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Gedankenraum
Zeitgeist·11. Oktober 2026·2:10 h·50 Belegstellen

Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik

Eine Ökonomin holt den Gründungskonsens von 1945 zurück: Wer die Grundbedürfnisse dem Markt überlässt, überlässt die Wut den Rechten. Drei Parteien nicken, die Moderatorin widerspricht.

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Frans Masereel — Der flämische Holzschneider hat in seinen Romanen ohne Worte die Stadt erzählt, ihre Mietskasernen, Fabriken und Märkte, und er stand selbst lebenslang gegen den Faschismus. Seine Hand passt zu einem Buch, das Antifaschismus als Frage der Versorgung buchstabiert. Links sitzen eine Mutter und ihr Kind im Mantel in der kalten Küche, der Gaszähler an der Wand, Eisblumen am Fenster, draußen ziehen ein Privatjet und eine Superjacht vorbei. Rechts öffnet sich ein öffentlicher Kornspeicher auf einen Markt, ein Junge rennt hin, ein alter Mann isst auf den Stufen sein Brot. Ein erster Versuch zeigte eine lange Schlange vor dem Speicher und sah damit nach Mangelwirtschaft aus, genau dem Bild, gegen das Weber sich abgrenzt; der zweite zeigt Fülle ohne Anstehen. Eine eingeschmuggelte Pseudo-Signatur unten rechts wurde übermalt.

Prompt: Wide panoramic woodcut print in the manner of Frans Masereel: bold black-and-white relief carving, strong gouged lines, high contrast, a single accent of muted brick red. One continuous city in three moments. On the left, a cramped cold apartment at night, a mother and child in winter coats at a kitchen table under a bare bulb, an old gas meter on the wall, frost flowers on the window; through the window, far above the rooftops, a small private jet and a superyacht in the harbour glow in cold white light. In the middle, a steep street where neighbours walk out of their doors toward the right, opening their coats, a boy running ahead. On the right, a lively open market square in morning light beside a tall public granary with wide open doors, people chatting, carrying loaves and baskets home, a woman laughing, an old man sitting on the granary steps eating bread, sacks of grain stacked high, a sheaf of wheat carved above the door in red. Warm, generous, no queue. Stylized simplified faces, no realistic faces. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram, no initials anywhere.

Worum es geht

Eine Ökonomin holt den Gründungskonsens von 1945 zurück: Wer die Grundbedürfnisse dem Markt überlässt, überlässt die Wut den Rechten. Isabella Weber stellt in der Berliner Urania ihr Buch vor, das aus einem Tweet in der Nacht nach Trumps Wiederwahl entstand. Ihr Werkzeugkasten reicht von Preisdeckeln in der Krise über öffentliche Lager für Getreide bis zur Vergesellschaftung von Wohnungen, ihr Maßstab ist der erste Artikel des Grundgesetzes. Danach sitzen Grüne, SPD und Linke mit ihr auf dem Podium, drei Parteien, die in Berlin gerade über eine gemeinsame Regierung sprechen, und sie sind sich auffallend einig. Den Widerspruch des Abends liefert die Moderatorin. Er ist nicht der stärkste, der möglich wäre, aber er trifft eine Stelle, an der Webers Argument dünner ist, als der Applaus vermuten lässt.

Quelle: Antifaschistische Wirtschaftspolitik — Buchpremiere und Diskussion mit Isabella M. Weber — Urania Berlin, 05.10.2026, veröffentlicht von der Heinrich-Böll-Stiftung am 08.10.2026, 2:11 Stunden. Gemeinsame Veranstaltung von Böll-, Ebert- und Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Suhrkamp Verlag.

Wer spricht?

Isabella M. Weber (1987 in Nürnberg) — Associate Professor of Economics an der University of Massachusetts Amherst, 2026/27 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Zwei Promotionen, in Cambridge über Chinas Preisreform-Debatte der Achtzigerjahre und an der New School for Social Research. Ihr Buch How China Escaped Shock Therapy (2021, deutsch Das Gespenst der Inflation) machte sie in der Fachwelt bekannt, ein Gastbeitrag über strategische Preiskontrollen im Guardian (Dezember 2021) zur meistgescholtenen Ökonomin des Jahres. 2022 saß sie in der Gaskommission der Bundesregierung, 2025 berief die Regierung Merz sie in die Expertenkommission zur Reform der Schuldenbremse. Ihr Begriff der „Verkäuferinflation“ ist heute Teil der Inflationsdebatte. → DenkerVita

Andreas Audretsch — stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, zuständig für Wirtschaft, Finanzen und Soziales, 2025 Wahlkampfleiter mit Robert Habeck. Kam über das Radio und die Pressestellen zweier Ministerien in die Politik und hat über die Geschichtspolitik der Neuen Rechten geschrieben (Schleichend an die Macht, 2020). → DenkerVita

Tim Klüssendorf — seit Juni 2025 Generalsekretär der SPD, Volkswirt aus Lübeck, Wortführer des linken Flügels und bekannt geworden mit der Forderung nach einer einmaligen Vermögensabgabe. Der Einzige auf dem Podium, dessen Partei im Bund regiert. → DenkerVita

Ines Schwerdtner — seit Oktober 2024 Bundesvorsitzende der Linken, direkt gewählte Abgeordnete für Berlin-Lichtenberg, zuvor Gründungs-Chefredakteurin von Jacobin in Deutschland. Hat Webers Begriff Anfang 2025 als eine der Ersten aufgegriffen und in Parteiprogrammatik übersetzt. → DenkerVita

Moderation: Natascha Freundel, Redakteurin bei rbb Radio 3.


Erste bürgerliche Pflicht

3:12 — Der Titel klinge wie eine Provokation, sagt Natascha Freundel zur Eröffnung, als lebten wir schon unter einer faschistischen Wirtschaftspolitik. Weber antwortet mit ihrer Herkunft. Sie ist in der Nürnberger Altstadt aufgewachsen, die im Krieg zum größten Teil zerstört wurde, in einer Stadt, in der das Reichsparteitagsgelände noch steht und in der die Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt wurden. In den Neunzigern habe man dort öffentlich darüber gestritten, was mit dem Gelände und der großen Straße geschehen soll, die auf die Burg zielt.

„Für mich ist als Kind und als Jugendliche klar gewesen, dass Antifaschist zu sein meine erste bürgerliche Pflicht ist und keine Provokation.“ 7:45

Im Gespräch — 7:45

Freundel legt nach, und ihr Einwand kommt aus der anderen Hälfte Deutschlands. Sie stamme aus einem Land, das den Antifaschismus zur Staatsräson erklärt, sich Diktatur des Proletariats genannt und eine desaströse Wirtschaftspolitik betrieben habe. Der Begriff sei schon einmal missbraucht worden. Weber verneint knapp und erklärt, wie das Buch gebaut ist. Es ist die Antwort auf ihre Jahre in der Politikberatung, in Berlin, in Brüssel und in Washington. Überall habe sie erlebt, dass über Wirtschaftspolitik in einem Raum verhandelt wird und über die Demokratie in einem anderen. Ihr Buch will die beiden Fragen zusammenbringen und eine Wirtschaftspolitik entwerfen, „die sich zum obersten Ziel erklärt, die Demokratie zu schützen und die Menschenwürde ins Zentrum zu setzen“ 6:14. Eine Wunderwaffe sei das nicht.

Die DDR-Frage hätte eine längere Antwort verdient. Der Staatsantifaschismus der DDR war ein Gründungsmythos, der den Bürgern die Last der Vergangenheit abnahm und sie im Westen ablud, und die Planwirtschaft, die er rechtfertigte, scheiterte gerade an der Versorgung mit dem Alltäglichen. Weber will das Gegenteil, eine Wirtschaftspolitik, die sich an der Versorgung messen lässt. Dass ein Wort missbraucht wurde, macht das Anliegen nicht falsch. Es verpflichtet aber dazu, genauer zu sagen, wo die eigene Politik aufhört und wo der Staat anfangen würde, Menschen für ihr Wohl zu verwalten.

Der Gründungskonsens und Hayeks Antwort

9:16 — Der erste Teil des Buches ist Ideengeschichte. Weber fragt, was in den Vierzigerjahren geschah, als der Faschismus besiegt war und man eine Ordnung suchte, die die Demokratie auf Dauer sichern sollte. Ihre Antwort spannt einen weiten Bogen: von Franklin D. Roosevelt über das Ahlener Programm der CDU und den Gewerkschafter Viktor Agartz bis zur Labour Party unter dem Einfluss von Harold Laski. Alle hätten gewusst, dass die Wirtschaft nach dem Krieg die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllen muss. Aus dem Ahlener Programm zitiert sie frei, dass man sich nicht länger dem Profit- und Machtstreben des Kapitalismus unterordnen dürfe und das Wohlergehen des Volkes ins Zentrum gehöre. Dass sie nicht wörtlich zitiert, sagt sie selbst, und der Saal lacht.

Dann der klügste Zug des Abends. Auch der Neoliberalismus, sagt Weber, habe als antifaschistische Wirtschaftspolitik begonnen. Friedrich August von Hayeks Road to Serfdom von 1944 wollte ausdrücklich eine Theorie formulieren, die den Faschismus aufhält. Nur sei seine Antwort gewesen, dass es zwei Möglichkeiten gebe:

„Die eine Alternative ist die Unterordnung unter den Markt und die zweite Alternative ist die Unterordnung unter andere Menschen.“ 10:46

Hören — 10:46

Eine demokratische Gestaltung, die nicht in Herrschaft von Menschen über Menschen mündet, war in diesem Bild nicht vorgesehen. In den Vierzigern sei das eine Randposition gewesen, gefördert von Ford und von Churchill, der rationiertes Papier für den Druck freigegeben habe, gelesen von einer jungen Studentin namens Margaret Thatcher. Erst in den Siebzigern und Achtzigern habe sich die Idee durchgesetzt. Nach Jahrzehnten dieser Leitideologie sei die Bedrohung durch die extreme Rechte so konkret wie seit den Vierzigern nicht mehr. Daraus folgert sie, der Neoliberalismus sei an seinem eigenen Anspruch gescheitert, den Wiederaufstieg autoritärer Kräfte zu verhindern.

Eigene Einschätzung

Der Zug ist elegant, weil er Hayek nicht als Gegner behandelt, sondern als Mitbewerber um dasselbe Ziel. Daran wird er auch messbar. Aber der Schluss vom Zeitpunkt auf die Ursache bleibt ein Schluss: Dass die Rechte nach dem Neoliberalismus wächst, heißt noch nicht, dass sie wegen ihm wächst. Und das Bild der Nachkriegszeit ist vollständiger, wenn man die zweite antifaschistische Antwort dazunimmt, die Deutschland tatsächlich gewählt hat. Die Freiburger Ordoliberalen kamen zum Teil aus dem Widerstand und wollten Marktmacht ebenso brechen wie Staatsmacht. Ludwig Erhard, nicht das Ahlener Programm, prägte die Bundesrepublik. Ausgerechnet Tim Klüssendorf beruft sich später auf genau diese Tradition (→ Nachbesprechung).

