Gedankenraum

Tom Krebs — DenkerVita

Tom Krebs kam über die Physik zur Ökonomie und rechnet heute mit seiner Zunft ab: Ihr Marktmodell aus der Einführungsvorlesung nennt der Mannheimer Makroökonom eine Märchenwelt.

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Lyonel Feininger — Der Deutschamerikaner hat zwischen zwei Küsten gemalt, und seine Häfen, Schiffe und Städte bestehen aus Licht, das in Facetten bricht wie durch ein Prisma. Das passt zu einem Leben zwischen Hamburg, Marine und Physik auf der einen Seite und Columbia und den amerikanischen Universitäten auf der anderen. Eine kleine Gestalt tritt aus einem kühlen, kristallinen Hörsaal voller schwebender Formeln auf einen langen Steg. Unten liegen ein graues Marineschiff und Segelboote, dahinter eine Stadt aus Schornsteinen, Kränen und Wohnhäusern, auf die das Licht warm fällt. Zwanzig Jahre Modelle für fünf Leser, dann der Weg hinaus zu dem, was die Modelle beschreiben sollten. Eine eingeschmuggelte Pseudo-Signatur unten rechts wurde übermalt.

Prompt: Wide panoramic painting in the manner of Lyonel Feininger: crystalline prismatic planes of light, transparent overlapping facets, cool blues, pale violet, warm amber and sea green, thin ruled lines. A tall solitary figure seen from behind, small in the composition, steps out of a vast faceted lecture hall whose windows are filled with floating geometric equations shapes and curves, and walks down a long diagonal pier toward a harbour. In the harbour a grey naval ship and tall sailboats rest on prismatic water; beyond them a far city of chimneys, cranes and apartment roofs rises into a luminous sky. The light moves from the cold hall on the left to warm amber over the city on the right. No realistic faces. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram, no initials anywhere.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Tom Krebs (aufgewachsen in Hamburg, Jahrgang 1963 nach eigener Angabe bei Jung & Naiv, 1965 nach Wikipedia) — Professor für Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim, seit 2022 wissenschaftliches Mitglied der Mindestlohnkommission, dort beratend und ohne Stimmrecht. Sohn eines Psychologieprofessors, Wehrdienst bei der Marine, Physikdiplom in Hamburg (1990), Promotion an der Columbia University (1995), danach Professuren in Illinois, an der Brown University und in Syracuse, Berater von Weltbank und IWF. Seit 2006 in Mannheim, wo er das Kompetenzzentrum für Transformationsforschung leitet. 2019/20 war er erster Gastprofessor im Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz. Mit Fehldiagnose (2024) griff er die eigene Zunft an, mit Kapital und Krise (2026) entwirft er eine „geplante Marktwirtschaft“.

Biografie

Tom Krebs kam über die Physik zur Ökonomie, und die Physik hat er lange nicht abgelegt. Er wuchs in Hamburg auf, „bildungsprivilegiert, aber nicht reich“, der Vater war Professor für Psychologie. Nach der Schule leistete er Anfang der Achtzigerjahre zwei Jahre Wehrdienst bei der Marine, ohne zu verweigern. Abschreckung und Westbindung hielt er damals für richtig, heute sagt er, er sei „mit dem Alter etwas kritischer geworden“. In Hamburg studierte er Physik mit Nebenfach Mathematik, weil sie versprach, alles zu erklären, und legte nebenbei ein Vordiplom in Volkswirtschaft ab. Irgendwann merkte er, dass ihn Elementarteilchen weniger interessierten als Gesellschaft. Die Wirtschaftswissenschaft bot beides.

An der Columbia University erwarb er 1992 den M.Phil. und 1995 den PhD. Was dort zählte, erzählt er bis heute mit leiser Verwunderung: Bei der Aufnahme war das Fachwissen gleichgültig und der Mathematikteil entscheidend. Ideengeschichte kam nicht vor, und in der Kapitalismus-Vorlesung des späteren Nobelpreisträgers Edmund Phelps saßen zwei Leute, „weil damit bekommst du keinen Job“. Krebs machte, was man macht. Er war Assistant Professor an der University of Illinois (1995–1999) und an der Brown University (1999–2005), danach Associate Professor in Syracuse. Weltbank (2002–2012) und IWF (2012–2016) beriet er, ohne je dort angestellt zu sein, über Netzwerke aus dem Doktorandenprogramm. Er veröffentlichte in den großen Zeitschriften (American Economic Review, Quarterly Journal of Economics, Review of Economic Studies) über Humankapitalrisiken und die Kosten von Konjunkturzyklen, mathematische Ökonomie für „vielleicht fünf Leute, mit denen man sich unterhalten kann“.

2006 kehrte er aus familiären Gründen nach Deutschland zurück, an die Universität Mannheim, die gerade amerikanische Doktorandenprogramme aufbaute. Er war dort Dekan und Sprecher eines DFG-Schwerpunktprogramms zu Finanzmarktunvollkommenheiten und lehrte viele Jahre die makroökonomische Einführung. Der Weg in die öffentliche Debatte begann spät und über Umwege. Er untersuchte die Hartz-Reformen, schrieb 2018 eine Investitionsagenda für Deutschland, die in der SPD Resonanz fand, und ging 2019/20 als erster Gastprofessor ins Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz.

