Worum es geht

Afrika soll aufhören, den Westen nachzuahmen — Sarr entwirft eine Utopie aus eigenen Quellen: Beziehung statt BIP, Ubuntu statt Entwicklungsdogma. Yves Bossart spricht mit dem senegalesischen Ökonomen, Philosophen und Musiker über sein Buch Afrotopia: warum „Entwicklung” ein Wort aus dem Kalten Krieg ist, warum die Muriden-Bruderschaft ohne Anwälte wirtschaftet, was Mandela aus Ubuntu machte — und warum der Kontinent, dem man die Zukunft immer nur versprochen hat, sie diesmal selbst entwerfen will.

Quelle: Felwine Sarr – Gehört Afrika die Zukunft? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur (26.12.2021, Moderation: Yves Bossart)

Wer spricht?

Felwine Sarr (geb. 1972 in Niodior, Senegal) — senegalesischer Ökonom, Philosoph, Musiker und Schriftsteller. Bis 2020 Wirtschaftsprofessor an der Université Gaston Berger in Saint-Louis, seither Distinguished Professor an der Duke University. Mit Achille Mbembe Mitgründer der Ateliers de la Pensée in Dakar; mit Bénédicte Savoy Autor des Sarr-Savoy-Reports (2018) zur Restitution afrikanischer Kulturgüter. Sein Essay Afrotopia (2016) entwarf eine Utopie für den Kontinent aus eigenen Denk- und Wertquellen.

DenkerVita


Inhalt

Das spirituelle Zentrum der Welt

▶ 4:58 — Bossart beginnt mit dem letzten Satz von Afrotopia, der kühnsten Behauptung des Buches: Afrika werde das spirituelle Zentrum der Welt sein. Sarr baut die Antwort von weit unten auf. Das Leben ist in Afrika entstanden, die Wiege der Menschheit steht dort, die ältesten menschlichen Zivilisationen sind afrikanisch — und die afrikanischen Völker haben das Leben über enorme Zeiträume in Ordnungen gehalten, die nicht auf materiellen, sondern auf spirituellen Werten beruhen. Mit Frantz Fanon formuliert er das Ziel:

„…wie Fanon sagt: mehr Menschlichkeit — die Menschheit auf eine andere Ebene bringen.” ▶ 6:18

Entscheidend ist, was Sarr unter „spirituell” nicht versteht: keine Religion, keine Esoterik. ▶ 7:18 — Das Spirituelle könne von der Religion ausgehen, berühre aber alle Bereiche des Seins; mit Blick auf die Etymologie meint es den menschlichen Geist selbst, das „helle Bewusstsein”, das es zum Erblühen zu bringen gilt. Die Prophezeiung ist also weniger Mystik als Wette: dass eine Zivilisation, die Sinn, Gemeinschaft und Bewusstsein nie ganz dem Materiellen untergeordnet hat, genau das anzubieten hat, was der durchökonomisierten Moderne fehlt.

Eigene Einschätzung

Man kann diesen Satz als Kompensationsrhetorik lesen — der ökonomisch schwächste Kontinent erklärt sich zum spirituell reichsten. Aber Sarr entzieht sich dieser Lesart, indem er das Spirituelle säkularisiert: helles Bewusstsein, nicht Weihrauch. Damit wird aus der Prophezeiung ein prüfbares Argument über Wertordnungen — und die Frage dreht sich um: Nicht „kann Afrika aufholen?”, sondern „was hat der Westen verloren, das dort noch da ist?”

Vom Objekt zum Subjekt — das utopische Bewusstsein

▶ 9:04 — Warum fehlt Afrika eine eigene Zukunftsvision? Sarrs Diagnose ist historisch: Seit dem Kolonialismus ist Afrika Objekt — Gegenstand fremder Diskurse, Projekte und Fantasien. Man hat den Westen nachgeahmt, aus nachvollziehbaren Gründen, oft gezwungenermaßen. Das utopische Bewusstsein, das er fordert, ist die Umkehrung dieser Blickrichtung: sich die Zeit nehmen, auf die eigene Geschichte und das eigene Wissen zurückzugreifen und daraus eine eigene Synthese zu erstellen — durchaus mit Anleihen, dies aus Lateinamerika, das aus Norwegen, aber verarbeitet auf der eigenen kreativen Grundlage.

