Quelle: Humanitäre Lage im Sudan: Christof Johnen (Deutsches Rotes Kreuz) im Interview
Wer spricht?
Christof Johnen — Bereichsleiter Internationale Zusammenarbeit, Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
Seit Ende der 1980er Jahre beim DRK — begann mit Zivildienst und blieb der humanitären Arbeit seitdem treu. Leitet seit ca. 2012 die gesamte Auslandsarbeit des DRK aus dem Generalsekretariat Berlin. War an Einsätzen in Syrien, Jemen, Nepal, Indonesien, Bangladesh und Ukraine beteiligt. Öffentliches Gesicht des DRK bei internationalen Krisen; regelmäßige Medienauftritte und politische Statements.
Interview: phoenix, Moderatorin Anja Charlet, am 3. Jahrestag des sudanesischen Bürgerkriegs (15.04.2026), anlässlich der internationalen Sudan-Geberkonferenz in Berlin.
Inhalt
Wie die DRK-Hilfe funktioniert
▶ 0:00 — Das Deutsche Rote Kreuz arbeitet seit mehr als 40 Jahren mit dem Sudanesischen Roten Halbmond zusammen. Dieser ist mit über 12.000 Freiwilligen in allen Bundesstaaten des Sudans präsent. Über diese tief verankerten lokalen Strukturen gelingt es, humanitäre Hilfe in einem Land zu leisten, in das externe Helfer kaum noch Zugang haben.
„Über diese Freiwilligen, diese sehr lokalen Strukturen können wir humanitäre Hilfe im Sudan leisten.”
Die Unterstützung umfasst Nahrungsmittel, Medikamente, Brunnen- und Latrinen-Bau sowie Bargeldhilfen — alles, was ein Minimum an Würde und Sicherheit sichern soll.
Das Ausmaß der Not
▶ 0:45 — Die Situation für die sudanesische Zivilbevölkerung ist nach Johnen „unermesslich”: Millionen sind innerhalb des Landes vertrieben, weitere Millionen in Nachbarländer geflohen. Die Menschen erleben Angriffe auf ihr Zuhause, auf sich selbst. Es gibt massive sexualisierte Gewalt. Hunger. Kein Zugang zu sauberem Wasser.
„Es ist eine wirklich verheerende Situation für die Zivilbevölkerung im Sudan.”
▶ 1:32 — Die Freiwilligen des Roten Halbmondes sind selbst betroffen: Angehörige wurden verletzt, vertrieben. Dennoch leisten sie weiter Hilfe in den eigenen Gemeinden.
Der Preis der humanitären Arbeit
▶ 3:06 — Seit Ausbruch des bewaffneten Konflikts sind 22 Mitarbeitende des Sudanesischen Roten Halbmondes im Einsatz getötet worden — während sie klar erkennbar in roten Westen mit dem Symbol des Roten Halbmondes halfen.
„Die helfenden gehen selbst jeden Tag ein sehr, sehr großes Risiko ein.”
Der einzige Schutz besteht im Status als neutrale und unabhängige Organisation — ein Schutz, der von allen Konfliktparteien im Sudan nicht immer respektiert wird.
Geberkonferenz Berlin und ihre Grenzen
▶ 3:52 — Am 15.04.2026, dem dritten Jahrestag des Krieges, fand in Berlin eine internationale Sudan-Geberkonferenz statt. Außenminister Johann Wadephul verkündete Zusagen der Staatengemeinschaft von rund 1,5 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe im Sudan und den Nachbarländern.
▶ 4:38 — Johnen begrüßt das Verständnis der internationalen Gemeinschaft, benennt aber klar die Grenze: Humanitäre Hilfe kann den Krieg nicht beenden. Dafür braucht es politische Lösungen — und die sind nicht in Sicht.
„Humanitäre Hilfe kann natürlich nicht diesen bewaffneten Konflikt beenden. Dazu braucht es politische Lösungen und diese politischen Lösungen sind leider nicht in Sicht.”
Der Appell
▶ 5:24 — Johnen richtet seinen Appell direkt an die Konfliktparteien und die internationale Politik:
„Auf die Konfliktparteien eingewirkt wird, die Zivilbevölkerung zu schützen, humanitär helfende zu schützen, das humanitäre Völkerrecht zu achten und schnellstmöglich zu einem Waffenstillstand zu kommen, um dann einen politischen Prozess einzuleiten, der wieder Frieden in den Sudan bringt.”
