Worum es geht

Ein Panel auf der re:publica 26, das ausnahmsweise nicht bei der Diagnose stehen bleibt: Vier Menschen, die Organisationen leiten, sprechen darüber, was digitale Souveränität für eine Zivilgesellschaft konkret bedeutet, die auf Plattformen arbeitet, die ihr nicht gehören. Anlass ist ein Bauvorhaben — auf dem Dach des Berlin Global Village in Neukölln, dem größten NGO-Zentrum Deutschlands, entsteht bis 2028 ein Digital Hub. Das Gespräch bewegt sich von der Frage, warum Beteiligungsverfahren meist zu spät beginnen, über die vertikale Integration der großen Tech-Konzerne bis zu der Stelle, an der Kave Bulambo das Wort dekolonisieren wörtlich nimmt und beim Kobalt aus dem Kongo landet. Was die Runde trägt, ist ihre Bauleiter-Perspektive: Sie zählen auf, was schon funktioniert — und sagen ehrlich, was sie sich in Europa nur predigen hören.

Anlass — 7. August: Boyacá, Swadeshi, Côte d'Ivoire

Der 7. August trägt ein dreifaches Gedächtnis der Loslösung vom Imperium. 1819 schlug Bolívars Armee bei Boyacá die spanischen Royalisten — Kolumbiens Staatsfeiertag. 1905 wurde in der Town Hall von Kalkutta die Swadeshi-Bewegung proklamiert, Boykott britischer Ware, das Spinnrad als politische Geste; Indien begeht das Datum seit 2015 als National Handloom Day. 1960 wurde die Côte d’Ivoire von Frankreich unabhängig. Drei Kontinente, ein Datum, dieselbe Frage: Was genau wird frei, wenn ein Land frei wird? Swadeshi war eine Antwort auf diese Frage im Register der Produktion — wer die Ware selbst webt, ist von ihrem Hersteller nicht mehr abhängig. Genau diese Frage stellt dieses Panel 121 Jahre später noch einmal, an einem Gegenstand, den man nicht am Spinnrad weben kann: Rechenzentrum, Betriebssystem, Seekabel.

Quelle: Decolonize the Digital: From Connectivity to Collective Solidarity — re:publica 26, Berlin, 20.05.2026 (CC BY-SA 4.0)

Wer spricht?

Kave Bulambo — Gründerin von Black in Tech Berlin und CEO von Talent Diverse; geboren in der Demokratischen Republik Kongo, zehn Jahre in der Personalgewinnung der Berliner Tech-Industrie, bevor sie eine eigene Organisation aufbaute.

Katrin Hünemörder — Geschäftsführerin von mediale pfade, einem Träger digitaler Medienbildung, der Medienbildung als politische Bildung versteht.

Geraldine de Bastion — Mitgründerin des Global Innovation Gathering, eines globalen Netzwerks von Graswurzel-Innovatoren und Community-Werkstätten, und Geschäftsführerin der Berliner Agentur Konnektiv; kuratiert seit 2014 den Makerspace der re:publica.

Armin Massing (Einführung) und Molly Stenzel (Moderation) — Geschäftsführung des Berlin Global Village.


Inhalt

Ein Zentrum, das den NGOs gehört

▶ 0:45 — Armin Massing beginnt mit dem Gebäude, und das ist keine Höflichkeitsschleife, sondern die Voraussetzung für alles Weitere. Das Berlin Global Village in Neukölln ist das größte NGO-Zentrum Deutschlands: 60 entwicklungspolitische und migrantisch-diasporische Organisationen, über 4.000 Quadratmeter Bürofläche, rund 30.000 Besucherinnen und Besucher im Jahr.

Entscheidend ist der Eigentumsstand. Das Zentrum gehört drei NGO-Dachverbänden — dem Afrikarat Berlin-Brandenburg, dem Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag und move global, die zusammen rund 200 Organisationen vertreten. Der Vertrag läuft hundert Jahre.

„Das macht uns unabhängig, und wir handeln über Parteigrenzen hinweg.” ▶ 2:18

Auf dem Dach des Altbaus soll ein Digital Hub entstehen — eine aufgesetzte Etage für fünf bis acht Organisationen, finanziert von der Berliner Lotto-Stiftung, Baubeginn im Herbst 2027, Eröffnung Ende 2028. Das Panel selbst ist von der Wirtschaftsverwaltung des Berliner Senats finanziert, und Molly Stenzel sagt das gleich zu Beginn.

Bemerkenswert ist die Zielsetzung, die Massing formuliert: bezahlbare Miete für NGOs, die in Berlin zum Problem geworden ist. Wer digitale Souveränität will, fängt offenbar bei der Bodenfrage an.