„Diese Arbeit kann nicht von anderen getan werden. Es ist nicht an Ihnen zu entscheiden, wohin unsere Träume gehen sollen.” ▶ 10:02

Bemerkenswert die Wendung ins Allgemeine: ▶ 11:18 — Die Zukunftslosigkeit sei kein afrikanisches Problem. Der Westen selbst lebe in einer Dystopie-Verwaltung — Umweltkatastrophen abwenden, Krisen vermeiden, Krankheiten eindämmen. „Wir haben kein Projekt mehr, das uns mitreißt — das ist ein großes Problem, das nicht nur Afrika, sondern die ganze Welt betrifft.” Die Utopie-Frage, die Afrika sich stellen muss, ist damit dieselbe, vor der Europa längst kapituliert hat.

Weitergedacht

Wenn Europa nur noch Katastrophen verhindert und nichts mehr will — ist dann nicht der Kontinent, der sich eine Utopie noch zutraut, der modernere von beiden?

Die Geschichte als Hysterese

▶ 14:17 — Vier bis fünf Jahrhunderte Sklavenhandel — transsaharisch und transatlantisch — und Kolonialismus sind der Zeit vorausgegangen und haben sie geprägt. Sarr greift zu einem Begriff aus seiner ökonometrischen Werkzeugkiste:

„Die Geschichte ist eine Hysterese: Ein Trauma tritt auf und hat auch nach seinem Verschwinden dauerhaft Auswirkungen.” ▶ 14:17

Das ist präziser als die übliche Rede von „Nachwirkungen”: Hysterese heißt, dass ein System nicht in seinen Ausgangszustand zurückkehrt, wenn die Kraft verschwindet, die es verformt hat. Zugleich zieht Sarr sofort die Gegengrenze: Es sei nicht gut, Afrika auf dieses Trauma zu reduzieren — die lange Geschichte des Kontinents ist älter und größer als seine Wunde. Und die Kolonialität sitzt tiefer als Politik und Wirtschaft: ▶ 16:26 in Sprache und Wissen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften seien aus der Beobachtung nordeuropäischer Gesellschaften hervorgegangen und hätten eine „Kolonialität des Wissens” mit sich gebracht — sie müssten afrikanisiert werden, damit der Kontinent sich nicht dauerhaft durch fremde Brillen selbst betrachtet.

Biko und Ruanda — die Politisierung

▶ 18:26 — Bossart fragt nach dem Erweckungserlebnis, und Sarr nennt zwei. Mit vierzehn sah er den Film über Südafrika und Steve Biko, den Begründer der Black-Consciousness-Bewegung, der im Gefängnis zu Tode gefoltert wurde — der Moment, sagt er, in dem er verstand, dass er sein Leben auf dieses Projekt ausrichten muss. Das zweite Ereignis kam per Post: ▶ 19:53 Während des Völkermords in Ruanda — drei Monate, in denen das Morden tausende Tote pro Tag forderte, während es die Welt kaum kümmerte — war Sarrs Vater als Militär vor Ort und beschrieb ihm die Lage in Briefen. Die Biografie erklärt die Doppelnatur seines Denkens: Black Consciousness lieferte die affirmative Spur (Selbstbild, Würde, eigene Quellen), Ruanda die dunkle (was geschieht, wenn eine Weltordnung afrikanisches Leben für verzichtbar hält).

„Entwicklung” — ein Wort aus dem Kalten Krieg

▶ 21:53 — Der Ökonom Sarr demontiert den Zentralbegriff seiner eigenen Disziplin. „Entwicklung” sei hochproblematisch, „weil man alles in ihn einpacken kann — er bedeutet alles und nichts.” Seine Begriffsgeschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich Präsident Truman die Frage, wie die entkolonialisierten Nationen im Wettbewerb mit dem Ostblock in den Kreis der amerikanischen Verbündeten eingegliedert werden könnten — man lockte sie mit der Aussicht auf Wohlstand. „Entwicklung” ist also kein neutrales Maß, sondern ein geopolitisches Rekrutierungsinstrument, das eine bestimmte historische Antwort des Westens zur einzig richtigen für alle Menschen zu jeder Zeit erklärt. ▶ 23:28 — Was an einem Ort funktioniert, muss anderswo nicht greifen, weil Kontext, Soziologie und Beziehungsgeflechte andere sind.

