GedankenraumCarsten Brosda — DenkerVita
Wo Demokraten keine eigenen Bilder haben, kehren die alten Mythen zurück: Carsten Brosda, Hamburgs Kultursenator, denkt Demokratie als kulturelle Aufgabe.
🎨
Lyonel Feininger — seine Kathedrale stand 1919 auf dem Bauhaus-Manifest, ein Bild davon, was eine Gemeinschaft gemeinsam baut. Kristallines Licht spannt sich vom Ruhr-Förderturm bis zu den Hamburger Kränen; vor einer offenen Bühne stehen gesichtslose Figuren beieinander, Kinder lassen Drachen steigen: demokratisches Miteinander als Bild, wie Brosda es fordert.
Prompt: An oil painting in the manner of Lyonel Feininger's prismatic period, like Gelmeroda and The Glorious Victory of the Sloop Maria, crystalline cubism, architecture dissolved into translucent overlapping planes and long ruled diagonal rays, very few details, thin glazes, palette of luminous blue, amber, rose and pale gold, 1200x500 wide banner. On the left the slender steel winding tower of a Ruhr coal mine, on the right the tall cranes and ship masts of a northern harbour, both reduced to faceted prisms of light. Between them an open town square with a simple wooden stage, where small slender elongated Feininger figures, simple dark silhouettes, stand together, and a few children fly kites that rise into the faceted sky. Three small stars at the top send long crystalline rays down over the square, like the woodcut cathedral of the 1919 Bauhaus manifesto. Hopeful, communal, spacious, abstracted, not illustrative. No faces, no text, no letters, no numbers, no signature, no monogram, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Carsten Brosda (1974, Gelsenkirchen) — SPD-Politiker, seit Februar 2017 Hamburger Senator für Kultur und Medien, seit November 2020 Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Promovierter Journalistikwissenschaftler, lange Jahre Redenschreiber und Kommunikationschef der SPD, ein enger Weggefährte von Olaf Scholz. Unter den Kulturpolitikern der Republik einer der wenigen, die ihr Amt auch als Denkarbeit verstehen und darüber Bücher schreiben.
Wichtigste Werke: Diskursiver Journalismus (2008), Die Zerstörung (2019), Die Kunst der Demokratie (2020), Ausnahme/Zustand (2020), Mehr Zuversicht wagen (2023) Kernkonzepte: Kultur als Bildvorrat der Demokratie (nach Ernst Cassirer), diskursive Verständigung als kontrafaktische Unterstellung (nach Habermas), Zuversicht statt Defätismus, Solidarität statt Caritas, Plattformmacht als demokratische Machtfrage
Biografie
Gelsenkirchen, Texas, Dortmund (1974–2007): Carsten Brosda kommt am 3. Oktober 1974 in Gelsenkirchen zur Welt und bleibt dem FC Schalke 04 bis heute verbunden, einem Verein, dessen letzte Meisterschaft vor seiner Geburt liegt. Als Austauschschüler verbringt er ein Jahr in Texas und lernt dort in einem Highschool-Kurs den Journalismus kennen. An der Universität Dortmund studiert er Journalistik und Politikwissenschaft, volontiert bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen. Sein Seminarraum blickt fünf Jahre lang auf das Westfalenstadion, für einen Schalker, wie er in Lüneburg sagt, eine tägliche Toleranzübung. Nach einem Praktikum in der Pressestelle des SPD-Präsidiums bietet ihm die Partei eine Halbtagsstelle an, die ihm die Promotion erlaubt. 2007 wird er in Dortmund mit einer Arbeit über Diskursiven Journalismus promoviert: journalistisches Handeln zwischen kommunikativer Vernunft und den Zwängen des Mediensystems. Mehrere Jahre unterrichtet er als Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen.
Die Werkstatt der Worte (2000–2011): Von 2000 bis 2005 arbeitet er beim SPD-Parteivorstand in Berlin als Pressereferent, Redakteur, Redenschreiber und Referent für Grundsatzfragen. 2004 ist er Pressesprecher von Gesine Schwan in ihrer Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin. Im Bundesministerium für Arbeit und Soziales leitet er von 2005 bis 2009 das Referat Reden, Texte und Analysen, ab 2008 ist er zudem stellvertretender Leiter des Leitungs- und Planungsstabs, ab 2007 unter Minister Olaf Scholz. 2010 und 2011 führt er die Kommunikationsabteilung des SPD-Parteivorstands.
