Quelle: Eliten: Zwischen Machtmissbrauch und Verantwortung | NANO Talk (3sat, 28.05.2026)

Wer spricht?

Michael Hartmann — Soziologe und emeritierter Professor an der TU Darmstadt. Gilt als der führende Elitenforscher im deutschsprachigen Raum. Jahrzehntelange empirische Forschung zur Reproduktion von Machteliten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Kernthese: Elite ist immer Macht — nicht Vernetzung, nicht Verantwortung. → DenkerVita

Kolja Möller — Politikwissenschaftler und Demokratietheoretiker an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Forscht zu Populismus und demokratischer Legitimation. Definiert Elite über sektorenübergreifende Vernetzung und gesamtgesellschaftlichen Führungsanspruch. → DenkerVita

Anabel Ternès von Hattburg — Zukunftsforscherin und Psychologin, SRH Berlin. Unternehmerin und Gründerin von we Empower. Vertritt einen normativen Elitebegriff: Elite sollte Fähigkeit und Gemeinwohl verbinden, nicht Macht um der Macht willen. → DenkerVita

Alena Buyx (Moderation) — Medizinethikerin, ehemals Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Führte durch die Diskussion mit eigenem akademischen Hintergrund (selbst Stipendiatin der Studienstiftung). → DenkerVita


Was ist Elite? — Drei konkurrierende Definitionen

▶ 3:49

Das Gespräch beginnt mit einem Definitionsstreit, der sich als grundlegend für alles Folgende erweist. Hartmann bringt die schärfste Messerklinge: „Elite hängt damit zusammen, dass man gesellschaftliche Entwicklung wirklich maßgeblich beeinflussen kann.” Vernetzung sei häufig das Mittel, aber nicht das Wesen. Hohe Bundesverfassungsrichter haben Macht ohne Netzwerk. Macht hingegen ist immer, absolut und zwingend, das Kriterium.

Möller fügt dem eine institutionentheoretische Dimension hinzu: Elite entsteht nicht in einzelnen Sektoren, sondern in der Vernetzung quer durch Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kunst — kombiniert mit dem Bewusstsein, die Gesellschaft als Ganzes führen zu sollen. Dieser gesamtgesellschaftliche Führungsanspruch ist für Möller das eigentlich Gefährliche: nicht die sektorale Spitzenposition, sondern der Griff nach der Gesamtgesellschaft.

Ternès setzt einen normativen Gegenpol: Sie definiert Elite als außergewöhnliche Fähigkeit, die der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird. Buyx diagnostiziert korrekt, dass das eher ihr Wunsch als die Beschreibung der Realität ist — und Ternès räumt das ein. Drei Menschen am Tisch, drei Elitebegriffe: Macht, Vernetzung, Verantwortung. Nur einer davon hat empirische Schlagkraft.

Weitergedacht

Wenn Elite letztlich immer Macht ist — kann ein normativer Elitebegriff überhaupt politisch wirksam werden, oder dient er nur dazu, sich mit dem Phänomen zu versöhnen ohne es zu verändern?


Die Verführung der Macht — Psychologie der Elitenbildung

▶ 6:51

Hartmann erklärt den Mechanismus der Machtkorrumpierung nicht mit persönlichem Charakterversagen, sondern mit familialer Sozialisation. Wer aus einer Familie stammt, in der Macht alltäglich ist — in der der Vater Bürgermeister oder Unternehmer war, in der das Durchsetzen von Ausnahmen für sich selbst gelernt wurde —, der verinnerliche eine Grundüberzeugung: die normalen Regeln gelten für mich nicht ganz. „Das fängt in der Schule an. Man weiß, man kann sich Sachen rausnehmen, weil im Notfall ist da der Vater und der regelt das mit dem Direktor schon.” Dieses Muster setzt sich das gesamte Leben fort.

Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine soziologische Strukturbeobachtung — die mit Hartmanns zentralem Forschungsbefund zusammenhängt: Spitzenpositionen in Deutschland werden nicht nach Leistung, sondern nach Habitus besetzt. Kleidung, Benimmcodes, Allgemeinbildung — erworben im oberen Milieu, nicht durch Bildungsabschlüsse. 80% der Milliardenvermögen in Deutschland stammen aus Erbschaft. Deutschland ist keine Leistungsgesellschaft, sondern eine Erbgesellschaft.

