Quelle: Prof Dr. Markus Gabriel – Was die sozialen Netzwerke mit uns machen: Eine neue Theorie

Wer spricht?

Markus Gabriel (1980, Remagen) — Philosoph, Bestsellerautor und seit 2009 jüngster Philosophie-Lehrstuhlinhaber Deutschlands an der Universität Bonn.

Gabriels Weg führte über Heidelberg und die New School for Social Research in New York. Mit nur 29 Jahren erhielt er den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie in Bonn. Mit Warum es die Welt nicht gibt (2013) gelang ihm der Sprung in die Öffentlichkeit. Seine Sinnfeldontologie bildet das Fundament für seine Gesellschaftskritik — hier angewandt auf soziale Netzwerke.

Wichtigste Werke: Warum es die Welt nicht gibt (2013), Fiktionen (2020), Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten (2020) Kernkonzepte: Sinnfeldontologie, Neuer Realismus, Sozialontologie, Triangulation → DenkerVita


Kontext

Dieser Vortrag entstand im Rahmen einer Veranstaltung des IWP (Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik) an der Universität Luzern. Gabriel entfaltet in 47 Minuten fünf aufeinander aufbauende Thesen, die von einer ontologischen Grundlegung des Sozialen bis zu einer konkreten politischen Forderung — Mindestlohn für Social-Media-Nutzer — führen. Der Vortrag destilliert Ideen aus seinem Opus Fiktionen (2020, 636 Seiten) in eine öffentlich zugängliche Form. Eingeleitet wird er von Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger und dem Philosophen Dr. René Scheu, der bereits die zentrale These vorwegnimmt: Wer den Avatar steuert, steuert den Menschen.


Gesellschaft ist nur eine soziale Formation

▶ 11:12 — Gabriel beginnt mit einer fundamentalen Unterscheidung: Gesellschaft und das Soziale sind nicht dasselbe. Gesellschaft definiert er als „das größtmögliche Ganze sozioökonomischer Transaktionen” — also das Geflecht aus Handeln, Gesetzen und Institutionen, das Menschen in einem regulierten Rahmen verbindet. Die Schweizer Gesellschaft, die europäische Gesellschaft — das sind jeweils spezifische Ganze mit eigenen Regeln.

Aber: Es gibt keine Weltgesellschaft. Nicht alle Menschen stehen in sozioökonomischen Transaktionen miteinander. Wer ein Netzwerk aller Transaktionen zeichnen würde, fände kein zusammenhängendes Ganzes. Das ist keine pessimistische Diagnose, sondern eine ontologische Feststellung.

Die entscheidende Pointe: Wer Gesellschaft versteht, versteht damit noch nicht, was „sozial” bedeutet. Der Begriff des Sozialen kommt in der Definition von Gesellschaft vor (sozioökonomische Transaktionen), wird dort aber nicht geklärt. Die Gesellschaftstheorie — auch die von Habermas, mit dem Gabriel die These in Starnberg diskutiert hat — leidet unter einem Mangel: Ihr fehlt eine Sozialontologie.

„Eine Gesellschaftstheorie kann nicht die Sozialontologie ignorieren. Das ist wie Physik ohne Mathematik — gab’s früher, war aber schlechter als heute.”

Eigene Einschätzung

Die Unterscheidung klingt zunächst akademisch, hat aber Sprengkraft: Wenn das Soziale vor der Gesellschaft kommt — vor Sprache, vor Institutionen —, dann können soziale Netzwerke etwas Fundamentaleres berühren als nur den öffentlichen Diskurs. Sie greifen in eine Schicht ein, die älter und tiefer liegt als jede Verfassung.


Sozialitaet als Dissens-Management

▶ 13:59 — Was ist also das Soziale, wenn nicht Gesellschaft? Gabriels Definition: Eine Tatsache ist dann sozial, wenn ihr Sosein das aufeinander abgestimmte Verhalten mehrerer Individuen einer oder mehrerer Spezies wesentlich involviert.

Das klingt trocken, aber die Konsequenzen sind radikal. Erstens: Soziales ist nicht an Sprache gebunden. Blickführung bei einem Kleinkind — das Zeigen auf Gegenstände, das gemeinsame Fokussieren — ist sozial par excellence und kommt lange vor jedem Wort. Zweitens: Soziales ist nicht auf Menschen beschränkt. Haustiere, Zuchttiere, sogar Bakterien im menschlichen Organismus bilden soziale Verbünde.

