GedankenraumCarsten Brosda — Nächste Demokratie?
Demokratien verlieren, wenn sie kein Bild mehr von morgen haben. Carsten Brosda sucht es in Siena, bei Cassirer und in der Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung.
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Ambrogio Lorenzetti — Trecento-Fresko auf Kalkputz, verblasste Erdpigmente, feine Risse, in der Art der Allegorie der guten Regierung im Sieneser Rathaus. Links sitzt die Concordia mit dem großen Hobel auf dem Schoß, unter ihr zieht eine Reihe von Bürgern in die Stadt, und von ihrer Hand spannt sich eine rote Schnur hinüber bis zur Spitze eines Turms im Gerüst, an dem Maurer die Steine von Leiter zu Leiter weiterreichen. Rechts die gut regierte Stadt mit Tuchmarkt, Werkstätten und Kindern, die Seil springen.
Warum: Brosda stand im Sommer vor diesem Fresko und brachte es nach Lüneburg mit, als Beweis, dass eine Stadt sich schon vor fast siebenhundert Jahren ein Bild davon gemalt hat, wie gutes Miteinander aussieht. Genau dieses Bild, sagt er, fehlt der Demokratie heute. Der unfertige Turm ist seine Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung: Wer oben ankommt, hat unten nicht angefangen, und gebaut wird trotzdem weiter.
Prompt: Early Italian Trecento fresco in the manner of Ambrogio Lorenzetti's Allegory of Good Government in Siena, 1200x500 wide banner, true fresco on lime plaster with soft faded earth pigments, fine cracks and small losses in the plaster. On the left a calm seated woman in a pale rose gown holds a large wooden carpenter's plane across her lap; a long red cord runs from her hand through the hands of a row of small citizens walking in procession toward the right. On the right a well-governed walled city of ochre and terracotta houses: an open market with cloth merchants, a cobbler at his door, children playing in a square, a farmer leading a mule through the gate. In the centre of the city rises a tall unfinished tower wrapped in wooden scaffolding, its top still open to the sky, where masons hand stones upward to each other from ladder to ladder. Palette of ochre, terracotta, sienna, soft rose, blue-grey sky. Stylized Trecento figures with simple flat faces, no realistic faces, no text, no inscriptions, no lettering, no signature, no photorealism.
Demokratien verlieren, wenn sie kein Bild mehr von morgen haben. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda sitzt nach zwei Konferenztagen morgens bei Maja Göpel und Aladin El-Mafaalani und legt eine Diagnose vor, die über die Tagespolitik hinausreicht: Die Politik verspricht nur noch Liefertermine, und jede verpasste Frist zählt als Scheitern. Brosda hält dagegen, die Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung sei normal, sie sei der Ansporn. Seine Belege holt er aus der Geschichte, von Ernst Cassirers Analyse der Weimarer Republik bis zu einem Fresko in Siena, auf dem die Eintracht einen Hobel auf dem Schoß hält. Dazu kommen zwei Zweifel, die das Gespräch würzen: dass mehr Beteiligung automatisch mehr Demokratie bedeutet, und dass Europa die Plattformen noch einholt.
Quelle: Carsten Brosda, Maja Göpel & Aladin El-Mafaalani: Nächste Demokratie? — Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), Gastgeber Maja Göpel und Aladin El-Mafaalani, 57 Minuten. Aus derselben Konferenz: Verhärten. Überall. Und nun?
Carsten Brosda (1974, Gelsenkirchen) — SPD-Politiker, seit 2017 Hamburger Senator für Kultur und Medien, seit 2020 Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Studierte in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaft und promovierte 2007 über Diskursiven Journalismus, eine Arbeit im Geist von Jürgen Habermas, dessen Denken ihn bis heute begleitet. Davor Redenschreiber und Grundsatzreferent beim SPD-Parteivorstand, 2004 Pressesprecher von Gesine Schwan bei ihrer Kandidatur fürs Bundespräsidentenamt, unter Olaf Scholz im Arbeitsministerium und in der Hamburger Senatskanzlei. Bücher: Die Zerstörung (2019), Die Kunst der Demokratie (2020), Mehr Zuversicht wagen (2023). Lebenslang Schalke-Fan, was er hier als Lehrstück über politischen Defätismus anbietet.
Maja Göpel (1976) — Politische Ökonomin und Transformationsforscherin, bis 2020 Generalsekretärin des WBGU, Gastgeberin von NEU DENKEN. Sie eröffnet das Gespräch und bringt die Nachhaltigkeitspolitik als Prüfstein ein.
Aladin El-Mafaalani (1978, Datteln) — Migrations- und Bildungssoziologe an der TU Dortmund, Autor von Misstrauensgemeinschaften (2025) und Kinder — Minderheit ohne Schutz (2025). Er fragt nach Demografie, Digitalisierung und dem Medienstaatsvertrag.
Stimmt die Maschine im Ganzen noch?
0:47 — Göpel eröffnet mit einem Knäuel. Großzügig ist leicht, wer darauf vertraut, nicht ausgenutzt zu werden, oder wer so gesichert lebt, dass es ihm nichts ausmacht. Beides fehlt gerade. Alle checken aus, jeder holt seine Sachen hinter den Zaun. Unternehmen wollen Steuererleichterungen ohne Investitionsauflage, Landwirte wehrten sich gegen Prävention und verlangen nun Entschädigung für die Ernteausfälle, junge Menschen sollen an die Waffe, über ihre Rente redet niemand. Was ist da die Rolle der Politik?
3:04 — Brosda kauft sich Zeit mit einem Scherz und antwortet dann mit einer Beobachtung über den eigenen Beruf. Über Jahrzehnte habe die Bundesrepublik nach dem Prinzip funktioniert, das seine Vorgängerin Barbara Kisseler so beschrieb: Man löst die Probleme in der Reihenfolge ihres Auftretens. Angela Merkel nahm sich, wie sie selbst erzählt hat, jeden Tag ein Problem vor und schaute, welche anderen am nächsten Tag wiederkamen. Für den Einzelnen ist das vernünftig, man bleibt handlungsfähig. Nur bekommt man so das Wichtige nicht in der nötigen Geschwindigkeit. 3:49 Wenn man an einer Schraube dreht und sich zehn andere mitbewegen, ohne dass man weiß wohin, lohne es sich, drei Schritte zurückzutreten und zu fragen, ob die Maschine im Ganzen noch stimmt. Eine Kollegin habe es knapper gesagt: Ohne Ziel stimmt jede Richtung.
5:20 — Dann der Satz, der das Gespräch trägt. Selbst wer heute noch Perspektiven schreibt, schreibt Bücher über Resilienz und Anpassung. Resilienz heißt wissenschaftlich, nach der Krise in den alten Zustand zurückzuschwingen.
„Da möchte ich dann immer zurückfragen, vor welcher Krise und war der Zustand wirklich gut?“
Hören — 5:20
Wer so plant, hat aufgegeben, bevor er anfängt. Und wenn die Menschen diffus unzufrieden sind und die Demokraten ihnen kein besseres Morgen anbieten, schlägt die Stunde derer, die eines haben: die Fünfziger oder die Dreißiger, „je nachdem wie radikal sie sind“. Brosda nennt das ohne Umschweife ein Versagen „aller, und zwar wirklich aller demokratischen Kräfte“6:06. Man traut sich keine Vorstellung vom Besseren mehr zu, aus Angst vor dem Vorwurf, naiv zu sein.
Die Resilienzkritik kennt Göpel aus eigenem Mund. Im Gespräch mit Andreas Reckwitz warf sie dem Begriff vor, er habe politisch als Ausrede gedient, Strukturwandel aufzuschieben (→ Reckwitz). Reckwitz hielt dagegen, eine ehrliche Resilienz rechne mit dem nächsten Einbruch und sei darum selbst ein Programm. Brosdas Frage „vor welcher Krise?“ trifft die schwache Fassung des Begriffs, die starke lässt sie stehen. Eine Stadt, die Bäume gegen die nächste Hitzewelle pflanzt, will ja nicht zurück in den Sommer von 2010.
