Worum es geht

Zwei Zahlen, ein Bruch: Afrika liefert 2 % der weltweiten KI-Trainingsdaten, Europa importiert 80 % der Technologien, von denen es abhängt. Lacina Koné, Chef von Smart Africa, macht daraus eine einzige Frage — wie bleibt man offen für die Welt, ohne die Macht zu verlieren, die eigene digitale Zukunft zu formen? Seine Antwort ist eine Neudefinition von Souveränität: nicht Abschottung, sondern das Recht, die Systeme mitzugestalten, die uns zunehmend gestalten. Und eine Ansage: Afrika steht nicht mehr an der Tür und bittet um Einlass — es ist im Raum und baut bereits.

Anlass — Unabhängigkeitstag Ruanda

Am 1. Juli 1962 wurde Ruanda von Belgien unabhängig — ein Datum, das die ganze koloniale Bogenspannung trägt: erst die von der Kolonialverwaltung in Ausweisen festgeschriebene Spaltung zwischen Hutu und Tutsi, drei Jahrzehnte später der Völkermord von 1994, danach der eigene, mühsame Weg der Versöhnung und des Aufbaus. Der Tag hält eine Frage wach: Was heißt Selbstbestimmung nach der Fremdherrschaft — und wer darf die eigene Geschichte erzählen? Kein Zufall, dass der Faden bei diesem Vortrag nach Kigali zurückläuft: Smart Africa, das Koné führt, hat dort seinen Sitz. „Writing Our Own History” ist die politische Unabhängigkeit von 1962, weitergedacht ins Digitale.

Quelle: re:publica 26 — Lacina Koné: Writing Our Own History: The Path to Africa’s Digital Sovereignty

Wer spricht?

Lacina Koné (Côte d’Ivoire) — seit 2019 Director General und CEO des Smart Africa Secretariat mit Sitz in Kigali (Ruanda), einer von der Afrikanischen Union getragenen Allianz von über 40 Staaten mit dem Ziel eines gemeinsamen digitalen Binnenmarkts bis 2030.

Elektronik-Ingenieur mit MBA und über 25 Jahren in Telekommunikation und Satellitentechnik — Stationen bei Intelsat und Booz Allen Hamilton in den USA, danach von 2011 bis 2018 IKT-Berater des Präsidenten und Premiers der Côte d’Ivoire (Digitalstrategien, digitale Identität). Koné spricht nicht als Theoretiker, sondern als Praktiker der Koordination: einer, der 42 Länder mit unterschiedlichen Gesetzen, Zahlungssystemen und Datenregimen an einen Tisch bringt. Kein Systemkritiker, sondern ein panafrikanischer Institutionen-Architekt — pragmatisch-multilateral, aber unter der Bedingung symmetrischer Machtverhältnisse. Eine institutionelle Stimme aus dem Globalen Süden, im westlich dominierten KI-Diskurs selten zu hören.

DenkerVita


Inhalt

Zwei Realitäten, eine Frage

▶ 0:00 — Koné beginnt nicht mit einer Vision, sondern mit einem Gefälle. Afrika steuert rund 2 % der weltweiten KI-Trainingsdaten bei; Europa importiert etwa 80 % der Technologien, von denen es abhängt. Zwei Regionen, zwei sehr verschiedene Ausgangslagen — und doch eine gemeinsame Frage:

„How do we remain open to the world while still retaining power to shape our own digital future?”

Das ist der rhetorische Kunstgriff, mit dem der ganze Vortrag steht und fällt: Koné stellt Afrika und Europa nicht als Ungleiche gegenüber (der eine reich, der andere arm), sondern als zwei Seiten desselben strukturellen Problems. Beide sind abhängig — nur an verschiedenen Enden der Wertschöpfungskette. Damit entzieht er der klassischen Entwicklungshilfe-Erzählung von Anfang an den Boden. Es geht nicht um Bedürftigkeit, sondern um eine geteilte strategische Lage.

Smart Africa — von der Vision zur Umsetzung

▶ 2:22 — Koné ist präzise darin, was Smart Africa nicht ist:

„We are not a donor mechanism. We are not a development project. We are a continental implementation platform.”

