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Ines Schwerdtner — DenkerVita

Ines Schwerdtner kam als Wendekind über Jacobin und die Haustür an die Spitze der Linken. Antifaschismus heißt für sie, Miete, Strom und Einkauf wieder bezahlbar zu machen.

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Wolfgang Mattheuer — Mattheuer, einer der Maler der Leipziger Schule, hat stille, leicht unwirkliche Landschaften gemalt, durch die Straßen ins Ungewisse führen. Damit lässt sich ein Wendekind aus Werdau malen. Links liegen die sächsischen Hügel mit Backsteinfabrik und Kraftwerksschornstein, Arbeitsorte der Mutter, die Spinnerin war, und des Vaters, der Heizer war. Von einer großen Holzspule im Gras läuft ein roter Faden die Straße entlang bis zu einer jungen Frau, die an einer Reihenhaustür klopft. Hinten stehen die Kräne eines Hafens im Norden, wohin die Familie nach der Wende zog. Das Bild ist ein zweiter Versuch, der erste blieb ohne den Faden zu leer; eine Signatur unten rechts wurde übermalt.

Prompt: Wide panoramic painting in the manner of Wolfgang Mattheuer, Leipzig school: smooth matte oil, clear quiet light, slightly surreal and dreamlike, muted greens, ochre, slate blue, with one strong thread of red. On the left, soft green Saxon hills with a red brick spinning mill and the tall chimney of a power station. From an enormous wooden spinning bobbin lying in the field, a single red thread unwinds and runs along a long straight country road across the whole picture toward the right, where harbour cranes and red brick warehouses stand under a wide sky. Beside the road stands a row of plain apartment block entrances with warm lit windows. A small young woman with a canvas bag, seen from behind, follows the red thread and knocks at one of the doors. No realistic faces. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram anywhere.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Ines Schwerdtner (26. August 1989 in Werdau, Sachsen) ist Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, seit Oktober 2024, zuerst mit Jan van Aken, seit Juni 2026 mit Luigi Pantisano. Seit 2025 sitzt sie als direkt gewählte Abgeordnete für Berlin-Lichtenberg im Bundestag, im Haushaltsausschuss, und gilt als Finanzpolitikerin ihrer Partei. Davor war sie Publizistin aus der marxistischen Theorie-Werkstatt: Koordinatorin der Zeitschrift Das Argument (2014–2019), Mitgründerin und bis 2023 Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von Jacobin, Podcasterin (Hyperpolitik), Referentin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In die Partei trat sie erst 2023 ein, gut ein Jahr später führte sie sie. Den Begriff „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ von Isabella Weber hat sie Anfang 2025 in die Linke getragen.

Biografie

Ines Schwerdtner wurde wenige Wochen vor dem Fall der Mauer in Werdau geboren, im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Der Vater war Heizer in einem Kraftwerk, vorher Schiffskoch, die Mutter Spinnerin. Mit der Wende verloren beide die Arbeit, und als sie vier war, zog die Familie nach Hamburg-Harburg. Später arbeitete der Vater als Gerichtsbeamter, die Mutter in der Altenpflege. Politik spielte zu Hause kaum eine Rolle. Schwerdtner nennt sich selbst ein „Wendekind“, und die Linie zwischen Ost und West zieht sich durch ihre Biografie bis in die Wahlkreise, in denen sie heute antritt.

Politisiert hat sie das Fernsehen. Als Fünfzehnjährige verfolgte sie die Bundestagsdebatten zur Agenda 2010, an der Gesamtschule Harburg war sie Schulsprecherin. 2007 gewann sie mit einer Jugendgruppe eine Studienreise nach Spanien, auf den Spuren der Antifaschisten des Spanischen Bürgerkriegs. Ausgeschrieben hatte den Preis die PDS-Abgeordnete Gesine Lötzsch. Bei ihr machte sie später ein Praktikum, und sechzehn Jahre danach war es Lötzsch, die sie zum Parteieintritt drängte.

