Worum es geht
Vierzig Jahre Zählen ergeben einen Satz, der wehtut: Wer oben entscheidet, entscheidet nach seiner Herkunft — und die Herkunft wird gerade wieder enger. Michael Hartmann hat die deutschen Eliten seit den achtziger Jahren vermessen, zuletzt über die gesamte Strecke vom Kaiserreich bis heute. In diesem achtzigminütigen Gespräch legt er die Befunde nebeneinander: die Wirtschaftselite als der stabilste Block der deutschen Geschichte, die politische Elite, die sich ihr seit der Jahrtausendwende annähert, und ein Ergebnis aus der Befragung der tausend mächtigsten Menschen des Landes, das alles andere überschattet. Unter den Spitzenpolitikern stimmte kein SPD-Mann bürgerlicher Herkunft für höhere Steuern auf Vermögen — und kein CDU-Mann aus einer Arbeiterfamilie dagegen. Das Parteibuch erklärte nichts, die Kindheit alles.
Quelle: Eine exklusive Elite entscheidet alles im Land! — Alexander Teske im Gespräch mit Michael Hartmann, 11.08.2026, ca. 80 Minuten
Wer spricht?
Michael Hartmann (1952, Paderborn) — Soziologe, bis 2014 Professor an der TU Darmstadt, seit den späten achtziger Jahren der maßgebliche Elitenforscher im deutschsprachigen Raum.
Er begann bei den Wirtschaftsjuristen. Ende der Achtziger interviewte er die Chefs der Rechtsabteilungen von DAX-Konzernen und Finanzvorstände — und bemerkte dabei, dass er längst etwas anderes untersuchte als Berufsbiografien. Von dort weitete er die Arbeit aus, erst auf die Vorstände der Großkonzerne, dann auf Politik, Justiz, Verwaltung, dann auf ein Dutzend Länder. Hunderte Interviews, über vier Jahrzehnte. 2014 ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen pensionieren; die Forschung ließ ihn nicht los.
Wichtigste Werke: Der Mythos von den Leistungseliten (2002), Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden (2018) Kernkonzepte: soziale Rekrutierung, Habitus, Prinzip der Ähnlichkeit, Leistungsmythos
Alexander Teske (1971, Leipzig) — Journalist, von 2018 bis 2023 Redakteur in der crossmedialen Planung bei ARD-aktuell, Autor von inside TAGESSCHAU (2025). Sein Kanal ist spendenfinanziert und deutlich kritisch gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk; seine Gästeliste und sein Verlag reichen erkennbar ins konservativ-medienkritische Milieu. Dass ausgerechnet er einen dezidiert linken Elitenforscher einlädt, hat einen Grund: Teskes eigenes Argument ist strukturell dasselbe wie Hartmanns — Redaktionen seien sozial zu eng besetzt, und über Herkunft werde dabei am wenigsten gesprochen. Stichwortgeber ist er dabei keiner: Er widerspricht seinem Gast offen.
Die Definition, an der sich alle stoßen
▶ 2:15 — Teske beginnt mit dem Einwand, den Hartmann seit Jahrzehnten hört: Man solle das Wort Elite doch bitte gar nicht erst verwenden. Hartmann weist ihn ruhig zurück. Der Begriff sei in der Wissenschaft weder neu noch strittig, und die durchgesetzte Definition komme ohne jede Wertung aus.
„Zur Elite gehören die Personen, die durch ihre Entscheidungen in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklung maßgeblich zu beeinflussen.”
Für Deutschland ergibt das eine Kernelite von etwa tausend Menschen und eine erweiterte Elite von etwa viertausend. Mehr nicht. Vier Sektoren tragen die Hauptlast: Politik und Wirtschaft als die beiden mächtigsten, dazu Justiz und — meist unterm Radar — die Verwaltung, weil dort die Gesetzestexte tatsächlich formuliert werden, oft unter Einfluss von Lobbyisten, oft auch aus eigener Überzeugung. Die Medien gehören zur zweiten Ebene.
Bemerkenswert an dieser Eröffnung ist das, was Hartmann nicht tut. Er verteidigt den Begriff nicht moralisch. Er lässt sogar zu, dass sich eine Gesellschaft ohne Eliten denken ließe, verweist auf das fünfzehnte Jahrhundert, in dem sich niemand einen Staat ohne Adel an der Spitze vorstellen konnte, und nennt die Vorstellung, Spitzenpositionen könnten irgendwann regelmäßig aus der normalen Bevölkerung besetzt werden, „eine schöne Entwicklung”. Nur eben eine, die noch sehr lange dauern werde. Diese Kühle ist Methode. Wer die Verhältnisse für unabänderlich hält, muss sie nicht anklagen — er kann sie zählen.
Was stabil bleibt und was gerade kippt
▶ 5:16 — Hartmann hat im vergangenen Jahr eine Studie über die deutschen Eliten vom Kaiserreich bis heute vorgelegt, 1871 bis in die Gegenwart. Ihr Befund über die Wirtschaft ist von einer fast beleidigenden Schlichtheit: nichts. In über hundert Jahren hat sich die soziale Zusammensetzung der Wirtschaftselite minimal verändert. Über achtzig Prozent stammen aus dem Bürgertum oder Großbürgertum, den oberen vier Prozent der Bevölkerung. Hartmann rechnet die Bewegung hoch, die es gab: Bei diesem Tempo bräuchte die Öffnung für die unteren sechsundneunzig Prozent über tausend Jahre.
Zwei Gründe nennt er. Der eine ist Vererbung — bei Familienunternehmen werden Positionen oder wenigstens Vermögen weitergegeben, und wer im Gesellschafterausschuss sitzt, trifft die strategischen Entscheidungen, egal wer formal Vorstandsvorsitzender ist. Boehringer Ingelheim hat gerade einen Familienexternen an der Spitze; die Richtung geben zwei Familien vor, und der Vorstandschef setzt sie um oder wird ersetzt. Der andere Grund ist habitueller: In der Wirtschaft existiert seit langem eine feste Vorstellung davon, wie ein Vorstandsmitglied auszusehen und aufzutreten hat.
Die Politik war lange das Gegenstück. Ungelernte Arbeiter schafften es so gut wie nie, aber Facharbeiter, mittlere Angestellte, mittlere Beamte stellten über Jahrzehnte die Mehrheit der politischen Spitze. Seit der Jahrtausendwende ist das vorbei. Auch im Kabinett dominieren heute bürgerlich und großbürgerlich Aufgewachsene — soweit sich das noch recherchieren lässt, und Hartmann merkt beiläufig an, dass es bei diesem Kabinett so schwer sei wie bei keinem zuvor, überhaupt Herkunftsdaten zu finden.
Weitergedacht
Wenn Herkunftsangaben von Spitzenpersonal in den vergangenen Jahren systematisch schwerer auffindbar werden — ist das Zufall, oder hat sich in den Kommunikationsabteilungen herumgesprochen, welche Frage man besser unbeantwortet lässt?
Die Zahl, an der alles hängt
▶ 38:50 — 2012 befragte Hartmann gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin die Inhaber der tausend wichtigsten Machtpositionen des Landes, je eine Stunde lang. Es ging um Migration, sexuelle Orientierung, die Finanzkrise. Ihn interessierte am meisten der Teil über soziale Ungleichheit und Steuern.