Von Teilnehmern zu Eigentümern

▶ 11:53 — Kave Bulambo bringt Zahlen mit. Menschen afrikanischer Herkunft stellen in der britischen Tech-Branche fünf bis sechs Prozent der Fachkräfte; in Deutschland liege der Anteil bei etwa einem Prozent. Ihr erklärtes Ziel ist bescheiden formuliert und sagt viel über den Ausgangspunkt: „vielleicht auf zwei Prozent.”

Dann beschreibt sie die Schleife, die sie zehn Jahre lang selbst durchlaufen hat, und sie tut es ohne Bitterkeit, was sie schlimmer macht: Man kommt als Angestellte in ein Tech-Unternehmen, sieht die Lücke, benennt sie — „natürlich werde ich dann zum Problem” — und wird gehen gelassen. Bei der nächsten Firma dasselbe.

„Wir sind in diesem Raum immer noch Teilnehmende. Das heißt, uns gehören diese Plattformen nicht, uns gehören keine Unternehmen, die etwas bewegen könnten.” ▶ 19:47

Der Ausweg wäre die Gründung, und genau dort schließt sich die Falle: Der Anteil unterrepräsentierter Gründerinnen und Gründer an der Finanzierung liegt im Bruchteil eines Prozents. Bulambos Schlussfolgerung ist der rote Faden des ganzen Panels — als Teilnehmende bewegen wir nichts.

Weitergedacht

Bulambos Schleife — Lücke sehen, Lücke benennen, gehen — ist eine präzise Beschreibung dessen, was Organisationen mit Kritik von innen tun. Wenn dieselbe Person außerhalb der Firma gegründet hätte: Wäre die Kritik dann angekommen, oder nur an einen Ort gewandert, wo sie niemanden mehr stört?

Wenn nur die Farbe des Stoffs zur Wahl steht

▶ 22:03 — Katrin Hünemörder liefert den schärfsten Satz des Vormittags, und er zerlegt eine Vokabel, die in Verwaltungen und Stiftungen ununterbrochen benutzt wird.

„Die wichtigste Frage in jedem Beteiligungsprozess ist immer: Was gibt es zu entscheiden? Und wenn es nichts zu entscheiden gibt, nennt es nicht Beteiligungsprozess.” ▶ 22:03

Ihr Bild dafür bleibt hängen: Man darf über die Farbe des Stoffs entscheiden, aber nicht über die Form des Stuhls. Beteiligung, die zu spät einsetzt, ist Dekoration mit Protokoll.

Davor hatte sie erklärt, woher das kommt — aus der Finanzierung: „Die Systeme belohnen Fragmentierung.” Fördermittel gibt es für ein neues Werkzeug, vielleicht für Geräte — oder gar nichts, dann landet man auf den kommerziellen Plattformen, die kostenlos sind, sofern man mit Daten zahlt. Was in keiner Förderlinie steht, ist der langweilige Teil: gemeinsame Wartung, geteilte Schulung, Communities of Practice, die den Betrieb tatsächlich tragen.

Für digitale Beteiligung fügt sie eine Transparenzforderung hinzu, die selten erfüllt wird: Wer bekommt die Daten, wer wertet aus, wie wird das Ergebnis zurückgemeldet? Und in der Bildungsarbeit gehe es darum, nicht nur zu lehren, wie man den Knopf drückt, sondern „warum der Knopf dort ist — und ob es Alternativen gibt.”

Nebenbei kippt sie eine gängige Vokabel: digital natives. Junge Menschen seien eher Intuitive — aufgewachsen in Systemen, die für intuitives Klicken und Scrollen gebaut sind. Das heißt nicht, dass sie sich darin zurechtfinden. Wer sich wirklich auskennt, sei jemand, der Probleme lösen kann, und solche Leute finde man überall.

Vertikale Integration — vom Kabel bis zum Betriebssystem

▶ 25:49 — Geraldine de Bastion sortiert die Machtkonzentration nach Ebenen. Technologisch: die Lock-in-Effekte der großen Konzerne. Infrastrukturell: eine lineare Dominanz von den Seekabeln, aus denen das Internet besteht, über die Betriebssysteme bis hin zu den Internetzugängen selbst — die dieselben Konzerne oft bereitstellen und mitfinanzieren, samt der Technik, die in vielen Innovationszentren afrikanischer Länder steht.

Und bei der KI kommt eine weitere Schicht dazu: Wo stehen die Rechenzentren, wo liegen die Daten, wer hat Zugriff darauf?

Der Boden bricht weg

▶ 27:19 — An dieser Stelle wird das Gespräch tagesaktuell, und es wird ungemütlich. De Bastion beschreibt die Zerlegung der Finanzierungsstrukturen, auf die sich viele Organisationen verlassen haben: die Zerschlagung von USAID durch Trump und Musk, den Rückzug Großbritanniens, die Kürzung des deutschen Entwicklungsetats.

