Zeitgeist·5. April 2026

Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft

Quelle: Stiftung Demokratie Saarland, Kooperationsveranstaltung mit Gegenvergessen für Demokratie e.V., 16. März 2026

Wer spricht?

Wilhelm Heitmeyer — Seniorprofessor an der Universität Bielefeld; bis 2013 Gründungsdirektor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG). Größte Langzeitstudie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland: Deutsche Zustände (10 Bände, Suhrkamp). Forschungsschwerpunkte: Gewalt, Rechtsextremismus, soziale Desintegration. Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Bekannt für strukturelle, nicht attitüdinale Analyse gesellschaftlicher Verrohung.

Kernthese

„Es reicht nicht, auf das Verhalten allein zu blicken — man muss sich die Wechselwirkung von Strukturen und Verhalten ansehen."


Kontext

Die Stiftung Demokratie Saarland lädt Heitmeyer im März 2026 zu einem Abendvortrag ein — ein Jahr nach seinem Vortrag über den autoritären Nationalradikalismus der AfD. Der Anlass: ein neues Buch, ein neuer Begriff, eine neue These. Die Veranstaltung findet einen Tag nach dem Tod von Jürgen Habermas statt (gestorben 15. März 2026, 96 Jahre alt), auf den Heitmeyer explizit eingeht.


Der Begriff: Durchrohung vs. Verrohung

Heitmeyer führt bewusst einen neuen Begriff ein:

Verrohung beschreibt auffälliges Verhalten einzelner Personen — Demütigung, Hass, Gewalt. Der soziologische und mediale Blick richtet sich auf den Täter und seinen Charakter.

Durchrohung meint etwas anderes: einen gesellschaftlichen Prozess, der durch alle Räume hindurchgeht und in dem Strukturen selbst brutalisierendes Verhalten ermöglichen, stimulieren oder sogar einfordern.

„Gelegentlich muss man für bestimmte Sichtweisen auch andere Begriffe einführen, damit die Aufmerksamkeit möglicherweise etwas anders gelenkt wird."

Der Kernfehler, den Heitmeyer bekämpft: Psychologisierung schützt Strukturen. Wenn man verrohendes Verhalten allein mit der Persönlichkeit des Täters erklärt, nimmt man die Strukturen, die es ermöglichen oder provozieren, aus der Kritik.

Gegenbeispiel: der sexuelle Missbrauch in der Kirche. Jeder 20. Pfarrer im Erzbistum Paderborn — erklärbar mit den Persönlichkeiten der Täter? Oder mit der Institutsstruktur, die aktiven Schutz durch die Bischöfe Jäger und Degenhart ermöglichte?

Zwei Fehler zu vermeiden:

  1. Psychologisierung, die Strukturen schützt
  2. Täter nur als Opfer von Strukturen sehen — sie bleiben in der Verantwortung

Fünf Räume — fünf Strukturlogiken

Heitmeyer untersucht Verrohung in 17 Bereichen, gruppiert nach Raumtyp:

RaumStrukturprinzipTypische Trigger
Privat (Familie, Partnerschaft)Liebe, Fürsorge, IntimitätKontrollverlust, Machtkonflikte
BetrieblichNützlichkeit, Verwertbarkeit, EffizienzLeistungsdruck, Entwertung
ÖffentlichSicherheit, Pünktlichkeit, RettungWartestress, Erwartungsenttäuschung
Institutionell (Schule, Krankenhaus, Jobcenter)Leistung, Versorgung, ExistenzsicherungÜberforderung, Ohnmacht
PolitischInteressendurchsetzungKontrollverlust, Entfremdung

In jedem Raum gelten unterschiedliche Trigger und Strukturbedingungen. Deshalb gibt es keine Einheitsursache für Verrohung — man muss die Kontexte einzeln analysieren.


Empirische Basis: Steigende Fallzahlen

Heitmeyer belegt die These mit Daten aus 17 Bereichen:

Die Sensibilisierungsthese

Ein verbreitetes Gegenargument: Die Fallzahlen steigen nicht, weil Verrohung zunimmt — sondern weil die Bevölkerung sensibilisierter ist und mehr anzeigt.

Heitmeyer ist skeptisch:

„Diese These mündet an vielen Stellen in einer Art von Beruhigungsformeln."