Thomas Mann und die Endzeit

13:03 — Freundel stellt die schärfste Frage des ersten Teils. Weber parallelisiere in ihrer Einleitung die Zeit vor hundert Jahren mit heute. Aber 1930 habe in Deutschland Massenelend geherrscht, und schon damals habe Thomas Mann nach der Reichstagswahl, in der die NSDAP zweitstärkste Kraft wurde, in seiner Deutschen Ansprache gesagt, das Ergebnis sei nicht rein wirtschaftlich zu erklären. Es habe viel mit apokalyptischer Rhetorik zu tun gehabt. Weber benutze das Wort „Endzeitfaschismus“, wie Naomi Klein und Astra Taylor, und das sei mit Verlaub selbst apokalyptische Rhetorik.

Weber greift das Wort „rein“ auf. Es gehe ihr nirgends um Monokausalität, nur darum, dass die Wirtschaftspolitik eine Verantwortung trägt. Es gebe Bibliotheken voller Forschung, historisch, statistisch, qualitativ, die zeigten, dass harte Sparpolitik in den Bereichen des Alltags Verunsicherung erzeugt und den Rechten nützt. Dann wird sie grundsätzlich. Die Ökonomik könne zwei Rollen spielen: Experten, die herumstolzieren und erklären, es gebe keine Alternative, oder eine Wissenschaft, die demokratisch gesetzte Ziele umzusetzen hilft. Sie besteht auf der zweiten. Das Apokalyptische sieht sie bei den Rechten, die den Klimawandel leugnen, obwohl viele von ihnen es besser wüssten, und damit die Lebensgrundlage ganzer Gruppen opferten.

Weitergedacht

Weber sagt, die Wirtschaftswissenschaft sei „komplett gleichgeschaltet“ 17:36, es gebe nur eine zulässige Denkschule. Dieselbe Zunft hat ihren Preisdeckel 2022 erst verspottet und dann umgesetzt, und die Regierung Merz hat sie in eine Kommission berufen. Ist „gleichgeschaltet“ das richtige Wort für eine Disziplin, in der eine Außenseiterin binnen drei Jahren von der meistgescholtenen zur gefragtesten Beraterin werden kann, und was verliert ein antifaschistisches Buch, wenn es das Vokabular von 1933 für einen Fachstreit benutzt?

Die sichtbaren Hände

19:54 — Was Weber Profitfundamentalismus nennt, ist der Marktfundamentalismus, betrachtet von unten. Hinter der unsichtbaren Hand, sagt sie, „verbergen sich die sehr sichtbaren Hände sehr großer Unternehmen“ 20:39. Ihr Beispiel ist der Welthandel mit Getreide und Rohstoffen. Ihn betreiben fünf Konzerne, ein chinesisches Staatsunternehmen und die vier privaten, die man nach ihren Anfangsbuchstaben ABCD nennt, Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus. Sie kontrollierten nach ihrer Angabe 70 bis 90 Prozent des Handels. Das Oberste, worauf kapitalistische Unternehmen zielen, sei der Profit, und da sei sie in guter Gesellschaft: Milton Friedman sehe das genauso. Der Saal lacht.

Als Gegenspieler Hayeks führt sie Karl Polanyi ein, dessen Great Transformation im selben Jahr 1944 erschien. Polanyi beschrieb drei Bereiche, in denen die Vorstellung, der Markt organisiere sie, auf einer Lüge beruhe: Arbeit, Land und Geld. Wenn der Lohn steigt, entstehen nicht mehr Menschen, und wenn der Preis für Land steigt, wächst die Natur nicht schneller. Weber übersetzt diese abstrakten „fiktiven Waren“ in konkrete essentielle Güter: Wohnen, Lebensmittel, Energie, Wasser, Transport. Weil gerade dort die Märkte nicht funktionieren können, gerate der Kapitalismus immer wieder in Krisen der Existenzgrundlage. Dann entstehe eine Gegenbewegung, und die könne eine faschistische oder eine demokratische Form annehmen.

Das ist Polanyis berühmte Doppelbewegung, und sie ist der Kern des Buches. Webers Gegenwart passt nur halb in die Schablone der Dreißiger, und sie sagt das selbst. Es gibt keine Massenarbeitslosigkeit und keine Große Depression. Aber es gibt eine Natur, die kippt, eine Weltordnung, die zerfällt, und Schocks, in denen die Existenzgrundlage vieler wackelt. Der Gedanke ist gut gewählt, weil er die Frage verschiebt. Polanyi fragt, wer die Gegenbewegung anführt, wenn der Markt die Menschen im Stich lässt, und ob die Demokraten zuerst da sind.

Zeit kaufen

26:00 — Der konkreteste Teil handelt von Schocks. Wenn nach dem russischen Angriff auf die Ukraine oder jetzt nach dem amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran die Energie knapp wird und man darauf besteht, dass allein der Preis sie verteilt, dann entscheidet man, „dass die einen immer noch mit dem Privatjet fliegen können und mit der Superjacht herumdüsen können und die anderen sich ihre grundlegendsten Dinge nicht mehr leisten können“ 26:46. Wer nicht genug Kaufkraft hat, dessen Lebensgrundlage werde zum Kollateralschaden des Marktes erklärt.

Dagegen setzt Weber strategische Preiskontrollen für essentielle Güter. Das Wort „strategisch“ ist ihr wichtig. Einen dauerhaften Deckel auf alles will sie nicht. Gemeint sind Eingriffe in Schockmomenten, die Zeit kaufen für den Umbau, der die Ursache beseitigt. Schocks seien in der Vielfachkrise nicht mehr zufällig und von außen, sie seien strukturell geworden; man wisse nicht, welcher als Nächstes kommt, nur dass er kommt. Bei der Energie heißt das: Preise stabilisieren und zugleich in großem Stil in Erneuerbare investieren, ohne die Machtkonzentration der fossilen Welt zu wiederholen. Beim Wohnen: kurzfristig Mietdeckel, langfristig weniger Eigentum in der Hand weniger Konzerne und ein Neubau, der grün baut.

Freundel fragt nach der neuen Weltwirtschaftsordnung am Ende des Buches, und Weber antwortet mit dem Bild einer Zwiebel der Bezahlbarkeit. Die innere Haut ist die Bezahlbarkeit selbst, die nächste der Klimaschutz. Dann folgt die Makroökonomie: Wer auf jeden Preisschock mit Zinserhöhungen antwortet, verteuert die Kredite für genau die Investitionen, die man braucht. Stabilisiert man die Preise der essentiellen Güter direkt, gewinnt man Raum für eine andere Beschäftigungspolitik. Die äußerste Haut sind Frieden und Handel. Zwischen einem Freihandel, dessen Verträge von Großkanzleien geschrieben werden, und Trumps Zöllen nach Gutdünken, mit Insidergeschäften für seine Vertrauten, müsse es einen dritten Weg geben. Ihr Beispiel stammt von Henry Wallace, Roosevelts Landwirtschaftsminister, der nach der Großen Depression die Ever-Normal Granary einführte und nach dem Krieg mit Keynes für öffentliche, multilaterale Pufferlager für Rohstoffe warb: kaufen, wenn die Nachfrage schwach ist, verkaufen, wenn sie hoch ist. Für die G20 habe sie mit Kolleginnen ausgearbeitet, wie regionale Lebensmittellager in Afrika aussehen könnten.

Die Sicherheitspolitik streift sie mit einer Rechnung. Wenn die Schuldenbremse nur für das Militär ausgesetzt wird, entstehe ein Spardruck auf alles andere, gegen den die heutigen Reformdebatten harmlos wirken würden. Nach dem Finanzplan fließen 2030 rund vierzig Prozent des Bundeshaushalts in Verteidigung und Zinsen zusammen; im Transkript klingt es, als seien es die Zinsen allein (→ Faktencheck). Und wer mit Leuten aus der Bundeswehr spreche, höre oft dasselbe: Eine Armee funktioniere nur, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass der Staat auch für sie da ist.

Weitergedacht

Ein Preisdeckel kauft Zeit, aber Zeit muss man nutzen. Die Gaspreisbremse von 2022 lief aus, die Abhängigkeit von importiertem Gas blieb, und vier Jahre später steht Europa im nächsten Energieschock. Wer garantiert, dass die gekaufte Zeit in den Umbau fließt und nicht in die Gewohnheit, beim nächsten Schock wieder zu deckeln?

Die Nächte in der Gaskommission

43:01 — Nach vierzig Minuten kommen die drei Politiker auf die Bühne. Die drei Stiftungen, die den Abend ausrichten, gehören zu den Parteien, die in Berlin nach der Abgeordnetenhauswahl gerade vorsondieren. Ines Schwerdtner erzählt von Webers Tweet nach Trumps Sieg. Alle seien schockiert gewesen, und dann komme immer ein „hilfloser Antifaschismus“, der moralisiert und fragt, wie das nur sein könne 44:34. Sie könne die Frage nicht mehr hören. Weber habe einfach gesagt, die Menschen hätten unter der Inflation gelitten, und was Biden getan habe, habe nicht gereicht.

Tim Klüssendorf, der Sozialdemokrat, findet sich im Begriff wieder und setzt einen eigenen Akzent. Es sei ihm „manchmal ein bisschen zu wenig, wenn alle progressiven Kräfte sich nur noch gegen etwas äußern und nicht mehr für etwas“ 46:50. Das Buch sage zum Glück auch, wofür: ein bezahlbares Leben, die Grundlage dafür, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt. Andreas Audretsch erinnert an die Zeit nach dem Überfall auf die Ukraine, als die Gaspreise durch die Decke gingen und die Regierung monatelang rang, wie man Menschen entlastet, die mit ihren Rechnungen nicht mehr klarkamen. Die FDP saß mit am Tisch. „Wir haben sie einfach gedeckelt am Ende, weil es klar war, es geht nicht mehr“ 56:45. Er sagt aber auch, dass der Weg dorthin wochenlang Leid kostete.

Weber hat für den Verlag ihr Buch in zehn Worten zusammenfassen müssen, was ihr nach 350 Seiten schwerfiel:

„Antifaschistische Wirtschaftspolitik bedeutet für mich, die Alternative zu einem unerträglichen Status quo nicht länger den Rechten zu überlassen.“ 51:23

Im Gespräch — 51:23

Von den nächtlichen Sitzungen im kalten Saal des Wirtschaftsministeriums erzählt sie ohne Verklärung. Man habe sich bis aufs Blut gestritten, es sei hässlich gewesen, aber es habe einen Grundkonsens der Handlungsfähigkeit gegeben. In den Umfragen habe die Zustimmung zur AfD danach stagniert. Handlungsfähigkeit ist ihr Schlüsselwort, und ihre Beispiele sind bewusst klein: Gehwege, die im Winter geräumt sind, damit alte Menschen sich aus dem Haus trauen, und ein Arzt, der auf dem Land in einer halben Stunde erreichbar ist. Solche Fragen lassen sich mit den Menschen besprechen, sagt sie, dafür braucht es keine Expertenherrschaft.