Von 2009 bis 2014 studierte sie an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft und Anglistik auf Lehramt und war einige Jahre Sprecherin der Jungen GEW. 2015 kam ihr Sohn zur Welt. Für den Master in Politischer Theorie ging sie nach Frankfurt am Main und koordinierte nebenher Das Argument, die Zeitschrift aus dem Umfeld von Wolfgang Fritz Haug. Am Berliner Institut für kritische Theorie arbeitete sie als Fellow über Jahre am Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus mit. Zeitweise gehörte sie zum Team des fraktionslosen Abgeordneten Marco Bülow.

2020 gründete sie mit Ole Rauch und Loren Balhorn die deutschsprachige Ausgabe von Jacobin, eine „frische neue Stimme des Sozialismus“, wie sie es nannte. Das Magazin begleitete die Linkspartei in ihren schwersten Jahren von außen und schrieb über sie, oft unbequem. 2022, als die Preise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine stiegen, gehörte sie zu den Initiatorinnen der Kampagne „Genug ist genug“. Sie engagierte sich bei „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ und wechselte als Referentin des Vorstandsvorsitzenden zur Rosa-Luxemburg-Stiftung. 2023 gab sie die Chefredaktion ab.

Im Sommer 2023 trat sie in die Linke ein, zu einem Zeitpunkt, als viele die Partei schon abgeschrieben hatten. Im Februar 2024 gründete sie die Arbeitsgemeinschaft „Die Linke hilft“, die Sozialsprechstunden, Mieterberatung und Hilfe bei Behördenpost vernetzt und als ihr Herzensprojekt gilt. Bei der Europawahl 2024 scheiterte sie auf Listenplatz fünf, die Partei kam auf 2,7 Prozent. Danach fuhr sie durch Ostdeutschland, von Kreisverband zu Kreisverband, und schrieb in der Zeitschrift Luxemburg einen Aufruf zum Kurswechsel: strategische Eindeutigkeit, programmatische Klarheit, eine Partei, die organisiert, statt nur zu kommentieren.

Am 19. Oktober 2024 wählte der Parteitag in Halle sie mit 79,8 Prozent zur Vorsitzenden, gemeinsam mit Jan van Aken. Beide begrenzten ihr Einkommen auf den deutschen Durchschnittslohn und spenden den Rest. Was folgte, zählt zu den unwahrscheinlichsten Wiederaufstiegen der jüngeren Parteigeschichte. Während van Aken und Heidi Reichinnek die Talkshows und sozialen Netzwerke bespielten, kümmerte sich Schwerdtner um die Basis und den Haustürwahlkampf. Am 23. Februar 2025 kam die Linke auf 8,8 Prozent, und Schwerdtner gewann Lichtenberg direkt mit 34 Prozent gegen Beatrix von Storch (AfD). Vorbild war die KPÖ in Graz mit ihrem Fokus auf Mieten und Lebensmittelpreise.

Im Bundestag sitzt sie im Haushaltsausschuss und spricht für ihre Fraktion zu Schuldenbremse und Sondervermögen. Die Union verweigerte ihr im Juni 2025 die Wahl ins Bundesfinanzierungsgremium. Nach van Akens Rückzug aus gesundheitlichen Gründen wurde sie im Juni 2026 in Potsdam wiedergewählt, nun mit Luigi Pantisano. Im September 2026 wurde die Linke mit Elif Eralp stärkste Partei in Berlin, mit einem Wahlkampf, wie Schwerdtner ihn seit Jahren predigt: Die Leute fragen, was sie umtreibt, und dann darüber reden. Seither steht die Partei unter Beobachtung, als mögliche Regierungspartei und wegen ihres Umgangs mit Antisemitismus in den eigenen Reihen.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Genug! Warum wir einen politischen Kurswechsel brauchen2023Brumaire. Herausgegeben mit Lukas Scholle, mit Beiträgen von Şeyda Kurt, Dierk Hirschel, Sarah-Lee Heinrich und Maurice Höfgen. Das Buch zur Kampagne „Genug ist genug“ aus der Preiskrise 2022.
Ändern wir die Welt, sie braucht es! Eine marxistisch-feministische Ansage2023Querverlag, Reihe In*sight/out*write Nr. 10. Kollektivschrift des Kollektivs MF3000, in ihrem Werkverzeichnis geführt.