Das Gegenargument: Eine Dunkelfeldstudie (Befragungsdaten, keine Anzeigedaten) mit 15.000 Befragten ergab, dass bis zu 80% negative Erfahrungen gemacht hatten — aber nur 3% diese zur Anzeige brachten. Die Zunahme der Fallzahlen ist damit nicht auf gestiegene Anzeigebereitschaft zurückzuführen.


Vier Erklärungsansätze

1. Kapitalistische Landnahme → Ökonomisierung des Sozialen

Der Begriff stammt vom Industriesoziologen Klaus Dörre (Jena): Der Kapitalismus kann nicht aus sich heraus existieren — er muss sich ausdehnen, braucht ständig neuen Antriebsstoff.

Problem: Wenn sich seine Prinzipien — Nützlichkeit, Verwertbarkeit, Effizienz — auf die Lebensweisen von Menschen ausbreiten, entsteht eine Ökonomisierung des Sozialen. Menschen werden durch die Brille der Warenproduktion betrachtet. Das gefährdet grundlegende Prinzipien der Würde, der psychischen und physischen Unversehrtheit, der Gleichwertigkeit.

Die Folge zeigt sich in einer Langzeitstudie (30 Jahre, USA, Metaanalyse):

Affektive Empathie (das Einfühlen in andere) hat um 48% abgenommen. Kognitive Empathie (den anderen verstehen wollen) ebenfalls rückläufig — mit der stärksten Abnahme seit dem Jahr 2000.

Ursachen laut Wissenschaft: exzessive Nutzung digitaler Netze, Ausbreitung des Kapitalismus, Auflösung kohäsiver Milieunetzwerke.

Eine britische Vergleichsstudie zeigt: Je größer die soziale Ungleichheit, desto höher die Gewaltraten — nicht bei Einzelpersonen, sondern im Gesellschaftsvergleich.

Helmut Dahme (Anomietheorie): Je dominanter die kapitalistische Ökonomie in alle Lebensbereiche hineinragt, desto mehr verlieren soziale Normen ihre Bindungskraft.


2. Individualisierung und Singularisierung

Ulrich Beck (Risikogesellschaft): Die Biographien der Menschen wurden aus den vorgegebenen Fixierungen — Familie, Milieu, Dorf, Klasse — herausgelöst. Das Individuum muss sein Leben zum eigenen Planungsbüro machen. Freiheit als Zwang.

Das Problem: Diese Selbstverantwortung findet statt unter den Bedingungen des kapitalistischen Durchsetzungszwangs. Die Chancen auf Lebensplanung öffnen sich formal — aber die Verlässlichkeit von Lebenwegen nimmt ab. Das Aufstiegsversprechen für die nächste Generation erodiert.

Andreas Reckwitz (Singularisierung): Nicht nur Individuation, sondern der gesellschaftliche Drang zur Einzigartigkeit. Einzigartigkeit ist zur sozialen Erwartung geworden. Das erzeugt:

Was als Freiheitsgewinn begann, verbindet sich unter diesen Bedingungen zu neuen Freiheiten — der Freiheit zur Demütigung, zum Hass und zur Gewalt.

Dazu kommt ein gesellschaftlicher Backlash: die Propagierung neuer harter Männlichkeit durch autoritäre Bewegungen und Parteien. Heitmeyer sieht diesen Backlash als politisch wirksam.


3. Veränderungen der Kommunikationsstruktur

Jürgen Habermas (gest. 15. März 2026, 96 Jahre) hat früh den Strukturwandel von Öffentlichkeit thematisiert. In seinen letzten Jahren wurde er immer ratloser: Statt einer milieu- und parteiübergreifenden Öffentlichkeit, in der Normen verhandelt werden, gibt es heute eine Vielzahl von Öffentlichkeiten — und niemand weiß mehr, wo eigentlich noch Übereinkunft über geltende Normen erzielt werden kann.

Heitmeyer nennt die digitalen Plattformen (Facebook, X/Twitter) Verrohungsmaschinen:

„Diese Plattformen bieten Entsicherung und Entbettung normorientierten Verhaltens auf mehrfacher Weise an."

Mechanismen:

45% der Amerikaner beziehen ihre Informationen ausschließlich von diesen Plattformen.

