Quelle: Erich Fromm – Menschliches Wachstum (Vortrag, 1971)

Wer spricht?

Erich Fromm (23. März 1900 in Frankfurt am Main — † 18. März 1980 in Muralto, Tessin) — Psychoanalytiker, Sozialphilosoph, Humanist.

Sohn einer orthodoxen Rabbiner-Familie aus Frankfurt. Prägendster Wendepunkt: 1914 — als 14-Jähriger erlebt er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und stellt die Frage, die sein gesamtes Werk antreiben wird: Wie können rationale Menschen so irrational-destruktiv handeln? Mitglied der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Marcuse). 1934 Emigration in die USA, danach Mexico City (1950–1974), ab 1974 in Muralto/Tessin — dort entsteht Haben oder Sein (1976).

Dieser Vortrag stammt aus der sechsteiligen Reihe Überdruss und Überfluss für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart (Erstsendung 31.1.1971), veranlasst von Hans Jürgen Schultz.

Wichtigste Werke: Die Furcht vor der Freiheit (1941), Die Kunst des Liebens (1956), Haben oder Sein (1976) Kernkonzepte: Haben-Modus / Sein-Modus, Entfremdung, biophile vs. nekrophile Orientierung, gesellschaftliches Unbewusstes → DenkerVita


Inhalt

Die junge Generation und das Ende der Schuldmoral

▶ 0:00 — Fromm knüpft an seinen vorherigen Vortrag über die Krise der Moral an und wendet sich der jungen Generation zu — nicht den sich selbst radikal nennenden, sondern jenen, die in einem tieferen Sinne radikal sind: Sie lehnen nicht bloß einzelne Autoritäten ab, sondern das patriarchalische Prinzip selbst — die Idee, dass Moral in Autorität begründet liegt, dass Gehorsam Tugend und Ungehorsam Sünde ist.

Was diese Generation auszeichnet: Sie hat mit dem Schuldgefühl Schluss gemacht, das die christlich-jüdische Tradition 2000 Jahre lang produziert und reproduziert hat. Die alte Moral funktionierte über Angst und Schuldgefühl als Steuerungsmechanismen. Die Jungen verweigern dieses System — ohne deshalb unmoralisch zu werden. Sie suchen stattdessen neue Prinzipien.

Eigene Einschätzung

Fromm spricht 1971 — mitten in der Studentenbewegung, nach 1968. Was er beschreibt, ist keine abstrakte Theorie, sondern eine Zeitdiagnose mit erstaunlicher Haltbarkeit. Die Befreiung vom autoritären Schuldgefühl ist inzwischen gesellschaftlich weitgehend vollzogen — aber die Frage, was an seine Stelle tritt, ist offener denn je. Fromms implizite Antwort — eine humanistische Ethik der Lebendigkeit — bleibt ein Angebot, das die meisten nicht angenommen haben.

Freuds Revolution der Ehrlichkeit

▶ 4:32 — Die junge Generation praktiziert eine neue Ehrlichkeit, die Fromm direkt auf Freud zurückführt. Vor Freud genügte es zu sagen: Ich hatte gute Absichten — und jede Handlung war moralisch entschuldigt. Seit Freud das Unbewusste entdeckt hat, gilt das nicht mehr.

„Wer bist du denn hinter deinen guten Absichten? Was sind denn die unbewussten Motive, die dich wirklich gelenkt haben?”

▶ 6:05 — Seit Freud ist der Mensch für sein Unbewusstes verantwortlich — nicht nur für sein Bewusstes. Handlungen sprechen für einen Menschen, nicht seine Worte. Worte sind billig. Die junge Generation zieht die Konsequenz: Sie fragt nicht mehr „Was hast du dir dabei gedacht?”, sondern „Wie hast du gehandelt?”

Fromm hält dies für Freuds eigentlich größten Einfluss auf die westliche Welt — größer als die sexuelle Revolution, die auch ohne Freud gekommen wäre, weil eine auf Konsum eingestellte Gesellschaft Sexualität zwangsläufig zum Konsumartikel macht.

Eigene Einschätzung

Das ist ein brillanter Punkt: Freuds Vermächtnis ist nicht die sexuelle Befreiung, sondern die Zerstörung der Ausrede. Man kann sich nicht mehr hinter guten Absichten verstecken. Diese Einsicht ist heute, im Zeitalter von PR-Sprech und „wir bedauern zutiefst”-Statements, relevanter denn je. Politische Sprache funktioniert fast ausschließlich über vorgeblich gute Absichten — Fromm würde sagen: Schaut auf die Handlungen.