Die Ausgangslage war bereits schief. Großbürgerkinder — aufgewachsen in den oberen fünf Promille der Bevölkerung — stellten ein Viertel der Elitemitglieder, also rund das Fünfzigfache ihres Anteils. Arbeiterkinder, in dieser Generation die halbe Bevölkerung, stellten ein Achtel. Den Faktor zweihundert, den Hartmann im Gespräch nennt, trennt von dieser Zahl eine Rechnung: Er misst den Abstand zwischen beiden Gruppen, nicht die Überrepräsentation der einen.
Dann kam die Frage nach höheren Steuern auf hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften. Arbeiterkinder in der Elite hielten sie mit Zweidrittelmehrheit für nötig; Großbürgerkinder hielten mit noch größerer Mehrheit die bestehende Verteilung für gerecht — Ergebnis der Leistung ihrer Väter und Großväter. In der Wirtschaftselite sprachen sich Arbeiterkinder trotz eigener Spitzengehälter mit drei zu zwei für höhere Steuern aus, Großbürgerkinder mit neun zu zwei dagegen, manche von ihnen Erben dreistelliger Millionen- oder Milliardenbeträge.
Und dann die politische Elite, wo die Antworten anonym waren, Hartmann aber wusste, wer befragt worden war — genug, um die Verteilung zu lesen:
„Unter den CDU-Politikern waren die Arbeiterkinder für höhere Steuern, und unter den SPD-Politikern waren die Bürgerkinder dagegen. Das heißt, soziale Herkunft hat sogar Parteiprogramme geschlagen.”
Im Gespräch beziffert er das mit neunzig zu zehn Prozent und einem „kein einziger”. Publiziert steht dort ein Satz ganz ohne Prozente, der dasselbe sagt und härter klingt: Kein SPD-Politiker mit bürgerlichem oder großbürgerlichem Hintergrund stimmte für höhere Steuern, kein CDU-Politiker aus einer Arbeiterfamilie dagegen. Das Parteibuch erklärte gar nichts, die Kindheit erklärte alles.
Eigene Einschätzung
Diese Zahl ist der Grund, warum Hartmanns Forschung mehr ist als Sozialstatistik. Wenn Herkunft das Parteiprogramm schlägt, dann ist die Frage, wen wir wählen, in einem unangenehmen Maß nachgeordnet gegenüber der Frage, aus welchen Wohnzimmern die Wählbaren stammen. Der demokratische Mechanismus läuft weiter, tadellos, während die Vorentscheidung woanders fällt.
Zugleich lohnt der Blick auf die Kehrseite, die Hartmann selbst offenlegt: Die Arbeiterkinder in seiner Stichprobe saßen auf hochbezahlten Posten und stimmten trotzdem gegen ihr eigenes Portemonnaie. Das spricht gegen jeden Determinismus: Die frühe Prägung trägt offenbar weiter als das gegenwärtige Interesse. Wer daraus schließt, Menschen seien schlicht Funktionen ihrer Klasse, liest die Studie gegen ihren eigenen interessantesten Befund.
Und eine Vorsicht gehört dazu, die im Gespräch untergeht: Die politische Teilstichprobe ist klein. Die Befragung erreichte in der Politik eine Ausschöpfung von rund zweiundzwanzig Prozent, also etwa dreißig Interviews, und die Erstrezension monierte fehlende Signifikanzprüfungen. Ein „kein einziger” auf einer so dünn besetzten Zelle ist rhetorisch stark und statistisch heikel. Die Richtung des Befunds trägt — sie wird von der international vergleichenden Forschung gestützt —, die Wucht der Formulierung geht darüber hinaus.
Das Prinzip der Ähnlichkeit
▶ 58:37 — Teske fragt, ob wirklich nur „gleich und gleich gesellt sich gern” dahinterstecke, wenn Ostdeutsche, Migrantenkinder, Schwerbehinderte und Menschen vom Land kaum Zugang finden. Hartmann bestätigt es und fügt die Regel hinzu, die daraus einen Mechanismus macht: Ähnlichkeit wirkt umso stärker, je kleiner der Kreis derer ist, die auswählen.
Am krassesten in der Wirtschaft, wo bei Bertelsmann der Vorstandsvorsitzende sich mit der Familie kurzschließt und die Sache entschieden ist. Fast ebenso geschlossen in der Justiz, wo niemand ohne positive Beurteilung seiner Vorgesetzten überhaupt in die Nähe eines Richterwahlausschusses gelangt — und diese Vorgesetzten, die Präsidenten und Vorsitzenden Richter, bilden eine sozial extrem homogene Gruppe. Etwas offener in der Verwaltung, wo politischer Einfluss hineinreicht, mit Ausnahme des Auswärtigen Amts, dessen Tradition noch in die Zeit zurückweist, als der Adel das diplomatische Korps vollständig stellte.
Der interessanteste Fall ist die Politik, weil sich dort verändert hat, wie ausgewählt wird. Die alte Ochsentour begann im Ortsverein, wo der Bevollmächtigte der IG Metall, der ÖTV-Kreisvorsitzende und ein halbes Dutzend anderer saßen. Ohne deren Zustimmung ging es nicht weiter, und weil diese Runde selbst gemischt war, wirkte das Prinzip der Ähnlichkeit anders: Mittelschichtkinder hatten die besten Chancen, weil beide Seiten sie akzeptierten. Großbürgerkinder kamen kaum durch. Richard von Weizsäcker war die Ausnahme — als Bundespräsident für die meisten eine Idealbesetzung, als Regierender Bürgermeister von Berlin für große Teile der Bevölkerung schlicht abgehoben.
▶ 63:10 — Heute verläuft die Karriere anders: Studium der Politik-, Rechts- oder Wirtschaftswissenschaft, Praktikum bei einem Abgeordneten, Referentenstelle, dann im günstigen Fall die Nachfolge desselben Abgeordneten. Hubertus Heil als Musterfall, mit sechsundzwanzig im Bundestag. Der Ortsverein ist bedeutungslos geworden, die Basis weitgehend passiv. Damit ist der entscheidende Kreis wieder klein — und das Prinzip der Ähnlichkeit wieder scharf.
Die abhängige Elite
▶ 9:56 — Zur Medienelite hat Hartmann eine Unterscheidung, die man selten hört. Chefredakteure, Intendanten und Herausgeber gehören zur Elite, aber sie sind eine abhängige Elite — anders als Justiz und Wirtschaft, die auf eigenen Füßen stehen. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hängt sie an politischen Entscheidungen, weil die Vertreter in den Rundfunk- und Fernsehräten im Wesentlichen nach Parteizugehörigkeit ausgewählt werden. Der Fall Nikolaus Brender, in den sich der hessische Ministerpräsident offen einmischte, war die seltene Ausnahme, in der das öffentlich sichtbar wurde — weil Roland Koch sich sicher genug fühlte, es sichtbar werden zu lassen. Brender kam nie wieder in eine vergleichbare Position.
Im privaten Sektor entscheiden die Eigentümer. Als Holtzbrinck den Chefredakteur der gesamten Handelsblatt-Gruppe entließ, sah man, wo die Macht sitzt; als Bertelsmann Gruner + Jahr zerlegte, ebenso.
