Quelle: Abschiebungen vs. Fachkräfte: Gefährdet die Asylpolitik Deutschlands Wirtschaft? – MONITOR

Wer spricht?

MONITOR (WDR/ARD) — Das investigative Politikmagazin des WDR. Autoren dieser Ausgabe: Herbert Kordes und Greta Stangner. Experten im Beitrag: Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung / IAB, Berlin), Personalleiter Johannes Moser (Handelsunternehmen Allgäu) sowie die Unternehmer Simon und Christina Polz (Bäckerei Bayern).


Inhalt

Francis Emeka — 10 Jahre Bäcker, abgeschoben

▶ 0:01 — Francis Emeka floh 2016 vor Gewalt in Nigeria nach Deutschland. Zehn Jahre lang arbeitete er als Bäcker — bis seine Duldung nicht verlängert wurde und ein Arbeitsverbot folgte. Sein Chef Simon Polz, der 90 Mitarbeitende aus 14 Nationen beschäftigt, steht plötzlich unter Stress: Die Bundesagentur für Arbeit suche allein in Bayern rund 400 Bäckerinnen und Bäcker. Und viele Deutsche wollten diesen Job wegen der nächtlichen Arbeitszeiten nicht mehr machen.

Wenige Tage nach dem Dreh wird Francis Emeka nach Nigeria abgeschoben.

Die Begründung der Ausländerbehörde: (1) Er habe seine Gesellenprüfung nicht bestanden — den theoretischen Teil, sechs Jahre zuvor, weil es in Nigeria keine “Sozialkunde” gibt. Den praktischen Teil hatte er bestanden und zehn Jahre lang tadellos gearbeitet. (2) Er sei “mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten”:

„Laut Staatsanwaltschaft hatte er vor acht Jahren einmal kein S-Bahn-Ticket. Er wollte weglaufen, es kam zu einer Rangelei, niemand kam zu Schaden. 2022 hatte er keinen Pass. Und im selben Jahr wurde er mit knapp zwei Gramm Haschisch erwischt. Das ist heute nicht mal mehr strafbar.”

▶ 2:24 — Bagatelldelikte, geringe Geldstrafen, lange her. Unternehmer-Paar Polz fasst das nicht:

„Unter Straftäter verstehen wir Menschen, die anderen Menschen Schlimmes antun. Oder die berauben. Aber ganz bestimmt nicht so was.”

Ob Francis Emeka je nach Deutschland zurückkehren kann — völlig unklar.


Das Zwei-Spuren-Problem: Asyl vs. Visum

▶ 3:23 — Das deutsche Recht kennt im Prinzip zwei Wege ins Land: als Asylbewerber oder als Zuwanderer mit Visum (z.B. Fachkraft). Als Asylbewerber die Spur zu wechseln ist fast unmöglich. Ein Gesetz zum vereinfachten Spurwechsel hat die neue Bundesregierung Anfang 2026 nicht verlängert.

Die Logik der Politik, komprimiert: Wer ohne das “richtige Ticket” — das Visum — einreiste, soll erst ausreisen, dann ordentlich wiederkommen.


Abduhli Saidi — 6 Monate im Wartezimmer der Deutschen Botschaft

▶ 4:12 — Abduhli Saidi arbeitete jahrelang als Dachdecker in Deutschland. Als ihm Abschiebung drohte, reiste er freiwillig nach Gambia aus — um sich ein Ausbildungsvisum zu besorgen. Seit September wartet er ohne Antwort, ohne Termin.

„Ich weiß nicht, was ist los mit Deutschland. Die haben mir vorher gesagt, das dauert nicht lange.”

▶ 4:58 — Sein Arbeitgeber Johannes Moser (Personalleiter, Handelsunternehmen Allgäu) hatte ihm zum 1. Januar eine Ausbildungsstelle als Lagerist angeboten. Moser wartet ebenfalls:

„Es wird darüber gesprochen, wir gehen den Fachkräftemangel an, aber eben nicht in dem Maße, wie es sich die Unternehmen wünschen. Lassen Sie sie einfach da.”

Bei manchen deutschen Botschaften im Ausland betragen die Wartezeiten auf einen Visumsantragstermin ein Jahr und mehr — und das Visum ist damit noch nicht ausgestellt.


Der Pull-Faktor-Mythos

▶ 5:43 — Die Politik verweigert den Spurwechsel mit dem Argument, dies würde “Fluchtanreize” (Pull-Faktoren) erzeugen. Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker (IAB) widerspricht auf Basis internationaler Daten:

„Wir beobachten in unseren empirischen Studien, dass so was wie ein Spurwechsel keinerlei Auswirkungen auf die Zahl der Asylanträge hat. Und darum ist die ganze Argumentation mit den Pull-Effekten im Prinzip ein Mythos.”

Der Beitrag endet mit einer impliziten Frage: Geht es beim Abschiebe-Zahlenpräsentieren um Wirtschaftspolitik — oder um Wahlkampf?


