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Gedankenraum
Geistesblitz·4. Oktober 2026·0:57 h·41 Belegstellen

Chris van Tulleken — Ultra-verarbeitete Lebensmittel

Wir verarbeiten unser Essen, seit wir Menschen sind. Neu ist eine Nahrung aus Pulvern, Ölen und Zusatzstoffen, die schneller satt macht als der Körper es merkt — und an der vor allem die Rendite hängt.

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Wayne Thiebaud — dicke, buttrige Ölfarbe, Pastelltöne, die typischen blauen Schattenränder. Eine Bäckertheke voller identischer Törtchen, Riegel und Kringel, Reihe um Reihe wie vom Band; davor, allein auf dem Tresen, ein echter, angebissener Apfel. Thiebauds Hand, weil er Amerikas Auslagen gemalt hat — freundlich und leicht unheimlich in ihrer Gleichförmigkeit. Der eine Apfel ist der Bristoler Versuch: das Essen, das man noch mit den Zähnen zerlegen muss.

Prompt: A wide horizontal banner painting in the style of Wayne Thiebaud — thick, buttery impasto oil paint, creamy pastel colours, bright even light, characteristic blue and turquoise halo shadows around every object. A long glass bakery display counter seen slightly from above, filled with rows and rows of identical small iced snack cakes, glossy bars and perfectly uniform golden buns, all the same shape, repeating into the distance like a factory line, cheerful and slightly uncanny in their sameness. On the white countertop in front of the display, alone on the left, a single real red apple with a leaf and one bite taken out of it, casting its own blue shadow, irregular and alive among the perfect copies. Clean white background, no people, no text, no logos, no photorealism.

Worum es geht

Wir verarbeiten unser Essen, seit wir Menschen sind — neu ist eine Nahrung aus Pulvern, Ölen und Zusatzstoffen, die schneller satt macht, als der Körper es merkt. Der Londoner Arzt Chris van Tulleken erklärt an der Royal Institution, was „ultra-verarbeitet" heißt, warum eine kleine Studie am NIH die Ernährungslehre erschüttert hat und weshalb er die Ursache der Übergewichts-Pandemie weder im Sofa noch im Willen sucht, sondern in den Bilanzen. Ein Vortrag mit Wucht und mit Lücken: Die Zuspitzung ist seine, die Evidenz ist gemischter, als er sie klingen lässt — beides gehört in diese Note.

Quelle: The harsh reality of ultra processed food — with Chris van Tulleken · Royal Institution, London, 19.09.2023 · 58 Min.

Wer spricht?

Chris van Tulleken (*1978, London) — britischer Arzt für Infektions- und Tropenkrankheiten am Hospital for Tropical Diseases (UCLH) und Professor in der Abteilung Infection & Immunity am University College London. Promovierter Virologe (HIV-Forschung), seit Jahren einer der bekanntesten Wissenschaftsmoderatoren der BBC — meist an der Seite seines eineiigen Zwillingsbruders Xand.

Seine Forschung gilt der Frage, wie Konzerne die Gesundheit formen: zuerst bei Babymilch, dann bei ultra-verarbeiteten Lebensmitteln. Sein Buch Ultra-Processed People (2023, dt. Gefährlich lecker) wurde zum internationalen Bestseller; 2024 hielt er die Christmas Lectures der Royal Institution. Er berät die WHO und arbeitet mit UNICEF.

→ DenkerVita


Ein Experiment, für das sich niemand gemeldet hat

0:13 — Van Tulleken beginnt mit der Sprache, bevor er über Essen spricht. Wer „Krieg gegen Fettleibigkeit" sagt, ist schnell beim Krieg gegen Menschen, weil das Adjektiv „fettleibig" Krankheit und Identität verschmilzt. Er schlägt vor, von Menschen zu sprechen, die mit Adipositas leben — so wie man mit vielen Dingen lebt, die man tragen und wieder ablegen kann. Das ist mehr als Höflichkeit. Der ganze Vortrag zielt darauf, die Schuld vom Einzelnen wegzunehmen und dorthin zu tragen, wo er sie vermutet.

Dann der Rahmen, mit dem er arbeitet: Schlechte Ernährung habe im letzten Jahrzehnt den Tabak als führende Ursache vorzeitigen Todes überholt 1:46. Und die Ursache dieser Pandemie sei „ziemlich einfach":

„Die Hauptursache ernährungsbedingter Krankheit, einschließlich Adipositas und Mangelernährung, ist der Aufstieg einer Ernährung aus industriell hergestellten essbaren Substanzen — ultra-verarbeiteten Lebensmitteln." 2:32

Im Gespräch — 2:32

Adipositas sei darum kommerziogen, vom Profit getrieben. Van Tulleken zieht die Linie zur Tabak- und Ölindustrie und fordert, Lebensmittelkonzerne ähnlich zu behandeln. „Sie alle sind Teil eines Experiments, für das Sie sich nicht freiwillig gemeldet haben" 3:20 — täglich getestet mit Molekülen, die nie zuvor in unserer Nahrung waren, und mit alten Molekülen in nie erprobter Zusammensetzung.

Sein Buch hat er nach dem Muster von Allen Carrs Endlich Nichtraucher gebaut, das nach seinen Worten als einziges Selbsthilfebuch von der WHO empfohlen wird (belegt ist eine Empfehlung der britischen NICE für die Easyway-Seminare): Man raucht weiter, während man liest. Bei ihm heißt das: weiteressen, während man liest — und merken, was passiert. Er selbst hat einen Monat lang 80 Prozent seiner Kalorien aus UPF gegessen, nach eigener Aussage als Pilotdaten für eine größere Studie am UCL, keinen Fernseh-Stunt 4:52.

Eigene Einschätzung

Das Tabak-Bild ist die stärkste und die riskanteste Figur des Vortrags. Stark, weil es die Frage von der Küche in die Konzernzentrale verlegt; dort gehört sie zum Teil hin. Riskant, weil Tabak in jeder Dosis schadet und Essen nicht — man kann nicht abstinent von Nahrung leben. Van Tulleken weiß das (er sagt es später selbst über den Suchtbegriff), aber die Rhetorik des Anfangs lässt es weg. Wer die Parallele übernimmt, sollte ihren Bruchpunkt mitnehmen.

Verarbeiten ist menschlich

5:37 — Der wichtigste Satz für das Verständnis kommt früh: Verarbeitet ist nicht ultra-verarbeitet. Menschen sind „obligate Verarbeiter". Verglichen mit Tieren ähnlicher Größe haben wir winzige Kiefer, kleine Zähne und einen kurzen Darm; wir haben unser Verdauungssystem in die Küche ausgelagert. Mahlen, Kochen, Salzen, Fermentieren, Räuchern — seit über einer Million Jahren, erfunden, wie er betont, vor allem von Frauen in Höhlen, Hütten und Küchen.

