
Die Anstalt — Warum Wohnen unbezahlbar wird
Der Staat zahlt die Mieten, statt Wohnungen zu besitzen — und finanziert so die Dividenden jener Konzerne, denen die Wohnungen gehören. Ein Kreislauf, an dessen Ende der Schuldige feststeht: der Mieter.
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George Grosz / Otto Dix (Neue Sachlichkeit) — Die Hand der Weimarer Satire für einen Stoff, den die Weimarer Satire schon kannte: der wohlgenährte Herr im Nadelstreifen, der mit offenen Armen versichert, es sei alles geregelt. Vor ihm die Reihe der Modellhäuser, von der nur zwei übrig sind; die hellen Rechtecke zeigen, wo die anderen standen. Hinter ihm leuchtet die neue Fassade, in die keiner von beiden einziehen wird. Links, klein und abgewandt, der Mann mit dem Rucksack. Kein Vorwurf im Bild — nur die Anordnung.
Prompt: Painting in the style of German Neue Sachlichkeit, George Grosz and Otto Dix, wide horizontal banner composition, harsh unsentimental light. Centre: a heavy well-fed man in a dark pin-striped suit stands behind a plain grey concrete lectern, arms spread wide in a gesture of reassurance, faint smile. On the flat top of the lectern stands a row of tiny grey model apartment towers — but the row is nearly empty, only three small towers remain at the left end, and pale rectangular dust-marks show where the others stood. Behind him rises a tall bright facade of glossy new luxury apartment balconies in cream and gold, densely stacked, unreachable. Foreground left, seen from behind and small against the scene, a thin stooped man in a shabby brown coat with a canvas rucksack on his back. Palette: acid green, ochre, brick red, cold concrete grey, with the gold facade glowing behind. Sharp contours, flattened perspective, caricatural but severe, 1920s Weimar satire painting. No text, no letters, no numbers, no logos.
Ein Kabarettist mit Rucksack sucht eine Wohnung. Neben ihm stehen eine Bauministerin und ein Investor, zwischen ihnen ein Pult mit Modellhäusern darauf. Zwölf Minuten später ist das Pult fast leer, und der Zuschauer hat eine Rechnung im Kopf, die er nicht mehr loswird: Der deutsche Staat gibt jährlich rund zwanzig Milliarden Euro dafür aus, dass Menschen ihre Mieten zahlen können — und rund drei, damit Wohnungen entstehen, die dauerhaft günstig bleiben. Diese Note nimmt die Zahlen ernst, auch die, bei denen die Satire großzügig mit sich selbst war.
Quelle: Warum Wohnen unbezahlbar wird | Die Anstalt — Ausschnitt aus der Sendung „Die Abriss-Anstalt" vom 11.11.2025 (ZDF, 48 Min.); der Abschnitt heißt dort „Asozialer Wohnungsbau".
Die Anstalt (ZDF) — politisches Kabarett in der Tradition der Anstalt-Vorgängerformate, seit 2014 auf Sendung. Ensemble dieser Ausgabe: Max Uthoff, Claus von Wagner und Maike Kühl. Die Sendung veröffentlicht zu jeder Folge einen belegten Faktencheck — für diese Ausgabe 33 Seiten mit Quellen von Statistischem Bundesamt über Mieterbund und Pestel-Institut bis zu einer eigens angefertigten Modellrechnung des Stadtsoziologen Andrej Holm.
In diesem Ausschnitt spielt Maike Kühl die Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD), Max Uthoff einen Investor und Vermieter, Claus von Wagner den Wohnungssuchenden.
Die Bühne rechnet mit
3:17 — Das Bühnenbild führt den Beweis, bevor jemand ihn ausspricht. Vorne steht ein Pult mit der Aufschrift „Sozialer Wohnungsbau", darauf eine lange Reihe kleiner grauer Modell-Hochhäuser. Dahinter ein beleuchtetes Bord: „Freier Wohnungsmarkt", bestückt mit bunten Häuschen. Zu Beginn der Szene stehen auf dem Pult rund zwanzig Türme.
Dann verschwinden sie. Nicht auf einen Schlag — einzeln, während geredet wird. Nach acht Minuten sind es zehn, in der Schlusseinstellung noch vier. Das Bord dahinter bleibt voll.
Der Satz, der dazu fällt, ist beiläufig gesprochen: „Immer, wenn da vorne eine Wohnung gebaut wird, dann fallen hier hinten zwei weg." Er ist die These der ganzen Nummer. Alles Weitere ist Beleg.
Diese Form hat einen Vorzug, den kein Erklärstück hat: Man kann der Abnahme zusehen, während man den Zahlen zuhört. Das Publikum lacht an Stellen, an denen es eigentlich rechnen müsste — und rechnet trotzdem mit.
Elf Millionen Berechtigte, eine Million Wohnungen
2:00 — Bevor man eine Sozialwohnung bekommt, braucht man einen Wohnberechtigungsschein. Dafür muss man belegen, wenig genug zu verdienen: in Hamburg unter etwa 20.000 Euro netto im Jahr, in München bis 28.300.
„Also ich frag mich manchmal wirklich, wer es sich in diesem Land überhaupt leisten kann, so wenig Geld zu verdienen."
Im Gespräch — 2:00
Die Antwort kommt sofort und ist die eigentliche Pointe der Szene: elf Millionen Haushalte. Über die Hälfte aller Mieterhaushalte in Deutschland hätte Anspruch auf eine Sozialwohnung.
2:30 — Und wie viele gibt es? Rund eine Million. „Aber die restlichen zehn Millionen dürfen sich gerne auf eine bewerben."
