Biografie
Silke Stremlau ist Geschäftsführerin von Finance for Transition (F4T), einem Think-and-Do-Tank für Transformationsfinanzierung, den sie seit 2026 aufbaut. Sie arbeitete über dreißig Jahre an der Frage, wie eine nachhaltige Finanzwirtschaft sozial-ökologische Transformation ermöglichen kann.
Stremlau studierte Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Umweltpolitik an der Universität Oldenburg und erlangte den Grad Dipl. Bankbetriebswirtin (Akademie deutscher Genossenschaften). Sie ist deutsche Finanzexpertin und gilt als Pionierin der ESG-Bewegung im deutschsprachigen Raum.
Karriere-Wendepunkte
2000–2015 — imug Consulting (Pionierphase) Als Mitbegründerin und Gesellschafterin des Sustainable-Investment-Bereichs baute sie eine der ersten institutionellen ESG-Bewertungsinfrastrukturen in Deutschland auf, lange bevor ESG ein Mainstream-Konzept wurde. Sie entwickelte Assessment-Ansätze und analysierte Kapitalflüsse unter ökologischen und sozialen Kriterien — damals noch eine Nischendisziplin.
2015–2018 — Bank im Bistum Essen Als Generalbevollmächtigte leitete sie strategische Transformation in einer kirchlichen Genossenschaftsbank mit Nachhaltigkeitsfokus.
2018–2023 — Hannoversche Kassen (Pensionskasse) Fünf Jahre als Vorständin, verantwortlich für Kapitalanlage, Nachhaltigkeit und Personal. Kernleistung: Transformierte eine 150-jährige Pensionskasse in ein Modell nachhaltiger institutioneller Kapitalanlage, mit langfristigen Investitionsstrategien statt kurzfristiger Renditeoptimierung.
2019–2025 — Nachhaltige-Finanz-Beirat der Bundesregierung Mitglied im 19. Beirat, dann Vorsitzende im 20. Beirat (Ampel-Koalition). Wichtigstes Ergebnis: Nachhaltige-Finanz-Verordnung und Taxonomie-Implementierung. Bilanz: Regulatorische Erfolge, aber fragmentiert; hätte stärkere ganzheitliche Strategie gebraucht.
2026-heute — Finance for Transition Gründung eines neuen Think-and-Do-Tanks mit Unterstützung der Stiftung Mercator. Fokus: Lösung konkreter Transformationsfinanzierungs-Probleme in vier Sektoren (kommunale Wärmewende, zirkuläre Wirtschaft, Wasser, soziale Infrastruktur).
Anerkennungen:
- Leser- und Vordenkerinnenpreis portfolio institutional 2024
- Senior Fellowship Stiftung Mercator 2023–2024
- Jury-Mitglied ESG-Transformation-Award
Kernthesen
1. Geld ist niemals neutral — es ist immer gesellschaftlich wirksam
Zentrale Behauptung: Die Kapitalallokation entscheidet darüber, welche Technologien entstehen, welche Unternehmen wachsen und welche Zukunft wir gestalten. Wer Geld kontrolliert, kontrolliert die Macht der Transformation.
Konsequenzen:
- ESG-Bewertung ist nicht nur Compliance-Pflicht, sondern strategische Risiko-Analyse
- Kapitalflüsse müssen aktiv umgelenkt werden (Desinvestment aus Kohle, Rüstung, Agrarkonzernen; Investition in erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, soziale Infrastruktur)
- Finanzmarkt-Regulierung ist nicht technisch, sondern zutiefst politisch
2. Kapital-Allokations-Problem statt Kapitalknappheit
Diagnose: Deutschland hat nicht zu wenig Geld (Pensionsfonds, Versicherungen, private Ersparnisse sind massiv), sondern zu wenig Struktur, um es langfristig und skalierbar zu investieren.
