Quelle: AfD-Erfolg trotz Skandalen: Warum wählen so viele Menschen die AfD? – MONITOR
Wer spricht?
MONITOR (WDR/ARD) — Das investigative Politikmagazin des WDR. Autoren dieser Ausgabe: Julia Regis und Andreas Maus. Experten im Beitrag: Soziologe Matthias Quent (Hochschule Magdeburg-Stendal, Rechtsextremismusforscher) und Sozialpsychologin Beate Küpper (Hochschule Niederrhein, bekannt u.a. durch die Mitte-Studie).
Inhalt
Rekordergebnisse trotz Radikalisierung
▶ 0:01 — 2024: eine der größten Protestwellen in der deutschen Geschichte gegen Rechtsextremismus. 2026: Die AfD erzielt ihre besten Wahlergebnisse im Westen — Rheinland-Pfalz 19,5 %, Baden-Württemberg über 18 %. Bei der Bundestagswahl kommt sie in ostdeutschen Hochburgen wie Mark Rannstedt (Sachsen) auf 36 %.
Die Partei hat sich über diese Jahre kontinuierlich radikalisiert — Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen, Remigrations-Forderungen vom Spitzenkandidaten Markus Frohnmeier (“Bis die Startbahn glüht”), Forderungen nach Massenabschiebungen. Und Skandale, die bei anderen Parteien Stimmen kosten würden — Vetternwirtschaftsvorwürfe mitten im Wahlkampf — prallen an der AfD spurlos ab.
▶ 1:33 — Eindrücke aus Westerburg (Rheinland-Pfalz), AfD-Kreisverband-Heringsessen: “Das hatten die anderen Parteien ja auch alle.” Der Vetternwirtschaftsvorwurf verpufft. Radikale Einstellungen? “Das stört mich nicht.”
Wählen gegen das eigene Interesse — die ZEW-Studie
▶ 3:04 — Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat 2025 die Parteiprogramme analysiert:
Das AfD-Programm würde Geringverdienende am wenigsten entlasten — und Gutverdienende am stärksten profitieren lassen.
Und dennoch: besonders viele Arbeiter und Geringverdienende wählen die AfD.
Der Erklärungsversuch von Matthias Quent:
„Die AfD wird nicht für ein rationales politisches Programm gewählt. Sie wird dafür gewählt, dass sie die Irrationalität präferiert. Also dass sie die Fesseln der Realität, der Komplexität, der Wirklichkeit sprengt. So wie Donald Trump das tut.”
Es geht nicht um Programm. Es geht um Erlösung von der Komplexität.
Verherrlichung der Ohnmacht — das faschistische Muster
▶ 3:54 — Im Wahlkampf zeichnet die AfD konsequent ein apokalyptisches Bild: “Wer Gelb, Grün, Schwarz, Rot wählt, wählt das Finis Germaniae — das Ende Deutschlands. Dann bleibt doch nur eine Wahl.” Matthias Quent ordnet das als klassisches Muster faschistischer Bewegungen ein:
„Die Verherrlichung der Ohnmacht ist ein zentrales Mittel dieser Bewegung. Es wird dem Einzelnen eingeredet: ihr könnt sowieso nichts tun, außer uns zu unterstützen. Und dass letztlich nur eine starke Partei, ein starker Führer, eine starke Bewegung die Erlösung schaffen können.”
Die Logik: Erst wird die eigene Ohnmacht durch die Partei erzeugt — dann wird die Partei als einziger Ausweg präsentiert. Das funktioniert algorithmisch beschleunigt: Social Media, eigene Kanäle, Talkshows, Nachrichten-Dauerpräsenz.
Normalisierung durch Wiederholung
▶ 4:45 — Beate Küpper zum Mechanismus der Normalisierung:
„Genauso funktioniert Gewöhnung: indem ich etwas immer wieder höre. Das können wir ganz gut beobachten bei dem Stichwort der Remigration. Vor zwei Jahren hat das noch viele Menschen sehr geschockt und auf die Straße getrieben. Inzwischen haben sich viele daran gewöhnt, es geht ganz flüssig über die Lippen.”
Und die Normalisierung kommt nicht nur von der AfD selbst. Die Brandmauer bröckelt:
▶ 5:30 — Im Europaparlament: enge Abstimmung zwischen Konservativen und AfD. Im Bundestag 2025: Union bringt Migrationsantrag nur mit AfD-Stimmen durch. Beate Küpper:
„Wenn man in Teilen mit der äußersten Rechten zusammenarbeitet oder ihre Themen übernimmt, ist das das Signal: da ist ja was dran an diesen Positionen. Dann kann man auch das Original wählen. Und dann muss die AfD, um noch aufzufallen, noch einen draufsetzen.”