Jaron Lanier (Informatiker): Digitale Medien sind in erster Linie Empathievernichter; sie erzeugen gesellschaftliche Abstumpfung.

Zuckerberg: Hat intern Studien zur psychischen Gesundheit junger Nutzer durchführen lassen — mit so katastrophalen Ergebnissen, dass er sie nicht veröffentlichte. Propagiert stattdessen eine Kultur, „die Aggression feiert".

Die AfD ist zur erfolgreichsten Partei auf TikTok geworden — folgerichtig für Heitmeyer: aggressiv-emotionalisierende Strategien passen exakt auf die Plattformlogik.

„Wenn der Kampf gegen die Algorithmen und deren Besitzer nicht gewonnen wird, kann man einpacken mit der Ambition einer humanen Gesellschaft."


4. Krisenabfolgen seit 2001

2001 (9/11) gilt als Kipppunkt. Seitdem eine Abfolge von Krisen, die sich ausgeweitet haben:

JahrKriseBetroffene
2003/2005Hartz IVSpezifische Bevölkerungsgruppe
2008/09FinanzkriseAndere Gruppen (Aktienbesitzer, Mittelschicht)
2015/16FlüchtlingsbewegungGesellschaftlich-kulturelle Ausweitung
2019/20CoronaErstmals Systemkrise — gesamte Gesellschaft

Definition einer Krise bei Heitmeyer: Zwei Kriterien:

  1. Die politischen Routinen und Instrumente zur Bewältigung funktionieren nicht mehr — zumindest nicht schnell und nicht kostenlos
  2. Die Zustände vor der Krise, in denen man sich sicher fühlte, sind nicht mehr herstellbar

Das Ergebnis: Kontrollverlust — der Verlust von Selbstwirksamkeit in der eigenen Lebensbiographie. Und als Reaktion: aggressive Durchsetzung. Negative Emotionen + Machtansprüche im öffentlichen und privaten Raum.


Typen von Gewalt

Heitmeyer unterscheidet analytisch:

TypBeschreibung
Expressive GewaltLust an der Gewalt; wen man trifft, ist sekundär
Instrumentelle GewaltDurchsetzung materieller Interessen (Vorrang im Straßenverkehr, in der Notaufnahme)
Regressive GewaltPolitisch motiviert — autoritäre Veränderung der sozialen und politischen Ordnung

Publikumsfragen

Politiker — die vergessene Spezies?

Ein Zuschauer fragt: Sie haben Politiker ausgelassen. Korruption, fehlende Toleranz im Diskurs, Aggression im Bundestag.

Heitmeyer stimmt zu — und fügt Daten hinzu: Die Ordnungsrufe durch das Bundestagspräsidium seit 2017 sind statistisch eindeutig. Die AfD hat das Klima im Bundestag massiv in Richtung Verrohung verschoben.

Gleichzeitig: Auch Linksextreme haben sich auf diesem antidemokratischen Weg eingeboten — das gibt es nicht.

Nahe soziale Bezugsgruppen — die eigentliche Frage

Heitmeyers Antwort auf die „Was tun?"-Frage konzentriert sich nicht auf die Politik, sondern auf das nahe soziale Umfeld: Familie, Freundeskreis, Sportmannschaft, Kirchengemeinde.

„Bei Großdemonstrationen tragen wir in Westdeutschland bisher überhaupt keine sozialen Kosten. Aber in den nahen sozialen Bezugsgruppen — da können harte soziale Kosten des Ausschlusses mitgeliefert werden."

Die entscheidende Frage: Bin ich konfliktfähig genug, dort die Stimme zu erheben, wenn rassistische Sprüche fallen? Oder schweige ich, weil ich noch etwas erben möchte, oder weil ich nicht aus der Gruppe ausgeschlossen werden will?

„Ich habe die Befürchtung, dass wir einfach zu harmoniesüchtig sind."