In der Befragung von 2012 war die private Medienelite die zweitexklusivste nach der Wirtschaft: über fünfundsiebzig Prozent Bürger- und Großbürgerkinder. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk war es damals anders, dort saßen mit WDR und ZDF an den beiden größten Häusern Arbeiterkinder an der Spitze. Das ist vorbei. Hartmann erzählt, wie der heutige ZDF-Intendant seine Herkunft lange mit „mein Vater war Polizist” angab — bis sich zeigte, dass dieser Vater die gesamte Bereitschaftspolizei von Rheinland-Pfalz leitete.
▶ 19:47 — Teske hält dagegen, was viele Zuschauer denken: Die Medien gälten doch als linksgrün dominiert, obwohl die Elite konservativ aufgestellt sei. Hartmann zerlegt das Etikett. Die SPD sei seit 1998 fast durchgehend in der Bundesregierung gewesen, und man könne beobachten, wohin diese Politik gegangen sei. Die Grünen seien nach Durchschnittseinkommen und Akademikeranteil die bürgerlichste Partei überhaupt. Und dann der Satz, der die Debatte um Sprache und die um Substanz auseinanderhält:
„Ob ich nun gendere oder nicht, das ist nicht entscheidend, sondern entscheidend ist, wie ich zu zentralen gesellschaftlichen Fragen stehe.”
Sein Beispiel: Eine Positionierung wäre dann links, wenn jemand in den Nachrichten das Rentenpaket von links deutlich kritisierte. Das werde man nicht erleben, allenfalls im Nischenprogramm.
▶ 25:56 — Sein empirischer Zugang zu dieser These ist von entwaffnender Schlichtheit: zwanzig Minuten Heimtrainer am Morgen, drei parallele Sender, ZDF-Morgenmagazin, Welt TV, n-tv/RTL, dazwischen umschalten. Die Unterschiede in den wichtigen Fragen seien minimal, überall dieselben Experten. Wenn die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik im Studio sitzt, weiß man, was kommt.
Eigene Einschätzung
Hier ist Hartmann am angreifbarsten, und das sollte man sagen. Ein Mann auf dem Trimmrad, der beim Umschalten wenig Unterschied bemerkt, hat keine Inhaltsanalyse durchgeführt — er hat einen Eindruck. Für die Rekrutierungsdaten liegen Zahlen vor, für die Gleichförmigkeit der Berichterstattung liegt hier nur Beobachtung vor, und er markiert den Unterschied nicht.
Was das Argument dennoch trägt, ist die Brücke zwischen beiden Ebenen: Wenn die Entscheider aus einem engen Milieu stammen, verändert sich, was als berichtenswert erscheint. Dafür braucht es keine Direktive; es genügt die Erfahrung jedes Aufsteigers, dass die Karriere am geschmeidigsten läuft, wenn man sich im Erwartbaren bewegt. Diese Verbindung ist plausibel und mit Herkunftsdaten unterfüttert. Die Behauptung völliger Gleichförmigkeit hingegen bleibt sein Eindruck, und ausgerechnet Hartmann liefert das Gegenbeispiel gleich mit: Er lobt ausführlich eine Korrespondentin, die aus Israel solide recherchierte und palästinensische Stimmen zu Gehör brachte — eine Ausnahme, sagt er, unter erheblichem Druck. Eine Ausnahme aber ist ein Riss im Bild von der geschlossenen Front.
Wenn die Grenzen zwischen den Sektoren verschwimmen
▶ 44:57 — Neben der Homogenisierung beobachtet Hartmann eine zweite Bewegung: den direkten Wechsel zwischen den Sektoren, in Frankreich normal, in Deutschland über Jahrzehnte praktisch unbekannt. Nicht gemeint sind Politiker, die nach ihrer Laufbahn in Aufsichtsräte gehen — Friedrich Merz bei BlackRock hält Hartmann ausdrücklich nicht für eine Eliteposition, weil die Entscheidungen dieses Konzerns in den USA fallen und man ihn wegen seiner politischen Kontakte holte.
Gemeint ist der Wechsel hinein in die Macht. Im aktuellen Kabinett sitzen zwei Vertreter der Wirtschaftselite, die unmittelbar dorthin gewechselt sind. In siebzig Jahren zuvor gab es das exakt zweimal: Gustav Heinemann, der aus dem Vorstand der Rheinstahl AG ins erste Adenauer-Kabinett kam und nach einem Jahr über die Wiederbewaffnung stürzte, und Werner Müller unter Schröder. Dazu ein Multimillionär als Kanzler.
Der zweite Fall ist die Justiz. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts war zuvor stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, wurde ans Gericht delegiert und war anderthalb Jahre später dessen Präsident — ohne die üblichen Karrierewege durchlaufen zu haben.
▶ 43:26 — Und dann ein Detail, das Hartmann selbst überrascht hat, weil es das in Deutschland noch nie gegeben habe: Elitenfolge in der Justiz. Der im Mai ausgeschiedene Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, Andreas Korbmacher, ist der Sohn von Günter Korbmacher, der an demselben Gericht Vorsitzender Richter des Asylsenats war. Beim designierten Nachfolger Malte Graßhof war die Mutter Richterin am Bundesverfassungsgericht, der Vater Ministerialrat im Bundesjustizministerium. Vererbung von Elitepositionen in einem Bereich, in dem Vererbung strukturell unmöglich sein sollte.
Die Fortsetzung kennt Hartmann noch nicht: Graßhof hatte seine Kandidatur bereits am 8. Juni 2026 aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen, zwei Monate vor der Aufnahme. Sein „wenn er denn ernannt wird, wovon ich ausgehe” ist überholt — der Befund über die Berufungsmuster der letzten anderthalb Jahrzehnte, den er in seinem Aufsatz mit den Väterberufen belegt, bleibt davon unberührt.
Weitergedacht
Ein Verfassungsgericht bezieht seine Autorität daraus, dass es über der Politik steht. Wie lange trägt diese Konstruktion, wenn der Weg an seine Spitze abkürzbar wird — und wer außer dem Gericht selbst könnte das je feststellen?
Die DDR als Gegenprobe
▶ 48:00 — An dieser Stelle wird das Gespräch zum Gespräch. Teske, in Leipzig geboren, hält seine eigene Erfahrung dagegen: Die DDR war offiziell ein Arbeiter-und-Bauern-Staat, und man merkte, dass das Bürgerliche fehlte — politisch als Diktatur, aber auch in Kultur und Wirtschaft. Sind Arbeiter und Bauern denn die besseren Unternehmer?
Hartmann geht dem nicht aus dem Weg und gibt zuerst zu, was er nicht weiß: Er habe sich mit der DDR nie intensiv beschäftigt. Was er erzählen kann, sind Beobachtungen von 1989, als er über eine Tagung Kontakt zu Assistenten der Humboldt-Universität bekam. Eine Assistentin war mit einem Werkzeugmacher verheiratet — im Westen hätte man das mit der Lupe suchen müssen. Ein anderer wohnte in einer bunt gemischten Nachbarschaft im Plattenbau. Habituell lagen zwischen diesem Milieu und dem westdeutschen Universitätsbetrieb Welten, auch im Umgang mit Studierenden: Im Westen zählte Lehre für die Karriere nichts, dort zählte sie.
