GedankenraumAndreas Audretsch — DenkerVita
Andreas Audretsch, grüner Fraktionsvize aus Neukölln, will der rechten Erzählung vom Kontrollverlust eine Politik entgegensetzen, die Preise, Mieten und Energie sichtbar lenkt.
🎨
Fernand Léger — Léger hat Bauarbeiter auf Gerüsten gemalt, als gehöre die moderne Welt denen, die sie zusammenschrauben, mit schwarzen Konturen und reinen Farben. Bei Audretsch, für den Energie eine Machtfrage ist, heben zwei solche Arbeiter blaue Solarmodule auf das Dach eines Neuköllner Mietshauses mit Wäscheleinen an den Balkonen. Zwischen den Gerüststangen steht ein altes Radiomikrofon, Erinnerung an die Jahre am Hörfunk. Rechts am Rand bleibt das Rolltor einer Fabrik geschlossen, davor ein Stapel Module, die keiner mehr verbaut: das Ende der Solarfertigung, das er sein Trauma der Ampelzeit nennt. Der zweite Versuch geriet glatter und plakativer als Léger selbst, trägt die Geschichte aber in einer einzigen Bildsprache; eine eingeschmuggelte Signatur unten rechts wurde übermalt.
Prompt: Wide panoramic painting in the manner of Fernand Léger's The Constructors, the whole picture in one consistent flat style: thick black contour lines, flat unshaded areas of pure red, yellow, blue and white, matte gouache surface, no perspective realism. Three robust tubular workers with simple oval blank faces stand on red and yellow scaffolding girders and lift large flat blue solar panels onto the roof of a Berlin tenement house with small balconies and a laundry line. A big old-fashioned radio microphone floats among the girders like a mechanical flower. On the right edge, painted in the same flat Léger manner, a grey factory gate with a closed rolled shutter and a few stacked blue cells. Rounded white Léger clouds and a yellow sun disc. No realistic faces. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram anywhere.
Biographischer Snapshot
Andreas Audretsch (*25. Juni 1984 in Stuttgart) — Politikwissenschaftler, früherer Hörfunkjournalist, seit 2021 Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen aus Berlin-Neukölln und seit Mai 2022 stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Finanzen, Haushalt, Wirtschaft, Arbeit und Soziales. Promoviert in Potsdam über die Entstehung von Good Governance, danach Radio für Deutschlandradio und ARD, Referent im Bundestag, Pressesprecher im Wirtschafts- und im Familienministerium. Im Herbst 2022 verhandelte er die Gas- und Strompreisbremse mit, 2024/25 leitete er den Bundestagswahlkampf der Grünen mit Robert Habeck. Er hat zwei Bücher geschrieben: eines über die Geschichtspolitik der Neuen Rechten, eines über progressive Bündnisse.
Biografie
Audretsch wuchs in Stuttgart auf und ging 2004 zum Studium nach Münster: Politikwissenschaft, dazu Soziologie und Publizistik. 2006 zog er nach Berlin-Neukölln, wo er bis heute lebt, und setzte das Studium an der FU Berlin und der Universität Potsdam fort. Bei Harald Fuhr promovierte er 2010 mit einer Arbeit Zur Entstehung von Good Governance, also mit der Frage, wie Staaten zu Institutionen kommen, die funktionieren. Die Frage hat ihn seither begleitet.
Parallel stand er am Mikrofon. Von 2007 bis 2015 arbeitete er als Hörfunkjournalist, unter anderem für Deutschlandradio und den ARD-Hörfunk, ab 2009 nur noch nebenher, weil er im selben Jahr als Referent in den Bundestag ging. 2013/14 hatte er einen Lehrauftrag in Lüneburg. Dann wechselte er die Seite des Mikrofons. Von 2015 bis 2017 war er Pressesprecher im Bundeswirtschaftsministerium, 2017/18 arbeitete er im Bundespräsidialamt an Grundsatzfragen der Kommunikation, von 2018 bis 2020 sprach er für das Bundesfamilienministerium. Beide Ministerien waren sozialdemokratisch geführt, und es waren Jahre, in denen er Politik von innen erklären musste, bevor er sie selbst machte.