Der Kern des Problems, das die Allianz löst, heißt Fragmentierung. Über 50 Länder, verschiedene Gesetze, Zahlungssysteme, Datenregime, Infrastrukturniveaus. Einzeln sind viele afrikanische Märkte zu klein, um zu konkurrieren; zusammen bilden sie einen der größten künftigen Digitalmärkte der Welt. Genau darum, so Koné, sei die Kontinentale Freihandelszone AfCFTA und ihr Digital Trade Protocol so wichtig: Zum ersten Mal schreibe Afrika die Regeln seiner digitalen Ökonomie selbst nieder — „shaped by Africans, aligned by African priority, and open to trusted global partners”. Kein fertiges Haus, aber ein Fundament.

Hier zeigt sich die eigentliche These schon im Organisatorischen: Souveränität beginnt nicht bei der Technik, sondern bei der Fähigkeit, überhaupt gemeinsam entscheiden zu können. Die „coordination architecture” ist das eigentliche Produkt.

Die ehrliche Doppelbuchung: Chance und Wirklichkeit

▶ 6:11 — Koné leistet sich, was in Zukunftsreden selten ist: er bucht beide Seiten. Die Chance ist demografisch überwältigend — bis 2050 wird jeder vierte Mensch auf dem Planeten Afrikaner sein, schon heute sind über 60 % der Afrikaner unter 25. „One of the greatest concentrations of human potential the world will see this century.” Und im selben Atemzug die Lücken: nur etwa 38 % Konnektivität gegenüber einem globalen Schnitt von 68 %, KI-Systeme, in denen die meisten der afrikanischen Sprachen schlicht unsichtbar bleiben.

Doch dann die entscheidende Umdeutung:

„The African story is not the story of absence. It is a story of unfinished construction.”

Weitergedacht

Wenn der Unterschied zwischen „Mangel” und „unfertigem Bau” darüber entscheidet, ob eine Partnerschaft auffüllt oder mitbaut — wie oft nennen wir im Globalen Norden „Hilfe”, was in Wahrheit die Fortschreibung einer Abhängigkeit ist?

Diese Unterscheidung ist das moralische Scharnier des Vortrags. Wer einen leeren Raum sieht, kommt als Wohltäter und füllt ihn — und bestimmt die Bedingungen. Wer einen unfertigen Bau sieht, kommt als Partner und verstärkt, was schon wächst. Data Center in Casablanca, Lagos, Nairobi, Kigali; Forschungskollektive wie Masakhane und Lelapa AI, die an afrikanischen Sprachmodellen arbeiten — Afrika beginnt nicht bei null.

Die Rohstoff-Warnung: Daten als neue Extraktion

▶ 14:34 — Der historisch schärfste Moment. Koné zieht die Linie vom Kolonialismus zur Gegenwart:

„If Africa’s data is generated in Africa here, but stored, processed, monetized, and governed elsewhere, then Africa will remain at the lower end of the digital value chain. We have seen this before with the raw material. We cannot repeat with the data.”

Das ist genau die Bogenspannung des heutigen Tages. Die koloniale Ökonomie nahm Rohstoffe aus dem Boden, veredelte sie anderswo und verkaufte sie zurück. Kaffee, Kobalt, Kautschuk — der Kontinent lieferte den Anfang der Kette und blieb vom Ende ausgeschlossen. Kaum unabhängig, droht dasselbe Muster im Digitalen: Daten werden in Afrika erzeugt, aber der Wert entsteht auf Servern in Virginia oder Frankfurt. Selbstbestimmung 1962 war politisch; 2026 stellt sie sich als Frage neu, wer die Infrastruktur besitzt, auf der ein Kontinent denkt.

Wichtig ist Konés Nuance: Er fordert nicht, dass jedes Kabel und jedes Data Center staatlich sein müsse. Souveränität heißt „meaningful control over the terms” — Kontrolle über die Bedingungen, nicht Verstaatlichung. Das ist der Unterschied zwischen einem Souveränisten und einem Autarkisten.

Was Souveränität wirklich heißt

▶ 13:02 — Koné räumt mit dem Missverständnis auf, das den Begriff vergiftet:

„Digital sovereignty is not isolation. It is not protectionist. It is not a firewall. It is certainly not a justification for censorship or shutting down the internet.”