Wirtschaftlich lehnt er den Vergleich rundheraus ab, und zwar mit ökonomischen Gründen statt mit ideologischen. Alle großen Unternehmen auf dem Gebiet der späteren DDR gingen nach 1945 in den Westen, bevorzugt in die amerikanische Zone — die Allianz und die Berliner Konzerne sitzen seither in München. Der Osten trug die sowjetischen Reparationen praktisch allein, während der Westen den Marshallplan und einen geöffneten US-Markt bekam. Die Vereinigten Staaten seien damals so überlegen gewesen, dass ihnen die Idee ernsthafter Konkurrenz nicht gekommen sei.
„Also sowas, was Trump jetzt macht mit den Zöllen, da hätten die damals drüber gelacht. Wofür brauchen wir Zölle? Wir sind so überlegen.”
Vergleichbar sei nur ein Bereich: die weltanschauungsfreie Wissenschaft, Naturwissenschaft und Medizin. Dort habe es in der DDR trotz aller Beschränkungen viele Leute auf Weltniveau gegeben, und nach 1989 sei viel Potenzial verschenkt worden. Hartmann erzählt, wie Berufungsverfahren tatsächlich abliefen: Die Kommission stellte eine Liste auf, der aus dem Westen entsandte Beauftragte erklärte, darauf sei niemand gut genug, er habe aber jemanden. Konkurrenz sei schlicht beseitigt worden.
▶ 56:22 — Der Gleichmut, mit dem er die Sache abschließt, ist der bemerkenswerteste Moment des ganzen Gesprächs:
„Der Kapitalismus hat die Fähigkeit über lange Zeiträume bewiesen, innovativ zu sein. Diejenigen, die immer geglaubt haben, der Kapitalismus bricht von selbst zusammen, die werden noch lange darauf warten können. Das ist meine Überzeugung, auch wenn ich das gerne gesehen hätte.”
Er sagt damit zwei Dinge gleichzeitig: was er sich wünscht, und was er für wahr hält. Dass beides auseinanderfällt, hält er aus.
Weitergedacht
Hartmann trennt hier sauber zwischen seinem Wunsch und seinem Befund. Wie viele Debatten würden anders verlaufen, wenn beide Seiten diese Trennung offenlegen müssten, bevor sie ihre Zahlen auf den Tisch legen?
Was man tun könnte — und was der Gastgeber nicht hören wollte
▶ 69:13 — Teske stellt die Frage nach Lösungen und legt gleich eine unbequeme Beobachtung dazu: Die Frauenquote, für die Hartmann immer war, hat gewirkt — sie hat aber dazu geführt, dass akademisch geprägte, bürgerliche Frauen Männer mit Arbeiterhintergrund verdrängten. Hartmann bestätigt das. Frauen haben in der Medienelite das knappe Drittel erreicht, das er für Arbeiterkinder fordert und von dem diese weit entfernt sind; ins Milieu passen sie ansonsten weitgehend hinein.
Daraus zieht er eine Konsequenz, die quer zu vielem liegt: Nicht Geschlecht oder Migrationshintergrund sollten das Quotenkriterium sein, sondern die soziale Position. Wer mit Migrationsgeschichte in höhere Positionen gelangt, sei fast immer Akademikerkind — Kinder von Ärzten und Ingenieuren, die in den Sechzigern und Siebzigern aus dem Nahen Osten oder der Türkei kamen. Diskriminiert werde, wer in der sozialen Hierarchie unten stehe; Geschlecht und Herkunft verstärkten das, ohne es zu begründen. Und er weiß, wie chancenlos die Forderung klingt:
„Man muss es zum politischen Thema machen, damit das Problem klar wird. Wenn das Problem klar ist, kann man über die Details diskutieren.”
Für die Wirtschaft, sagt er, werde es am schwersten, weil es um Eigentum gehe; genossenschaftliche Strukturen wären ein Weg, und ob die Berliner Enteignungsinitiative etwas bewegt, müsse man abwarten. Die SPD hält er für „einen Apparat ohne Inhalt”, der noch genug Posten zu verteilen habe, um Nachwuchs zu rekrutieren, und das werde sich irgendwann erledigen. Bei den neuen Mitgliedern der Linkspartei ist er skeptisch, weil ihn das an die späten Sechziger erinnert — er weiß, was aus den meisten wurde. Positiv sei es trotzdem, weil festgefahrene Strukturen sich auflösen.
▶ 76:08 — Dann bittet er von sich aus um ein Schlusswort, und es ist das Schlusswort, das im Kanal eines ÖRR-Kritikers am wenigsten zu erwarten war. Er sei mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr unzufrieden, sagt er, das habe er ja gerade ausgeführt. Von der Initiative zur Abschaffung des Rundfunkbeitrags halte er trotzdem nichts. Der Blick nach Frankreich schrecke ihn: Seit der öffentlich-rechtliche Sektor dort zusammengestrichen wurde, liegen große Teile des Rundfunk- und Fernsehmarkts in der Hand einer Handvoll Milliardäre. Vincent Bolloré unterstützt Marine Le Pen, ein zweiter macht dasselbe verdeckter, ein dritter unterstützte Macron.
„Wenn einer Person ein Sender gehört, gibt es nicht mal die Chance, sondern da macht er das, was er für richtig hält.”
Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bleibe wenigstens die Möglichkeit, über Wahlen und Parteienspektrum auf die Gremien einzuwirken. Eine Chance nur, aber es gebe sie. Und dann eine Unterscheidung, die man festhalten sollte: Springer und Döpfner müssen ihr Zeug verkaufen und können darum nicht durchgehend gegen die Interessen ihrer Kunden senden — das ist eine Grenze, so dünn sie sein mag. Bolloré verdient sein Geld anderswo und kennt diese Grenze nicht. In Deutschland gebe es dafür bisher genau ein Beispiel in nennenswertem Umfang: Nius, finanziert von einem Unternehmer aus der Nähe von Koblenz, der jedes Jahr Millionen hineinschiebt, weil er politisch diese Richtung will.
„Wenn wir die Gebühren abschaffen, werden wir genau dieselbe Landschaft kriegen.”
Eigene Einschätzung
Dieses Schlusswort ist der Grund, warum sich das Gespräch lohnt, und es ist auch die Antwort auf den Verdacht, den man beim Kanal zunächst hat. Hartmann liefert achtzig Minuten lang das beste verfügbare Material für die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk — sozial homogene Entscheidungsetagen, verschwundene Arbeiterkinder an den Spitzen, Gremien nach Parteiproporz, immer dieselben Experten. Und dann dreht er die Konsequenz genau um: gerade weil die Häuser politisch beeinflussbar sind, sind sie noch beeinflussbarer als Privatbesitz. Der Fehler ist korrigierbar, das Eigentum nicht.