Schwerdtner liefert die Finanzierung, nach der Freundel fragt. Wenn die Schuldenbremse nur fürs Militär ausgesetzt ist, entstehe Kürzungsdruck auf den Sozialstaat. Also müsse man sie reformieren und die Superreichen zahlen lassen, über eine Vermögensteuer und höhere Beiträge. Freundel hält dagegen, dass es das Sondervermögen von 500 Milliarden für Infrastruktur und Klimaschutz doch gebe, mitgetragen von SPD und Grünen. Klüssendorf antwortet, die Schulden seien längst da gewesen, nur nicht in den Büchern: Jede marode Schule und jede kaputte Brücke sei eine Schuld der Vergangenheit. Freundel fragt zurück, warum seine Partei sie nicht früher aufgenommen habe, als das Geld billig war. Er räumt ein, das sei der große Fehler gewesen, und gibt damit der eigenen Partei eine Mitschuld.

Die Dramatik, die Freundel nicht sieht

65:07 — Weil auf der Bühne große Einigkeit herrscht, will Freundel den Stachel setzen, und es wird der stärkste Moment des Abends. Vielleicht ginge es ihr anders, wenn sie in den USA lebte, wo viele Menschen Lebensmittel auf Kredit kaufen. Webers Buch sei für amerikanische Leser geschrieben.

„Ich sehe die Dramatik, die Sie beschreiben in Ihrem Buch, für Deutschland nicht. Wir leben immer noch in einem der freiesten, sozialsten, wirtschaftlich stärksten Länder der Welt.“ 65:54

Hören — 65:54

Weber antwortet mit Statistik. Die Inflation habe den größten Reallohneinbruch der Nachkriegszeit gebracht. Menschen gingen jeden Tag arbeiten, ihr Nominallohn blieb, wo er war, und Lebensmittel, Energie, Wohnen und Transport wurden so teuer, dass ihr Lebensstandard sank. Das sei der Durchschnitt. Wer wenig verdient, gibt fast alles für diese Güter aus, und genau dort, in der unteren Hälfte der Einkommen, leben viele Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD gerade gewonnen hat.

Dann präzisiert sie einen Punkt, der in der Linken oft untergeht. Es gehe nicht einfach um mehr Staatsausgaben. Man könne viel öffentliches Geld ausgeben und damit die Übergewinne konzentrierter Märkte finanzieren, etwa indem man Wohngeld zahlt, statt Mieten zu deckeln und öffentlich zu bauen. Oder indem man Schulgebäude verkauft und zurückmietet. Ein Neffe, mit dem sie fürs Abitur lernte, habe das so gesagt: Das mache den Staat zum Mieter. „Wenn der Staat zum Mieter wird, dann wird er eben genau der, der die Rendite von anderen zahlt“ 69:40.

Für die Verbindung zur AfD nennt sie zwei Studien, eine, nach der jeder Euro Mietanstieg die AfD-Zustimmung in den unteren Einkommensgruppen um vier Prozent erhöhe, und eine der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Daseinsvorsorge und AfD-Wahl (→ Faktencheck). Und sie beschreibt einen Mechanismus, der über das Geld hinausgeht. Den Menschen sei jahrzehntelang erzählt worden, ihr Wert bemesse sich am Markt. Wer dort versagt, dem bricht der Selbstwert weg, und dann wirke die Erzählung: Du bist weiß, du bist deutsch, deswegen bist du etwas wert, und nur die unfaire Konkurrenz von Frauen, Schwulen, Behinderten und Migranten hält dich unten. Gar nicht so irrational, sagt sie, wenn man in dieser Logik denkt (→ Markt und Selbstwert).

Audretsch ergänzt, die Rechte mache aus dem Konflikt zwischen oben und unten einen Kampf von Gruppe gegen Gruppe, und dann sei es gleichgültig, welche Wirtschaftspolitik sie betreibt. Er verteidigt den relativen Armutsbegriff gegen den Vergleich mit Ländern, in denen Kalorien gezählt werden: Arm ist, wer sich den Kaffee um die Ecke nicht mehr leisten kann, den die anderen trinken. Und er nennt die Gegenwart. Die Inflation springe wieder, drei bis vier Prozent, bei Energie um die fünfzehn. Die Grünen hätten eine Übergewinnsteuer und Direktzahlungen auf die Konten der Menschen vorgeschlagen, und zugleich eine Perspektive: weg von Öl und Gas, weg von Trumps und Putins Kriegen.

Eigene Einschätzung

Freundels Einwand ist berechtigt und Webers Antwort auch, weil beide über verschiedene Dinge reden. Deutschland ist im Weltvergleich reich und sozial abgesichert. Und zugleich haben die Reallöhne 2022 um vier Prozent verloren, so viel wie in keinem Jahr der heutigen Statistik, und bei den Ärmeren wog es am schwersten. Die Wut kommt aus dem Vergleich mit dem eigenen Leben von gestern. Ein Land kann objektiv gut dastehen und von vielen als Abstieg erlebt werden. Auf dem Podium nennt Weber ihre Zahlen ohne Quelle, und fast alle haben eine, aber oft in einer größeren Fassung, als die Quelle hergibt. Die „vier Prozent je Euro“ sind Prozentpunkte der AfD-Neigung bei Mietern mit sehr kleinem Einkommen, wenn die Marktmiete im Viertel um einen Euro je Quadratmeter steigt, bei einer kleinen Wohnung also um sechzig, siebzig Euro im Monat (→ Markt und Selbstwert). Auch der Reallohneinbruch war real, und doch haben die Löhne 2024 und 2025 das meiste wieder aufgeholt. Ein Buch, das gegen Expertenherrschaft argumentiert, darf solche Präzisierungen nicht dem Leser überlassen.

Berlin und der Artikel 15

77:24 — Dann kommt die Frage, die alle erwartet haben: die Vergesellschaftung der großen Wohnungskonzerne in Berlin, für die beim Volksentscheid 2021 über eine Million Berlinerinnen und Berliner gestimmt haben. Klüssendorf antwortet vorsichtig, weil im Saal Journalisten sitzen und die Berliner Genossen verhandeln. Den Streit um Antisemitismus, der die Gespräche mit der Linken ebenfalls belastet, klammert er für den Abend ausdrücklich aus. Grundsätzlich habe er keine Berührungsängste. Die SPD habe in den Siebzigern und Achtzigern selbst darüber gestritten, ob Grund und Boden als begrenztes Gut in private Hände gehört. Nach den Landtagswahlen im März sei die Partei als „Bürgergeldpartei“ beschimpft worden, und dahinter stehe ein Irrweg der neoliberalen Jahre: Man privatisierte Wasser, Netze, Wohnungen, Nahverkehr und Pflege, merkte, dass die Ergebnisse nicht reichen, und baute dann Transfers, statt die Ordnung zurückzuholen. Darum sei er für den Mietendeckel. In Berlin halte die SPD ihn für wirksamer als eine Vergesellschaftung, deren Kosten noch niemand absehen könne.

Weber führt den Artikel 15 des Grundgesetzes auf den Gründungskonsens zurück: Eigentum soll der Allgemeinheit dienen, und wo es das nicht tut, muss Vergesellschaftung möglich sein. Für Berlin beruft sie sich auf eine Studie des gewerkschaftsnahen IMK, deren Autor Sebastian Dullien ihr Koautor ist. Bei einer Entschädigung von 13,5 Milliarden sei das finanzierbar. Der Vorteil sei die sofortige Entlastung für einen großen Teil der Wohnungen, und wenn ein großer Teil der Mieten sinkt, wirke das auf den ganzen Markt. Neubau brauche man trotzdem, öffentlich und privat. Ihr Bild: Berlin als Hauptstadt des grünen, bezahlbaren Wohnens, weil CO₂-Preise bei Mietshäusern nicht funktionieren.

Freundel zitiert Marcel Fratzscher: Durch Enteignung entstehe keine einzige neue Wohnung. Schwerdtner nennt das eine Fangfrage. Das wisse man. Der Witz sei, dass die Wohnungen nicht länger zehn großen Konzernen gehören sollen.

„Die Idee der Vergesellschaftung ist ja nicht Verstaatlichung, sondern zu sagen, die Mieterinnen und Mieter können selber mitentscheiden, wie investiert wird.“ 89:01

Im Gespräch — 89:01

Für die Linke sei das eine Frage der Selbstwirksamkeit, und wer nicht umsetzen wolle, was eine Million Menschen beschlossen haben, müsse sich erklären, nicht sie. Audretsch, dessen Wahlkreis in Neukölln liegt, bleibt der Nüchternste. Man nehme den Volksentscheid ernst, aber es werde nicht schnell gehen, es werde jahrelang vor Gericht gestritten, sicher bis nach Karlsruhe. Parallel könne man über ein Wohnungswirtschaftsgesetz des Landes den Konzernen harte Auflagen machen. Sein Beispiel ist die Weiße Siedlung der Adler Group in seinem Wahlkreis: Die Aufzüge fahren nicht, in leeren Wohnungen nisten Tauben, nebenan wohnen Menschen. Man solle den Weg der Vergesellschaftung gehen, „im Wissen, dass es kein Spaziergang wird“ 93:58.

Die Finanzierungsfrage hat Tom Krebs bei Jung & Naiv ausführlicher durchgerechnet, und dort steht auch, warum die Spanne der Schätzungen so groß ist.

Was der Abend nicht verhandelt

Auf der Bühne sitzt niemand, der Preisdeckel für einen Fehler hält, und die Moderatorin kann diese Rolle nur halb übernehmen. So bleiben die Einwände unerwähnt, die eine Ökonomin wie Veronika Grimm, die 2022 mit Weber in derselben Kommission saß, sofort genannt hätte: Ein Deckel kann bei echter Knappheit den Mangel vergrößern, er hilft den Reichen mit, wenn er nicht begrenzt ist, und er ist teuer. Weber kennt diese Einwände, die Gaspreisbremse war gerade deshalb so gebaut, dass nur ein Grundkontingent verbilligt wurde und jede weitere Kilowattstunde den vollen Preis kostete. Gesagt wird es an diesem Abend nicht.

Interessanter sind die Risse, die zwischen den Gästen aufscheinen, ohne dass jemand sie ausspricht. Audretsch beklagt am Ende, dass China mit Dumpingpreisen die deutsche Solarindustrie zerstört habe, und will die Jobs der Zukunft „hier in Deutschland“ halten. Weber besteht kurz darauf darauf, dass antifaschistische Wirtschaftspolitik internationalistisch sein muss: Wer die Hungernden in Simbabwe zum Kollateralschaden erklärt, habe sich schon in faschistische Logik eingekauft. Zwischen Industrieschutz und Internationalismus liegt ein echter Konflikt, und auf dem Podium wird er nicht ausgetragen. Klüssendorf nennt den Tankrabatt seiner Regierung „ordnungspolitisch Quatsch“ und verteidigt ihn trotzdem. Und Audretsch sagt offen, dass die drei Parteien in der Außenpolitik „dezidierte Unterschiede“ haben. Die Einigkeit des Abends gilt dem Problem, bei den Wegen ist sie dünner.