Den Grünen hatte er sich da längst angeschlossen. Aktiv seit 2009, Mitglied seit 2011, seit 2012 bei ver.di. Von 2013 bis 2016 sprach er für den Kreisvorstand in Neukölln, danach saß er bis 2021 im Berliner Landesvorstand. 2017 wurde er Policy Fellow beim Thinktank Das Progressive Zentrum. 2020 erschien, zusammen mit der Historikerin Claudia Gatzka, Schleichend an die Macht, eine Analyse, wie die Neue Rechte Geschichte umdeutet, um sich die Deutungshoheit über die Zukunft zu sichern. Wer das Buch kennt, hört es in seinen heutigen Reden mit: Rechtsextremismus ist für ihn zuerst ein Kampf um Erzählungen.
2021 trat er in Neukölln an, holte 19,9 Prozent der Erststimmen, unterlag dem SPD-Kandidaten Hakan Demir und zog über Platz vier der Landesliste in den Bundestag ein. Im Mai 2022 wählte ihn die Fraktion zum Vize für das gesamte Wirtschafts- und Sozialressort, wenige Wochen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Damit landete er mitten in der Energiekrise. Die Gaspreise explodierten, und die Ampel brauchte Monate, bis sie handelte. Nach eigener Schilderung saß er in jenem Herbst Tage und Nächte im Wirtschaftsministerium mit am Tisch, auch mit der FDP, als die Gas- und Strompreisbremse ausgehandelt wurde. Dort lernte er die Ökonomin Isabella Weber kennen, die als Mitglied der Expertenkommission Gas und Wärme mit am Tisch saß. Im selben Jahr warb er im Bundestag für das Sanktionsmoratorium in der Grundsicherung und später für das Bürgergeld. Das andere prägende Erlebnis der Ampeljahre war eine Niederlage: Er wollte die heimische Solarfertigung retten, scheiterte an den Koalitionsverhältnissen und nennt das heute sein „Trauma aus der Ampelzeit“.
Im Herbst 2024 übernahm er zusätzlich die Leitung des Bundestagswahlkampfs, den die Grünen nach dem Bruch der Ampel mit Robert Habeck als Kanzlerkandidat führten. Bei Markus Lanz warnte er damals, die Bürgergeld-Debatte spiele die Schwachen gegeneinander aus. Der Wahlkampf brachte Rekordspenden und viele neue Mitglieder, das Ergebnis aber blieb mit 11,6 Prozent deutlich unter dem von 2021. In Neukölln wurde er mit 11,1 Prozent nur Fünfter. In den Bundestag kam er über Platz zwei der Berliner Liste, den er erhielt, nachdem Stefan Gelbhaar wegen Belästigungsvorwürfen auf seine Kandidatur verzichtet hatte. Im Januar 2025 stellten sich Teile dieser Vorwürfe als erfunden heraus. In der Berichterstattung tauchte Audretsch als Nutznießer auf; für eine Beteiligung gibt es keinen Beleg, und er hat den Verdacht zurückgewiesen.
Seither ist er Oppositionspolitiker, bleibt Fraktionsvize und arbeitet sich an Rente, Pflege, Haushalt und Energiepreisen der schwarz-roten Regierung ab. Nach der Berliner Wahl im September 2026 sprach er für die Grünen über die rot-grün-roten Sondierungen in der Hauptstadt. Am 8. Oktober 2026 saß er bei der Buchpremiere von Isabella Webers Antifaschistische Wirtschaftspolitik in der Heinrich-Böll-Stiftung neben Tim Klüssendorf (SPD) und Ines Schwerdtner (Die Linke).