Was übrig bleibt, ist eine Abhängigkeit mit einem bitteren Beigeschmack:

„Die Abhängigkeit von genau den philanthropischen Organisationen, die ihr Geld im Grunde mit all unseren Daten machen — und die digitale Pluralität eher unterdrücken — wird härter.” ▶ 27:19

Hünemörder ergänzt die Diagnose aus der Bildungsperspektive. Sinkende Förderung trifft auf eine wachsende Konzentration: Immer weniger Menschen machen die Regeln der Räume, in denen alle arbeiten. Ihre Antwort im Unterricht ist zweigleisig — die kommerziellen Plattformen als politische Akteure sichtbar machen, weil Algorithmen kuratieren und sortieren; und gleichzeitig das Träumen üben.

„Träumen wir von der Welt, in der wir leben wollen — das schließt die digitale Welt ein. Und finden wir heraus, nach welchen Regeln wir digitale Räume gebaut haben wollen.” ▶ 29:37

Die praktische Klemme benennt sie gleich mit: Wer Menschen beteiligen will, muss dorthin, wo sie sind — und das sind die kommerziellen Räume. Alternative Werkzeuge existieren, werden aber weniger benutzt, weil ihnen die Intuitivität fehlt oder schlicht das Geld für Bekanntheit.

Was schon gebaut ist

▶ 34:56 — Auf die Frage, was digitale Souveränität für chronisch unterfinanzierte Organisationen realistisch bedeutet, wird de Bastion konkret, und das ist der nützlichste Teil des Panels. Das Global Innovation Gathering läuft intern auf offenen Systemen: Matrix als Chat-Plattform, Nextcloud und Discourse — auf denen eine Kollegin das komplette Antrags-, Auswahl- und Evaluationssystem für einen eigenen Innovationsfonds gebaut hat.

Wichtiger noch: Die Mitglieder bauen selbst. Bürgerwissenschaftliche Initiativen, die eigene Klima- und Wetterdaten sammeln und daraus Dienste für lokale Bauern machen. Selbst erhobene Daten, die von unten in die Stadtplanung eingespeist werden. Und — der Teil, der meistens vergessen wird — Hardware: quelloffene Router, Zugänglichkeits-Initiativen, medizinische und klimatechnische Geräte, die man reparieren, verändern und im Netzwerk nachbauen kann. Mit der Association for Progressive Communications arbeiten sie an lokalen Mesh-Netzen, also an der Internetverbindung selbst.

Eines ihrer Mitglieder betreibt einen Innovationsraum, der von Geflüchteten für Geflüchtete gegründet wurde — im Rhino Camp in Uganda, einer Siedlung für Menschen aus dem Südsudan.

Dann folgt der Satz, für den man ihr als Europäerin danken muss:

„Wir predigen dieses Thema digitale Souveränität hier in Europa so sehr, aber wir sind wirklich immer noch sehr schlecht darin, tatsächlich sinnvolle Alternativen zu schaffen und bereitzustellen.” ▶ 37:59

Ihre Forderung an den nächsten Berliner Senat ist entsprechend unspektakulär und praktisch: ein Förderprogramm für digitale Souveränität für NGOs und kleine Unternehmen, das die vorhandenen Open-Source-Agenturen der Stadt zu einem Netzwerk macht, das anderen beim Umstieg hilft. Denn viele kleine Organisationen seien schlicht ängstlich und blieben deshalb bei den Großen.

Inklusion ohne Umverteilung von Macht

▶ 31:53 — Gefragt, ob Inklusion ohne Machtumverteilung überhaupt möglich sei, antwortet Bulambo in einem Satz: nein. Und dann beschreibt sie, wie das Gegenteil aussieht.

„Hier ist unsere weibliche Führungskraft — die nichts entscheiden kann. Auf diese Weise sagen wir, wir seien demokratisch, sind in der Praxis aber sehr autokratisch.” ▶ 31:53

Ihr Prüfstein ist unbequem konkret: Man bekommt einen Titel ohne Budget. Damit kann man nichts tun, während alle Erwartungen an einem hängen, weil man ja das Gesicht der Veränderung ist. Machtdemokratisierung heißt für sie deshalb drei Dinge: Zugang zu Finanzierung, Zugang zu einem Budget, und dass die getroffene Entscheidung ernst genommen und umgesetzt werden darf.

Auf die Frage, wie man koloniale Dynamiken im Wissensaustausch vermeidet — der Süden liefert Inspiration, der Norden die Deutungshoheit —, antwortet de Bastion mit Vereinsrecht, was komischer klingt, als es ist. Das GIG ist ein deutscher Verein: Jedes Mitglied hat eine Stimme, neue Mitglieder stellen sich der bestehenden Gemeinschaft vor, jede und jeder kann ein Veto einlegen, die Leitung wird gewählt. „Wir sind ein Netzwerk des Vertrauens.”