Dieselbe Logik trifft die Entwicklungshilfe: ▶ 25:13 — Sie habe Menschen in Handlungsunfähigkeit getränkt: Wer in der Not Hilfe liefert, ohne die Selbstverantwortung der Empfänger zu stärken, zerstört die Fähigkeit zum Aufbau eigener Lösungen.

„Nicht Mitleidsobjekt, sondern in erster Linie Subjekt der eigenen Geschichte sein wollen — dieses psychologische Verhältnis verändert die Dinge.” ▶ 26:04

Eigene Einschätzung

Die Truman-Genealogie ist Sarrs stärkster analytischer Zug im Gespräch — sie verwandelt ein scheinbar technisches Wort in ein historisches Dokument. Man muss ihm nicht in jeder Konsequenz folgen (Impfkampagnen und Schulbauten sind keine Rekrutierungstricks), aber der Kern hält: Wer „Entwicklung” sagt, hat das Ziel schon definiert, bevor der andere sprechen durfte. Das ist dieselbe Figur wie beim Wissen — Kolonialität versteckt sich am liebsten in Begriffen, die nach Fürsorge klingen.

Die Ökonomie der Beziehung — die Muriden und das informelle Paradox

▶ 29:04 — Bossart will es konkret: Was sind sie denn, die „genuin afrikanischen Werte”? Sarrs Antwort beginnt mit einer Selbstwarnung — hier müsse man aufpassen. Authentisch afrikanische Werte stünden nicht nur Afrikanern zur Verfügung; jede Gesellschaft produziere kontextbezogene Antworten, die kulturprägend, aber verhandelbar und dynamisch seien. Kein Wesenskern, keine Essenz — Werte als Antworten auf Umwelten, die auch anderen offenstehen.

Dann das Lehrstück: die Muriden, eine senegalesische Sufi-Bruderschaft mit eigener Wirtschaftskultur. ▶ 33:28 — Auf Basis des gegebenen Wortes wird gewirtschaftet, ohne Anwälte, Garantien und Hypotheken — und das Geschäft verläuft reibungsloser als in Handelssystemen, die nicht auf Vertrauen gründen. Sarr dreht den Vergleich gegen den Westen: Was passiert, wenn dort das Vertrauen kippt, haben Finanz- und Bankenkrisen gezeigt — ein Bank-Run ist nichts anderes als der Moment, in dem ein vertrauensloses System seine eigene Fiktion einholt. Der homo africanus, sagt er mit seinem Buch, ist kein homo oeconomicus: Der Austausch schafft nicht nur Güterbewegung, sondern Beziehungen — eine Ökonomie, die über das Ökonomische hinausgeht.

▶ 36:16 — Und dann das Paradox, das er selbst so nennt: Es ist die sogenannte informelle Wirtschaft — nicht die dominante neoliberale —, welche die Afrikaner tatsächlich ernährt. Sarr will sie weder idealisieren noch zum Fetisch machen, sondern ihre Stärken und Schwächen erkennen: auf den Stärken aufbauen, die Schwächen abmildern — statt sie abzuschreiben, nur weil sie dem Mainstream-Modell nicht folgt. Diese Systeme hätten „eine eigene Rationalität und Gültigkeit”.

Weitergedacht

Die Vertrauensökonomie der Muriden funktioniert in einer Gemeinschaft, die sich kennt und einen gemeinsamen Heiligen hat. Skaliert Vertrauen — oder ist die anonyme Vertragsgesellschaft genau das, was entsteht, wenn man Wirtschaft über den Kreis der Bekannten hinaus treiben will?

Ubuntu — Mandela und die Rehabilitierung der Utopie

▶ 38:44 — Als vorkoloniale Inspirationsquelle nennt Sarr Nelson Mandela und die Ubuntu-Philosophie der Bantu-Völker, insbesondere der Xhosa: „Ich bin, weil wir sind.” Nach dem Ende der Apartheid drohte ein Krieg der Kulturen und Rassen — Mandela stellte die im westlichen Recht verankerte Unverjährbarkeit der Apartheid-Verbrechen zur Disposition und brachte stattdessen Ubuntu ein. ▶ 40:29 — Nicht alle Probleme seien damit gelöst, aber es war eine humanistische Moralphilosophie, die einen Krieg gegen die ehemaligen Herrscher vermied und weiter ging als das damalige Völkerrecht. Sarr ergänzt das ruandische Beispiel: Wo die klassische Justiz in zwanzig Jahren nur einen Bruchteil der Täter aburteilen konnte, wurde eine traditionelle Form der Gemeinschaftsjustiz wiederbelebt — Schuldeingeständnis vor der Gemeinschaft statt Aktenberg.