Der Schalke-Haushalt
6:53 — Wie sich Menschen in der Hoffnungslosigkeit einrichten, erklärt Brosda mit seiner Kindheit. Er ist 1974 in Gelsenkirchen geboren, Schalke wurde 1958 zum letzten Mal Meister. Wer so aufwächst, rechnet sich die Welt zurecht: Man geht davon aus, dass die eigene Mannschaft verliert.
„Entweder man hat recht oder man wird positiv überrascht.“
Im Gespräch — 6:53
Auf der Tribüne sei das eine wunderbare Haltung. 7:38 In der Gesellschaft aber schaue man nicht zu, man stehe mit auf dem Platz, und da sei diese Alternative die falsche. Wer sagt „das geht doch eh nicht gut“, gewinnt im Defätismus jede Wette und lähmt dabei sich und die anderen, „ehrlicherweise völlig unnötig“. Der Saal applaudiert.
El-Mafaalani, Dortmunder, nimmt das Bild und dreht es um. Bei Schalke sei es doch umgekehrt gewesen, zu Saisonbeginn riefen alle „wir werden Meister“, am Ende kämpfte man gegen den Abstieg. 9:12 So laufe Politik: Es werden Erwartungen hochgehängt, die manchmal einen Tag nach der Wahl wieder einkassiert werden, dann kommen Ankündigungen, im Sommer werde man etwas spüren, im Herbst kämen die Reformen. Und systematisch enttäuschte Erwartungen, soziologisch betrachtet, seien ein anderes Wort für Vertrauensverlust.
Damit stehen zwei Diagnosen nebeneinander, die sich auf den ersten Blick ausschließen. Brosda sieht eine Gesellschaft, die zu wenig erwartet. El-Mafaalani sieht eine Politik, die zu viel verspricht. Beides kann zugleich stimmen, wenn man genauer hinsieht, was erwartet wird. Hohe Erwartungen an Termine und kleine an die Zukunft vertragen sich prächtig. Genau an dieser Stelle setzt Brosdas nächster Gedanke an.
Der Schalke-Fan schützt sich vor Enttäuschung, indem er nichts mehr erwartet. Ist der Rückzug vieler Bürger aus der Politik dieselbe Selbstschonung — und wer hätte das Recht, ihnen diese Schonung auszureden, solange die Mannschaft weiter verliert?
Deliverism, oder wann kommt das Paket?
10:43 — Vertrauen verspielt man schnell und gewinnt es nur langsam zurück, sagt Brosda, und zwar allein durch die Erfahrung, dass das Versprochene tatsächlich eintritt. Mit der Zuversicht ist es ähnlich. Er habe gelesen, der Kanzler habe alle zur Zuversicht aufgefordert, „das klappt in der Regel ja auch immer super“. Der Spott sitzt.
11:29 — Das eigentliche Problem liegt für ihn in der Form der heutigen Versprechen. Der „Herbst der Reformen“ war im vergangenen Jahr angekündigt, nun hat Kanzleramtschef Thorsten Frei ihn für diesen Herbst noch einmal angekündigt. Das ist für Brosda gar kein Versprechen, nur ein Liefertermin. Und jeder, der online bestellt und auf DHL oder Hermes wartet, werde nervös, wenn es drei Tage länger dauert. Braucht die Bundesregierung ein Jahr länger, ist die Erwartung enttäuscht. Er nennt das Deliverism. Der Begriff stammt aus einer amerikanischen Debatte von 2023 und meinte dort etwas anderes: die Hoffnung der Biden-Regierung, man gewinne Wähler, indem man ihnen spürbare Verbesserungen liefert. Brosda verschiebt ihn vom Inhalt auf die Frist, und darin liegt sein Gedanke.
12:15 — Vieles, wonach Politik strebt, ist nie vollständig einlösbar. Eine freiere, gerechtere, nachhaltigere Gesellschaft hakt kein Senator in seiner Amtszeit ab, und eine Rente, die über Jahrzehnte trägt, unter einem Arbeitsmarkt, den die künstliche Intelligenz umbaut, bleibt Daueraufgabe. Zwischen Ankündigung und Erfüllung bleibt also immer eine Lücke.
„Und diese Lücke ist aus meiner Sicht nicht die Zone des politischen Scheiterns, als die sie momentan wahrgenommen wird … sondern das ist der Ansporn weiterzumachen und gegebenenfalls auch was weiterzugeben an die, die dann übernehmen.“13:01
Hören — 13:01
Was geschieht, wenn man die Lücke als Scheitern behandelt, schildert er aus eigener Erfahrung. 13:46 Kündigt er ein Ziel für zehn Jahre an, ruft eine Woche später jemand an und fragt, wie weit er sei, und am Tag danach steht „Brosda gescheitert“ in der Zeitung. Also kündigt man nichts mehr an, arbeitet still vor sich hin und sagt am Ende „guck mal, geschafft“. Das ist politisch rational, man kommt leichter durch. Nur verknüpft sich das Erreichte dann nicht mehr mit einem Ziel, und es stiftet keine Legitimation.
14:31 — Sein Beispiel ist Angela Merkel. Ihre ersten beiden Wiederwahlen habe sie mit den Wirkungen der rot-grünen Reformen gewonnen, die sich vor 2005 noch nicht gezeigt hatten. Man müsse es trotzdem tun, „weil es für die Sache richtig ist“. Göpel ergänzt, Merkel sei die Einzige, die das je offen gesagt habe; in ihrer ersten Regierungserklärung dankte sie Gerhard Schröder tatsächlich für die Agenda 2010.
Die Forschung gibt Brosda an einer Stelle recht, an der man es nicht erwartet. Regierungsparteien halten die meisten ihrer Wahlversprechen, Alleinregierungen mehr als Koalitionen, das zeigt ein Vergleich von über 20.000 Versprechen in zwölf Ländern (Thomson et al. 2017, doi:10.1111/ajps.12313). Die Bürger glauben trotzdem das Gegenteil. Das Problem liegt also mehr in der Wahrnehmung der Lücke als in ihrer Größe. Sein Beispiel aber schneidet in beide Richtungen. Merkel erntete die Agenda 2010, die SPD bezahlte sie. An Hartz IV setzen Roger de Weck und Jana Hensel den Bruch zwischen der Sozialdemokratie und ihren Leuten an (→ de Weck). Wer weitergibt, an die, die übernehmen, gibt manchmal auch die eigene Basis weiter. Brosdas Maßstab, das Richtige zu tun, auch wenn andere davon profitieren, ist ehrenwert. Er sagt nur nicht, was eine Partei tun soll, deren Leute die Reform nicht als Ansporn, sondern als Kränkung erlebt haben.
Brosda will die Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung als Ansporn lesen. Woran erkennt ein Bürger von außen, ob eine Regierung in der Lücke arbeitet oder es sich darin bequem macht — und wer schuldet ihm diese Unterscheidung?
Weitermachen, wo die anderen aufgehört haben
15:21 — Göpel holt die Parteien ins Bild. Ein Gesellschaftsvertrag müsste genau das tragen: dass ich etwas vorbereite und andere es weiterführen. Davon sei wenig übrig. Die CDU sei die am schwersten auszuhaltende Opposition gewesen, „so narzisstisch gekränkt“, dass die Schuldenbremse nicht angetastet werden durfte, bis sie nach der Wahl doch gelockert wurde. 17:41 Dazu ihre Lieblingsanekdote. Peter Altmaier, damals Kanzleramtsminister, habe ihr in einer Hintergrundrunde zur Nachhaltigkeit gesagt:
„Frau Göppel, also wenn man die Ziele nicht erreicht, dann ist das ja ein Zeichen dafür, dass sie zu hochgesetzt waren.“
Im Gespräch — 17:41
Göpel will sich das als Lebensmotto merken. Brosda deutet es nachsichtiger und schärfer zugleich. 18:27 Gerade in der Nachhaltigkeitspolitik gebe es die Neigung, sich neue Ziele zu setzen, um Tätigkeit nachzuweisen, ohne die alten erreicht zu haben. Man wirkt ambitionierter, und bis jemand merkt, dass nichts geschah, ist man nicht mehr im Amt.