Körperliche Intimität als Ersatz für seelische Nähe

▶ 9:10 — Die junge Generation hat die Sexualität vom Schuldgefühl befreit — ein Fortschritt. Aber Fromm warnt: Sexualität nimmt oft einen reinen Konsumcharakter an. Sie wird zur Verschleierung des Mangels an wirklicher Intimität.

„Körperliche Intimität schafft keine seelische Intimität. Die seelische Intimität mag zwar von ihr eingeleitet werden — aber sie ist in keiner Weise mit ihr identisch.”

Wenn seelische Nähe schwerfällt, liegt es nahe, sie durch körperliche zu ersetzen — die ja, wie Fromm trocken bemerkt, „sehr leicht ist, wenn man normal gebaut und veranlagt ist”.

Der ewige Säugling — Konsum als Passivität

▶ 12:13 — Hier wird Fromm schneidend: Die rebellische Jugend ist ihren Eltern ähnlicher, als sie glaubt. Die Eltern kaufen Wagen und Schmuck, die Kinder nehmen Drogen — beides ist passiver Konsum. „Das ist schließlich eine Frage der Geschmackssache, was nun besser ist.”

▶ 13:46 — Fromm zeichnet das Bild des ewigen Säuglings: Der konsumierende Mensch — ob er konsumiert Zigaretten, Alkohol, Frauen, Männer, Bücher, Zeitungen oder Fernsehen — zeigt immer dieselbe Haltung: „die vollkommen passive Haltung des offenen Mundes des Säuglings, der auf die Flasche wartet.” Keine seiner seelischen Kräfte wird aktiviert. Am Ende wird er schläfrig und schläft ein — nicht aus gesunder Ermüdung, sondern aus Langeweile.

Der aktive Mensch dagegen vergisst sich nicht — er ist er selbst, er wird reicher, er wächst.

Eigene Einschätzung

Das Bild des Säuglings mit offenem Mund ist so brutal wie treffend — und es trifft die heutige Scroll-Kultur noch härter als das Fernsehen der 1970er. Der Unterschied zwischen Netflix-Binge und Drogenrausch und Shoppingtour ist für Fromm ein Unterschied der Oberfläche, nicht der Struktur. Die Passivität ist identisch. Wer sich dabei ertappt, wie er abends zwischen Apps wechselt, ohne etwas zu suchen — der trifft hier auf eine Diagnose von 1971, die exakter ist als jede aktuelle Medienkritik.

Überflüssiger Überfluss vs. lebendiger Überfluss

▶ 16:04 — Fromm unterscheidet zwei Arten von Überfluss: den überflüssigen Überfluss — zwecklos, passivierend, unverdaulich — und den guten Überfluss, der den Menschen aktiver und lebendiger macht.

▶ 17:40 — Guter Überfluss bedeutet: Bedürfnisse steigern, die den Menschen aktiver, lebendiger, freier machen. Nicht getrieben von Reizen, auf die man reagieren gelernt hat, sondern angeregt in seinen Kräften — im Denken, Fühlen, künstlerischen Gestalten. Dafür müssen sowohl Freizeit als auch Arbeit grundlegend reorganisiert werden.

Die heutige Freizeit ist bloße Erholung von monotoner Arbeit — oder die Illusion von Macht, indem man sich ins Auto setzt und sich potent fühlt, „weil man 60 Pferdekräfte hat”.

Die falsche Harmonie — Industrie gegen Menschlichkeit

▶ 19:11„Was gut für die Industrie ist, ist gut für den Menschen — das ist eine sehr schöne Idee einer prästabilisierten Harmonie. Sie ist nur ein Schwindel.”

Fromm ist unerbittlich: Viele Dinge sind gut für die Industrie und schlecht für den Menschen. Die Industrielogik erfordert Konsumsteigerung, Erfindung neuer Bedürfnisse, Manipulation — und der Mensch wird ein Gefangener seiner eigenen Gier: Machtgier, Geldgier, Geltungsgier. „Ein gieriger Mensch ist ein getriebener Mensch und kein freier Mensch.”

▶ 22:58 — Die Veränderung kann nur aus einem tiefen Erleben kommen: dass Menschen mehr leben wollen, weniger Routine, keine Langeweile — Bedürfnisse, die sie lebendiger und fröhlicher machen, statt solche, die einen schlechten Geschmack hinterlassen. In den USA, wo der materielle Überfluss am größten ist, hat die radikale Jugend bereits erlebt: Mit zwei und drei Autos wird man auch nicht glücklich.

