Wer spricht?

Andreas Löschel ist Professor für Umwelt- und Ressourcenökonomik an der Ruhr-Universität Bochum und Senior Researcher am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Von 2011 an war er langjähriger Vorsitzender der Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring der Energiewende. Als Koordinierender Leitautor des IPCC verantwortet er das Energiesysteme-Kapitel für den 7. Sachstandsbericht. Seine Forschung konzentriert sich auf die Verbindung von Energieökonomik, Klimapolitik und Wirtschaftlichkeit der Energiewende.

Biografie

Andreas Löschel wurde in der wissenschaftlichen Tradition der Wirtschaftspolitik ausgebildet: Volkswirtschafts-Studium in Nürnberg, Promotion an der Universität Mannheim. Diese akademische Grundierung prägte seinen analytischen Zugang — quantitativ präzise, empirisch fundiert, mit dem Blick auf die Machbarkeit von Transformationen.

Vor seiner aktuellen Position am RWI und der Ruhr-Universität war er Professor an den Universitäten Münster und Heidelberg und leitete ein Forschungsteam am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Diese Stationen zeigen ein Muster: Löschel baut Institutionen auf, von denen aus er beide Forschung betreiben und in politische Beratung hineinwirken kann.

Seine größte Wendung kam 2011: die Berufung als Vorsitzender der Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring. Dies machte ihn zur wissenschaftlichen Stimme der deutschen Energiepolitik — nicht als Ideologe, sondern als empirischer Beobachter, der misst und warnt.

2024 übernahm Löschel zusätzlich den Vorsitz des ESYS-Direktoriums (Energiesysteme der Zukunft), einem Verbund von acatech, der Leopoldina und der Union der deutschen Akademien. Im FAZ-Ökonomenranking stand er mehrfach unter den 50 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands. 2022 erhielt er den Deutschen Wirtschaftspreis der Joachim Herz Stiftung.

Bücher & Publikationen

Andreas Löschel publiziert primär in referierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Eine vollständige Publikationsliste findet sich auf Google Scholar, Scopus und bei ORCID.

Ausgewählte neuere Publikationen:

TitelJahrBeschreibung
Measuring the intrinsic value of choice (mit C. Feldhaus, J. Lingens, G. Zunker)2026European Economic Review, Forthcoming — Verhaltensökonomische Fundierung von Entscheidungsfreiheit
Information nudges, subsidies, and crowding out of attention (mit M. Rodemeier)2025Journal of the European Economic Association, Vol. 23/4 — Feldexperiment: Wie Information Aufmerksamkeit lenkt und verdrängt
Trust in scientists and their role in society (mit V. Cologna, N. Mede et al., 100+ Autoren)2025Nature Human Behaviour — Globale Multlab-Studie zum Vertrauen in Wissenschaft
What if? The Economic Effects for Germany of a Stop of Energy Imports from Russia (mit R. Bachmann, D. Baqaee u.a.)2024Economica, 91(364) — Geopolitische Szenarien der Energieunsicherheit
Municipal building codes and the adoption of solar photovoltaics (mit S. Carattini, B. Figge, Z. Gordon)2024Journal of Environmental Economics and Management — Wie Bauvorschriften Solarausbau beeinflussen

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Energiewende als Dreikonflikt: Die Energiewende steht in permanentem Spannungsfeld zwischen Bezahlbarkeit (Haushalte zahlen), Klimaschutz (schnelle Dekarbonisierung) und Resilienz (Energiesicherheit, Unabhängigkeit). Keine dieser drei Dimensionen kann einfach als Nebensache behandelt werden — Politik muss alle drei managen.

  2. Evidenz vor Ideologie: Energiewende erfordert empirische Analyse, nicht Glauben. Löschel nutzt Szenarien, Daten und experimentelle Methoden, um zu zeigen, was funktioniert. Die Frage ist nicht „Ist die Energiewende möglich?” (ja), sondern „Unter welchen Bedingungen gelingt sie wirtschaftlich?”

  3. Verhaltensökonomik ist Schlüssel: Technologie allein reicht nicht. Die Akzeptanz und Nutzung von erneuerbaren Energien, Effizienzmaßnahmen und neuen Strommarktmodellen hängt davon ab, wie Menschen entscheiden. Informationsdesign, Nudges und Anreizstrukturen sind zentral.

  4. Strommarktdesign braucht Neudenken: Der traditionelle deutsche Strommarkt (mit garantierten Einspeisevergütungen für Grünstrom) führt zu Verzerrungen und Ineffizienzen. Ein intelligenterer Markt — mit Flexibilität, Speicherung und Demand-Response — könnte Strom billiger und stabiler machen, ohne Klimaziele zu gefährden.

  5. Wissenschaft in der Politikberatung hat Grenzen: Obwohl Löschel als Leitautor des IPCC und Vorsitzender der Energiewende-Kommission große formale Macht hat, müssen Wissenschaftler transparent machen, wo Wissen endet und Werte anfangen. Der Ökonom kann zeigen: „Bei Szenario X kostet das Y Euro.” Er kann aber nicht allein entscheiden, ob Y Euro zu teuer ist.

Politische Einordnung

Löschel ist kein Ideologe. Er vertritt weder eine grüne Schönfärberei der Energiewende noch einen libertären Markt-Fundamentalismus. Seine Position ist: Energiewende ist notwendig und machbar, aber sie ist teuer, komplex und politisch fragil. Er kritisiert gleichermaßen:

  • Zu schnelle, technisch unreife Vorgaben (die den Strommarkt überfordern)
  • Zu langsame Dekarbonisierung (weil gesellschaftliche Akzeptanz fehlt)
  • Zu wenig Marktvorbereitung (für Speicher, flexible Last, Grid-Stabilität)
  • Zu wenig Kommunikation der Kosten (Bürger sollen wissen, was ihre Energiesicherheit kostet)

Er wird von der Forschungscommunity respektiert und von der Politik gehört — aber nie als bloßer Erfüllungsgehilfe. Seine Kritik an zu ambitionierten Plänen, die die Realität ignorieren, ist deutlich und datengeleitet.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Maja Göpel — Gesprächspartnerin und komplementäre Perspektive: Göpel denkt normativ-systemisch (Transformationsforschung), Löschel verhaltensökonomisch-empirisch. Beide treffen sich in der Diagnose, dass Erwartungsstabilität das eigentliche Kapital der Energiewende ist.
  • Gesine Schwan — Schwans Begriff der Gestaltungsmacht liefert den politiktheoretischen Rahmen für Löschels Akzeptanzforschung: Das von ihm begleitete Bürgerenergiegesetz NRW ist institutionalisierte Gestaltungsmacht gegen die „laute Minderheit”.
  • Silke Stremlau — Beide argumentieren über Erwartungen und Kapitalflüsse: Stremlau von der Finanzseite (Kapitalallokation formt Transformation), Löschel von der Politikseite (Tankrabatt zerstört Investitionssignale).

Gedankenwelten-Notes


Weiterdenken

Wo verläuft die echte Grenze?

  • Wenn die Energiewende gleichzeitig bezahlbar, schnell und sicher sein soll — wo genau müssen dann Kompromisse gemacht werden?
  • Löschel sagt, der Markt sei ineffizient — aber wer sollte dann steuern, und nach welchen Kriterien?
  • Die Wissenschaft kann zeigen, dass eine Maßnahme kostet; aber kann sie auch entscheiden, ob eine Gesellschaft den Preis zahlen sollte?
  • Deutschland hat eine funktionierende Energiewende gestartet, andere Länder tun sich schwer — liegt das an Technologie oder an Kultur?