Faktencheck
Bestätigt — DRK und Sudanesischer Roter Halbmond seit 40+ Jahren
Das DRK pflegt seit den 1980er Jahren eine Partnerschaft mit dem SRCS, explizit bestätigt auf der DRK-Webseite. Quelle: DRK — Sudan
Bestätigt — 22 SRCS-Mitarbeitende seit 2023 getötet
Durch DRK-Pressemitteilung vom 15.04.2026 und British Red Cross zum dritten Jahrestag exakt bestätigt. Quelle: DRK Pressemitteilung 15.04.2026
Vereinfacht — 12.000 Freiwillige
Die Zahl taucht in keiner externen Quelle auf. IFRC nennt regulär 35.000 aktive SRCS-Freiwillige, seit Kriegsbeginn wurden 8.000–20.000+ mobilisiert. Johnen bezieht sich wahrscheinlich auf einen spezifischen Einsatzkontext. (Faktencheck: vereinfacht)
Bestätigt — 3. Jahrestag des Krieges am 15.04.2026
Der Sudan-Bürgerkrieg begann am 15. April 2023, das Interview am 15.04.2026 ist exakt der dritte Jahrestag — der Krieg tritt ins vierte Jahr. Quelle: Wikipedia — Sudanese civil war
Bestätigt — 33,7 Millionen Menschen in humanitärer Not (>60% der Bevölkerung)
OCHA nennt 33,7 Mio. auf Hilfe angewiesen — die höchste Zahl weltweit. Außenminister Wadephul sprach auf der Konferenz selbst von „34 Millionen”. Entspricht ca. 65% der Bevölkerung. Quellen: OCHA Sudan · UN News 15.04.2026
Bestätigt — 14 Millionen Vertriebene
UNHCR bestätigt per April 2026: ~9 Mio. Binnenvertriebene + ~4,4 Mio. ins Ausland geflohen (primär Tschad, Südsudan, Ägypten). Sudan hat damit die weltweit größte Binnenvertreibungskrise. Quellen: UN News 15.04.2026 · UNHCR Sudan Situation
Bestätigt — 3. Internationale Sudan-Konferenz Berlin, 15.04.2026
Mit ~120 teilnehmenden Staaten, co-hosted von Deutschland, UK und weiteren. Quelle: GOV.UK Co-hosts Statement
Vereinfacht — 1,5 Milliarden Euro Zusagen
Wadephul verkündete „knapp 1,5 Milliarden Euro”, andere seriöse Quellen berichten 1,3 Milliarden. Die Zahl bezieht sich außerdem auf Sudan und Nachbarländer, nicht nur Sudan. Es handelt sich um Pledges, deren Auszahlung ungesichert ist. (Faktencheck: vereinfacht)
Weiterführende Quellen
Offizielle Konferenz-Dokumente:
- Third International Sudan Conference — Co-hosts’ Statement (GOV.UK, 15.04.2026)
- DRK Pressemitteilung: Drei Jahre Konflikt — Sudan schlimmer als vorstellbar (15.04.2026)
- UN News: Sudan — 14 million displaced, fourth year of war
Humanitäre Zahlen (UN-Quellen):
- OCHA — Sudan Lageübersicht — Aktuelle Zahlen zu Vertriebenen und Bedürftigen
- UNHCR Sudan Situation — Operational Data Portal
- ICRC: Sudan — Human Cost of Three Years of War
Verbindungen
→ Konstantin Flemig — Sudan Massaker el Fashir und die VAE
Wo Flemig die Ursache seziert (RSF, VAE-Waffenlieferungen, Völkermord in El Fashir), zeigt Johnen die humanitäre Gegenreaktion: Was Hilfsorganisationen unter unmöglichen Bedingungen leisten — und was Geld und guter Wille nicht ersetzen können, nämlich politischen Willen zum Waffenstillstand
→ Herfried Münkler — Muss es Kriege geben
Münkler analysiert, dass Kriege durch politische Erschöpfung oder Machtverschiebungen enden — nicht durch Leid. Johnen bestätigt diese These unfreiwillig aus der Praxis: Drei Jahre DRK-Hilfe, 1,5 Milliarden Euro Spenden — und kein Ende in Sicht, weil der politische Wille fehlt
→ MONITOR — Irankrieg und das Ende des Völkerrechts
22 getötete Rotkreuz-Mitarbeitende und die Erosion des humanitären Völkerrechts im Sudan sind strukturell identisch mit dem MONITOR-Befund zum Iran: Wenn Konfliktparteien Neutralitäts-Symbole ignorieren, ist das kein Einzelfall, sondern Symptom einer systemischen Norm-Erosion
→ taz Reingehen — Wer das Öl hat, hat das Sagen
Die Sudan-Geberkonferenz und das Lieferkettengesetz sind zwei Seiten derselben Frage: Kann der globale Norden Verantwortung für humanitäre Folgen seiner Wirtschaftsbeziehungen übernehmen? Der taz-Talk zeigt, wie Wirtschaftsinteressen Menschenrechte untergraben — Johnen beschreibt die Konsequenz am Fallbeispiel
→ Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke
Maio/Schmitz argumentieren, dass Verletzlichkeit der Ursprung von Solidarität ist. Johannens DRK-Einsatz ist die praktische Verkörperung — und scheitert gleichzeitig daran, dass Konfliktparteien Verletzlichkeit als Angriffsziel nutzen, nicht als Schutzgrund
→ Gilda con Arne 20 — Humanitäre Intervention im Iran & Boris Palmer
Beide Notes kreisen um dieselbe Grundspannung: Wann legitimiert humanitäres Leid externe Intervention? Johnen verneint militärische Lösungen explizit, fordert aber politischen Druck — genau die Grenze zwischen humanitärer Hilfe und politischer Einmischung, die der Podcast für den Iran-Fall diskutiert