Ternès ergänzt aus psychologischer Perspektive: Der Sog der Elite-Zugehörigkeit speist sich aus Unsicherheitsreduktion. Gerade in Krisenzeiten — wenn Institutionen wanken, Religionszugehörigkeit schwindet — wird die geschlossene Gruppe zur Schutzzone. Die Verführung ist nicht Gier per se, sondern das Versprechen, auch in Zeiten des Chaos einen sicheren Hafen zu haben. Möller fügt hinzu: Dieser Machthunger hat eine eigene Dynamik — er kippt, wenn Rechtfertigungspflichten wegfallen und sich das Gefühl durchsetzt, „ich kann auf alles zugreifen einfach.”

Die Forschungslage zum Zusammenhang von Reichtum und Moral ist weniger eindeutig als populäre Erzählungen vermuten lassen. Die berühmten Studien von Paul Piff — Fahrer teurer Autos nehmen häufiger die Vorfahrt — konnten in späteren, größeren Replikationsstudien nicht bestätigt werden. Gleichzeitig zeigen Bevölkerungsbefragungen: Wohlhabende spenden mehr, engagieren sich öfter ehrenamtlich. Das Konto entscheidet nicht über das Gewissen — wohl aber, wie viel Macht jemandem zugewachsen ist und wie wenig Kontrolle sie erfährt.

Weitergedacht

Wenn Machtkorrumpierung primär durch fehlende Kontrolle entsteht — nicht durch schlechten Charakter — warum bauen wir dann Systeme, die auf guten Intentionen der Mächtigen setzen, statt auf strukturelle Hürden?


Fallstudie I: Epstein — Das Netzwerk aus gemeinsamer Schuld

▶ 27:21

Hartmanns Analyse des Epstein-Netzwerks ist schärfer als die übliche Erzählung: „Der hat sich ein Netzwerk über Jahrzehnte aufgebaut mit vielen mächtigen und einflussreichen Leuten, die ja nicht alle am Missbrauch beteiligt waren, aber die aus anderen Gründen dieses Netzwerk für sie unheimlich interessant fanden. Der wesentliche Grund war Geld.”

Der Missbrauch ist demnach nicht der Ursprung, sondern die Zuspitzung. Epstein baute 20 Jahre lang ein Netzwerk über halblegale und illegale Finanztransaktionen auf — und das schweißte zusammen. Wer gemeinsam Grenzen überschreitet, wird zur Solidargemeinschaft nicht aus Zuneigung, sondern aus gegenseitiger Komplizenschaft. Als der sexuelle Missbrauch hinzukam, intensivierte er diesen Kitt nur: ein Tabubruch, der die Abhängigkeit vertieft.

Das strukturell Bedeutsame: Epstein zeigt kein Randphänomen von Elite, sondern ihr Kernmuster. Elitennetzwerke bestehen immer daraus, dass Leute sich gegenseitig stützen und ihre Machtoptionen verstärken. Der Missbrauch war die Ausnahme — das Prinzip der gegenseitigen Unterstützung durch gemeinsame Regelüberschreitung ist die Regel. Dass die politischen und juristischen Verfahren so schleppend liefen, bestätigt die Wirksamkeit dieses Netzwerks auch nach Bekanntwerden der Verbrechen.


Fallstudie II: Cum-Ex — Demokratieversagen per Finanzialisierung

▶ 29:37

Cum-Ex ist für Hartmann anders als Epstein — und deshalb aufschlussreicher. Es war schlicht illegal. „Du kannst nicht eine Steuer zurückverlangen, die du nie gezahlt hast. Das sagt dir der simple Menschenverstand.” Und doch liefen die Verfahren über Jahre, Teile sind verjährt, der öffentliche Aufschrei blieb aus — obwohl der Schaden allein für Deutschland bei rund 30 Milliarden Euro liegt.