Der Mieterbund führt dazu eine Zahl, die den Verfall messbar macht: 1987 kamen auf hundert Mieterhaushalte fünfundzwanzig Sozialwohnungen. Heute sind es fünf. Die Berechtigung ist also nicht knapp geworden — sie ist so verbreitet, dass sie nichts mehr bedeutet. Ein Anspruch, den die Hälfte der Mieter hat und ein Zwanzigstel einlösen kann, ist kein Anspruch. Er ist eine Lotterie mit amtlichem Briefkopf.
Wenn ein Rechtsanspruch nur für jeden zehnten Berechtigten einlösbar ist — ist er dann noch ein Recht, oder schon eine Verwaltungsform von Mangel?
Drei Milliarden im Jahr, und der Bestand schrumpft trotzdem
2:45 — Die Ministerin verteidigt sich mit einer Zahl, die gut klingt: seit 2015 jedes Jahr rund drei Milliarden Euro Bundesmittel für den sozialen Wohnungsbau, davon im Schnitt knapp 30.000 neue Sozialwohnungen. Nächstes Jahr wieder drei Milliarden. Wieder 30.000.
Und wieder ein Turm weniger auf dem Pult.
Der Grund steht in der Faktenliste des ZDF, nicht im Ausschnitt: Sozialwohnungen sind nicht dauerhaft sozial. Die Preisbindung läuft nach zwölf, fünfzehn, zwanzig oder dreißig Jahren aus — je nach Bundesland —, dann geht die Wohnung an den freien Markt. Jahr für Jahr verlieren so mehr Wohnungen ihre Bindung, als neue sie bekommen; im Vergleich 2020/2021 waren es rechnerisch über 60.000. Gegen 30.000 Neue.
Das ist der Kern und zugleich das Kunststück der Konstruktion: Der Staat fördert nicht Wohnungen, sondern Fristen. Er kauft sich für Milliarden ein befristetes Nutzungsrecht an privatem Eigentum und übergibt es danach dem Markt — als Geschenk, verzinst mit fünfundzwanzig Jahren Wertsteigerung. Man muss die Politik nicht für zynisch halten, um das Ergebnis zynisch zu finden.
Vier Prozent Rendite mit dem Bedürftigen
1:37 — Warum baut der Staat nicht selbst? „Weil die Privaten das effektiver machen", sagt die Ministerin. Der Investor ergänzt zufrieden:
„Wir machen sogar aus dem bedürftigen Mieter wie Ihnen noch locker eine Rendite von 4 Prozent. […] Aktuell ist das sogar lukrativer als der normale Wohnungsbau."
Im Gespräch — 1:37
Das ist keine Übertreibung. Der geförderte Neubau wirft laut Handelsblatt derzeit Ausschüttungsrenditen von vier bis 4,5 Prozent ab, das frei finanzierte Segment nur 2,5 bis 3,5. Die Förderung senkt das Risiko, der Staat garantiert die Belegung, die Miete kommt pünktlich vom Amt. Für einen Investor ist die Sozialwohnung das sicherere Papier.
Der Satz, den die Satire daraus zieht, ist grausam genau: „Mensch, ist es nicht toll, was der aus Ihnen rausholt?" Nicht für Sie. Aus Ihnen.
Das Geld sagt nur Hallo und Tschüss
5:14 — Hier schließt sich der Kreis. Der Wohnungssuchende bekommt Wohngeld, damit er die Miete zahlen kann, die er sonst nicht zahlen könnte. Fünf Milliarden im Jahr gehen so an Menschen, deren Wohnkosten ihr Einkommen übersteigen — mit einem Anstieg um rund 600 Prozent binnen zehn Jahren: 681 Millionen Euro im Jahr 2015, 4,7 Milliarden 2024. (Faktencheck: vereinfacht — der Sprung geht überwiegend auf das Wohngeld-Plus-Gesetz von 2023 zurück, das den Kreis der Berechtigten um 80 Prozent erweiterte.)
„Aber ich hab davon doch gar nichts. Ich hab dem Geld doch nur kurz Hallo und Tschüss gesagt." „Aber es geht mir doch genauso. Ich reich es ja sofort an die Aktionäre weiter."
Im Gespräch — 5:14
6:00 — Eine Milliarde Euro hat Vonovia, Europas größter Wohnungskonzern, im vergangenen Geschäftsjahr an seine Aktionäre ausgeschüttet. Die Rechnung der Szene: Steuergeld wird zu Miete, Miete wird zu Dividende.
6:46 — Und das Wohngeld ist nur der kleinere Posten. Für Bürgergeldbeziehende übernehmen die Jobcenter die „angemessenen" Kosten der Unterkunft — theoretisch. „Praktisch gibt es keine angemessenen Mieten mehr." In München seien schon bis zu 20 Euro pro Quadratmeter geflossen, fast sieben Euro über dem Münchner Durchschnitt von 12,98. In Dresden 18 Euro — für eine schimmelige Plattenbauwohnung, die laut ZDF-Faktencheck Vonovia gehört. (Faktencheck: nicht belegt — die 20 Euro stammen nicht, wie das ZDF angibt, aus dem Zensus 2022, sondern aus einem Sommerinterview von Friedrich Merz, mit dem dieser Kürzungen beim Bürgergeld begründete.)
„Wollen Sie damit andeuten, dass Bürgergeldempfängerinnen in Luxuswohnungen untergebracht werden?" — „Nein, nur die Mieten sind Luxus."
Im Gespräch — 6:46
8:24 — 2023 kassierten Vermieter rund 15 Milliarden Euro für die Unterbringung von Bürgergeldbeziehenden. Plus fünf Milliarden Wohngeld: zwanzig Milliarden im Jahr, die den Bestand um keine einzige Wohnung vergrößern. Das Verfahren hat einen Fachbegriff, und die Sendung spricht ihn aus: Subjektförderung. Gefördert wird das Subjekt, der Mensch — der das Geld weiterreicht. Das Objekt, die Wohnung, gehört weiter dem anderen.