Auffällig ist auch, wie jede Partei ihre eigene Regierungszeit erzählt. Audretsch schildert die Gaspreisbremse als Sieg über die zögernde FDP und lässt aus, dass das grün geführte Wirtschaftsministerium im Sommer 2022 zuerst eine Gasumlage betrieb, die die Preise weiter erhöht hätte. Klüssendorf sagt, man habe an der schwarzen Null festgehalten, und meint damit auch Olaf Scholz, der sie als Finanzminister eine große Leistung nannte. Beide, Klüssendorf und Schwerdtner, beklagen die Privatisierung und wollen die Wohnungen der Konzerne zurück; die GSW mit rund 65.000 Berliner Wohnungen hat 2004 ein Senat aus SPD und PDS verkauft, und über Umwege landete sie bei der Deutsche Wohnen. Den gescheiterten Mietendeckel schreibt Schwerdtner den klagenden Konservativen zu, gekippt hat ihn das Verfassungsgericht einstimmig, weil Berlin nicht zuständig war (→ Faktencheck). Die Selbstkritik des Abends ist echt. Sie bleibt im Passiv.

Weitergedacht

Webers Antifaschismus misst Politik an der Würde aller Menschen, auch der in Simbabwe. Audretschs Industriepolitik misst sie an Arbeitsplätzen in Europa. Kann eine Wirtschaftspolitik beides zugleich versprechen, und wessen Würde gibt im Konfliktfall nach?


Publikumsfragen

Freundel sammelt die Fragen in zwei Runden zu je drei, das Mikrofon wandert durch den Saal. Zu Beginn sieht sie „leider nur Männer“ mit erhobener Hand; die zweite Runde gehört dann ganz den Frauen. Die Antworten kommen von allen vier, oft quer zueinander.

Bleibt das nicht Symptombekämpfung? Gibt es strukturelle Ansätze? 94:46 — Weber antwortet mit dem Begriff, der ihr Programm am besten fasst. Man habe sich zu lange auf die ideale Gesellschaft auf der einen und die Kritik am Status quo auf der anderen Seite konzentriert und den Raum dazwischen vergessen. Sie wirbt für einen „radikalen Gradualismus“ 97:50: radikal, weil er nicht locker lässt, graduell, weil, mit Zohran Mamdani gesprochen, jedes geflickte Schlagloch ein Schritt in die richtige Richtung ist. Dann nennt sie, was der Abend bis dahin ausgespart hat, die Machtfrage. Wem gehört das Wasser, wer kontrolliert den Wohnungsmarkt, wer die Kommunikationsinfrastruktur? Jede öffentliche Option in einem essentiellen Bereich sei eine Machtkorrektur, dazu brauche es Steuern, Kartellrecht und Maßnahmen gegen Konzentration.

Warum Preise deckeln statt an die Menge zu gehen? 95:32 — Ein Zuhörer fragt mit Blick auf den Tankrabatt, ob man nicht besser die Mengen steuern sollte. Klüssendorf beginnt bei der Nachfrage: E-Autos und Wärmewende sollen den fossilen Verbrauch ohnehin senken, das sei Mengenpolitik auf lange Sicht. Für den Moment beschreibt er eine Stufenleiter. Die grundsätzliche Lösung wäre, Konzerne zu zerschlagen, darunter kommt die Preisobergrenze, und ganz unten der Tankrabatt, der am schnellsten hilft und „eigentlich ordnungspolitisch Quatsch ist“ 101:37. Menschen auf dem Land, die aufs Auto angewiesen sind, könnten nicht einfach weniger tanken, darum lande man bei solchen Paketen. Weber gibt dem Fragenden halb recht: Wer in echter Knappheit Preise deckelt, muss auch an die Menge. Ein teureres Deutschlandticket mitten in der Energiekrise sei das Falsche, kostenloser Nahverkehr und ein Tempolimit das Richtige. Und die Mengenfrage gehöre auch an die Reichen gestellt: Privatjets und Superjachten sollten in einer Klimakrise schlicht verboten sein. Der Saal applaudiert, auf der Bühne wird genickt, und Freundel fragt, ob das nun gemeinsame Wirtschaftspolitik über Parteigrenzen sei. Vom Podium kommt unter Gelächter: „Es sitzen Journalisten hier. Ich muss meine Worte schon selber wählen.“ Audretsch fügt an, Trump habe die EU gerade erpresst, Diesel auf den Weltmarkt freizugeben, damit vor den Midterms die Preise sinken. Dezentrale Energie, das Solardach und die kommunale Wärme, sei darum auch eine Machtfrage.

Sollten sich die drei Parteien zu einem progressiven Block zusammenschließen? 96:18 — Audretsch will den Parteien ihre Unterschiede lassen. Grüne, SPD und Linke sprächen verschiedene Gruppen an, und in der Außenpolitik trennten sie klare Differenzen. Die Tür für ein grün-rot-rotes Bündnis stehe offen, aber mit Bedingungen. Schwerdtner wehrt die Idee eines Blocks als „letzte Patrone“ gegen die AfD ab. Im Berliner Wahlkampf habe ihre Partei die Leute gefragt, was sie interessiert, heraus kamen Mieten und, zur Überraschung aller, der Müll. Über Konstellationen wollten die meisten nicht reden. Wenn es am Ende reiche, um wirklich etwas zu verändern, dann solle man die Letzten sein, die sich scheuen. Wer es versemmele, mache die Rechten in fünf Jahren noch stärker.

KI, Vermögen und eine Tarifautonomie, die ins Leere läuft 109:59 — Eine Verhandlungsführerin von Verdi für große Techunternehmen bringt zwei Themen, die gefehlt haben. Das erste ist die künstliche Intelligenz: Dass neue Jobs entstehen, sei die Sicht des Gesamtkapitals, den einzelnen Kolleginnen helfe das wenig, darum gehöre die Umverteilung der Vermögensgewinne auf den Tisch. Das zweite ist die Tarifautonomie aus Artikel 9 des Grundgesetzes, die als Gegengewicht zum Markt gedacht ist und in einer internationalisierten Konzernwelt ins Leere laufe. Weber nennt das Training der großen Sprachmodelle einen Raubbau an der geistigen Produktion der Menschheit, ganze Bibliotheken seien eingescannt und dabei oft zerstört worden. Sie zitiert frei Sam Altman, die KI könne zur Auslöschung führen, aber auf dem Weg dahin habe man gute Geschäfte gemacht. Wem gehört unser Wissen? Sie fordert, Wissensproduktion öffentlich und dekommodifiziert zu organisieren, und will den Begriff der Vollbeschäftigung zurück ins Zentrum holen, mit tarifgebundenen Jobs in der Daseinsvorsorge. Schwerdtner sieht auch hier die Eigentumsfrage: KI dürfe man nicht wenigen Konzernen überlassen, schon gar nicht Elon Musk, und nur die Selbstorganisation in Gewerkschaften verhindere, dass die Umwälzung einfach über die Menschen hinwegrollt. Mit anderen Eigentumsverhältnissen könnte der technische Fortschritt dazu dienen, Arbeit anders zu verteilen; so wie die Macht heute liegt, bleibe nur die apokalyptische Erzählung. Klüssendorf fragt nach der Finanzierung der Sozialversicherung, wenn menschliche Arbeit teuer und Maschinenarbeit billig wird. Statt der alten Maschinensteuer will er grundsätzlich klären, ob Rente, Kranken- und Pflegeversicherung noch allein an der Erwerbsarbeit hängen können.

Genossenschaften und solidarische Wirtschaft 111:30 — Eine Französin erzählt, dass die soziale und solidarische Wirtschaft in Frankreich staatlich bevorzugt wird und einen beträchtlichen Teil der Wirtschaft ausmacht, sie nennt 14 Prozent (nach den gängigen Zahlen sind das eher rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung und 14 Prozent der privaten Beschäftigung). Dann erinnert sie an etwas, das in Deutschland vergessen sei: Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es hier einen „irren Genossenschaftsboom“ gegeben. Damit holt sie aus dem Saal den Gründungskonsens zurück, den Weber zu Beginn des Abends über Roosevelt, das Ahlener Programm und Agartz erzählt hatte, nur von unten: als gelebte Wirtschaftsform statt als Programm. Audretsch antwortet, die Kreislaufwirtschaft sei einst ein Thema der Genossenschaften gewesen und heute Stand der Technik in Großkonzernen. In der Ampel habe man versucht, Förderprogramme des Wirtschaftsministeriums für Genossenschaften zu öffnen, mit der FDP sei das nur in Teilen gelungen. Freundel wirft ein, VW habe gerade angekündigt, fast alle Tarifverträge zu kündigen, und die Regierung schaue machtlos zu. Audretsch nennt den Fall seinen Trigger: Die deutsche Autoindustrie habe nur eine Chance, wenn man das Dumping aus China unterbinde. Er habe ein „Trauma aus der Ampelzeit“, weil die letzte große Solarfabrik, Meyer Burger, nicht zu halten gewesen sei. Beim Europäischen Rat am 15. und 16. Oktober gehe es um die Antwort auf den „zweiten Chinaschock“. Ein Konzern kündigt seine Tarifverträge, und die Antwort auf dem Podium handelt von Konkurrenz aus China. Damit ist die Frage nach der Tarifautonomie vom Tisch, ohne dass jemand sie beantwortet hätte, und die nach der Umverteilung der KI-Gewinne auch. Klüssendorfs Gedanke, die Sozialkassen an der Wertschöpfung statt an der Erwerbsarbeit zu bemessen, kommt ihr am nächsten. Für einen Abend, der Wirtschaftspolitik von den Grundbedürfnissen her denkt, ist das die auffälligste Lücke: Wie Beschäftigte ihre Löhne gegen einen Konzern durchsetzen, der sich der nationalen Ordnung entzieht, beantwortet keiner der vier.

Der Nationalstaat als Bezugsrahmen 112:16 — Eine Zuhörerin, die sich als Anna Weber vorstellt, „nicht verwandt und nicht verschwägert“, fragt, ob der Nationalstaat nicht selbst die Verrohung erzeuge, wenn er bestimmt, wer dazugehört und wen man an den Grenzen sterben lässt. Ihr Beispiel sind die Impfstoffpatente in der Pandemie, bei denen Deutschland nationale Wirtschaftsinteressen über eine solidarische Lösung stellte. Klüssendorf antwortet mit einem Plädoyer für Europa: Vieles sei national nicht mehr lösbar, und Deutschland habe sein exportabhängiges Geschäftsmodell teils auf Kosten anderer gelebt. Weber nimmt die Frage in ihr Schlusswort auf. Ihr Programm sei ausdrücklich internationalistisch, sonst kippe es in die Logik, die es bekämpft.

