Gedankenraum

Michael Moss — DenkerVita

Michael Moss kam aus dem Irakkrieg zurück und fand die nächste Front im Supermarkt: ein Reporter, der in die Labore der Lebensmittelkonzerne ging und den Glückspunkt vermessen sah.

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Ben Shahn — Tempera, nervöse Pinsellinie, flache Farbwaschungen, amerikanischer Sozialrealismus. Ein Reporter im Trenchcoat mit Notizbuch, hinter ihm links die Wüste mit ausgebranntem Jeep und Rauchsäule, rechts ein Supermarktregal voller bunter Packungen, zu seinen Füßen eine aufgerissene Tüte Erdnüsse. Shahns Hand, weil er selbst ein Reporter mit dem Pinsel war — und weil Moss' Leben genau an dieser Naht kippt: vom einen Krieg in den anderen.

Prompt: A wide horizontal banner painting by the hand of Ben Shahn, 1940s American social realism — tempera on board, loose nervous brush-drawn black line, uneven flat colour washes with visible brush texture, slightly melancholic, figures with long expressive hands. A lone reporter in a rumpled trench coat stands in the middle in profile holding a small notebook and pencil, face simplified. Behind him on the left a dusty pale desert with a burnt-out army jeep and a thin column of smoke. On the right a tall grocery shelf crowded with brightly coloured boxes, cans and snack bags whose labels are only blank colour fields and simple shapes, and a torn paper bag of peanuts spilling across the floor at his feet. Muted ochre, grey-blue, rust, with a few loud colours on the shelf. Absolutely no lettering, no words, no logos, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Michael Moss — US-amerikanischer Investigativjournalist und Autor, geboren in Eureka, Kalifornien, Studium an der San Francisco State University. Reporter beim Wall Street Journal, bei New York Newsday und der Atlanta Journal-Constitution, danach lange Jahre bei der New York Times. Pulitzer-Preis für Explanatory Reporting 2010 für seine Recherche über E.-coli-verseuchtes Hackfleisch; Pulitzer-Finalist schon 1999 (Pflegeheime) und 2006 (fehlende Panzerung für US-Soldaten im Irak). Sein Buch Salt Sugar Fat (2013, dt. Das Salz-Zucker-Fett-Komplott) stand auf Platz 1 der NYT-Bestsellerliste, ist in 22 Sprachen übersetzt und erhielt 2014 den James Beard Award. 2021 folgte Hooked über Essen, freien Willen und Sucht. Lebt mit Frau und zwei Söhnen in Brooklyn.

Biografie

Michael Moss beginnt dort, wo amerikanischer Journalismus traditionell anfängt: im Kleinen, bei der Grand Junction Daily Sentinel in Colorado und bei High Country News, einem Blatt über den amerikanischen Westen. Von da führt ihn der Weg über die Atlanta Journal-Constitution und New York Newsday zum Wall Street Journal, wo er 1999 für eine Recherche über das Geld in der Pflegeheimbranche zum ersten Mal Pulitzer-Finalist wird. Ein frühes Buch, Palace Coup (1989), erzählt den Aufstieg und Fall des Hotel-Imperiums von Harry und Leona Helmsley: schon hier die Frage, was Konzerne mit Menschen machen, wenn niemand hinsieht.

Bei der New York Times wird er Kriegsreporter. Er „quält das Pentagon“, wie er selbst sagt, weil es amerikanische und später irakische Soldaten ohne ausreichende Panzerung in den Krieg schickt (Pulitzer-Finalist 2006). Er reist durch den Irak und den Nahen Osten, sitzt Bombenbauern gegenüber, schreibt darüber, wie der Irakkrieg dschihadistischen Anwerbern in aller Welt in die Hände spielt, und landet schließlich in Algerien bei Aufständischen. 2008 tauchen FBI-Agenten in der Redaktion auf und fragen nach ihm. Die Zeitung findet, es sei Zeit, nach Hause zu kommen und „etwas Sichereres“ zu machen.

