GedankenraumUlrike Winkelmann — DenkerVita
Sie fragt nach und widerspricht auch prominenten Gästen: Ulrike Winkelmann, taz-Eigengewächs und eine der drei Chefredakteurinnen, misst Politik an ihrer sozialen Wirkung.
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Jeanne Mammen — Mammen hat die Frauen Berlins gemalt, die arbeiten, rauchen und widersprechen, mit nasser Lasur über Bleistift und einem kühlen, genauen Blick, der nichts beschönigt. Ulrike Winkelmann gehört in diese Reihe: eine Redaktion bei Nacht über Kreuzberg, der Fernsehturm im Dunst, unten fährt eine rote Straßenbahn. Sie beugt sich über den langen Tisch und hebt die offene Hand gegen den leeren Stuhl mit dem Mikrofon, die Geste des Abends, an dem sie die war, die widersprach. Auf dem Tisch liegen nur leere Blätter und zwei Tassen, denn ihr Werkzeug ist der Einwand, der noch geschrieben werden will.
Prompt: Wide panoramic banner in the style of Jeanne Mammen, loose wet watercolour over visible graphite drawing on cream paper, transparent washes that bleed at the edges, elegant sharp contour, Berlin Neue Sachlichkeit. A newsroom at night high above Berlin Kreuzberg: a woman with shoulder-length hair seen from behind, sleeves rolled up, leaning forward over a long table, one open hand raised flat in a firm gesture of objection toward an empty chair across the table where a microphone stands. On the table only blank white sheets of paper, pencils and two coffee cups, no newspapers, no printed matter. Through the tall windows the lit windows of old tenements, the TV tower faint in the haze, a red tram below. Palette of smoky blue-grey, pale ochre, ash white with a single sharp accent of tomato red. No text, no letters, no headlines, no signature, no monogram.
Biographischer Snapshot
Ulrike Winkelmann (1971, Wiesbaden) — Journalistin, seit August 2020 Chefredakteurin der taz, zunächst mit Barbara Junge, seit November 2025 im Trio mit Junge und Katrin Gottschalk. Gelernt hat sie bei der taz selbst: Volontariat in Hamburg, dann Chefin vom Dienst, Sozialpolitik, fünf Jahre Parlamentskorrespondentin. 2010/11 leitete sie das Politikressort des Freitag, danach das Inlandsressort der taz, ab 2014 war sie Redakteurin der Sendung Hintergrund im Deutschlandfunk. Kolumne „Ernsthaft?“, Podcast „Bundestalk“, Moderatorin der taz Talks.
Kernthemen: Sozialpolitik, Parteien und Koalitionen, Demokratie gegen rechts, Medien
Biografie
Ulrike Winkelmann wird 1971 in Wiesbaden geboren und wächst in Ostwestfalen auf, in Paderborn und Bad Lippspringe; 1990 macht sie dort Abitur. Sie studiert Germanistik, Staatsrecht und Politikwissenschaft in Hamburg und London und volontiert parallel von 1995 bis 1997 bei der Hamburger Ausgabe der taz. Ende 1999 geht sie ins Berliner Haus und lernt die Zeitung von innen kennen: als Chefin vom Dienst, als Redakteurin für Sozialpolitik und ab 2004 fünf Jahre lang als Parlamentskorrespondentin. Die Sozialpolitik bleibt ihr Grundton. Wer ihre Kommentare liest, merkt, dass sie Gesetze zuerst danach befragt, wen sie treffen.
Im Juni 2010 wechselt sie zum Freitag und leitet ein Jahr lang das Politikressort. Dort erscheint im September 2010, mitten in der Sarrazin-Debatte über angebliche Parallelgesellschaften, ihr Text „Integriert euch!“: Er dreht die Forderung um und richtet sie an die oberen Einkommensgruppen, die sich selbst vom Rest der Gesellschaft abschotten. Dafür erhält sie 2011 den zweiten Preis des Alternativen Medienpreises.