Themenübernahme → Legitimierung → Radikalisierungsspirale.
Aktivisten unter Druck — geschwächte Demokratiebewegung
▶ 6:15 — Mark Rannstedt, Sachsen. David Heidler, Demokratieaktivist, 2024 für sein Engagement von Rechtsextremen bedroht:
„Wenn ich hingehe und sage, wir haben hier eine Gefahr durch Rechtsextremismus, ist nicht der Rechtsextremismus die Gefahr, sondern ich, weil ich das thematisiere.”
▶ 7:06 — Aus der Bundespolitik kommt keine Rückendeckung mehr: Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) will die Demokratieförderung umbauen, “sieht Vielfalt nicht als staatliches Förderziel”. Viele Demokratieprojekte bangen um ihre Zukunft.
Beate Küpper zur politischen Signalwirkung:
„Das Entziehen von Vertrauen für diejenigen, die sich aktiv für die Demokratie engagieren, ist ein fatales Signal für den großen Graubereich.”
Sie beziffert diesen Graubereich auf rund 20 % der Bevölkerung: nicht rechtsextrem eingestellt, aber auch nicht klar demokratisch. Diese Gruppe reagiert auf Signale — und wenn die Politik zeigt, dass Demokratie-Engagement nicht richtig in Ordnung ist, fällt dieser Graubereich nach rechts.
Faktencheck
Bestätigt — ZEW-Studie zur AfD-Programmatik
Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 tatsächlich Parteiprogramme analysiert. Die Befunde bestätigen, dass das AfD-Programm Gutverdienende stärker entlasten würde als Geringverdienende. Vergleichbare Analysen kamen zu ähnlichen Ergebnissen (u.a. Bertelsmann-Stiftung, DIW).
Bestätigt — Union mit AfD-Stimmen im Bundestag (2025)
Im Februar 2025 brachte die CDU/CSU-Fraktion unter Friedrich Merz einen Migrationsantrag in den Bundestag ein, der nur mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit erzielte. Dieser Vorgang löste erhebliche Debatten aus; die SPD und Grüne sprachen von einem Tabubruch.
Vereinfacht — Wahlergebnisse BW/RLP 2026
Die genannten Zahlen (Rheinland-Pfalz 19,5 %, Baden-Württemberg 18 %+) sind glaubwürdig im Rahmen der aktuellen Entwicklung und Umfragetrends, aber ich kann die exakten finalen Ergebnisse dieser Landtagswahlen 2026 nicht unabhängig verifizieren. Die Aussage, dass es sich um “Rekordergebnisse im Westen” handelt, ist plausibel.
Vereinfacht — "Faschismus"-Begriff bei Quent
Quent nutzt das Wort “faschistisch” in Bezug auf das AfD-Bewegungsmodell. Das ist in der Rechtsextremismusforschung umstritten — viele Forscher unterscheiden zwischen faschistischen Elementen und rechtspopulistischer Demokratieerosion. Quents Einordnung hat eine analytische Grundlage (Sorel, Paxton), ist aber nicht Forschungskonsens.
Verbindungen
→ Topfvollgold — Mordfall Stade und das Versagen von NiUS
Die Medienseite des Normalisierungsmechanismus: Die reichweitenstarke NIUS-Falschmeldung im Mordfall Stade bleibt haften, die versteckte Korrektur erreicht niemanden — Wiederholung schlägt Wahrheit.
→ Gilda con Arne 28 — Angriff auf kritische Zivilgesellschaft
derselbe Themenkomplex: Karin Prien und Demokratieförderung; dort: 200 geförderte Projekte in Gefahr, Extremismusklausel; hier: die politische Signalwirkung für den Graubereich
→ Andreas Kemper — Faschismen im 21. Jahrhundert
Kemper analysiert die faschistischen Strukturmerkmale rechter Bewegungen systematisch; ergänzt Quents These der “Verherrlichung der Ohnmacht” um historische Tiefe
→ Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811)
von Redecker beschreibt “reaktionäre Impotenz” als Antrieb rechter Bewegungen — strukturell dasselbe wie Quents Ohnmachts-Erlösungs-Muster
→ Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft
Heitmeyer dokumentiert die schrittweise Normalisierung roher Bürgerlichkeit; Küppers Remigrations-Normalisierungsbeobachtung ist ein konkreter Fall dieser Dynamik
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Mausfeld analysiert, wie Bevölkerungen dazu gebracht werden, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln; die ZEW-Befunde über AfD-Wähler unter Geringverdienenden sind ein Lehrbuchbeispiel dafür
→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit
“Dummheit” als soziales Phänomen: wer unter dem Einfluss einer Bewegung steht, ist für Argumente unzugänglich. Der AfD-Wähler, der sagt “stört mich nicht” zu rechtsextremen Verbindungen, verkörpert genau das.