Problem-Anatomie:
- Investoren wollen langfristig parken (Pensionsfonds, Stiftungen) → aber keine Pipeline von bankfähigen Projekten vorhanden
- Kommunen und Mittelstand brauchen Transformationsinvestitionen (Wärmewende, Energieeffizienz) → aber Finanzierungsstrukturen sind zu komplex oder zu teuer
- Venture-Capital und Private Equity dominieren kurzfristige Rendite-Logik → keine incentive für 20-Jahres-Projekte
Lösung: Plattformen, Governance-Modelle und Risiko-Verteilungsstrukturen, die Kapitalangebot und Projektpipeline verbinden.
3. ESG ist Risiko- UND Chancenthema, nicht Greenwashing-Theater
Kernpunkt: ESG-Kriterien sind fundamentale Analyse, nicht moralisches Wunschdenken.
- Klimarisiko (Stranded Assets, Supply-Chain-Verwerfung, Regulatorische Brüche) ist ein materielles Finanzrisiko, das in Preismodellen berücksichtigt werden muss
- Biodiversitätsrisiko (Collapse von Bestäubung, Wasser, Böden) ist ein Produktionsrisiko für jeden Konzern
- Soziales Risiko (Ungleichheit, Gesundheitskrise, Migration) ist ein Legitimitäts- und Marktzugangsrisiko
Konsequenzen: Unternehmen, die diese Risiken ignorieren, sind schlechte Langzeit-Investitionen, egal ob ihre Quartals-Zahlen gut aussehen.
4. Langfristkapital schlägt Renditekapital
Prämisse: Nicht alle Investoren denken gleich. Pensionsfonds, Stiftungen, Versicherungen mit langfristigen Verpflichtungen haben einen komparativen Vorteil bei Transformationsprojekten.
- Sie brauchen stabile, inflationsgeschützte Renditen über 20–30 Jahre
- Sie können Risiken tragen, die Private-Equity-Fonds nicht tragen
- Sie haben incentive zur Engagement (aktiv in die Governance der Unternehmen eingreifen), nicht nur zum Exit
Konsequenz: Der Match zwischen langfristigen Investoren und Transformationsprojekten ist der Schlüssel, nicht noch mehr Finanzinnovation.
5. Transformationsfinanzierung erfordert Mut, Haltung und Zuversicht — nicht Compliance
Kritik an der aktuellen Dynamik:
- Der Nachhaltige-Finanz-Beirat wurde zu viel mit Regulatorik beschäftigt statt mit aktiven Lösungen
- ESG-Verordnung ist notwendig, aber nicht ausreichend — sie schafft Compliance, nicht Transformation
- Zu viel “technisches Denken”, zu wenig “transformatives Denken”
Was es braucht:
- Mut: Finanzinstitutionen müssen bereit sein, aus Fossil-Sektoren auszusteigen und neue Geschäftsmodelle zu experimentieren
- Haltung: Eine klare Werteposition — es geht nicht um reine Rendite, sondern um resiliente Wirtschaft
- Zuversicht: Glaube, dass wirtschaftliche Transformation möglich ist und profitabel sein kann
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Format | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| Nachhaltig investieren — Der Video-Kurs | 2024 | ZEIT Academy Video | 3-teiliger Videokurs über zukunftsfähige Anlagestrategie: Warum, Wie, Welche Instrumente |
| Geld ist niemals neutral | 2026 | Interview | Cleanthinking.de, Mai 2026 — Kerngedanken zur gesellschaftlichen Wirkmacht von Kapital |
| Transition der Finanzindustrie: Faktenbasiert und mit kühlem Kopf | 2025 | BaFin Kommentar | Sachkommentar zur BaFin Sustainable Finance-Konferenz, Mai 2025 |
| Finanzierung der Zukunftsfähigkeit Deutschlands | 2025 | Handelsblatt Artikel | Beilage zur Restrukturierungskonferenz, Mai 2025 |
| Jeder verbindet Nachhaltigkeit mit Bürokratie | 2025 | FAZ Streitgespräch | Dialog mit Achim Derks (DIHK), Februar 2025 — Kritik am regulatorischen Overengineering |
| Wir brauchen eine klare, einfache und wirksame Regulierung | 2025 | AssCompact Interview | Februar 2025 |
| Raus aus der Nische | 2024 | FAZ Porträt | Von Philipp Krohn, September 2024 — Biografisches Porträt über ihre Karriere |
