „Ihr Geld ist sicher" sogar zurückgingen — obwohl Volkswirte öffentlich widersprachen und sie selbst es besser wusste. Das Vertrauen kaufte der Politik Zeit — und Zeit ist in einer Krise die entscheidende Ressource.
„Vertrauen ist wie Muskeln — damit kann man richtig was schaffen. Misstrauen ist das Immunsystem — konstruktiv super wichtig. Misstrauensgemeinschaften sind eine Autoimmunerkrankung."
Im Gespräch — 55:14
Exkurs: Digitalisierung und der schwindende Vorteil der Demokratie
95:07 Eine der provokantesten Thesen des Gesprächs: Die Digitalisierung untergräbt den strukturellen Effizienzvorteil liberaler Demokratien gegenüber Autokratien.
El-Mafaalanis Argument in drei Schritten:
1. Der historische Vorteil der Demokratie Vertrauensbasierte Ökonomien (Marktwirtschaft + Demokratie) waren autoritären Systemen überlegen, weil Kontrolle teuer ist. Wer seinen Bürgern nicht vertraut, muss enorme Ressourcen in Überwachung und Planung investieren. Die DDR ist daran mitpleite gegangen — der Stasi-Apparat war volkswirtschaftlich ruinös.
2. Die digitale Kostenrevolution 95:53 Digitale Tools haben die Kosten für Planung und Kontrolle dramatisch gesenkt. China kann heute die gesamte Bevölkerung tracken und kontrollieren — zu kaum messbaren Grenzkosten. Was früher ganze Volkswirtschaften überforderte, ist heute eine Infrastrukturinvestition.
„China hat ja kaum Kosten gerade alle zu tracken und alle zu kontrollieren. Es ist enorm günstig geworden."
Im Gespräch — 95:53
3. Die demokratietheoretische Konsequenz 96:39 Wenn der Effizienznachteil der Autokratie wegfällt, verlieren alle wissenschaftlich begründbaren Argumente für die funktionale Überlegenheit liberaler Demokratien ihre Grundlage. Demokratien können nicht mehr mit Überlegenheit argumentieren — sie müssen demokratische Werte anders begründen.
97:24 Exkurs zu Francis Fukuyama: Dessen „Ende der Geschichte"-These war laut El-Mafaalani analytisch gar nicht so falsch — sie setzte nur voraus, dass es keinen weiteren technischen Fortschritt geben würde, der die Probleme autoritärer Systeme löst. Genau das tut KI-getriebene Überwachungstechnologie jetzt.
„Die Digitalisierung überwindet die liberale Demokratie nicht. Aber sie wird neu herausgefordert."
Hören — 97:24
4. KI und Monopole — ein weiterer struktureller Widerspruch 98:56 El-Mafaalani fügt eine zweite digitale Herausforderung hinzu: KI und digitale Plattformen funktionieren am besten als Monopole — Google Maps, dominante Social-Media-Plattformen, Large-Language-Models. Das steht im direkten Widerspruch zu einem Kerndogma der liberalen Marktwirtschaft, das gelehrt und vorausgesetzt hat: Monopole sind ineffizient, Wettbewerb ist die Grundlage funktionierender Märkte.
In der digitalen Welt kehrt sich das um: Netzwerkeffekte machen Monopole effizienter. Und monopolistische Akteure, so El-Mafaalani, tendieren strukturell zu autoritären Zügen. Das erzeugt eine weitere systematische Spannung zwischen digitaler Ökonomie und demokratischer Verfassung.
5. Demokratie als Minderheitenposition 101:13 Die langfristige Schlussfolgerung: Liberale Demokratien müssen lernen, in der Minderheitenposition zu bestehen — nicht als Endstufe der Geschichte, sondern als eines von vielen Systemen an einem Tisch. Das Fukuyama-Narrativ („Demokratie ist die Endstufe, alle anderen kommen zu uns hoch") war eine Mainstream-Haltung, nicht nur eine akademische These. Diese Haltung ist nicht mehr haltbar.
El-Mafaalani hält es für wahrscheinlich, dass Europa demokratisch bleibt — aber nicht mehr wirtschaftlich dominant ist. Eine Demokratie, die nicht belernen kann, die keine Überlegenheitsposition mehr hat, aber intern demokratisch bleibt: Das ist ein Modus, den Europa erst noch lernen muss.