Jede traditionelle Ernährung, die je untersucht wurde, ist mit guter Gesundheit verbunden: die pescetarische Ostasiens, die vegane Südasiens, die fast rein tierische der Arktis, die mediterrane 6:23. Was nie gelang: ein einzelnes Molekül aus diesen Kostformen zu isolieren und seinen Nutzen bei Gesunden zu zeigen. Darum interessiert ihn das Muster, nicht das Produkt. Auf einer einsamen Insel, sagt er, sei man mit Burgern besser dran als mit Brokkoli — und doch gehört Brokkoli in eine gesunde Ernährung und der ultra-verarbeitete Burger nicht.

Er spricht vom dritten Zeitalter des Essens. Im ersten fraßen Mikroben, was nie gelebt hatte. Im zweiten aßen Lebewesen, was einmal lebendig war — und das gibt es bis heute, in jedem Supermarkt. Im dritten essen wir Dinge, die es in unserer Ernährung nie gab.

10:09 — Die Definition stammt aus Brasilien, von der Gruppe um den Ernährungsepidemiologen Carlos Monteiro (das NOVA-System). Ihr Anlass war ein natürliches Experiment: In Mexiko, Brasilien, Kolumbien, Chile wurden Adipositas und Typ-2-Diabetes innerhalb etwa eines Jahrzehnts von Randerscheinungen zum dominierenden Gesundheitsproblem — parallel zum Einzug einer amerikanisierten Ernährung. Die Kurzform, die van Tulleken anbietet:

„In Plastik verpackt, mit mindestens einer Zutat, die man in einer normalen Haushaltsküche nicht findet — dann ist es fast sicher ultra-verarbeitet." 10:54

Im Gespräch — 10:54

Revolutionär an Monteiros Ansatz war die Abkehr von der Nährstofflogik. Seit Jahrzehnten denken wir Ernährung in Salz, Zucker, Fett, Eiweiß, Ballaststoffen — so stehen sie auf jedem Etikett. NOVA behauptet: Was mit dem Essen gemacht wurde, zählt mit. Und in die lange Definition ist, wie van Tulleken offen sagt, „ein Stück Gesellschaftstheorie eingebacken": Zum Zweck dieser Produkte gehört, dass sie sich leicht vermarkten und verkaufen lassen 11:41.

Weitergedacht

Wenn der Profitzweck Teil der Definition ist — misst NOVA dann noch eine Eigenschaft des Essens, oder schon eine Eigenschaft der Wirtschaft, die es herstellt? Und wäre ein gemeinnützig hergestelltes Fertigbrot mit Emulgator dann kein UPF mehr?

Diet Coke als Lehrstück

12:26 — Für das Publikum der Royal Institution hat van Tulleken einen Kronzeugen mitgebracht, der dort niemanden erwartet: Donald Trump. 2012 twitterte Trump mehrere Tage lang über Diet Coke, bis zu dem Satz, der nach van Tulleken „ein Jahrzehnt später den Stand der Wissenschaft zusammenfasst": „Das Zeug funktioniert einfach nicht. Es macht hungrig." 13:58

Die Pointe ist ernst gemeint. Diet Coke trägt im britischen Ampelsystem vier grüne Lichter — nach der Etikettenlogik das gesündeste Produkt im Regal. Van Tulleken liest die Zutaten vor: Zuckerkulör E150d, die mit Karamell nur den Namen teilt und aus Kohlenhydraten unter Säuren, Laugen, Ammoniak und Sulfiten entsteht; Aspartam und Acesulfam-K; Phosphorsäure, die Zähne angreift und, so sagt er, Mineralien aus den Knochen lösen kann.

Interessanter als die Krebsfrage beim Aspartam, die ihn „nicht sehr" beunruhigt, ist ihm der Mechanismus. Süße auf der Zunge kündigt dem Körper Zucker an. Kommt keiner, gerät etwas durcheinander:

„Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine. Es macht ständig Vorhersagen über die Welt — und wenn eine Vorhersage wie ‚Zucker ist unterwegs' nicht eintrifft, gibt es vielleicht eine Stressreaktion. Niemand weiß es wirklich." 16:15

Im Gespräch — 16:15

Das „niemand weiß es wirklich" ist ehrlich und wichtig. Gesichert ist für ihn etwas Bescheideneres: Nach Einschätzung der WHO sind Süßstoffe dem Zucker stoffwechselmäßig nicht überlegen und führen nicht zu nennenswertem Gewichtsverlust. Diet Coke sei darum ein Weg, „schlechte Gesundheit zur Ware zu machen" 17:48. Wer Diet Coke verstehe, habe UPF zur Hälfte verstanden: ein Produkt, das dem Körper ein Signal schickt und die Sache selbst nicht liefert.

Das Rezept aus dem Pulver

17:48 — Wer anfängt, Zutatenlisten zu lesen, sieht bald dasselbe Muster. Am Anfang stehen Massenpflanzen: Unsere Kohlenhydrate kommen im Wesentlichen aus Reis, Mais, Soja und Weizen, dazu eine kurze Liste von Ölen — Palm, Sonnenblume, „Pflanzenöl". Die Pflanzen werden in Pulver aus Fett, Eiweiß und Kohlenhydrat zerlegt: fast unbegrenzt haltbar, spottbillig, in riesigen Mengen um die Welt verschiffbar. Um sie wieder essbar zu machen, braucht es Zusatzstoffe. In Großbritannien und der EU seien es rund 2.500, in den USA zwischen 5.000 und 15.000 — „niemand hat eine Liste", auch die FDA nicht 19:18.

Am Palmöl zeigt er, was Raffinade heißt. Das rote, würzige Öl Westafrikas, das er selbst gegessen hat, hat mit dem Palmfett im Keks nichts gemein. Durch Raffinieren, Bleichen, Desodorieren, Umestern und Härten lässt sich aus jedem Öl jeder Schmelzpunkt und jede Textur gewinnen — „und alles schmeckt nach nichts" 21:35.

Beunruhigender als das Offensichtliche findet er das Unauffällige: den Müsliriegel mit fünf Prozent Erdbeere, das Brot einer Marke, die man mit Bio und Gesundheit verbindet, mit dem Emulgator DATEM — womit fast alles Supermarktbrot ultra-verarbeitet ist. In Großbritannien stammen nach seinen Zahlen 60 Prozent der Kalorien aus UPF, bei Jugendlichen 80 Prozent (die nationale Ernährungserhebung zeigt eher zwei Drittel), und jeder Fünfte isst zu 80 Prozent so 22:21.