| Nachhaltigkeit muss als Risiko- und Chancenthema verstanden werden | 2024 | portfolio institutional | März 2024 |
| Warum grüne Finanzanlagen so wichtig sind | 2024 | BRIGITTE Academy | Interview, Februar 2024 |
| Wie das Finanzsystem zur Artenvielfalt beitragen kann | 2024 | Blogartikel | ”Natur ist unser Kapital” Initiative, Februar 2024 |
| Für mehr Nachhaltigkeit brauchen wir die Kraft des Finanzmarktes | 2023 | Aufruhr Magazin | Stiftung Mercator Interview, Oktober 2023 |
| Die Finanzbranche ist noch nicht nachhaltig | 2023 | FAZ Beitrag | Von Philipp Krohn und Inken Schönauer, April 2023 |
| Nachhaltigkeit als Chance — Haltung, Regulatorik und neue Wege im Finanzmarkt | 2019 | BaFin-Journal | Wichtiger Grundlagenktext zu ihrer Positionierung |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
| Titel | URL | Datum | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| Investieren NEU DENKEN mit Silke Stremlau | YouTube | 2026 | Aktueller Dialog mit Maja Göpel und Mission Wertvoll über Finanzkapital als Hebel der Transformation |
| Ist ESG-Investing am Ende? | Finanzfluss Podcast | 2025 | Interview mit Laura Städtler über Anti-ESG-Welle aus USA, ETF-Wirksamkeit, private vs. institutionelle Anleger |
| Rückblick auf den Sustainable Finance-Beirat | Börsenzeitung Podcast | 2025 | Bilanz ihrer Rolle als Vorsitzende nach Ampel-Bruch — durchmischtes Fazit zur Zielerreichung |
| Wie stellen wir den Finanzmarkt nachhaltig auf? | Grad Global Podcast (Spotify) | 2024 | Mit Moderatorin Anja Backhaus über die Rolle der Finanzwirtschaft, CO2-Preise, innovative Finanzierungsmechanismen |
| Sustainable Finance Advisory Committee & Sustainable Leadership | YouTube RMER Conference | 2024 | Keynote auf 11. Conference for Responsible Management Education Research, Berlin — Compliance vs. Governance |
| ESG Transformation Award 2025 | Film | 2025 | Jury-Mitglied beschreibt die drei notwendigen Zutaten: Mut, Haltung, Zuversicht |
| Eine erfrischend andere Diskussion | future economies Podcast | 2024 | Mit Dr. Aaron Sahr und Dr. Laura Mervelskemper über Geldpolitik, Transformationsfinanzierung und Regulierungshebel |
| Geld ist niemals neutral | Finanzfluss Interview | 2025 | Führt durch ihre Kerngedanken — ein guter Einstiegspunkt |
| Was bringen nachhaltige Investments? | YouTube | 2024 | Interview zur praktischen Frage: Wirksamkeit von Nachhaltigkeitskriterien |
| Pax-Bank Nachhaltigkeitstagung | YouTube | 2025 | Kirchliche Bank im Dialog |
| 0511 Spezial: Finanzexpertin zu Nachhaltigkeit im Finanzsystem | YouTube | 2023 | Regional fokussiertes Interview |
| SINN|MACHT|GEWINN 2021 | YouTube | 2021 | ”Geld ist niemals neutral!” — ältere Keynote, aber thematisch zentral |
Kernthesen — Zusammenfassung
- Kapitalismus muss sich transformieren — Wirtschaft unter planetaren Grenzen ist möglich, erfordert aber fundamentale Umgestaltung der Anreizstrukturen
- Finanzmärkte sind kein technisches, sondern ein politisches Problem — Wer Geld kontrolliert, kontrolliert Macht
- Langfristkapital ist die Antwort auf Transformationsinvestitionen — Pensionsfonds und Stiftungen haben Vorteil, werden aber nicht richtig organisiert
- ESG-Regulierung ist notwendig, aber nicht ausreichend — Ohne Transformation der Governance und Anreize bleibt es Compliance-Theater
- Mut, Haltung, Zuversicht statt nur Regeln — Finanzsektor braucht kulturellen Wandel, nicht nur technische Standards
Politische & ideologische Einordnung
Keine klassische Links-Rechts-Positionierung. Stremlau ist eine pragmatische Transformationsökonomin mit sozialer und ökologischer Grundhaltung.
