Worum es geht
Wenn kein Logos mehr über den Sprachen thront, bleibt nur die Bewegung zwischen ihnen — das ist Diagnes Antwort auf die älteste Kränkung der Philosophie. Der senegalesische Philosoph nimmt sich in dieser Cornell-Vorlesung den unbequemsten Gegner vor, den man wählen kann: Emmanuel Levinas, den Ethiker der Andersheit, der zugleich glaubte, nur der Westen könne andere Kulturen verstehen. Gegen dieses vertikale Universale setzt Diagne Merleau-Pontys laterales Universales — kein Standpunkt über den Kulturen, sondern das unabschließbare Sich-Prüfen von Sprache zu Sprache. Sein Name dafür: Übersetzung. Eine Vorlesung, die von Descartes über den Koran bis zur Menschenrechtserklärung auf Wolof reicht — und in einer pädagogischen Utopie endet.
Anlass — der 5. Juli, der stille Dekolonisierungstag
Der 5. Juli hat keinen Namen im UN-Kalender, aber ein Gedächtnis: Am 5. Juli 1830 nahmen französische Truppen Algier ein; am 5. Juli 1962 erklärte Algerien seine Unabhängigkeit — der Tag der Eroberung, umgedreht zum Tag der Befreiung. Derselbe Tag trägt die Unabhängigkeit Venezuelas (1811) und Kap Verdes (1975). Diagne, aufgewachsen im frankophonen Senegal, denkt die Frage, die nach jeder dieser Befreiungen offen blieb: Was macht ein freies Volk mit der Sprache dessen, der es beherrschte — und mit dem Universalismus, in dessen Namen es kolonisiert wurde?
Quelle: Souleymane Bachir Diagne: “The Philosopher as Translator” — School of Criticism and Theory, Cornell (Vorlesung, Juli 2015)
Wer spricht?
Souleymane Bachir Diagne (*1955 in Saint-Louis, Senegal) ist einer der bedeutendsten Philosophen des frankophonen Afrikas — Professor für Französisch und Philosophie an der Columbia University. Ausgebildet an der École normale supérieure in Paris bei Althusser und Derrida, begann er als Logiker und Mathematikhistoriker (George Boole) und wurde zum Denker, der drei Welten verbindet: die europäische, die islamische und die afrikanische Tradition. Sein Leitmotiv ist die Übersetzung — nicht als Technik, sondern als ethische Geste der Gastfreundschaft zwischen den Sprachen.
Inhalt
Levinas und die Vertikale — der unbequemste Gegner
▶ 3:17 — Diagne beginnt bei Emmanuel Levinas, und die Wahl ist eine Provokation mit Ansage: ausgerechnet der Philosoph, dessen ganze Ethik auf dem nackten, verletzlichen Antlitz des Anderen ruht. Denn derselbe Levinas schreibt in Humanismus des anderen Menschen, ein Urteil über Kulturen sei nur von einer Bedeutung aus möglich, die über den Kulturen steht — und auf die Frage, wo dieser überragende Standpunkt real existiere, antwortet er: in der westlichen Zivilisation. Der „geschmähte Westen”, so Levinas, habe als einziger verstanden, „Kulturen zu verstehen, die sich selbst nie verstanden haben.”
▶ 4:50 — Diagne öffnet eine trockene Klammer: Geschmäht — von wem, und wofür? Von den ehemals Kolonisierten, natürlich. Und die schmähen nicht die westliche Zivilisation als solche, sondern das andere Gesicht, das der Westen ihnen zeigte. Er zitiert Gandhis berühmte Antwort auf die Frage, was er von der westlichen Zivilisation halte: „Ich denke, das wäre eine gute Idee.” (Faktencheck: Das Bonmot gilt als apokryph — es ist erst ab 1967, lange nach Gandhis Tod, belegt; Diagne nutzt es als geflügeltes Wort, nicht als Quelle.)
▶ 10:54 — Der Befund wiegt schwer, weil er kein Ausrutscher ist: Husserl erklärte 1935 in Wien, die übrige Welt müsse sich europäisieren, während Europa nie einen Grund haben werde, sich zu indianisieren. Levinas denkt die Dekolonisierung als Verlust: Wenn alle „kulturellen Persönlichkeiten” gleichberechtigt den Geist verwirklichen, entsteht für ihn eine „Sarabande unzähliger gleichwertiger Kulturen” — eine Welt, die er in einem Wortspiel ent-okzidentiert und damit des-orientiert nennt. Verlust der Vertikalen heißt für ihn: Verlust des Universalen schlechthin.