Wenn öffentliches Geld verlässlich bei privaten Eigentümern landet, ohne öffentliches Eigentum zu schaffen — wen fördert eine Subjektförderung dann eigentlich?
Wien, oder: dass es anders ginge
9:00 — Gegen den Einwand, das sei eben so, stellt die Sendung ein Land: Österreich. Die Zahlen dazu sind unbequem, weil sie das gängigste Gegenargument entwaffnen.
Österreich gibt 177 Euro pro Kopf und Jahr für bezahlbares Wohnen aus — Subjekt- und Objektförderung zusammen. Deutschland rund 240. Der europäische Schnitt liegt bei 391. Österreich zahlt also weniger und hat, gemessen an der Einwohnerzahl, achteinhalbmal so viele geförderte Wohnungen: 978.500 auf 9,18 Millionen Menschen, gegenüber 1,05 Millionen auf 83,51 Millionen. (Faktencheck: vereinfacht — auf der österreichischen Seite steht der ganze gemeinnützige Sektor, auf der deutschen nur die eng gefasste Sozialwohnung; rechnet man Genossenschaften und kommunale Bestände mit, bleibt Faktor zwei.) In Wien ist die Miete etwa halb so hoch wie in München — der belegte Satz der Sendung, aus dem im Fließtext „die Mieten in Österreich“ wurden. Auf Landesebene stimmt das nicht: 7,4 Euro dort, 7,28 hier. (Faktencheck: falsch)
Der Unterschied liegt im Besitz. Gemeindebau und gemeinnützige Bauvereinigungen halten die Wohnungen dauerhaft; es gibt keine Frist, nach der sie an den Markt fallen. Wer den Bestand besitzt, muss ihn nicht jedes Jahr neu mieten.
„Aber wenn man selbst so viele Wohnungen hat, dann muss man ja gar nicht mehr bauen, bauen, bauen." — Der Investor sagt es entsetzt. Es ist der ehrlichste Satz der Sendung.
Der Ausverkauf und das Wort, das die SPD nicht sagen darf
9:15 — Woher der Verlust? „Um zu sparen, haben die Länder und Kommunen in den Nullerjahren Wohnungen an Konzerne verscherbelt." Von vier Millionen Sozialwohnungen sei eine übrig.
Der Vorschlag, der daraus folgt, kommt vom Wohnungssuchenden: „Wir holen uns die Wohnungen einfach zurück. Durch Vergesellschaftung."
„Das kann ich nicht machen." — „Wieso?" — „Ich bin Sozialdemokratin."
Im Gespräch — 9:15
10:03 — Der Investor nennt das „radikale Enteignungsfantasien", mit denen man ganz allein dastehe. Die Sendung kontert zweifach. Erstens: In Berlin stimmten 2021 fast sechzig Prozent für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Zweitens, und wirkungsvoller, mit einem Zitat:
„Die Rekommunalisierung von Wohnungseigentum ist ein Meilenstein für das Wohnen in unserer Stadt."
Im Gespräch — 10:03
Zugeschrieben wird es dem Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert — beim Rückkauf jener Wohnungen, die seine Stadt 2006 verkauft hatte. (Faktencheck: der Wortlaut ist eine Verdichtung — das Wort „Meilenstein“ stammt von Baubürgermeister Stephan Kühn, Grüne, und bezog sich auf Flächen. Die Sache stimmt: Hilbert war 2015 gegen kommunalen Wohnungsbau und verkündete 2023 den Rückkauf.) Hilbert ist in der FDP. Der Investor auf der Bühne: „Diese linken Spinner!"
Der Witz sitzt, weil er eine Ordnung durcheinanderbringt: Rekommunalisierung gilt als linke Position, wird aber dort betrieben, wo eine Stadt nachrechnet, was sie ihr Nichtbesitzen kostet. Was die Pointe verschweigt, macht sie erst bitter: Dresden verkaufte 2006 48.000 Wohnungen und kaufte 2023 1.213 zurück — zweieinhalb Prozent. Den Anstoß gab auch nicht das Rathaus. Vonovia wollte Schulden abbauen und verkaufte zum Buchwert.
Wer am Ende der Kette den Kopf hinhält
10:50 — Die Schlussrede fasst die Kette zusammen, und sie tut es ohne Pointe:
„Sie verscherbeln unsere Wohnungen an Investoren wie Ihnen. Dadurch wird bezahlbarer Wohnraum immer knapper. Es gibt viel zu wenig Sozialwohnungen. Dann erhöht er die Mieten für Bürgergeldempfängerinnen, die Sie dann zahlen aus unserem Steuergeld. Das kostet unglaublich viel. Und gegen wen wird dann Stimmung gemacht? Gegen Bürgergeldempfänger, weil die angeblich zu viel kosten."
Im Gespräch — 10:50
Das ist der eigentliche Ertrag der zwölf Minuten. Die Kosten sind real — fünfzehn Milliarden für Unterkunft sind fünfzehn Milliarden. Nur entstehen sie nicht dort, wo die Debatte sie sucht. Sie entstehen im Mietniveau, das der Staat mitbezahlt und mit hochtreibt, und sie landen als Vorwurf bei denen, durch deren Hände das Geld am kürzesten geht.
Was folgte, war zu erwarten: „Wir müssten Wohnungen in großem Stil bauen!" — „Nein!" Abblende. Auf dem Pult stehen noch vier Türme.
