Gedankenraum

Chris van Tulleken — DenkerVita

Chris van Tulleken, Infektiologe mit eineiigem Zwilling als Kontrollgruppe, sieht in ultra-verarbeiteter Nahrung kein Versagen des Willens, sondern ein Geschäftsmodell.

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Henri Rousseau — naiver, akribischer Dschungel, Schicht um Schicht Blätter, flache klare Formen, ein blasser Mond. Zwei gleiche Ärzte in weißen Kitteln — die Zwillinge —, der eine mit Stethoskop, der andere mit einer Orange; zwischen ihnen ein grellbunter, leerer Karton, in den ein Affe neugierig hineinsteigt. Rousseaus Hand, weil van Tulleken Monate als Jäger und Sammler im Regenwald lebte und weil sein Thema genau das Fremde ist: das Industrieprodukt mitten im Lebendigen.

Prompt: A wide horizontal banner painting in the style of Henri Rousseau — naive, meticulous jungle foliage, layered giant leaves in many greens, flat clear forms, a pale moon in a soft evening sky, matte flat colour, crisp outlines. Deep in a dense rainforest clearing stand two identical slender men in white doctors' coats, twins, side by side, their faces simple doll-like ovals in Rousseau's naive manner. One holds a stethoscope, the other holds a small whole orange fruit. Between them on the forest floor stands a plain bright yellow and red cardboard box with completely blank unlabelled sides, strangely artificial among the leaves, and a curious monkey peers down at it from a branch. Dreamlike calm. Absolutely no lettering, no words, no logos anywhere, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Chris van Tulleken (*1978, London) — britischer Arzt für Infektions- und Tropenkrankheiten am Hospital for Tropical Diseases (UCLH) und Professor in der Abteilung Infection & Immunity am University College London. Promovierter Virologe (HIV-Forschung), seit Jahren einer der bekanntesten Wissenschaftsmoderatoren der BBC — meist an der Seite seines eineiigen Zwillingsbruders Xand. Seine Forschung gilt der Frage, wie Konzerne die Gesundheit formen: zuerst bei Babymilch, dann bei ultra-verarbeiteten Lebensmitteln. Sein Buch Ultra-Processed People (2023, deutsch Gefährlich lecker) wurde zum internationalen Bestseller; 2024 hielt er die Christmas Lectures der Royal Institution.

Biografie

Christoffer van Tulleken wurde am 18. August 1978 in London geboren, Sohn eines Industriedesigners und einer Verlegerin — und, Minuten vor oder nach ihm, sein Bruder Alexander, genannt Xand. Die beiden sind eineiig, und dieser Umstand zieht sich durch das ganze Werk: Wo andere Wissenschaftler eine Kontrollgruppe rekrutieren müssen, haben die van Tullekens eine eingebaut. Ob Hitze, Kälte, Schlafentzug, Alkohol oder Diät — die Brüder testen Thesen aneinander, einer als Versuch, einer als Vergleich.

Er studierte Medizin in Oxford (St Peter's College, Abschluss 2002), dann Tropenmedizin an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, und arbeitete in humanitären Krisen in der Zentralafrikanischen Republik, in Pakistan und Myanmar. 2008 kam er als Assistenzarzt für Infektiologie an die University College London Hospitals, wo er geblieben ist. Er promovierte in molekularer Virologie im Labor von Greg Towers an der UCL über HIV und erhielt 2016 den Max-Perutz-Preis für diese Forschung. Ein Grundlagenforscher also, der Zellmechanismen kennt — was ihn später unterscheidet von Ernährungspublizisten, die von außen auf die Biologie schauen.

Parallel lief die Fernsehkarriere: Trust Me, I'm a Doctor (BBC Two, mit Michael Mosley), Horizon-Sendungen, Expeditionsarzt bei Operation Iceberg und Blizzard: Race to the Pole — und vor allem Operation Ouch!, die Kinder-Wissenschaftsreihe der Zwillinge, die zwei BAFTAs gewann. Der Wendepunkt kam über die Medikamente. In The Doctor Who Gave Up Drugs (BBC One, 2016, Kinder-Staffel 2018) übernahm er Teile einer Hausarztpraxis und versuchte, Patienten von Verschreibungen wegzuführen, die mehr dem Markt als der Heilung dienten. Von dort war es nur ein Schritt zu der Frage, die ihn seither nicht loslässt: Wer verdient an dem, was wir in den Körper nehmen?