Sondern positiv gewendet:

„Digital sovereignty is the right and the capacity of the people to shape the digital systems that increasingly shape them.”

Das ist ein bemerkenswert dichter Satz, weil er die Machtfrage umkehrt. Nicht der Staat gegen die Bürger (die Abschottungs-Lesart, mit der Autokraten „Souveränität” kapern), sondern die Menschen gegenüber den Systemen. Souveränität ist bei Koné ausdrücklich die Grundlage sinnvoller Offenheit — wer über die Systeme, von denen er abhängt, kein Mitspracherecht hat, ist nicht offen, sondern bloß abhängig.

Eigene Einschätzung

Hier liegt die intellektuelle Pointe des Vortrags — und eine wichtige Klarstellung für den europäischen Diskurs, in dem „digitale Souveränität” oft nach Festung klingt. Koné trennt sauber: Abschottung ist die Verwechslung von Souveränität mit Angst. Echte Souveränität ist Gestaltungsmacht, und die verträgt sich mit Offenheit — sie ist ihre Bedingung. Wer das ernst nimmt, kann „Souveränität” nicht mehr als Codewort für Zensur oder Netzsperren benutzen, ohne sich selbst zu widersprechen.

Souveränität ruht für Koné auf drei Säulen: Infrastruktur (Kabel, Clouds, Data Center, Energie, Rechenkapazität), Daten, Identität und Vertrauen (digitale Identität als Tor zu Rechten und Teilhabe — weltweit fehlt über 850 Millionen Menschen ein offizieller Identitätsnachweis) und Governance und Ethik.

Der Souveränitäts-Riss verläuft durch die Sprache

▶ 16:53 — Die dritte Säule verdichtet Koné zu seinem stärksten Bild. Über 2.000 Sprachen werden in Afrika gesprochen; die großen KI-Systeme funktionieren nur in einem Bruchteil davon. Das sei kein technisches Detail:

„A continent that cannot reason in its own languages cannot fully govern the systems that increasingly govern it.”

Wenn KI-Systeme über Kredit, Bildung, Beschäftigung, Migration und Sicherheit mitentscheiden, aber die Sprachen und Wirklichkeiten eines Kontinents nicht verstehen, produzieren sie keine neutralen, sondern ungleiche Ergebnisse. Die Konsequenz ist ein Programm: investieren in afrikanische Datensätze, Sprachmodelle, Benchmarks, Talente und Governance — über den Africa AI Council. Das Ziel formuliert Koné als Rollenwechsel: Afrika als „co-author” der KI, nicht als „afterthought”, nicht als Nachahmung Europas und nicht in Gegnerschaft zu ihm, sondern im Dialog.

Zwei Flüsse, ein Strom — die Partnerschaft neu gedacht

▶ 11:31 — Für das Verhältnis zu Europa findet Koné ein Bild, das aus einem gemeinsamen Op-Ed mit der GIZ-Geschäftsführerin Anna Sophie Herken stammt:

„Two small rivers that converge form a stronger current. Separately each struggles against the terrain, together they move mountains.”

Das alte Modell von Geber und Empfänger sei „obsolete”. An seine Stelle träten Ko-Investment, Ko-Kreation, Technologietransfer, geteilte Governance. Europa bringe industrielle Tiefe, regulatorische Erfahrung, Forschungskapazität; Afrika demografische Dynamik, Adoptionsgeschwindigkeit, unternehmerische Energie und einen der größten künftigen Digitalmärkte. Konés drei konkrete Einladungen an europäische Institutionen: ko-investieren ohne Lock-in, in afrikanische Talente und Ökosysteme investieren, und Afrika als Mitautor globaler KI-Standards einbeziehen — nicht fertige Regelwerke nachträglich vorlegen.

„Aligned, we shape the norms. Divided, we follow them.”

Und mit einem Seitenhieb auf die Machtgeografie der KI:

„The intelligent age will not be governed only from Brussels, Washington D.C., or Beijing. Africa must be part of that table.”