Wie realistisch ist das alles? 127:31 — Freundels letzte Frage beantwortet Weber mit einer Geschichte. Vor zehn Tagen habe sie auf Einladung von Zohran Mamdani bei der Urban 20 gesprochen, einem Treffen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern aus aller Welt. Danach hätten viele erzählt, was sie in ihren Städten schon tun. Umsetzbarkeit sei darum keine abstrakte Frage. Es gehe darum, laufende Experimente von der Kommune auf die nationale, europäische und internationale Ebene zu übertragen. Zum Schluss kündigt sie ein Institut an, Essential Economics, mit einer Plattform für antifaschistische Wirtschaftspolitik, und lädt alle Parteien ein, mitzumachen. Hoffnung, sagt sie, führe aus der Krise.


Nachbesprechung

Drei Behauptungen des Abends reichen weiter als der Abend. Hier steht, was man über das Gesagte hinaus weiß, und wo es mit anderen Stimmen weitergeht.

Ahlen oder Erhard?

9:16 — Webers Zeugen lassen sich nachlesen. Das Ahlener Programm, das der Zonenausschuss der CDU in der britischen Zone am 3. Februar 1947 beschloss, beginnt mit dem Satz: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“ Gesucht sei eine Ordnung, „die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht“, Ziel aller Wirtschaft sei „die Bedarfsdeckung des Volkes“ (Wortlaut). Ihre freie Paraphrase trifft das fast wörtlich. Und der Moment reichte weit über die Union hinaus. In Hessen stimmten am 1. Dezember 1946 rund 72 Prozent für den Sozialisierungsartikel 41 der Landesverfassung, den die amerikanische Militärregierung dann auf Eis legte (Hessischer Landesatlas). Am 12. November 1948 streikten nach Gewerkschaftsangaben gut neun Millionen Menschen in der Bizone gegen Erhards Preisfreigabe und für Gemeineigentum an Grundstoffen (Roesler, RLS).

Derselbe Text zeigt die Grenze. Ahlen verlangt Kartellgesetze und ein „machtverteilendes Prinzip“ und warnt, der private Kapitalismus dürfe nicht durch einen Staatskapitalismus ersetzt werden, der „noch gefährlicher“ wäre. Adenauer, der die Beschlüsse vorbereitet hatte, richtete sie ausdrücklich „gegen die Sozialisierungsbestrebungen der SPD“ (KAS). Im Juli 1949 traten die Düsseldorfer Leitsätze mit Erhards Sozialer Marktwirtschaft an seine Stelle, und mit ihnen gewann die Union knapp die erste Bundestagswahl. Der Gründungskonsens war ein Streit, und den gewann die andere Seite. Den Artikel 15 nahm der Parlamentarische Rat aus der Weimarer Verfassung (Art. 156) herüber, angewandt hat ihn bis heute niemand.

Auch die andere Seite antwortete auf den Faschismus. Walter Eucken, Adolf Lampe und Constantin von Dietze schrieben 1942/43 für den Kreis um Dietrich Bonhoeffer eine Denkschrift über die Ordnung nach Hitler; Lampe und von Dietze wurden nach dem 20. Juli verhaftet (Universität Utrecht). Ihre Furcht galt der privaten Macht so sehr wie dem Staat, und Erhards Marktwirtschaft kannte Festpreise: Konsumbrot gab es bis 1953, Textilien und Schuhe im „Jedermann-Programm“, und das Preisgesetz von 1948 gilt bis heute (PreisG). Klüssendorf beruft sich also zu Recht auf diese Tradition, und Webers Preisbremse steht ihr näher, als beide Lager zugeben. Die Forschung liest die Ordoliberalen inzwischen als eigene Erzählung der großen Transformation, mit Polanyis Frage nach der Macht im Zentrum (Fevre 2026, doi:10.1080/01916599.2026.2634682). Ob sie zugleich „autoritäre Liberale“ waren, die den starken Staat nur gegen die Demokratie wollten (Bonefeld 2017, doi:10.1177/0896920516662695), ist gerade für Eucken umstritten (Köhler & Nientiedt 2021, doi:10.1007/s11127-021-00876-z). Ein Schatten bleibt: Alfred Müller-Armack, der den Namen Soziale Marktwirtschaft erfand, trat 1933 der NSDAP bei (KAS).

Bei Hayek stimmt die Richtung, die Einzelheiten wackeln. Politisch stand er 1945 am Rand, als Autor nicht: Reader's Digest druckte im April 1945 eine Kurzfassung in Millionenauflage, General Motors verteilte eine Comic-Fassung. Das rationierte Papier bot ihm die konservative Parteizentrale an, gedruckt wurde zu spät; Churchills berüchtigte „Gestapo-Rede“ im Wahlkampf vom Juni 1945 klang nach Hayek, und Attlee nannte ihn am Abend darauf beim Namen (Shearmur 2006, doi:10.1080/10427710600857807). Eine Förderung durch Ford ist nicht belegt. Quinn Slobodian zieht die Linie bis heute: Die neue Rechte wachse aus Mutationen des Neoliberalismus selbst (Hayek's Bastards, 2025; Buchforum doi:10.32422/cjir.1991). Das stützt Webers Befund von einer anderen Seite.

Die Reibung

Ahlen und Freiburg zogen aus demselben Trümmerfeld dieselbe Lehre: Wirtschaftliche Macht gefährdet die Freiheit. Gestritten wurde darüber, wer sie brechen soll, Gemeineigentum oder Wettbewerb. Wenn Weber und Klüssendorf sich auf beide berufen, ist der Gründungskonsens dann eher ein gemeinsamer Gegner als ein gemeinsames Programm?

Noch führt diese Frage in kein Panorama. Im Bestand äußern sich dazu Alex Demirović und Isabell Lorey (die Bundesrepublik als antifaschistisches Projekt der Ordoliberalen), Clara Mattei (Liberale als Verbündete Mussolinis), Klaus Dörre (Hellers autoritärer Liberalismus) und Sven Beckert (die Soziale Marktwirtschaft als Umtaufe). Kommt eine Stimme dazu, wäre das der Anfang eines Panoramas „Welche Wirtschaft schützt vor dem Faschismus?“.

Wirken Preisdeckel?

28:18 — Weber nennt ihre Preiskontrollen strategisch, und die Geschichte gibt dem Wort recht, solange man es ernst nimmt. Im Zweiten Weltkrieg hielt das amerikanische Office of Price Administration die Preise jahrelang, dazu gab es Lebensmittelmarken, und Freiwillige prüften in den Läden die Preise (Jacobs 1997, doi:10.2307/2953088). Der Wirtschaftshistoriker Hugh Rockoff zieht daraus eine nüchterne Bilanz: Im Krieg und mit Rationierung trugen die Kontrollen, je länger sie liefen und je mehr Nachfrage dagegen drückte, desto größer wurden Schwarzmarkt und versteckte Qualitätsverluste (Rockoff 1984, doi:10.1017/cbo9780511600999). Nixons Preisstopp von 1971 drückte das Preisniveau um drei bis vier Prozent, nach dem Ende holten die Preise den Abstand fast ganz auf (Blinder & Newton 1981, doi:10.1016/0304-3932(81)90002-7). Gekaufte Zeit verfällt, wenn man sie nicht nutzt.

Die Gaspreisbremse von 2022 hielt ihr Versprechen beim Geld. Von rund 83 Milliarden Euro, die für Gas und Strom bereitstanden, flossen etwa 34 Milliarden ab, weil die Großhandelspreise fielen (ZfK). Ihr Kern war das Grundkontingent von 80 Prozent, das den Sparanreiz erhalten sollte, und gespart wurde tatsächlich: Im zweiten Halbjahr 2022 lag der Gasverbrauch 23 Prozent unter dem temperaturbereinigten Niveau (Ruhnau et al. 2023, doi:10.1038/s41560-023-01260-5). Ein Feldexperiment fand aber, dass die meisten Haushalte den Anreiz der Bremse gar nicht verstanden, und wer ihn verstand, reagierte trotzdem nicht; gespart wurde aus dem Gefühl der Krise (Dertwinkel-Kalt et al. 2024, doi:10.1073/pnas.2411740121). Das spricht für Weber, denn ein freier Preis teilt Gas unter Haushalten kaum zu, er lastet vor allem auf der Rechnung (Preiselastizität −0,04, Jamissen et al. 2024, doi:10.1007/s12053-024-10284-z). Schwerer wiegt ein Vergleich mit Österreich: Die etablierten Versorger hoben ihre Tarife unter der Bremse kräftig an, weil der Staat die Differenz bezahlte (Brunninger et al. 2026, doi:10.1016/j.ijindorg.2026.103309). Die Marktmacht, gegen die Weber den Deckel setzt, hat den Deckel selbst gemolken.

Anderswo half der Eingriff nachweisbar. Die iberische Ausnahme senkte den Strompreis an der Börse um rund 40 Prozent und die spanische Inflation im Schnitt um 3,5 Punkte (Haro Ruiz et al. 2024, doi:10.1080/13504851.2024.2425834). Dafür wurde mehr Gas verbrannt, und billiger Strom floss nach Frankreich ab (Hidalgo-Pérez et al. 2024, doi:10.1016/j.enpol.2024.114092).

Klüssendorfs unterste Stufe ist besser als ihr Ruf und schlechter als ihr Zweck. Der Tankrabatt von 2022 kam fast vollständig an der Zapfsäule an, mit zwei Wochen Verzug (Dovern et al. 2023, doi:10.1016/j.eneco.2023.106948). Beim zweiten Rabatt im Frühsommer 2026 erreichten in der letzten Woche nur sieben bis elf von 17 Cent die Kunden (beck-aktuell); beim dritten, der seit dem 1. Oktober läuft, misst das ifo in den ersten Tagen 15 bis 16 Cent (retail-news). Der IWF empfiehlt in solchen Krisen gezielte Zahlungen statt breiter Preissenkungen (Amaglobeli et al. 2023, doi:10.5089/9798400237768.001).

Beim Mietendeckel bleibt der Befund, den das Panorama Schöner Wohnen sammelt: In Berlin fielen die Mieten, und das Angebot schrumpfte. Katalonien senkte die Mieten ab 2020 um vier bis sechs Prozent, ohne dass Wohnungen verschwanden (Jofre-Monseny et al. 2023, doi:10.1016/j.regsciurbeco.2023.103916).

Dem Zuhörer, der nach der Menge fragte, gab Weber halb recht. Die Geschichte gibt ihm mehr: Wo die Knappheit echt war und Deckel hielten, kam die Menge dazu, die Marken im Krieg, die Appelle im Winter 2022.

Die Reibung

Andreas Löschel warnt, wer erwarte, im Ernstfall vom Staat „rausgeboxt“ zu werden, baue nicht um. Weber sagt, der Deckel kaufe die Zeit für den Umbau. Wird gekaufte Zeit zum Umbau genutzt, oder lehrt sie, auf den nächsten Deckel zu warten?