Den Kern des Sozialen nennt Gabriel „Dissens” — aber nicht im Sinne von Streit, sondern wörtlich: dis-sensus, Auseinandergehen der Sinne. In einem Hörsaal sehen alle denselben Sprecher, aber jeder aus einer anderen Perspektive, in einem anderen Flackern der Sakkaden. Diese Perspektivenvielfalt ist das Soziale. Das koordinierte Verhalten entsteht gerade weil die Perspektiven verschieden sind, nicht obwohl.

„Unter Dissens verstehe ich eine buchstäbliche Perspektivendivergenz. Sie sehen mich von dort, wo Sie sitzen, und zwar jeweils anders.”

Gabriels entscheidender Move: Das Soziale ist nicht konstruiert, sondern produziert. Es ist genauso real wie Fermionen, Bosonen oder Zahnschmerzen. Die Rede von „sozialer Konstruktion” ist in dem Maße, in dem sie nicht „purer Unsinn” ist, irrelevant für die Frage nach dem Wesen des Sozialen. Das Soziale ist kausal messbar, quantitativ zugänglich — die Sozialwissenschaften erforschen eine Wirklichkeit, nicht Meinungen.

Eigene Einschätzung

Hier zeigt sich der Kern des Neuen Realismus in angewandter Form. Was auf den ersten Blick wie eine Spitze gegen die Postmoderne wirkt, ist eigentlich eine Aufwertung der Sozialwissenschaften: Wenn soziale Tatsachen real sind, dann ist Soziologie keine bloße Interpretationskunst, sondern Wirklichkeitsforschung. Das hat Konsequenzen für die Legitimität politischer Forderungen — sie lassen sich auf Tatsachen gründen, nicht nur auf Meinungen.


Soziale Netzwerke sind wirklich sozial

▶ 20:15 — These 3 klingt trivial, ist aber Gabriels analytisches Scharnier. Soziale Netzwerke verdienen ihren Namen tatsächlich — sie sind sozial, weil in ihnen Perspektiven in Form von Daten aufeinandertreffen. Softwareingenieure, User, juristische Systeme, Lieferketten für seltene Rohstoffe — ein gigantisches Netzwerk aufeinander abgestimmten Verhaltens.

Gabriels überraschendster Punkt: Google ist das paradigmatische soziale Netzwerk. Suchanfragen sind immer durch Suchanfragen anderer vermittelt. Was man auf Google findet, ist nicht die objektive Antwort auf eine Frage, sondern ein sozial produziertes Ergebnis. Teil des Geschäftsmodells ist es, die soziale Seite unsichtbar zu machen — damit alle den Eindruck haben, sie sähen die Wahrheit.

„Google ist nicht Gott. Also: Gott, was ist das schönste Hotel von Luzern? […] Was Sie zu Gesicht bekommen, ist wesentlich auch schon Soziales. Teil des Geschäftsmodells von Google ist, die soziale Seite unsichtbar zu machen.”

Dasselbe gilt für Wikipedia: Die Sozialität ist bekannt (irgendjemand produziert die Einträge), aber versteckt genug, dass man glauben kann, dort „die Wahrheit” zu finden. Dieses Erkennen — dass soziale Netzwerke sozial sind — ist bereits ein kritisches Analyseinstrument. Wer die Sozialität hinter der Oberfläche sieht, wird weniger anfällig für deren Manipulation.


Die Illusion des Wirklichkeitsverlusts

▶ 27:03 — Den sozialen Netzwerken fehlt etwas Entscheidendes: Triangulation. In einer normalen sozialen Situation gibt es ein Dreieck: Gegenstand (oder Tatsache), Individuum A, Individuum B. Die Wasserflasche auf dem Tisch kann korrigierend wirken — wer behauptet, da sei keine, kann widerlegt werden. Die Gegenstände selbst regulieren unsere Meinungen und bestimmen, ob wir uns täuschen oder nicht.