Der Leapfrog als Beweis — und die nützlichste KI

▶ 26:44 — In der Fragerunde wird Koné am konkretesten. Auf die Frage nach den Risiken antwortet er mit einer Geschichte: Zwischen 1960 und 2025 wuchs Afrikas Bevölkerung von 200 Millionen auf 1,4 Milliarden — ohne dass Schulen und Krankenhäuser im selben Maß mitwuchsen. Die Antwort war nicht Warten, sondern Überspringen. Finanzdienstleistungen ohne Banken: Mobile Money, bei dem Afrika mit rund 70 % der globalen Transaktionen führt.

Daraus leitet er eine Haltung zur KI ab, die den ganzen Silicon-Valley-Hype unterläuft:

„We want to build the most useful AI, not the most powerful one. We don’t need an AI girlfriend or boyfriend in Africa. We need AI that solves real problems.”

Das größte KI-Anwendungsfeld sieht er im Gesundheitswesen: Wo in Europa etwa ein Arzt auf 1.000 Menschen kommt, ist es in Afrika einer auf 20.000. KI-gestützte Triage im Dorf, bevor jemand ins Krankenhaus kommt — „it is already happening, it is not a rhetoric”. Das eigentliche Risiko sei nicht die Disruption, sondern die „strategic irrelevance through delays”: irrelevant zu werden, weil man zu lange beraten hat.

Weitergedacht

Koné trennt die nützlichste von der mächtigsten KI. Was, wenn diese Unterscheidung nicht nur für Afrika gilt — was, wenn der reiche Norden, gerade weil er sich die mächtigste leisten kann, verlernt zu fragen, welche Probleme seine KI überhaupt löst?


Faktencheck

Bestätigt — Afrika ~2 % der KI-Trainingsdaten

Afrika trägt nur rund 2 % der weltweiten KI-Trainingsdaten bei. Die Zahl ist eine viel zitierte Schätzung (je nach Abgrenzung kursieren auch niedrigere Werte für Afrika+Südamerika kombiniert), aber die Größenordnung und die Kernaussage — massive Unterrepräsentanz — sind belegt. Passt zu weiteren Kennziffern: <1 % der Rechenzentren, ~3 % des KI-Talentpools. Quelle: GIZ — Africa’s AI Revolution Needs Data

Bestätigt — Europa importiert ~80 % seiner Technologie

Die EU deckt über 80 % ihrer zentralen digitalen Produkte, Dienste, Infrastruktur und IP aus Nicht-EU-Ländern. Präzise gilt der Wert für digitale Technologien (nicht Technologie schlechthin) — in einem Vortrag über digitale Souveränität ist das genau der gemeinte Rahmen. Quelle: Atlantic Council — Digital sovereignty in Europe

Bestätigt — Konnektivität 38 % vs. 68 %

2024 nutzten nur 38 % der afrikanischen Bevölkerung das Internet — der weltweit niedrigste Wert — gegenüber einem globalen Schnitt von 68 %. Exakt die ITU-Zahlen. Quelle: ITU Facts and Figures 2024 — Internet use

Bestätigt — Demografie 2050 und Jugend

Bis 2050 wird mehr als jeder vierte Mensch weltweit Afrikaner sein (1960: 1 von 11). Über 60 % der Afrikaner sind heute unter 25 — Afrika hat die jüngste Bevölkerung der Welt. Quelle: World Economic Forum — Over 60% of Africa’s population is under 25

Bestätigt — 850 Mio. ohne Identitätsnachweis

Rund 850 Millionen Menschen weltweit haben keinen offiziellen Identitätsnachweis (World Bank ID4D, Stand 2021; gesunken von ~1 Mrd. 2018). Über die Hälfte lebt in Subsahara-Afrika und Südasien. Quelle: World Bank — 850 million people globally don’t have ID

Bestätigt — über 2.000 Sprachen

In Afrika werden je nach Abgrenzung zwischen 1.250 und über 2.000 Sprachen gesprochen — rund ein Drittel aller Sprachen der Welt. „Über 2.000” ist die gängige, vertretbare Angabe. Quelle: Wikipedia — Languages of Africa