Das ist eine ungewöhnliche Denkbewegung, und sie ist übertragbar. Sie besagt, dass die Reparierbarkeit einer Institution wichtiger sein kann als ihr gegenwärtiger Zustand. Wer eine schlechte, aber offene Struktur gegen eine bessere, aber verschlossene tauscht, hat kurzfristig gewonnen und die Möglichkeit der Korrektur verloren. Teske lässt den Satz unkommentiert stehen — was ihm anzurechnen ist, weil er weiß, welcher Teil seines Publikums an dieser Stelle den Ton abschaltet.
Das Argument ist stark genug, dass es das schiefe Beispiel nicht gebraucht hätte. Die Konzentration in Frankreich ist real, die Ursache aber eine andere als die behauptete: Der französische öffentliche Rundfunk wurde nicht zusammengestrichen — die Gebühr wurde 2022 abgeschafft und durch Steuermittel ersetzt, die Budgets liegen weiter im Milliardenbereich. Hartmann braucht den vollzogenen Abbau, damit sein Menetekel greift, und datiert ihn dorthin, wo er ihn braucht. Genau die Bewegung, die er bei anderen sichtbar macht, wenn er nach dem Interesse hinter einer Darstellung fragt.
Faktencheck
Hartmann zitiert überwiegend eigene Studien aus dem Gedächtnis. Der Abgleich mit den publizierten Fassungen lohnt sich darum besonders — und ergibt ein klares Muster: Die Substanz hält durchweg, die Zuspitzung geht in den mündlichen Zahlen regelmäßig um ein paar Punkte über das Publizierte hinaus, und immer in dieselbe Richtung.
Bestätigt — Kernelite 1.000, Gesamtelite 4.000
Die Zahl trägt Hartmann seit Jahren unverändert vor; sie stammt aus dem Positionsansatz der WZB-Elitestudie. Es ist eine Definition, keine Messung — wer Bundestagsabgeordnete, Gewerkschaftsspitzen oder Bischöfe mitzählt, kommt auf andere Werte, und Hartmann sagt das auch offen. Quelle: taz-Interview, 23.10.2018
Bestätigt — Wirtschaftselite über 80 %, seit über einem Jahrhundert
Auffallend genau. Tabelle 6 seiner Studie summiert für Adel, Firmenerben, Groß- und Bürgertum: 1907 85,9 % · 1927 83,4 % · 1938 83,1 % · 1970 82,8 % · 2020 80,8 %. Der Aufsteigeranteil stieg in 113 Jahren von 14,1 auf 19,1 %. Das Reservoir nennt der Aufsatz mit „drei bis vier Prozent” — Hartmann rundet auf die Obergrenze. Auch die Hochrechnung auf über tausend Jahre ist nicht willkürlich: Über die Hälfte des Zuwachses fällt auf 1907–1927; mit dem Tempo danach (2,4 Punkte in 93 Jahren) braucht man für die restlichen 30,9 Punkte rund 1.200 Jahre. Quelle: Hartmann 2025, Berliner Journal für Soziologie 35, 187–212 (Open Access)
Bestätigt — die Studie von 1871 bis heute
„Mehr Kontinuität als Wandel — Die deutschen Eliten vom Kaiserreich bis heute”, online seit 23.06.2025. Recherchiert wurden knapp 2.400 Elitemitglieder über vier politische Systeme. Kernbefunde: Der Adel verlor nach 1918 seine Rolle, Bürger- und Großbürgertum dominieren seither; in der Verwaltung gab es seit den 1930ern keinen Fortschritt; in der Justiz kommen noch drei Viertel aus Bürger- und Großbürgertum; nur die Politik öffnete sich stärker — heute aber kaum mehr als in Weimar (Aufsteiger bis 1999 knapp 55 %, seit 1999 nur noch gut 45 %). Zum Aufsatz erschien am 30.07.2025 ein Erratum, das einen Prozentwert korrigiert; geprüft wurde die korrigierte Fassung. Quelle: Springer
Vereinfacht — „Faktor 200"
Hartmanns eigene Arithmetik passt hier nicht zusammen, und zwar in die für ihn günstige Richtung. Ein Viertel der Elite geteilt durch fünf Promille Bevölkerungsanteil ergibt 50, nicht 200 — eine 200-fache Überrepräsentation hieße, die Gruppe stellte die Elite vollständig. Die 200 ist etwas anderes: das Chancenverhältnis zwischen Großbürger- und Arbeiterkindern. Beide Zahlen sind wahr, sie messen nur Verschiedenes; im gesprochenen Wort verschmilzt die zurückhaltendere mit der dramatischeren. Die zugrunde liegenden Anteile sind belegt: 62,5 % Bürger-/Großbürgertum, 25 % Mittelschichten, 12,5 % Arbeiterkinder bei rund 50 % Bevölkerungsanteil. Quelle: socialnet-Rezension zu Soziale Ungleichheit — kein Thema für die Eliten? · Hartmann, A&W-Blog
Vereinfacht — „90 % dagegen, kein einziger dafür"
Der Kern der These ist publiziert und hält. In Hartmanns eigener Zusammenfassung heißt es wörtlich: „Bei den Spitzenpolitikern wiegt die soziale Herkunft sogar eindeutig stärker als die Parteizugehörigkeit. Kein SPD-Politiker mit bürgerlichem oder großbürgerlichem Hintergrund stimmt für höhere Steuern, kein CDU-Politiker aus einer Arbeiterfamilie dagegen.” Die Prozentzahlen aus dem Interview finden sich so nirgends publiziert; für die Gesamt-Kernelite nennt er 5:2 und 9:2, also 71 % und 82 %. Dazu kommt, was im Gespräch wegfällt: Die Befragung erreichte in der Politik nur 22 % Ausschöpfung (rund 30 Interviews), und die Erstrezension monierte fehlende Signifikanzprüfungen. Die Richtung des Befunds stützt die international vergleichende Forschung. Quelle: Hartmann, A&W-Blog · socialnet · Hemingway 2020, Government and Opposition
Vereinfacht — „8:1" in der Wirtschaftselite
Die Arbeiterkinder-Zahl stimmt aufs Wort: „mit einer Mehrheit von drei zu zwei für höhere Steuern” ist exakt sein publizierter Wert. Die Gegenzahl nicht — publiziert ist 9:2 (82 %), im Interview werden daraus 8:1 (89 %). Sieben Prozentpunkte, wieder zugunsten des schärferen Kontrasts. Bemerkenswert: Er relativiert den Abstand im selben Atemzug selbst (die Frage packte Einkommen-, Vermögen- und Erbschaftsteuer zusammen, „kann ich nicht überprüfen”) — die Vorsicht sitzt dort, wo sie ihn nichts kostet. Quelle: Hartmann, A&W-Blog
Bestätigt — Akademikeranteile im Bundestag
Eine Auswertung aller 630 Biografien der 21. Wahlperiode ergibt: CDU/CSU 91 %, Grüne 91 %, SPD 88 %, Linke 75 %, AfD 61 %. Hartmanns Angaben aus dem Gedächtnis treffen Reihenfolge und, bis auf die Linke (75 statt „gut 70”), auch die Werte. Auffällig ist, dass er die für ihn unbequeme Pointe selbst ausspricht: Ausgerechnet die AfD, mit der er „überhaupt nichts am Hut” hat, ist die sozial durchlässigste Fraktion. Quelle: University of Europe, Analyse vom 04.07.2025
Bestätigt — zwei Manager im Kabinett, davor zweimal in 70 Jahren