Hamburg (seit 2011): Im Juni 2011 holt ihn Scholz, inzwischen Erster Bürgermeister, an die Spitze des neu geschaffenen Amts Medien in der Hamburger Senatskanzlei; ab 2013 ist Brosda zugleich Bevollmächtigter des Senats für Medien und federführend am Hamburger Mediendialog beteiligt. Im März 2016 wird er Staatsrat für Medien, Digitalisierung und Kultur. Als die Kultursenatorin Barbara Kisseler im Oktober 2016 stirbt, folgt er ihr am 1. Februar 2017 im Amt nach. Er bleibt Senator in den Senaten Tschentscher I bis III. 2019 übernimmt er als erster den Vorsitz der neu gegründeten Kulturministerkonferenz der Länder, im November 2020 wird er Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Für die Länder verhandelt er bei den Medienstaatsverträgen mit, die den alten Rundfunkstaatsvertrag ablösen und nun auch Plattformen erfassen sollen. Brosda ist verheiratet und Vater zweier Töchter.
Lüneburg (2026): Auf der Utopie-Konferenz der Leuphana Universität „Großzügigkeit, eine Utopie?“ (26.–28. August 2026) spricht er mit Maja Göpel und Aladin El-Mafaalani über die „nächste Demokratie“. Er nennt es ein Versagen „wirklich aller demokratischen Kräfte“, dass sie keine Vorstellung davon entwickeln, wie es besser werden könnte, und hält Cassirer, Habermas und die Allegorie der guten Regierung im Rathaus von Siena dagegen.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Mehr Zuversicht wagen. Wie wir von einer sozialen und demokratischen Zukunft erzählen können | 2023 | Gegen die Stimmung, es werde nicht mehr besser: Brosda sucht eine Sprache für eine gute Zukunft, mit Beispielen aus Bruce Springsteens Songs, dem Film Nomadland, Büchern und Theater. Die SZ las es als Teil der Suche nach einer neuen Sprache für liberale Positionen. |
| Ausnahme/Zustand. Notwendige Debatten nach Corona | 2020 | Was die Pandemie an Verteilungs-, Kultur- und Demokratiefragen offengelegt hat und welche Debatten danach geführt werden müssen. |
| Die Kunst der Demokratie. Die Bedeutung der Kultur für eine offene Gesellschaft | 2020 | Kunst und Kultur als Bedingung der Freiheit: Sie bringen eine Gesellschaft mit sich selbst ins Gespräch. Deutschlandfunk Kultur fand das Buch zäh und manche These bestreitbar, das Anliegen aber lohnend. |
| Die Zerstörung. Warum wir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt streiten müssen | 2019 | Essay über die Krise der Volksparteien und eine politische Landschaft, die ihren Zusammenhalt verliert. |
| Diskursiver Journalismus. Journalistisches Handeln zwischen kommunikativer Vernunft und mediensystemischem Zwang | 2008 | Die Dissertation: Journalismus im Licht der Habermas'schen Diskurstheorie, als Ort, an dem sich eine Gesellschaft über Gründe verständigt. |
| Diskurs-Inszenierungen | 2001 | Mit Thomas Meyer und Christian Schicha: wie politische Vermittlung am Beispiel der Ökologischen Steuerreform inszeniert wurde. |
(Buchlinks führen auf die genialokal-Suche — lokaler Buchhandel statt Amazon.)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Carsten Brosda, Maja Göpel & Aladin El-Mafaalani: Nächste Demokratie? — Leuphana Universität Lüneburg, Utopie-Konferenz 2026 (57 Min.). Zuversicht, die man nicht verordnen kann, Cassirers Mythen, die Lücke zwischen Versprechen und Einlösung und die Plattformmacht.
- Carsten Brosda und Nils Minkmar über „Mehr Zuversicht wagen“ — Vorwärts, Frankfurter Buchmesse 2023 (34 Min.). Das Buch im Gespräch mit dem Journalisten Nils Minkmar.
- Wachgeküsst: Carsten Brosda stellt die neue Kulturministerkonferenz der Länder vor — Deutscher Kulturrat, Februar 2019 (26 Min.). Als erster Vorsitzender der Kulturministerkonferenz über eine gemeinsame Kulturpolitik von Bund und Ländern.
