Quelle: MIES für den Sozialstaat – Warum beharrt die Union auf Minijobs? – MONITOR
Wer spricht?
MONITOR (WDR/ARD) — Das investigative Politikmagazin des WDR. Autoren dieser Ausgabe: Herbert Kordes, Jan Schmitt und Elias Hamann. Experten im Beitrag: Arbeitsmarktforscherin Lina Zink, Gewerkschafter Ingo Schäfer (DGB), Volkswirt Martin Scheffel sowie CDU-Bundestagsabgeordneter Stefan Nacke. Arbeitgeberstimme: Jens Breer (Gebäudereinigung). Stand: 12.02.2026.
Inhalt
Die Leistungs-Lüge — wer arbeitet hier zu wenig?
▶ 0:00 — Die Union fordert seit Monaten: Die Menschen sollen mehr arbeiten. Gleichzeitig hält sie an Minijobs fest — einem System, das genau das Gegenteil bewirkt. Fachleute warnen: Minijobbern droht Altersarmut, und dem Staat entgehen Milliarden an Steuern und Sozialabgaben.
Goran Gasic — 58 Jahre, drei Jobs, 100 Überstunden
▶ 0:47 — Goran Gasic ist 58 Jahre alt, dreifacher Vater. Neben seiner Hauptbeschäftigung arbeitet er im Minijob, um über die Runden zu kommen. Teilweise 100 Überstunden im Monat. Er ist einer von rund 7 Millionen Minijobbern in Deutschland.
Minijobber arbeiten als Reinigungskraft, im Supermarkt, in der Gastronomie. Maximal 603 Euro im Monat, ohne Steuern und Sozialabgaben. Klingt erst mal gut — ist aber eine Falle.
Zuzana Tomesova — die Teilzeitfalle
▶ 2:23 — Zuzana Tomesova, 43 Jahre alt, Mutter. Ihr Mann arbeitet Vollzeit, sie hat einen Minijob. Die Union will einerseits, dass die Menschen mehr arbeiten — hält aber an einem System fest, das sich für die Betroffenen nicht lohnt. Wenn Tomesova ihren Minijob aufgeben und stattdessen sozialversicherungspflichtig arbeiten würde, hätte sie am Ende weniger Geld. Denn für ihren Minijob zahlt sie keine Beiträge für Arbeitslosen-, Renten- oder Krankenversicherung.
„Die Steuerabgaben sind viel zu hoch. Und so fülle ich mit Minijob. Also ich ergänze diesen Vollzeitjob. Damit Sie am Ende des Monats überleben.”
Der Systemfehler — keine Sozialbeiträge, keine Absicherung
▶ 3:09 — Arbeitsmarktforscherin Lina Zink benennt den Konstruktionsfehler: Minijobs sind in der Gesamtbetrachtung teurer als reguläre Beschäftigung. Wer dieselbe Arbeit als sozialversicherungspflichtig Beschäftigter leisten würde, hätte zwar weniger Netto — aber Ansprüche auf Rente, Arbeitslosengeld und Krankenversicherung. Im Minijob-System fällt das alles weg.
2,6 Milliarden Euro — was den Sozialkassen entgeht
▶ 3:54 — Zink hat gerechnet, nur für die Altersgruppe der Erwerbstätigen (ohne Rentner und Studierende): 2025 waren das rund 5 Millionen Menschen. Im Schnitt verdienten sie 380 Euro in Unternehmen. Den Sozialkassen entgingen allein 2025 mindestens 2,6 Milliarden Euro. Und der Kanzler sagt, der Sozialstaat sei nicht mehr finanzierbar.
Hartz-Erbe — wie Minijobs entstanden
▶ 4:41 — Minijobs waren Teil der Hartz-Reformen Anfang der 2000er unter Kanzler Gerhard Schröder. Sie sollten Schwarzarbeit bekämpfen und als Sprungbrett in reguläre Beschäftigung dienen. Beides ist gescheitert.
Wissenschaftlicher Konsens — Klebeeffekt statt Brücke
▶ 5:27 — Die Hoffnung, Minijobs seien eine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt, hat sich nicht erfüllt. Statt eines Sprungbretts gibt es einen Klebeeffekt: Menschen bleiben im Minijob hängen und kommen nicht raus.