Eigene Einschätzung
Wie Diagne mit Levinas umgeht, ist selbst schon die Methode, die er predigt. Er denunziert ihn nicht — er übersetzt ihn: würdigt die Ethik des Antlitzes als „wunderschön”, lokalisiert den blinden Fleck präzise (Levinas kann den Anderen im Singular denken, aber nicht die Anderen im Plural) und verwirft am Ende nur das Urteil, nicht den Denker. Upekkhā als Lektürepraxis — man kann an dieser Vorlesung lernen, wie man einen Autor kritisiert, den man liebt.
Merleau-Ponty: das laterale Universale
▶ 23:14 — Was Levinas als Herabsetzung meinte — Kulturen zu durchdringen „wie man von der Muttersprache aus eine andere Sprache lernt” — ist für Maurice Merleau-Ponty exakt die Lösung. Diagne zitiert die Schlüsselstelle von 1960 ausführlich: Es gebe einen zweiten Weg zum Universalen —
„nicht mehr das überwölbende Universale einer streng objektiven Methode, sondern gleichsam ein laterales Universales, das wir durch die ethnologische Erfahrung erwerben — das unablässige Prüfen des Selbst durch den Anderen und des Anderen durch das Selbst.”
▶ 26:19 — Zwei Präzisierungen, an denen Diagne alles liegt: Erstens ist das kein naiver Humanismus der Verständigung — das Unübersetzbare, die unvermeidlichen Missverständnisse, die „falschen Bilder, die jeder vom anderen hat”, gehören zum Prüfvorgang dazu. Zweitens hat das laterale Universale kein Endspiel: keine Universalgrammatik am Horizont, keine finale Reduktion der Vielfalt auf das Eine. Es ist Bewegung, nicht Besitz. Und Diagnes eigener Beitrag, auf den sich inzwischen auch Barbara Cassin beruft, ist die Identifikation: Das laterale Universale hat einen Namen, und er lautet Übersetzung.
Der Streit unter Freunden: Universalismus, Relativismus — und die Mitte
▶ 13:58 — Diagne verortet sich dann in einem doppelten Abgrenzungsmanöver, das den französischen Theorienstreit seiner Zeit kartiert. Auf der einen Seite die Postkolonialismus-Kritiker wie Jean-Loup Amselle (L’Occident décroché — „der abgehängte Westen”), die im apokalyptischen Ton den Zerfall der Welt in unübersetzbare Provinzen beschwören. Diagne antwortet überraschend versöhnlich: Er stimme Amselle mehr zu, als der wisse — auch er wolle keine Welt der Fragmente. Nur heiße eine universale „Zirkulation der Aussagen” ohne Universalgrammatik eben genau: Übersetzung. ▶ 20:10 — Bemerkenswert seine historische Selbstkorrektur mit Amselle und Spivak: Der strategische Essentialismus — die bewusste Selbst-Verfestigung der Kolonisierten als Waffe — sei in der Dekolonisierungsphase legitim gewesen; in einer Welt der Fundamentalismen sei die Behauptung radikaler Andersheit „zum Ferment aller Fundamentalismen” geworden.
▶ 16:17 — Wie berechtigt der antikoloniale Verdacht gegen den Universalismus war, zeigt er an zwei Szenen: Aimé Césaires Austrittsbrief an den KPF-Chef Maurice Thorez (1956, nach der Niederschlagung des Budapester Aufstands), in dem Césaire den „brüderlichen Kommunismus” nicht besser fand als den „kolonialen Paternalismus” — beide versprachen den Kolonisierten die Befreiung durch andere. Und Sartres Vorwort zur Négritude-Anthologie Senghors, das der Bewegung im Moment des Lobes die Handlungsmacht wieder entzog: Die Négritude sei dazu bestimmt zu verschwinden, sobald die universale Klasse — das Proletariat — die Dinge in die Hand nehme.
▶ 21:43 — Auf der anderen Seite seine engste Gesprächspartnerin: Barbara Cassin, Herausgeberin des Wörterbuchs der Unübersetzbarkeiten, an dem Diagne selbst mitarbeitete. Die Differenz benennt er mit seltener Klarheit:
„Sie glaubt an das Unübersetzbare, an einen konsistenten Relativismus. Ich bin — als Schüler von Ricœur — fundamental Universalist: Ich will, dass so etwas wie das Universale geschieht. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden.”