Möller ordnet das strukturell ein: Cum-Ex ist ein Auswuchs der politisch gewollten Finanzialisierung der 1990er und 2000er Jahre. Man entschied sich, über den Finanzsektor keine politische Kontrolle mehr auszuüben — die Aufsicht wurde an zahnlose transnationale Komitees übergeben, Parlamentspflichten abgebaut. „Das war das explizite Projekt.” Dass die Cum-Ex-Akteure gesetzliche Lücken ausnutzten, liegt in dieser Logik: Man wollte nicht genau hinschauen. Die aktuelle Debatte über Finanzialisierung in der Rentenpolitik zeigt für Möller, dass aus dem Skandal wenig gelernt wurde.

Die politische Dimension — Treffen zwischen Warburg-Bank-Chef Christian Olearius und dem damaligen Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz, die anschließend verzögerten Rückforderungen — illustriert Möllers zentralen Punkt: Das Versagen ist kein Unfall, sondern systemisch. Wer Kontrolle willentlich abgibt, darf sich nicht wundern, wenn sie ausgenutzt wird. Die Angeklagten, die sich als Opfer der Justiz inszenieren, komplettieren das Bild einer Elite, für die Verantwortung immer bei anderen liegt.


Tech-Oligarchie — Die neue Elite ohne demokratische Kontrolle

▶ 36:29

Die dritte Fallstudie ist keine abgeschlossene, sondern eine laufende: die Machtkonzentration bei den Eigentümern der großen Digitalkonzerne. Hartmann benennt das Denkmuster von Silicon Valley direkt: „Der Typ vorherrschend, der sagt, ich weiß, wie man diese Gesellschaft in die Zukunft führt. Sieht man ja, wie erfolgreich ich bin. Das können nur weiße Männer.” Bei Thiel und Musk komme durch die Jugenderfahrung ein ordentlicher Schuss Rassismus hinzu.

Was diese Elite von Epstein oder Cum-Ex unterscheidet: Die Illegalität ist diffuser, weil die Regeln noch nicht existieren. Die Infrastruktur — soziale Medien, KI-Modelle, Suchmaschinen — ist global, gehört aber einer Handvoll nicht gewählter Personen. Der politische Einfluss ist direkt: Medienkauf (Washington Post), Parteifinanzierung (Trump), Plattformkontrolle (Twitter/X). Hartmanns Schlussfolgerung ist klar: Antitrust-Verfahren, wie einst bei Standard Oil. Trump hat den Tech-Konzernen genau das versprochen zu verhindern — und es gehalten.

Möller ergänzt die europäische Dimension: Digitale Souveränität, eigene europäische Infrastruktur, harte Durchsetzung bestehender Regularien (DSA, DMA) — all das wäre notwendig. Ternès betont die Notwendigkeit von Sichtbarkeit: Viele Menschen wollen die Machtmechanismen nicht sehen, weil sie den Komfort der kostenlosen Dienste schätzen. Deutschland stehe dabei besonders schlecht da — mit einer Naivität, mit der ChatGPT-Antworten für wahr genommen werden, ohne Rückfrage oder Recherche.


Geschlecht und Elite — Das unsichtbare Ausschlussmuster

▶ 19:44

Ternès wirft einen Aspekt in die Runde, der in der Elitendebatte systematisch unterbelichtet ist: Wenn von Elite gesprochen wird, wird fast immer an den weißen alten Mann in der Vorstandsetage gedacht — Frauen sind nicht mitgedacht. Das ist nicht nur ein Wahrnehmungsproblem, es hat auch empirische Grundlagen. Machtgefühl aktiviere im Gehirn beim Mann und bei der Frau unterschiedliche Schaltkreise. Was Frauen nachgesagt werde — behütend, das große Ganze denkend, verantwortlicher — sei nicht nur Vorurteil.

Der Blick auf Startups bestätigt das für Ternès konkret: Frauen gründen seltener, aber wenn sie es tun, gründen sie verantwortungsvoller — Mitarbeitende besser bezahlen, lange halten, das Unternehmen nicht schnell weiterverkaufen. Menschen mit Migrationshintergrund gründen ähnlich: stärker intrinsisch motiviert von Idee und Problemlösung, weniger von Statusgewinn.