Und dann der Satz, der die Debatte erdet. Für viele Menschen, gerade mit wenig Geld, ist UPF das einzige Essen, das verfügbar und bezahlbar ist. Wer erklärt, Linsen und Haferbrei seien billig, rechnet die Energie zum Kochen nicht ein, das Können, das Brett, das Messer, die Dose für den Rest, die Gefriertruhe, die man nicht hat:

„Echtes Essen ist fantastisch teuer. Es verdirbt sehr schnell, und Zeit ist Geld. Lassen Sie sich nie erzählen, echtes Essen lasse sich billig zubereiten." 23:07

Im Gespräch — 23:07

500 Kalorien, die niemand bestellt hat

23:53 — Das Herzstück ist eine einzige Studie. Kevin Hall, ein ehemaliger Physiker an den National Institutes of Health, sperrte 20 Erwachsene für einen Monat in eine Stoffwechselstation. Zwei Wochen ultra-verarbeitet, zwei Wochen unverarbeitet, dann getauscht; jeweils ein Angebot von rund 5.000 Kalorien am Tag, mehr als jeder essen will. Beide Kostformen waren auf Fett, Salz, Zucker und Ballaststoffe abgestimmt und wurden von den Teilnehmenden als gleich angenehm bewertet; die feste Nahrung im UPF-Arm war allerdings energiedichter. Ergebnis:

„Die Gruppe mit der ultra-verarbeiteten Kost aß rund 500 Kalorien mehr pro Tag — obwohl sie das Essen als gleich lecker beschrieb, obwohl beide Kostformen gleich viel Salz, Fett, Zucker und Ballaststoffe enthielten." 25:24

Im Gespräch — 25:24

In zwei Wochen fast ein Kilo in entgegengesetzte Richtungen. Es gibt also etwas jenseits der Nährwerte und jenseits des Geschmacks, das zum Mehressen treibt. Van Tulleken geht einen Schritt weiter, als viele seiner Kollegen gehen würden: Er spricht von Verursachung, weil die Evidenz die Schwelle zur Kausalität erreicht habe — und nimmt sich im selben Atemzug zurück: Man sollte wohl sagen, UPF sei „stark assoziiert" 26:10. Es folgt eine lange Liste — Herz-Kreislauf, Krebs (Brust, Prostata, Darm), Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettleber, entzündliche Darmerkrankungen, Angst, Depression, Gebrechlichkeit, Demenz, früher Tod —, gestützt auf eine Übersichtsarbeit seines Doktoranden Sam Dicken, nach der die meisten dieser Zusammenhänge bestehen bleiben, wenn man für Fett, Salz, Zucker, Ballaststoffe, Bildung und Armut kontrolliert.

27:42 — Warum die Verarbeitung selbst zählt, zeigt ein Versuch aus Bristol in den Siebzigern: ganzer Apfel, Apfelmus, Apfelsaft, jeweils frisch zubereitet. Der Blutzucker steigt nach allen dreien ähnlich, aber nach dem Saft stürzt er danach unter den Ausgangswert, und der Körper schüttet mehr Insulin aus; das Mus — mit allen Ballaststoffen — liegt dazwischen. Satt macht der ganze Apfel am längsten. Das Zerlegen des Apfels mit den eigenen Zähnen ist Teil der Ernährung.

Eigene Einschätzung

Halls Studie ist sauber und überraschend, aber sie ist klein: 20 Menschen, zwei Wochen, eine Stoffwechselstation. Hall beanspruchte Kausalität nur für das Mehressen im Versuch, nicht für Krankheiten, und fragte danach weiter, welche Eigenschaften (Energiedichte, Esstempo, bestimmte Geschmackskombinationen) das Mehressen treiben. Und „UPF" ist eine sehr breite Kategorie. Große Kohortenstudien legen nahe, dass sich das Risiko auf bestimmte Gruppen konzentriert, vor allem gesüßte Getränke und verarbeitetes Fleisch, während ultra-verarbeitete Brote und Cerealien in der europäischen EPIC-Kohorte unauffällig und beim Typ-2-Diabetes sogar mit geringerem Risiko verbunden waren. Die Richtung des Vortrags trägt; die Gewissheit, mit der er „verursacht" sagt, ist eine Position, nicht der Konsens. (→ Faktencheck)

Aufschlussreich ist die Studie, für die sein Selbstversuch die Pilotdaten liefern sollte. Die UPDATE-Studie (Dicken et al., Nature Medicine 2025, doi:10.1038/s41591-025-03842-0), an der van Tulleken mitschrieb, ließ Erwachsene acht Wochen lang nach den britischen Ernährungsempfehlungen essen, einmal wenig verarbeitet, einmal ultra-verarbeitet. Beide Gruppen nahmen ab, mit der wenig verarbeiteten Kost etwa doppelt so viel, aber auf niedrigem Niveau (rund 2 gegen 1 Prozent des Körpergewichts). Die Verarbeitung zählt also, ein ausgewogener Speiseplan aus dem Supermarkt aber auch. Das ist eine leisere Botschaft als die von der Bühne, und eine ehrlichere.

Die Elefanten im Raum: Bewegung, Willenskraft, Stress

29:13 — Wer behauptet, UPF sei die Hauptursache dafür, dass Adipositas bei Kindern seit den Siebzigern nach seinen Zahlen von ein, zwei Prozent auf über zwanzig gestiegen ist (Faktencheck: vereinfacht), muss die Gegenfragen beantworten. Die erste: Bewegen wir uns nicht einfach weniger?

Van Tulleken erzählt von seinen Monaten als Jäger und Sammler im Regenwald an der Grenze zwischen Kongo-Brazzaville und der Zentralafrikanischen Republik — und vom Anthropologen Herman Pontzer, der bei den Hadza in Tansania maß, wie viel Energie Menschen verbrauchen, die täglich viele Kilometer laufen. Das Ergebnis verblüffte Pontzer selbst: bei gleichem Geschlecht, Körperbau und Alter nicht mehr als wir 30:43. Pontzers Erklärung, das Modell der begrenzten Energie: Der Körper hält den Gesamtverbrauch ungefähr konstant. Wer viel läuft, spart woanders — bei Entzündung, Stresshormonen, Fortpflanzung.

„Bewegung ist gut für uns, nicht weil wir mehr Kalorien verbrennen, sondern weil wir Kalorien aus anderen Budgets stehlen." 31:30

Im Gespräch — 31:30

Das erkläre, warum Sport Entzündung, Schmerz und Angst dämpft, warum er beim Halten eines Gewichts hilft und beim Abnehmen kaum. Woher dann die Gewissheit von „Kalorien rein, Kalorien raus"? Van Tulleken verweist auf Martin McKee und Kollegen an der London School of Hygiene, die Coca-Colas Förderung der Forschung zur „Energiebilanz" als Netzwerk kartierten und über Informationsfreiheitsanfragen erlangte E-Mails auswerteten 34:31. Die Logik, man könne ein süßes Getränk einfach wieder ablaufen, sei zum Teil gekauft.