Sein Bezugspunkt ist Immanuel Wallersteins „wahrhaft universaler Universalismus” nach dem Ende des europäischen Universalismus: „unsere Partikularien universalisieren und unsere Universalien partikularisieren, in einem offenen Prozess.”
Sprache denkt mit: Condillac gegen Malebranche
▶ 27:51 — Warum Philosophen übersetzen müssen, zeigt Diagne an einem Lehrstück aus dem 18. Jahrhundert. Der Anthropologe Edward Sapir warnte: Wer das Rätsel des Universums lösen will, werde leicht „der Betrogene seiner Sprachformen” — unschuldige grammatische Kategorien nehmen „die furchteinflößende Gestalt kosmischer Absolutheiten an.” Genau das wirft Condillac dem Cartesianer Malebranche vor: Dessen Theologie hängt am französischen Bild der geraden Linie — alle Neigungen, die wir von Gott empfangen, seien „gerade” (droit), Sünde sei Ablenkung ins Krumme. Condillacs trockene Frage: Was hätte Malebranche getan, wenn seine Sprache diese Metapher nicht hergäbe?
▶ 35:29 — Daraus destilliert Diagne seine Maxime: Denke in Gegenwart der Vielheit der Sprachen. Philosophieren heißt, eine Sprache unter Sprachen zu sprechen — und jedes Argument sollte die „Prüfung durch das Fremde” (Antoine Berman) bestehen: die Übertragung in eine andere Sprache, und sei sie nur virtuell. Die Beispiele haben es in sich: In Zero-Kopula-Sprachen, die kein absolutes „sein” kennen, funktioniert „Ich denke, also bin ich” nicht selbstverständlich — der ruandische Philosoph Alexis Kagame erklärte das Cogito für unübersetzbar ins Kinyarwanda. Diagne wendet das nicht relativistisch, sondern kritisch: Die Unübersetzbarkeit hätte die Frage öffnen können, ob der Sprung vom Ich denke zum Ich bin überhaupt so unmittelbar ist, wie Descartes glaubte — genau der Einwand, den die Philosophie später selbst erhob. Und Nietzsche hatte den Mechanismus längst benannt: Die „wunderliche Familien-Ähnlichkeit alles indischen, griechischen, germanischen Philosophierens” erkläre sich aus der Verwandtschaft der Grammatiken — Philosophen in Sprachen mit schwach entwickeltem Subjektbegriff würden „anders in die Welt blicken.”
Weitergedacht
Wenn Nietzsche und Sapir recht haben und die Grammatik die heimliche Metaphysik ist — was hat dann das Deutsche mit unserem Denken gemacht? Welche „kosmischen Absolutheiten” verdanken wir allein der Möglichkeit, aus jedem Verb ein Substantiv zu machen: das Sein, das Werden, das Nichts?
Zwei Wege aus Babel
▶ 45:27 — Ist das nun dasselbe wie logische Sprachanalyse? Diagnes dritte Unterscheidung ist die eleganteste. Auf Babel gibt es zwei Antworten. Die eine ist die von Leibniz: hinter die Oberflächengrammatiken zurückgehen, die philosophische Grammatik des Denkens freilegen, die Universalsprache als Kalkül — jeder Streit würde durch Rechnen entschieden. Boole und Frege erbten dieses Programm; Walter Benjamins reine Sprache ist seine mystische Schwester. Es ist der Weg zurück vor Babel, zur adamischen Sprache.
▶ 47:45 — Der andere Weg — Diagnes Weg, mit Cassins Wort das Philosophieren in Zungen — richtet sich in der nachbabylonischen Lage ein: Vor den Begriffen sind unsere Begriffe Wörter, Wörter in Sprachen. Es gibt keinen Logos, der abgetrennt in vertikaler Universalität steht — es gibt nur die empirischen Sprachen mit ihren je eigenen „Grammatik-Philosophien” und die Arbeit der Übertragung zwischen ihnen. Dass ausgerechnet der Logiker Diagne, der über Boole promovierte, diesen zweiten Weg wählt, gibt der Entscheidung ihr Gewicht: Er kennt den ersten von innen.