Die erste Antwort fand er bei der Babynahrung. 2018 erschien im BMJ sein Aufsatz darüber, wie die Diagnose „Kuhmilchproteinallergie“ ausgeweitet wurde — und mit ihr der Markt für Spezialnahrung. Die Zeitschrift beendete daraufhin die Anzeigen von Formula-Herstellern. Er arbeitet seither mit UNICEF und der WHO zum Marketing von Muttermilchersatz.

Die zweite Antwort heißt ultra-verarbeitete Nahrung. Für die BBC-Dokumentation What Are We Feeding Our Kids? (2021) aß er einen Monat lang zu rund 80 Prozent ultra-verarbeitet — so viel, wie ein beträchtlicher Teil der britischen Bevölkerung ohnehin isst. Er nahm deutlich zu, schlief schlechter, Hungerhormone verschoben sich, und Hirnscans zeigten neue Verknüpfungen zwischen Belohnungszentren und Arealen für automatisches Verhalten. Daraus wurde das Buch Ultra-Processed People (2023), ein Sunday-Times- und New-York-Times-Bestseller. Seine Forschungsgruppe an der UCL beteiligte sich an der UPDATE-Studie (veröffentlicht 2025 in Nature Medicine), einer der wenigen kontrollierten Studien zum Thema; im selben Jahr war er Ko-Autor der Lancet-Serie über ultra-verarbeitete Lebensmittel.

Den Vortrag an der Royal Institution hielt er im September 2023, kurz nach Erscheinen des Buchs. Ein Jahr später stand er dort für die traditionsreichen Christmas Lectures — The Truth About Food, mit Xand im Publikum und dem Vater, der einen schokoladenbetriebenen Motor vorführte. 2023 erfuhren die Brüder in der BBC-Sendung Who Do You Think You Are?, dass sie von einem Sklavenhändler mit Plantage in Demerara abstammen — eine Familiengeschichte über Profit auf Kosten anderer Körper, die man beim Lesen seines Werks schwer ganz vergessen kann. Er lebt mit Frau und Kindern in London.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Ultra-Processed People2023Das Hauptwerk: Was ultra-verarbeitete Lebensmittel sind (NOVA-Gruppe 4), wie sie Sättigung und Hunger aushebeln, warum sie billig sind und wem sie nützen. Mit dem Selbstexperiment als rotem Faden.
Gefährlich lecker2023 (TB 2025)Deutsche Ausgabe bei Heyne: Wie uns die Lebensmittelindustrie manipuliert, damit wir all die ungesunden Dinge essen — und nicht mehr damit aufhören können.

Wissenschaftliche Arbeiten (Auswahl):

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Ultra-verarbeitete Lebensmittel sind eine eigene Kategorie, nicht bloß „ungesundes Essen“. Nach der NOVA-Klassifikation des brasilianischen Epidemiologen Carlos Monteiro: Industrieprodukte aus zerlegten Grundstoffen (modifizierte Stärken, Proteinisolate, Öle) und Zusätzen, die in keiner Küche vorkommen — Emulgatoren, Aromen, Süßstoffe. Faustregel: in Plastik verpackt, mit mindestens einer Zutat, die man nicht kennt.
  2. Sie hebeln die Sättigung aus. Weich, energiedicht, schnell gegessen, mit Aromen, die Nährstoffe versprechen, die nicht kommen: Der Körper nimmt Kalorien schneller auf, als sein Regelkreis „genug“ sagen kann. Die kontrollierte Studie von Kevin Hall (NIH, 2019) zeigte rund 500 kcal Mehrverzehr pro Tag unter UPF-Kost (doi:10.1016/j.cmet.2019.05.008).
  3. Adipositas ist kein Willensversagen. Willenskraft habe sich nicht plötzlich in ganzen Bevölkerungen aufgelöst; verändert habe sich die Nahrungsumgebung. Wer Übergewicht moralisiert, entlastet die Industrie — und macht Betroffene zu Schuldigen.
  4. Das Problem ist das Geschäftsmodell. Die großen Lebensmittelkonzerne sind finanzialisiert: Sie müssen Wachstum und Dividende liefern, und das gelingt mit billigen, haltbaren, überall verkäuflichen Produkten, die man mehr isst als nötig. Selbstregulierung und industriefinanzierte Forschung können das nicht lösen.
  5. Konzerne gehören aus der Gesundheitspolitik heraus. Wie beim Tabak: Warnhinweise (nach chilenischem und mexikanischem Vorbild), keine Industriegelder für Fachgesellschaften und Beratungsgremien, Interessenkonflikte offenlegen — „Null-Toleranz“, wie er es mit Nigel Rollins und Rebecca Coombes im BMJ formuliert hat (doi:10.1136/bmj.q2574).