Die zweite Gegenfrage: Willenskraft. Van Tulleken zeigt US-Daten, nach denen Mitte der Siebziger alle Gruppen gleichzeitig zuzunehmen beginnen — Männer, Frauen, jedes Alter, weiße, schwarze, hispanische Amerikaner. Ein gleichzeitiger moralischer Zusammenbruch aller Bevölkerungsgruppen sei als Erklärung wenig plausibel 36:02. Dazu der Marshmallow-Test: In einer Nachfolgestudie war der Zusammenhang nur halb so groß wie im Original und schrumpfte um zwei Drittel, sobald man Familienhintergrund und häusliches Umfeld berücksichtigte. Wer in Armut aufwächst, sagt van Tulleken, nimmt die Belohnung, wenn sie da ist, weil Versprechen dort oft nicht gehalten werden — eine kluge Entscheidung, keine schwache.

Die dritte: Stress und Trauma. Hier räumt er etwas ein, statt es abzuräumen. Ja, Menschen essen aus emotionalen Gründen — aber sie greifen dann fast immer zu UPF, so wie zu Tabak, Alkohol, Glücksspiel. Die tiefe Ursache sei Armut, die nahe die Vermarktung schädlicher Produkte; mit Armut, die „eine politische Entscheidung" sei, wäre etwa die Hälfte des Problems gelöst 38:20.

Weitergedacht

„Persönliche Verantwortung hat in dieser Diskussion keinen Platz", sagt van Tulleken über die Politik. Für Gesetze leuchtet das ein. Aber was bleibt dem Einzelnen, der morgen einkaufen geht — ist die Einsicht, dass das Regal gegen ihn gebaut ist, entlastend oder lähmend?

Wie ultra-verarbeitetes Essen lügt

39:07 — Den Mechanismus beschreibt van Tulleken in Eigenschaften, die man im Supermarkt selbst prüfen kann. UPF ist weich: Ein emulgiertes Toastbrot isst man etwa dreimal so schnell wie Sauerteig oder Roggenbrot. Es ist trocken, weil Wasser die Haltbarkeit verkürzt — die berühmten Fast-Food-Burger, die ein Jahr im Karton nicht verrotten, sind nach seiner Erklärung schlicht zu trocken für Mikroben. Und es ist darum energiedicht, weil das Wasser fehlt, das sonst Platz einnimmt.

„Wir bekommen Kalorien schneller, als unser Körper sagen kann, dass wir satt sind." 41:23

Im Gespräch — 41:23

Wilde Tiere, sagt er, kennen keine Adipositas, auch nicht bei reichlich Futter — sie regeln ihre Aufnahme so genau wie Temperatur, Blutdruck oder Natrium. Der Mensch kann das auch, solange er echtes Essen isst. UPF aber sendet falsche Signale: Süße ohne Zucker, Cremigkeit ohne Fett (Xanthan, Guarkernmehl, modifizierte Stärke seit der Fettangst der Achtziger), Herzhaftigkeit ohne Eiweiß — Glutamat zusammen mit Inosinat und Guanylat erzeugt eine sich verstärkende Umami-Note in Kartoffelchips, ohne dass das Eiweiß folgt, das dieser Geschmack versprechen müsste. „Once you pop, you can't stop" sei womöglich mehr als ein Werbespruch 43:41.

Geschmack ist für ihn ein Frühwarnsystem: Bitter warnt vor Gift, Süß kündigt Zucker an, Umami Eiweiß. Weil die Grundzutaten nach dem Zerlegen nach nichts schmecken, muss Aroma zurückgegeben werden. Aroma wird so zum Platzhalter für fehlende sekundäre Pflanzenstoffe: Eine Knoblauchzehe enthält Tausende Verbindungen; vom Öl, der Stärke und dem Proteinisolat bleibt keine.

Dazu kommen Emulgatoren wie Polysorbat 80 oder Carboxymethylcellulose, die im Tierversuch und in ersten Humanstudien das Darmmikrobiom stören 45:58. Emulsionen an sich seien harmlos — Milch, Mayonnaise, jede Zelle ist eine. Bei den synthetischen Emulgatoren aber stehe die Forschung erst am Anfang, und was sie zeigt, beunruhige.

Zwischendurch ein Satz, der die Härte des Vortrags bricht: Seine eigenen Töchter essen einiges davon. Essen bindet an die Menschen um einen herum; wo die Gemeinschaft um echtes Essen fehlt, sollen sie wenigstens dasselbe essen wie ihre Freunde und nicht die Seltsamen sein 45:13.

Sucht, Rendite und was zu tun wäre

47:29 — Die Rechnung zahlen wir mehrfach. Für Soja wird so viel Wald gerodet, dass der „fliegende Fluss" über dem Amazonas austrocknet — die Wassermenge, die Bäume verdunsten und landeinwärts tragen. Die größte Gefahr für das brasilianische Agrobusiness sei das brasilianische Agrobusiness. Ein Nebenbefund mit Humor: Wegen zu wenig Kartoffel in Pringles stritt ausgerechnet der Hersteller Procter & Gamble vor Gericht — mit dem britischen Fiskus, um zu belegen, dass Pringles kein Kartoffelchip sei und keine Mehrwertsteuer schulde 49:00.

Den größten Schaden sieht er darin, dass UPF süchtig mache. Hier wird er vorsichtig: Der Suchtbegriff war lange verpönt, weil zur Sucht die Abstinenz gehört und man vom Essen nicht abstinent leben kann. Die Evidenz sei „noch sehr früh", das Thema für viele traumatisierend 51:18. Seine Tochter Lyra, sechs, könne Erwachsenenportionen Cocoa Pops essen, „wie in Trance".

Und dann seine eigentliche These, die Wurzel unter dem Ganzen:

„Der Zweck der Ultra-Verarbeitung ist nicht nur Profit — es ist finanzialisiertes Wachstum." 52:04

Im Gespräch — 52:04

Die aufschlussreichsten Gesprächspartner für sein Buch seien die Banker gewesen. Was wir Lebensmittelversorgung nennen, sei ein umgekehrtes Geldversorgungssystem: Geld fließt von uns ab, ein wenig zu den Bauern, das meiste zu den Verarbeitern. Als Konzernchefs ernsthaft umsteuern wollten — Emmanuel Faber bei Danone, ähnlich bei PepsiCo und Unilever —, seien sie ersetzt worden, oft auf Druck aktivistischer Investoren 52:49. Ein Analyst bei BlackRock habe ihm erklärt, die Firmen kontrollierten ihr Geschäftsmodell nicht. Van Tulleken nimmt sich nicht aus: Ein Teil seiner eigenen Rente liegt bei BlackRock.