Diese These ist keine Kapitulation vor Autokratien — sie ist eine Warnung. El-Mafaalani sagt nicht, Demokratie sei schlechter, sondern: Wir können uns nicht mehr auf Effizienz als Argument verlassen. Das zwingt dazu, Demokratie normativ und wertebasiert zu begründen — was eigentlich die stärkere Begründung ist. Zugleich zeigt es, wie technologisch getriebene Autokratien (China, aber zunehmend auch hybride Regime) strukturell aufholen — nicht militärisch, sondern durch digitale Kontrollinfrastruktur.
Exkurs: Demokratie als Vertrauenswahl
52:07 Landtagswahlen sind oft keine Partei-, sondern Vertrauenswahlen: Man wählt Winfried Kretschmann (oder seinen Nachfolger), weil man glaubt, ihn zu kennen und ihm zu vertrauen — nicht weil man der Partei vertraut. Böckenförde-Theorem: Liberale Demokratie funktioniert nur, weil man vertraut, dass sie funktioniert.
Nachtrag: Lüneburg 2026 — Großzügigkeit gehört zwischen Menschen
Quelle: Aladin El-Mafaalani: Misstrauen und Populismus — Vortrag auf der Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), 52 Min., veröffentlicht am 11.09.2026
Eineinhalb Jahre nach dem taz-Talk steht El-Mafaalani allein auf der Bühne, nach eigener Vermutung als Einziger an drei Konferenztagen. Das meiste ist das Buch in Kurzform: Luhmann, das anstrengende Dazwischen, die vier Strategien, die nicht helfen. Fünf Dinge sind neu. Das letzte gibt der Diagnose eine Richtung, die sie im taz-Talk noch nicht hatte.
Gemeinsames Misstrauen, kein gemeinsamer Glaube
5:23 An den Anfang stellt er den Satz, der ihn nach eigener Aussage monatelang beschäftigt hat:
„Misstrauische Menschen haben angefangen, anderen misstrauischen Menschen zu vertrauen.“
Im Gespräch — 5:23
8:24 Eine neuere Forschungsarbeit zeigt ihm, wie weit das reicht. Die Verschwörungsgläubigen glauben gar nicht an dieselbe Verschwörung. Sie halten die des anderen für Quatsch und verschaffen ihr trotzdem Reichweite, auch wenn sie mit der eigenen konkurriert. Was sie verschweißt, ist das geteilte Misstrauen. Damit wird die These vom fehlenden positiven Projekt schärfer: Die Gemeinschaft hält sogar gegen ihren eigenen Inhalt. Dazu passt ein Befund aus derselben Passage: Nach dem eigenen Umfeld gefragt, sehen die Leute kaum mehr Misstrauen als früher. Nach Deutschland gefragt, sehen sie ein Land voller Misstrauen.
28:21 Neu ist auch eine Unterscheidung, die er selbst „komisch“ nennt: Eine Partei, die Misstrauen repräsentiert, sei in der Politik erst einmal in Ordnung, Parteien sollen die Bevölkerung abbilden. Die Wissenschaft kennt keine Repräsentanz, dort zählt Professionalität. Das Problem beginnt, wenn die Misstrauensinfrastruktur in diese Bereiche hineinwächst.
Haltung ohne Wirkungsbedingung
36:42 Gegen Argumentieren und Demonstrieren hat er nichts. Man müsse nur wissen, wofür man es tut. Dann wird er persönlich, er hat für den Vortrag drei freie Tage hergegeben:
„Ich mache das nicht, weil es gekoppelt ist an: Es muss einen Effekt haben. Ich mache es, weil ich es machen muss … wenn es keinen Effekt hat, ich mach's trotzdem.“ 37:27
Im Gespräch — 37:27
38:16 Der Grund ist strategisch. Schlimmer als jede Wirkungslosigkeit sei eine Großdemo, nach der die Gegenseite aggressiver wird und die Enttäuschten aufhören: Für die Misstrauensgemeinschaft sieht das wie ein Sieg aus. Erfolge gegen solche Prozesse habe es nur durch sehr langes Dagegenhalten gegeben. 39:02 Hier klingt er härter als im taz-Talk. Habecks sauberen Wahlkampf bewundert er und fürchtet zugleich, „man muss aggressiv dagegenhalten“, nicht um die anderen zur Vernunft zu bringen, sondern um die eigenen Kräfte zu mobilisieren. Für den Angriffsmodus der Gegenseite verweist er auf [[Amlinger und Nachtwey — Zerstoerungslust demokratischer Faschismus|Amlinger und Nachtweys Zerstörungslust]].