Faktencheck
Der Beitrag steht auf einer ungewöhnlich gut dokumentierten Grundlage — die vier Kernzahlen halten der unabhängigen Prüfung stand, und selbst das arbeitgebernahe IW Köln bestätigt die Bestandsdiagnose. Wo es kippt, kippt es fünfmal in dieselbe Richtung.
Hamburg zieht die Grenze für den Einpersonenhaushalt im 1. Förderweg bei rund 19.200–20.000 Euro Jahresnettoeinkommen; München nennt 28.300 Euro in seiner Einkommensstufe III. Präzisierung: Die 28.300 sind die obere Stufe eines gestaffelten Systems, nicht die Basisschwelle. Quelle: Hamburg — Sozialwohnungen und Wohnberechtigungsschein · IFB Hamburg Einkommensrechner
Der Deutsche Mieterbund beziffert die WBS-berechtigten Haushalte auf über 11 Millionen bei rund 21 Millionen Mieterhaushalten. Der Satz ist genau formuliert: Anspruch auf einen Schein, nicht auf eine Wohnung. Genau darin liegt die Pointe. Quelle: Pestel-Institut / Deutscher Mieterbund — Bauen und Wohnen 2024 (PDF)
Ende 2024 waren es bundesweit rund 1,05 Millionen, etwa 26.000 weniger als im Vorjahr. Das IW Köln kommt unabhängig auf 1,07 Millionen (2022) und prognostiziert 554.100 für 2035. Zwei Institute mit gegensätzlicher wohnungspolitischer Grundhaltung, dieselbe Zahl. Quelle: Deutscher Mieterbund — Historischer Tiefstand bei Sozialwohnungen · IW-Kurzbericht 87/2023 (PDF)
Für 2024 zahlte Vonovia 1,22 Euro je Aktie (nach 0,90 im Vorjahr) — bei rund 826 Millionen Aktien etwa 1,0 Milliarde. Vonovia ist mit rund einer Million Wohnungen Europas größter Wohnungskonzern. Was den Befund verschärft und im Beitrag fehlt: Die Ausschüttung erfolgte trotz eines Verlusts von 1,09 Euro je Aktie im selben Jahr; Bemessungsgrundlage war das bereinigte Vorsteuerergebnis. Quelle: Vonovia — Dividende (Investor Relations) · finanzen.net — Vonovia erhöht Dividende signifikant
Die Pestel-Studie nennt gut 15 Milliarden für Unterkunftskosten plus über 5 Milliarden Wohngeld. Unabhängig plausibilisiert: Im ersten Halbjahr 2023 allein 7,1 Milliarden kommunale SGB-II-Leistungen, überwiegend KdU; 2025 entfielen von 46,7 Milliarden Zahlungsansprüchen 17,69 Milliarden auf die KdU. Provenienz: Auftraggeber der Pestel-Studie ist das Verbändebündnis „Soziales Wohnen" — darin Mieterbund und Caritas, aber auch IG BAU und Mauerwerksindustrie. Die amtlichen Zahlen sind davon unberührt; der Rahmen (910.000 fehlende Sozialwohnungen, 50 Milliarden Sondervermögen) ist die Forderung einer interessierten Partei. Quelle: Pestel-Institut / Mieterbund — Bauen und Wohnen 2024 (PDF) · Destatis — Kommunale SGB-II-Leistungen 1. Halbjahr 2023
Am 26.09.2021 stimmten 1.035.950 Berlinerinnen und Berliner (59,1 %) für die Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen ab 3.000 Wohnungen, bei 73,5 % Beteiligung. Die Expertenkommission des Senats legte am 28.06.2023 fest: juristisch möglich, Landeskompetenz gegeben. Quelle: Amtliches Ergebnis, wahlen-berlin.de · Abschlussbericht der Expertenkommission (PDF)
Der Bund zahlt erst seit kurzem so viel. Die Anstalt listet die Programmmittel in ihrem eigenen Faktencheck auf: 2020 eine Milliarde, 2021 eine, 2022 zwei, 2023 2,5, 2024 3,15, 2025 3,5. Davor lagen die Kompensationsmittel bei 518 Millionen (2015). Über die vollen elf Jahre liegt der Bundesschnitt eher bei 1,5 bis 2 Milliarden. Die Zuspitzung nützt dem Argument — je größer der Input, desto absurder die 30.000 als Output. Der zweite Halbsatz stimmt und wird zum eigenen Nachteil aufgerundet: In den 30.000 stecken Modernisierungsförderung und Belegrechtsankauf, reiner Neubau waren 24.200 (Mieterbund) beziehungsweise 21.600 pro Jahr 2018–2022 (IW). Quelle: BMWSB — Sozialer Wohnungsbau, Programmmittel · IW-Kurzbericht 87/2023 (PDF)
Die Zahlen stimmen: 681 Millionen (2015) auf 4,7 Milliarden (2024), rechnerisch rund plus 590 Prozent. Was fehlt: Der Sprung ist überwiegend eine politische Entscheidung. Das Wohngeld-Plus-Gesetz vom 01.01.2023 erweiterte den Kreis der Berechtigten drastisch — die Zahl der Empfängerhaushalte stieg binnen eines Jahres um 80 Prozent, von 651.800 auf rund 1,2 Millionen, und zwei Leistungskomponenten kamen hinzu. Als Beleg für „das Geld fließt in Renditen" trägt die Kurve deshalb nur teilweise: Ein großer Teil davon ist schlicht, dass mehr Menschen geholfen wird. Quelle: Destatis — 80 % mehr Wohngeldhaushalte im Jahr 2023
Die Rechnung stammt von Andrej Holm, eigens für die Sendung erstellt — und die Bühne greift sich das günstigste von drei Szenarien. Holms eigene Zahlen: Bei Erstellungskosten von 4.317 Euro pro Quadratmeter (ARGE Kiel 2025) kostet eine 70-Quadratmeter-Wohnung gut 300.000 Euro, für zwanzig Milliarden wären das 65.000 Wohnungen. Die 150.000 gelten nur bei Bestandserwerb zu 2.000 Euro je Quadratmeter. Holm selbst setzt drei Vorbehalte in den Text, die im Beitrag fehlen: Bestandswohnungen sind bewohnt und werden erst bei Auszug frei; nicht alle Transferhaushalte lassen sich sofort versorgen; „realistische Kalkulationen sind nicht möglich", weil München, Herne und Eisenhüttenstadt verschiedene Welten sind. Sein drittes Szenario, halb Zuschuss halb Anleihe, käme auf über 130.000. Quelle: Die Anstalt — Faktencheck 11.11.2025, S. 30–31 (PDF)