Was verlernt werden muss

▶ 47:05 — Zum Abschluss fragt Stenzel, was die Zivilgesellschaft über Digitalisierung verlernen müsse. Und hier nimmt Bulambo das Wort dekolonisieren beim Wort.

„Die Tech-Industrie operiert im Moment auf kolonialen Rahmenwerken. Wenn wir zu den Wurzeln zurückgehen, wo die Rohstoffe herkommen für alles, was wir autonom nennen — alle Rohmaterialien kommen aus Afrika, insbesondere aus der Demokratischen Republik Kongo. Wo ich geboren wurde, und weshalb ich nicht dort lebe, wegen des Konflikts.” ▶ 47:05

Sie sagt ohne Umschweife, was diese Position kostet. Wer das ernsthaft angeht, wird zur Nervensägen-Partei, kämpft gegen die Stärksten der Starken, und zwar mit einer Ausstattung, die es nicht gibt: „Wir sollen systemische Ungleichheiten ändern, ohne Ressourcen, ohne Förderung, ohne strukturelle Unterstützung.” Deshalb, sagt sie, gehöre die Sorge um die eigene psychische Gesundheit zu dieser Arbeit dazu.

Und dann zieht sie die Linie bis in die Gegenwart der KI durch:

„Dasselbe mit KI — die Arbeiter in Kenia, die Daten in diese Sprachmodelle einspeisen, die Arbeiter in Indien, die die schädlichen Inhalte wieder herausnehmen. Dagegen stehen wir. Wer dekolonisieren will, muss auf dieser Ebene ansetzen.” ▶ 49:24

Ihre Bitte an den Digital Hub ist entsprechend: Stimmen von Menschen einbeziehen, die auf der anderen Seite dieser Münze leben — die die Technologie beliefern, ohne von ihr zu profitieren.

Hünemörders Beitrag zum Verlernen ist erkenntnistheoretisch. Bei dem Tempo vergesse man ständig, dass nicht alle Perspektiven online sind. KI und Suchmaschinen finden nur, was in Datensätzen liegt, und diese Datensätze sind weder vollständig noch gleich gewichtet. „In der Theorie wissen wir das alle. In der Praxis, wenn wir es benutzen, vergessen wir es.”

De Bastion legt drei Dinge nach. Erstens: Effizienz als Treiber verlernen — „wir sollten das Tempo bestimmen”. Zweitens: die Blackbox nicht hinnehmen. Man sollte ein Gerät öffnen dürfen, das Display tauschen, es reparieren, verändern. „Ich sollte der Eigentümer davon sein und von dem, was darin ist.”

Und drittens ein Einwand gegen den eigenen Entwurf, der das Panel ehrlich beschließt: Sie würde den Hub gern als globalen Innovations-Showroom sehen — aber Berlin sei eine globale Stadt, und in Neukölln lebten Menschen um dieses Dach herum.

„Wie verbinden wir uns mit dem Handyreparatur-Laden in der Sonnenallee?” ▶ 53:59

Weitergedacht

Das Panel setzt Eigentum an der Infrastruktur mit Freiheit gleich. Der Handyladen in der Sonnenallee besitzt keine Infrastruktur und repariert trotzdem, was die Hersteller verkleben. Ist Reparatur die kleinere Form von Souveränität — oder die realistischere?


Faktencheck

Vereinfacht — Anteil Schwarzer Fachkräfte in der Tech-Branche

Bulambo nennt fünf bis sechs Prozent für Großbritannien und rund ein Prozent für Deutschland. Die britische Zahl liegt belegbar niedriger: Nach BCS-Auswertungen der ONS-Arbeitsmarktdaten stellten Menschen der Gruppe Black/African/Caribbean/Black British 2022 3 % der IT-Fachkräfte — genau ihren Anteil an der übrigen Erwerbsbevölkerung; der Tech Talent Charter kommt für seine über 700 Mitgliedsunternehmen 2023 ebenfalls auf 3 %. Der Bevölkerungsanteil in England und Wales liegt bei 4,0 % (Zensus 2021). Für Deutschland existiert die Zahl schlicht nicht: Seit 1945 erhebt der Bund keine Daten zu ethnischer Herkunft; der Mikrozensus 2023 zählt 1,27 Mio. Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund (gut 1,5 % der Bevölkerung), was der Mediendienst Integration ausdrücklich als grobe Annäherung bezeichnet. Bulambos „ein Prozent” ist also eine Branchenschätzung entlang des Bevölkerungsanteils, keine erhobene Beschäftigungsstatistik — und die britische Vergleichsgröße ist etwa doppelt so hoch angesetzt wie die dokumentierte. Die Richtung des Arguments — Unterrepräsentanz, Deutschland deutlich hinter Großbritannien — bleibt davon unberührt. Quelle: BCS — Ethnicity and IT employment (2023) · Mediendienst Integration — Wie viele Schwarze Menschen leben in Deutschland?