→ Weiter im Panorama: Wann darf der Staat Preise setzen? Dort steht die Stimme, die hier fehlte: Veronika Grimm, die mit Weber in derselben Kommission saß und den Preis als Sparsignal verteidigt, dazu die Forschung zur Sparwirkung, zur Entlastung und zu den Versorgern, die am Deckel verdienten.

Markt und Selbstwert

69:40 — Die Zahl, an der man Weber zuerst messen will, gibt es, nur misst sie etwas Größeres als einen Euro. Hinter dem „Euro Mietanstieg“ steht eine Panelstudie, die das Sozio-oekonomische Panel mit Angebotsmieten auf Postleitzahl-Ebene verknüpft und dieselben Menschen von 2005 bis 2018 verfolgt. Steigt die Marktmiete im Viertel um einen Euro je Quadratmeter, wächst bei Mietern mit sehr kleinem Einkommen die Wahrscheinlichkeit, der AfD zuzuneigen, um gut vier Prozentpunkte, auch wenn die eigene Miete gleich bleibt (Abou-Chadi, Cohen & Kurer 2025, doi:10.1177/00104140241306963). Gemessen ist die Parteineigung von Langzeitmietern in Prozentpunkten, und der Effekt wird schwächer, wenn man die Stichprobe weiter fasst. Am stärksten ist die AfD zudem dort, wo die Mieten niedrig sind, im ländlichen Osten; die Studie erklärt einen städtischen Strang, nicht das ganze Phänomen. Daneben steht der eigentliche Fund: Bei wohlhabenden Mietern senkt derselbe Anstieg die AfD-Neigung um mehr als fünf Punkte, bei Eigentümern um einen. Dieselbe Miete wirkt in entgegengesetzte Richtungen, je nachdem, ob man im aufgewerteten Viertel noch einen Platz hat. Die Autoren lesen das als Statusbedrohung, ganz in Webers Sinn. Eine zweite Auswertung deutscher Paneldaten findet steigende Mieten zusammen mit wachsender Feindseligkeit gegen Geflüchtete (Held & Patana 2023, doi:10.1177/20531680231167680). Auf dieser Bahn wird aus dem Streit um Wohnraum einer zwischen Gruppen, wie Audretsch ihn beschreibt.

Auch die FES-Studie gibt es. Das ILS verglich im Auftrag der Stiftung 2025 alle 400 Kreise und fand die AfD stärker, wo Breitband, Kinderbetreuung und Schulen schwächer sind; noch enger hing ihr Ergebnis an der Zufriedenheit mit Fachärzten und Nahverkehr (FES/ILS 2025). Das ist ein Querschnitt mit Korrelationen, von einer parteinahen Stiftung beauftragt. Wie ein tatsächlicher Verlust an Diensten wirkt, zeigt die italienische Reform im Panorama.

Für das Herz ihrer Kette, den Selbstwert, hat die Forschung Bausteine, keinen Beweis. Wer sich am Rand der Gesellschaft fühlt, ohne Bindung und ohne Respekt, neigt in vergleichenden Umfragen eher radikalen Parteien zu (Gidron & Hall 2020, doi:10.1177/0010414019879947). Die Sozialpsychologie beschreibt, wie ein beschädigtes Selbstwertgefühl in den Glauben auswandert, die eigene Gruppe werde verkannt und verdiene Vorrang (Golec de Zavala, Dyduch-Hazar & Lantos 2019, doi:10.1111/pops.12569, Übersichtsarbeit). Dort liegt auch die Grenze von Webers „gar nicht so irrational“: Der Tausch rettet das Selbstbild, macht aber wachsam für eingebildete Kränkungen und blind für wirkliche Gefahren.

Reißen kann die Kette an ihrem Anfang. Am stärksten zieht es offenbar die nach rechts, die noch etwas zu verlieren haben. Steigende Ungleichheit treibt vor allem Menschen mit hohem gefühltem Status und unteren Mitteleinkommen zur radikalen Rechten (Engler & Weisstanner 2021, doi:10.1080/13501763.2020.1733636), und in Deutschland stehen der AfD Geringverdiener mit stabilem Einkommen näher als jene, die objektiv abgestiegen sind (Hartmann, Kurz & Lengfeld 2022, doi:10.1093/esr/jcab024). Die Angst vor dem Versagen am Markt trägt weiter als das Versagen selbst. Damit behält auch die Moderatorin halb recht: Das Gefühl ist stärker als das Argument. Es hat aber eine Adresse, und die Mietstudie misst sie, die Marktmiete im eigenen Viertel. Erich Fromm hat die Diagnose 1979 im Schweizer Fernsehen gestellt: In der Marktgesellschaft existiere nur, was verkäuflich ist, und wer keinen Profit macht, habe versagt, „und das ist das, wovor jeder Angst hat“ (→ Fromm).

→ Weiter im Panorama: Materieller Kern oder Einstellung?, wo Hensels Statusangst, Kendis Rassismus vor Ökonomie und Margalits umgekehrter Pfeil gegeneinander stehen.


Faktencheck

Bestätigt — Sparpolitik begünstigt die extreme Rechte

Weber 15:21: Es gebe „Bibliotheken voll“ Forschung, nach der harte Sparpolitik den Aufstieg rechtsextremer Parteien begünstigt. Das hält. In rund tausend Bezirken wuchs die NSDAP 1930–33 dort stärker, wo Brünings Kürzungen härter trafen; über 140 Jahre gewinnen rechtsextreme Parteien nach Finanzkrisen im Schnitt rund 30 Prozent hinzu; die britischen Sozialkürzungen ab 2010 hängen mit dem Zulauf zu UKIP und Leave zusammen. Weber verortet den Mechanismus richtig bei Deflation und Austerität, nicht bei der Hyperinflation von 1923, und auch Freundels Thomas-Mann-Bezug (Deutsche Ansprache, Oktober 1930) trifft das richtige Jahr. Eine Meta-Analyse fehlt; es sind starke Einzelstudien, „Bibliotheken voll“ ist Rhetorik. Quelle: Galofré-Vilà, Meissner, McKee & Stuckler 2021, J. Econ. Hist., doi:10.1017/s0022050720000601 · Funke, Schularick & Trebesch 2016, Eur. Econ. Rev., doi:10.1016/j.euroecorev.2016.03.006 · Fetzer 2019, AER, doi:10.1257/aer.20181164

Bestätigt, mit Vorbehalt — Inflation treibt Wähler zu den Rändern

Schwerdtner 45:19 gibt Webers Lesart der Trump-Wahl wieder: Die Menschen hätten unter der Inflation gelitten. Die beste Evidenz ist ein Arbeitspapier über 365 Wahlen in 18 Ländern: Eine Inflationsüberraschung von zehn Punkten bringt extremen und populistischen Parteien rund 2,8 Prozentpunkte, aber nur, wenn die Reallöhne fallen; werden die Löhne ausgeglichen, sind es 1,3. Das stützt Webers Bezahlbarkeits-Logik ziemlich genau. Gegenstimme: Ein Preprint zum Energiepreisschock 2022 in Berlin findet in stärker betroffenen Wahlbezirken bei der Wiederholungswahl 2023 keinen AfD-Zuwachs. Beide Arbeiten sind noch nicht begutachtet. Quelle: Federle, Mohr & Schularick, Kiel Working Paper 2278 (2024) · Kirchner 2026, doi:10.2139/ssrn.6542238 (Preprint)

Bestätigt — Gewinne als Inflationstreiber 2022

Schwerdtner 60:33 und Klüssendorf 64:22 stützen sich auf Webers Verkäuferinflation. Dass Gewinne 2022 die Inflation stark mitgetrieben haben, bestätigen inzwischen auch der IWF (45 Prozent der Preisänderung im Euroraum, 2022/23 auf der Gewinnseite) und Ökonomen der EZB (zwei Drittel des heimischen Preisdrucks 2022, historisch üblich ist etwa ein Drittel). Der Dissens liegt im Warum: Der IWF sieht keinen breiten Anstieg der Aufschläge, eher weitergereichte Kostenschocks. Ab 2023 zogen die Löhne nach. „Übergewinn“ als Dauerzustand trägt die Evidenz nicht, für 2022 schon. Quelle: Weber & Wasner 2023, Rev. Keynesian Econ., doi:10.4337/roke.2023.02.05 · IWF WP/23/131 · EZB-Blog, 30.03.2023

Vereinfacht — „Die Gaspreisbremse ließ die AfD stagnieren“

Weber 52:54: In den Umfragen habe die Zustimmung zur AfD nach der Gaspreisbremse stagniert. Die Grundlage ist im Kern ihr eigenes Arbeitspapier mit Tom Krebs, und dort steht ein zeitliches Zusammenfallen, kein Kausalbeleg. Den Winter 2022/23 prägten zugleich fallende Großhandelspreise und ein milder Winter, den Anstieg 2023 das Heizungsgesetz. Eine plausible Korrelation wird hier zur Wirkung, und sie bestätigt eine Politik, die Weber selbst entworfen hat. Quelle: Krebs & Weber, Can Price Controls Be Optimal?, FNE Working Paper 3/2024 / IZA DP 17043

Vereinfacht — Die grüne Erzählung der Gaspreisbremse

Audretsch 48:22 / 56:45: Man habe Weber eingeladen, in der Kommission nächtelang gerungen und am Ende gegen die zögernde FDP die Preise gedeckelt. Drei Dinge fehlen. Das grün geführte Wirtschaftsministerium betrieb im Sommer 2022 zuerst die Gasumlage, die die Preise weiter erhöht hätte; sie fiel erst am 29.09.2022, und genau diese Monate meint Audretsch mit dem „Leid über viele Wochen“. Gedeckelt wurde nicht pauschal: Die Bremse galt für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs, darüber zählte der Marktpreis. Und auf der Mitgliederliste der Kommission stehen als beratende Abgeordnete Miersch (SPD), Köhler (FDP) und Verlinden (Grüne), Audretsch nicht; sein „wir“ ist die Fraktion. In Euro entlastete die Bremse vielverbrauchende, oft wohlhabendere Haushalte stärker, gemessen am Einkommen wirkte sie progressiv. Quelle: Mitgliederliste der Kommission (energie-chronik) · ZfK: Gaspreisbremse kommt, Gasumlage fällt weg · IMK/Böckler zur Verteilung

Bestätigt — Weber hatte den Preisdeckel früh

Schwerdtner 58:17: Weber habe den Preisdeckel vorgeschlagen, sei dafür verspottet worden und habe recht behalten. Im Kern stimmt das: Ihr Guardian-Text vom Dezember 2021 brachte ihr Hohn ein, Paul Krugman entschuldigte sich später öffentlich, und im Februar 2022 legte sie mit Sebastian Dullien das Grundkontingent-Modell vor, das in der Bremse landete. „Vor der Energiepreiskrise“ stimmt nicht ganz, die Gaspreise stiegen seit Herbst 2021. Ob sie „recht hatte“, ist unter Ökonomen offen (→ Wirken Preisdeckel?). Quelle: History News Network · Noahpinion: Too early for a victory lap · Dullien & Weber 2022, Wirtschaftsdienst, doi:10.1007/s10273-022-3120-9