Seine Vorschläge sind überraschend gemäßigt. Er würde UPF weder verbieten noch in Großbritannien breit besteuern, weil es das Essen ist, von dem viele abhängen. Er will:

„Mein Argument ist nicht antikapitalistisch, nicht wachstumsfeindlich, nicht neomarxistisch. Wir wollen Wahlmöglichkeiten und Freiheiten vergrößern; wir wollen niemanden bevormunden." 55:54

Im Gespräch — 55:54
Eigene Einschätzung

Hier liegt die tiefste und am wenigsten belegte Schicht des Vortrags zugleich. Der Fall Danone ist gut dokumentiert, Unilever weniger eindeutig, und bei PepsiCo hielt Indra Nooyi dem Investorendruck stand; dass die Finanzlogik das ganze System trägt, ist eine plausible, aber große These, die er selbst erst zu beweisen versucht („ein Großteil meiner Forschung ist jetzt…"). Bemerkenswert ist, wie er den Vorwurf der Bevormundung umdreht: Freiheit fehle dem, der in einem Regal wählt, das gegen ihn gebaut ist. Das ist ein liberales Argument für Regulierung — und darum schwerer abzuwehren als ein linkes.


Faktencheck

Vereinfacht — „Die Evidenz hat die Schwelle zur Kausalität erreicht“

Van Tulleken sagt „verursacht“, verweist auf eine lange Krankheitsliste und auf das Review seines Doktoranden Sam Dicken — und nimmt sich im selben Atemzug zurück: „Was wir wohl sagen sollten: UPF ist stark assoziiert mit …“ Diese Spannung ist der Kern. Die stärkste Synthese, das Umbrella-Review von Lane u. a., findet Zusammenhänge mit 32 von 45 Gesundheitsparametern; die Evidenz zur Herz-Kreislauf-Sterblichkeit gilt als „überzeugend“, ihre Qualität nach GRADE aber als „sehr niedrig“ — fast alle Befunde sind beobachtend und von niedriger Qualität. Das Dicken-Review ist eine narrative Übersicht aus der eigenen Arbeitsgruppe und fand, dass die Mehrheit der Zusammenhänge eine Adjustierung für Ernährungsqualität übersteht, nicht alle. Der britische Fachausschuss SACN hält die Befunde für „besorgniserregend“, rät wegen Störfaktoren und der Schwächen von NOVA aber zur Vorsicht. Die Kategorie ist zudem uneinheitlich: In EPIC hängen tierische UPF und gesüßte Getränke mit Mehrfacherkrankung zusammen, ultra-verarbeitete Brote und Cerealien nicht (HR 0,97); in den Harvard-Kohorten treiben verarbeitetes Fleisch und gesüßte Getränke das Sterberisiko (insgesamt +4 %), und innerhalb gleicher Ernährungsqualität verschwindet der UPF-Effekt. Für Typ-2-Diabetes sind Cerealien und Vollkornbrot sogar invers assoziiert. Das Wort „Ursache“ trägt die Tabak-Analogie und die politischen Forderungen. Quelle: Lane u. a., BMJ 2024, Umbrella-Review — doi:10.1136/bmj-2023-077310 · Dicken & Batterham, Nutrients 2022, narrative Übersicht — doi:10.3390/nu14010023 · Córdova u. a., Lancet Reg Health Eur 2023, Kohorte n=266.666 — doi:10.1016/j.lanepe.2023.100771 · Fang u. a., BMJ 2024, Kohorte n=114.064 — doi:10.1136/bmj-2023-078476 · Chen u. a., Diabetes Care 2023 — doi:10.2337/dc22-1993 · SACN statement on processed foods and health (2023)

Bestätigt — Halls Stoffwechselstudie: ~500 kcal mehr, ~0,9 kg in zwei Wochen

20 Erwachsene, stationär am NIH, Crossover: Unter UPF aßen sie 508 ± 106 kcal pro Tag mehr, nahmen 0,9 kg zu und unter unverarbeiteter Kost 0,9 kg ab. Zwei Nuancen: Hall schrieb „Cause“ selbst in den Titel — für Mehressen und Gewicht im Versuch, nicht für Krankheiten. Und die feste Nahrung im UPF-Arm war energiedichter; die Ballaststoffe kamen dort teils über Getränke. Halls Folgearbeiten deuten das „Etwas jenseits der Nährwerte“ vor allem als Energiedichte, Esstempo und hyper-schmackhafte Kombinationen; in einem Folgeversuch (vorläufige Daten, Imperial College 2024) ließ sich die Aufnahme bei über 80 % UPF fast normalisieren, als Energiedichte und Hyper-Schmackhaftigkeit gesenkt wurden. Eine präregistrierte Meta-Analyse von 10 RCTs (2026) bestätigt mehr Gewichtszunahme und schnelleres Essen unter UPF, bei niedriger Gewissheit — bei gleicher Energiedichte verschwindet der Effekt auf die Aufnahme. Van Tullekens eigene UPDATE-Studie (2025) zeigt etwa einen Prozentpunkt mehr Gewichtsverlust mit minimal verarbeiteter Kost. Der Effekt ist real, aber moderat. Quelle: Hall u. a., Cell Metabolism 2019, RCT — doi:10.1016/j.cmet.2019.05.008 · Fazzino, Courville, Guo, Hall, Nature Food 2023 — doi:10.1038/s43016-022-00688-4 · Robinson u. a., Crit Rev Food Sci Nutr 2026, Meta-Analyse von RCTs — doi:10.1080/10408398.2026.2731838 · Dicken u. a., Nature Medicine 2025, RCT n=55 — doi:10.1038/s41591-025-03842-0 · Hall, Imperial College 2024 (Folien)

Vereinfacht — Schlechte Ernährung habe Tabak als führende Todesursache überholt

Das stimmt für die Erhebungsrunde GBD 2017: 11 Mio. ernährungsbedingte Todesfälle, mehr als durch Tabak. In GBD 2019 liegt Tabak nach geänderter Methodik wieder vorn (8,71 gegenüber 7,94 Mio.). „Ernährungsrisiken“ sind dort ein Bündel aus 15 Einzelfaktoren, vor allem zu wenig Vollkorn und Obst und zu viel Salz; UPF ist keine GBD-Kategorie. Den Schritt von „schlechter Ernährung“ zu „UPF“ macht der Sprecher selbst. Quelle: Afshin u. a., Lancet 2019 (GBD 2017) — doi:10.1016/S0140-6736(19)30041-8 · Murray u. a., Lancet 2020 (GBD 2019) — doi:10.1016/S0140-6736(20)30752-2