Der Wendepunkt ist ein Kaffee in der Kantine im 14. Stock. Moss will seiner Redakteurin noch eine Geschichte über US-Waffenexporte verkaufen, als sie ihn fragt: „Was hältst du eigentlich von Erdnüssen?“ Eine Salmonellen-Welle aus einer Erdnussfabrik in Georgia macht Menschen im ganzen Land krank, einige sterben. Kein fernes China, auf das man zeigen könnte, sagt sie, das ist hausgemacht, und es betrifft eine Billionen-Dollar-Industrie, über die wir kaum etwas wissen. Moss geht nach Georgia und findet eine Branche, die die Kontrolle über ihre eigene Lieferkette verloren hat.

Die Spur führt nach Minneapolis, zu einem Fundus interner Dokumente, und zu Stephanie Smith: eine 22-jährige Tanzlehrerin, die bei ihrer Mutter einen Hamburger isst und Wochen später aus dem Koma erwacht, von der Hüfte abwärts gelähmt. Moss rekonstruiert, wie das Fleisch entstand, aus Schlachthofresten verschiedener Lieferanten, verarbeitet von Cargill, in einem System, das bewusst nicht wissen wollte, woher sein Fleisch kam, weil Rückverfolgung teure Rückrufe ausgelöst hätte. Für diese Reportage erhält er 2010 den Pulitzer-Preis.

Dann der zweite Satz, der alles verschiebt. Ein Vertrauter, der für die Fleischindustrie Krankheitserreger testet, sagt ihm beim Abendessen: So tragisch diese Verunreinigungen sind, schau dir an, was meine Industrie absichtlich hinzufügt, mit voller Kontrolle. Er meint Salz. Moss denkt weiter an Zucker und an Fett. Vier Jahre Recherche folgen, er bekommt Zugang zu Laboren von Kellogg, zu ehemaligen Spitzenmanagern von Coca-Cola, Kraft und Philip Morris. Im Februar 2013 erscheint im New York Times Magazine sein Titelstück „The Extraordinary Science of Addictive Junk Food“, wenige Tage später das Buch Salt Sugar Fat. Es beginnt mit einer Szene aus dem April 1999: Die Chefs der größten US-Lebensmittelkonzerne treffen sich in Minneapolis, ein Kraft-Manager legt ihnen mit 72 Folien die Mitverantwortung für Übergewicht und Diabetes zu Füßen und bittet um Umkehr. Der mächtigste Mann im Raum steht auf und sagt Nein: Man liefere, was die Kunden wollen, und an die Kronjuwelen Salz, Zucker und Fett gehe man nicht, solange die Aktionäre zuschauen.

Seitdem ist Moss der Reporter, den die Branche fürchtet und trotzdem einlädt. Nestlé holt ihn an den Genfersee, damit seine 350 Promovierten hören, was sie falsch gemacht haben. Er unterrichtete als Adjunct Professor an der Columbia Graduate School of Journalism und war Fellow des German Marshall Fund. 2021 legt er mit Hooked nach: Wo Salt Sugar Fat die Werkzeuge der Industrie beschrieb, fragt das zweite Buch, was diese Werkzeuge mit unserem Gehirn und unserem freien Willen machen, und wagt das Wort, das die Industrie am meisten hasst: Sucht.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Hooked: Food, Free Will, and How the Food Giants Exploit Our Addictions2021Fortsetzung von Salt Sugar Fat: Neurobiologie des Verlangens, Essen als Suchtmittel, und wie Konzerne Erinnerung, Gewohnheit und die Geschwindigkeit ausnutzen, mit der Geschmack das Gehirn erreicht. Englisch; eine deutsche Ausgabe ließ sich nicht nachweisen.
Das Salz-Zucker-Fett-Komplott. Wie die Lebensmittelkonzerne uns süchtig machen2014Deutsche Ausgabe (Ludwig Verlag, übersetzt von Elisabeth Schmalen und Katharina Uhlig, 624 Seiten).
Salt Sugar Fat: How the Food Giants Hooked Us2013Das Hauptwerk: drei Zutaten, auf denen eine Billionen-Dollar-Industrie steht. Bliss Point, Mouthfeel, Salz als Maske für Fehlaromen, Marketing als eigentliche Macht. Platz 1 der NYT-Bestsellerliste, James Beard Award 2014.
The Extraordinary Science of Addictive Junk Food2013Titelgeschichte im New York Times Magazine, der Vorabdruck des Buchs: Howard Moskowitz, Lunchables, die Cola-Kriege.
Palace Coup: The Inside Story of Harry and Leona Helmsley1989Frühes Buch über das Hotel-Imperium der Helmsleys und die Kultur hinter einem Steuerskandal.