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Schleichend an die Macht — Wie die Neue Rechte Geschichte instrumentalisiert, um Deutungshoheit über unsere Zukunft zu erlangen | 2020 | Mit der Historikerin Claudia Gatzka, Dietz. Wie die Neue Rechte Mythen über Nation, Helden und Freiheitskämpfe nutzt, um ihre Weltsicht in den Köpfen zu verankern, und was eine liberale Demokratie dem entgegensetzen kann. |
| Zusammen wachsen — Eine neue progressive Bewegung entsteht | 2022 | Dietz, 192 S. Klimakrise, soziale Spaltung und Rechtsextremismus lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Audretsch sucht die Allianz aus Gewerkschaften, Klimabewegung, Unternehmerinnen und migrantischen Organisationen, mit Lehren aus der Arbeiterbewegung und einem Kapitel zum Reizwort „Identitätspolitik“ (Verlagsinfo, Leseprobe). |
| Zur Entstehung von Good Governance | 2010 | Dissertation an der Universität Potsdam, frei als PDF. |
Öffentliche Arbeit & Kanäle:
- andreasaudretsch.de — Website mit Lebenslauf und Transparenzangaben
- YouTube-Kanal — Bundestagsreden zu Rente, Haushalt, Sozialstaat, Energiepreisen
- Profil beim Deutschen Bundestag · abgeordnetenwatch
- Das Progressive Zentrum — Policy Fellow seit 2017
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Antifaschistische Wirtschaftspolitik — Buchpremiere und Diskussion mit Isabella M. Weber — Heinrich-Böll-Stiftung (08.10.2026, 2:11 h). Podium mit Tim Klüssendorf und Ines Schwerdtner; Audretsch erzählt aus den Nächten der Gaspreiskommission und von der Mietenkrise in seinem Wahlkreis. Startpunkt.
- Werden die Schwachen gegeneinander ausgespielt? — Markus Lanz, ZDF (16.10.2024, 31 min). Kurz vor dem Wahlkampf: Bürgergeld, Gerechtigkeit und der Vorwurf an die Grünen, an den Leuten vorbeizureden.
- Schleichend an die Macht — Podcast des Dietz-Verlags mit Claudia Gatzka (2022, 40 min). Die Geschichtspolitik der Neuen Rechten, das Fundament seiner Haltung zur AfD.
- Über die Sondierungsgespräche von Rot-Rot-Grün in Berlin — phoenix (28.09.2026, 8 min).
- „Richtig teuer werden“ könne der kommende Winter — ntv Frühstart (15.09.2026, 7 min). Energiepreise, Trump, Putin und die Gewinne der Öl- und Gaskonzerne.
Kernthesen
- Gegen die Erzählung vom Kontrollverlust hilft nur gezeigte Handlungsfähigkeit. Krisen stiften Unsicherheit, und die extreme Rechte bietet darauf „take back control“ an, mit Führerkult, Hierarchie und der Antwort „Ausländer raus“ auf jedes Problem bis zur Wohnungskrise. Die progressive Seite habe dem lange kein Gegenangebot gemacht. Dass demokratische Politik Veränderung konkret organisieren kann, müsse wieder zur leitenden Erzählung werden, auch im Bundestag, wo es das oft nicht mehr sei55:15.
- Der große Begriff braucht die kleine Ansprache. Antifaschistische Wirtschaftspolitik hält er als Leitidee für richtig, aber eine Partei müsse sie in Fragen übersetzen, die Menschen stellen: Wie kommen die Energiepreise runter, wie bleiben Lebensmittel bezahlbar? Und sie müsse dorthin gehen, wo es hart ist (48:22, 49:52).
- Energie ist eine Machtfrage. Solardach, lokal erzeugte Wärme und kommunale Versorgung bedeuten für ihn Unabhängigkeit „von den Donald Trumps und den Ölkonzernen, die hier diktieren, wie das Leben läuft“. Klimapolitik und Machtkritik fallen bei ihm zusammen104:40.
- Die Jobs der Zukunft hier halten. Gegen den „zweiten Chinaschock“ will er die Spielregeln ändern und Dumping unterbinden. Sein Lehrstück ist das Ende der letzten großen Solarfabrik, Meyer Burger, das die Ampel nicht verhindern konnte. Ob die neuen Technologien kommen, sei keine Frage mehr, nur ob hier oder in China. Dazu gehört für ihn, Genossenschaften in der Förderung den Unternehmen gleichzustellen (120:40, 123:42).
- Bündnis heißt nicht Einheitsblock, und man darf niemandem etwas vormachen. Grüne, SPD und Linke sollen verschiedene Milieus ansprechen und verschieden bleiben dürfen, die außenpolitischen Unterschiede inklusive. Beim Berliner Volksentscheid zur Vergesellschaftung steht er zur Umsetzung, sagt aber, sie werde jahrelang vor Gericht gehen, „kein Spaziergang“. Darum will er parallel das Landes-Wohnungswirtschaftsrecht schärfen, etwa gegen die Adler Group, deren Weiße Siedlung in seinem Wahlkreis verfällt, und eine Länderöffnungsklausel für den Mietendeckel (91:41, 105:26).