Das ist ein interessantes Gegennarrativ — aber Hartmann ließe sich hier fragen, ob es die Machtfrage wirklich beantwortet oder nur verschiebt. Wenn Frauen in Machtpositionen gelangen, ist das Ergebnis wirklich ein anderes? Die historische Evidenz ist gemischt. Was strukturell fehlt, ist eine Antwort auf die Frage: Verändert breitere Elitenrekrutierung die Machtlogik — oder reproduziert sie diese unter neuem Personal?


Studienstiftung — Kann Förderung gegen Macht immunisieren?

▶ 49:32

Der konkreteste Reformversuch, der im Gespräch analysiert wird, ist die Studienstiftung des Deutschen Volkes — Deutschlands akademische Elite-Kaderschmiede mit aktuell rund 14.000 Geförderten. Buyx, Möller und Ternès sind selbst Alumni. Hartmann blickt von außen — und ernüchtert die Runde.

Vor 20 Jahren lag der Anteil der Akademikerkinder unter den Geförderten bei 75%. Das Verfahren wurde reformiert, der Anteil sank auf 70% — und liegt jetzt wieder bei 73%. „So effektiv scheint dies Verfahren langfristig dann doch nicht zu sein, weil es andere Mechanismen gibt, die dagegen arbeiten.” Und noch entscheidender: Für die eigentlichen Machteliten in Wirtschaft und Politik spielt die Studienstiftung „eine völlig untergeordnete Rolle”. In der Wissenschaft ist das Netzwerk karrierewirksam — aber in den Machtzentren findet man kaum Studienstiftler.

Die Frage, ob die Studienstiftung gegen das Kippen in Machtmissbrauch immunisiert, beantwortet Möller vorsichtig skeptisch: Vielleicht schützt die Sozialisierung in Verantwortungswerten — aber die Fiskusressourcen in Form von Geld und Macht können das überwältigen. Hartmanns Diagnose ist schlichter: Die Studienstiftung wirkt dort, wo sie wirkt. Aber dort, wo Macht tatsächlich sitzt, ist sie nahezu irrelevant.

Weitergedacht

Wenn Förderung die Machteliten nicht erreicht — wäre der ehrlichere Schluss, dass Bildungsgerechtigkeit und Machtkontrolle grundlegend verschiedene Probleme sind, die verschiedene Instrumente brauchen?


Gegenmodelle — Narrative, Kontrolle oder Begriff-Abschaffung?

▶ 52:34

Im abschließenden Teil divergieren die drei Positionen deutlich. Möller schlägt vor, den Elitenbegriff selbst hinter sich zu lassen: vielleicht einfach über „gute Leute, die gute Sachen machen” in unterschiedlichen Bereichen sprechen. Er korrigiert sich aber sofort — die Kritik am Elitenbegriff muss bleiben, solange die Realität der Machtkonzentration besteht. Eine Begriffsabschaffung löst keine strukturellen Probleme.

Ternès setzt auf positive Narrative und Gegenentwürfe: den Patagonia-Gründer Yvon Chouinard, Blinklist-Gründer Holger Seim als deutsches Beispiel — Menschen, die Verantwortung weitergeben, fördern statt akkumulieren. Bildungseliten, Sporteliten, Unternehmerpersönlichkeiten sichtbar machen, die ein anderes Modell vorleben. Nicht bekämpfen, sondern zeigen: So geht es auch.

Hartmann bleibt skeptisch. Am Beispiel FIFA: Blatter und Infantino haben den Fußball transformiert — nicht die guten Spieler, die niemanden interessieren. Gute Beispiele mögen ein bisschen helfen, sind aber nicht entscheidend. Was entscheidend ist: Kontrolle. Öffentliche Kontrolle, Transparenzpflichten, Antitrust-Eingriffe. Ohne strukturelle Beschränkungen der Machtakkumulation ändern narrative Gegenentwürfe nichts an der Verteilung der Macht.