Ein eigenes Buch hat sie bisher nicht geschrieben. Ihr Werk sind Essays, Strategiepapiere, Editorials und Gespräche:

Kanäle & Engagement:

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Es gibt einen hilflosen Antifaschismus, der nur moralisiert. Seit Jahren frage man sich nach jeder Wahl, wie die Rechten an die Macht kommen konnten, „und ich kann es nicht mehr hören“. Isabella Webers Antwort hält sie für genial in ihrer Einfachheit: Die Menschen litten unter der Inflation, ihre Probleme wurden nicht gelöst. Um die Demokratie zu kämpfen heiße, eine andere Wirtschaftspolitik zu machen, „die wirklich im Interesse der Menschen ist“ (44:34, 45:19).

  2. Die Wirklichkeit überzeugt, nicht die Gesinnung. Weber sei für den Gaspreisdeckel „für weiß Gott was fertiggemacht“ worden, dann kam der Energiepreisschock, „und dann hat auch der letzte FDPler erkannt“, dass Preise gedeckelt werden müssen. Weil Kriege, Inflation und Klimaschäden zunehmen, dränge die Wirklichkeit zu Preiskontrollen: „Dafür muss man eben nicht mal Linke sein“ (58:17, 59:03).

  3. Zwei Hebel für die Kasse. Wenn die Schuldenbremse nur fürs Militär gelockert wird, entsteht Kürzungsdruck auf alles andere, auch auf die Sozialversicherungen. Ihre Antwort: die Schuldenbremse für Investitionen reformieren und die Superreichen zahlen lassen, über eine Vermögensteuer und höhere Beiträge. Erst dann hätten die Menschen das Gefühl, das Erarbeitete lande wieder im Sozialstaat und nicht bei „einigen wenigen Konzernen mit massivem Übergewinn“59:48.

  4. Vergesellschaftung heißt Mitentscheiden. Der Einwand, Enteignung baue keine einzige Wohnung, sei eine Fangfrage, „das wissen wir“. Es gehe darum, dass Mieterinnen und Mieter selbst entscheiden, wie investiert und gebaut wird. Das gebe ihnen eine Selbstwirksamkeit zurück, „die sie vielleicht seit Jahren und Jahrzehnten nicht hatten“. Der Volksentscheid sei Bedingung jeder Berliner Regierungsbeteiligung: „Nicht ich soll gefragt werden, warum wir so dran hängen, sondern die anderen“ (87:30, 89:01, 89:47). Dieselbe Eigentumsfrage stellt sie bei der künstlichen Intelligenz, die man nicht Konzernen und „offensichtlich nicht Elon Musk“ überlassen könne117:39.

  5. Themen statt Konstellationen. Von einem progressiven Block als „letzter Patrone“ gegen die AfD hält sie wenig. Im Berliner Wahlkampf habe man die Leute gefragt, was sie beschäftigt, und neben Mieten kam der Müll heraus, „wo keiner von uns gedacht hatte“. Die meisten wollten, dass ihre Probleme gelöst werden, und nicht über Bündnisse reden. Regiert werde, wenn es „wirklich einen Unterschied für die Menschen“ macht, sonst würden die Rechten in fünf Jahren noch stärker (107:44, 108:29, 109:14).

Politische Einordnung

Schwerdtner ordnet sich dem sozialistischen und gewerkschaftsnahen Flügel zu und will die Linke als „organisierende Klassenpartei“ zum demokratischen Sozialismus führen. Ihr Marxismus kommt aus dem Theoriebetrieb, sie selbst bevorzugt nach eigenen Worten den „Arbeiterbewegungs-Marxismus“ gegenüber der „theoriegeladenen Schule“. Staatssozialismus lehnt sie ab, weil er die Macht nur von einer privaten auf eine staatliche Elite verschiebe. Sie will Wirtschaftsdemokratie mit Genossenschaften, Anstalten öffentlichen Rechts und Wirtschafts- und Sozialräten. Kulturkämpfe hält sie für eine Ablenkung, ohne die Verteidigung marginalisierter Gruppen „ohne Wenn und Aber“ aufzugeben. Außenpolitisch steht sie für Diplomatie, Sanktionen und gegen Waffenlieferungen an die Ukraine. Gegen diesen Kurs gilt derselbe Einwand wie bei van Aken: Er setzt einen Angreifer voraus, der verhandeln will.