Falsch — „Exercise is Medicine“ sei eine Marke von Coca-Cola

Im Vortrag33:46 heißt es, die Formel sei „trademarked by the Coca-Cola company“. Inhaberin der Marke ist das American College of Sports Medicine; Coca-Cola war 2007 erster Gründungspartner und Geldgeber der Initiative. Der wahre Kern — die Coca-Cola-Finanzierung — hätte genügt; die Zuspitzung zur Marke lässt die Verbindung enger erscheinen, als sie belegt ist. Quelle: USPTO-Eintrag „Exercise is Medicine“, Inhaber ACSM (Justia) · Wikipedia: Exercise Is Medicine

Vereinfacht — Bewegung spiele kaum eine Rolle, „Kalorien rein, Kalorien raus“ sei gekauft

Pontzers Befund hält: Die Hadza verbrauchen, bereinigt um fettfreie Masse, nicht mehr Energie als Menschen im Westen. Die Hadza-Studie erschien 2012 in PLoS ONE, das Modell der begrenzten Energie 2016 in Current Biology (in Science steht 2021 eine andere, die Lebenslauf-Studie). Auch die Coca-Cola-Spur ist belegt: Eine Netzwerkanalyse fand 389 Coca-Cola-finanzierte Arbeiten von 907 Forschenden, per Informationsfreiheitsanfrage erlangte E-Mails zeigen Einflussnahme im Global Energy Balance Network. Überdehnt ist der Rest des Vortrags: Es gebe „very little other evidence“ für die Energiebilanz und „no one serious“ halte Inaktivität für relevant. Die Energiebilanz ist Physik — Kevin Hall selbst modelliert sie —, und die Kompensation liegt im Mittel bei rund 28 %; Mehrbewegung verbrennt also durchaus zusätzliche Kalorien. Fair dazu: Laut Nature Metabolism (2023) ist der aktivitätsbedingte Verbrauch seit den 1980ern nicht gesunken. Quelle: Pontzer u. a., PLoS ONE 2012 — doi:10.1371/journal.pone.0040503 · Pontzer u. a., Curr Biol 2016 — doi:10.1016/j.cub.2015.12.046 · Careau u. a., Curr Biol 2021 — doi:10.1016/j.cub.2021.08.016 · Speakman u. a., Nat Metab 2023 — doi:10.1038/s42255-023-00782-2 · Serôdio, McKee, Stuckler, Public Health Nutr 2018 — doi:10.1017/S136898001700307X · Serôdio u. a., Public Health Nutr 2020 — doi:10.1017/s1368980020002098

Vereinfacht — UK-Konsumzahlen und Kinder-Adipositas „von 1–2 % auf über 20 %“

60 % der Kalorien aus UPF im UK stimmt (NDNS 2008–2014: 56,8 %), ebenso „jeder Fünfte zu 80 %“ (oberstes Quintil im Mittel 78 %). Überzogen ist „80 % typisch für Teenager“: Jugendliche von 11 bis 18 kommen auf 65,9 %, mit sinkender Tendenz. Bei der Kinder-Adipositas vergleicht er zwei Maße — die 1–2 % der 1970er beruhen auf strengen IOTF-Grenzwerten, die „über 20 %“ auf der heutigen britischen Schulmessung mit großzügigerem Kriterium. Der Anstieg ist real und mehrfach, das „Zehnfache“ zum Teil ein Artefakt der Definitionen. Global: von 0,7–0,9 % (1975) auf 5,6–7,8 % (2016). Quelle: Rauber u. a., Nutrients 2018 — doi:10.3390/nu10050587 · Chavez-Ugalde u. a., Eur J Nutr 2024 — doi:10.1007/s00394-024-03458-z · Chinn & Rona, BMJ 2001 — doi:10.1136/bmj.322.7277.24 · NCD-RisC, Lancet 2017 — doi:10.1016/S0140-6736(17)32129-3

Vereinfacht — Die Diet-Coke-Kette: Süßstoffe erhöhen den Blutzucker, Phosphorsäure löst Knochen

Trumps Tweet ist korrekt zitiert (22.10.2012), die WHO-Leitlinie 2023 rät tatsächlich von Süßstoffen zur Gewichtskontrolle ab (bedingte Empfehlung, geringe Gewissheit). Verzerrt ist die Cell-Studie (2022): Im RCT mit 120 Personen verschlechterten Saccharin und Sucralose die Glukosetoleranz, und nur bei einem Teil der Teilnehmenden — Aspartam und Stevia nicht. In Diet Coke steckt Aspartam; der Befund stützt also gerade das Produkt nicht, an dem er ihn vorführt. Die Phosphorsäure-Aussage beruht auf Beobachtungsdaten: Cola-Konsum ging in Framingham mit geringerer Hüft-Knochendichte bei älteren Frauen einher, nicht bei Männern. Ein plausibler Mechanismus, kein Nachweis. Quelle: Trump auf X, 22.10.2012 · WHO-Leitlinie Non-sugar sweeteners (2023) · Suez u. a., Cell 2022, RCT — doi:10.1016/j.cell.2022.07.016 · Tucker u. a., Am J Clin Nutr 2006, Kohorte — doi:10.1093/ajcn/84.4.936

Bestätigt — Emulgatoren (Polysorbat 80, CMC) stören das Darmmikrobiom

In Mäusen lösten CMC und P80 Kolitis und ein metabolisches Syndrom aus. In einer kontrollierten Fütterungsstudie mit 16 gesunden Erwachsenen über 11 Tage senkte CMC die Mikrobiom-Diversität und die kurzkettigen Fettsäuren; bei zwei Personen drangen Bakterien in die innere Schleimschicht ein. Van Tullekens Einordnung „die Forschung steht am Anfang“ ist ehrlich — die Humandaten sind sehr klein. Quelle: Chassaing u. a., Nature 2015 (Maus) — doi:10.1038/nature14232 · Chassaing u. a., Gastroenterology 2022, RCT n=16 — doi:10.1053/j.gastro.2021.11.006

Vereinfacht — ~2.500 Zusatzstoffe in EU/UK gegenüber 5.000–15.000 in den USA

Der Kern hält: Über das GRAS-Verfahren können Hersteller Stoffe selbst für sicher erklären, ohne die FDA zu informieren; eine vollständige Liste existiert nicht (geschätzt rund 10.000 Substanzen, etwa 1.000 davon ohne Kenntnis der FDA). Die Gegenüberstellung vergleicht aber Ungleiches: In der EU sind gut 300 Zusatzstoffe (E-Nummern) zugelassen, die ~2.500 entsprechen eher der Unionsliste der Aromastoffe. Quelle: Neltner u. a., Compr Rev Food Sci Food Saf 2011 — doi:10.1111/j.1541-4337.2011.00166.x · EFSA: Food additives