Der Koran des Pluralismus
▶ 62:56 — In der Fragerunde öffnet Diagne die theologische Kammer seines Denkens. Er zitiert die Koranverse, die er selbst immer wieder betont: Gott habe die Menschen zu verschiedenen Völkern gemacht, „damit ihr einander kennenlernt” — und: „Hätten wir gewollt, hätten wir euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht.” Er hat es nicht gewollt. Verschiedenheit der Farben, Sprachen, sogar der Religionen ist demnach in der Ordnung der Dinge — den Menschen bleibt, „im Guten zu wetteifern”, und erst Gott selbst wird über die Differenzen aufklären. Diagnes Schluss daraus ist seine Standortbestimmung in einem Satz:
„Pluralismus ist eine Art Mitte zwischen abstraktem Universalismus und Relativismus — und wie alle Zwischenpositionen ist sie eine schwierige.” ▶ 66:00
Übersetzen als Trauerarbeit, die gelingt
▶ 67:32 — Die Fragerunde trägt die schönsten Konkretionen nach. Mit Paul Ricœur nennt Diagne die Übersetzung eine Trauerarbeit — man beginnt mit dem Wissen, dass es nicht geht, und am Ende „ist die Übersetzung diese unmögliche Aufgabe, die am Ende immer gelingt.” Wie folgenreich jede Entscheidung darin ist, zeigt sein Wolof-Beispiel: Für „Recht” in der Menschenrechtserklärung stehen zwei Wörter bereit — das alte Wolof-Wort für das, was man einfordern kann, oder das arabische Lehnwort haqq, das zugleich „wahr” bedeutet und alle religiösen Konnotationen mitbringt. Zwei Übersetzungen, zwei verschiedene Erklärungen der Menschenrechte. Übersetzung sei transformativ, mit Benjamin: sie verändert beide Sprachen. ▶ 87:07 — Und sie ist nie unschuldig: Der koloniale Dolmetscher, der turdschuman, sollte reines Sprachrohr des Herrn sein — „was nie geschieht: sie nehmen sich immer irgendeine Handlungsmacht.”
▶ 110:33 — Zuletzt kehrt er zu Levinas zurück und benennt den blinden Fleck mit chirurgischer Ruhe — samt der Stelle, an der Levinas Menschen, die „in Südafrika auf Beerdigungen tanzen”, herablassend zu „Tänzerkulturen” erklärt: „Das Antlitz, das Mandelas Kultur dem Abenteuer des Menschseins gegeben hat, ist nichts, worüber man so leichtfertig sprechen sollte.” Die Ethik des Anderen im Singular bleibt groß; für die Anderen im Plural aber braucht es das, was Levinas nicht hatte — Gegenseitigkeit: „Die laterale Universalität ist für mich nur dann Universalität, wenn Reziprozität und Gleichwertigkeit im Spiel sind.”
Die Sprache aller Sprachen
▶ 50:04 — Das Schlusswort gehört einem Zitat, das diese Note mit ihrer Schwester-Note verbindet: „Die Sprache aller Sprachen”, erklärt Diagne mit dem kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o, „ist die Übersetzung” — nicht ein Logos, der sich mit Griechisch, Deutsch oder Englisch identifiziert. Und dann die pädagogische Utopie: Über Platons Akademie stand „Kein der Geometrie Unkundiger trete ein.” Über der Akademie des 21. Jahrhunderts könnte stehen:
„Niemand trete hier ein, der keiner radikal anderen Sprache als der eigenen kundig ist.”
Denn, mit Goethe: Wer nur die eigene Sprache kennt, kennt auch sie nicht.
Eigene Einschätzung
Diagnes Größe liegt in dem, was er nicht tut: Er rächt sich nicht. Ein Philosoph aus dem kolonisierten Senegal, der bei Husserl und Levinas den unverhohlenen Eurozentrismus findet, hätte allen Grund zum Tribunal — stattdessen rettet er das Universale vor denen, die es monopolisiert hatten, und vor denen, die es deshalb ganz verwerfen wollen. Das ist die anspruchsvollste Position auf dem Feld, weil sie von beiden Seiten Prügel bezieht: den Relativisten gilt er als naiv, den alten Universalisten als Aufweichler. Seine Mitte ist aber keine Verlegenheit, sondern ein Programm mit Kriterium — Reziprozität. Ein Universales, das nicht in beide Richtungen übersetzt wird, ist keines. Daran lässt sich jede „westliche Werte”-Rhetorik ebenso prüfen wie jeder Kulturrelativismus, der Unrecht mit Andersheit entschuldigt.