Faktencheck

Bestätigt — Cannabis-Legalisierung 2024

Der Hinweis, dass 2g Haschisch “heute nicht mal mehr strafbar” sind, ist korrekt. Mit dem Cannabisgesetz (CanG), in Kraft getreten am 1. April 2024, ist Eigenbesitz von bis zu 25g Cannabis für Erwachsene in Deutschland entkriminalisiert. 2g Haschisch wäre heute keine Straftat mehr.

Bestätigt — Herbert Brückers Forschung zu Pull-Faktoren

Herbert Brücker ist tatsächlich Arbeitsmarktforscher am IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit) und einer der führenden deutschen Migrationsökonomen. Seine Aussage deckt sich mit dem wissenschaftlichen Forschungsstand: Empirische Studien finden keinen robusten Zusammenhang zwischen Spurwechsel-Optionen und Asylantragszahlen. Quelle: IAB-Forschungsberichte zur Migration

Vereinfacht — 400 offene Stellen für Bäcker in Bayern

Die Zahl ist plausibel — die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht regelmäßig Engpassberufe, zu denen der Bäckerberuf in Bayern gehört. Die exakte Zahl von 400 zum Zeitpunkt der Aufnahme kann nicht unabhängig verifiziert werden. Strukturell belegt: Bäcker gehört bundesweit zu den seit Jahren stark nachgefragten Ausbildungsberufen. Quelle: BA Engpassanalyse

Vereinfacht — Söders Versprechen ("wer hier arbeitet, hat eine große Zukunft")

Das Zitat ist im Film als direktes Statement Söders präsentiert, ohne genaue Quellenangabe. Es entspricht dem rhetorischen Muster seiner Auftritte Anfang 2026, kann aber im Originalkontext (vollständiger Satz, Kontext der Äußerung) nicht vollständig bewertet werden. Keine unabhängige Quelle gefunden.

Vereinfacht — Spurwechsel-Gesetz nicht verlängert

Die Formulierung ist vereinfacht. Das sogenannte “Chancen-Aufenthaltsrecht” (§ 104c AufenthG) wurde 2022 unter der Ampel eingeführt und galt als befristet. Die neue Bundesregierung (CDU/SPD) hat die Verlängerung tatsächlich nicht vorgesehen. Der Film spricht von einem “Gesetz zum vereinfachten Spurwechsel” — das beschreibt eher das Chancen-Aufenthaltsrecht und geplante Reformideen. Keine unabhängige Quelle zur exakten Formulierung gefunden.


Weiterführende Quellen

Im Video erwähnt:


Verbindungen

Daniel - Lena Kotré plant private Abschiebeindustrie

Kotré zeigt die politische Gegenseite: dort geht es um mehr Abschiebung durch Privatisierung; hier zeigt MONITOR, wen das konkret trifft — arbeitende, integrierte Menschen ohne “richtiges Ticket”

Topfvollgold — BILD und NIUS: Wie erfundene Geschichten Hass schüren

Konkretes Beispiel wie Medien das politische Klima für Abschiebungen vorbereiten: eine erfundene Geschichte über “shoppende Afghanen” hatte reale Konsequenzen für Schutzberechtigte

MONITOR — AfD-Erfolg trotz Skandalen

Dieselbe Politikdynamik: Abschiebezahlen als Wahlkampf-Performance; die AfD hat dieses Thema als zentrales Mobilisierungsfeld besetzt, Mainstream-Parteien übernehmen Rhetoric und Praxis

Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN

Butterwegge zeigt wie strukturelle Ausgrenzung funktioniert; Migranten im Niedriglohnsektor (Bäcker, Dachdecker) sind doppelt exponiert: niedrige Einkommen und unsicherer Aufenthaltsstatus

Hartwin Maas — Bildung NEU DENKEN

Gesellenprüfung-Paradox: Francis Emeka besteht den praktischen Teil und arbeitet zehn Jahre einwandfrei — scheitert aber am theoretischen Teil (Sozialkunde), der aus seinem Herkunftskontext herausfällt; ein Beispiel wie Bildungssysteme kulturelle Hürden bauen

Die Neuen Zwanziger — Salon Lektueren 06.03.2026

NZ-Salon: indische Studierende in Berlin — dasselbe Absurdistan von Anwerbung und Abschiebung

taz Reingehen — ICE-Razzia Hyundai und ein Jahr Schwarz-Rot

US-Pendant: ICE verhaftet 316 südkoreanische Fachkräfte mit gültigen Arbeitsvisa in einem Hyundai-Werk — und löst damit einen diplomatischen Eklat aus. Kapitalismuskritik trifft Migrationsregime: Fachkräfte werden angeworben und dann in Fußfesseln abgeführt.

MONITOR — Fleischindustrie Menschen als Ware

Die Kehrseite der Abschiebungspolitik: Deutschland schiebt integrierte Menschen ab und wirbt gleichzeitig „Fachkräfte” an, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Fleischindustrie arbeiten. Anwerbung und Ausbeutung als zwei Seiten derselben Medaille.