„Ob wir uns täuschen oder nicht, hängt davon ab, was der Fall ist, und nicht davon, was wir meinen. Es ist überraschend, dass man das heute sagen muss — aber das ist sozusagen die steilste These, die man im 21. Jahrhundert scheinbar äußern kann.”

Auf Twitter gibt es keine Debatte, weil der Gegenstand abwesend ist. Man hat „reine Sozialität ohne Gegenstand” — und das ist, was Gabriel Postmoderne nennt: gegenstandslose Sozialität. Wer im Internet nach Bestätigung oder Widerlegung sucht, tut das, was Wittgenstein beschrieb: „als würde einer mehrere Exemplare derselben Tageszeitung kaufen, um sich zu versichern, dass sie die Wahrheit schreibt.”

Die Pointe: Es gibt keinen tatsächlichen Wirklichkeitsverlust. Wirklichkeit kann man — mit dem französischen Philosophen Jocelyn Benoist — definieren als „das, was nicht verschwinden kann”. Man entrinnt der Wirklichkeit nie. Aber die sozialen Netzwerke erzeugen die Illusion eines Verlusts, weil sie Sozialität ohne Triangulation bieten. Und diese Illusion hat reale Konsequenzen: Man glaubt, der Wirklichkeit entrückt zu sein, während man tatsächlich massiv in sie eingreift — jeder Tweet ist eine Umweltsünde, jede Google-Suche verbraucht Energie. 2013 entsprach der Energieverbrauch der Google-Nutzer in Europa bereits der gesamten Energieproduktion Skandinaviens.

Eigene Einschätzung

Die Triangulations-These ist Gabriels stärkster Beitrag in diesem Vortrag. Sie erklärt präzise, warum Online-Debatten so oft ins Leere laufen: Nicht weil die Menschen zu dumm oder zu böse wären, sondern weil die Struktur den Gegenstand eliminiert. Es fehlt nicht an gutem Willen — es fehlt an Gegenständen, die korrigieren können. Das ist ein architektonisches Problem, kein moralisches.


Soziale Netzwerke zapfen den menschlichen Geist an

▶ 35:15 — Der Mensch ist ein „freies geistiges Lebewesen” — ein Wesen, das sein Leben im Lichte einer Vorstellung seiner selbst führt. Wir haben ein Bild davon, wer wir sind und wer wir sein wollen, und im Lichte dieses Bildes sind wir zu Verhaltensänderungen fähig, die kein anderes Lebewesen vollbringt: Feminismus, Vegetarismus, Gesellschaftsumbau.

Dieses Selbstbild — den „Avatar” — zapfen die sozialen Netzwerke an. Auf Facebook postet man nicht das gebrochene Knie des betrunkenen Onkels, sondern den fröhlichen Onkel mit veganer Bratwurst und ukrainischer Flagge. Was man zeigt, ist eine Aussage darüber, wer man sein will. Und genau das ist die wertvollste Information über einen Menschen — nicht was er tut, sondern was er zu sein wünscht.

„Was wäre eine wertvollere Information über Sie, als zu wissen, wer Sie sein wollen? Das ist eine wertvolle Information.”

Die algorithmische Infrastruktur durchforstet diese Datensätze mit Mustererkennung und kann nicht nur etwas über Menschen wissen, was diese nicht über sich wissen — sie kann sie verändern. Nicht spektakulär (man mag plötzlich keine Schokolade mehr), sondern subliminal: Verkehrswege ändern sich, Konsumentscheidungen werden vorsortiert, die „Verkehrsführung der Menschheit” wird buchstäblich von Algorithmen geleitet.

Das ist keine neutrale Plattform zur Selbstdarstellung — es ist großflächige Gesellschaftsgestaltung. Deshalb ist es für jemanden wie Elon Musk attraktiv, ein solches Netzwerk zu besitzen: nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern als Instrument reiner, brutaler Macht.


Mindestlohn statt Besteuerung

▶ 42:50 — Gabriel schließt mit einer konkreten politischen Forderung, die aus der Analyse folgt: Mindestlohn für Social-Media-Nutzer. Wer Facebook, TikTok oder Google nutzt, arbeitet — produziert Daten, die zu Mehrwert werden. Nach deutschem Recht stünden einem dafür ca. 13 € pro Stunde zu, minus den Wert der Dienstleistung, die die Plattform bietet. Die Differenz übersetzt sich direkt in die Mehrwertproduktion der Konzerne.