Auf Bossarts Einwand, das klinge nach sozialistischer Utopie, antwortet Sarr mit einer Begriffsrettung:

„Eine Utopie ist kein süßer Traum, sondern ein Prozess der sozialen Transformation.” ▶ 42:29

Die totalitären kommunistischen Projekte seien keine Utopien gewesen, sondern Dystopien. Und es gehe nicht um Rückkehr in die Vergangenheit: ▶ 43:14 — Die Frage sei, ob die Humanismen der afrikanischen Gesellschaften eine Ressource sind — Mechanismen, die seit langem funktionieren und die man verbessern, aktualisieren, neu einsetzen kann. Ubuntu sei nicht dasselbe wie Sozialismus, sondern gehe darüber hinaus.

Eigene Einschätzung

Hier liegt der feine Unterschied zu jeder Romantik: Sarr behandelt Tradition wie ein Ingenieur einen bewährten Mechanismus — prüfen, warten, weiterentwickeln — nicht wie ein Priester eine Reliquie. Dass ausgerechnet die Ubuntu-Amnestie über das westliche Völkerrecht hinausging (statt hinter ihm zurückzubleiben), ist sein stärkster Beleg: Der „vormoderne” Mechanismus war der modernere. Die Grenze bleibt sichtbar — die Wahrheitskommission hat Gerechtigkeit gegen Frieden getauscht, und die Opfer haben den Preis bezahlt. Sarr sagt das selbst: nicht alle Probleme gelöst.

China und die Verträge — Beziehung statt Rettung

▶ 45:29 — Der SRF-Einspieler liefert die Zahlen der neuen Abhängigkeit: die Bahnstrecke Nairobi–Mombasa, zu 90 % von chinesischen Banken finanziert; die chinesische Schuhfabrik bei Addis Abeba, deren Arbeiter einen Bruchteil der chinesischen Löhne erhalten; China als größter Handelspartner des Kontinents. Sarrs Antwort verschiebt die Frage charakteristisch: ▶ 47:01 — Es gehe nicht um China, sondern um die Beziehungen Afrikas zum Rest der Welt — zu Europa, China, der Türkei, Russland. Der Kontinent müsse eigene Verhandlungskapazitäten aufbauen, über ein Jahrzehnt investieren, und Verträge aushandeln, „die nicht räuberisch, sondern fair sind — aber diese Aufgabe müssen wir allen gegenüber erfüllen: China wie Westeuropa.” ▶ 48:55

Dahinter die größere Ordnung: ▶ 49:55 — WTO und die internationalen Institutionen spiegelten das Kräftegleichgewicht von 1945, nicht die heutige Dynamik der Welt; Asien und Afrika hätten nicht den Platz, der ihnen zusteht. Kein antiwestlicher Reflex, kein prochinesischer — sondern die nüchterne Position eines Verhandlers, der weiß, dass Symmetrie nicht geschenkt, sondern aufgebaut wird.

Restitution — der Bogen zu den Ahnen

▶ 50:42 — Zum Schluss die Kultur, und Sarr zitiert den eigenen Satz aus Afrotopia: „Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Ausstrahlungskraft Afrikas vollkommen intakt geblieben ist, dann ist es der Bereich der Kultur.” Genau deshalb wiegt der Raub so schwer. Seine Begründung der Restitution ist nicht juristisch, sondern zivilisationstheoretisch: ▶ 51:27 — Zukunft braucht Herkunft; um voranzukommen, müssen sich Gesellschaften von den kreativen Werken ihrer Ahnen inspirieren lassen und den Bogen zum Alten spannen können. ▶ 52:49 — Aus den Schöpfungen früherer Zeiten entsteht neue Kreativität; beraubt man eine Gesellschaft ihrer kreativen und spirituellen Werke, durchtrennt man die Übertragungskette — ihr fehlt der fruchtbare Boden früherer Generationen.

Das letzte Konzept des Gesprächs schließt den Kreis zur Ökonomiekritik: ▶ 55:57Wohlsein statt Wohlstand, ein Wohlbefinden, das über das am BIP gemessene wirtschaftliche Wohlergehen hinausgeht. Es ist dasselbe Wort, mit dem Tsitsi Dangarembga in derselben Sendereihe vier Jahre später antworten wird — der Faden, der Sarrs Utopie mit ihrer Praxis-Ethik verbindet.