Im Juli 2011 kehrt sie zur taz zurück und übernimmt das Inlandsressort. 2014 geht sie zum Deutschlandfunk nach Köln, wo sie für die Hintergrund-Sendung recherchierte Stücke betreut, darunter 2017 ein Feature über Datensammlung im Auto, das auf die Shortlist des Ernst-Schneider-Preises kommt.
2020 holt die taz sie zurück, diesmal an die Spitze. Als Georg Löwisch geht, entscheidet sich der Vorstand für eine rein weibliche Chefredaktion, nach eigener Darstellung die erste einer deutschen Zeitung: Winkelmann und Barbara Junge als Doppelspitze, Katrin Gottschalk als Stellvertreterin. „Die taz ist mir Heimat“, sagt Winkelmann damals. Die drei führen die Zeitung durch die Umstellung auf die werktäglich digitale taz und die gedruckte wochentaz. Seit November 2025 ist Gottschalk gleichberechtigte dritte Chefredakteurin; 2024 wählte das medium magazin die drei zu den Journalistinnen des Jahres in der Kategorie Chefredaktion national.
Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement
- Chefredaktion der taz — seit 1. August 2020, mit Barbara Junge und (seit 17. November 2025) Katrin Gottschalk; Autorinnenseite bei der taz
- Kolumne „Ernsthaft?“ in der taz — zuletzt etwa über das Elterngeld, die Kehrtwende der CDU beim Sparen und die Frage, ob es eine Bundes-CSU gegen die AfD braucht
- Podcast „Bundestalk“ — Gespräch über die Woche in Berlin mit Kolleginnen und Kollegen der Parlamentsredaktion (u.a. Sabine am Orde, Anna Lehmann, Stefan Reinecke)
- taz Talks — Moderatorin von Buchgesprächen und der Reihe „Chefinnensache“ (mit Barbara Junge), u.a. mit Claudia Kemfert, Stefan Rahmstorf, Eva von Redecker und Susan Neiman
- Fernsehen — regelmäßig im ARD-Presseclub und bei phoenix
- Frühere Texte — Autorinnenseite beim Freitag, darunter „Integriert euch!“ (2010)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Nennen wir es böse – ein taz Talk mit Susan Neiman auf der Frankfurter Buchmesse (taz, 2026) — Winkelmann moderiert und widerspricht zweimal deutlich: bei der Israelkritik und bei den Institutionen gegen Antisemitismus
- Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte – taz Talk meets Buchmesse Leipzig (taz, 2026) — Gespräch über den neuen Faschismus
- phoenix nachgefragt mit Ulrike Winkelmann zum BSW (phoenix, 2026) — Kurze Einordnung als Chefredakteurin
- Ulrike Herrmann und Ulrike Winkelmann: Die Ampel steht – und jetzt? (taz Talk, 2021) — Zwei taz-Stimmen über die Aussichten der neuen Koalition
- Chefinnensache: Die Wende in der Energiewende (taz Talk, 2022) — Mit Barbara Junge im Gespräch mit Claudia Kemfert
- Ulrike Winkelmann über Nichtwähler (Jung & Naiv, Folge 55, 2013) — Frühes Gespräch mit Tilo Jung, damals noch als Parlamentsjournalistin
Kernthesen
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Gerechtigkeit verlangt, die Verhältnisse zu ändern. Wenn Konservative moralisch werden, so Winkelmann im Gespräch mit Susan Neiman, richten sie den Appell meist an Einzelne: Die Eltern sollen ihre Kinder besser erziehen, die Übergewichtigen mehr Disziplin zeigen. Das linke Argument setzt bei Schulsystem, Lebensmittelindustrie und Gesetzen an. Darum ist sie skeptisch, wenn das Reden über Gerechtigkeit mit moralischem Reden gleichgesetzt wird.