Erwartung wecken, Erwartung enttäuschen
42:06 Nach seiner Rechnung hatte Olaf Scholz die schlechtesten Vertrauenswerte, die je ein Bundeskanzler hatte, und Friedrich Merz liegt noch darunter. Zwei Minusrekorde in Folge, und El-Mafaalani liest daraus vor allem einen Trend: Auch Angela Merkel würde es heute nicht mehr schaffen. Einen Fehler rechnet er Merz aber persönlich zu:
„Erwartung erzeugen und sie dann enttäuschen ist die Definition von Vertrauen verlieren.“ 42:52
Im Gespräch — 42:52
Das ist die Kehrseite seiner taz-These, Vertrauen brauche spürbare Bewegung in die richtige Richtung. Auf derselben Konferenz warnte Roger de Weck vor dem Deliverism, dem Glauben, eine Regierung müsse nur liefern. Der Lüneburger Satz verschiebt den Streit zwischen beiden. Wie viel geliefert wird, ist nur die halbe Rechnung, den Schaden macht die Lücke zwischen Ankündigung und Lieferung. Wer wenig verspricht und es hält, verliert weniger als einer, der eine Wende ausruft und sie nicht bringt.
Recht als Prothese
43:38 Immer mehr Gesetze, Verordnungen, Bürokratie: Einen Teil denken sich Experten aus, den anderen tragen die Bürger selbst an den Staat heran. 44:24 Er wählt mit Absicht ein schweres Beispiel, die Love Parade 2010. Danach hieß es sofort, das dürfe nie wieder passieren. Seither sind Veranstaltungen teurer und komplizierter, und ganz verhindern lässt sich ein Unglück trotzdem nicht. 45:10 Ähnlich im Nachbarschaftsrecht, beim Zaun, bei den Bäumen, bei der Frage, wer wann was zu tun hat: Das seien keine Gesetze, die Politiker unbedingt machen wollten, „in der Bevölkerung entstand das Bedürfnis, das muss geregelt werden“. Jede Regel braucht eine Verwaltung, die sie überwacht, und Verwaltungen gehen auf Nummer sicher.
„Recht ersetzt Vertrauen, aber es ersetzt es … wie eine Prothese.“ 47:27
Im Gespräch — 47:27
Aus dem Muskel wird Ersatz, der nicht dieselbe Kraft hat. Jede einzelne Regelung erfüllt einen Wunsch, und am Ende ist man schwächer geworden. Das Bild schließt an die Muskel-Metapher des taz-Talks an: Wer Vertrauen zu lange durch Recht ersetzt, verlernt es.
Wenn Recht Vertrauen ersetzt wie eine Prothese — wer sagt nach dem nächsten Unglück, dass man diesmal nichts regelt? Und wer trägt dann die Schuld, wenn es wieder passiert?
Großzügig zwischen Menschen, streng in den Systemen
48:12 Hier landet das Konferenzthema, mit einer klaren Grenze. Wissenschaftler sollen nicht großzügiger werden, sie sollen sich kritisieren „und genauso weiter kloppen auf Tagungen“. Dasselbe gilt für die großen Systeme. 19:01 Richterinnen, Ermittler, Gutachter sind misstrauische Berufe: Sie misstrauen stellvertretend, damit die Bürger es nicht müssen, und leben davon, dass man ihnen vertraut. Großzügig sein sollen die Menschen untereinander, und nicht alles von der Polizei regeln lassen wollen, die inzwischen für Dinge gerufen wird, für die man sie früher nicht rief.
48:58 Wer Vertrauen gibt, bekommt es mit großer Wahrscheinlichkeit zurück. „Vertrauen hat eine Sogwirkung.“ 49:44 Sein Beispiel: Man zieht neu in eine Straße, muss in den Urlaub, klingelt bei einem beliebigen Nachbarn, lädt ihn auf einen Kaffee ein und gibt ihm den Hausschlüssel. Verrückt, sagt er, und doch werde sich dieser Mensch alle Mühe geben, das Vertrauen zu erwidern, solange eine Gesellschaft einigermaßen gesund funktioniert. Wer mit „Hallo, neuer Nachbar, hier sind die Regeln“ anfängt, macht es unmöglich.
Der Vorschlag ist bescheidener als die Forderungen des taz-Talks und zugleich anspruchsvoller. Bescheidener, weil er keine Reform braucht. Anspruchsvoller, weil er einen Teil der Reparatur vom Staat zu den Menschen verlegt, ausgerechnet zu denen, die im Dazwischen schon erschöpft sind. Er setzt dort an, wo die Umfragen das Vertrauen noch intakt zeigen: in der Nachbarschaft. Aber seine Bedingung, „solange eine Gesellschaft einigermaßen gesund funktioniert“, ist genau das, was die Diagnose in Frage stellt. Marina Weisbands Mitbesitz-Idee in Vertrauen, utopisch? und der Vertrauensvorschuss in Vertrauen und das aufgelöste Opfer gehen in dieselbe Richtung.
