Quelle: Energiewende mit Tücken: Versorger stellt Unternehmen den Strom ab | Kontrovers | BR24
Wer berichtet?
BR24 Kontrovers — Das investigative Magazin des Bayerischen Rundfunks berichtet aus Burgbernheim, Mittelfranken. Im Mittelpunkt: Thomas Reisges, Inhaber eines metallverarbeitenden Betriebs, der fast eine halbe Million Euro in eine PV-Anlage mit 220-kWh-Speicher investiert hat — und dessen Anlage trotzdem täglich vom Netzbetreiber abgeschaltet wird.
Weitere Stimmen: Mario Liebensteiner (Wirtschaftswissenschaftler, Energiemärkte), Matthias Schwarz (Bürgermeister Burgbernheim).
Ein Unternehmer wollte Teil der Energiewende sein
▶ 0:01 — Thomas Reisges hat alles richtig gemacht, was die Politik von ihm verlangte. Er investierte in eine Photovoltaikanlage auf dem Dach seines Betriebs. Er kaufte einen 220-Kilowattstunden-Speicher, um den erzeugten Strom auch dann nutzen zu können, wenn die Sonne nicht scheint. Er wollte unabhängiger werden, seinen energieintensiven Metallbetrieb günstiger betreiben — und nebenbei noch Überschussstrom ins Netz einspeisen.
Das Ergebnis ist eine bittere Ironie: Sein Netzbetreiber, die N-ERGIE Netz GmbH in Nürnberg, schaltet die Anlage regelmäßig ab. Pünktlich zu den besten Sonnenstunden.
„Wir werden abgeschaltet, dürfen unsere PV-Anlage nicht nutzen, dürfen unseren eigenen Strom nicht nutzen und werden zusätzlich belastet mit Stromkosten, die wir eigentlich gar nicht bräuchten.”
Das Absurde daran: Selbst das Befüllen des eigenen Speichers wird untersagt. Die Anlage erzeugt Strom, der weder ins Netz gehen noch gespeichert werden darf — er existiert einfach nicht, solange der Netzbetreiber die Verbindung kappt.
Weitergedacht
Wenn der Staat einerseits PV-Anlagen vorschreibt und fördert, andererseits den Betrieb verhindert — trägt er dann Mitverantwortung für den wirtschaftlichen Schaden?
Das Netz als Flaschenhals der Energiewende
▶ 1:34 — Die NRG Nürnberg erklärt das Problem in einem Statement: „Sehr häufig kann der erzeugte Strom nicht vollständig in andere Regionen abtransportiert werden.” Um einen Netzzusammenbruch zu verhindern, greift der Netzbetreiber auf Solaranlagen zu und regelt sie ab — ein Vorgang, der im Energierecht als Redispatch bekannt ist und der rechtlich erlaubt ist.
Technisch ist das nachvollziehbar. Das Stromnetz wurde über Jahrzehnte für eine andere Welt gebaut: wenige große Kraftwerke speisen zentral ein, der Strom fließt von oben nach unten. Dezentrale Einspeisung durch Tausende Solardächer kehrt diese Logik um — und das Netz kommt nicht mit.
Wirtschaftswissenschaftler Mario Liebensteiner benennt das strukturelle Problem:
„Die deutsche Politik hat sehr stark auf eine Erzeugungsstrategie gesetzt, den Hochlauf der erneuerbaren Energien. Was man aber kaum mitbedacht hat — ein Stück weit sogar vergessen hat — ist alles andere drumherum.”
„Alles andere drumherum” — das sind Netzausbau, Speicherinfrastruktur, Flexibilitätsmechanismen. Der politische Fokus lag auf dem Zubau von Erzeugungskapazität, weil das sichtbar ist, Förderprogramme ermöglicht und sich gut kommunizieren lässt. Die Netzinfrastruktur ist unsichtbar, komplex — und teuer.
Weitergedacht
Ist das ein Planungsfehler oder eine bewusste Priorisierung? Wer profitiert davon, dass der Netzausbau hinterherhinkt?
Bayerische Bauordnung: Pflicht zur Anlage, die nicht laufen darf
▶ 3:53 — Bürgermeister Matthias Schwarz bringt eine weitere Dimension ins Spiel, die den Widerspruch auf die Spitze treibt: In Bayern schreibt die Bauordnung vor, dass gewerbliche Neubauten eine Photovoltaikanlage errichten müssen. Gleichzeitig werden eben diese Anlagen täglich abgeschaltet.
„Das macht keinen Sinn, weil wenn die täglich abgeschaltet wird, ist es wirtschaftlicher Unsinn.”
Ein Staat, der Unternehmer per Gesetz zwingt, in Technologie zu investieren — und dann verhindert, dass diese Technologie ihren Zweck erfüllt. Die Anlage muss gebaut werden, sie muss abbezahlt werden, aber sie darf nicht laufen. Fast eine halbe Million Euro, finanziert auf Jahre, und der Speicher steht morgens bei 20 Prozent.
Die kommunale Ebene ist machtlos: Das Umspannwerk, das die Situation in Burgbernheim entspannen würde, ist in Planung — aber erste Gerüchte sprechen von einem Baubeginn in frühestens zehn Jahren.