Politische Einordnung

Van Tulleken versteht Ernährung als Frage der politischen Ökonomie, nicht der persönlichen Disziplin — er steht damit in der Public-Health-Schule der „commercial determinants of health“, die Konzernmacht als Krankheitsursache untersucht. Im Vortrag an der Royal Institution grenzt er sich ausdrücklich ab: Sein Argument sei „nicht antikapitalistisch, nicht wachstumsfeindlich, nicht neomarxistisch“, er wolle niemanden bevormunden und würde diese Lebensmittel nicht verbieten — es gehe um Wahlfreiheit, Kennzeichnung und Marketinggrenzen. Seine Positionen sind klar regulierungsfreundlich, aber parteipolitisch nicht festgelegt.

Die Gegenstimmen verdienen Raum, und einige kommen aus der Wissenschaft selbst:

Unbestritten bleibt sein Verdienst, Interessenkonflikte in Fachgremien und Fachzeitschriften öffentlich gemacht zu haben. Umstritten ist, wie weit eine noch junge Kategorie schon politische Maßnahmen tragen kann.

Verbindungen zu anderen Denkern

→ Michael Moss

Der Reporter, auf dessen Recherchen zur Nahrungsindustrie die Debatte aufbaut: Moss zählt Salz, Zucker und Fett, van Tulleken die Verarbeitung — beide landen bei den Aktionären.

→ Tobias Rüther

Beide nehmen dem Einzelnen die Willensschuld ab: Rüther sucht unter der Sucht den Schmerz, van Tulleken unter dem Übergewicht die Armut und das Geschäftsmodell — und beide stoßen an die Frage, was Sucht bei einem Stoff heißt, auf den niemand verzichten kann.

→ Wolfram Schultz

Der Vorhersagefehler, den Schultz im Dopaminneuron entdeckt hat, ist der Mechanismus unter van Tullekens These vom Süßstoff als Signal ohne die Sache selbst.

→ Gabriel Yoran

Beide lesen Alltagsprodukte als Abdruck der Kapitallogik dahinter und finden sich selbst als Anleger im Spiegel, Yoran mit seinen ETFs, van Tulleken mit seiner Rente bei BlackRock.

→ Christoph Butterwegge

Was Butterwegge für die Verteilung zeigt — Armut als politische Entscheidung, verschleiert vom Leistungsmythos —, zeigt van Tulleken am Körpergewicht und am Willenskraft-Narrativ.

→ Giulia Enders

Enders hat den Darm und sein Mikrobiom als mitdenkendes Organ ins Gespräch gebracht; van Tullekens Sorge um synthetische Emulgatoren setzt genau dort an.

→ Jutta Roosen

Dieselben Forderungen — Kennzeichnung, Werbegrenzen, echtes Essen in Schulen — aus der Konsumökonomie geprüft: klein, aber gerichtet.

Cortex-Notes

Im Bestand

Chris van TullekenUltra-verarbeitete LebensmittelMichael MossDenkerVitaJutta RoosenDenkerVitaTobias RütherDenkerVitaWolfram SchultzDenkerVitaGabriel YoranDenkerVitaChristoph ButterweggeDenkerVitaGiulia EndersDenkerVita

acht gedachte Verweise

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