Faktencheck
Bestätigt — Husserls Wiener Vortrag (1935)
Im Wiener Vortrag „Die Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie” (7./10. Mai 1935) heißt es, in der geistigen Not der Gegenwart würden sich alle anderen Menschheitsgruppen europäisieren, „wir aber, wenn wir uns recht verstehen, werden uns z.B. nie indianisieren”. Quelle: Husserl, Krisis-Vortrag, Volltext (Bibliotheca Augustana)
Bestätigt — Césaires Brief an Maurice Thorez (1956)
Aimé Césaire trat im Oktober 1956 mit dem offenen Brief an KPF-Generalsekretär Thorez aus der Partei aus — im Kontext von Chruschtschows Geheimrede und der sowjetischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands; darin die Absage an einen „brüderlichen” Universalismus, der die Emanzipation der Kolonisierten stellvertretend erledigen will. Quelle: Aimé Césaire, Letter to Maurice Thorez (1956), Übersetzung Chike Jeffers in Social Text (Im Transkript ist von „Tschechoslowakei” die Rede — Versprecher bzw. Transkriptionsfehler; gemeint ist Ungarn/Budapest 1956, hier korrigiert.)
Bestätigt — Merleau-Ponty, „laterales Universales"
Die zitierte Passage steht im Essay „Von Mauss zu Claude Lévi-Strauss” (1960, in Signes/dt. Zeichen): „ein gleichsam laterales Universales, dessen Erwerb uns die ethnologische Erfahrung ermöglicht”. Quelle: Merleau-Ponty, Signs (engl. Ausgabe, Northwestern UP 1964), „From Mauss to Claude Lévi-Strauss”
Bestätigt — Kagame und das Cogito in Kinyarwanda
Der ruandische Philosoph Alexis Kagame argumentierte in seinen Arbeiten zur Bantu-Philosophie, dass das absolute „sein” des Cogito in Bantusprachen wie Kinyarwanda keine Entsprechung hat (Kopula-Struktur); die Beobachtung ist in der afrikanischen Sprachphilosophie breit rezipiert. Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Akan Philosophy of the Person / African Sage Philosophy (Diskussion der Sprachrelativität des Cogito)
(Der Vortrag ist im Übrigen Begriffs- und Interpretationsarbeit — Deutungen von Levinas, Sartre, Nietzsche und dem Koran werden als Diagnes Lesarten wiedergegeben, nicht als Tatsachenbehauptungen geprüft.)
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Profil an der Columbia University — akademischer Werdegang (ENS, Sorbonne, Dakar, Northwestern, Columbia)
Im Vortrag zentrale Werke:
- Emmanuel Levinas: Humanismus des anderen Menschen (1972) — die Zielscheibe: das Kapitel „Bedeutung und Sinn”
- Maurice Merleau-Ponty: Zeichen (1960) — darin „Von Mauss zu Claude Lévi-Strauss” mit dem lateralen Universalen
- Barbara Cassin (Hg.): Vocabulaire européen des philosophies / Dictionary of Untranslatables — das Wörterbuch der Unübersetzbarkeiten, an dem Diagne mitarbeitete
- Immanuel Wallerstein: European Universalism: The Rhetoric of Power (2006) — der „wahrhaft universale Universalismus”
- Jean-Loup Amselle: L’Occident décroché (2008) — die Gegenposition zur Postkolonialität
- Aimé Césaire: Brief an Maurice Thorez (1956)
- Paul Ricœur: Sur la traduction (2004) — Übersetzung als Trauerarbeit
- Souleymane Bachir Diagne: De langue à langue. L’hospitalité de la traduction (2022) — das spätere Buch, in dem diese Vorlesung mündete
Verbindungen
→ Ngugi wa Thiongo — Decolonizing the American University
Das Schwester-Stück dieser Note, am selben Tag verarbeitet — und Diagne zitiert Ngũgĩ wörtlich: die Sprache aller Sprachen ist die Übersetzung. Die beiden Vorträge greifen ineinander wie Diagnose und Therapie: Ngũgĩ zeigt, wie die Hierarchie der Sprachen als Herrschaftsinstrument gebaut wurde (Caliban, Kilkenny, Carlisle); Diagne baut die Alternative — ein Universales ohne Thron, das nur in der Bewegung zwischen den Sprachen existiert. Wo Ngũgĩ das „große Zelt” fordert, in dem Sprachen via Übersetzung gleichberechtigt sprechen, liefert Diagne dessen philosophische Statik: Reziprozität als Kriterium.
→ Abdolkarim Soroush — Reformation des Glaubens von innen
Soroush ist Diagnes islamisches Spiegelbild: Sein religiöser Pluralismus und die Historizität des religiösen Wissens korrespondieren mit Diagnes „Koran des Pluralismus” (Verschiedenheit, „damit ihr einander kennenlernt”). Beide retten das Universale von innen gegen den Absolutismus — der eine theologisch, der andere übersetzungsphilosophisch.