→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer
Arendts Analyse totalitärer Bewegungen: die Verheißung des Systems als Erlösung von der Last des eigenständigen Denkens. Die AfD-Rhetorik (nur wir können es richten) reproduziert diese Struktur.
→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt (taz FUTURZWEI-Talk)
El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften als Kern der AfD-Bindungskraft; hier ergänzt durch die empirische Frage: was passiert mit dem Graubereich, wenn die demokratische Seite aufhört, zu kämpfen?
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Manow analysiert die Wählerlogik hinter Populismus; ergänzt die MONITOR-Befunde um die Frage: Was wollen AfD-Wähler eigentlich ausdrücken?
→ Topfvollgold — BILD und NIUS: Wie erfundene Geschichten Hass schüren
Konkretes Fallbeispiel: Wie BILD/NIUS mit einer erfundenen Geschichte (Shopping-Afghan) Hass schüren und dabei sogar die Politik lähmten — Medienarbeit als Werkzeug der AfD-Stimmungserzeugung
→ Daniel - Lena Kotré plant private Abschiebeindustrie
Kotré illustriert die Kernthese dieser Note: Selbst verfassungsfeindliche Pläne (private Abschiebetruppen, Ausweitung auf anerkannte Asylbewerber) führen nicht zum Skandal — sie werden als Stärke wahrgenommen
→ MONITOR — Abschiebungen vs. Fachkräfte
Die Praxis der Abschiebe-Offensive: Wer “Zahlen präsentieren” will, schiebt auch gut integrierte Fachkräfte ab — Wirtschaftsschaden inklusive
→ Daniel - AfD Bundestag-Propaganda Schulvorfall Schleife
Chrupallas Bundestags-Inszenierung als Einzelakt in der Normalisierungs-Akkumulation: Verschwulte Kinder und NGOs als Staatsfeinde werden durch Wiederholung im Bundestag normaldiskursfähig
→ Die Neuen Zwanziger — Rechtes Denken, Herr Hegemon, Let Them Theory
Lehnert benennt die AfD-Normalisierung offen als Manipulationsstrategie
→ Tilo Jung — Erben Wirtschaft AfD-Strategie
Jung argumentiert: Fehlende Konsequenzen für Spahn, Scholz etc. liefern der AfD das stärkste Argument gegen die Demokratie
→ Torsten Heinrich — Was die Tagesschau verschweigt
Insider-Perspektive: Heinrich war Gründungsvorsitzender der JA (2013), trat 2014 aus und nannte die AfD „Partei der Spinner” — kontextualisiert MONITORs externe Normalisierungsanalyse durch die Erfahrung eines Frühausgestiegenen
→ Maja Goepel — Mut zur Zukunft
Göpels Agency-Agenda als Heilmittel gegen die „Verherrlichung der Ohnmacht”. Der Backlash auf der S-Kurve hat ein Gesicht.
→ Arnd Henze — Bonhoeffer und die Neue Rechte
Henze liefert den erinnerungspolitischen Unterbau für MONITORs Normalisierungsbefund: Die AfD-Resistenz speist sich auch aus der Doppelkontinuitäts-Strategie — wer sich als legitimer Erbe des Widerstands gegen Diktatur inszeniert (Bekennende Kirche → DDR-Dissidenten → AfD), bleibt trotz Skandalen wählbar.
→ Der Entscheidende Punkt — 1 Jahr Kanzler Merz
MONITORs empirischer Befund (AfD-Wähler suchen den Bruch, nicht kompetente Regierung) erklärt, warum von Luckes institutioneller Optimismus scheitern musste — und warum Merz’ Rechtsruck-Imitation die AfD stärkt statt schwächt.
→ Matthias Quent und Maja Goepel — Extremismus NEU DENKEN
Quent ist in der MONITOR-Reportage als Experte vertreten — im NEU DENKEN Gespräch entfaltet er die dort angerissene These der „Verherrlichung der Ohnmacht” systematisch: vier Reaktionsmuster, empirische Clusteranalyse (30% ohnmächtig, 16% kämpfend), Faschismus als Technik der Emotionalisierung
→ Topfvollgold — NiUS erfindet Islam-Skandal
Reichelts “Zu 100 Prozent stimmt alles” nach dem Gerichtsurteil illustriert die Normalisierungs-These: Rechte Medienarbeit braucht keine Faktentreue, nur Dauerbeschallung. Die Korrekturen — Faktencheck, Klarstellung, Gerichtsbeschluss — ändern das NiUS-Narrativ in seiner Zielgruppe nicht.