Faktencheck
El-Mafaalanis These, dass sich Einstellungen auf Bevölkerungsebene in den letzten 20 Jahren kaum verändert haben, ist gut durch Langzeitstudien (z.B. Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung, Allbus) gedeckt. Verschwörungsglauben ist tatsächlich erstaunlich stabil.
Bitcoin-Whitepaper erschien im Oktober 2008, wenige Wochen nach dem Lehman-Zusammenbruch. Das Whitepaper von Satoshi Nakamoto bezieht sich explizit auf das gescheiterte Vertrauen in Finanzinstitutionen. Historisch korrekt.
Die Pressekonferenz mit Merkel und Steinbrück fand am 5. Oktober 2008 statt. Die Aussage hatte messbare Wirkung auf das Verhalten der Bevölkerung. El-Mafaalanis Einschätzung ist durch wirtschaftshistorische Studien gedeckt.
Merkels „alternativlos"-Rhetorik ist korrekt belegt, der direkte kausale Zusammenhang zur AfD-Gründung (2013) ist plausibel, aber vereinfachend. Die AfD entstand aus einem breiten Spektrum von Unzufriedenheiten. El-Mafaalani selbst formuliert es als Deutungsangebot, nicht als bewiesene Kausalität.
El-Mafaalanis Einschätzung, dass digitale Überwachung in China extrem günstig geworden ist, ist gut belegt. Chinas Social-Credit-System, das Kameranetzwerk (über 500 Millionen Kameras laut Schätzungen) und KI-gestützte Gesichtserkennung wurden zu Bruchteilen der Kosten historischer Überwachungsapparate aufgebaut. Die DDR beschäftigte ~91.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter für 17 Millionen Menschen — China kontrolliert 1,4 Milliarden mit einem Bruchteil des Personalaufwands durch Technologie.
El-Mafaalanis Deutung, Fukuyama habe technologischen Fortschritt schlicht nicht einkalkuliert, ist eine plausible Lesart, aber vereinfachend. Fukuyama hat in späteren Werken (The Origins of Political Order, Political Order and Political Decay) sehr wohl technologische und institutionelle Faktoren berücksichtigt. Sein heutiger Standpunkt zu KI und Demokratie ist differenzierter als die El-Mafaalani-Deutung andeutet.
El-Mafaalani selbst bezeichnet diese Schätzung als grobe Einschätzung auf Basis indirekter Indikatoren, nicht als empirisch erhobenen Wert. Die Zahl ist plausibel, aber nicht belegt.
Die These, dass Antifaschismus und Demonstrationen prinzipiell nichts bewirken, ist empirisch schwer zu falsifizieren. El-Mafaalani räumt selbst ein, dass Demonstrieren für die eigene Gruppe sinnvoll sein kann (Sichtbarkeit, Solidarität). Die Hauptaussage — dass man Misstrauensgemeinschaften damit nicht erreicht — ist plausibel, aber die völlige Ablehnung von Mobilisierung als Strategie bleibt umstritten.
Nachtrag Lüneburg 2026
Für die Einstellungen trägt der Befund, für die Gefühle zwischen den Lagern ist „keine einzige“ zu absolut. Über Sachfragen sind die Deutschen weniger gespalten, als die Debatte glauben macht (Mau, Lux & Westheuser, Triggerpunkte, 2023). Auch die Abneigung zwischen Parteianhängern ist in Westdeutschland von 1977 bis 2017 gesunken, so stark wie in keinem anderen der neun untersuchten Länder (Boxell, Gentzkow & Shapiro 2024, doi:10.1162/rest_a_01160, Ländervergleich über vier Jahrzehnte; die Daten enden 2017). Doch genau in El-Mafaalanis Ausgangsfall fand eine Panelstudie affektive Polarisierung zwischen Befürwortern und Gegnern der Corona-Maßnahmen, quer zu den Parteien und über die Zeit stabil (Schieferdecker, Joly & Faas 2024, doi:10.1093/ijpor/edae009, repräsentatives Online-Panel mit Experiment). Die Spaltung verläuft also eher zwischen Meinungsgruppen als zwischen Parteien, gemessen ist sie aber. Bei der Menschenfeindlichkeit gab es einen Ausschlag: Das manifest rechtsextreme Weltbild stieg in der Mitte-Studie 2022/23 auf 8 % und fiel 2025 auf 3,3 % zurück, das Niveau von 2014 bis 2021 (FES Mitte-Studie 2024/25). Seine lange Linie hält, die „ganz kleinen“ Ausschläge waren zwischenzeitlich größer.