Bestätigt — Mobile Money führend, ~1,4 Bio. USD

2025 flossen 1,4 Billionen US-Dollar durch Mobile-Money-Wallets in Subsahara-Afrika — rund zwei Drittel des globalen Transaktionswerts, nach Transaktionszahl sogar ~74 %. Der Sprecher-Wert „~70 %” liegt exakt im belegten Band; präzise bezieht sich die Zahl auf Subsahara-Afrika, nicht den ganzen Kontinent — inhaltlich unerheblich. Quelle: GSMA — Global mobile money market hits 1.4T in sub-Saharan Africa 2025

Bestätigt — Smart Africa: 42+ Staaten, Single Digital Market 2030

Smart Africa (gegr. 2013) ist eine Allianz von 42 Mitgliedstaaten (~1,2 Mrd. Menschen) plus 50+ Privatpartnern, mit dem erklärten Ziel eines Single African Digital Market bis 2030. Quelle: Smart Africa — Transform Africa Summit 2025

Vereinfacht — Arzt-Dichte 1 : 20.000

Der Kontrast ist real, aber beide Zahlen sind grob gerundet. Der afrikanische Durchschnitt liegt bei rund 1 Arzt pro 4.000–5.000 Menschen (World Bank/WHO); „1 : 20.000” trifft nur die am schlechtesten versorgten Länder und ländlichen Regionen, nicht den Kontinent. Umgekehrt hat Europa 3,5–6 Ärzte pro 1.000 — die Angabe „1 : 1.000” unterschätzt Europa und macht den wahren Abstand sogar kleiner, als er ist. Als rhetorische Illustration der Versorgungslücke tragfähig, als Statistik überzeichnet. Quelle: Physicians per 1,000 — Sub-Saharan Africa, World Bank · Visual Capitalist — Doctor density

Vereinfacht — Bevölkerung 1960 ~200 Mio.

Der Wachstumsbogen stimmt, die Basiszahl nicht ganz: 1980 (~482 Mio.) und 2025 (~1,4–1,55 Mrd.) passen; für 1960 nennen die UN-Daten aber ~284 Mio., nicht 200 Mio. Die Rundung nach unten lässt das ohnehin dramatische Wachstum noch etwas steiler wirken. Quelle: Macrotrends — Africa Population 1950–2026


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag erwähnt:

  • Smart Africa — kontinentale Allianz, Sitz Kigali (smartafrica.org)
  • AfCFTA Digital Trade Protocol — Rahmen für grenzüberschreitenden Datenverkehr, digitale Identitäten, elektronische Zahlungen
  • Masakhane — Forschungskollektiv für afrikanische Sprach-KI (masakhane.io)
  • Lelapa AI — südafrikanisches KI-Startup für Low-Resource-Sprachen
  • Gemeinsamer Op-Ed mit Anna Sophie Herken (GIZ) zur Afrika-Europa-Digitalkooperation

Zur Einordnung der Zahlen (Sherlock):


Verbindungen

Büttner & Kaufmann — KI-Souveränität in Europa

Dieselbe Umkehrung von einer anderen Weltgegend aus: Souveränität nicht als Abschottung, sondern als Wahlfreiheit und Gestaltungsmacht. Konés 80-%-Importquote Afrikas und die europäische US-Abhängigkeit sind, in Konés Worten, „zwei Seiten desselben strukturellen Problems” — Europa sitzt nur eine Kabinenklasse höher im selben Boot.

Gehring & Gießmann — Digitale Unabhängigkeit und monetäre Souveränität

Souveränität an der Infrastruktur-Wurzel: Wo Koné vor Daten als neuer Rohstoff-Extraktion warnt, zeigen Gehring & Gießmann dasselbe Muster im Zahlungsverkehr (60–66 % der europäischen Transaktionen über US-Anbieter). Konés Mobile-Money-Leapfrog (Afrika führt mit ~70 % der globalen Transaktionen) ist das positive Gegenbild zum europäischen Abhängigkeits-Befund.

rp26 — KI-Industriepolitik richtig gemacht

Konés „nützlichste, nicht mächtigste KI” ist praktisch Carsten Jungs AI Directionism — die Anwendung lenken, nicht nur Infrastruktur bauen. Kaltheuners Skepsis (Souveränitätsrhetorik ohne Marktumbau bleibt leer) ist der kritische Gegenpol zu Konés institutionellem Optimismus: baut Smart Africa echte Gestaltungsmacht oder nur eine „coordination architecture” über weiter fremden Servern?