Das ist der Kern-Widerspruch, der ungelöst bleibt: Möller und Ternès haben eine Antwort für die Frage nach dem Bild einer Gesellschaft — Hartmann hat eine Antwort für die Frage nach der Realität der Macht. Beide Antworten sind richtig. Aber ohne die zweite ist die erste Selbsttäuschung.


Faktencheck

Vereinfacht — Cum-Ex-Schaden „~30 Milliarden"

Hartmanns Zahl ist vertretbar, aber eine Unterkante. Für Cum-Ex allein schätzt Finanzwissenschaftler Christoph Spengel den deutschen Schaden auf rund 31,8 Milliarden Euro (2001–2017). Wird Cum-Cum einbezogen, liegt das Gesamtbild bei rund 40 Milliarden Euro. „30 Milliarden” ist gerundet korrekt, keine strategische Falschdarstellung — aber es verschleiert das Ausmaß. Quelle: CumEx-Files 2.0 — correctiv.org · ZDF — Cum-Ex-Skandal: Versagt der Staat?

Vereinfacht — Paul Piff Studie (2012): teure Autos nehmen Vorfahrt

Die Originalstudie (PNAS 2012) existiert und der Befund ist real: Fahrer teurer Autos verweigerten Fußgängern häufiger die Vorfahrt. Die Aussage der Sendung, der Effekt sei in späteren Studien „nicht mehr nachweisbar”, ist nicht das ganze Bild — die Replikationslage ist gemischt: Coughenour et al. (2020) bestätigten den Effekt; eine präregistrierte Replikation (Jung et al., 2023) fand keinen signifikanten Zusammenhang. Kein Totalversagen der Replikation, aber auch keine gesicherte Bestätigung. Quelle: PubMed — Piff et al. 2012 · ScienceDirect — Coughenour Replikation 2020

Nicht vollständig verifizierbar — Studienstiftung: ~73% Akademikerkinder

Die Richtung stimmt: Aktuell (2024) kommen laut Studienstiftung 26,5% der Neuaufgenommenen aus Erstakademiker-Familien — was ~73% Akademikerkinder impliziert. Die genaue Abfolge „75% vor Reform → 73% heute” lässt sich mit öffentlichen Quellen nicht exakt belegen; Zahlen vor 2016 lagen bei ~79%. Plausibel, aber eine unabhängige Bestätigung fehlt. Quelle: Studienstiftung — Vielfalt in der Begabtenförderung 2024 · Tagesspiegel — Studienstiftung fördert mehr Erstakademiker

Vereinfacht — Epstein 2008: 13 Monate Haft

Korrekt in der Verbüßungsdauer (~13 Monate), aber irreführend ohne Kontext: Epstein wurde zu 18 Monaten verurteilt, verbüßte die Zeit aber unter einem massiv kritisierten Work-Release-Programm — er durfte täglich bis zu 12 Stunden in seinem Privatbüro arbeiten. Das DOJ bezeichnete später das Vorgehen der Staatsanwaltschaft als „poor judgment”. Der eigentliche juristische Endpunkt war die Anklage 2019; Epstein starb vor dem Urteil. Quelle: NPR — Epstein’s Prosecutors Used ‘Poor Judgment’ In 2008 Deal

Vereinfacht — Frankreich: 10 Milliardäre / 90% Printmedien

Der Kern ist richtig: massive Medienkonzentration durch wenige Milliardäre in Frankreich. Hartmanns Zahlen sind leicht übertrieben. Nach RSF-Daten kontrollieren rund zehn Milliardäre 80% der nationalen Tageszeitungen sowie TV- und Radiosender. Ein älterer Befund (2019) nennt „20 Pressetitel mit 80% der Auflage nationaler Tageszeitungen”. Hartmanns „90% der überregionalen Printmedien” liegt über diesen Quellen; die Grundtendenz ist korrekt, die Präzisierung leicht übertrieben. Quelle: RSF — Who owns the media in France? · IPI — France: media freedom threats


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung: keine externen Quellen angegeben.