Keine unabhängige Quelle gefunden. El-Mafaalani markiert die Zahl selbst als Schätzung („würde ich sagen“). Am nächsten kommt eine Auszählung von Media Matters für die USA: Unter 320 politischen Online-Shows hatten die rechtsgerichteten ein Vielfaches an Followern, neun der zehn größten lehnen sich nach rechts (Media Matters 2025). Das sind Follower statt Hörer, nur ein Land, von einer progressiven Beobachtungsstelle, und „rechtsgerichtet“ ist nicht dasselbe wie „Misstrauensgemeinschaft“. Die Richtung trägt, die Zahl nicht.
Als größter Einzelstrom stimmt es. Nach der Wählerwanderung von Infratest dimap gewann die AfD 2025 rund 1,8 Millionen Stimmen von früheren Nichtwählern, mehr als von Union (≈ 0,83 Mio.), FDP (≈ 0,75 Mio.) oder SPD (≈ 0,63 Mio.) einzeln (Statista nach Infratest dimap). Bei gut 10,3 Millionen Zweitstimmen ist das aber weniger als ein Fünftel der Wählerschaft, die meisten hatten die AfD schon gewählt oder kamen von anderen Parteien. „Genau diese 20 % sind nicht wählen gegangen vorher“ geht über die Daten hinaus. Wanderungsbilanzen sind zudem Modellschätzungen, keine Zählungen.
Sinngemäß richtig, als Zitat nicht. Das Wort trustless steht nicht im Whitepaper vom 31.10.2008, sechs Wochen nach Lehman. Dort ist von den „inherent weaknesses of the trust based model“ die Rede, und der Schluss lautet: „a system for electronic transactions without relying on trust“. Das ausdrückliche Misstrauen gegen Zentralbanken und Banken steht in Satoshi Nakamotos Forumsbeitrag vom 11.02.2009 („The root problem with conventional currency is all the trust that's required to make it work“, Nakamoto Institute), Regierungen nennt auch er nicht. El-Mafaalani kündigt ein wörtliches Zitat an („ich zitiere“), das es so nicht gibt. Neu ist die Lesart auch nicht: Schon der erste Block der Kette (03.01.2009) trägt die Schlagzeile der Times über eine zweite Bankenrettung.
Die Richtung ist gut belegt, das „nahezu 100 %“ ist eine Anekdote. Im Vertrauensspiel geben Menschen einen Vertrauensvorschuss und bekommen im Schnitt einen Teil zurück, aber längst nicht immer (Berg, Dickhaut & McCabe 1995, doi:10.1006/game.1995.1027; Meta-Analyse über 162 Replikationen: Johnson & Mislin 2011, doi:10.1016/j.joep.2011.05.007). Wer gibt, bekommt wahrscheinlicher etwas zurück, sicher ist es nicht.
Weiterführende Quellen
- Aladin El-Mafaalani: Misstrauen und Populismus — Vortrag auf der Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (52 Min.) · Transkript:
Gedankenwelten/Transkripte/Leuphana_ElMafaalani_Misstrauen_Transkript.txt - Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg — Programm, Gäste und Mitschnitte (26.–28.08.2026)
- Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften (2025)
- Niklas Luhmann: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (1968) — Misstrauen als funktionales Äquivalent des Vertrauens
- Carolin Amlinger & Oliver Nachtwey: Zerstörungslust — im Vortrag als Parallele genannt
Verbindungen
→ Alena Buyx — Gesellschaft NEU DENKEN
Einigkeit im Ziel, offener Streit im Werkzeug. Buyx teilt den Befund — der entscheidende Ort ist die Mitte, nicht der Rand — und widerspricht im Mittel: Sie setzt auf Prebunking nach der Inokulationstheorie und auf die Beziehungsebene, während El-Mafaalani jede ausgefeilte Kommunikationsstrategie für einen Verstärker hält, weil sie dem Misstrauenden beweist, dass er bearbeitet werden soll. Der härteste Einwand gegen die Inokulationstheorie kommt hier von jemandem, der dasselbe will.
→ DW Reporter — AfD und rechte Influencer in Sachsen-Anhalt
Eine junge Frau in Querfurt formuliert die Misstrauens-These in Alltagssprache — es werde kein Konsens gefunden, „und dadurch verlieren die Leute prinzipiell einfach das Vertrauen“. Das erdet das Modell: Dieses Misstrauen entsteht nicht algorithmisch. Es entsteht aus einem versprochenen Jugendclub, der nie kam. Erfahrungswissen statt Fehlglaube.