→ Zhao Tingyang — Verbales Denken und Neo-Aufklaerung
Beide machen Grammatik zur heimlichen Metaphysik: Zhaos Diagnose, unser Denken sei „in der Substantivform eingefroren”, trifft Diagnes Nietzsche-/Sapir-Argument, dass Sprachen mit schwachem Subjektbegriff „anders in die Welt blicken” (das Cogito, unübersetzbar ins Kinyarwanda). Wo Zhao die Verb-Bewegung sucht, sucht Diagne die Übersetzungs-Bewegung — dasselbe Misstrauen gegen die erstarrte Kategorie.
→ Markus Gabriel — Universelle Moral
Gabriels moralischer Universalismus „von unten” ist die ethische Parallele zu Diagnes lateralem Universalem — ein Universales ohne Thron. Zugleich der produktive Widerspruch: Gabriel behauptet objektiv erkennbare moralische Tatsachen, Diagne verlegt das Universale ganz in die unabschließbare Bewegung der Übersetzung — Realismus gegen Prozess.
→ scobel — Lyotard das Ende der Wahrheit
Lyotards Inkommensurabilität der Sprachspiele und das Ende der Metaerzählung sind genau die Klippe, an der Diagne nicht zerschellen will: Er teilt die Absage an den überwölbenden Logos, weigert sich aber, daraus den Zerfall in unübersetzbare Provinzen zu folgern (sein Streit mit Cassin und Amselle). Der schärfste Kontrastpartner der Note — gleiche Diagnose, entgegengesetzte Konsequenz.
→ Silvia Rivera Cusicanqui — Dekolonisierung und lo Chixi
Ch’ixi — Dialektik ohne Synthese, das Gefleckte, das sich nie zum Grau auflöst — ist strukturell Diagnes laterales Universales: eine Bewegung ohne Endspiel, ohne finale Reduktion der Vielheit auf das Eine. Beide dekolonisieren, indem sie die Versöhnung verweigern, die die Differenz einebnen würde.
→ Walther Ziegler — Wittgenstein in 60 Minuten
Diagnes Maxime „Denke in Gegenwart der Vielheit der Sprachen” und die „Prüfung durch das Fremde” (Berman) stehen auf Wittgensteins Fundament — Sprachspiele, Bedeutung als Gebrauch, „die Grenzen meiner Sprache”. Wittgenstein liefert das begriffliche Werkzeug, mit dem Diagnes Zero-Kopula-Beispiele überhaupt greifbar werden.
→ Felwine Sarr - Gehoert Afrika die Zukunft
Der senegalesische Nächste: Sarr (Mitgründer der Ateliers de la Pensée in Dakar) denkt Afrikas Zukunft aus eigenen Quellen — Diagne liefert dazu die sprachphilosophische Statik: „Eigene Quellen” taugen nur als übersetzbare, reziprok geöffnete, nicht als abgeschottete Andersheit. Endogenes Denken plus Gastfreundschaft der Übersetzung.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Diagne will „das Universale geschehen lassen”, ohne einen Standpunkt über den Kulturen. Aber von wo aus erkennt man dann, dass Reziprozität verletzt ist — braucht nicht schon das Kriterium der Gleichwertigkeit einen Ort oberhalb der Beteiligten?
- Wenn der strategische Essentialismus gestern legitim war und heute „Ferment der Fundamentalismen” ist — wer entscheidet, wann eine Waffe der Schwachen abzugeben ist, und gilt das auch, solange die Stärke ungleich verteilt bleibt?
- Das Wolof-Beispiel zeigt: Schon das Wort „Recht” trägt eine halbe Theologie. Sind die Menschenrechte dann eine Erklärung in vielen Sprachen — oder so viele Erklärungen, wie es Übersetzungen gibt? Und wäre Letzteres schlimm?
- Diagnes pädagogische Utopie verlangt von jedem eine „radikal andere” Sprache. Was wäre die radikal andere Sprache für uns — und ist maschinelle Übersetzung, die uns dieses Lernen gerade abnimmt, dann Erfüllung seiner Utopie oder ihr leiser Tod?
- Er nennt den Pluralismus eine „schwierige Mitte”. Woran erkennt man, dass eine Mitte Haltung ist und nicht bloß der bequemste Punkt zwischen zwei Prügeln?