Gemeint sind Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (zuvor Vorstandsvorsitzende der E.ON-Tochter Westenergie) und Digitalminister Karsten Wildberger (zuvor CEO von Ceconomy). Beide Vorgängerfälle stimmen: Gustav Heinemann kam 1949 aus dem Vorstand der Rheinischen Stahlwerke, Werner Müller 1998 aus dem VEBA-Vorstand. Zwei Einschränkungen macht Hartmann nicht: Günter Rexrodt kam 1993 aus dem Vorstandsvorsitz der Citibank Frankfurt über einen Zwischenstopp bei der Treuhand ins Wirtschaftsministerium — nach Hartmanns Definition kein unmittelbarer Wechsel, aber die Grenze ist enger gezogen, als sie klingt. Und Reiche war vor ihrer Managerkarriere 17 Jahre Bundestagsabgeordnete; ihr Weg ist ein Hin und Zurück. Quelle: Reuters zur Kabinettsbildung · Nachruf Werner Müller, FES
Bestätigt — Merz, BlackRock, Multimillionär
Merz war 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender der BlackRock Asset Management Deutschland, mit dem ausdrücklichen Auftrag, die Beziehungen zu Kunden, Regulierern und Aufsichtsbehörden zu pflegen. Hartmanns Einordnung ist dabei die interessantere Hälfte: Er zählt diese Position gerade nicht zur Wirtschaftselite, weil BlackRocks Entscheidungen in den USA fallen. Ein Elitenforscher, der gegen den naheliegenden Empörungsreflex argumentiert statt mit ihm. Quelle: Lobbypedia
Bestätigt — Harbarths Zeitablauf
Stephan Harbarth war bis 2018 stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, wurde im November 2018 gewählt und am 22. Juni 2020 Präsident — 18,7 Monate, also tatsächlich anderthalb Jahre, und ohne richterliche Laufbahn. Eine Präzisierung gehört dazu: Er wurde von Anfang an als Vizepräsident berufen, und der Vizepräsident rückt herkömmlich nach. Die „Blitzbeförderung” war insofern von Beginn an angelegt. Quelle: Wikipedia mit Belegen zu Wahl und Ernennung
Bestätigt — Elitenfolge am Bundesverwaltungsgericht
Beides belegbar. Andreas Korbmacher, Präsident bis Ende Mai 2026, ist der Sohn von Günter Korbmacher, der 1982 Vorsitzender Richter des Asylsenats am selben Gericht wurde. Malte Graßhof ist der Sohn von Karin Graßhof, Richterin am Bundesverfassungsgericht. Hartmanns Aufsatz stützt das unabhängig, indem er für die Berufungen der letzten anderthalb Jahrzehnte die Väterberufe auflistet. Zum Stand: Graßhof hat seine Kandidatur am 8. Juni 2026 zurückgezogen — zwei Monate vor der Aufnahme. Quelle: Wikipedia: Günter Korbmacher · LTO, 08.06.2026
Bestätigt — Brender, Koch und das Karlsruher Urteil
Nikolaus Brender war von 2000 bis 2010 ZDF-Chefredakteur; Roland Koch betrieb die Nichtverlängerung offen und setzte sie im Verwaltungsrat durch. Das Urteil gibt es: Erster Senat, 25. März 2014 (1 BvF 1/11) — der ZDF-Staatsvertrag ist in Teilen verfassungswidrig, der Anteil staatlicher und staatsnaher Gremienmitglieder darf ein Drittel nicht übersteigen. Brenders weiterer Weg stützt Hartmanns Beobachtung: nach dem ZDF nur ein Intermezzo als Talkmoderator bei n-tv. Quelle: BVerfG, Pressemitteilung
Bestätigt — Himmlers Vater
Robert Himmler, Vater des ZDF-Intendanten, war als Polizeibeamter Leiter der Bereitschaftspolizei Rheinland-Pfalz; die Mutter war Apothekerin. Hartmanns Pointe trägt — aus „Polizist” wird bei genauerem Hinsehen die Spitze einer Behörde. Nur die Formulierung ist eine Spur zu präzise: Belegt ist „Leiter der Bereitschaftspolizei”, nicht der Titel Polizeipräsident. Dass Himmler selbst seine Herkunft lange mit „mein Vater war Polizist” angegeben habe, ließ sich in keiner Quelle nachweisen — dafür steht Hartmanns Wort. Quelle: Wikipedia: Norbert Himmler
Vereinfacht — Frankreich, 60 % und der zusammengestrichene Rundfunk
Die Zahl ist nah dran, die Kausalkette nicht. Basta! und Le Monde diplomatique errechnen, dass 57 % der Fernsehzuschauerschaft auf vier Personen bzw. Familien entfallen: Bolloré, Saadé, Mohn und Bouygues. Für Radio gilt das so nicht — Radio France führt die Reichweiten weiter an. Und die Ursache stimmt nicht: Der französische öffentliche Rundfunk wurde nicht zusammengestrichen. Die Gebühr wurde 2022 abgeschafft und durch Mehrwertsteuermittel ersetzt; France Télévisions erhielt 2025 rund 2,57 Mrd. Euro, das Budget 2026 sinkt um 1,79 %. Die verbleibenden 43 % der Zuschauerschaft sind der öffentliche Rundfunk. Der Zuschnitt ist kein Zufall: Hartmann argumentiert an dieser Stelle für den deutschen Rundfunkbeitrag, und das französische Beispiel liefert das Menetekel nur, wenn der Abbau dort schon vollzogen ist. Bolloré wiederum setzte 2022 noch auf Zemmour; seine Sender kämpfen erst seit 2024 für Le Pens Partei. Quelle: Les Autres Idées / Basta! · Sénat, Finanzierung des audiovisuel public
Vereinfacht — Gotthardts Vermögen
Der Sachverhalt stimmt, die Zahl schwebt. Frank Gotthardt, Gründer der CompuGroup Medical in Koblenz, ist Hauptgesellschafter der Vius, die Nius betreibt; die Verluste betrugen 13,8 Mio. (2023) und 16,2 Mio. Euro (2024), insgesamt schoss er über 50 Mio. Euro zu — „jedes Jahr Millionen” ist eher untertrieben. Die 800 bis 900 Millionen Vermögen entsprechen keiner publizierten Schätzung: Das Manager Magazin führte ihn 2020 mit 1,4 Milliarden, 2024 mit 500 Millionen. Hartmann landet in der Mitte zwischen zwei Ständen; für seine Aussage ist das folgenlos. Quelle: t-online zur Nius-Bilanz
Bestätigt — ProSiebenSat.1 gehört zum Berlusconi-Konzern
MFE-MediaForEurope, kontrolliert von der Familie Berlusconi, erhöhte ihren Anteil im Übernahmeangebot von 43,6 auf 75,61 % — nach Ablauf der verlängerten Frist Anfang September 2025. Quelle: meedia
Vereinfacht — ein Drittel der Berufstätigen, 22 % der Bevölkerung
Beide Zahlen sind zu hoch gegriffen — und zwar gegen sein eigenes Argument, was sie interessant macht. Das Drittel existiert, meint aber etwas anderes: 34 % der Bevölkerung hatten 2024 einen Abschluss im Tertiärbereich, wozu nach OECD-Systematik auch Meister-, Techniker- und Fachschulabschlüsse zählen. Für die Gesamtbevölkerung ab 15 Jahren summierte der Mikrozensus 2019 Bachelor, Master, Diplom und Promotion auf 18,5 %. Hartmann macht die Bevölkerung damit akademischer, als sie ist — was den Abstand zur Elite kleiner erscheinen lässt, nicht größer. Er selbst signalisiert die Unsicherheit („zwischen 20 und 25, glaub 22”). Quelle: Destatis · bpb, Bildungsstand der Bevölkerung