19:13 — Seine eigentliche Sorge vor der letzten Bundestagswahl war eine andere. Zum ersten Mal hätte eine Nachfolgeregierung nicht auf den Konsensen der Vorgänger aufbauen können. Gute Tradition sei gewesen, über Regierungswechsel hinweg dort weiterzumachen, wo die anderen etwas liegen gelassen hatten. Die USA zeigen das Gegenmodell, das Steuer wird um 180 Grad gerissen, von Bush zu Obama, zu Trump, zu Biden und wieder zu Trump, bis niemand mehr weiß, wohin es geht. So erzeugt man zwei Lager, die es in Deutschland, wenn er Steffen Mau richtig lese, empirisch noch nicht gibt. Praktisch, räumt er ein, setze die jetzige Regierung ja auch fort, und gerade das kostet die Union Vertrauen, weil sie vorher anderes versprochen hatte.
Hier liegt eine Spannung, die Brosda nicht auflöst. Kontinuität über Regierungswechsel hinweg ist ein Wert. Für den Wähler aber, der gerade gewechselt hat, sieht sie aus wie die Bestätigung, dass Wahlen nichts ändern. Das ist der Satz, mit dem die AfD seit Jahren wirbt. Ein Land braucht beides, die Fortsetzung und den sichtbaren Unterschied, und die Politik hat für das zweite kaum noch Sprache.
20:46 — Die SPD schreibt gerade ein neues Grundsatzprogramm, und Brosda erzählt, warum ihm das wichtig ist. Ralf Dahrendorf habe der Sozialdemokratie vor gut vierzig Jahren bescheinigt, ihre Aufgaben seien erledigt. Brosda sieht das nicht. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind für ihn an vielen Stellen im Rückschritt, und um ihre Bedeutung wird erbittert gestritten. 21:31 Ist Freiheit das Libertäre, „das darf ich machen, völlig egal, was andere wollen“, oder eine soziale Übereinkunft? Und Solidarität heute sei gerade die mit denen, die mir nicht ähnlich sind. Das unterscheidet sie von der Solidarität der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, die unter Gleichen galt.
22:16 — Dann ein Bild aus dem Physikunterricht. Man kippt Eisenspäne auf ein Blatt Papier, und keiner erkennt etwas. Kaum hält man einen Magneten darunter, entstehen Muster. Gute Grundsatzprogramme seien solche „Musterbildungsapparate“. Sie beschreiben, wie Deutschland 2040, 2050, 2060 aussehen könnte, im Wissen, dass man nie allein regiert und Kompromisse schließen muss.
23:01 — Und weil im SPD-Kontext sofort Helmut Schmidt zitiert wird, „wer Visionen hat, möge zum Arzt gehen“, nimmt Brosda ihn in Schutz. Für den Satz gebe es keine Belegstelle. Schmidt muss ihn aber für plausibel genug gehalten haben, denn Jahre später nannte er ihn selbst eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage. Gemeint sei gewesen, ob Visionen einen Konkretionsgrad haben. Wer nur beschreibt, wie hübsch es wäre, und den Weg anderen überlässt, macht keine Politik. Göpel findet das Wort dafür: Fata Morgana oder Kompass.
Der Magnet ist das schönste Bild des Morgens, und es verrät etwas. Er ordnet, was ohnehin daliegt, er bringt nichts Neues aufs Blatt. Ein Programm, das so arbeitet, macht sichtbar, was eine Gesellschaft schon will. Dass sie es schon will, behauptet wenig später auch Göpel, und sie hat dafür einen Beleg.
Partizipation, ein zweischneidiges Schwert
24:34 — El-Mafaalani bringt seine Demografie mit, die er an diesem Wochenende mehrfach vorgetragen hat (→ Minderheitenschutz für Kinder?). Kinder sind so wenige wie nie, das Durchschnittsalter der Wahlberechtigten liegt über Mitte fünfzig, bald sind die über 67-Jährigen die größte Wählergruppe. Wer den Laden am Laufen hält, stellt nicht mehr die Mehrheit. Müsste man dann nicht mehr Menschen beteiligen?
28:22 — Brosda hat, wie er sagt, keine fertigen Gedanken, nur Splitter, und der erste ist unbequem. Beteiligung ist zweischneidig. Wer in der rush hour des Lebens steckt, Kinder, Job, Pflege, hat keine Zeit. Öffnet man Beteiligungsformate, erreicht man gerade die nicht, um die es geht.
29:08 — „Eimsbüttel entscheidet, wie man in Billstedt zu leben hat“, so übersetzt er das auf Hamburg, weil die Alleinerziehende in Billstedt mit zwei Kindern und vierzig Stunden andere Sorgen hat. Hamburg kennt den Fall aus eigener Geschichte. 2010 stoppte ein Volksentscheid die sechsjährige Primarschule, die gerade Kindern aus ärmeren Vierteln helfen sollte. In Nienstedten, Othmarschen oder Volksdorf stimmten rund sechzig Prozent ab, in Billstedt, Wilhelmsburg oder Rothenburgsort weniger als ein Viertel (GEW Hamburg, hlz 9/2010). Brosda erwähnt es nicht, aber sein Satz hat ein Datum.
Er beruft sich zudem auf Volker Gerhardts dickes Buch Partizipation, aus dem er herausliest, dass der Wunsch nach Beteiligung auch ein Krisensymptom sein kann: Man will mitreden, wenn die repräsentative Demokratie nicht liefert. Und ein Volksentscheid ist binär, man kann leicht dagegen sein, ohne dass gemeinsames Nachdenken entsteht. 29:53 Wichtiger sei ihm, den öffentlichen Raum wieder zu einer politischen Dimension zu machen, digital wie analog.
30:39 — Wie solcher Raum aussieht, erklärt Brosda mit seiner Lieblingspassage. Jan Philipp Reemtsma kommt am Ende seines Buches Vertrauen und Gewalt auf den Zauberberg zu sprechen. Gefühlte tausend Seiten wird in dem Sanatorium geredet. Der junge Ingenieur Hans Castorp sitzt zwischen dem schwärmerischen Aufklärer Settembrini und dem Zyniker Naphta, für den die Vernunft ein Hirngespinst ist, und im Hintergrund dämmert der Erste Weltkrieg herauf. Reemtsma schreibt dazu einen kleinen Satz, den Brosda „fantastisch“ nennt:
„Dass Naphta mitdiskutierte, gab Settembrini recht.“31:24
Im Gespräch — 31:24
Wer behauptet, Verständigung sei Unsinn, und dann mitredet, setzt darauf, dass das Gespräch einen Sinn haben könnte. Habermas nennt das die kontrafaktische Unterstellung (→ Habermas). Es ist vielleicht nicht so, aber wir gehen davon aus, „weil die Alternative uns entweder in den Faustkampf oder ins Schweigen führen würde“. Daraus macht Brosda eine politische Aufgabe. Wo in der Stadt sind die Orte, an denen man sich in Verschiedenheit treffen kann, die Stadtteilkulturzentren, die offenen Community Center? Wer sie baut und offen hält, baut an der Unterstellung mit.
Brosda hat über diskursiven Journalismus promoviert, und man hört, wie tief der Gedanke bei ihm sitzt. Er hat eine dunkle Rückseite, die der Roman kennt. Naphta redet mit, das stimmt, und am Ende erschießt er sich im Duell. Das Gespräch im Sanatorium hat den Krieg nicht aufgehalten. Die Unterstellung trägt, solange auch der Zyniker sie braucht. Was geschieht, wenn er sie nicht mehr braucht, weil er ein eigenes Publikum hat, das nur ihm zuhört, darüber spricht Brosda eine halbe Stunde später, ohne die beiden Gedanken zu verbinden.