Darüber herrscht seit langem wissenschaftlicher Konsens:
- Das IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) hat errechnet, dass Minijobs rund 500.000 reguläre Arbeitsplätze verdrängt haben.
- Das ifo Institut (München) empfiehlt die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
- Die OECD empfiehlt, Minijobs in der heutigen Form abzuschaffen und auf Schüler und Studierende zu beschränken.
Tugba Celebi — die Armutsfalle in Aktion
▶ 6:58 — Tugba Celebi, 44, verheiratet, Mutter einer Tochter mit Behinderung nach Frühgeburt. Sie putzt im Minijob — mehr Stunden sind nicht möglich. Das klassische Modell: Ehemann Vollzeit, Ehefrau Minijob. Vom Staat gefördert, aber mit einer Kehrseite, die erst später sichtbar wird.
Ingo Schäfer (DGB) beschreibt das Problem: Minijobber erwerben kein Arbeitslosengeld, keine ausreichenden Rentenansprüche. In der Corona-Pandemie zeigte sich die Verwundbarkeit: 900.000 Minijobber verloren ihren Job — zwölfmal so viele wie bei regulär Beschäftigten.
Martin Scheffel — Minijobs abschaffen
▶ 7:43 — Volkswirt Martin Scheffel bestätigt: Minijobs sind krisenanfällig, Arbeitnehmer kennen oft ihre eigenen Rechte nicht. Auch er plädiert für die Abschaffung in der jetzigen Form. Sogar Teile der Wirtschaft sind dafür — Jens Breer, Arbeitgeber in der Gebäudereinigung, argumentiert: Man brauche ein faires Gehalt, bei dem sich Arbeit lohnt. Sein Branchenverband fordert die Abschaffung der Minijobs.
Der Konflikt in der CDU
▶ 9:15 — Die Union ist gespalten. Manuel Hagel (CDU Baden-Württemberg) will die Verdienstgrenze bei Minijobs sogar noch anheben — weiter ohne Sozialversicherungspflicht. Dagegen steht Stefan Nacke (CDU-Bundestagsabgeordneter), der einen Antrag eingebracht hat: Auch Minijobs sollen ab dem ersten Euro sozialversicherungspflichtig werden.
„Es geht darum, dass die Beschäftigten ihren Lebensunterhalt verdienen. Und mit den Beiträgen, die sie zahlen, auch ihre soziale Sicherheit.”
Nacke berichtet von Zuspruch aus anderen Fraktionen — aber in der eigenen Partei ist die Idee umstritten.
Was würde sich ändern? Die Rechnung
▶ 10:47 — Zink hat ein Modell mit realen Zahlen aus 2025 durchgerechnet. Wenn Sozialbeiträge langsam mit dem Einkommen steigen:
- Bei 200 Euro Einkommen: wenige Euro weniger
- Bei 500 Euro: 22 Euro weniger
- Bei 800 Euro: Beschäftigte hätten sogar mehr als im Minijob
Dafür wären alle sozialversichert — Rente, Krankenkasse, Arbeitslosengeld.
Zusammenfassung — der Widerspruch
▶ 11:33 — Die Union will, dass die Menschen mehr arbeiten, hält aber an Minijobs fest — obwohl Fachleute sie als Armutsfalle einstufen und die Sozialkassen jährlich Milliarden verlieren.