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Martin Oetting — Den Faschismus stoppen, indem man die Wahrheit sagt — Oetting liefert die politische Konsequenz: Der halbgare Regierungs-Mix („das eine sagen, das andere tun") ist genau der Beschleuniger, der konstruktives in destruktives Misstrauen kippt; nur Mut zur unbequemen Wahrheit kann den Vertrauensverlust noch aufhalten
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Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler — komplementäre Analyse: Manow erklärt AfD-Aufstieg durch Globalisierungsverlierer und Öffnung-Schließung-Konflikt; El-Mafaalani ergänzt die psychologisch-soziologische Dimension (Vertrauen/Misstrauen)
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Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus) — Frickes ökonomische Erklärung des Rechtsrucks (Austerität, Ungleichheit) als strukturelle Grundlage für den Vertrauensverlust, den El-Mafaalani beschreibt
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Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft — Heitmeyer beschreibt die gesellschaftliche Verrohung als Folge von Roheitskapitalismus und Individualisierung; beide Analysen zeigen, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt erodiert
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Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen — Haidt erklärt, wie Stammeslogik und moralische Grundsysteme Lager bilden; El-Mafaalani zeigt, wie Misstrauen diese Lagerbildung verstärkt und verselbstständigt
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Jonathan Haidt — Kann ein gespaltenes Amerika heilen? — Haidt fragt nach Wegen aus der Polarisierung; El-Mafaaalanis Befund (Misstrauensgemeinschaften nicht entzauberbar) ist noch pessimistischer
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Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte — Redeckers Konzept des Phantombesitzes als Quelle autoritärer Reaktionen ergänzt El-Mafaalanis Vertrauensanalyse: Vertrauensverlust und Besitzangst speisen beide rechte Bewegungen
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Andreas Kemper — Technofaschismus und die AfD — Kemper analysiert dieselbe Rechten-Bewegung aus Klassenperspektive; El-Mafaalani aus Vertrauensperspektive
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Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke (taz Talk) — ebenfalls ein taz Talk; Potter beleuchtet Autoritarismus auf der Linken, El-Mafaalani erklärt, warum jede Lagerpolitik (links wie rechts) Misstrauensgemeinschaften nicht auflöst
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Ece Temelkuran — So beginnt Faschismus in Amerika — Temelkuran beschreibt den Faschismus-Prozess von innen; El-Mafaalanis Misstrauensgemeinschaften liefern den soziologischen Unterbau dazu
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Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck — Flassbeck erklärt ökonomische Wurzeln des Rechtsrucks; passt zur Finanzkrise-Analyse El-Mafaalanis
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Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit — El-Mafaalanis Misstrauensgemeinschaften zeigen, was Cipollas Modell offenlässt: wie Menschen sich gegenseitig in dieselben Erzählungen ziehen, ohne Plan und ohne Absicht. El-Mafaalani beschreibt die Soziologie (Vergemeinschaftungsprozesse durch Algorithmen), Cipolla die Handlungslogik des Einzelnen (Schaden ohne Eigennutz, keine Gegenstrategie möglich).