Charakteristika:
- Arbeitet gleichberechtigt mit konservativen Finanzinstitutionen (NORD/LB, Bank im Bistum Essen) und progressiven Akteuren
- Kritisiert Greenwashing explizit (z.B. öffentliche Kritik an E.ON-Lobbying, FAZ 2023)
- Kritisiert aber auch regulatorisches Overengineering und zu viel Bürokratie (FAZ-Streitgespräch mit DIHK)
- Position: Kapitalismus unter Transformationsbedingungen ist möglich und notwendig — nicht Kapitalismuskritik, sondern Kapitalismustransformation
- Geldpolitisch: Deutschland hat nicht zu wenig Geld, sondern Struktur-Probleme — eine gradualistisch-pragmatische Position (nicht revolutionär, nicht neoliberal)
Verbindungen zu anderen Denkern
Im Nachhaltigkeitsdiskurs:
- → Maja Göpel — Gemeinsame Diskussionen über Finanzkapital als Hebel der Transformation und kulturellen Wandel
- → Klaus Dörre — Beide arbeiten an der Frage: Wie kann Wirtschaft sozial-ökologisch transformieren?
- → Volker Quaschning — Sie bringt die Finanzierungsperspektive in Energiewende-Debatten
Im Finanz- und Wirtschaftsdiskurs:
- Dialoge mit Heiner Flassbeck (Makroökonomie, Eurokrise) über Geldpolitik und Wirtschaftstransformation
- Aaron Sahr (Geldsoziologie) — Zusammenarbeit in future-economies Podcast über die sozialen Strukturen von Finanzsystemen
- Laura Mervelskemper (Betriebswirtschaft und Nachhaltigkeit) — Ko-Diskutantin im Transformationsfinanzierungs-Diskurs
Gedankenwelten-Notes
Wird aktualisiert, wenn Notes zum Thema Nachhaltige Finanzwirtschaft, ESG, Transformationsfinanzierung oder Kapitalallokation hinzugefügt werden.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn Geld niemals neutral ist, und die Kapitalallokation die Zukunft formt — wer darf dann überhaupt über Kapitalflüsse entscheiden? Private Investoren? Der Staat? Arbeitnehmer?
- Stremlau sagt, es gäbe ein Allokations-Problem, nicht ein Kapitalknappheitsproblem — aber liegt die echte Knappheit nicht in den politischen Strukturen, um solche Allokationen durchzusetzen?
- Wenn langfristiges Kapital das Transformationsproblem löst, müssten dann nicht alle Altersvorsorge- und Stiftungsgelder automatisch in Transformation investiert werden — würde das nicht einen ideologischen Konflikt schaffen?
- Was bedeutet es, wenn der Finanzsektor selbst die Grenze zwischen Gewinnmaximierung und Transformationswille zieht? Kann ein System sich selbst transformieren?
- Braucht es nicht mehr als Mut, Haltung und Zuversicht — nämlich fundamentale Umverteilung von Macht und Ressourcen?
Erstellt: 2026-05-31 Quellen: Offizielle Website, Interviews, BaFin-Journal, FAZ-Porträts, Sustainable Finance Advisory Board Mitteilungen