Vereinfacht — Reformwillige Konzernchefs seien „in jedem Fall“ von Investoren abgesetzt worden

Danone ist belegt: Emmanuel Faber wurde im März 2021 auf Druck von Bluebell Capital und Artisan Partners (zusammen unter 6 % der Anteile) abgelöst, ein Jahr nachdem 99 % der Aktionäre für die „entreprise à mission“ gestimmt hatten — es ging um Rendite gegen Nachhaltigkeit, nicht ausdrücklich um UPF. Bei Unilever ist der Zusammenhang indirekter (Jopes Rückzug 2022 nach dem Einstieg von Trian); Indra Nooyi bei PepsiCo hielt dem Druck stand und ging 2018 nach eigenem Zeitplan. „In every case“ macht aus einem starken Einzelfall einen Systembeweis, den er nach eigener Aussage noch zu führen versucht. Quelle: France 24: Danone ousts CEO after pressure from activist investor groups · Wikipedia: Emmanuel Faber

Vereinfacht — Die British Nutrition Foundation als gekaufte Gegenstimme

Die BNF finanziert sich nach eigener Angabe aus Mitgliedsbeiträgen und Projektmitteln von Herstellern und Händlern, darunter Coca-Cola, Nestlé, Mondelēz, PepsiCo. „Mehrheitlich“ lässt sich öffentlich nicht nachrechnen. Dieselbe Skepsis gegenüber NOVA vertritt aber auch der Fachausschuss SACN der Regierung (2023) — wer die Gegenstimme allein über ihr Geld erledigt, muss ihre Argumente nicht mehr prüfen. Fairerweise: Auch SACN-Mitglieder haben laut BMJ-Analysen teils Industriebindungen. Quelle: BNF-Stellungnahme zur Finanzierung · SACN statement (2023) · BMJ Group: Drittel der SACN-Berater mit Industriebindung

Vereinfacht — Allen Carr „von der WHO empfohlen“ und der Marshmallow-Test

Eine formale WHO-Empfehlung für Allen Carrs Easyway ließ sich nicht finden; belegt ist eine Empfehlung der britischen NICE (NG209) für die Seminare, und zwei RCTs zeigen sie als mindestens gleichwertig zur NHS-Spezialbetreuung. Der Marshmallow-Befund ist keine Neuauswertung der Mischel-Daten, sondern eine Nachfolgestudie mit neuen Daten: Der Zusammenhang war halb so groß wie im Original und schrumpfte mit Kontrolle für Familienhintergrund, frühe kognitive Fähigkeiten und häusliches Umfeld um zwei Drittel; gemessen wurde Schulleistung, nicht Gewicht. Die These der „klugen Entscheidung bei unzuverlässigen Versprechen“ stammt aus einem anderen Experiment (Kidd u. a. 2013). Van Tulleken hedgt hier selbst („a lot of nuance … with some caution“). Quelle: NICE NG209 · Frings u. a., Addiction 2020, RCT n=620 — doi:10.1111/add.14897 · Keogan u. a., Tob Control 2019 — doi:10.1136/tobaccocontrol-2018-054243 · Watts, Duncan, Quan, Psychol Sci 2018 — doi:10.1177/0956797618761661 · Kidd, Palmeri, Aslin, Cognition 2013 — doi:10.1016/j.cognition.2012.08.004

Bestätigt — Pringles, Coca-Cola als größter Plastikverschmutzer, Ernährungssystem und Artenverlust

Procter & Gamble stritt tatsächlich mit dem britischen Fiskus darum, dass Pringles keine „potato crisps“ seien — es ging um bis zu 100 Mio. £, und P&G verlor 2009 vor dem Court of Appeal. Coca-Cola führt die Markenaudits von Break Free From Plastic seit Jahren an; eine Studie in Science Advances (2024) ordnet ihm 11 % aller markierten Plastikfunde zu. Das Ernährungssystem ist laut Chatham House und UNEP der Haupttreiber des Artenverlusts; den Anteil von UPF daran hat niemand beziffert — „UPF“ statt „Ernährungssystem“ ist seine Zuspitzung. Quelle: Court of Appeal, HMRC v Procter & Gamble UK [2009] EWCA Civ 407 · Cowger u. a., Sci Adv 2024 — doi:10.1126/sciadv.adj8275 · UNEP: Food system primary driver of biodiversity loss · Leite u. a., BMJ Glob Health 2022 — doi:10.1136/bmjgh-2021-008269


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Chris van Tulleken: Ultra-Processed People (2023) — dt. Gefährlich lecker (Heyne 2023) über genialokal

Im Vortrag genannt:

Im Vortrag zitierte Forschung:

  • Kevin D. Hall et al.: Ultra-Processed Diets Cause Excess Calorie Intake and Weight Gain: An Inpatient Randomized Controlled Trial of Ad Libitum Food Intake — Cell Metabolism 30 (2019), doi:10.1016/j.cmet.2019.05.008
  • Carlos A. Monteiro et al.: Ultra-processed foods: what they are and how to identify them — Public Health Nutrition 22 (2019), doi:10.1017/S1368980018003762
  • G. B. Haber et al.: Depletion and disruption of dietary fibre: effects on satiety, plasma-glucose, and serum-insulin (der Bristoler Apfel-Versuch) — The Lancet 310 (1977), doi:10.1016/S0140-6736(77)90494-9
  • Herman Pontzer et al.: Hunter-gatherer energetics and human obesity — PLoS ONE 7 (2012), doi:10.1371/journal.pone.0040503
  • Tyler W. Watts, Greg J. Duncan, Haonan Quan: Revisiting the Marshmallow Test — Psychological Science 29 (2018), doi:10.1177/0956797618761661

Weiterführend (Sherlock):

Gegenstück aus dem Netz: Wie das Thema auf YouTube ankommt, zeigt LebenUSA — „USA: Das nennt ihr noch ESSEN?" (10/2026): derselbe Kern — Essen, das auf Weiteressen hin gebaut ist —, aber über Anekdoten erzählt und mit einer Nahrungsergänzungs-Werbung in der Mitte.