32:09 — Erst danach kommt er zur Beteiligung zurück, und sein eigenes Beispiel zeigt, wie sie gehen kann. Hamburg hatte zwei Rahmenkonzepte für Kinder- und Jugendkultur, das erste aus den Achtzigern, geschrieben von Pädagogen und Theaterleuten. 32:55 Beim dritten fragte man die Kinder. Mit dem Fundus Theater und vielen Schulen schrieben sie, ganz ohne Erwachsene, ein Kinderkulturmanifest. Die Bandbreite reichte von „wenn Taylor Swift im Volksparkstadion spielt, soll sie vormittags ein kostenloses Konzert für Kinder machen“ bis zu „in meiner Kita sind keine Buntstifte. Meine Eltern können sich zu Hause keine leisten. Ich will aber malen.“ Daraus wurde ein Steuerungsrat mit Jugendlichen und ein Kulturgipfel, den im einen Jahr die Erwachsenen, im nächsten die Kinder ausrichten. 33:41 Den Kulturetat gibt man keinem Dreizehnjährigen, aber die Frage, was mit dem Geld sinnvoll für sie ist, darf man ihnen stellen. Die zwei Sätze über Taylor Swift und die Buntstifte sind die konkreteste Sozialpolitik des ganzen Gesprächs.
Gegen seine Skepsis hält Göpel später39:02. In den letzten Tagen sei sie oft auf Bürgerräte angesprochen worden, und wo man Menschen zutraue, ausgelost und auf Augenhöhe über ein Problem zu beraten, kämen sie weiter als die parlamentarischen Verfahren. Frustrierend sei nur, wie oft die Ergebnisse dann in der Schublade landen, „danke, Schublade“. Diesen Teil des Streits führt keiner zu Ende, obwohl die Lösung zwischen ihnen auf dem Tisch liegt. Das Los ist die Antwort auf Brosdas Eimsbüttel-Problem. Wer zufällig gezogen wird, kommt aus Billstedt so wahrscheinlich wie aus Eimsbüttel, und wer ihm Zeit, Kinderbetreuung und Aufwandsentschädigung stellt, erreicht auch die Alleinerziehende. Die Selektivität, die Brosda fürchtet, gilt für offene Beteiligung. Für geloste gilt sie viel weniger.
Cassirer und die fehlenden Bilder
34:26 — Hinter dem ganzen Gespräch steht der Rechtsdruck, sagt Brosda, und die Frage, warum uns die Zuversicht wegkippt, dass Demokratie gelingen kann. Seine Antwort holt er bei Ernst Cassirer. Der Kulturphilosoph war in Hamburg Rektor der Universität, verließ Deutschland 1933 und schrieb im amerikanischen Exil The Myth of the State, posthum 1946 erschienen, deutsch 1949. Cassirers Grundgedanke: Menschen begreifen ihre Welt, indem sie sie symbolisch verdoppeln, in Geschichten, Bildern, Symbolen. 35:12 Wie konnten die Nazis so wenige Jahre nach der Erringung der Demokratie an die Macht kommen? Brosdas Lesart: Die Zwanziger hätten keine positiven Bilder und Erzählungen des demokratischen Miteinanders erzeugt. Als die Krise kam, lagen die archaischen Mythen bereit, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der Stärkere setzt sich durch, und nichts drückte sie wieder unter die Schwelle.
„Wir sehen keine eigenen positiven Bilder und Narrationen von demokratischem Miteinander.“35:59
Im Gespräch — 35:59
36:45 — Wenn die Demokraten richtig gut sind, weisen sie den Antidemokraten nach, warum diese schlecht sind. Ein eigenes Bild bekommen sie damit nicht in die Köpfe. Dann bleibt Freiheit das, was ich machen kann, statt zu zeigen, was Freiheit in Gemeinschaft an Schönheit sein kann. Und das solle man „nicht nur behaupten, sondern fühlbar machen“.
Die These ist stark, und sie hat eine Gegenprobe, die ausgerechnet Cassirer selbst liefert. Am 11. August 1928 hielt er im Hamburger Rathaus die Festrede zum Verfassungstag, Die Idee der republikanischen Verfassung, und verteidigte darin die Menschenrechte gegen völkische Ressentiments als deutsche Tradition, von Leibniz bis Kant (Universität Hamburg). Die Republik hatte also ihre Bilder, Verfassungsfeiern, Schwarz-Rot-Gold, das Reichsbanner. Es fehlte die Mehrheit, die sie als eigene annahm, und die Flaggen waren umkämpft. Die Wirtschaftsgeschichte fügt einen beunruhigenden Befund hinzu: Wo das Vereinsleben dicht war, breitete sich die NSDAP schneller aus, Bürgersinn diente ihr als Leitung (→ Was lehrt Weimar?). Positive Bilder schützen offenbar nur, wenn sie geteilt werden. Brosdas Forderung, sie fühlbar zu machen, zielt genau auf diese Lücke, und sie ist schwerer zu erfüllen als ein Programm zu schreiben.
Was Cassirer tatsächlich beschreibt, passt dennoch verblüffend auf den Herbst 2026. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nannte Thomas de Maizière die AfD eine „Hoffnungspartei“, und auf ihren Kundgebungen jubelt das Publikum, sobald Ulrich Siegmund „Zukunft“ sagt (→ Nach den Landtagswahlen). Das Bild vom Morgen, das Brosda bei den Demokraten vermisst, liefern andere.
Brosda will positive Bilder demokratischen Miteinanders fühlbar machen. Wer soll sie malen, ohne dass sie nach Staatskunst aussehen — und wäre ein Bild, das von oben kommt, nicht genau das, was die Misstrauischen erwarten?
Concordia mit dem Hobel
37:32 — Göpel widerspricht dem Bild von der zielosen Gesellschaft. Es gebe gemeinsame Zielbilder, die Menschenrechtscharta, die Nachhaltigkeitsstrategie. 38:17 Merkel ließ 2015 im Bürgerdialog Gut leben in Deutschland Menschen fragen, was ein gutes Leben ausmacht, und die Antworten deckten sich weitgehend mit dem, was Experten berechnet hatten: Gesundheit, sauberes Wasser und Luft, ein Dach über dem Kopf, eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit. 41:20 Was sie empört: dass inzwischen das Grundgesetz, die Nachhaltigkeitsziele oder die Frage, ob jemand zu viel verdient hat, weil er vorher die Finanzregeln beeinflusst hat, als „links“ gelten. Muss man auf die Großzügigkeit derer hoffen, die sich deprivilegieren, oder muss man einfordern?
42:06 — Brosda hat mit dem Etikett kein Problem, er ist Sozialdemokrat. Eine linke Idee könne achtzig Prozent Zustimmung finden und bleibe trotzdem links. Allein auf die Großzügigkeit der Besitzenden zu setzen, sei Caritas. Als Sozialstaatsprinzip reiche das nicht, darum habe seine Partei das Wort Solidarität. 42:51 Gerechtigkeit habe immer etwas Transaktionales, du hast so viel, dann muss ich mindestens so viel haben. Solidarität sage dagegen schlicht, manche Dinge gehören sich, etwa dass in diesem Land niemand unter einer bestimmten materiellen Schwelle leben soll.
43:36 — Dann das Bild, das er aus den Sommerferien mitgebracht hat. Im Rathaus von Siena, im Saal der Neun, malte Ambrogio Lorenzetti 1338 im Auftrag der regierenden Neun die Allegorie der guten und der schlechten Regierung. Unter den Tugenden sitzt die Concordia, die Eintracht, mit einem großen Hobel auf dem Schoß, mit dem sie die Unterschiede zwischen den Bürgern glatt hobelt.