Nicht verifizierbar — „0,09 % der Gründer"

Bulambo bricht den Satz im Transkript ab, die Bezugsgröße bleibt offen; eine Quelle für exakt diesen Wert ließ sich nicht finden. Belegt sind benachbarte Zahlen, alle im Bruchteil eines Prozents: Extend Ventures („Diversity Beyond Gender”, 2020) fand für Großbritannien, dass zwischen 2009 und 2019 0,24 % des Wagniskapitals an rein Schwarze Gründungsteams ging — 38 Teams insgesamt; an Schwarze Gründerinnen 0,02 %. Europaweit erhielten Schwarze Gründerinnen und Gründer rund 0,4 % des Tech-Kapitals; laut Atomico identifizierten sich 0,9 % der europäischen Tech-Gründer als Black/African/Caribbean und stellten 0,5 % derjenigen, die extern Kapital einwarben. Die Formulierung dieser Note — „im Bruchteil eines Prozents” — trägt damit; die konkrete Zahl 0,09 % sollte nicht zitiert werden. Quelle: Extend Ventures — Diversity Beyond Gender (PDF) · Sifted — Black entrepreneurs receive just 0.24% of capital

Bestätigt — Berlin Global Village und der Digital Hub

Das Berlin Global Village auf dem Kindl-Areal in Neukölln bezeichnet sich als größtes NGO-Zentrum Deutschlands und beherbergt rund 60 entwicklungspolitische und migrantisch-diasporische Organisationen auf etwa 5.000 Quadratmetern. Die Eigentumskonstruktion stimmt: Betreiberin ist eine gGmbH in der Hand dreier NGO-Dachverbände; das Grundstück wird über ein Erbbaurecht mit hundert Jahren Laufzeit von der Stiftung Edith Maryon genutzt (2018 erworben). Die Größenordnung von rund 200 vertretenen Organisationen ist plausibel — allein der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag zählt 110 bis 120 Mitgliedsgruppen, dazu Afrikarat Berlin-Brandenburg und moveGLOBAL. Der Digital Hub im bislang ungenutzten Dachgeschoss ist offiziell terminiert: Baubeginn Herbst 2027, Eröffnung Ende 2028 — Massings „next fall” im Mai 2026 ist um ein Jahr zu früh gegriffen; die Note rechnet mit der offiziellen Jahreszahl. Nicht unabhängig belegen ließen sich die 30.000 Besucher pro Jahr und die Finanzierung durch die Lotto-Stiftung Berlin — beides bleibt Selbstauskunft des Trägers. Quelle: Berlin Global Village — Digital Hub · taz — Vereint im globalen Dorf

Bestätigt — Der Boden bricht weg: USAID, Großbritannien, Deutschland

Alle drei Teile der Diagnose halten. USAID: Nach dem sechswöchigen „Review” durch DOGE kündigte Außenminister Marco Rubio am 10. März 2025 die Streichung von 83 % der Programme an — 5.200 von rund 6.200 Verträgen; zum 1. Juli 2025 stellte die Behörde ihre Arbeit ein, der Rest ging ans State Department. Großbritannien: Keir Starmer kündigte am 25. Februar 2025 an, die Entwicklungshilfe von 0,5 % auf 0,3 % des Bruttonationaleinkommens ab 2027/28 zu senken, um Verteidigungsausgaben zu finanzieren — gemessen am BNE der niedrigste Stand seit 1999. Deutschland: Der BMZ-Etat sinkt von 10,3 Mrd. € (2025) auf rund 10,0 Mrd. € (2026), die bilaterale staatliche Zusammenarbeit von 4,85 auf 4,64 Mrd. €; gegenüber 2022 summiert sich das Minus auf etwa ein Drittel, die humanitäre Hilfe im Etat des Auswärtigen Amts wurde gegenüber 2024 auf rund eine Milliarde halbiert. Quelle: NPR — Rubio announces that 83% of USAID contracts will be canceled · House of Commons Library — UK aid: Reducing spending to 0.3% of GNI by 2027/28 · Bundestag — Haushalt 2026: Entwicklungsausgaben werden weiter gekürzt

Vereinfacht — „Alle Rohmaterialien kommen aus Afrika"