Vereinfacht — Der „größte Reallohneinbruch der Nachkriegszeit“

Weber 65:54: Der Einbruch stimmt, die Reallöhne fielen 2022 um 4,0 Prozent, das stärkste Minus der Destatis-Reihe seit 2008. Falsch ist der Zusatz, der Nominallohn sei geblieben, wo er war; er stieg 2022 um 2,6 und 2023 um rund 6 Prozent. Weggelassen ist die Erholung: 2024 plus 3,1, 2025 plus 1,9 Prozent, der Reallohnindex ist fast wieder auf dem Stand von 2019. Ihr stärkeres Argument wäre der Abstand zum Vorkrisentrend gewesen. So klingt ein vorübergehender Schock wie ein Dauerzustand. Quelle: Destatis: Reallöhne 2025 · Destatis: Real- und Nominallöhne

Vereinfacht — „Mit jedem Euro Mietanstieg vier Prozent mehr AfD“

Weber 69:40: Die Studie gibt es, und sie ist solide. Gemessen wird aber je Euro pro Quadratmeter Nachbarschaftsmiete, bei einer 65-Quadratmeter-Wohnung also 65 Euro im Monat, und der Effekt beträgt bis zu vier Prozentpunkte Wahrscheinlichkeit, der AfD zuzuneigen, bei einkommensschwachen Langzeitmietern. Bei Eigentümern und Besserverdienenden kehrt er sich um. Und die AfD ist dort am stärksten, wo die Mieten niedrig sind, im ländlichen Osten, auf den Weber mit Sachsen-Anhalt zeigt. Die Richtung stimmt, die Größe ist aufgeblasen (→ Markt und Selbstwert). Quelle: Abou-Chadi, Cohen & Kurer 2025, Comparative Political Studies, doi:10.1177/00104140241306963

Bestätigt — Schwache Daseinsvorsorge und AfD-Stimmen hängen zusammen

Weber 70:27: Die FES-Studie (ILS, Juli 2025) findet auf Kreisebene den behaupteten Zusammenhang, vor allem bei Breitband, Kinderbetreuung, Schule und Fachärzten, in Ost wie West. Die Autoren selbst schränken ein: Es sind Korrelationen, und die wahrgenommene Versorgung wiegt mehr als die gemessene. Die FES war Mitveranstalterin des Abends. Quelle: FES: Wie regionale Ungleichheit und antidemokratische Wahlerfolge zusammenhängen

Bestätigt, mit Gegengewicht — Wohngeld finanziert Vermieter

Weber 68:54: Wohngeld statt Mietendeckel finanziere die Gewinne konzentrierter Märkte. Die Forschung gibt ihr recht, ein großer Teil von Wohnzuschüssen wandert in höhere Mieten, in Frankreich rund drei Viertel, in Großbritannien etwa 60 bis 66 Prozent. Zur Ehrlichkeit gehört die andere Seite: Auch Mietdeckel haben gemessene Kosten, in San Francisco schrumpfte das regulierte Angebot um etwa 15 Prozent, und unter dem Berliner Deckel brach das Mietangebot deutlich ein. Weber nennt nur den Preis des einen Instruments. Quelle: Fack 2006, doi:10.1016/j.labeco.2006.01.001 · Gibbons & Manning 2006, doi:10.1016/j.jpubeco.2005.01.002 · Diamond, McQuade & Qian 2019, doi:10.1257/aer.20181289 · Hahn, Kholodilin, Waltl & Fongoni 2024, doi:10.1287/mnsc.2023.4775

Vereinfacht — „Der Mietendeckel ist gescheitert, weil Konservative geklagt haben“

Schwerdtner 88:15: Dass 284 Abgeordnete von Union und FDP klagten, stimmt. Gescheitert ist das Gesetz an der Verfassung: Berlin hatte keine Gesetzgebungskompetenz, weil der Bund die Miethöhe abschließend geregelt hat, und das Gericht entschied einstimmig, auf Vorlagen auch von Berliner Gerichten. Verfasst hatte das Gesetz die Linken-Senatorin Lompscher, trotz bekannter Verfassungsrisiken. Ihr Folgesatz, jetzt gehe es nur bundesweit, stimmt. Quelle: LTO zu 2 BvF 1/20

Vereinfacht — „Man“ hielt an der schwarzen Null fest

Klüssendorf 62:04: In der Niedrigzinszeit habe man den Fehler gemacht, auf Teufel komm raus die schwarze Null zu halten. Dieses „man“ war in großen Teilen die SPD: Finanzminister Olaf Scholz verteidigte die schwarze Null 2018/19 als große Leistung, und die Schuldenbremse kam 2009 unter Finanzminister Steinbrück ins Grundgesetz. Die Selbstkritik ist richtig, im Passiv verschwindet die eigene Verantwortung. Quelle: Börsen-Zeitung: Scholz hält Etat 2019 für solide · DHZ: Bundesrat beschließt Schuldenbremse (2009)

Vereinfacht — Privatisierung: „Man hat den Kurs mitgefahren“

Klüssendorf 79:41 zählt auf, was einmal öffentlich war, und sagt, man sei den Kurs mitgefahren; Schwerdtner 89:01 will die rund 220.000 Wohnungen der großen Konzerne zurück. Beide lassen aus: Die GSW mit rund 65.000 Berliner Wohnungen verkaufte 2004 der Senat aus SPD und PDS, für 405 Millionen Euro plus 1,56 Milliarden Schulden; 2013 ging sie an die Deutsche Wohnen, deren Vergesellschaftung jetzt gefordert wird. Schwerdtners „eine Million Berlinerinnen“ stimmt, gut eine Million Ja-Stimmen 2021. Quelle: taz: Viel Geld für ein Jawort · MieterEcho: 15 Jahre GSW-Verkauf · berlin.de: amtliches Ergebnis des Volksentscheids

Vereinfacht — Vergesellschaftung „gut finanzierbar“ für 13,5 Milliarden

Weber 84:18: Die IMK-Zahl stimmt, die Studie vom September 2026 setzt rund 13,5 Milliarden für etwa 210.000 Wohnungen an, ein Ertragswert bei leistbaren Mieten; Autoren sind Dullien, Kaczmarczyk, Krebs und Truger, die Nähe benennt Weber offen. Unerwähnt bleibt die Spanne der Studie von rund 10 bis 36 Milliarden je nach Bewertungsmethode, und der Landesrechnungshof erwartet schon bei 8 bis 11 Milliarden „unweigerlich“ Defizite in der Bewirtschaftung, die höhere Mieten oder Landeszuschüsse ausgleichen müssten (taz). „Gut finanzierbar“ gilt am günstigen Ende einer umstrittenen Spanne; das Gerichtsrisiko, das Audretsch benennt, kommt hinzu. Quelle: Böckler: Vergesellschaftung von Wohnbeständen · Böckler Impuls 16/2026

Bestätigt — 2030 fließen rund 40 Prozent des Bundeshaushalts in Rüstung und Zinsen

Weber 39:04 (im Transkript verstümmelt): Gemeint ist der Anteil von Verteidigung und Zinsen. Laut Finanzplan sind das 2030 rund 184 Milliarden für Verteidigung und gut 66 Milliarden Zinsen bei einem Haushalt von 635 Milliarden, also rund 40 Prozent. Die Zinsen allein liegen bei gut 10 Prozent. Zu stark ist der Satz, alle Verteidigungsausgaben seien schuldenfinanziert; von der Schuldenbremse ausgenommen ist nur der Teil über einem Prozent des BIP. Quelle: Telepolis: Eine Billion Euro Steuern · IMK Policy Brief 219/2026

Vereinfacht — Vier Konzerne kontrollieren 70 bis 90 Prozent des Lebensmittelhandels

Weber 20:39: Die Spanne ist eine verbreitete, methodisch dünne Schätzung. Sie bezieht sich auf den Handel mit Getreide und meist auf ABCD plus COFCO, also fünf Konzerne. Weber macht daraus den globalen Handel mit Lebensmitteln in der Hand der vier privaten. Der Kern, extrem konzentrierte Getreidemärkte, bleibt richtig. Quelle: SOMO: Hungry for Profits · swissinfo: BRICS have the world's largest grain traders in their sights

Vereinfacht — „Eine komplett gleichgeschaltete Wissenschaft“

Weber 17:36: Die Ökonomik sei komplett gleichgeschaltet, nur eine Denkschule sei zulässig. Ihr eigener Weg widerspricht dem: Eine heterodoxe Ökonomin saß in der Regierungskommission, ihr Modell wurde Gesetz, und IWF und EZB übernahmen Teile ihrer Gewinn-Analyse. Ein Übergewicht der Marktorthodoxie lässt sich vertreten. „Gleichgeschaltet“ ist ein NS-belasteter Begriff, der eine Meinungsfrage zur Tatsache macht. Quelle: Keine unabhängige Quelle für die Behauptung gefunden; Gegenbelege in den Callouts zu Preisdeckel und Verkäuferinflation.