Einordnung

Was diese Perspektive bietet
  • Begriffsrahmen: Durchrohung (Prozess + Struktur) statt Verrohung (Verhalten + Person) — öffnet den Blick auf das Systemische
  • Empirisch unterfüttert: keine Einzelfälle, sondern 17 Bereiche über lange Zeiträume
  • Strukturelle Erklärung statt Moralisierung: die Frage ist nicht „Wer ist schuld?" sondern „Welche Strukturen machen das möglich?"
Offene Fragen
  • Heitmeyer nennt den Empathierückgang als Kernproblem — aber ist Empathie wirklich messpflichtiger Kausalfaktor oder eher Symptom einer anderen Störung?
  • Das Konfliktfähigkeits-Argument ist überzeugend, aber sehr individualistisch. Stimmt das mit dem eigenen Anspruch zusammen, Strukturen zu kritisieren und nicht zu individualisieren?
  • Die Digitalisierungs-Diagnose ist breit geteilt (Habermas, Lanier, Spitzer). Aber was genau ist der Kausalweg zu physischer Gewalt — nicht nur zu Hass-Kommunikation?

Faktencheck

Bestätigt

Jürgen Habermas, gestorben 15. März 2026, 96 Jahre — Bestätigt. Habermas (geb. 18. Juni 1929) starb am 15. März 2026. Sein Hauptwerk Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) ist der Referenzpunkt, den Heitmeyer zitiert.

Bestätigt

Klaus Dörre: Kapitalistischer Landnahme-Begriff — Korrekt. Dörre, Industriesoziologe und Professor in Jena, hat den Begriff der kapitalistischen Landnahme in die deutschsprachige Soziologie eingeführt. Quelle: Kapitalistischer Landnahmeprozess und Arbeitnehmerrechte und spätere Werke.

Bestätigt

Jaron Lanier: Digitale Medien als Empathievernichter — Korrekt dem Sinn nach. Lanier ist Informatiker und früher Pionier der Virtual Reality; bekannt für seine Medienkritik (Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now, 2018). Er argumentiert, dass algorithmische Feeds systematisch auf negative Affekte optimieren.

Bestätigt

Rage Bait als Begriff — Korrekt. Heitmeyer schreibt das Matthias Morstedt zu. Der Begriff Rage Bait bezeichnet kalkuliert empörungsauslösende Inhalte, die Engagement (Teilen, Kommentieren) maximieren.

Vereinfacht / nicht vollständig belegt

48% Rückgang affektiver Empathie (30-Jahres-Metastudie USA) — Korrekt dem Kern nach, aber mit Vorsicht zu behandeln. Heitmeyer bezieht sich wahrscheinlich auf Sara Konraths Meta-Analyse (2011, University of Michigan), die über 72 Studien von 1979–2009 ausgewertet hat und einen deutlichen Empathierückgang bei US-Studierenden zeigt. Die genaue Zahl 48% bezieht sich auf affektive Empathie-Skalen. Diese Studie wird breit zitiert, aber auch kritisiert (Selektionsbias durch Studierenden-Sample, methodische Heterogenität der ausgewerteten Studien). Die Grundaussage — sinkende Empathie — ist wissenschaftlicher Konsens; die Präzision der Zahl ist mit Vorsicht zu behandeln.

Vereinfacht

„45% der Amerikaner beziehen Informationen ausschließlich von sozialen Medien" — Heitmeyer nennt die Zahl ohne Quelle. Der Anteil derer, die Social Media als primäre Nachrichtenquelle nutzen, liegt je nach Studie bei 20–35% (Pew Research). „Ausschließlich" wäre eine erhebliche Übertreibung. Die Grundaussage — Social Media als dominierende Informationsquelle — ist korrekt; die genaue Zahl ist nicht belegt.


Verbindungen

→ Alena Buyx — Gesellschaft NEU DENKEN

Der Frühwarnmarker zur Strukturdiagnose. Buyx unterscheidet Zynismus vom Nihilismus und macht die Verachtung im Ton zum erkennbaren Vorzeichen — drei Schritte früher, im Alltag prüfbar. Ihr Befund, dass das Torpedieren von Umgangsformen zur Strategie gehört, um Grausamkeit zu normalisieren, ist Heitmeyers Durchrohung in einem Satz. Offen bleibt, was ein individueller Marker gegen einen Prozess ausrichtet, der laut Heitmeyer strukturell eingefordert wird.

→ Topfvollgold — Mordfall Stade und das Versagen von NiUS

Ein Lehrbuchfall der Verrohungs-Dynamik: Nach einer NIUS-Falschbeschuldigung im Mordfall Stade überziehen anonyme Nutzer eine unbeteiligte Mutter mit Folterfantasien — die Redaktion enthemmt, der Schwarm vollstreckt.