Bestätigt — die Grünen als bürgerlichste Partei
Für die Wählerschaft gut belegt: die am stärksten bildungsabhängige Partei, rund 26 % bei Hochschulabschluss gegenüber 6 % bei Hauptschulabschluss, und selbst unter den obersten fünf Prozent der Verdiener vorn. Für die Mitgliederschaft ist die Datenlage dünner. Die Richtung ist unstrittig, die Doppelbehauptung „Wähler und Mitglieder” nur halb so gut belegt, wie sie klingt. Quelle: bpb, Wählerschaft der Grünen
Bestätigt — Ernst von Weizsäcker in Nürnberg
Der Vater Richard von Weizsäckers war ab 1938 Staatssekretär im Auswärtigen Amt und wurde im Wilhelmstraßen-Prozess 1949 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren verurteilt, unter anderem wegen der Deportation französischer Juden nach Auschwitz. Was Hartmann weglässt und was seine Pointe von der großbürgerlichen Tradition erst scharf macht: Richard von Weizsäcker saß in demselben Prozess als Hilfsverteidiger seines Vaters. Quelle: DHM/LeMO: Ernst von Weizsäcker
Nicht verifizierbar — Hubertus Heil, „beide Eltern Lehrer"
Die Mutter ist belegt: Studienrätin. Zum Vater findet sich keine Berufsangabe — er verließ die Familie, als Heil sieben war, ging nach Mexiko und starb dort. Wichtiger als der fehlende Beleg ist, was die Zuordnung überdeckt: Heil wuchs bei der alleinerziehenden Mutter auf, die Familie musste aus dem Haus in eine Sozialwohnung ziehen, weil der Vater Schulden hinterließ. Hartmann klassifiziert nach dem Beruf der Eltern — und genau diese Methode ergibt hier „gutbürgerlich”, wo faktisch Prekarität war. Der Eintritt in den Bundestag stimmt der Sache nach: gewählt im September 1998 mit 25, den 26. Geburtstag im November desselben Jahres. Quelle: Wikipedia: Hubertus Heil
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Michael Hartmann: Die Abgehobenen — wie die Eliten die Demokratie gefährden (Campus 2018) — das Buch, in dem Hartmann seine Forschung zusammenfasst; vom Interviewer als Vertiefung empfohlen
- Michael Hartmann: Mehr Kontinuität als Wandel — die deutschen Eliten vom Kaiserreich bis heute — Hartmanns jüngste wissenschaftliche Veröffentlichung, die Langzeitstudie 1871 bis heute, auf die er sich im Gespräch mehrfach bezieht
- Alexander Teske: inside TAGESSCHAU — Zwischen Nachrichten und Meinungsmache (Langen Müller 2025) — das Buch, für das Teske Hartmann erstmals interviewte; Ausgangspunkt der Bekanntschaft. In der Videobeschreibung bietet er es signiert an, zusammen mit dem Schwarzbuch Staatsfunk (Hrsg. Josef Kraus und Walter Krämer, 2026), zu dem er einen Beitrag geliefert hat
- alexander-teske.de — Website des Interviewers
Im Gespräch erwähnt:
- Michael Hartmann / Wissenschaftszentrum Berlin: Befragung der Inhaber der rund 1.000 wichtigsten Machtpositionen (2012), publiziert als Soziale Ungleichheit — kein Thema für die Eliten? (Campus 2013) — Quelle sämtlicher Zahlen zu Herkunft und Steuerhaltung
- Ein „Wirtschaftshistoriker von Harvard” mit einem Buch, „das einfach Kapitalismus heißt”, das brillant zeige, wie erfolgreich der Kapitalismus weltweit ist und welche Rolle der Staat dabei spielte — Hartmann nennt den Namen nicht. Gemeint ist Sven Beckert, Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution → unsere Note dazu · genialokal
Zum Nachprüfen und Gegenlesen (Sherlock):
- Hartmann: „Eliten, Politik und Ungleichheit”, A&W-Blog — Hartmanns eigene Zusammenfassung der WZB-Befragung mit den publizierten Verhältniszahlen (5:2, 9:2, 3:2). Die beste Vergleichsbasis für alles, was er im Interview aus dem Gedächtnis zitiert
- socialnet-Rezension zu Soziale Ungleichheit — kein Thema für die Eliten? — die methodenkritische Gegenstimme: Ausschöpfungsquoten je Sektor, fehlende Signifikanzprüfungen
- Surplus: „Systeme sterben, Eliten bleiben” — rekonstruiert, was bei Hartmann genau „Großbürgertum” heißt, und benennt die Schematik des Schichtungsmodells als Schwäche
- Hemingway 2020: Does Class Shape Legislators’ Approach to Inequality and Economic Policy? — international vergleichender Forschungsüberblick zur Kernthese „Herkunft schlägt Parteiprogramm”
- López et al. 2020: Economic and cultural determinants of elite attitudes toward redistribution — Open Access, komplementäre Evidenz zu Eliteneinstellungen gegenüber Umverteilung
- Auswertung aller 630 Bundestagsbiografien (2025) — Akademikeranteile nach Fraktion
- BVerfG, Urteil vom 25.03.2014 — 1 BvF 1/11 — das ZDF-Staatsvertrags-Urteil im Volltext
Verbindungen
→ Colin Crouch — Postdemokratie nach den Krisen
Crouchs Definition der Postdemokratie — alle Institutionen funktionieren, aber das Leben ist aus ihnen gewichen — beschreibt genau den Zustand, den Hartmann vermisst: Der Wahlmechanismus läuft tadellos, während die Vorentscheidung woanders fällt. Hartmann liefert die Zahlen, die Crouchs „kleine, sich überschneidende Eliten aus Politikern und Wirtschaftsführern” überprüfbar machen, und sein Kabinettsbefund ist das deutsche Muster dazu.
Der Streit liegt in der Zeitachse. Crouch datiert die Entleerung auf den Neoliberalismus ab den achtziger Jahren. Hartmanns Langzeitstudie zeigt für die Wirtschaftselite seit 1871 gar keine Veränderung — dort gab es nie einen goldenen Zustand, von dem man hätte fallen können. Wenn beide recht haben, war die Postdemokratie in einem Sektor immer schon da und hat sich die anderen erst später geholt.
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Linartas zitiert Hartmann bereits, aber die Verbindung trägt weiter als das Zitat. Sie erklärt, was materiell weitergegeben wird — über die Hälfte aller Vermögen aus Erbschaft. Hartmanns Befragung zeigt, dass die Prägung das Geld überlebt: Arbeiterkinder auf Spitzengehältern stimmten mit drei zu zwei für höhere Vermögenssteuern, gegen ihr eigenes Interesse.