Faktencheck

Bestätigt — Sarr-Savoy-Report (2018)

Emmanuel Macron beauftragte Sarr und Bénédicte Savoy 2018 mit dem Bericht „The Restitution of African Cultural Heritage — Toward a New Relational Ethics”; der Report empfahl die dauerhafte Rückgabe kolonial entwendeter Objekte (Frankreich hält allein über 90.000 afrikanische Objekte, davon ~70.000 im Musée du quai Branly). Quelle: Report on the restitution of African cultural heritage (Wikipedia), Übergabe an Macron 23.11.2018 (Élysée)

Bestätigt — Steve Biko

Steve Biko, Begründer der Black-Consciousness-Bewegung, starb 1977 in südafrikanischer Polizeihaft an den Folgen von Folter. Der Film, den Sarr als 14-Jähriger sah, ist Cry Freedom (1987, Richard Attenborough). Quelle: SAHO — Stephen Bantu Biko

Bestätigt — Ruanda: „tausende Tote pro Tag"

Der Völkermord an den Tutsi (April–Juli 1994) forderte nach UN-Schätzung ~800.000 Tote in ~100 Tagen — im Schnitt ~8.000 pro Tag, in den intensivsten Phasen noch deutlich mehr. Sarrs Formulierung im Gespräch („tausende Tote pro Tag”, „drei Monate”, „die Welt kümmerte es kaum”) ist korrekt. Quelle: UN — Outreach Programme on the Rwanda Genocide

Bestätigt — Truman und die Genealogie der „Entwicklung"

Trumans Antrittsrede vom 20.01.1949 (Punkt vier, „Point Four Program”) gilt in der Post-Development-Forschung (Esteva, Escobar, Rist) als Geburtsstunde des modernen Entwicklungsbegriffs im Kontext des beginnenden Kalten Kriegs. Quelle: Truman Inaugural Address, 20.01.1949 (Truman Library)

Vereinfacht — Zahlen des SRF-Einspielers zu China (nicht Sarrs Claims)

Bahnstrecke Nairobi–Mombasa (SGR): rund 90 % durch die chinesische Exim-Bank finanziert, 10 % durch Kenia — bestätigt. Die Kostenangabe schwankt in den Quellen zwischen ~3,2 Mrd. USD (bei Eröffnung 2017) und ~3,6 Mrd. USD (spätere Gesamtzahlen); die Größenordnung stimmt. China ist seit 2009 größter Handelspartner Afrikas (überholte damals die USA) — bestätigt. Die Ernst-&-Young-Zahl (66 Mrd. USD Investitionen seit 2005, 130.000 Jobs) entspricht dem EY Africa Attractiveness Report der Zeit; Einzelzahlen nicht unabhängig prüfbar. Quellen: Mombasa–Nairobi Standard Gauge Railway (Wikipedia), CARI/Johns Hopkins — China-Africa trade

Bestätigt — Gacaca-Justiz in Ruanda

Ruanda reaktivierte ab 2002 die traditionellen Gacaca-Gemeinschaftsgerichte, die bis zu ihrem Abschluss 2012 über 1,9 Mio. Fälle verhandelten — während der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) in zwei Jahrzehnten nur 61 Verurteilungen (bei 14 Freisprüchen) erreichte. Sarrs Kontrast (klassische Justiz: Dutzende Fälle; Gemeinschaftsjustiz: die Masse) trifft zu. Quelle: UN ICTR — Key Figures of Cases, BBC — Rwanda ‘gacaca’ genocide courts finish work

Interpretationen (Ubuntu-Deutung, Utopie-Begriff, Kritik des Entwicklungsparadigmas) sind philosophische Positionen und werden nicht gefaktencheckt.


Weiterführende Quellen

Primärquelle:

Im Gespräch erwähnt:

Vertiefend (Sherlock):


Verbindungen

Tsitsi Dangarembga - Feministische Stimme Afrikas

Das Schwestergespräch derselben Sendereihe — und der produktive Dissens: Sarr entwirft die Utopie (Afrotopia), Dangarembga antwortet „Ich glaube nicht an Utopien” und setzt eine Praxis-Ethik des Wohlseins dagegen. Beide landen beim selben Begriff — Wohlsein statt BIP —, aber er von der Vision her, sie von der täglichen Übung.