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Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit — Bonhoeffers Beobachtung, dass Dummheit als kollektives Phänomen aus Gruppeneinbindung entsteht, korrespondiert direkt mit El-Mafaalanis Vergemeinschaftungsthese
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Hannah Arendt — Denken ohne Geländer — Arendts Pluralismus und Öffentlichkeitsbegriff als demokratietheoretische Folie für El-Mafaalanis Analyse
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Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel) — Nosthoff analysiert kybernetisches Denken als Grundlage technokratischer Kontrolle; el-Mafaalanis These über sinkende Überwachungskosten zeigt die politische Konsequenz: Wenn Kontrolle billig wird, verliert Vertrauen als Organisationsprinzip seinen strukturellen Vorteil gegenüber Steuerung
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Aladin El-Mafaalani — Kinder als diskriminierte Minderheit (taz lab 2025) — Schwesteranalyse aus demselben Jahr: dort Vertrauen/Misstrauen als politische Kraft, hier Demografie und Kindheit als blinder Fleck der Demokratie; beide Bücher zeigen, wie die Demokratie strukturell an sich selbst scheitert
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Daniel - AfD Bundestag-Propaganda Schulvorfall Schleife — Chrupallas emotionale Aufladung (Kinder! Missbrauch! Steuergeld!) produziert Misstrauen gegen die AAS ohne Argument — El-Mafaalanis Modell erklärt, warum diese Strategie funktioniert und einmal entstandenes Misstrauen nicht zurückbaubar ist
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Maurice Höfgen — Heute Show entlarvt Kanzler Merz — Höfgens Einkommensschere liefert den materiellen Grund für El-Mafaalanis Vertrauensverlust-These
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Steffen Mau — Die (gefühlte) Spaltung der Gesellschaft — Mau ergänzt El-Mafaalanis Misstrauensanalyse um die Triggerpunkt-Mechanik: nicht nur Vertrauenserosion, sondern gezielte Aktivierung neuralgischer Zonen erklärt den AfD-Erfolg, besonders in Ostdeutschland
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Steffen Mau — Triggerpunkte: Konsens und Konflikt — Maus Vier-Arenen-Modell und Polarisierungsunternehmer-Konzept zeigt den Mechanismus hinter El-Mafaalanis Misstrauensgemeinschaften: gezielte Aktivierung von Identitäts- und Migrationskonflikten
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Heinz Bude — Gesellschaft der Angst — Bude beschreibt 2014 Misstrauen als neue Form politischer Mobilisierung (Tea Party, Piraten, AfD als „unbestimmte Negation"); El-Mafaalani systematisiert 2025 diesen Befund zur Theorie der Misstrauensgemeinschaften
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Liya Yu — Neuropolitik und die Grenzen der Moral — Yu liefert die kognitive Erklärung für El-Mafaalanis Misstrauensgemeinschaften: Warum Vertrauen so fragil und Misstrauen so leicht aktivierbar ist
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IT Mario — 40.000 Bundestagsreden analysiert: Welche Partei ist wirklich gefährlich? — IT Marios Datenanalyse illustriert El-Mafaalanis Dilemma: ein sachlicher, datengestützter Befund über die AfD wird von AfD-Sympathisanten nicht als Argument wahrgenommen, sondern als Bestätigung des Misstrauens gegenüber „Systemanalysen".
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rp26 — Stresstest für die Demokratie: Sind wir bereit für den Ernstfall in Ostdeutschland? — Romy Arnold und Melanie Stein ergänzen El-Mafaalanis Misstrauensgemeinschaft-Theorie um die strukturelle Dimension: Unterrepräsentation von Ostdeutschen (3% Justiz, 4% Wirtschaft) als historisch berechtigter Grund für Systemskepsis
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Tiana Travels — Das amerikanische Betriebssystem — El-Mafaalanis destruktives Misstrauen und Tianas US-Staatsmisstrauen beschreiben dieselbe Kipppunkt-Dynamik auf zwei Kontinenten: historische Erbschaft (Frontier, Cold War vs. DDR, Enttäuschung nach der Wende) erzeugt strukturelles Misstrauen, das Vertrauensreparatur fundamental erschwert.
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Vertrauen und das aufgelöste Opfer — Die persönliche Gegenbewegung zu El-Mafaalanis Gesellschaftsdiagnose: Wo das Misstrauen sich vergemeinschaftet, setzt der bewusste Vertrauensvorschuss auf der Ebene an, die El-Mafaalani als intakt beschreibt — dem Vertrauen von Gesicht zu Gesicht. Keine Reparatur des Systems, sondern ein Fundament im kleinen Radius.
→ Angela Merkel — Trotz allem: Hoffnung Europa?
Wo El-Mafaalani das Misstrauen analysiert, formuliert Merkel die demokratische Gegendefinition: „jeder deutsche Staatsbürger ist das Volk“ — gegen den völkischen Volksbegriff.
- Anton Jäger — Lohnt sich politisches Engagement noch? — El-Mafaalanis Aktivierungs-Paradox (gleiche Einstellungen, neue Lautstärke) ist Jägers These der gefallenen Ausdruckskosten von der anderen Seite: Social Media politisiert, ohne zu organisieren.
- Liya Yu — Dehumanisierung und Rehumanisierung — Beide suchen, was gegen die AfD wirklich wirkt, und beide verwerfen den Shaming-Diskurs: El-Mafaalani setzt auf Institutionen und Konfliktfähigkeit, Yu auf die kognitive Ebene darunter — Strukturen, die Begegnung ermöglichen, und Gehirne, die sie nicht sabotieren.