Faktencheck
Bestätigt — 603 Euro Grenze
Minijobs erlauben maximal 603 Euro im Monat. Die Geringfügigkeitsgrenze beträgt seit dem 1. Januar 2026 exakt 603 €, berechnet aus der Verdienstgrenzenformel (Mindestlohn × 130/3). Quelle: Wikipedia — Geringfügige Beschäftigung
Vereinfacht — 7 Millionen Minijobber
Es gibt rund 7 Millionen Minijobber in Deutschland. Die Zahl schwankt je nach Erhebungszeitpunkt: 2019 über 7 Mio. (IAB), Oktober 2023: 4,2 Mio. ausschließlich + 3,4 Mio. im Nebenjob = 7,6 Mio. In der Corona-Krise sank sie auf ca. 6 Mio. Als Größenordnung korrekt, der exakte Stand hängt vom Erhebungsjahr ab. Quelle: IAB-Forum (2021) / Wikipedia — Geringfügige Beschäftigung
Vereinfacht — Minijobs und Hartz-Reformen
Minijobs „entstanden” im Zuge der Hartz-Reformen. Irreführend: Geringfügige Beschäftigung existiert seit der Reichsversicherungsordnung von 1911. Was Hartz II (April 2003) tatsächlich tat: Grenze von 325 auf 400 € angehoben, 15-Stunden-Wochengrenze abgeschafft, steuerfreie Nebenbeschäftigung ermöglicht. Die Zahl stieg von ~4 auf über 6 Mio. Korrekt: massiv ausgebaut unter Schröder. Falsch: „entstanden.” Quelle: Wikipedia — Geringfügige Beschäftigung / Wikipedia — Hartz-Konzept
Vereinfacht — IAB: 500.000 Arbeitsplätze verdrängt
Das IAB hat errechnet, dass Minijobs rund 500.000 reguläre Arbeitsplätze verdrängt haben. Korrekt, aber die Studie (Collischon/Cygan-Rehm/Riphahn, 2021) bezieht sich ausschließlich auf Kleinbetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitenden. Die Gesamtverdrängung über alle Betriebsgrößen könnte höher sein. Quelle: IAB-Forum
Vereinfacht — Sozialkassen-Ausfall 2,6 Mrd. Euro
Den Sozialkassen entgingen 2025 mindestens 2,6 Mrd. Euro (nur Erwerbstätige, 5 Mio.). Das IAB berechnete für 2014 bei 7 Mio. Minijobbern einen Ausfall von bis zu 3,02 Mrd. Euro. Die Zahl 2,6 Mrd. liegt in plausibler Größenordnung für die reduzierte Gruppe. Quelle: IAB-Forum (2021) (Keine unabhängige Quelle für die spezifische Zink-Berechnung gefunden)
Vereinfacht — Corona: 900.000 Minijobber verloren Job
In der Corona-Pandemie verloren 900.000 Minijobber ihren Job — zwölfmal so viele wie bei regulär Beschäftigten. Die Gesamtzahl sank von über 7 Mio. (2019) auf rund 6 Mio. (Mitte 2020). Der Faktor ~12 ist plausibel (4,6 % vs. 0,3–0,4 % Rückgang). Hauptgrund: kein Kurzarbeitergeld-Anspruch. Quelle: ZEIT Online (02.07.2020) (Exakte 900.000er-Zahl nicht primärquellenmäßig verifiziert — Größenordnung plausibel)
Bestätigt — OECD empfiehlt Abschaffung
Die OECD empfiehlt, Minijobs in der heutigen Form abzuschaffen. Der OECD-Wirtschaftsbericht Deutschland 2023 empfiehlt explizit, die Sonderregelung abzuschaffen und alle Beschäftigungsformen der Sozialversicherungspflicht zu unterwerfen. Quelle: OECD Economic Survey Germany 2023 (vielfach dokumentiert in Handelsblatt, FAZ, Tagesschau)
Bestätigt — ifo empfiehlt Umwandlung
Das ifo Institut empfiehlt die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Andreas Peichl et al. veröffentlichten 2022 den Beitrag „Minijobs: besser sozialversicherungspflichtig machen”. Quelle: ifo Institut (27.06.2022)
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- MONITOR (WDR) — Offizielle Website des Magazins
- MONITOR auf Instagram — Social-Media-Präsenz
Verbindungen
→ phoenix-Runde — Rentenreform Wer gewinnt wer verliert
Die Rentenreform-Runde streitet über Renteneintritt und Kapitalrente; die Minijob-Falle zeigt die andere Hälfte — wer nie regulär einzahlt, für den ist das Eintrittsalter eine Frage ohne Antwort.
→ Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN
Butterwegge analysiert die strukturelle Architektur von Armut in Deutschland. Die MONITOR-Recherche liefert mit Minijobs den konkreten Mechanismus: Armut ist politisch konstruiert, nicht individuelles Versagen. Die 2,6 Mrd. Sozialkassenverlust belegen seine Kritik am neoliberalen Umbau.
→ Maurice Hoefgen — Heute Show entlarvt Kanzler Merz
Beide Notes entlarven denselben CDU-Widerspruch: Merz fordert „mehr Arbeit”, verteidigt aber das Minijob-System, das reguläre Beschäftigung verhindert. Unterschiedliche Formate, identische systemische Analyse.
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Linartas’ Konzept der „unverdienten Ungleichheit” wird durch Minijobs konkret materialisiert: Menschen arbeiten, bleiben aber arm — nicht wegen mangelnder Leistung, sondern weil das System Aufstieg strukturell blockiert.
→ Gilda con Arne 27 — Die alte Tante SPD will zurück zu Opa Schröder
Historische Ursache: Schröders Hartz-Reformen haben die Minijob-Expansion ermöglicht. Der „Klebeeffekt” ist das direkte Erbe der rot-grünen Arbeitsmarktliberalisierung.
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Manow zeigt, wie ökonomische Prekarisierung populistische Wahlerfolge befeuert. Minijobber — ohne Arbeitslosenschutz, Corona-Verlierer — sind exakt die „Abgehängten” seiner Analyse.
→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck
Die Hartz-Reformen und Minijob-Expansion sind ein Kernbeispiel seiner These: Lohndumping und Prekarisierung produzieren politische Radikalisierung, nicht Wettbewerbsfähigkeit.
→ Staiy — News: Altersvorsorge 2.0, MwSt-Debatte & Demo Coline Fernandez (27.03.2026)
Direkte Konsequenzkette: Minijobs ohne Sozialversicherungspflicht → keine Renteneinzahlung → Altersarmut. Nackes Modell (SV ab 1. Euro) ist die logische Antwort auf die Altersvorsorge-Debatte.
→ MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus
Strukturelles Muster: CDU verteidigt wirtschaftsfreundliche Positionen gegen wissenschaftlichen Konsens (IAB/ifo/OECD bei Minijobs, Klimaforschung bei Energie). Identische Lobbyismus-Mechanik.
→ Presseclub — Reiches Energiewende
Presseclub zeigt dasselbe CDU-Muster: Expertenkonsens ignorieren zugunsten industrieller Interessen
→ MONITOR — Fleischindustrie Menschen als Ware
Globale Dimension des Minijob-Prinzips: Hier der Minijobber in Altersarmut, dort der indische Arbeiter mit 10.000 Euro Schulden bei 14,50 EUR Stundenlohn. Die Fleischindustrie-Recherche zeigt den Extremfall, Minijobs die Normalisierung — beides Varianten derselben Logik: Menschen als disponible Kostenfaktoren.
→ Der Entscheidende Punkt — 1 Jahr Kanzler Merz
Minijobs als Mikrobeispiel für Herrmanns Makro-Diagnose: “Oben wird gegeben, unten wird genommen.” CDU verteidigt das Minijob-System gegen IAB/ifo/OECD-Konsens — dieselbe Struktur wie bei der Steuerreform.
→ Der Dara — Merz 72-Stunden-Arbeitswoche
Merz beim DGB-Kongress: Fordert längere Arbeitszeiten, während seine Partei das Minijob-System verteidigt. Der Dara zeigt den Widerspruch aus Arbeitnehmersicht — die Gewerkschaften buhen Merz aus und benennen die Machtverschiebung hinter der Rhetorik.
→ MONITOR — Sparhammer gegen Jugendliche
Strukturell dasselbe Sparparadox auf einer anderen Zeitachse: Minijobs erzeugen Altersarmut durch kurzfristige Beitragsfreiheit — Jugendhilfekürzungen erzeugen Psychiatrie- und Obdachlosigkeitskosten durch kurzfristige Präventionsverzicht. In beiden Fällen spart der Staat heute an sozialer Infrastruktur und zahlt morgen das Mehrfache.