Gabriels Vergleichsbild ist schlagend: Stellen Sie sich vor, alle Nachbarn in Ihrer Straße würden in jeder freien Minute für andere arbeiten — Gärten pflegen, Kinder betreuen, abwaschen — und dafür kein Geld bekommen. Jeder würde das als pathologische Gesellschaft erkennen. Genau so sei unsere Realität: In jeder Pause zücken Menschen ihr Gerät und arbeiten für Konzerne, ohne Kompensation.

Die Steuerdiskussion — wie zieht man Facebook Steuern aus der Tasche? — hält Gabriel für eine Falle: Die Konzerne „genießen” sie, zahlen gelegentlich ein paar Millionen aus der Portokasse, und es ändert sich nichts. Die echte Gegenwehr wäre die Forderung nach Kompensation innerhalb der bestehenden Spielregeln des liberalen demokratischen Rechtsstaats.

„In jeder freien Minute, wenn Sie das Gerät zücken, arbeiten Sie für einen Konzern und kriegen dafür nichts. Nichts. Verhaltensänderung, Bilder, bisschen Gossip — aber wenig.”

Eigene Einschätzung

Die Mindestlohn-Forderung ist rhetorisch brillant und taktisch klug — sie nutzt ein allgemein akzeptiertes Instrument (Arbeitsrecht), um ein neuartiges Problem zu adressieren. Ob sie juristisch durchsetzbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber als Denkfigur macht sie sichtbar, was in der Besteuerungsdebatte unsichtbar bleibt: dass die Arbeit der Nutzer das eigentliche Produkt ist, nicht eine Nebenerscheinung.


Faktencheck

Bestätigt — Google als soziales Netzwerk

Gabriels These, dass Google-Suchergebnisse durch Suchanfragen anderer Nutzer vermittelt werden, ist korrekt. PageRank und nachfolgende Algorithmen basieren fundamental auf kollektiven Nutzungsdaten. Quelle: How Google Search Works (Google)

Vereinfacht — Energieverbrauch Google-Nutzer Europa = Skandinavien

Gabriel bezieht sich auf einen Stand von 2013 und räumt ein, dass es „alles noch viel schlimmer” sei. Die genaue Gleichsetzung „Google-Nutzer Europa = gesamte Energieproduktion Skandinaviens” lässt sich nicht unabhängig verifizieren; der Gesamtenergieverbrauch von Rechenzentren weltweit lag 2022 bei 1–1,3% des globalen Stromverbrauchs (IEA). Die Größenordnung stimmt tendenziell, die konkrete Zahl ist eine Vereinfachung. Quelle: IEA — Data Centres and Data Transmission Networks (Faktencheck: vereinfacht)

Vereinfacht — TikTok-Nutzer arbeiten für chinesische Unternehmer

TikTok (ByteDance) hat seinen Hauptsitz in Peking, aber die Eigentümerstruktur ist komplex — internationale Investoren wie KKR, General Atlantic und SoftBank halten bedeutende Anteile. Die Formulierung „für chinesische Unternehmer arbeiten” ist rhetorisch zugespitzt und verdeckt die globalisierte Kapitalstruktur. Keine unabhängige Quelle gefunden, die die Gewinne ausschließlich chinesischen Akteuren zuordnet. (Faktencheck: vereinfacht)

Bestätigt — Facebooks Ursprung als Attraktivitäts-Ranking

Facebooks Vorläufer „Facemash” (2003) sortierte tatsächlich Harvard-Studierendenfotos nach wahrgenommener Attraktivität in einem Elo-ähnlichen Rating-System. Quelle: The Facebook Effect, David Kirkpatrick (2010)


Weiterführende Quellen

Im Vortrag zitierte Denker und Werke:

  • Markus Gabriel: Fiktionen (2020, Suhrkamp, 636 S.) — Grundlagenwerk, aus dem die hier vorgestellte Theorie der sozialen Netzwerke stammt
  • Ludwig Wittgenstein — „als würde einer mehrere Exemplare derselben Tageszeitung kaufen” (Über Gewissheit, §265)
  • Jean Baudrillard — Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden (1991) — Referenz zur Medienrealitätsdebatte der 90er
  • Jocelyn Benoist — „Wirklichkeit ist das, was nicht verschwinden kann” — zentraler Bezug für Gabriels Realismus-Position
  • Richard Rorty — „The world were lost” — als Beispiel für postmoderne Wirklichkeitsskepsis
  • Wolfram Hogrebe — „Der Mensch ist szenisch” (Bonner Kollege Gabriels) — die szenische Existenz vor der gegenständlichen

Verbindungen

Annette Dittert — Dear Britain

Ditterts Befund am britischen Fall — Spaltung ist nicht Inhalt, sondern Form des Mediums — illustriert Gabriels These, dass Plattformen strukturell Spaltung statt Verständigung produzieren.

Markus Gabriel — Was ist Realitaet

Direkte Fortsetzung derselben Denkbewegung: Dort (phil.COLOGNE 2024) entwickelt Gabriel die Sinnfeldontologie als Grundlage seiner Realitätskonzeption, hier wendet er sie auf soziale Netzwerke an. Das „Vesuv-Beispiel” in der Realitäts-Note illustriert genau die Triangulation, die hier als fehlendes Element der digitalen Sozialität identifiziert wird.

Markus Gabriel — Ethischer Kapitalismus

Die Mindestlohn-Forderung für Social-Media-Nutzer ist eine direkte Konsequenz des ethischen Kapitalismus: Wenn Profit mit moralisch positiven Werten verknüpft werden soll, dann ist unbezahlte Datenarbeit ein Verstoß gegen genau dieses Prinzip. Beide Vorträge entstanden am IWP Luzern — hier zeigt sich eine konsistente Agenda.

Markus Gabriel — Ethische Intelligenz (scobel)

Die scobel-Note behandelt KI als „magischen Spiegel” — das ergänzt die Avatar-These dieses Vortrags. Dort geht es darum, dass KI unser Selbstbild zurückspiegelt; hier, dass soziale Netzwerke unser Idealself (den Avatar) monetarisieren. Zwei Seiten derselben Medaille.

Markus Gabriel — Universelle Moral

Der moralische Universalismus — es gibt objektive moralische Tatsachen — ist das philosophische Fundament, auf dem Gabriels Kritik an sozialen Netzwerken steht. Ohne objektive Werte wäre die Forderung nach Mindestlohn nur eine Meinung unter vielen; mit moralischem Realismus wird sie zur begründbaren Norm.

Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel)

Nosthoff liefert die technikhistorische Genealogie dessen, was Gabriel ontologisch analysiert: Die kybernetische Steuerungslogik — vom Menschen als Datensubjekt bis zur algorithmischen Verhaltensmodifikation — ist die Vorgeschichte der Avatar-Ausbeutung, die Gabriel beschreibt. Gabriel diagnostiziert fehlende Triangulation; Nosthoff zeigt, dass dieses Fehlen kein Versehen ist, sondern ein Designprinzip.

Poerksen und Goepel — Debatte neu denken

Pörksens „Filterclash” — das permanente Aufeinanderprallen verschiedener Weltbilder — ist die kommunikationswissenschaftliche Beschreibung dessen, was Gabriel ontologisch als „Sozialität ohne Triangulation” fasst. Wo Gabriel den fehlenden Gegenstand identifiziert, beschreibt Pörksen die resultierende „große Gereiztheit” als Grundstimmung der Netzgesellschaft.

Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft

Heitmeyers Diagnose digitaler Plattformen als „Verrohungsmaschinen” ist die empirische Bestätigung von Gabriels Strukturanalyse: Wo die Triangulation fehlt und reine gegenstandslose Sozialität herrscht, erodiert Empathie. Heitmeyer beschreibt die Symptome, Gabriel die architektonische Ursache.

Marcant — Ausstieg aus der rechten Szene

Erfahrungsbericht zur Triangulations-These: Marcant beschreibt die algorithmische Radikalisierungsspirale als Erlebnisprotokoll dessen, was Gabriel als „Sozialität ohne korrigierenden Gegenstand” analysiert. „Die Flut” als Gegenstrategie (Community-Gegencontent) ist der Versuch, Triangulation in gegenstandslosen Räumen künstlich herzustellen.