„Dafür könnte man heute schon im Verfassungsschutzbericht genannt werden.“
Im Gespräch — 43:36
Der Saal lacht. 44:21 Neben der Herrscherfigur, die bei Lorenzetti die Stadt verkörpert und keinen Fürsten, sitzt die Magnanimitas, die Großherzigkeit, als Tugend guten Regierens. Großzügigkeit hatte also schon vor fast siebenhundert Jahren einen Platz an der Wand des Rathauses. Sie hat für Brosda eine materielle Seite, die man organisieren muss: progressive Steuern, einen Sozialstaat, in den viele mehr einzahlen, als sie herausbekommen, damit die, die in Lebensrisiken geraten, mehr herausbekommen. 45:06 Das werde heute verächtlich gemacht, als Bremse einer libertären Innovationsdynamik. Gemeinwesen mit sozialer Absicherung gingen aber stabiler mit Erneuerung um, weil sie glaubhaft machen können, dass die Erneuerung nicht so viele Verlierer schafft.
45:51 — Die kulturelle Seite holt er bei Steven Levitsky und Daniel Ziblatt. In Wie Demokratien sterben benennen sie zwei Leitplanken, die man nicht verrechtlichen kann: die Unterstellung, dass der andere auch recht haben könnte, und die Zurückhaltung, einen Rechtsanspruch nicht zu hundert Prozent auszunutzen. 46:38 Beides kann man als Großzügigkeit fassen. Wer hundert Prozent hat und hundert Prozent will, und wer annimmt, nur er habe recht, ist ihr Gegenteil. Der Staat müsse dafür sorgen, dass alle diesen Spielraum überhaupt geben können. 47:24 Wer die Hälfte seines Einkommens für Wohnen ausgibt, hat keine Zeit mehr, als Citoyen die allgemeinen Belange zu diskutieren. Freiheit von Furcht reicht nicht, es braucht Freiheit zur Teilhabe, und wer das nur aufschreibt, „der ist wohlfeil“.
Hier schließt sich ein Kreis, den die Konferenz an anderer Stelle geöffnet hat. In seiner Abendvorlesung auf derselben Konferenz nannte El-Mafaalani das Recht eine Prothese des Vertrauens: Je mehr gesetzlich geregelt ist, desto weniger müssen wir einander trauen, und am Ende hat man jedes Mal bekommen, was man wollte, und ist insgesamt schwächer geworden47:27. Levitskys Leitplanken sind genau das, wofür es keine Prothese gibt. Concordias Hobel hat dabei einen Sinn, der im Witz untergeht. Die Unterschiede, die sie glättet, sind die der Rangordnung zwischen Bürgern; über Meinungen sagt das Fresko nichts. Wer sie heute „gleichmacherisch“ nennt, verwechselt das eine mit dem anderen, und die Pointe vom Verfassungsschutzbericht lebt genau von dieser Verwechslung.
Die Plattform und der dritte Schritt
48:09 — El-Mafaalani verbindet Cassirer mit Armin Nassehi, der in seiner Theorie der digitalen Gesellschaft von einer zweiten Verdopplung der Welt spricht, durch Daten. 48:54 Ist es nicht tragisch, dass wir die Welt ausgerechnet jetzt noch einmal verdoppeln, wo wieder keine positive Zukunftsidee da ist? Im digitalen Raum, der in zehn Jahren gewachsen ist, sei die Demokratie gar nicht verwurzelt.
50:25 — Brosda hat Nassehi gelesen und ist sich nicht sicher, ob er recht hat. Vielleicht ist das Netz eher eine mediale Erweiterung als eine neue Welt. 51:12 Technisch sei es die Erfüllung von Brechts Radiotheorie: Der Rundfunk entfalte sein Potenzial erst, wenn aus dem Distributionsapparat ein Kommunikationsapparat wird, in dem alle senden und empfangen. Vor dreißig Jahren hätte man über die Macht der Gatekeeper geklagt. Die sind ersetzt worden, durch neue, die wir nicht mehr sehen. 51:57 Die frühe Netzkultur hatte einen utopischen Überschuss, den free flow of information, die kalifornische Ideologie, den Chaos Computer Club. Das Problem sind die Plattformen, die Machtkonzentration bei wenigen, kapitalgetriebenen in Amerika oder staatsgetriebenen in China, „und da pennt Europa“. Francesca Bria arbeite an einem europäischen Stack, einer digitalen Welt, die durch dezentrale Vernetzung skaliert.
52:43 — Er beschreibt die Machtverschiebung in drei Schritten. Zuerst haben die Plattformen die Verbreitung übernommen; wer demokratierelevante Inhalte produziert, kommt nicht mehr selbst an die Bürger heran, die Verteilinfrastruktur entscheidet über Sichtbarkeit. Dann rückt die KI an die Inhalte heran, die Schicht, in der Menschen noch entscheiden, was öffentlich ist, wird schmaler. Der dritte Schritt sei „einen Millimeter entfernt“, die agentische KI:
„… dann spricht die KI mit der KI über KI-distribuierte Inhalte, und der Mensch ist eigentlich völlig egal.“53:28
Im Gespräch — 53:28
Spotify kämpfe schon damit, dass KI-Musik automatisch hochgeladen und von Bots gehört wird und echte Erlöse erzeugt, ohne dass ein Mensch beteiligt ist. Da könne man „die Locke auf einer Glatze drehen“. 54:15 Seine Antwort hat drei Teile: regulieren, was allein nicht reicht; eigene Technologie aus europäischen Vorstellungen entwickeln; und ein Bewusstsein dafür, wie man das Ding zum Besseren nutzt. Weltuntergangsszenarien begleiten jede neue Technik, man habe sich in den Achtzigern auch zu Tode amüsiert und überlebt. 55:01 Nur fehle heute eine politische Einheit, die größer ist als die Plattform. Also müsse man sie von innen aufknacken, weil sie darauf angewiesen sind, dass Nutzer sie befüllen. Modelle dafür lägen auf dem Tisch, Martin Andree arbeite daran und spreche gleich nebenan.
Hier kommt Reemtsmas Satz zurück, ohne dass einer ihn holt. Naphta diskutierte mit, weil er Settembrini brauchte, um gehört zu werden. Auf einer Plattform, die jedem sein eigenes Publikum sortiert, braucht der Zyniker den Aufklärer nicht mehr, und die kontrafaktische Unterstellung verliert ihre Bühne. Brosdas dritter Schritt verschärft das: Wenn Maschinen miteinander reden, fehlt auch noch der Zyniker.
55:46 — Zum Schluss fragt El-Mafaalani nach dem digitalen Medienstaatsvertrag. Mitte September sitze man über den Entwürfen, sagt Brosda, das gehe jetzt zügig. Dafür sei wichtig, dass bestimmte Landtagswahlen im nächsten Monat nicht „kompliziert ausgehen“:
„… denn wenn wir eine Landesregierung haben, die sagt, sie schließt keine Staatsverträge mehr, dann bekommen wir da potenziell eine … Krise unserer verfassungsrechtlichen Ordnung, was die Medienregulierung angeht.“
Im Gespräch — 55:46
Die Medienordnung beruht darauf, dass sechzehn Landtage gemeinsamen Staatsverträgen zustimmen; ein einziges Land kann sie blockieren. Das werde ein Thema fürs nächste Demokratiepanel, „aber noch kann man das verhindern“. Gut eine Woche später, am 6. September, kam die AfD in Sachsen-Anhalt auf 43,8 Prozent; in der Wahlnachlese vom 21. September stand im Magdeburger Landtag ein Patt, und Ulrich Siegmund brauchte für seine Wahl die Stimmen des BSW. Zum Abschied gibt es einen Reim aus der Moderation: „Hopp, hopp, Demokratie-Galopp.“
Nachbesprechung
Zwei Fragen des Morgens bleiben offen, wenn das Video endet: ob die Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung ein Scheitern ist, und wen offene Beteiligung erreicht. Was man darüber hinaus weiß.