Ihre Stärke ist das Organisieren. Sozialsprechstunden, Haustürgespräche, die Gehaltsgrenze und das Zuhören vor dem Programm haben eine Partei unter fünf Prozent wieder in den Bundestag und in Berlin an die erste Stelle gebracht. Ihre ökonomischen Forderungen stehen auf einem Fundament, das sich in der Energiekrise 2022 bewährt hat: Die Preisbremsen, für die Weber verspottet wurde, wurden Regierungspolitik. Auf dem Podium der Böll-Stiftung stimmten ihr SPD und Grüne in vielem zu, bis auf das Tempo der Vergesellschaftung.

Am schwächsten ist sie dort, wo aus der Forderung ein Preis wird. Bei der Vergesellschaftung schiebt sie die Beweislast den anderen zu. Dass die Mehrheit 2021 dafür gestimmt hat, ist ein starkes demokratisches Argument, beantwortet aber nicht die Kosten und das Prozessrisiko. Andreas Audretsch erinnerte am selben Abend daran, dass der Weg „sicher bis vors Bundesverfassungsgericht“ gehen werde92:27. Die Schätzungen der Entschädigung reichen je nach Annahmen von 13,5 Milliarden Euro (IMK) bis gut 20 Milliarden (Kiel Institut), der Landesrechnungshof sieht schon bei niedrigeren Summen Defizite (→ Tom Krebs — Wege aus der Krise, Vergesellschaftung und neoliberale Märchen). Zweimal hat sie öffentlich eine Position geräumt, kaum dass sie gesagt war: 2025 beim Rentenalter, das sie erst „diskutabel“ nannte, und im März 2026 beim Niedersachsen-Beschluss. Man kann das als Lernfähigkeit lesen oder als Zeichen, wie eng der Spielraum zwischen Parteibasis und Öffentlichkeit ist.

Die Spur Duldet die Linke Antisemitismus? findet bei ihr keine eigene antisemitische Äußerung. Den 7. Oktober nannte sie „getragen von eliminatorischem Hass“ und „durch nichts zu rechtfertigen“. Sie schrieb am Nahost-Beschluss von Halle 2024 mit, und kurz nach ihrem Amtsantritt beantragten Bundesspitze und Landesvorstand den Ausschluss Ramsis Kilanis, der die Hamas „heldenhaft“ genannt hatte. Die Spur verzeichnet aber Grenzfälle im Sinne des Kriteriums der britischen Gleichstellungsbehörde, Vorwürfe pauschal abzuwehren. Bei Lanz nannte sie den Beschluss aus Niedersachsen, der den „real existierenden Zionismus“ ablehnt, „kein Antisemitismus“ und korrigierte sich Tage später mit van Aken: Mit solchen Anträgen gebe es „keine Kompromisse“. Den Neuköllner Fraktionschef Ahmed Abed, der einen israelischen Bürgermeister „Völkermörder“ nannte, verteidigte sie gegen eine „unsägliche Hetzkampagne“. Nach dem Berliner Wahlsieg sprach sie von einer „Kampagne gegen uns mit allen Mitteln“, wer den Vorwurf „so leichtfertig“ erhebe, schwäche den Kampf gegen den realen Antisemitismus. Den Anlass gab es tatsächlich, unter anderem hatte Innenminister Dobrindt die Berliner Spitzenkandidatin in einer Talkshow eine Antisemitin genannt. Ihre Formulierung aber traf alle Kritik. Die Spur verortet die Bundespartei darum zwischen Stufe B und C, zuletzt eher bei B.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

Ines SchwerdtnerEnergiepreiskrise und das…Isabella WeberDenkerVitaTim KlüssendorfDenkerVitaAndreas AudretschDenkerVitaIsabella WeberAntifaschistische…Marco BülowDenkerVitaJan van AkenDenkerVitaElif EralpDenkerVitaTom KrebsWege aus der Krise,…Duldet die Linke…PresseclubWer regiert die Hauptstadt?…StaiyNews: Reiche EXPOSED,…StaiyNews Strafgerichtshof,…

13 gedachte Verweise

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