Im Gespräch erwähnte Werke und Fälle:

Weiterführende Recherche (Sherlock):


Verbindungen

Jok Madut Jok — Elitenpakt ist kein Frieden

Hartmanns „Elite ist immer Macht, nicht Verantwortung” wird bei Jok zur Staatskatastrophe: Der Elitenpakt des Südsudan ist Macht, die sich selbst befriedet, ohne je Verantwortung für die Beherrschten zu übernehmen.

Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel)

Nosthoff liefert das epistemische Fundament für Hartmanns politische Beschreibung: Kybernetisches Denken erzeugt das Überzeugungssystem, das Silicon-Valley-Oligarchen das Gefühl gibt, Gesellschaft besser steuern zu können als demokratische Institutionen. Hartmann beschreibt die Machtstruktur; Nosthoff erklärt das Selbstbild, das sie legitimiert.

Studio Bonn — Extremer Reichtum

Engste Schwesteranalyse im Vault: Studio Bonn seziert extreme Vermögenskonzentration aus der Innenperspektive einer Erbin (Marlene Engelhorn) — 80% Erbschaftsanteil an Milliardenvermögen, dynastische Demokratiegefährdung. Was Hartmann empirisch-soziologisch diagnostiziert (Erbgesellschaft, nicht Leistungsgesellschaft), belegt Studio Bonn im konkreten Fall.

Doerre - Klassen Kapitalismus und Demokratie

Dörre beschreibt denselben Widerspruch aus klassensoziologischer Perspektive: formale Demokratie und faktische Machtkonzentration schließen sich zunehmend aus. Hartmanns Elitenbegriff (Macht, nicht Vernetzung oder Verdienst) und Dörres Kapitalismuskritik treffen sich in der Diagnose: Liberale Demokratien produzieren strukturell die Bedingungen ihres eigenen Unterlaufens.

Grenzgaenger Studios — Wie Peter Thiel den Westen umbauen will

Thiels Biografie ist der konkrete Fall zu Hartmanns abstrakter These über Tech-Oligarchie: Antitrust verhindern, Medien kaufen, politische Kontrolle über Infrastruktur. Grenzgänger Studios erzählt die Geschichte; Hartmann liefert den analytischen Rahmen, warum das strukturell zu erwarten war.

Evan Osnos — Megayachten und die Seele der Ultrareichen

Osnos analysiert die Psychologie der Ultrareichen — wie die principal-Struktur Unterwürfigkeit im Umfeld erzeugt und Verantwortungslosigkeit als Normalzustand konserviert. Hartmanns familiale Sozialisationsthese (Regeln gelten für mich nicht) findet bei Osnos das psychologische Pendant: nicht böse Charakter, sondern Systemlogik des Extremreichtums.

Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN

Hartmann beschreibt die Oberseite der Ungleichheit (wer Macht hat und warum); Butterwegge die Unterseite (wer ausgeschlossen wird und wie). Beide verweisen auf dieselbe Diagnose: soziale Mobilität in Deutschland ist eine Fiktion. Die Schere ist politisch produziert — Butterwegge durch Armutsforschung, Hartmann durch Elitesoziologie.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Hartmann sagt: Elite ist immer Macht. Aber wenn das stimmt — kann man dann überhaupt eine „gute Elite” wollen, oder ist das ein Widerspruch in sich?
  • Der Cum-Ex-Skandal zeigt, dass Gesetze gebeugt wurden, die die Eliten selbst gemacht haben. Wer kontrolliert die Kontrolleure?
  • Ternès und Hartmann sind beide im Recht: gute Narrative braucht es UND strukturelle Kontrolle. Aber wenn man nur eines wählen könnte — was verändert die Machtverteilung wirklich?
  • Die Studienstiftung hat nach Jahrzehnten Reformen den Akademikeranteil von 75% auf 73% gesenkt. Ist das ein Versagen — oder zeigt es, dass Meritokratie ohne strukturelle Gleichheit der Ausgangsbedingungen eine Fiktion bleibt?
  • Möller schlägt vor, nicht mehr von Elite zu reden, sondern von „guten Leuten”. Verliert man damit nicht genau das kritische Werkzeug, das man braucht um Machtkonzentration zu benennen?