Die Lücke und der Liefertermin
Das Wort, das Brosda an diesem Morgen umbiegt11:29, hat eine kurze Geschichte. Geprägt hat es der amerikanische Monopolkritiker Matt Stoller, gemeint war eine Hoffnung der Biden-Jahre: Wer den Leuten spürbar etwas liefert, Schecks, Fabriken, Brücken, dem bleiben sie treu. Im Juni 2023 schrieben Deepak Bhargava, Shahrzad Shams und Harry Hanbury den Nachruf, The Death of „Deliverism“. Ihr stärkstes Beispiel war der erweiterte Kinderfreibetrag, der die Kinderarmut fast halbierte und politisch kaum ein Echo fand; zugleich fanden 62 Prozent der Amerikaner, Biden habe wenig oder nichts erreicht (Democracy Journal, 22.06.2023). Was sie stattdessen verlangten, liest sich wie Brosdas Cassirer-Abschnitt: Geschichten mit Helden und Schurken, ein Bild vom guten Leben, Organisationen, in denen Menschen einander begegnen. Brosda steht damit auf beiden Seiten der Debatte. Mit Cassirer gehört er zu den Kritikern des Deliverism, mit dem Liefertermin erfindet er eine eigene Fassung, in der die Frist das Gift ist. Ob Liefern überhaupt Stimmen bringt, ist eine eigene Frage; sie geht bei de Weck weiter.
Dass die Ernte oft beim Nachfolger landet14:31, ist gut belegt, und die Forschung kennt auch den Grund. Wähler beurteilen eine Regierung vor allem nach dem Wahljahr, obwohl sie, gefragt, die ganze Amtszeit bewerten wollen. Ihnen fehlt die Summe, also nehmen sie das Ende für das Ganze; legt man ihnen die kumulierte Bilanz vor, verschwindet die Verzerrung (Healy & Lenz 2014, doi:10.1111/ajps.12053, Umfragen und Experimente). Auch Dank verfällt. Die Fluthilfe von 2002 brachte der SPD in den betroffenen Kreisen sieben Prozentpunkte, 2005 war noch ein Viertel davon übrig, 2009 nichts mehr (Bechtel & Hainmueller 2011, doi:10.1111/j.1540-5907.2011.00533.x). Und belohnt wird, was man sieht: Amerikanische Wähler honorierten Katastrophenhilfe, Vorsorge nicht, obwohl ein Dollar Vorsorge rund fünfzehn Dollar Schaden verhindert (Healy & Malhotra 2009, doi:10.1017/S0003055409990104). Alan Jacobs hat an der Rentenpolitik von vier Ländern gezeigt, woran Politik für die lange Frist hängen bleibt: am Wahlrisiko, weil Aufmerksamkeit knapp ist, an unsicheren Prognosen und an Interessengruppen, die lieber heute verteilen als morgen ernten (Jacobs 2011, doi:10.1017/CBO9780511921766). Brosdas Merkel-Beispiel ist also eher die Regel als die Ausnahme; wie viel die Agenda zum Aufschwung beitrug, ist eine andere Frage (→ Faktencheck).
Ganz kurzsichtig sind die Wähler allerdings nicht. Niederländische Paneldaten zeigen, dass auch die Zufriedenheit vom Anfang einer Amtszeit in die Wahl eingeht (Stiers, Dassonneville & Lewis-Beck 2019, doi:10.1111/1475-6765.12360). In neuen Experimenten belohnen Menschen vor allem die Richtung, Verhältnisse, die besser werden, rückblickend wie vorausschauend (Prior & Andrews 2026, doi:10.1017/s0003055426101853). Das ist El-Mafaalanis spürbare Bewegung in Zahlen, und seine Lüneburger Kehrseite, dass enttäuschte Erwartung Vertrauen kostet, steht in seiner Note.
Gegen Brosdas eigene Ausweichstrategie spricht das alles13:46. Wer still arbeitet und am Ende „guck mal, geschafft“ sagt, liefert genau das Ende ohne das Ganze. Healy und Lenz legen das Gegenteil nahe: das Ziel laut sagen und die Zwischenstände mitliefern, damit die Bürger die Summe sehen, die sie ohnehin bewerten wollen. Dass Regierungen die meisten Versprechen halten und niemand es glaubt (→ oben, Thomson et al.), ist auch ein Problem der Buchführung. Die Lücke wird erträglich, wenn man sehen kann, dass sie schrumpft, und dafür braucht es ein Ziel, an dem sich Bewegung messen lässt.
→ Weiter im Panorama: Was kostet ein Versprechen, das nicht gehalten wird?, mit Münklers „eigentlich Blödsinn“, Anke Myrrhes Angst vor der enttäuschten Stadt und Gesine Schwans Bürgern, die keine Käufer sind.
Eimsbüttel, Billstedt und das Los
Brosdas Satz vom Eimsbüttel, das über Billstedt entscheidet29:08, beschreibt eine der am besten belegten Regelmäßigkeiten der Beteiligungsforschung: Je anspruchsvoller die Form, desto größer der Abstand zwischen oben und unten. Armin Schäfer und Harald Schoen haben an drei Fallstudien gezeigt, dass neue Beteiligungswege die Lücke zwischen den Schichten eher vergrößern (Schäfer & Schoen 2013, Leviathan, doi:10.5771/0340-0425-2013-1-94). Wolfgang Merkel kommt im Vergleich zum selben Befund, Volksabstimmungen sind sozial schiefer als Wahlen, und die unteren Schichten fehlen dort häufiger (Merkel 2014, FES; ausführlich Merkel & Ritzi 2017, doi:10.1007/978-3-658-16233-7). Der Hamburger Primarschul-Entscheid von 2010, oben im Inhalt, ist dafür der Lehrbuchfall. Wo man ständig abstimmt wie in der Schweiz, verteilt sich die Schieflage über viele Termine; das führt die Nachbesprechung bei de Weck aus.
Im Inhalt steht, das Los sei die Antwort auf Brosdas Problem. Der Bürgerrat Ernährung des Bundestags zeigt, wie weit sie reicht. Von 18.916 Eingeladenen meldeten sich 11,7 Prozent. Unter ihnen hatten 71,5 Prozent einen Hochschul- oder gleichwertigen Abschluss, in der Bevölkerung sind es 26,3. Aus der untersten Bildungsgruppe, einem Fünftel der Bevölkerung, kamen 70 Anmeldungen, 3,2 Prozent (Bundestag, Bericht zum Losverfahren, 2023). Dass der Rat am Ende trotzdem aussah wie Deutschland, lag an den Quoten. Das verwendete Verfahren zieht aus den Freiwilligen ein Abbild der Bevölkerung und hält die Chancen dabei so gleich, wie es mathematisch geht (Flanigan et al. 2021, Nature, doi:10.1038/s41586-021-03788-6). 33 Plätze aus 70 Bewerbungen: Wer dort saß, war nach Abschluss repräsentativ, nach Neugier vermutlich nicht. Das Los korrigiert Eimsbüttel in der Zusammensetzung. Wer überhaupt antwortet, entscheidet weiter die Selbstauswahl, und warum so viele absagen, steht in der Münkler-Nachbesprechung.
Die Forschung macht trotzdem Hoffnung, und zwar an Brosdas empfindlichster Stelle. In den USA war die Bereitschaft, sich an einer Beratung zu beteiligen, weit verbreiteter als erwartet, und am größten gerade bei denen, die von der üblichen Parteipolitik abgestoßen sind (Neblo et al. 2010, APSR, doi:10.1017/S0003055410000298). Wenn die Alleinerziehende aus Billstedt absagt, dann vermutlich eher, weil ihr der Samstag nicht gehört, als aus Desinteresse. Wie man sie erreicht, zeigt Brosdas eigenes Beispiel besser als seine Skepsis: Das Kinderkulturmanifest entstand in fünf Schulen, mit rund 120 Kindern (→ Faktencheck). Niemand musste sich bewerben, die Beteiligung kam dorthin, wo die Kinder ohnehin waren. Und Göpels „danke, Schublade“39:02 benennt die zweite Bedingung. Wer erlebt hat, dass ein Rat folgenlos blieb, meldet sich beim nächsten Brief noch seltener.