Christoph Hein — Geoökonomie NEU DENKEN

Hein liefert die geoökonomische Landkarte, auf der Koné steht: Wirtschaft als Machtwaffe, multipolare Ordnung, der Globale Süden, der sich die Ellenbogen breit macht. Konés Satz, das intelligente Zeitalter werde „nicht nur aus Brüssel, Washington oder Peking regiert”, ist Heins Multipolarität, ins Digitale übersetzt.

Zentral oder dezentral — wer kontrolliert das Sprachmodell?

Die Spur fragt, ob die Schicht zwischen Mensch und Wissen zentral-besessen oder offen-anfechtbar bleibt. Koné liefert die geopolitische Dimension derselben Achse: Ein Kontinent, „der nicht in seinen eigenen Sprachen denken kann, kann die Systeme nicht regieren, die ihn regieren” — 2000+ unsichtbare Sprachen als der Ort, an dem der Kontroll-Riss verläuft.

Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic

Tooze kartiert den Kampf um die KI-Kontrolle innerhalb der Machtzentren; Koné blickt von außerhalb des Tischs darauf und verlangt einen Platz daran. Zusammen ergeben sie die volle Machtgeografie der KI — wer die Regeln schreibt und wer sie befolgt.

Markus Gabriel — Ethische Intelligenz

Gabriels These, der Westen verstehe KI grundfalsch, findet bei Koné eine Stimme aus dem Globalen Süden: „Wir brauchen keine KI-Freundin, wir brauchen KI, die echte Probleme löst.” Beide setzen der Silicon-Valley-Logik der mächtigsten Maschine eine Frage nach Zweck und Ethik entgegen — bei Koné als dritte Souveränitäts-Säule (Governance & Ethik).

Die geteilte Fülle — eine Utopie der Maschinen-Ära

Konés „nützlichste, nicht mächtigste KI” ist die Bedingung, unter der diese Utopie überhaupt steht: eine Technik, die dem Menschen und dem Lebendigen dient statt Macht und Geld zu bündeln. Er erdet, was dort vorausgedacht wird — Triage im Dorf, Leapfrogging, Mobile Money zeigen, dass „KI, die echte Probleme löst” kein frommer Wunsch ist. Die Kehrseite — KI als Konzentrations-Motor — baut den finsteren Zwilling, → die goldenen Türme.

Panorama — Autoritärer Internationalismus

Das Panorama beschreibt privatisierte Souveränität — die Tech-Oligarchie, die Governance-Domänen an sich zieht. Koné formuliert den Gegenentwurf: Souveränität als „das Recht der Menschen, die Systeme mitzugestalten, die sie zunehmend gestalten”. Zugleich die Warnung im Spiegel — dass Autokraten genau dieses Wort als Codewort für Zensur und Netzsperren kapern, was Koné ausdrücklich zurückweist.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Souveränität „die Grundlage sinnvoller Offenheit” ist — kann ein Land dann überhaupt offen sein, das keine Kontrolle über seine digitale Infrastruktur hat, oder ist das nur ein anderes Wort für Ausgeliefertsein?
  • Koné warnt, Daten könnten zur neuen Rohstoff-Extraktion werden. Gilt diese Warnung nur für Afrika — oder sitzt Europa gegenüber den US-Hyperscalern im selben Boot, nur eine Kabinenklasse höher?
  • Wem nützt es, wenn „digitale Souveränität” als Abschottung missverstanden wird — und wer profitiert davon, den Begriff in diese Ecke zu stellen?
  • Wenn ein Kontinent „in seinen eigenen Sprachen nicht denken kann”, verliert er Souveränität. Was verlieren wir, wenn unser Denken zunehmend durch Systeme läuft, die in der Sprache und Logik weniger Konzerne trainiert wurden?
  • Koné will „die nützlichste KI, nicht die mächtigste”. Ist das ein Verzicht aus Not — oder die klarere Frage, die sich der reiche Norden zu stellen verlernt hat?