Der Kern stimmt und ist hart belegt, die Absolutheit nicht. Kobalt: Die DR Kongo lieferte 2024 nach USGS-Schätzung 76 % der weltweiten Minenproduktion (Indonesien 10 %), verarbeitet wird der Großteil in China; ein Teil stammt aus artisanalem Bergbau, dessen Menschenrechtslage — Kinderarbeit, Unfälle, Vertreibung — in der Forschung breit dokumentiert ist. Kongo ist zudem der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt. Für die übrigen Schlüsselrohstoffe kippt das Bild jedoch: Lithium kam 2024 überwiegend aus Australien (88.000 t), Chile (49.000 t) und China (41.000 t) von weltweit 240.000 t — Afrikas Anteil (Simbabwe, Namibia) liegt bei rund einem Zehntel. Bei Seltenen Erden entfielen 270.000 von 390.000 t Minenproduktion auf China (~69 %), bei Trennung und Raffination ist die Konzentration noch höher. „Alle Rohmaterialien” trifft also nicht zu; „das Kobalt in unseren Akkus kommt zu drei Vierteln aus einem einzigen Land, in dem Krieg herrscht” trifft zu — und ist das stärkere Argument. Quelle: USGS Mineral Commodity Summaries 2025 — Cobalt (PDF) · Lithium (PDF) · Rare Earths (PDF) · Gulley, China, the DRC, and artisanal cobalt mining from 2000 through 2020, PNAS 2023, doi:10.1073/pnas.2212037120

Vereinfacht — Datenarbeit: Kenia füttert, Indien räumt auf

Beide Hälften sind real, aber die Rollen sind in dieser Zuspitzung vertauscht. Der am besten dokumentierte kenianische Fall ist gerade das Herausnehmen schädlicher Inhalte: Eine TIME-Recherche (18.01.2023) zeigte, dass OpenAI über den Dienstleister Sama in Nairobi Arbeiterinnen und Arbeiter für 1,32 bis 2 US-Dollar Stundenlohn Texte über Kindesmissbrauch, Folter und Suizid sichten ließ, um ChatGPT „weniger toxisch” zu machen. Das Einspeisen von Trainingsdaten geschieht in Kenia ebenfalls — über Scale AIs Plattform Remotasks, die 2024 in Kenia, Nigeria und Pakistan ohne Vorwarnung abgeschaltet wurde. Für Indien ist die Inhaltsmoderation belegt: Reuters wies Teams bei Genpact und Accenture in Hyderabad nach, die für Meta und Google in mehreren Sprachen moderieren. Die politische Pointe hält also, die geografische Arbeitsteilung ist zu sauber gezeichnet. Ergänzend: 2023 gründeten über 150 Moderatorinnen und Moderatoren in Nairobi Afrikas erste Content-Moderatoren-Gewerkschaft; im September 2024 ließ das Nairobi Court of Appeal die Klagen von 185 ehemaligen Beschäftigten gegen Meta zur Verhandlung zu. Quelle: TIME — OpenAI Used Kenyan Workers on Less Than $2 Per Hour · Privacy International — Humans in the AI loop · Business & Human Rights Centre — Kenyan content moderators form labour union

Bestätigt — Der Innovationsraum im Rhino Camp

De Bastions Mitglied existiert und hat einen Namen: Mathew Lubari, Mitgründer und Executive Director von Community Creativity for Development (CC4D) — einer von geflüchteten Jugendlichen geführten Organisation im Rhino-Camp-Siedlungsgebiet in Norduganda, das südsudanesische Geflüchtete aufnimmt, mit einem zweiten Standort in Yei/Südsudan. CC4D arbeitet zu digitaler Grundbildung, Elektronikreparatur und Solartechnik; Lubari ist seit 2021 Mitglied des Global Innovation Gathering und über das ASKnet-Netzwerk mit ihm verbunden. Quelle: The Maintainers — Mathew Lubari · openDemocracy — We must teach refugees to fix phones

Bestätigt — Das GIG läuft auf offenen Systemen

Teilweise unabhängig prüfbar, im Übrigen Selbstauskunft. Das Global Innovation Gathering betreibt unter cloud.globalinnovationgathering.org eine öffentlich erreichbare Nextcloud-Instanz — die Angabe ist damit belegt, nicht nur behauptet. Matrix als interner Chat und Discourse als Trägersystem des Antrags- und Auswahlverfahrens für den eigenen Innovationsfonds sind Selbstauskunft de Bastions; öffentlich erreichbare Instanzen unter der Domain gibt es dafür nicht. Die Rechtsform stimmt: Das GIG ist laut eigener Satzung seit 2017 eine in Berlin eingetragene gemeinnützige Organisation. Quelle: Global Innovation Gathering — About · Nextcloud-Instanz https://cloud.globalinnovationgathering.org (HTTP 200, geprüft 07.08.2026)


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Panel genannte Organisationen und Werkzeuge:

Belege aus der Prüfung:


Verbindungen

Vijay Prashad — Marxismus als Methode

Beide Notes stehen am selben Datum und stellen dieselbe Frage — was genau frei wird, wenn etwas frei wird —, und sie antworten gegensätzlich. Bulambo sagt: als Teilnehmende bewegen wir nichts, es braucht Eigentum. Prashad, gefragt nach der KI, deren Algorithmen anderen gehören, sagt das Gegenteil: benutzt sie trotzdem, „paranoid zu sein heißt, ihnen zu viel Autorität zu geben”. Der Widerspruch ist keiner der Ideologie, sondern der Reichweite: Prashad denkt in Jahrzehnten und Weltordnungen und kann sich das Werkzeug des Gegners leihen, weil er dessen Ablösung ohnehin für eine Systemfrage hält; Bulambo arbeitet innerhalb eines Berliner Arbeitsmarkts, in dem das geliehene Werkzeug die Abhängigkeit jeden Tag verlängert. Und wo Prashad mit Binden in Keralas Schultoiletten endet — Emanzipation als kleine, sofort wirksame Verwaltungshandlung —, endet dieses Panel mit dem Handyreparatur-Laden in der Sonnenallee. Zwei Kontinente, dieselbe Bewegung weg von der großen Erzählung hin zu dem, was morgen jemandem hilft.

Lacina Koné — Afrikas digitale Souveränität

Koné zieht die koloniale Linie bis zum Datensatz — Rohstoff raus, Wertschöpfung woanders, Produkt zurückverkauft — und hält dort an: Daten sind das neue Kobalt. Bulambo geht den Schritt zurück, den er auslässt, und meint das alte Kobalt, buchstäblich, aus der Demokratischen Republik Kongo, dem Land, das sie wegen des Konflikts verlassen hat. Damit steht die Metapher wieder auf dem Boden, aus dem sie gegraben wurde. Bemerkenswert ist auch die Differenz der Sprechposition: Koné redet als Chef einer Allianz von Staaten, Souveränität ist bei ihm meaningful control over the terms, verhandelt auf Ministerebene. Bulambo und de Bastion reden aus Organisationen ohne Verhandlungsmacht, für die dieselbe Souveränität heißt, ob man Nextcloud betreiben kann oder es doch nicht schafft. Dieselbe Diagnose, zwei Etagen — und die untere hat keinen Gesprächspartner.

rp26 — KIs unsichtbare Arbeitskräfte

Bulambo nennt sie in einem einzigen Satz: die Arbeiter in Kenia, die Daten einspeisen, die Arbeiter in Indien, die die schädlichen Inhalte wieder herausnehmen. Diese Note ist der ausgeschriebene Satz — Joan Kinyua, achtzehn Stunden allein zu Hause, zwanzig Dollar die Woche, PTSD als Berufsrisiko, und ein Visum, das dem Kollegen verweigert wird, der davon berichten wollte. Zusammengelesen ergibt sich die unbequeme Symmetrie des Panels: Hier sitzen vier Menschen auf einer Bühne, die zu Recht mehr Beteiligung fordern, und die Beteiligung derjenigen, in deren Namen sie es tun, scheitert an der Botschaft in Nairobi. Bulambos Bitte an den Digital Hub — Stimmen von der anderen Seite der Münze einbeziehen — beschreibt eine Lücke, die auf derselben Konferenz sichtbar wurde.

Fediverse — Die digitale Allmende

De Bastion sagt, Europa predige digitale Souveränität und liefere keine benutzbaren Alternativen; Hünemörder ergänzt, den offenen Werkzeugen fehle die Intuitivität und das Geld für Bekanntheit. Diese Note ist die systematische Begründung dieser beiden Beobachtungen. Wähners Befund, Dezentralität sei kein hinreichendes Motiv, um irgendwo mitzumachen, trifft das Panel dort, wo es am optimistischsten ist; Stockmanns Design-Debt-Regel beziffert den Preis der Selbstgerechtigkeit auf zwanzig Prozent verlorener Nutzer in den ersten zwanzig Minuten. Und die Lösung, auf die der Fediverse-Vortrag hinausläuft — Vereine, Verbände und NGOs müssen die Träger der Infrastruktur werden, in gemeinschaftlicher, nicht öffentlicher Hand —, ist exakt das Bauvorhaben auf dem Neuköllner Dach. Das Berlin Global Village baut, was dort gefordert wird, bevor die Forderung ankommt.