435 Millionen Euro: Die versteckten Kosten des Netzversagens
▶ 4:38 — Was für Thomas Reisges ein betriebswirtschaftliches Problem ist, hat eine gesamtwirtschaftliche Dimension, die kaum diskutiert wird. Im vergangenen Jahr zahlten Netzbetreiber deutschlandweit 435 Millionen Euro Entschädigung für abgeregelte Solar- und Windanlagen. Strom, der hätte produziert werden können, wurde verhindert — und die Betreiber bekommen trotzdem einen Teil ihrer Einspeisevergütung.
Diese Kosten verschwinden nicht. Sie werden umgelegt — auf die Stromrechnung der Haushalte, oder über den Bundeshaushalt via EEG-Umlage.
„Letztendlich landet das Ganze dann bei uns Bürgerinnen und Bürgern in Form von höheren Stromrechnungen.”
Das Paradox: Die Energiewende soll Strom günstiger und unabhängiger machen. Tatsächlich zahlt die Gesellschaft zweimal — einmal für die Förderung der Anlagen, einmal für die Abschaltung derselben.
Ein Unternehmer am Limit
▶ 5:25 — Für Thomas Reisges wird die Lage existenziell. In der Metallverarbeitung entscheiden Centbeträge über Auftragsgewinne oder -verluste. Wer Energie signifikant teurer einkaufen muss als die Konkurrenz, verliert Ausschreibungen.
„Wenn wir keinen günstigen Strom haben, werden wir Aufträge verlieren. Die Frage stellt sich, ob wir hier weiter noch investieren können oder ob wir hier weiter auch das Unternehmen führen können.”
Ein Unternehmer, der guten Willens in die Energiewende investiert hat — und jetzt überlegt, ob er seinen Betrieb weiterführen kann. Das ist kein Einzelfall. Der Bürgermeister bestätigt: Es sind viele Betriebe im Gewerbegebiet betroffen.
Weitergedacht
Thomas Reisges ist kein Klimaskeptiker, kein Energiewende-Gegner — er wollte mitmachen. Welchen Schaden richtet es an, wenn genau diese Menschen durch politisches Versagen bestraft werden?
Faktencheck
Bestätigt — Abregelung nach § 13 EnWG
Netzbetreiber dürfen Einspeiseanlagen bei Netzüberlastung abregeln — das ist in §§ 13, 13a EnWG (Redispatch 2.0) geregelt und gängige Praxis. Seit Dezember 2023 ergänzt § 13k EnWG die Option „Nutzen statt Abregeln”. Quelle: Bundesnetzagentur — Einspeisemanagement
Falsch — 435 Millionen Euro Entschädigungen 2023
Der Bericht nennt 435 Mio. Euro für 2023. Laut ZDF und Bundesnetzagentur-Daten betrugen die Entschädigungszahlungen 2023 rund 580 Mio. Euro (2024: ~554 Mio.). Der Wert 435 Mio. passt zu keinem bekannten Einzeljahr — 2022 waren es nur ~186 Mio., 2021 über 800 Mio. (Faktencheck: falsch) Quelle: ZDF heute — Entschädigungszahlungen erneuerbare Energie gesunken
Falsch — 200-qm-Schwellenwert bei bayerischer Solarpflicht
Die Note nannte ursprünglich Neubauten >200 m² — dieser Schwellenwert existiert nicht in der BayBO. Laut Art. 44a BayBO gilt die Solarpflicht seit März 2023 für alle gewerblichen Neubauten (Ausnahme nur: Dächer ≤50 m²) und seit Januar 2025 auch bei vollständiger Dachsanierung. Die Aussage im Bericht, dass gewerbliche Betriebe PV errichten müssen, ist also sogar noch zutreffender als zunächst eingeordnet. (Faktencheck: Bewertung korrigiert) Quelle: BayBO Art. 44a — Gesetze Bayern
Vereinfacht — Speicher-Befüllungsverbot bei Abregelung
EU-Recht (Strombinnenmarkt-VO) schützt Eigenverbrauch explizit. Dass das Befüllen des eigenen Speichers verhindert wird, ist rechtlich angreifbar — bei vollständiger Abregelung aus Netzschutzgründen (§ 13 Abs. 2 EnWG) kann es aber in der Praxis dennoch vorkommen, wenn keine Nichtbeanspruchbarkeit gemeldet wurde. Die Situation ist rechtlich komplex und im Einzelfall von der Netzanschlussvereinbarung abhängig. Quelle: interconnector.de — Redispatch und Eigenverbrauch
Vereinfacht — Netzbetreiber als „NRG Nürnberg"
Im Bericht (bzw. Transkript) wird der Netzbetreiber als „NRG” bezeichnet. Der tatsächliche Verteilnetzbetreiber für den Raum Mittelfranken ist die N-ERGIE Netz GmbH (Tochter der N-ERGIE AG, Nürnberg). Wahrscheinlich Transkriptionsfehler. Quelle: N-ERGIE Netz GmbH
Weiterführende Quellen
Im Bericht erwähnte Institutionen:
- N-ERGIE Netz GmbH — Zuständiger Verteilnetzbetreiber für die Region Mittelfranken
- Bundesnetzagentur — Einspeisemanagement — Rechtliche Grundlagen und Leitfaden
- Mario Liebensteiner — Wirtschaftswissenschaftler, Energiemärkte (Institution nicht genannt im Bericht)
Faktencheck-Quellen (Sherlock):
- ZDF heute — Entschädigungszahlungen erneuerbare Energie gesunken — Konkrete Zahlen 2022–2024 aus Bundesnetzagentur-Daten
- BayBO Art. 44a — Gesetze Bayern — Gesetzestext zur bayerischen Solarpflicht mit exakten Schwellenwerten
- interconnector.de — Redispatch und Eigenverbrauch — Praxisrelevante Analyse zur Eigenverbrauchsschutzlage bei Redispatch
Verbindungen
→ Energie
Die Kontrovers-Note liefert den konkreten Unternehmensfall, den das Panorama abstrakt als Strukturproblem beschreibt: Netzausbau-Verschleppung, Redispatch-Kosten und die Asymmetrie zwischen schnellem EE-Ausbau und langsamem Netzausbau. Das Panorama gibt den systemischen Rahmen — die Kontrovers-Note das menschliche Gesicht dazu.
→ MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus
MONITOR dokumentiert denselben Strukturfehler aus der Windkraft-Perspektive: Netze können Strom nicht aufnehmen, Entschädigungen werden politisch zum Sparproblem umdefiniert, das Risiko wird auf Erzeuger abgewälzt. Der bayerische Mittelständler und der Windparkbetreiber stehen vor identischen regulatorischen Zumutungen — beide zahlen für ein Versagen, das die Politik zu verantworten hat.
→ Presseclub — Reiches Energiewende
Der Presseclub beziffert den Redispatch-Aufwand (bis zu 3 Mrd. € jährlich) und benennt das Netzausbau-Dilemma strukturell. Die ~580 Mio. Euro Entschädigungen für abgeregelte Anlagen aus der Kontrovers-Note sind ein konkreter Datenpunkt in diesem größeren Kostenbild. Beide Notes zeigen: Die Kosten landen beim Bürger — ob als Strompreis oder als verlorene Investition.
→ Felix Goldbach (MoneyForFuture) — Batteriespeicher und die ignorierte Lösung der Energiewende
Goldbach argumentiert, dass Batteriespeicher das Netzproblem durch dezentrale Pufferung lösen könnten — der Mittelständler in Burgbernheim hat sogar bereits einen 220-kWh-Speicher installiert, darf ihn aber nicht nutzen. Das ist kein technisches, sondern ein regulatorisches Problem. Goldbachs These über die politisch ignorierte Speicherlösung wird hier zur konkreten Unternehmenstragödie.
→ erneuerbare tv — Sommerwaerme im Erdreich
MEFA Kupferzell ist das konzeptuelle Gegenbild: ein Metallverarbeitungsbetrieb, der seine Energieinfrastruktur vollständig eigenständig löst. Beide Notes zeigen Mittelstand und Energiewende — einmal als Erfolgsgeschichte trotz Politik, einmal als Scheitern an ihr. Was macht den Unterschied zwischen Kupferzell und Burgbernheim?
→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
Kemferts Diagnose der „Fossilokratie” bekommt hier einen konkreten Widerspruch: Erneuerbare werden nicht durch offene Ablehnung behindert, sondern durch Netzausbau-Versagen und Abregelungspraxis. Der Unternehmer hat 500.000 Euro investiert, um weniger fossil-abhängig zu sein — und wird von der Regulierung daran gehindert.
→ Akkudoktor — Lanz und die Energiewende
Der Akkudoktor zeigt, wie die Altmaier-Delle den PV-Ausbau politisch abgewürgt hat. Die Kontrovers-Note zeigt die nachgelagerte Konsequenz: Betriebe, die jetzt investieren, treffen auf eine Netzinfrastruktur, die nie für dieses Ausmaß ausgelegt wurde. Erst wird der Ausbau verlangsamt, dann fehlt die Infrastruktur für das, was trotzdem gebaut wurde.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Der Staat schreibt PV-Anlagen vor und fördert sie — aber verhindert gleichzeitig ihren Betrieb. Ist das Regulierungsversagen, oder ist es systemisch gewollt?
- Liebensteiner sagt, man habe „alles andere drumherum vergessen” — aber wurde es wirklich vergessen, oder war Netzausbau schlicht niemandes politisches Eigeninteresse?
- Thomas Reisges zahlt die Kosten des Netzversagens allein, während 435 Millionen Euro jährlich sozialisiert werden. Welches Modell wäre gerechter?
- Bayern hat die strengste Bauordnung bei PV-Pflicht und gleichzeitig das größte Netz-Problem. Was sagt das über die Kohärenz bayerischer Energiepolitik?
- Wenn Bürger und Unternehmer die Energiewende wollen, aber vom System bestraft werden — wessen Interessen schützt das System gerade?