Verbindungen

→ Michael Moss — Salz, Zucker, Fett

Zwei Generationen derselben Frage. Moss erzählt 2013 und 2016 als Reporter, wie Salz, Zucker und Fett zu den „Kronjuwelen" der Industrie wurden, mit Moskowitz' Glückspunkt und dem CEO-Treffen von 1999. Van Tulleken hält die Nährstofflogik für zu kurz — in Halls Studie aßen Menschen 500 Kalorien mehr bei gleichem Salz, Zucker und Fett — und sucht die Ursache in der Verarbeitung und in den Bilanzen. Wo Moss auf die Bekehrten in der Industrie hofft, sieht van Tulleken die Investoren, die sie absetzen.

→ ARTE — Forschung, Fake und faule Tricks

Was van Tulleken über das Coca-Cola-Netz zur „Energiebilanz" und über die British Nutrition Foundation erzählt, ist der Tabak-Blueprint der ARTE-Doku, auf den Teller übertragen: eigene Forscher, eigene Institute, eine Gegenstimme in jedem Artikel. Die Doku liefert dazu die leisere Hälfte, die orphaned science, also Felder, die niemand bezahlt. Lange, teure Ernährungsstudien gehören dazu — und das erklärt mit, warum eine Stoffwechselstation mit zwanzig Menschen so viel Gewicht tragen muss.

→ Gabriel Yoran — Die Entkrempelung der Welt

Zwei Männer suchen im Kleingedruckten der Konsumwelt den Absender und finden sich selbst. Yoran entdeckt hinter dem Duschschlauch ohne Drehwirbel seine eigenen ETFs, van Tulleken hinter der Absetzung des Danone-Chefs seine eigene Rente bei BlackRock. Auch die Details reimen sich: 65 Prozent Fisch im Fischstäbchen, weil das Lebensmittelbuch es verlangt, fünf Prozent Erdbeere im Müsliriegel, weil es keines tut.

→ Tobias Rüther — Wie Sucht im Gehirn entsteht

Rüther sagt, niemand werde grundlos süchtig; unter jedem Konsum, der nicht aufhören kann, liege ein älterer Schmerz. Van Tulleken landet bei Stress und Trauma an derselben Stelle und gibt dem Schmerz einen Namen: Armut. Den Bruchpunkt markiert er selbst. Vom Essen kann niemand abstinent leben, und darum findet Rüthers Logik (Substanz weg, das Darunter anschauen) beim Essen nur halben Halt.

→ Wolfram Schultz — Dopamin: Mehr als ein Glückshormon

„Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine", sagt van Tulleken über Diet Coke: Süße kündigt Zucker an, der nie kommt. Schultz hat den Mechanismus dahinter vermessen, den Vorhersagefehler, aus dem das Dopaminsystem lernt. Zwischen beiden liegt eine fruchtbare Reibung. Schultz beschreibt ein System, das auf Maximierung gebaut ist, nicht auf Sättigung; van Tulleken einen Körper, der seine Aufnahme so genau regelt wie Temperatur oder Blutdruck, solange er echtes Essen bekommt.

→ Christoph Butterwegge — Armut NEU DENKEN

Butterwegge nennt den neoliberalen Leistungsbegriff eine Ideologie, die in die Köpfe gewandert ist. Van Tulleken zeigt, wie dieselbe Figur beim Körpergewicht arbeitet: als Willenskraft, deren Versagen man dem Einzelnen anrechnet, bis die Neuauswertung des Marshmallow-Tests den Effekt beim Bildungsstand der Mütter wiederfindet. Beide kommen beim selben Satz an, dass Armut eine politische Entscheidung ist.

→ ARTE Mit offenen Karten — Die Sojabohne als geopolitische Waffe

Die ARTE-Folge erzählt die Sojabohne als Futter der Fleischindustrie und Rohstoff eines Oligopols. Van Tulleken zeigt, wohin der Rest wandert: in die Pulver aus Fett, Eiweiß und Kohlenhydrat, aus denen ultra-verarbeitetes Essen gebaut wird. Bei ihm trocknet dafür der „fliegende Fluss" über dem Amazonas aus. Zusammen ergeben die beiden Notes die Lieferkette vom gerodeten Cerrado bis zum Müsliriegel.

→ Follow This — Die grüne Horzel in Big Oil

Bei van Tulleken sind aktivistische Investoren die Kraft, die einen Konzernchef wie Emmanuel Faber bei Danone stürzt, sobald er gesünder wirtschaften will. Follow This zieht denselben Hebel in die Gegenrichtung und bringt Klima-Resolutionen auf die Hauptversammlungen von Shell und BP. Wenn die Firmen ihr Geschäftsmodell nicht kontrollieren, wie ein BlackRock-Analyst van Tulleken sagte — wer tut es dann, und kann die Hand am Steuer die Richtung wechseln?

→ Jutta Roosen — Wie wirksam sind Zuckersteuer & Co.?

Roosen prüft aus der Konsumökonomie, was van Tullekens Forderungen leisten: Kennzeichnung wirkt klein, aber gerichtet; Werbegrenzen werden umgangen; eine Steuer wirkt vor allem über den Hersteller. Beide nehmen der Willenskraft ihre Unschuld — sie ohne Polemik, mit Elastizitäten.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Wenn das Regal gegen den Körper gebaut ist und Willenskraft „kein interessanter Teil der Diskussion" — wo beginnt dann noch die eigene Entscheidung, und wäre es klug, sie ganz aufzugeben?
  • Van Tulleken nennt seine Argumente ausdrücklich nicht antikapitalistisch. Aber wenn Konzernchefs, die umsteuern wollen, von den eigenen Investoren abgesetzt werden — ist das ein Fehler im System oder das System?
  • Was wäre das stärkste Argument für ultra-verarbeitetes Essen? Billig, haltbar, sicher, immer da — wer hätte ohne es Hunger, und wer spricht für diese Menschen in der Debatte?
  • Die Kategorie „UPF" umfasst Cola und Vollkorn-Fertigbrot. Ist eine so breite Kategorie ein Werkzeug der Aufklärung — oder schon selbst eine Vereinfachung, die man verkaufen kann?
  • Van Tulleken will, dass seine Kinder dasselbe essen wie ihre Freunde. Was sagt es über eine Gesellschaft, wenn Zugehörigkeit über das Essen läuft, von dem man weiß, dass es schadet?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Chris van TullekenDenkerVitaJutta RoosenWie wirksam sind Zuckersteuer &…Michael MossSalz, Zucker, FettARTEForschung, Fake und faule TricksGabriel YoranDie Entkrempelung der WeltTobias RütherWie Sucht im Gehirn entstehtWolfram SchultzDopamin: Mehr als ein GlückshormonChristoph ButterweggeArmut NEU DENKENARTE Mit offenen KartenDie Sojabohne als geopolitische…Follow ThisDie grüne Horzel in Big Oil

zehn gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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