Die Anstalt rechnet sauber vor: 978.500 geförderte Wohnungen auf 9,18 Millionen Österreicher gegen 1,05 Millionen auf 83,51 Millionen Deutsche, Faktor 8,5. Der Haken sind die ungleichen Definitionen — österreichisch zählt der gesamte gemeinnützige Sektor inklusive Genossenschaften, deutsch nur die eng gefasste, befristet gebundene Sozialwohnung. Deutschlands rund 2,09 Millionen kommunale und 2,2 Millionen Genossenschaftswohnungen fallen unter den Tisch. Gleich gerechnet stünden 10,7 gegen 5,1 Prozent — Faktor zwei. Der strukturelle Unterschied bleibt real und ist der bessere Befund: Österreichs Kostenmiete gilt dauerhaft, die deutsche Bindung läuft aus. Quelle: GdW — Genossenschaften · Statista — Wohnungsbestand kommunaler GdW-Unternehmen
Beide Endpunkte sind belegt, die Kausalkette dazwischen nicht. Die vier Millionen gelten laut Mieterbund für das Ende der 1980er Jahre und allein für Westdeutschland; für das vereinte Deutschland lag der Bestand 1990 bei 2,87 Millionen. Der dominante Treiber ist das Auslaufen der Belegungsbindungen: rund 74.000 Wohnungen jährlich seit 2002. Eine verkaufte Sozialwohnung bleibt bis zum Bindungsende gebunden — Kauf bricht nicht Miete. Die Privatisierungen zerstörten den Zugriff der Kommunen und privatisierten die Rendite; die Ursache des Bestandsschwunds sind sie nicht. Quelle: IW-Kurzbericht 87/2023 (PDF)
Schon zum Sendezeitpunkt optimistisch, heute überholt. Stand September 2026: Deutsche Wohnen & Co enteignen stellte am 26.09.2025 den Gesetzentwurf vor (rund 220.000 Wohnungen, Entschädigung 40–60 Prozent des Werts, 8–18 Milliarden, Tilgung über hundert Jahre aus Mieteinnahmen). Der Gesetzesvolksentscheid findet nach Angaben der Initiative nicht vor 2027 statt. Parallel beschloss die schwarz-rote Koalition am 12.03.2026 ein Vergesellschaftungsrahmengesetz, das ausdrücklich keine Enteignungen ermöglicht. Quelle: Haufe — Vergesellschaftungsrahmengesetz in Berlin verabschiedet · DWE — Stand der Kampagne
Hier hakt es, und zwar beim ZDF selbst. Dessen Faktencheck schreibt, die Zahl stamme „aus dem Zensus 2022" — das kann nicht sein: Der Zensus weist für München 12,89 bis 12,98 Euro Nettokaltmiete aus, den höchsten Wert Deutschlands. Die Spur führt zu Friedrich Merz' ARD-Sommerinterview 2025: „Sie haben in den Großstädten heute teilweise bis zu 20 Euro pro Quadratmeter, die Sie vom Sozialamt bekommen" — damit begründete der Kanzler Kürzungen beim Bürgergeld. Die Anstalt übernimmt dieselbe unbelegte Spitzenzahl und dreht das Vorzeichen um: bei Merz Beleg für Anspruchsdenken, hier Beleg für Konzernrendite. Die belastbaren Zahlen sind unspektakulärer — bundesweit 475 Euro monatlich für eine alleinstehende Person (März 2025), im Schnitt 15 Euro unter den tatsächlichen Kosten. Auch der Dresdner Einzelfall ließ sich außerhalb der ZDF-Liste nicht unabhängig belegen. Quelle: taz — Wohnen und Bürgergeld: Zur Not auf den Campingplatz
Die Substanz ist bestätigt und die Ironie sitzt: Dirk Hilbert, FDP-Oberbürgermeister von Dresden, hatte sich im Wahlkampf gegen eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft ausgesprochen und verkündete im Oktober 2023 den Rückkauf von 1.213 Wohnungen plus zwölf Hektar Bauland von Vonovia für 87,8 Millionen. Der Wortlaut ist so nicht belegbar. Dokumentiert ist von Hilbert: „Das ist ein guter Tag für Dresden." Das Wort „Meilenstein" stammt von Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne) und bezog sich auf Flächen, nicht auf Wohnungseigentum. Zwei Zahlen fehlen dem Gag, die ihn geerdet hätten: Dresden hatte 2006 48.000 Wohnungen verkauft, zurückgekauft wurden 1.213 — zweieinhalb Prozent. Und der Anstoß kam von Vonovia, die Schulden abbauen wollte. Quelle: Der Neue Kämmerer — Dresden kauft Wohnungen und Grundstücke von Vonovia zurück · immobilienmanager — Dresden kauft mehr als 1.200 Wohnungen
Im Landesdurchschnitt stimmt das nicht. Statistik Austria weist für das dritte Quartal 2024 eine durchschnittliche Nettomiete von 7,40 Euro je Quadratmeter aus; der deutsche Zensus 2022 kommt auf 7,28 Euro. Das ist Gleichstand. Die Anstalt belegt in ihrem eigenen Faktencheck ausschließlich den Satz „In Wien ist die Miete etwa halb so hoch wie in München" — und macht daraus im Fließtext „die Mieten sind in Österreich viel günstiger". Zwischen der teuersten deutschen Stadt und der Stadt mit dem größten kommunalen Wohnungsbestand Europas zu vergleichen und das Ergebnis auf zwei Länder hochzurechnen, ist der klassische Schnitt zugunsten der These. Der belegbare Kern hätte für die Pointe vollauf gereicht. Quelle: Statistik Austria — Wohnkosten Q3 2024 (PDF) · Zensus 2022 — Nettokaltmieten
Der Forschungsstand zur Kernthese
Die Beschreibung ist unstrittig und amtlich: Deutschland gibt für Subjektförderung ein Vielfaches dessen aus, was in die Objektförderung fließt — rund zwanzig Milliarden gegen unter 3,5. Auch das IW Köln, wohnungspolitisch der Gegenpol zum Mieterbund, teilt die Diagnose des schmelzenden Bestands. Die Wirkungsbehauptung — dass diese Zahlungen die Mieten selbst nach oben treiben — ist in der empirischen Literatur umstritten.