Mbembe — The Earthly Community

Die stärkste Brücke: Mbembe ist Sarrs Mitgründer der Ateliers de la Pensée in Dakar, und beide denken vom selben Fundament aus. Wo Sarr die afrikanische Utopie entwirft (Afrotopia, Ubuntu, Wohlsein), weitet Mbembe sie zur planetaren Erdgemeinschaft — dieselbe Bewegung vom Objekt zum Subjekt, nur einmal kontinental, einmal universell gedacht.

Das unsichtbare Netzwerk — Ubuntu

Direkte Vertiefung von Sarrs Ubuntu-Abschnitt: Die Gedanken-Note holt dasselbe Prinzip („Ich bin, weil wir sind”) aus der politischen Versöhnungsjustiz in den gelebten Alltag — Sarr liefert die philosophisch-historische Fassung, die Note die persönlich-erfahrene.

Kojin Karatani — Tauschformen und die Ueberwindung der Triade

Sarrs „Ökonomie der Beziehung” (Muriden, homo africanus statt homo oeconomicus) ist ökonomisch genau Karatanis Tauschmodus der Reziprozität, den er als Ausweg aus der Capital-Nation-State-Triade denkt. Beide suchen eine Wirtschaft, die Beziehung stiftet statt nur Güter zu bewegen — der eine aus senegalesischer Praxis, der andere aus welthistorischer Systematik.

Walther Ziegler — Smith in 60 Minuten

Der präzise Gegenpol: Smith begründet den homo oeconomicus und die unsichtbare Hand des Eigeninteresses, die Sarr mit dem homo africanus und der Vertrauensökonomie der Muriden ausdrücklich unterläuft. Sarr liest sich als Antwort auf genau das Menschenbild, das Ziegler bei Smith freilegt.

Lacina Kone — Afrikas digitale Souveraenitaet

Dieselbe Kernfigur — Afrika als Subjekt, nicht mehr um Einlass bittend, sondern im Raum bauend — ins Digitale übersetzt. Koné buchstabiert Sarrs Souveränitätsforderung technologisch aus; beide Fäden laufen zudem nach Ruanda (Koné über Smart Africa/Kigali, Sarr über Gacaca und den Völkermord).

Maja Goepel und Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN

Konvergenz beim Schlussbegriff: Sarrs „Wohlsein statt Wohlstand” (jenseits des BIP) trifft Göpels Wachstums- und BIP-Kritik von der ökonomischen Innenseite her — die postkoloniale und die westlich-transformative Kritik am Wachstumsdogma beschreiben denselben blinden Fleck.

Die geteilte Fuelle — eine Utopie der Maschinen-Aera

Verbindung über die Rehabilitierung der Utopie: Sarr rettet die Utopie als „Prozess der sozialen Transformation” gegen den Dystopie-Verwaltungsmodus des Westens; die Gedanken-Note führt genau so eine bewusst durchgespielte, realistische Utopie vor — beide gegen die These, dass wir nichts mehr wollen dürfen, als Katastrophen zu verhindern.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Sarr warnt selbst vor der Essenzialisierung „afrikanischer Werte” — aber kann eine Utopie mobilisieren, wenn ihre Quellen ausdrücklich „verhandelbar und dynamisch” sind? Braucht Aufbruch nicht gerade den festen Boden, den Sarr redlich verweigert?
  • Wenn „Entwicklung” ein Rekrutierungsbegriff des Kalten Kriegs ist — mit welchem Wort spricht dann eine ruandische Mutter über die Schule, die sie für ihre Tochter will? Ist die Kritik am Begriff eine Befreiung der Menschen oder ein Luxus derer, die schon entwickelt wurden?
  • Die Muriden wirtschaften auf das gegebene Wort — innerhalb einer Bruderschaft. Mandela dehnte Ubuntu auf die Feinde aus. Wo ist die Grenze, an der Beziehungsökonomie in Vetternwirtschaft kippt — und wer zieht sie?
  • Sarr fordert faire Verträge „gegenüber allen — China wie Westeuropa”. Aber verhandelt ein Kontinent aus 54 Staaten je mit einer Stimme, oder ist „Afrika verhandelt” selbst die Art Abstraktion, die er dem Westen vorwirft?
  • Wenn der Westen nur noch Dystopien verwaltet und Afrika sich Utopien zutraut — wandert dann das, was wir „Zukunft” nennen, tatsächlich den Ort? Und was hieße das für uns: lernen — oder wieder nur beobachten?