→ Düzen Tekkal — Deutschland ist bedroht
Der produktivste Widerspruch: Beide kommen aus demselben Milieu und lesen dieselben Konflikte umgekehrt. Tekkal sieht in Parallel- und Gegengesellschaften das Versäumnis; das Integrationsparadox deutet wachsende Reibung als Beweis des Gelingens. Ihr Integrationsbegriff braucht diesen Einwand, sonst kippt „Haltung statt Herkunft" in eine Prüfung, die man immer verfehlen kann — und dem Paradox fehlt ihre Frage, ob jede Reibung Teilhabe ist oder manche einfach Ablehnung.
→ Alexander Thiele — Rechtspopulismus und der demokratische Verfassungsstaat
Thieles Legitimitätstheorie beschreibt, woran Zustimmung erodiert; El-Mafaalani beschreibt, was danach passiert. Ist das Systemvertrauen einmal aufgekündigt, richtet sich das Misstrauen gegen die Rolle statt gegen die Person und trägt sich selbst — dann hilft auch ein Staat nicht weiter, der wieder liefert. Thieles Corona-Beispiel gehört genau hierher: Die Übergriffigkeitserfahrung traf auf Vertrauen, das durch die Jahre davor schon gebröckelt war. Das macht seinen Optimismus fragiler, als er im Podcast klingt.
→ StreitClub #19 — Extremismus und der Schutz der Demokratie
Der Praxistest der These, dass Misstrauensgemeinschaften sich nicht entzaubern lassen: Deitelhoff legt dort Studien vor, wonach rechtsradikale Parteien in Regierungsverantwortung im Schnitt sechs Punkte gewinnen. Und Hasnain Kazim vertritt an diesem Abend genau die Position, die El-Mafaalani für den Kardinalfehler hält — „Können wir diese Leute zurückholen? Als Demokraten muss es unser Ziel sein." Der Widerspruch bleibt dort unaufgelöst, weil niemand am Tisch die andere Hälfte der Bevölkerung als Adressatin im Blick hat.
→ Paul Ricœur — Die zweite Naivität
Die philosophische Vorgeschichte des Befunds: Hermeneutik des Verdachts nennt Ricœur das, was Marx, Nietzsche und Freud der Moderne beigebracht haben — hinter jeder Aussage ein Interesse zu vermuten. Er hält diese Schule für unumgänglich und ihre Verabsolutierung für den Ruin: Wer nur noch entlarvt, hört irgendwann nichts mehr, weil die Brille, die überall Maschinerie sieht, sie auch dort sieht, wo keine ist. Die Misstrauensgemeinschaften sind, was daraus wird, wenn eine ganze Gesellschaft nur diese eine Hälfte gelernt hat.
→ Torsten Wilholt — Wahrheit und Wissen
Wilholt behandelt die Mitteilung anderer als Quelle des Wissens. Damit wird der Vertrauensverlust, den El-Mafaalani beschreibt, auch zu einem Verlust an gemeinsamem Wissen, und die Trennung von Fallibilismus und Skeptizismus entspricht der von konstruktivem und destruktivem Misstrauen.
→ Elif Eralp — Berlin-Wahl 2026 bei Jung & Naiv
Eralps Wahlsieg prüft die These der spürbaren Bewegung. Sie verspricht Kleinigkeiten wie Müll, Takt und Schlagloch und begründet ihre Polizeikritik mit dem Vertrauen, das ein Staat verspielt, wenn er Bürgern ohne Anlass misstraut.
→ Der Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen
Nach den Landtagswahlen 2026 nennt eine Journalistenrunde die AfD mit de Maizière eine „Hoffnungspartei“. Die Misstrauensgemeinschaft ohne positives Projekt ist der Einspruch dagegen. Die Nachwahldaten aus Mecklenburg-Vorpommern sprechen diesmal eher für das Wort: Der Anteil der AfD-Wähler aus Überzeugung stieg seit 2016 von 24 auf 53 Prozent.
→ Panorama: Warum wählen Menschen Autoritäre?
Die stabile Einstellung, die Gemeinschaft ohne Projekt und die Unentzauberbarkeit sind dort die stärkste Gegenstimme, zuletzt gegen Orbáns Abwahl gestellt.
→ Maja Göpel und Jagoda Marinić — Vertrauen, utopisch?
Marina Weisband hält das Modell „Papa Staat“ — Vertrauen als Lieferleistung — für erschöpft und setzt auf Mitbesitz: Es ist meine Institution.
→ Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär?
De Weck teilt den Gemeinschaftsbefund und warnt gegen den Deliverism, der Staat solle nur liefern.
→ Was ist Großzügigkeit?
Das wachsende Panorama zur Großzügigkeit führt diese Note als Stimme unter „Kann eine Gesellschaft großzügig sein?“.
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