→ SPIEGEL TV — Spahns Maskendeal
Der Maskendeal ist ein Paradebeispiel für das in dieser MONITOR-Note analysierte Muster: Vetternwirtschaft ohne Konsequenzen nährt das Gefühl „die sind alle gleich” — und genau dieses Äquivalenzgefühl treibt AfD-Wähler an. Die Spahn-Note ist damit nicht nur Korruptionsdokumentation, sondern auch Demokratie-Erosions-Dokument.
→ Steinke und Marinić — Quo vadis Meinungsfreiheit?
Marinić erklärt, warum AfD-Skandale keine Wähler kosten: Die algorithmische Amplitude hat keine Beziehung mehr zur inhaltlichen Relevanz. Jede Empörungsreaktion — ob pro oder contra — verstärkt die Normalisierung, die MONITOR dokumentiert. Steinkes Befund über die aktivistische Justiz ergänzt MONITORs Aktivisten-unter-Druck-Abschnitt: Wenn Bürger kriminalisiert werden, die Politiker beleidigen, zieht sich der Graubereich weiter zurück.
→ Moini und Chiofalo — GFF AfD-Verbotsgutachten
Während MONITOR die Skandal-Immunität der AfD empirisch dokumentiert, liefert das GFF-Gutachten den juristischen Gegenansatz: nicht Empörung, sondern Beweisdichte. Beide Perspektiven zeigen die Spannung zwischen politischer Wirklichkeit und rechtsstaatlicher Reaktionsfähigkeit.
→ Semsrott — Zur Gegenmacht
Semsrott benennt das in MONITOR diagnostizierte Problem als “Mehrheitslüge”: Nur 27% stehen hinter der Regierungskoalition — und trotzdem setzt CDU/SPD AfD-Inhalte um. Wo MONITOR die Diagnose liefert (Skandale ohne Wählerkonsequenzen), gibt Semsrott die strategische Antwort: versteckte progressive Mehrheiten sichtbar machen und Gegenmacht aufbauen.
→ IT Mario - 40.000 Bundestagsreden analysiert
IT Mario quantifiziert empirisch, was MONITOR qualitativ dokumentiert: Komplexitätsreduktion als messbares Populismus-Merkmal. Die 45.000 analysierten Bundestags-Reden geben dem Quent-Argument über „Erlösung von Komplexität” eine datengestützte Grundlage.
→ rp26 — Stresstest fuer die Demokratie Ostdeutschland
Wo MONITOR die AfD-Stärke trotz Skandalen diagnostiziert, fragt das rp26-Panel: was tun wenn sie bei 41 % steht? Daniel Günther, Romy Arnold und Lina Mitschke denken die MONITOR-Diagnose als Ernstfall-Szenario mit konkreten Resilienzstrategien weiter.
→ Gilda Sahebi und Arne Semsrott — GCA 35 Selbstzerstörung der Sozialdemokratie
Sahebi/Semsrott liefern mit der CDU-Broschüre und Söders Eingeständnis den aktuellen Beleg für MONITORs Kernthese: Themenübernahme der Rechten durch demokratische Parteien stärkt die AfD, anstatt sie zu entwaffnen. GCA #35 dokumentiert denselben Mechanismus europaweit (Labour, Frederiksen).
→ Horst Evers — Kostenloser Nahverkehr als Utopie
Die materielle Kehrseite des AfD-Erfolgs: Evers’ Fun Facts Utopia zitiert den Greenpeace-Befund „fehlende Busanbindung ↔ mehr AfD-Stimmen”. Wo MONITOR zeigt, dass Abgehängtsein sich in Protestwahl übersetzt, benennt Evers eine konkrete materielle Ursache — mangelnde Mobilität als Teilhabe- und Vereinsamungsproblem.
→ Spur: AfD an der Macht — die Probe auf das Gutachten
MONITORs Befund, dass Empörung als Messgröße verbraucht ist, wurde zum Konstruktionsprinzip der AfD-Spur: Sie zählt keine Skandale, sondern nur Maßnahmen — Eingriffe in Gegner, Würde, Institutionen, geprüft am GFF-Maßstab.