Dafür: Virén findet in finnischen Paneldaten (50.000 Haushalte, 2000–2008) eine substanzielle Überwälzung des Wohngelds in die Mieten (doi:10.2139/ssrn.1847624). Eerola und Lyytikäinen bestätigen das mit einem Regressions-Diskontinuitäts-Design am finnischen Stufensystem (SERC DP 220). Hyslop und Rea finden für Neuseeland ebenfalls Preiseffekte (doi:10.1016/j.jhe.2019.101657). Dagegen: Brewer und Kollegen werten ein britisches natürliches Experiment aus — eine Kürzung für rund eine Million Haushalte. Kurzfristig trugen etwa 90 Prozent der Last die Mieter, nicht die Vermieter (doi:10.1016/j.jue.2019.103198, Journal of Urban Economics). Eriksen und Ross finden für US-Housing-Vouchers keinen Effekt auf das Mietniveau insgesamt.
Solidität: Keine Meta-Analyse, nur Primärstudien aus vier Ländern mit verschiedenen Systemen — und keine belastbare deutsche Kausalstudie zu Wohngeld oder KdU-Obergrenzen. Wer Überwälzung als bewiesen ausgibt, geht über die Evidenz hinaus; wer sie ausschließt, ebenso. Der Effekt existiert plausibel, ist kontextabhängig und in angespannten Märkten mit unelastischem Angebot am größten — was die deutschen Ballungsräume beschreibt, aber nicht misst.
Die Gegenseite, die im Beitrag nicht vorkommt. Ökonomen halten der Objektförderung dreierlei entgegen. Die Zielgenauigkeit: Wohngeld folgt dem Bedarf und passt sich an, wenn Einkommen steigen — eine Sozialwohnung bleibt beim einmal eingezogenen Haushalt, auch wenn der längst nicht mehr bedürftig ist. Das IW nennt die soziale Treffsicherheit des sozialen Wohnungsbaus ausdrücklich gering. Zweitens sei der politische Zielwert von 100.000 Sozialwohnungen jährlich „an keinerlei Empirie rückgebunden". Drittens wirkt Subjektförderung sofort, Neubau dauert Jahre. Umgekehrt räumt dasselbe IW ein, was Wohngeld strukturell nicht kann: Es löst das Zugangsproblem nicht. Wer wegen Herkunft oder Bezugsstatus gar nicht erst zur Besichtigung eingeladen wird, dem hilft kein Zuschuss — dort wirken nur Belegungs- und Benennungsrechte. Das ist die stärkste ökonomische Begründung für den sozialen Wohnungsbau, und sie ist eine andere als die des Beitrags. Quelle: IW-Kurzbericht 87/2023 (PDF) · Wirtschaftsdienst 96 (2016) 5 — Zeitgespräch „Öffentliche Wohnraumförderung"
Eigene Einordnung — die Signatur der Zuspitzung
Fünf Schnitte, und alle fünf gehen in dieselbe Richtung. Die Bundesmittel zu früh auf drei Milliarden datiert. Von Andrej Holms drei Szenarien das beste als Normalfall genommen. Wien gegen München zu Österreich gegen Deutschland gedehnt. Den österreichischen Gemeinnützigkeitssektor gegen die deutsche Sozialwohnung im engsten Sinn gestellt. Das Auslaufen der Bindungen als Privatisierungsfolge erzählt.
Das ist die Handschrift der Zuspitzung, nicht der Täuschung — bei keinem dieser Punkte ist die Sache falsch, nur schärfer gestellt, als die Quelle sie hergibt. Bemerkenswert ist, dass die Belege für alle fünf Korrekturen in der Faktenliste der Sendung selbst stehen. Die Anstalt legt offen, was ihre Bühne rundet. Wer sich die dreiunddreißig Seiten herunterlädt, kann jede Verkürzung binnen Minuten prüfen. Man muss das würdigen: Kein Talkshow-Gast liefert die Munition gegen die eigene Pointe mit.
Ein Punkt bleibt trotzdem heikel. Die zwanzig Euro pro Quadratmeter in München stammen nicht aus dem Zensus, wie das ZDF angibt, sondern aus einem Sommerinterview von Friedrich Merz — mit dieser Zahl begründete der Kanzler Kürzungen beim Bürgergeld. Die Anstalt übernimmt sie ungeprüft und dreht nur das Vorzeichen: Was bei Merz Beleg für Anspruchsdenken war, wird hier Beleg für Konzernrendite. Eine unbelegte Zahl bleibt unbelegt, auch wenn sie in die richtige Richtung zeigt. Das ist die Falle jeder Empörung, die dieselben Ziffern benutzt wie ihr Gegner.