Panorama — Demokratische Wertschöpfung

„Uns gehören diese Plattformen nicht” ist die Diagnose; die Plattformgenossenschaft ist die einzige Antwort im Bestand, die Bulambos Prüfstein standhält, weil sie Eigentum verteilt statt Titel. Das Panorama zeigt außerdem, warum Bulambos eigener Ausweg — gründen, und irgendwann selbst besitzen — die Frage nur verschiebt: Eine Gründerin, die es schafft, wird Eigentümerin, die Struktur bleibt. Genossenschaftliches Eigentum ändert die Struktur und macht dafür jede einzelne Erfolgsgeschichte kleiner. Die Note liefert zugleich das Fehlende, das Hünemörder benennt — dass Förderlinien Werkzeuge finanzieren, aber nie den gemeinsamen Betrieb: Genau der geteilte, langweilige Unterhalt ist das, was eine Genossenschaft rechtlich überhaupt erst zum Selbstzweck machen kann.

Francesca Bria — The Authoritarian Stack

De Bastion sortiert die Machtkonzentration nach Ebenen — Seekabel, Betriebssystem, Internetzugang, Rechenzentrum — und beschreibt damit von unten dieselbe Architektur, die Bria von oben als fünf Domänen privatisierter Souveränität kartiert. Der Unterschied liegt im Erkenntnisinteresse: Bria fragt, wie der Stack die Staatsmacht aushöhlt und wer in der Drehtür sitzt; das Panel fragt, was ein Verein mit vier Angestellten am Montagmorgen tut, wenn er nicht bei Google bleiben will. Zusammen schließt sich eine Lücke, an der beide Seiten einzeln scheitern — die Machtanalyse hat keine Handlungsanweisung, die Praxis kein Bild vom Ganzen. Und de Bastions Beobachtung über die philanthropischen Geldgeber, die ihr Geld mit unseren Daten machen und digitale Pluralität eher unterdrücken, ist Brias Kingmaker-Netzwerk aus der Empfängerperspektive.

Gehring & Gießmann — Digitale Unabhängigkeit und monetäre Souveränität

Hünemörders Satz — wenn es nichts zu entscheiden gibt, nennt es nicht Beteiligungsprozess — hat in dieser Note sein europäisches Gegenstück: Vero, das angekündigte europäische PayPal, als Enttäuschungsmanöver. Man darf über die Farbe des Stoffs entscheiden, nicht über die Form des Stuhls, und auf EU-Ebene heißt das: eine Fassaden-Alternative, während die Zahlungsinfrastruktur bleibt, wo sie ist. Die Note erklärt auch, woran de Bastions Vorwurf hängt, Europa predige und liefere nicht — an einer Lobbying-Asymmetrie von 58 zu 1 und daran, dass Europa 2003 mit dem Mastercard-Coup Souveränität besaß und verkaufte. Die Predigt ist kein Unvermögen, sie ist eine Interessenlage.

Mbembe — The Earthly Community

Bulambo sagt, die Tech-Industrie operiere auf kolonialen Rahmenwerken; Mbembe hat die Denkfigur ausgearbeitet, die diesen Satz trägt — koloniale Logiken sterben nicht, sie wandern in neue technische Formen, und das Zeitalter der Artefakte schreibt das Nord-Süd-Gefälle als Infrastruktur fort. Die Reibung zwischen beiden ist produktiv: Mbembe denkt planetarisch und stellt die Zugehörigkeit selbst zur Debatte, Bulambo denkt in Budgetzeilen und Stellenanteilen und rechnet vor, dass ein Prozent auf zwei Prozent steigen soll. Wer Mbembe gelesen hat, könnte Bulambos Ziel für zu klein halten. Wer Bulambo zuhört, hört den Preis, den die große Perspektive nicht zahlt — dass diese Arbeit ohne Ressourcen, ohne Förderung und auf Kosten der eigenen psychischen Gesundheit geleistet wird.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Hünemörder sagt: Nennt es nicht Beteiligung, wenn nichts zu entscheiden ist. Wie viele Verfahren, an denen wir teilnehmen — im Betrieb, in der Kommune, in der Schule —, halten diesem einen Satz stand?
  • Bulambo sagt, als Teilnehmende bewege man nichts, es brauche Eigentum. Aber Eigentum an einer Plattform macht aus einer Kritikerin eine Eigentümerin. Was garantiert, dass sich die Struktur ändert und nicht nur die Person an ihrer Spitze?
  • Das Panel läuft auf Senatsmitteln, in einem Bau, den die Lotto-Stiftung finanziert. Wenn Souveränität heißt, nicht von den Großen abhängig zu sein — was heißt es dann, vom Staat abhängig zu sein?
  • De Bastion sagt, Europa predige digitale Souveränität und liefere keine Alternativen. Woran läge das: am Geld, am Können, oder daran, dass die Predigt bequemer ist als der Umstieg?
  • Swadeshi hieß 1905: Wir weben unseren Stoff selbst. Was wäre das Spinnrad der digitalen Souveränität — und warum benutzen wir es nicht?