→ Weiter im Panorama: Wer soll entscheiden — Gewählte, Geloste oder alle?, mit Alexander Thieles gleicher politischer Freiheit, Michael Hartmanns Abgeordneten, die nach Herkunft abstimmen, und Robin Celikates, für den das Los eine Auflockerung ist, kein Königsweg.
Wähler wollen das Ganze beurteilen und greifen zum Ende, weil ihnen die Summe fehlt. Wer müsste die Zwischenstände führen, damit die Lücke lesbar wird — die Regierung selbst, die dann wieder Liefertermine schreibt, oder jemand, dem beide Seiten trauen?
Faktencheck
6:53. Die siebte und bisher letzte Meisterschaft des FC Schalke 04 war 1958 — vor Brosdas Geburt (1974). Quelle: FC Schalke 04
14:31. Den Dank gab es: In ihrer ersten Regierungserklärung am 30.11.2005 dankte Merkel Schröder, dass er „mit seiner Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat“. Die Kausalität ist aber parteipolitisch zugeschnitten: Wie viel das Arbeitsmarktwunder den Hartz-Reformen verdankt, ist umstritten — Dustmann et al. sehen den Haupttreiber in der Lohnzurückhaltung durch dezentralere Tarifverhandlungen seit Mitte der 1990er (J. Econ. Perspectives 2014, doi:10.1257/jep.28.1.167), andere Arbeiten schreiben den Reformen einen deutlichen Effekt zu. Die Union holte 2009 mit 33,8 % ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis; Merkel gewann, weil die SPD auf 23 % einbrach, auch wegen der Abspaltung über die Agenda. Der Rahmen gibt der SPD den Verdienst und verschweigt ihre Kosten. Quelle: Plenarprotokoll 16/4, 30.11.2005
11:29. Der Begriff kommt aus der US-Debatte der Biden-Jahre (wer liefert, wird gewählt); die Gegenschrift „The Death of Deliverism“ (Bhargava, Shams, Hanbury 2023) hielt dagegen, dass gelieferte Politik kaum Stimmen bringe. Brosdas Schluss, die Erwartung richte sich „auf das Falsche“, liegt nah an dieser Kritik. Quelle: The Bulwark: Why ‘Deliverism’ Didn’t Deliver · Democracy Journal
23:01. Für „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ gibt es keinen datierten Erstbeleg; in Verstehen Sie das, Herr Schmidt? (mit Giovanni di Lorenzo, 2012) nennt Schmidt sie selbst „eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage“. Quelle: Leseprobe Kiepenheuer & Witsch
25:20. 2025 waren 42,6 % der Wahlberechtigten 60 oder älter, 59,1 % 50 oder älter; die Gruppe 70+ ist schon heute die größte Zehnjahresgruppe, der stärkste Jahrgang (1964) heute 61/62. „Über Mitte 50“ im Schnitt ist leicht hochgegriffen, der Median lag 2021 bei rund 53. Quelle: bpb — Wahlberechtigte
29:08. Gerhardts Partizipation. Das Prinzip der Politik (2007) vertritt das Gegenteil: Partizipation ist dort das Grundprinzip des Politischen, „aktive Selbstzivilisierung“. Die Krisen-Lesart ist Brosdas eigene These mit fremder Autorität versehen (geprüft über Rezensionen; eine Randbemerkung in diese Richtung ist möglich). Göpel hakt sofort nach: „vielleicht habe ich dich überspitzt gehört“. Quelle: Perlentaucher — Gerhardt, Partizipation
30:39. Zitat und Fundstelle in Reemtsmas Vertrauen und Gewalt (2008) ließen sich nicht finden. Gesichert ist der Habermas-Teil — die „kontrafaktische Unterstellung“ ist ein Kernbegriff. Naphta ist kein „Zyniker“ im landläufigen Sinn, sondern ein jesuitisch geschulter Apologet von Autorität und Terror. Keine unabhängige Quelle gefunden.
32:55. Rund 120 Kinder und Jugendliche aus fünf Schulen erarbeiteten es mit dem FUNDUS THEATER, übergeben am 30.03.2023, eingeflossen in das Rahmenkonzept vom 01.10.2024. Die Vorläufer stammen von 2004 und 2012, nicht aus den 1980ern. Quelle: hamburg.de — Übergabe Kinderkulturmanifest
Der Mythus des Staates 34:26. Cassirer starb im April 1945; The Myth of the State erschien 1946 bei Yale, die deutsche Ausgabe 1949 in Zürich — Brosdas „1949“ meint sie. Die Kernthese trägt: Mythisches Denken ist nie überwunden und bricht in der Krise auf. Seine Zuspitzung, den 1920ern hätten positive demokratische Bilder gefehlt, ist Deutung; sie lässt Cassirers zweiten Akzent weg — die NS-Mythen wurden planvoll gemacht. Legitim gelesen, und auffällig passend zum Auftrag eines Kultursenators. Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ernst Cassirer
43:36. 1338/39 im Saal der Neun des Palazzo Pubblico; Concordia hält einen Hobel auf dem Schoß, Magnanimitas sitzt unter den Tugenden. Nur „Bürgerrat“ ist zu modern — die Nove waren eine oligarchische Kaufmannsregierung. Quelle: Google Arts & Culture — Allegory of Good Government
45:51. How Democracies Die (2018) nennt gegenseitige Toleranz (der Gegner ist legitim) und institutionelle Zurückhaltung (rechtliche Macht nicht bis zum Letzten ausreizen). Die zweite trifft Brosda genau; bei der ersten paraphrasiert er frei — es geht um Legitimität, nicht darum, dass der Gegner recht haben könnte.
55:46. Die AfD Sachsen-Anhalt kündigte an, „als erste Amtshandlung die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen“; bei der Wahl am 06.09.2026 kam sie auf 43,8 % (vorläufig) und verfehlte die absolute Mehrheit knapp. Die Medienordnung braucht die Zustimmung aller 16 Landtage — Brosdas Sorge ist real. Quelle: tagesschau — Wie realistisch sind die Rundfunk-Pläne der AfD?