Und dann ist da die unbequeme Erkenntnis, an der die Nummer vorbeigeht, obwohl sie ihre stärkste wäre. Der Bestand wäre auch ohne einen einzigen Verkauf geschrumpft. Die Befristung steckt im Fördersystem selbst: Zwölf bis dreißig Jahre Bindung, dann fällt die Wohnung an den Markt — vertragsgemäß, geplant, seit Jahrzehnten. Rund 74.000 Wohnungen jährlich seit 2002. Ein Skandal braucht einen Schuldigen; eine Konstruktionsentscheidung, die still über Jahrzehnte wirkt, braucht Leser mit Geduld. Der Satiriker wählt den Schuldigen, und man versteht warum.
Was die Nummer sauber trifft, ist die Grundfigur: Deutschland gibt für Subjektförderung ein Vielfaches dessen aus, was in die Objektförderung fließt, und erwirbt dafür nichts, was bleibt. Wien gibt weniger aus und besitzt mehr. Ob das öffentliche Geld die Mieten selbst nach oben treibt, ist empirisch offen — vier Länder, widersprüchliche Befunde, keine deutsche Kausalstudie. Aber dafür braucht es sie auch nicht. Es genügt die schlichtere Feststellung: Nach fünfundzwanzig Jahren gehört die geförderte Wohnung dem, der sie gebaut hat, und die zwanzig Milliarden des nächsten Jahres fangen wieder bei null an.
Weiterführende Quellen
Vom Sender selbst kuratiert:
- Die Anstalt — Der Faktencheck zur Sendung vom 11. November 2025 (PDF, 33 S.) — die vollständige Quellenliste der Redaktion; der hier besprochene Abschnitt „Asozialer Wohnungsbau" beginnt auf Seite 23, Holms Modellrechnung auf Seite 30
- Die Abriss-Anstalt — Sendung vom 11.11.2025 in der ZDF-Mediathek (48 Min.) — die vollständige Folge, aus der der Ausschnitt stammt
Die statistische Grundlage — und ihr Gegenpol:
- Pestel-Institut / Deutscher Mieterbund: „Bauen und Wohnen 2024 in Deutschland" (PDF) — das Rückgrat des Beitrags: elf Millionen berechtigte Haushalte, fünfzehn Milliarden Unterkunftskosten, fünf Milliarden Wohngeld. Auftraggeber ist das Verbändebündnis „Soziales Wohnen"
- IW-Kurzbericht 87/2023: „Wie groß ist der Bedarf an neuen Sozialwohnungen?" (PDF) — der arbeitgebernahe Gegenpol zu Pestel: dieselben Bestandszahlen, gegenteilige Schlussfolgerung. Für den Gleichmut-Spiegel unverzichtbar
- Wirtschaftsdienst-Zeitgespräch: „Öffentliche Wohnraumförderung — auf dem richtigen Weg?" — fünf Ökonomen streiten Subjekt gegen Objekt, das ganze Spektrum an einem Ort
- Deutscher Mieterbund — Historischer Tiefstand bei Sozialwohnungen — Bestandsentwicklung und das Verhältnis 25 zu 5 je hundert Mieterhaushalte
- BMWSB — Soziale Wohnraumförderung, Programmmittel — die Bundesmittel je Programmjahr und die Kofinanzierung der Länder
Die Forschung zur Überwälzungsfrage:
- Brewer u.a. (2019): „The curious incidence of rent subsidies", Journal of Urban Economics — die stärkste Einzelstudie gegen die einfache Überwälzungsthese; britisches natürliches Experiment, rund eine Million Haushalte
- Virén (2011): „Does Housing Allowance Feed Through into Rental Prices?" — die finnische Gegenevidenz für Überwälzung, 50.000 Haushalte im Panel
- Hyslop & Rea (2019), Journal of Housing Economics — Preiseffekte in Neuseeland
Zu den Einzelbefunden:
- taz: „Wohnen und Bürgergeld — Zur Not auf den Campingplatz" — verfolgt die 20-Euro-Zahl zu Merz' Sommerinterview zurück und nennt die tatsächlichen Durchschnitte; mit dem O-Ton des Münchner Sozialreferats
- Statistik Austria — Wohnkosten Q3 2024 (PDF) — die österreichischen Mietdaten, die den Landesvergleich widerlegen
- Der Neue Kämmerer: „Dresden kauft Wohnungen und Grundstücke von Vonovia zurück" — die ganze Dresdner Geschichte, von Hilberts Wahlkampfposition 2015 bis zur Kehrtwende 2023
- Haufe: „Vergesellschaftungsrahmengesetz in Berlin verabschiedet" — Stand der Berliner Vergesellschaftungsfrage bis März 2026
- Deutsche Wohnen & Co enteignen — Stand der Kampagne — die Zeitleiste aus Sicht der Initiative
- Abschlussbericht der Berliner Expertenkommission Vergesellschaftung (PDF) — die juristische Prüfung des Volksentscheids
Verbindungen
→ Kevin Kühnert — Lobbyist für die Zivilgesellschaft
Kühnert formuliert nüchtern dieselbe Rechnung, die die Anstalt szenisch vorführt: Über Wohngeld und die Kosten der Obdachlosigkeit finanziere „die Allgemeinheit die Schieflage auf dem Wohnungsmarkt" mit — Subjektförderung ohne den Fachbegriff. Auch sein Gegenmodell ist Wien, und seine Leitfrage („Warum muss Wohnraum überhaupt als Ware behandelt werden?") ist die Prämisse, die die Bühne nie ausspricht. Wertvoll ist der Reibungspunkt: Kühnert hat den Berliner Volksentscheid ausdrücklich nicht unterstützt. Er ist damit die reale Person hinter dem Satz „Das kann ich nicht machen. Ich bin Sozialdemokratin" — mit Begründung statt Pointe.