Zum Bruch wurde die Energiekrise 2022. Mit Isabella Weber schrieb er über Preisbremsen, und er erlebte, wie Ökonomen reagierten, sobald das Wort „Preiskontrolle“ fiel. Die Zögerlichkeit von Regierung und Zunft, so seine These seither, habe der AfD den ersten Schub gegeben. Im selben Jahr wurde er wissenschaftliches Mitglied der Mindestlohnkommission. Fehldiagnose (2024) war die Abrechnung mit der eigenen Zunft, die „Märchenwelt der marktliberalen Ökonomen“, und es brachte ihm Widerspruch aus den eigenen Reihen ein. Kapital und Krise (2026) ist der Versuch, der Kritik einen Entwurf folgen zu lassen. Dass er dafür dreißig Jahre gebraucht hat, sagt er offen: Er habe erst Erfolg haben müssen, und mit einer Professur auf Lebenszeit sei es seine Aufgabe, „den Mund aufzumachen“.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Fehldiagnose — Wie Ökonomen die Wirtschaft ruinieren und die Gesellschaft spalten2024Westend. Die interne Kritik: Die öffentlich auftretenden Ökonomen fielen auf das idealisierte Marktmodell der Einführungsvorlesung zurück, gäben sich neutral und hätten in der Energiekrise die Folgen fahrlässig unterschätzt.
Kapital und Krise — Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht2026oekom, 352 S. Kritik der Wirtschaftspolitik von Ampel und Schwarz-Rot („Reaganomics“) und Gegenentwurf der geplanten Marktwirtschaft mit fünf Forderungen: Energiepreisbremsen in Krisen, strategische Industriepolitik, mehr öffentliches Eigentum, Besteuerung großer Vermögen, Arbeitnehmerrechte.

Studien und Texte (Auswahl):

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Die Märchenwelt des Referenzmodells. Die Fachliteratur kennt Marktversagen, Marktmacht und Überreaktionen in großer Breite. In der Öffentlichkeit fallen Ökonomen trotzdem auf das Idealmodell zurück, in dem der Markt Wohlstand schafft und der Staat ihn nur verteilt, und geben das als neutrale Wissenschaft aus.
  2. Privates Kapital ist teuer. Wo Wettbewerb Innovation bringt, lohnt sich der Preis des Eigenkapitals. In regulierten Monopolen wie Stromnetzen, in Daseinsvorsorge und im einfachen Mietwohnungsbestand zahlt man zweistellige Renditen für nichts. Dort gehört das Eigentum in öffentliche Hand.
  3. Wirtschaftspolitik ist Demokratieschutz. Ökonomische Verunsicherung, auf die der Staat nicht angemessen reagiert, treibt die Wähler zur extremen Rechten. Krebs datiert drei AfD-Schübe auf drei Versäumnisse: die späte Energiepreisbremse 2022, das unterfinanzierte Heizungsgesetz 2023 und die Reformpolitik von Schwarz-Rot.
  4. Rüstung ist kein Konjunkturprogramm. Der Fiskalmultiplikator von Militärausgaben ist klein. Schwarz-Rot betreibe „Rüstungskeynesianismus“ und „Reaganomics“ und verschwende Mittel, die in Infrastruktur, Bildung und Cleantech ein Vielfaches bewirken würden.
  5. Die geplante Marktwirtschaft. Markt und Privateigentum bleiben, daneben steht ein gestaltender Staat, der Sektoren auswählt, in Krisen Preise begrenzt und deutlich mehr besitzt als heute. Wohin der Weg am Ende führt, bis zum Staatskapitalismus oder nicht, lässt Krebs ausdrücklich offen.

Politische Einordnung

Krebs steht der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften nahe, ohne dass eine Parteimitgliedschaft belegt ist. Er arbeitet mit DGB, Hans-Böckler-Stiftung und IMK, beriet das Finanzministerium unter Scholz und ist mit Isabella Weber und Patrick Kaczmarczyk verbündet. Ampel und Schwarz-Rot kritisiert er gleichermaßen, die SPD zunehmend offen („liebe SPD, dann weiß ich nicht mehr, wozu ihr gut seid“). Seit der Energiekrise rückt er erkennbar nach links, hin zu Vergesellschaftung und Preiskontrollen. Einen basisdemokratischen Sozialismus lehnt er ab: Er will große Konzerne wegen der Skalierung, Genossenschaften nur im Kleinen, Staatseigentum mit Mitbestimmung im Aufsichtsrat.

Widerspruch kommt aus der eigenen Zunft. Rüdiger Bachmann und Christian Bayer nannten ihn einen „vormaligen Kollegen“ und Fehldiagnose „autobiografisch“. Krebs konterte, ihre Empfehlungen stützten sich auf „Einführungsveranstaltungen für Bachelorstudierende“ (ntv, 26.10.2024). Dahinter steht der Streit von 2022, ob Deutschland einen Gasstopp verkraftet hätte. Seine Schwäche ist die Kehrseite seiner Stärke. Wo er Denkgewohnheiten des Fachs seziert, ist er präzise, und wo er Kollegen Motive unterstellt („Sprachrohre des Kapitals“, „neoliberal verwirrt“), setzt er selbst voraus, was er beweisen müsste. Seine AfD-Chronologie lässt konkurrierende Erklärungen wie die Migrationsdebatte weitgehend außen vor.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

Tom KrebsWege aus der Krise,…Isabella WeberDenkerVitaPatrick KaczmarczykDenkerVitaVeronika GrimmDenkerVitaSigl-Glöckner & KaczmarczykGeld ist genug da?Heiner FlassbeckDenkerVitaAchim TrugerDenkerVitaMarcel FratzscherDenkerVitaClara MatteiDenkerVitaKarl MarxDenkerVitaTilo JungDenkerVitaAdam Tooze und Maja GöpelDie PolykriseSusanne Weigelin-SchwiedrzikAmerikas Plan, China in den…Andreas AudretschDenkerVitaTim KlüssendorfDenkerVita

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