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Kritik an Israels Regierung ist längst allgemein geworden, der Kampf gegen Antisemitismus bleibt nötig. Mit dem Fortgang des Gaza-Kriegs sei jedes Maß gesprengt worden, das auch Nichtlinke in Deutschland noch für tolerabel hielten. Daraus folgt für sie nicht, die Institutionen gegen Antisemitismus in Frage zu stellen: Die „vielen ehrenwerten Initiativen“ seien für den Antisemitismus, den es gibt, nicht haftbar zu machen. Man könne die israelische Regierung kritisieren und Antisemitismus bekämpfen, ohne sich in ein Lager werfen zu lassen.
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Die Integrationsfrage gilt auch nach oben. „Integriert euch!“ (2010) dreht die Debatte um Parallelgesellschaften um: Die wirksamste Abschottung findet in den oberen Einkommensgruppen statt. Mit einer satirischen Wendung trifft der Text die Schlagseite der damaligen Debatte.
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Ein Wahlsieg ersetzt keine Mehrheit gegen rechts. Nach den Wahlen im September 2026 nennt sie den Erfolg der Berliner Linken „einen linken Sieg, der sich nicht so anfühlt“, weil er nicht aufwiegt, dass die AfD in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent holte und in Mecklenburg-Vorpommern vor der SPD lag. Respekt zollt sie Manuela Schwesig für einen selbstbewussten Wahlkampf gegen die AfD.
Politische Einordnung
Winkelmann steht für eine linksliberale, sozialpolitisch geerdete taz, die mit den Parteien links der Mitte sympathisiert und ihnen trotzdem auf die Finger schaut, mit Sinn für das Machbare in Koalitionen. Ihre Kommentare argumentieren selten von der Gesinnung her, häufiger von der Wirkung einer Politik auf Familien, Beschäftigte und Kommunen.
Im taz Talk mit Susan Neiman wird ihre Haltung zur Nahost- und Antisemitismusdebatte deutlich, gerade weil sie der prominenten Gästin widerspricht. Wo Neiman sagt, Israelkritik sei in Deutschland noch immer ein Tabu, entgegnet Winkelmann, diese Kritik sei inzwischen „universell“. Wo Neiman die Antisemitismusbeauftragten und -programme für wirkungslos hält, besteht Winkelmann darauf, dass es weiter Institutionen gegen Antisemitismus brauche, und gesteht Neiman nur zu, dass es vielleicht bessere sein müssten. Auch beim Vergleich mit Hubert Aiwanger hält sie dagegen: Ihre Zeitung habe damals Konsequenzen verlangt, und auch über die Stolperstein-Pläne von CDU und AfD gebe es eine Debatte. Darin zeigt sich die Linie einer Chefredaktion, die Kritik an der Kriegführung der israelischen Regierung und Schutz jüdischen Lebens zusammen denken will, und das auch gegenüber einer Gästin vertritt, deren Buch sie gerade vorstellt.
Verbindungen zu anderen Denkern
(wird von Montaigne befüllt)
Naheliegend:
- Susan Neiman — DenkerVita — Gesprächspartnerin im taz Talk auf der Frankfurter Buchmesse 2026, mit zwei offenen Widersprüchen
- Ulrike Herrmann — DenkerVita — Kollegin aus der taz-Wirtschaftsredaktion, gemeinsame taz Talks (Ampel 2021, taz lab 2022)
- Eva von Redecker — DenkerVita — Gästin im taz Talk zur Leipziger Buchmesse 2026
- Claudia Kemfert — DenkerVita — Gästin der Reihe „Chefinnensache“ 2022
- Tilo Jung — DenkerVita — interviewte sie 2013 bei Jung & Naiv über Nichtwähler
- Elif Eralp — DenkerVita — die Linke, deren Berliner Wahlsieg Winkelmann als „linken Sieg, der sich nicht so anfühlt“ kommentierte
Cortex-Notes
Im Bestand
acht gedachte Verweise