→ Kaufkraft
Das Panorama liefert die Makro-Ursache unter dem Mikro-Mechanismus: Explodiert sind die Vermögenspreise, nicht die Konsumpreise — bei Immobilien plus 94 Prozent zwischen 2010 und 2022, Pikettys r > g als Wohnungsfrage. Damit wird die Pointe schärfer, als die Sendung sie selbst zieht: Die auslaufende Preisbindung übergibt eine Wohnung dem Markt nach fünfundzwanzig Jahren Vermögenspreisinflation. Der Lösungsabschnitt „Wohnungspolitik" nennt bereits Wien mit denselben Kennzahlen.
→ phoenixRunde — Arm und Reich in Deutschland
Die Schlussrede der Anstalt — Kosten entstehen beim Vermieter, der Vorwurf landet beim Bürgergeldempfänger — ist dort als eigener Diskursbefund ausgeführt: „Arm gegen Arm auszuspielen, das funktioniert leider." Wo die Satire den Mechanismus als Kette zeigt, zeigt die Runde ihn im Streit selbst, samt Gegenbewegung (Deißners Vorwurf, „Reich gegen Arm" sei genauso populistisch). Zusammen ergeben beide Notes die vollständige Figur: Der Sündenbock ist eine Ungerechtigkeit und zugleich ein funktionierendes Verteilungsinstrument.
→ Horst Evers — Kostenloser Nahverkehr als Utopie
Die formale Zwillingsnote: ein Kabarettist, der statt Empörung vorrechnet, und dabei zur selben Diagnose kommt — es liegt am politischen Willen, nicht am Geld. Beide behandeln Daseinsvorsorge als Frage des Besitzes statt der Bezuschussung. Der Unterschied erhellt: Evers' Pointe ist, dass die Idee funktionieren würde; die Pointe der Anstalt ist, dass die bestehende Konstruktion längst funktioniert — für die Aktionäre. Utopie und Autopsie desselben Gedankens.
→ Gelebte Demokratie
Der Berliner Volksentscheid — 59,1 %, mehr Stimmen als CDU und SPD zusammen — steht dort als Musterbeispiel für Mehrheiten, die sich nichts erkaufen. Das entwertet den Bühnen-Vorwurf der „radikalen Enteignungsfantasien" doppelt: Die Position ist nicht randständig, die Mehrheit aber auch nicht wirksam. Das Panorama gibt der Nummer ihre unbequemste Fortsetzung — der Mangel liegt zwischen Zustimmung und Umsetzung.
→ Clara Mattei — Geschichte der Austeritätspolitik
Mattei liefert die Theorie zum Satz „Um zu sparen, haben die Länder und Kommunen in den Nullerjahren Wohnungen an Konzerne verscherbelt": Austerität ist eine Methode, öffentliche Substanz in privaten Ertrag zu überführen. Dresden ist der Beleg im Kleinen — verkauft, um zu sparen, teurer zurückgekauft. Ihre Kernthese erklärt zugleich, warum ausgerechnet ein FDP-Oberbürgermeister rekommunalisiert: Wo nachgerechnet statt ideologisiert wird, kippt das Argument.
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Linartas' Unterscheidung von Einkommen und Vermögen legt offen, was diese Note nur andeutet: Zwanzig Milliarden Subjektförderung sind ein jährlicher Einkommensstrom, der in einen dauerhaften Vermögensbestand fließt — und dieser Bestand wird vererbt, während der Zuschuss jedes Jahr neu erkämpft werden muss. Der Staat kauft Fristen, die Gegenseite kauft Substanz. Das ist die Erbengesellschaft, betrachtet von ihrer Finanzierungsseite.
→ Demokratische Wertschöpfung
Der positive Pol dieser Note — Wiener Gemeindebau und gemeinnützige Bauvereinigungen — ist genau das, was dieses Panorama als Prinzip beschreibt: Eigentum in gemeinwohlgebundener Hand, wo keine Rendite abfließt, weil es keine Aktionäre gibt, an die sie abfließen könnte. Das entzieht der Debatte ihre falsche Alternative. Die Frage ist, wem der Bestand gehört. Wien beruht auf einer Rechtsform, die es auch hier gibt — sie wird bloß nicht gebaut.
Weiterdenken
- Wenn zwanzig Milliarden im Jahr Mieten bezahlen und keine Wohnung schaffen — warum fällt die Ersparnis der Alternative in keiner Haushaltsdebatte auf?
- Wien besitzt seinen Bestand, Deutschland mietet ihn zurück. Was genau hat Deutschland in den Nullerjahren gekauft, als es verkaufte — und war es das wert?
- Eine Sozialwohnung, die nach 25 Jahren an den Markt fällt: Ist das eine Förderung von Wohnraum oder eine Subvention von Eigentumsbildung mit sozialer Zwischennutzung?
- Der Vorwurf trifft die Bürgergeldbeziehenden, die Miete streicht der Vermieter ein. Welche anderen Debatten laufen nach genau diesem Muster — Kosten sichtbar bei den Empfängern, Erträge unsichtbar am anderen Ende?
- Kabarett darf zuspitzen. Wo verläuft die Grenze zwischen einer Zuspitzung, die eine Wahrheit sichtbar macht, und einer, die eine zweite Wahrheit verdeckt?
Im Bestand
acht gedachte Verweise