- Grußwort zu „re:claim public discourse!“ — Rudolf Augstein Stiftung, Februar 2019 (11 Min.). Zum Symposium über den Umgang mit rechtspopulistischen Medienstrategien.
- Sparzwang für Kultur. Brosda: „Rechte haben begriffen, wie Kulturpolitik geht“ — Deutschlandfunk, Kulturfragen, Dezember 2024 (Audio).
Kernthesen
- Demokratie braucht eigene Bilder. Mit Ernst Cassirers Vom Mythus des Staates (1945 geschrieben, auf Deutsch 1949) erklärt Brosda den Aufstieg des Nationalsozialismus aus einem kulturellen Mangel. Die Weimarer Republik hatte keine positiven Erzählungen und Symbole des demokratischen Miteinanders hervorgebracht; als die Krise kam, lagen nur die archaischen Mythen bereit, der Mensch als Wolf, das Recht des Stärkeren. Heute, sagt er, wiederhole sich das: Demokraten widerlegen die Antidemokraten, statt eine eigene Vorstellung „fühlbar zu machen“. Darum sind Utopiefragen für ihn kulturelle Aufgaben.
- Zuversicht lässt sich nicht anordnen. Ein Kanzler, der zur Zuversicht aufruft, ändert keine Stimmung. Brosda zielt auf das Muster dahinter, Politik als Lieferversprechen („Herbst der Reformen“), das systematisch enttäuschte Erwartungen und damit Vertrauensverlust erzeugt. Die Lücke zwischen dem großen Ziel und dem, was eine Amtszeit einlöst, hält er für den Normalfall, für den Ansporn, weiterzumachen und weiterzugeben. Den Defätismus des Fußballfans, der mit der Niederlage rechnet, um nur gewinnen zu können, nennt er die falsche Haltung für Menschen, die selbst auf dem Platz stehen.
- Wer mitdiskutiert, gibt der Vernunft recht. Mit Jan Philipp Reemtsmas Lektüre des Zauberbergs: Dass der Zyniker Naphta überhaupt mit Settembrini streitet, bestätigt dessen Glauben an Verständigung. Habermas nennt das die kontrafaktische Unterstellung; die Alternativen wären Faustkampf oder Schweigen. Daraus folgt für Brosda eine politische Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen man sich in Verschiedenheit begegnet, analog und digital. Partizipation hält er dabei für zweischneidig, weil Beteiligungsformate oft die erreichen, die ohnehin Zeit haben. Als Gegenbeispiel nennt er das Hamburger Kinderkulturmanifest, das Kinder selbst geschrieben haben und deren Vertreter seither im Steuerungsrat sitzen.
- Solidarität statt Caritas. Auf die Großzügigkeit der Besitzenden allein will er den Sozialstaat nicht bauen. Großzügigkeit übersetzt er in seine Parteitradition als Solidarität, als Strukturen, die ein Leben unterhalb einer bestimmten Schwelle ausschließen. Er verweist auf die Allegorie der guten Regierung im Rathaus von Siena (1338), in der die Großherzigkeit zu den Tugenden guten Regierens gehört. Freiheit braucht für ihn neben der Freiheit von Furcht eine Freiheit zur Teilhabe: Wer die Hälfte seines Einkommens für die Miete ausgibt, hat keine Zeit, Bürger zu sein.
- Die Machtfrage liegt bei den Plattformen. Technisch hält er das Netz für die Einlösung von Brechts Radiotheorie, alle können senden und empfangen. Das Problem sind die neuen, unsichtbaren Torwächter: erst die Plattformen der Verbreitung, dann die KI, die Inhalte erzeugt, schließlich Agenten, die mit Agenten über KI-Inhalte reden. Seine Antwort hat drei Teile, Regulierung, europäische Technik aus eigenen kulturellen Vorstellungen und ein Bewusstsein für den freiheitlichen Gebrauch.