Nicht belegt — Polanyis Arbeitstitel „The Fascist Transformation“

Weber 22:57: Der ursprüngliche Titel der Great Transformation sei „The Fascist Transformation“ gewesen. Belegt sind andere verworfene Titel, Origins of the Cataclysm, The Liberal Utopia, Freedom from Economics; die britische Ausgabe von 1945 hieß Origins of Our Time. Vielleicht stützt sich Weber auf Archivmaterial, das ihr Buch belegt. Dass der Faschismus der Fluchtpunkt des Buches ist, bleibt davon unberührt. Quelle: Keine unabhängige Quelle gefunden. Zu den belegten Arbeitstiteln: Dissent zu Gareth Dales Polanyi-Biografie

Bestätigt — Die Energiepreislage im Oktober 2026

Audretsch 75:53: Inflation von drei bis vier Prozent, Energie um die fünfzehn. Destatis meldet für September 2026 3,3 Prozent insgesamt und 14,9 Prozent bei Energie, getrieben vom Irankrieg. Sein Satz, Trump habe die EU „erpresst“, Diesel freizugeben, trifft im Kern zu: Washington drängte auf die Freigabe von Notvorräten und drohte mit einem Exportstopp für Diesel; „erpresst“ ist Wertung. Quelle: Destatis: Inflationsrate September 2026 · ZEIT: G7-Freigabe der Ölreserven

Vereinfacht — „Keine Solarproduktion mehr, bei Windrädern genau dasselbe“

Audretsch 123:42: Bei Solar stimmt es fast, Meyer Burger ist weg, Solarwatt und Aleo haben aufgegeben. Bei Wind stimmt es nicht: Europäische Hersteller, drei davon mit Fertigung in Deutschland, stellen rund 85 Prozent der in Europa verbauten Anlagen, chinesische liegen bei der installierten Leistung unter einem Prozent. Bei Wind ist es eine Gefahr, kein vollendeter Fakt, und die Zuspitzung stützt den Ruf nach Schutz. Quelle: ingenieur.de: Wie tot ist die deutsche Solarindustrie? · energiezukunft: Europas Windmarkt

Bestätigt — Bücher für das KI-Training eingescannt und vernichtet

Weber 114:34: Für das Training von Sprachmodellen wurden Bücher eingescannt und danach zerstört. Das ist gerichtlich dokumentiert, und zwar für Anthropic, den Hersteller von Claude: gebrauchte Bücher gekauft, Rücken abgeschnitten, gescannt, Papier entsorgt. Das Gericht wertete das Scannen gekaufter Bücher 2025 als Fair Use, die Nutzung von Raubkopien nicht (Vergleich über 1,5 Milliarden Dollar). Das Altman-Zitat gibt sein bekanntes Wort von 2015 sinngemäß richtig wieder. Quelle: Akin Gump zu Bartz v. Anthropic


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Isabella M. Weber: Antifaschistische Wirtschaftspolitik — Suhrkamp 2026, deutsche Erstausgabe vor der englischen

Im Gespräch erwähnt:

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

→ Tom Krebs — Wege aus der Krise, Vergesellschaftung und neoliberale Märchen

Die nächste Verwandtschaft im Bestand. Krebs und Weber haben gemeinsam gefragt, ob Preiskontrollen optimal sein können, und beide lesen die Krise mit Polanyis Pendel. Krebs nennt das Ziel geplante Marktwirtschaft, Weber nennt den Weg radikalen Gradualismus und verankert ihn im Gründungskonsens der Vierziger. Ihr Satz, nach der Gaspreisbremse habe die AfD stagniert, ist die Gegenprobe zu Krebs' erstem Schub, und dessen Nachbesprechung Holen niedrige Preise die Wähler zurück? zeigt, warum sie noch offen ist.

→ Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)

Fricke beruft sich für den Inflationsschock schon auf Weber. In ihrem Buch wird aus der Diagnose ein Programm. Wo Fricke fragt, was Menschen erleben müssen, um sich nicht mehr ohnmächtig zu fühlen, antwortet sie mit Handlungsfähigkeit, die man sieht, vom geräumten Gehweg bis zum Preisdeckel im Schock. Audretschs „Take back control“ auf dem Podium ist Frickes Kontrollverlust in Parteisprache.

→ Clara Mattei — Geschichte der Austeritätspolitik

Der fruchtbarste Widerspruch. Weber liest Hayeks Weg zur Knechtschaft als antifaschistischen Entwurf, der gescheitert ist. Mattei zeigt Liberale wie Luigi Einaudi, die Mussolinis Sparpolitik Beifall spendeten. War der Marktliberalismus je ein Bollwerk gegen den Faschismus? Einig sind die beiden bei der Zinswaffe: Wer auf jeden Schock mit höheren Zinsen antwortet, verteuert genau die Investitionen, die aus der Krise führen.

→ Ines Schwerdtner — Energiepreiskrise und das Versagen der Bundesregierung

Übergewinnsteuer, Spritpreisdeckel, Vergesellschaftung der Energiekonzerne: Dort steht Webers Werkzeugkasten als Parteiprogramm. Auf der Buchpremiere erzählt Schwerdtner, woher er kommt, und dass Weber den Deckel vorschlug, bevor der Schock kam.

→ Adam Tooze — Krise und demokratische Gelegenheit

Zwei Ökonomen, die dieselben Preisschocks gleich lesen und sich an einer Stelle trennen. Tooze nennt die Inflation nach Bidens Paket von 2021 eingepreist, ein Preis für mehr Arbeitsplätze. Für Weber ist genau dieser Preis der Weg, auf dem Trump zurückkam, weil niemand die Grundgüter schützte.

→ Sigl-Glöckner & Kaczmarczyk — Geld ist genug da?

Kaczmarczyk erinnert an die Pufferlager, die der Globale Süden einst forderte, Weber führt sie auf Henry Wallace und Bretton Woods zurück. An der Ausnahme der Rüstung von der Schuldenbremse fürchten alle drei dieselbe Sparpolitik, die damit schon programmiert sei.

→ Elif Eralp — Berlin-Wahl 2026 bei Jung & Naiv

Weber leitet die Berliner Vergesellschaftung aus Artikel 15 und dem Gründungskonsens her, Audretsch beruft sich auf demselben Podium auf Eralp: Es wird dauern und bis nach Karlsruhe gehen. Der Abend liefert den Plan B dazu, Mietendeckel für die Landeseigenen und Auflagen für Konzerne über ein Wohnungswirtschaftsgesetz.

Dort fürchtet man, was eine enttäuschte Hoffnung mit Berlin macht. Schwerdtner sagt auf Webers Podium denselben Satz von der anderen Seite: Wenn wir versagen, werden die Rechten in fünf Jahren stärker.

→ Robin Celikates — Faschisierung, Hoffnung und die Krise des Systems (Jung & Naiv 855)

Celikates beschreibt, wie soziale Konflikte kulturell umcodiert und zur Nullsumme gemacht werden. Weber erzählt denselben Mechanismus von innen: Wem man sagte, sein Wert bemesse sich am Markt, dem bietet die Rechte einen Wert ohne Markt.

→ Wendy Brown — Wie Neoliberalismus die Demokratie bedroht

Beide gehen zu den Neoliberalen der Vierzigerjahre zurück. Brown beschreibt, wie alles ins Bild des Marktes gezogen wird, Weber zitiert Hayeks Wahl zwischen Unterordnung unter den Markt oder unter Menschen und setzt einen Staat dagegen, der wieder sichtbar handelt.

→ Kapitalismus der Endlichkeit — und was, wenn es nicht für alle reicht?

Orain sieht eine Epoche der Nullsumme, in der Monopole und Zölle den Wettbewerb ersetzen. Weber beschreibt dieselbe Konzentration im Agrarhandel und sucht einen dritten Weg zwischen Freihandel und Trumps Zöllen, öffentliche Pufferlager. Ob dieser Weg in Orains Welt noch offensteht, fragen sich die beiden Notes gegenseitig.

→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck

Beide erklären den Rechtsruck, ohne die Wähler zu beschimpfen, Flassbeck über Löhne und Sparauflagen, Weber über die Preise der Dinge, ohne die niemand leben kann. Beiden gilt der Einwand, den Freundel mit Thomas Mann vorbringt.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre?

Das wachsende Panorama, in das Webers Satz vom Selbstwert am Markt führt (→ Markt und Selbstwert). Ihre Behauptung zur Gaspreisbremse gehört zur Frage Was holt Wähler zurück?.

→ Schöner Wohnen

Die Berliner Debatte des Abends in drei Stimmen: Weber will Mietendeckel und Vergesellschaftung statt Wohngeld, Klüssendorf den Deckel ohne Vergesellschaftung, Audretsch beides plus Auflagen für die Konzerne.

→ Würde im Alltag — wenn der Markt den Wert misst

Ein Gedanke von Luc, entstanden an Webers Satz vom Selbstwert am Markt: Einen Wert zu haben ist gut, gefährlich wird das nur noch. Wer den Alltag der Menschen trägt, macht ihre Handlungsmacht sichtbar, und das Wohngeld zeigt, wie das Geld stattdessen zum Kapital wandert.

→ Oschmann und Kowalczuk — Kränkung oder Freiheitsschock

Webers These, Wirtschaftspolitik sei Demokratieschutz, trifft dort auf ihren stärksten Einwand: Kowalczuk nennt das Wohlstandsversprechen der Einheit einen Grundirrtum, Demokratie habe mit Wohlstand nur im besten Fall zu tun. Juli Zeh steht näher bei Weber, wenn sie erklärt, wie moralisch abgewertete Interessen zu Wut werden.

→ Veronika Grimm — Der Preis als Signal (Jung & Naiv 612)

Die Stimme, die der Nachbesprechung fehlte. Grimm saß mit Weber in derselben Gaskommission und beschreibt dieselbe Bremse als Einmalzahlung, die den Preis der letzten Kilowattstunde unberührt lässt; einen Deckel pro Kopf hält sie für nicht umsetzbar, Rationierung für den Weg in den Schwarzmarkt.

→ Susan Neiman — Nennen wir es böse

Beide berufen sich auf Mamdani, auf verschiedene Seiten von ihm: Weber auf das geflickte Schlagloch, Neiman auf das Gerechtigkeitsargument, das die Krankenschwester in der Stadt wohnen lassen will, die sie am Leben hält.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn Wirtschaftspolitik Demokratieschutz ist, wer entscheidet dann, welche Güter „essentiell“ sind, und was hindert eine künftige Regierung daran, mit demselben Argument alles zu deckeln, was ihr gerade nützt?
  • Weber sagt, der Neoliberalismus sei an seinem eigenen Anspruch gescheitert, den Faschismus aufzuhalten. Woran würde man erkennen, dass ihre Alternative scheitert, und welche Zahl müsste sie in fünf Jahren vorlegen können?
  • Die Moderatorin sieht die Dramatik für Deutschland nicht, Weber sieht den größten Reallohneinbruch seit dem Krieg. Ist die Wut der Abgehängten ein Messfehler der Statistik oder ein Messfehler des Gefühls, und darf eine Politik beides gleich ernst nehmen?
  • Drei Parteien waren sich auf der Bühne einig, und keine Stimme der Gegenseite war eingeladen. Was hätte Marcel Fratzscher oder ein Ordoliberaler an Webers Programm am schärfsten angegriffen, und hätte der Abend dadurch verloren oder gewonnen?
  • Weber will die Alternative nicht länger den Rechten überlassen. Was überlasse ich selbst den Rechten, wenn ich mich über ihre Wähler wundere, statt nach ihrer Miete zu fragen?

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Im Bestand

Wann darf der Staat Preise…Veronika GrimmDer Preis als Signal (Jung &…Warum wählen Menschen…Schöner WohnenElif EralpBerlin-Wahl 2026 bei Jung & NaivRobin CelikatesFaschisierung, Hoffnung und die…Isabella WeberDenkerVitaTom KrebsWege aus der Krise,…Sigl-Glöckner & KaczmarczykGeld ist genug da?Andreas AudretschDenkerVitaTim KlüssendorfDenkerVitaInes SchwerdtnerDenkerVitaAdam ToozeKrise und demokratische…Clara MatteiGeschichte der AusteritätspolitikThomas FrickeWie die Wirtschaftskrise den…Ines SchwerdtnerEnergiepreiskrise und das…Vermögenssteuer gegen Fake…Maja Göpel und Jagoda MarinićVertrauen, utopisch?Dirk SpechtDas Ende des Erdöls beginnt jetztDer Entscheidende PunktNach den Landtagswahlen

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