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg — Programm, Gäste und Mitschnitte der Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“ (26.–28.08.2026, mehr als 1.500 Teilnehmende, über 80 Gäste)
- Carsten Brosda: Mehr Zuversicht wagen. Wie wir von einer sozialen und demokratischen Zukunft erzählen können (2023) — das Buch, das die Beschreibung anführt
Im Gespräch erwähnt:
- Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates (engl. 1946, dt. 1949) — Brosdas Schlüssel zur Weimarer Republik
- Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt (2008) — mit der Schlusspassage über den Zauberberg
- Thomas Mann: Der Zauberberg (1924) — Settembrini, Naphta und Hans Castorp
- Steven Levitsky & Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben (2018) — gegenseitige Achtung und institutionelle Zurückhaltung als ungeschriebene Leitplanken
- Volker Gerhardt: Partizipation. Das Prinzip der Politik (2007)
- Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft (2019) — die Verdopplung der Welt in Daten (El-Mafaalani)
- Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat (1932) — vom Distributions- zum Kommunikationsapparat
- Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode (1985)
- Martin Andree: Big Tech muss weg! (2023) — Andree sprach im Anschluss im Denkraum (→ Martin Andree — Monopole zerstören unsere Demokratie)
- Ambrogio Lorenzetti: Allegorie und Wirkungen der guten und der schlechten Regierung (1338–1339), Sala dei Nove, Palazzo Pubblico, Siena
- Francesca Bria und die Initiative EuroStack — eine europäische digitale Infrastruktur
- Bürgerdialog Gut leben in Deutschland (2015) — Göpels Beleg für gemeinsame Zielbilder
- Ralf Dahrendorf — die These vom Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts
- Kinderkulturmanifest Hamburg (mit dem Fundus Theater) — das Rahmenkonzept Kinder- und Jugendkultur
Zur Einordnung herangezogen:
- Thomson et al. 2017: The Fulfillment of Parties' Election Pledges — Vergleich von über 20.000 Wahlversprechen
- GEW Hamburg, hlz 9/2010: Schwerpunkt Volksentscheid — Beteiligung nach Stadtteilen beim Primarschul-Entscheid (Quelle der Reformbefürworter)
- Universität Hamburg: 150 Jahre Ernst Cassirer — zur Verfassungsrede vom 11. August 1928
- Aladin El-Mafaalani, Abendvorlesung Utopie-Konferenz 2026 — das Recht als Prothese des Vertrauens
Aus dem Faktencheck
- Dustmann u. a. 2014, „From Sick Man of Europe to Economic Superstar“ — Gegenposition zur Hartz-Erzählung
- Stanford Encyclopedia — Ernst Cassirer — Myth of the State, Mythos und Massenkommunikation
- tagesschau — AfD-Rundfunkpläne in Sachsen-Anhalt
Verbindungen
→ Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär?
Zwei Abende derselben Konferenz, derselbe Begriff, zwei Bedeutungen. De Weck wendet sich gegen den Deliverism im amerikanischen Sinn: Eine Regierung, die nur Ergebnisse liefert, verliert gegen eine AfD, die Gemeinschaft bietet. Brosda meint mit dem Wort den Liefertermin und will die Lücke zwischen Versprechen und Erfüllung als Ansporn lesen. Beide landen beim selben Mangel, dem fehlenden Bild, das Menschen verbindet. Und beide stolpern über Hartz IV: de Weck sieht dort den Bruch der SPD mit ihren Leuten, Brosda das Musterbeispiel für Politik, die andere ernten.
→ Gesine Schwan — Macht NEU DENKEN
Brosda war 2004 Schwans Pressesprecher, und ihr Satz „Bürger ist nicht Käufer“ liest sich wie die Vorlage seiner DHL-Pointe. Wer Demokratie als Lieferdienst versteht, verliert das Interesse, wenn die Lieferung ausbleibt. Schwan setzt dagegen auf eigene Erfahrung mit politischen Prozessen, kommunale Entwicklungsbeiräte etwa. Das ist Brosdas Kinderkulturmanifest in der Fläche, und es beantwortet seinen Zweifel an der Beteiligung mit Formaten, die auf Dauer gestellt sind.
→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften
El-Mafaalani sagt, Vertrauen brauche keine Perfektion, nur spürbare Bewegung in die richtige Richtung. Das ist Brosdas Lücke von der anderen Seite: Sie ist erträglich, solange man sieht, dass sie kleiner wird. Wo Brosda die Ziele groß und die Fristen lang halten will, verlangt El-Mafaalani zuerst, dass Schulen, Bahn und Bundeswehr wieder funktionieren. Beide haben recht, und das eine geht ohne das andere nicht.
→ Der Entscheidende Punkt — Nach den Landtagswahlen
Was Brosda Ende August befürchtet, ist drei Wochen später Gegenstand einer Wahlnachlese. Kormbaki beschreibt eine AfD, die auf Kundgebungen „Zukunft“ sagt und Jubel erntet, während die Regierenden verzagt klingen. Das ist Cassirers Diagnose in der Gegenwart, nur dass die Rechte das Zukunftsbild liefert, das bei den Demokraten fehlt. Hensels materieller Kern widerspricht Brosda an einer Stelle: Ein Bild allein, ohne bezahlbare Rechnungen, wird nicht reichen.
→ Henrike von Scheliha und Aladin El-Mafaalani — Minderheitenschutz für Kinder?
El-Mafaalanis Demografie, die er hier nur skizziert, ist dort ausgearbeitet, mit dem Zukunftsrat als Antwort. Brosdas Kinderkulturmanifest ist ein gelebter kleiner Zukunftsrat: Kinder schreiben, Erwachsene behalten den Etat und müssen sich befragen lassen. Von Schelihas Einwand, Kinder hätten auf Beteiligung längst einen Rechtsanspruch, schärft den Blick auf Brosdas Satz, man „dürfe“ den Kindern die Frage mal stellen.
→ Martin Andree — Monopole zerstören unsere Demokratie
Brosda verweist am Ende auf Andree, der gleich nebenan spricht. Andree liefert die Zahlen zur Machtkonzentration, die Brosda in drei Schritten erzählt, und das Instrument, das ihm fehlt: Entflechtung und Interoperabilität statt eines Aufknackens von innen. Wo Brosda auf europäische Technologie hofft, setzt Andree auf Kartellrecht, und beide wissen, dass Europa bisher keines von beiden ernsthaft versucht hat.
→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN
Brosdas Frage „vor welcher Krise?“ trifft Reckwitz' Resilienzbegriff, und Göpel hat ihn schon dort angegriffen. Reckwitz' Antwort, Fortschritt als Erbe, das man verspielen kann, kommt Brosdas Weitergeben an die Nachfolger erstaunlich nahe. Beide wollen eine Politik, die über die Legislatur hinausdenkt. Reckwitz nimmt dabei den Verlust ernster, Brosda die Zuversicht.
→ Panorama: Wie handelt eine Demokratie?
Die Frage „Was kostet ein Versprechen, das nicht gehalten wird?“ sammelt die Forschung zum Pledge Puzzle und die Stimmen von Myrrhe bis Münkler. Brosda gehört dort neben Schwans Lieferdienst-Bild: Er hält die Lücke für normal und den Liefertermin für das eigentliche Gift. Münklers Satz, der Vorwurf gebrochener Wahlversprechen sei „eigentlich Blödsinn“, ist seine schroffere Fassung.
→ Was ist Großzügigkeit?
Das wachsende Panorama zur Großzügigkeit führt diese Note als Stimme unter „Beginnt Großzügigkeit, wo der Anspruch endet?“ und „Kann eine Gesellschaft großzügig sein?“.
→ Susan Neiman — Nennen wir es böse
Neiman vermisst wie Brosda das Bild von einem gerechteren Morgen und spottet über „mehr Netto vom Brutto“. Sie setzt aber genau auf das Wort, das Brosda zu transaktional ist: Gerechtigkeit, für Neiman der Moralbegriff überhaupt und das Gegenteil des Bösen.
Weiterdenken
- Brosda sagt, den Demokraten fehle ein positives Bild der Zukunft. Was, wenn das Bild da ist und nur nicht geglaubt wird — und ein schöneres Bild das Misstrauen eher bestätigt als zerstreut?
- Die Agenda 2010 ist sein Beispiel für Politik, die andere ernten. Wie viel Weitergeben verträgt eine Partei, bevor sie die Menschen verliert, für die sie die Reform gemacht zu haben glaubt?
- Reemtsmas Satz „Dass Naphta mitdiskutierte, gab Settembrini recht“ setzt einen gemeinsamen Raum voraus. Wo in deinem Alltag redest du noch mit jemandem, der die Verständigung selbst für Unsinn hält — und was hält dich dort?
- Concordia hobelt in Siena die Unterschiede zwischen den Bürgern glatt. Welche Unterschiede müsste eine Demokratie heute hobeln, und welche würde sie damit zerstören, wenn sie es täte?
- Brosda will die Plattformen von innen aufknacken, weil es keine politische Einheit gibt, die größer ist als sie. Was folgt daraus für Europa, wenn es diese Einheit nicht werden will — und für dich, solange du dort deine Inhalte hineinlegst?
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