Pawlows Hund und die Kunst des Lebens

▶ 24:31 — Fromm bringt das Bild von Pawlows Hund: Ein Hund, konditioniert auf Hunger bei einem Kreis und Abneigung bei einer Ellipse, wird neurotisch, als Kreis und Ellipse so ähnlich werden, dass er sie nicht mehr unterscheiden kann. Klassische Neurose-Symptome: Angst, Verwirrung, Orientierungslosigkeit.

Dasselbe gilt für den Menschen: Wer konfliktierende Ziele verfolgt, ohne sich darüber klar zu sein, dass sie sich widersprechen, wird seelisch krank. Die Aufgabe ist nicht Propaganda oder Fanatisierung, sondern die ehrliche Frage an sich selbst: Was willst du eigentlich?

▶ 26:02 — Fromm schließt mit dem amerikanischen Schriftsteller Emerson: „Dinge sitzen im Sattel und reiten den Menschen.” Die Frage unserer Zeit: Wollen wir weiter geritten werden?


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag referenzierte Quellen:

  • Aldous Huxley: Brave New World (1932) — Fromm referenziert Huxley als frühen Analytiker der Konsumgesellschaft („als Huxley in seinem berühmten Buch gezeigt hat”)
  • Ralph Waldo Emerson — Fromm zitiert: „Things are in the saddle and ride mankind” (aus dem Gedicht Ode, Inscribed to W. H. Channing, 1847)
  • Lenin: Der „linke Radikalismus”, die Kinderkrankheit im Kommunismus (1920) — Fromm verweist auf Lenins Kritik an oberflächlichem Radikalismus

Verbindungen

  • Erich Fromm — Haben oder Sein — Der fünf Jahre spätere Kern desselben Denkens: Was hier als Vortrag skizziert wird — Haben-Modus vs. Sein-Modus, passiver Konsum vs. aktive Lebendigkeit — wird in Haben oder Sein (1976) zur systematischen Theorie ausgearbeitet
  • Erich Fromm — Die Welt lieben, SRF 1979 — Das persönlichere Spätwerk-Gespräch, wo Fromm dieselben Themen — Lebendigkeit, Weltzuwendung, Freiheit — autobiographischer und synthetischer reflektiert
  • Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit — Rosas Resonanz ist das positive Gegenstück zu Fromms Sein-Modus: Fromms passiver Konsument mit offenem Mund ist Rosas entfremdetes Subjekt ohne Resonanzachsen. Der aktive Mensch, der „reicher wird und wächst”, ist Rosas resonierendes Subjekt in psychoanalytischer Sprache
  • Immanuel Kant — Was ist Aufklärung? — Kants „selbstverschuldete Unmündigkeit” ist Fromms „ewiger Säugling” in philosophischer Sprache. Sapere aude = Fromms Ruf zur aktiven Lebendigkeit. Beide sehen dasselbe: die freiwillige Unterwerfung unter äußere Autorität aus Bequemlichkeit
  • Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit — Bonhoeffers „Dummheit” als freiwillige Selbstaufgabe unter Macht verbindet sich mit Fromms Kritik der autoritären Moral: Gehorsam als Tugend produziert den willenlosen Menschen. Beide sehen das Problem nicht im Bösen, sondern in der Preisgabe des autonomen Denkens
  • Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer — Mausfeld analysiert die Manipulationstechniken, die genau jenen passiven Konsumenten produzieren, den Fromm beschreibt. Fromms „ewiger Säugling” = Mausfelds „schweigende Lämmer”: Konsumismus und politische Passivität als zwei Seiten derselben Entfremdung
  • Matthieu Ricard — Glück, Mitgefühl und die Transformation des Geistes — Ricards buddhistischer Weg zum Glück durch innere Transformation spiegelt Fromms Unterscheidung zwischen Haben (Konsum) und Sein (Wachstum). Fromms „guter Überfluss” — Bedürfnisse, die lebendiger machen — ist Ricards entraînement de l’esprit in säkularer Sprache
  • Hannah Arendt — Denken ohne Geländer — Fromms Ablehnung der autoritären Schuldmoral — Moral braucht keine Autorität als Geländer — korrespondiert mit Arendts „Denken ohne Geländer”: eigenständiges moralisches Urteilen jenseits vorgegebener Regelsysteme
  • Wolfram Schultz — Dopamin mehr als ein Glueckshormon — Fromms „hedonische Tretmühle” (Konsum eskaliert den Bedarf) ist bei Schultz neurobiologisch begründet: Positiver Reward Prediction Error erhöht den Erwartungswert — beim nächsten Mal braucht es mehr Überraschung für dieselbe Dopaminantwort. Fromms philosophische Diagnose des Konsumismus und Schultz’ neuronale Eskalationsspirale beschreiben denselben Mechanismus aus zwei Disziplinen.