Politische Einordnung
Brosda ist Sozialdemokrat aus dem Apparat und zugleich einer ihrer Ideenpolitiker: Er hat Reden geschrieben, bevor er Ämter führte, und versteht Politik als Arbeit an der Sprache, in der eine Gesellschaft sich selbst beschreibt. Seine Grundierung ist die Diskurstheorie von Habermas und die Kulturphilosophie Cassirers, sein Programm ein sozialdemokratischer Freiheitsbegriff, der Teilhabe materiell absichern will. Gegen den Rechtsdruck setzt er Kulturpolitik als Demokratiepolitik und warnt, die Rechten hätten „begriffen, wie Kulturpolitik geht“.
Umstritten war seine Unterschrift als Präsident des Deutschen Bühnenvereins unter den Aufruf der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit im Dezember 2020. Die Initiative kritisierte den BDS-Beschluss des Bundestags von 2019 als Einschränkung des offenen Austauschs in Kunst und Wissenschaft; ihre Kritiker sahen darin eine Schwächung des Kampfs gegen den israelbezogenen Antisemitismus. Kritik trifft auch die Bücher: Deutschlandfunk Kultur fand Die Kunst der Demokratie eine zähe Lektüre mit bestreitbaren Thesen. Und einem Regierungspolitiker, der über Zuversicht schreibt, liegt der Einwand nahe, er appelliere, wo er selbst gestalten könnte. Brosda kennt ihn; „Wer appelliert, zeigt, dass er keine Macht hat“, steht über einem seiner Interviews im Freitag. In Lüneburg sagt er, wer nur beschreibe, wie es hübsch wäre, und sich dann zurücklehne, mache keine Politik.
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Jürgen Habermas
Brosdas Dissertation steht auf Habermas' Diskurstheorie, und in Lüneburg ist es dessen kontrafaktische Unterstellung, mit der er die Demokratie begründet: Wir unterstellen Verständigung, obwohl sie nicht gesichert ist, weil die Alternative Faustkampf oder Schweigen hieße. Habermas liefert die Theorie, Brosda versucht, sie in Medienstaatsverträge und Stadtteilzentren zu übersetzen.
→ Maja Göpel
Seine Gesprächspartnerin in Lüneburg. Beide halten Zukunft für eine Frage der Erzählung: Göpel nennt Wachstum und BIP veränderbare Geschichten, Brosda sucht mit Cassirer nach positiven Bildern der Demokratie. Göpel bringt das Lieblingsbonmot Peter Altmaiers mit, verfehlte Ziele seien wohl zu hoch gesetzt gewesen. Brosda antwortet mit der Diagnose, Politik setze sich neue Ziele, um die alten nicht einlösen zu müssen.
→ Aladin El-Mafaalani
Der Dortmund-Fan neben dem Schalker. El-Mafaalani bringt die Demografie ins Gespräch: Bald stellen die über 67-Jährigen die größte Wählergruppe, die Kinder bleiben ohne Stimme. Brosda nimmt die Frage nach Beteiligung auf und warnt, Partizipationsangebote erreichten oft gerade die nicht, die man meint. Beide misstrauen der Erzählung von der gespaltenen Gesellschaft; Brosda beruft sich auf Steffen Maus Befund, dass die Lager in Deutschland empirisch nicht so weit auseinanderliegen.
→ Gesine Schwan
2004 war Brosda ihr Pressesprecher, als sie für das Amt der Bundespräsidentin kandidierte. Beide verbindet die Überzeugung, dass Demokratie im gemeinsamen Ringen erfahrbar werden muss: Schwan baut dafür kommunale Entwicklungsbeiräte, Brosda fordert offene Räume, in denen Verschiedene gemeinsam herausfinden, was nötig ist.
→ Martin Andree
In Lüneburg verweist Brosda auf ihn als den, der Modelle zur Entflechtung der Plattformen ausgearbeitet hat. Andree belegt mit Zahlen, wie wenige Plattformen die digitale Öffentlichkeit beherrschen; Brosda verhandelt als Medienpolitiker der Länder die Staatsverträge, mit denen man ihnen beikommen müsste, und fragt, wie man eine Plattform aufknackt, wenn keine politische Einheit größer ist als sie.
Cortex-Notes
- Carsten Brosda — Nächste Demokratie? — im Gespräch mit Maja Göpel und Aladin El-Mafaalani, Leuphana Universität Lüneburg, Utopie-Konferenz 2026; Cassirer, Zuversicht, Solidarität statt Caritas und die Plattformmacht
Im Bestand
sechs gedachte Verweise