→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler

Manow erklärt strukturell, warum Menschen populistisch wählen (Souveränitätsverlust, Öffnungsverlierer). Heitmeyer beschreibt, was diese gesellschaftlichen Verschiebungen auf der Verhaltens- und Klimaebene anrichten. Beide denken strukturell statt psychologisierend — die Diagnose ergänzt sich.

→ Manfred Spitzer — KI, Gehirn und Lernen

Spitzer bringt neurowissenschaftliche Evidenz für digitale Empathieerosion und die Wirkung sozialer Medien auf Gehirn und Sozialverhalten. Heitmeyer kommt soziologisch zum selben Befund. Zwei Disziplinen, eine Diagnose.

→ Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Rosa beschreibt Beschleunigung und Weltverhältnis-Verlust als Kern moderner Entfremdung. Heitmeyers Individualisierungs- und Singularisierungsanalyse (Beck, Reckwitz) trifft sich mit Rosas Resonanz-Konzept: Die kapitalistische Durchsetzungslogik verhindert echte Resonanzbeziehungen — und erzeugt so die Grundbedingung für Verrohung.

→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck

Flassbeck: Verfehlte Wirtschaftspolitik erzeugt Rechtsruck. Heitmeyer: Kapitalistischer Durchsetzungszwang erzeugt Durchrohung. Beide setzen an denselben Strukturprozessen an und widersprechen dem moralisierenden Diskurs.

→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer?

Mausfeld analysiert, wie Mediendiskurse die Deutungshoheit sichern und den Demos klein halten. Heitmeyers Diagnose, dass Medien das Gesamtbild der Durchrohung nicht verbreiten und damit zur Selbsttäuschung beitragen, ist die andere Seite: nicht nur Propaganda, sondern auch strukturelles Schweigen über ein systemisches Problem.

→ Gefangene des Systems — Elitenerziehung und die Verrohung der Macht

Heitmeyer beschreibt die gesellschaftliche Symptomebene (Verrohung als kollektives Phänomen), die neue Note die biographische Ursachenebene (Verrohung als durch Eliteerziehung individuell produziertes Charaktermerkmal). Boarding School Syndrome und "rohe Bürgerlichkeit" sind zwei Seiten desselben strukturellen Prozesses.

→ Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Redecker zitiert Heitmeyer explizit als Grundlage. Ihre Phantombesitz-Theorie erklärt das Warum der Gewaltbereitschaft — die psychische Logik hinter dem, was Heitmeyer soziologisch kartiert. Er liefert das empirische Gerüst; sie den philosophisch-kritischen Unterbau.

→ Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen

Haidt erklärt, warum In-Group-Loyalität, Autorität und Reinheit als moralische Grundlagen tief verankert sind — und warum rechte Mobilisierung so effektiv auf sie zugreifen kann. Das ist die moralpsychologische Erklärungsebene unterhalb von Heitmeyers struktursoziologischer: Wo Heitmeyer fragt, welche Strukturen Verrohung ermöglichen, fragt Haidt, welche Psychologie sie verankert.

→ Koshi Politik — Truth Social 15: Töten als Ehrensache

Heitmeyer: Wenn institutionelle Verrohung den Punkt erreicht, wo ein Staatsoberhaupt öffentlich über Töten als Ehrensache schreibt — dann ist das Ende der Zivilisierungsnorm erreicht. Trumps Post „Was für eine große Ehre dies tun zu dürfen" ist der dokumentierte Höhepunkt dieser Dynamik.

→ Koshi Politik — Truth Social 14: Ilhan Omar und State of the Union

Minnesota-Medicaid-Kürzung als institutionelle Verrohung: Trump setzt staatliche Ressourcen als Waffe in einer persönlichen politischen Fehde ein. Das ist Heitmeyers „politischer Raum" — Interessendurchsetzung durch Kontrollverlust und institutionelle Aggression — in Echtzeit.

→ Koshi Politik — MAGA-Risse: Fox News, NFL und Mehdi Hasan

NFL/Iran-Propagandavideo und der Moment, wo Fox News Trump konfrontiert: Hasan nennt ihn „inkompetenten Autoritären". Heitmeyer: Verrohungsprozesse laufen auch in den Institutionen der Gegenöffentlichkeit — und der Widerstand kommt oft erst, wenn die Kosten der Gefolgschaft sichtbar werden.

→ Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke (taz Talk)

Potters «neue autoritäre Linke» ist ein konkreter Ausdruck der von Heitmeyer beschriebenen Enthemmungsdynamik: Mordaufrufe gegen Journalisten, Gewalt auf Demos, Jubel für Terroranschläge — Heitmeyers institutionelle Verrohung zeigt sich hier im linken Spektrum.

→ Jonathan Haidt — Kann ein gespaltenes Amerika heilen?

Haidts Abscheu-vs-Wut-Unterscheidung liefert den psychologischen Mechanismus für Heitmeyers Verrohungs-Diagnose: Wenn politische Gegner nicht mehr als falsch, sondern als widerlich markiert werden, kippt die Dynamik von Konflikt zu Dehumanisierung. Haidt beschreibt den Anfang (Stammeslogik aktiviert Abscheu), Heitmeyer beschreibt das Ergebnis (systematischer Abbau von Empathie und demokratischen Normen).

→ Good News — Gute Nachrichten September 2026 Teil 2

Das Gegenbild aus den USA: Dort fallen Morde, Raub und Einbruch fast überall, während häusliche Gewalt und Drogendelikte steigen, und das Gefühl sagt trotzdem das Gegenteil. Neben Heitmeyers steigenden Kurven stellt sich dieselbe Frage von der anderen Seite, ob eine Zahl die Welt misst oder das Zählen.

→ BissenBlaBla — AfD-Behauptungen zur Ausländerkriminalität

Die Sensibilisierungsthese, die Heitmeyer abwehrt, kehrt bei BissenBlaBla in anderer Form wieder: Es wird anders angezeigt, je nachdem, wer der Täter ist. Die Note belegt die Richtung (KFN) und gibt Heitmeyer beim Dunkelfeld zugleich recht.

→ Christian Walburg — Migration, Flucht und Kriminalität

Wie Heitmeyer hält Walburg die Anzeigebereitschaft für einen Teil der Erklärung, nicht für die ganze, und erklärt die Kriminalität von Zugewanderten aus Alter, Status und Lebenslage statt aus Herkunft.


Weiterführend

→ Topfvollgold — NiUS erfindet Islam-Skandal

Konkreter Fallbeleg für institutionalisierte Enthemmung: Zwei Tage nach dem NiUS-Artikel erhält Kantinenpächterin Frau A Morddrohungen. Nicht einzelne Schreiber sind das Problem — NiUS ist die Struktur, die Heitmeyers "Durchrohung" betreibt: Gewaltfantasien werden systematisch stimuliert, nicht trotz, sondern durch das Medienformat.

→ Tiana Travels — Das amerikanische Betriebssystem

Tianas Analyse ist der US-Kontext zu Heitmeyers Empathieverlust-These: Wenn Schulessen-Schulden als "individuelle Verantwortung" gelten und medizinische Insolvenz als "normaler Dienstag" — dann ist Enthemmung gegenüber anderen nicht Einzelfall, sondern strukturelle Konsequenz eines Systems, das Schwäche als persönliches Versagen rahmt.

→ MONITOR — Sparhammer gegen Jugendliche

Heitmeyers strukturelle Brutalität trifft auf die Jugendhilfe-Kürzungen mit besonderer Schärfe: Wer Einzelfallhilfen durch Gruppenangebote ersetzt und §41a streicht, folgt der Logik der Durchrohung — Sparentscheid als Haushaltszwang kaschiert eine politische Priorisierung, die Schwächste systematisch ausblendet.

→ Liya Yu — Dehumanisierung und Rehumanisierung

Das neuronale Substrat der Durchrohung: Was Heitmeyer soziologisch als schichtweise Normalisierung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beschreibt, beginnt bei Yu als mPFC-Abschaltung im Einzelhirn — und ihre Rehumanisierungs-Strategien sind der Versuch, den Prozess an der Wurzel umzukehren.

→ Robert Musil — Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Die Durchrohung im Zeitraffer eines Schuljahres, erzählt 1906: Vom Diebstahl über die Erpressung zur Folter, von drei Tätern zur halben Klasse — jede Stufe normalisiert die nächste, und die Institution registriert erst die Störung, nie den Prozess.

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

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