Politische Einordnung
Audretsch kommt aus der sozial- und wirtschaftspolitischen Ecke der Grünen. Er ist Gewerkschaftsmitglied, verteidigt Bürgergeld und Sozialstaat, will die Schuldenbremse reformieren und große Vermögen stärker heranziehen. Die AfD nennt er eine rechtsextreme Partei, die das System nicht akzeptiert, und der Union wirft er vor, sich unter Jens Spahn zur AfD hin zu öffnen. Sein Denken ist auf Bündnisse angelegt. Schon das Buch von 2022 sucht die Allianz zwischen Gewerkschaft, Klimabewegung und Unternehmen, und auf dem Böll-Podium wirbt er für Grün-Rot-Rot, ohne die Unterschiede einzuebnen. Seine Stärke ist die doppelte Herkunft: Er hat die Erzählungen der Neuen Rechten analysiert, bevor er Politik machte, und er hat als Pressesprecher gelernt, wie Regierungshandeln ankommt oder eben nicht. Für seine Diagnose, dass ökonomische Verunsicherung ohne sichtbare Antwort der Politik der extremen Rechten zuarbeitet, gibt es Rückhalt in der Forschung; wie viel sie gegenüber kulturellen Erklärungen trägt, ist dort allerdings umstritten.
Die Kritik setzt an derselben Stelle an. Er erzählt die Preisbremse von 2022 als Beweis von Handlungsfähigkeit, und zwar zu Recht, aber er sagt selbst, dass sie Monate zu spät kam und viel Leid kostete. In dieselbe Ampelzeit fällt das Heizungsgesetz aus dem grün geführten Wirtschaftsministerium, das ohne ausreichende soziale Abfederung startete; der Ökonom Tom Krebs datiert darauf einen der Schübe der AfD. Wer Handlungsfähigkeit zum Maßstab macht, muss sich an der eigenen Regierungsbilanz messen lassen. Als Wahlkampfleiter verantwortete er 2025 ein Ergebnis, bei dem die Grünen deutlich verloren, während Die Linke, deren Vorsitzende neben ihm auf dem Podium saß, mit Mieten und Preisen gerade junge Wählerinnen und Wähler gewann. Von links lässt sich seine Vorsicht bei der Vergesellschaftung als Rückzug lesen, von marktliberaler Seite sein Ruf nach Preisdeckeln, Schutz vor chinesischen Importen und Industrieförderung als teure Abkehr vom Wettbewerb. Dass er dabei offen sagt, was nicht schnell gehen wird, unterscheidet ihn von manchem auf demselben Podium.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Isabella Weber — Mit ihr rang er 2022 um die Gaspreisbremse; ihren Begriff der antifaschistischen Wirtschaftspolitik nennt er den richtigen Rahmen und will ihn in konkrete Fragen übersetzen: Energiepreise, Lebensmittel, Miete.
- Tim Klüssendorf — Podiumsnachbar aus der SPD. Beide wollen die Vergesellschaftung nicht gegen den Mietendeckel ausspielen, Audretsch setzt zusätzlich auf Auflagen über ein Wohnungswirtschaftsgesetz, Klüssendorf zieht in Berlin den Deckel vor.
- Ines Schwerdtner — Mögliche Partnerin eines grün-rot-roten Bündnisses; beide wollen die Unterschiede der Parteien behalten, statt sie in einem Block einzuebnen.
- Elif Eralp — Auf sie beruft er sich, wenn er sagt, die Berliner Vergesellschaftung werde lange dauern und bis nach Karlsruhe gehen.
- Tom Krebs — Datiert einen der AfD-Schübe auf den Streit ums Heizungsgesetz und die späte Preisbremse der Ampel, also auf die Regierung, an der Audretsch beteiligt war.
Cortex-Notes
- Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik — Buchpremiere in der Berliner Urania (05.10.2026): Audretsch über Kontrollverlust, die Nächte der Gaspreiskommission, Energie als Machtfrage und die Mietenkrise in Neukölln
Im Bestand
sechs gedachte Verweise