Die eigentliche Reibung ist politisch. Linartas’ Grunderbe müsste von genau den Leuten beschlossen werden, unter denen Hartmann in der Wirtschaftselite ein Verhältnis von neun zu zwei dagegen gemessen hat — und unter den Spitzenpolitikern kein einziges Bürgerkind dafür. Er liefert damit die Erklärung, warum ihr Vorschlag empirisch überzeugt und parlamentarisch nicht ankommt.
→ Steffen Mau — Spaltung der Gesellschaft
Die beiden Notes schließen denselben Kreis von entgegengesetzten Enden. Mau zeigt, dass ausgerechnet die Benachteiligten die Leistungsgesellschaft stärker verteidigen als die Begünstigten. Hartmann liefert das obere Ende: Großbürgerkinder halten die bestehende Verteilung für gerecht, weil sie sie als Leistung ihrer Väter und Großväter lesen. Beide Enden glauben dieselbe Erzählung, keines hat Anlass dazu.
Und Hartmann beantwortet Maus offene Frage, warum die Verteilungsfrage keinen Triggerpunkt erzeugt, obwohl eine große Mehrheit die Ungleichheit für zu groß hält: Weil unter denen, die Themen setzen, kein einziges Bürgerkind dafür war.
→ NANO Talk — Eliten zwischen Machtmissbrauch und Verantwortung
Derselbe Mann, elf Wochen früher, im Definitionsstreit gegen Kolja Möller (Elite als Vernetzung) und Anabel Ternès (Elite als Verantwortung). Bei Teske trägt er dieselbe Definition ohne Gegenspieler vor, dafür mit dem Unterbau, den eine Talkrunde nicht zulässt.
Zwischen beiden Auftritten liegt eine leise Korrektur. Bei NANO erklärt Hartmann Machtmissbrauch über familiale Sozialisation — im Notfall regelt der Vater das mit dem Direktor. Die Steuerzahlen bei Teske zeigen dieselbe Prägung als etwas anderes als Verwöhnung: als Weltbild, das auch dann trägt, wenn es dem eigenen Geldbeutel zuwiderläuft. Der eine Auftritt liest Herkunft als Privileg, der andere als Perspektive.
→ Sven Beckert — Kapitalismus als Weltrevolution
Hartmann verweist im Gespräch auf ein brillantes Buch eines Harvard-Wirtschaftshistorikers, dessen Namen er nicht mehr weiß — es ist Beckert. Beide teilen die Trennung zwischen Wunsch und Befund und kommen zu entgegengesetzten Prognosen.
Beckert zieht aus der Geschichte Zuversicht, weil Ordnungen gemacht sind und darum änderbar. Hartmann sagt, wer auf den Zusammenbruch des Kapitalismus warte, werde lange warten, und fügt hinzu, er hätte es gern anders gesehen. Der Historiker argumentiert vom offenen Moment her, der Soziologe von der Zählung her, dass sich an der Spitze in hundertfünfzig Jahren nichts bewegt hat.
→ Topfvollgold — Die Wahrheit über die Öffentlich-Rechtlichen
Dieselbe Institution von innen und von oben. Die Insider bei Topfvollgold beschreiben die Schere im Kopf als Angst vor dem Hass von außen; Hartmann beschreibt dieselbe Konformität als Karrierephysik — der Aufstieg läuft am geschmeidigsten, wenn man sich im Erwartbaren bewegt, ganz ohne Anweisung.
Beide Notes enden mit derselben Bewegung: schärfste Kritiker, die die Institution trotzdem verteidigen. Hartmann formuliert den Grund als übertragbares Prinzip und hält Frankreich unter Bolloré daneben, damit sichtbar wird, was das Alternativangebot wäre.
→ Alexander Thiele — Rechtspopulismus und der demokratische Verfassungsstaat
Thieles These, der Aufstieg der AfD sei dem Verfassungsstaat selbst anzulasten, bekommt bei Hartmann ein zählbares Defizit: eine politische Spitze, die seit der Jahrtausendwende bürgerlich geworden ist und die Facharbeiter und mittleren Angestellten verloren hat, die sie jahrzehntelang stellte.
Ihre Abhilfen ziehen auseinander. Thiele setzt auf Erzählung und Institution und unterstellt damit Entscheider, die sich die Interessen der unteren sechsundneunzig Prozent vorstellen können; Hartmann bestreitet genau diese Voraussetzung und will die Zusammensetzung ändern. Dazu ein Befund, der direkt in Thieles Fach fällt: Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts kam als stellvertretender Unionsfraktionsvorsitzender ans Gericht und war anderthalb Jahre später dessen Präsident — ein Kurzschluss ausgerechnet in der Institution, die Thiele gegen den Populismus in Stellung bringt.
→ Studio Bonn — Extremer Reichtum
Studio Bonn setzt auf die Einsicht der Vermögenden, mit Marlene Engelhorn als Erbin, die ihr Erbe abgibt. Hartmanns Zahl macht diese Hoffnung messbar und dämpft sie: In der Wirtschaftselite stimmten Großbürgerkinder neun zu zwei gegen höhere Steuern auf Vermögen und Erbschaften.
Statistisch ist Engelhorn damit eine sehr dünn besetzte Ausnahme. Hartmanns Konsequenz fällt entsprechend anders aus: Er verlässt sich nicht auf das Gewissen der Erben, sondern auf Eigentumsfragen, Genossenschaften und den Umweg über die Zusammensetzung derer, die entscheiden.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn soziale Herkunft die Parteiprogramme schlägt — was genau wählen wir dann eigentlich, wenn wir wählen?
- Hartmann fordert eine Quote für Arbeiterkinder und räumt gleichzeitig ein, dass die Frauenquote bürgerliche Akademikerinnen begünstigte und Arbeitermänner verdrängte. Was spricht dagegen, dass eine Herkunftsquote genau dasselbe täte — dass also die aufstiegsfähigsten Arbeiterkinder einziehen und die Verhältnisse ansonsten bleiben?
- Wenn Ähnlichkeit umso stärker wirkt, je kleiner der auswählende Kreis ist: Warum diskutieren wir über Quoten und fast nie darüber, wer überhaupt auswählen darf?
- Hartmann sagt, er hätte den Zusammenbruch des Kapitalismus gerne gesehen, hält ihn aber für unwahrscheinlich. Wie viel von unserem eigenen Wissen über die Welt hält dieser Trennung stand — und was bliebe von unseren Überzeugungen übrig, wenn wir sie konsequent von unseren Wünschen abzögen?
- Ist das Argument „schlecht, aber korrigierbar schlägt gut, aber verschlossen” über den Rundfunk hinaus tragfähig — und wo würde es uns Positionen aufzwingen, die wir ungern einnehmen?
- Hartmann klassifiziert Herkunft über den Beruf der Eltern. Bei Hubertus Heil ergibt das „gutbürgerlich” — und übergeht, dass die Familie nach dem Verschwinden des Vaters in eine Sozialwohnung ziehen musste. Wie viele Biografien verschwinden in einer Methode, die nur den Beruf sieht und nicht den Bruch?