Weitere Arbeit: die Pulitzer-Recherche über E.-coli-verseuchtes Hackfleisch („The Burger That Shattered Her Life“, NYT 2009) und die Reportagen über fehlende Schutzwesten für US-Soldaten im Irak. Offizielle Website: mossbooks.us.

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Kernthesen

  1. Die Waffe liegt offen auf dem Tisch. Anders als bei Tabak gibt es keinen versteckten Suchtstoff, keine „rauchende Pistole“. Ein ehemaliger Coca-Cola-Präsident sagt es Moss so: Die Waffe ist da, aber sie liegt in aller Öffentlichkeit, sie heißt Salz, Zucker und Fett. Die Kunst liegt in der Dosierung.

  2. Geschmack wird berechnet. Mit Dutzenden Rezeptvarianten, Tausenden Verkostungen und Regressionsanalysen suchen Lebensmitteltechniker wie Howard Moskowitz den Bliss Point: die exakte Süße, bei der wir am meisten mögen. Das Problem ist nicht das süße Eis, sondern Zucker in Brot, Joghurt und Tomatensoße, der Kindern beibringt, überall Süße zu erwarten.

  3. Die Industrie ist abhängiger als wir. Wir können uns Salz in sechs Wochen abgewöhnen. Die Konzerne nicht: Salz konserviert, kostet zehn Cent das Pfund und überdeckt Fehlaromen der Verarbeitung (in Kelloggs Labor schmecken salzlose Cornflakes nach Metall). Fett wirkt über das Mundgefühl und schleicht sich am Sättigungssignal vorbei, besonders in Kombination mit Zucker.

  4. Kein Reich des Bösen, sondern ein Zwang des Systems. Moss beschreibt keine Verschwörung, die Menschen krank machen will. Die Konzerne tun, was Konzerne tun: so viel wie möglich verkaufen, billig, bequem, unwiderstehlich. Bremsen will der Aktienmarkt, nicht der Kunde, und jeder Versuch, Rezepturen gesünder zu machen, scheitert an den Quartalszahlen.

  5. Die Werkzeuge lassen sich umdrehen. Wer weiß, was im Supermarkt auf ihn zielt, gewinnt Freiheit zurück. Und dieselbe Marketing-Kunst, die Lunchables und Cola groß gemacht hat, kann Gemüse verkaufen: Moss ließ eine Werbeagentur eine Kampagne für Brokkoli entwerfen, und ehemalige Manager von Coca-Cola, Kraft und Kellogg verkaufen heute Babykarotten oder Salate aus dem Automaten. „Es geht nicht darum, auf Verarbeitung zu verzichten, sondern darum, dass wir die verarbeiteten Lebensmittel kontrollieren, nicht sie uns.“

Politische Einordnung

Moss ist kein Aktivist und kein Ernährungsmissionar. Er versteht sich als fairer Investigativreporter, der die Gegenseite anhört, und genau deshalb öffnen ihm die Konzerne die Türen. Sein Ton ist empathisch gegenüber den Menschen in der Industrie, deren Lebenswerk er seziert. Viele seiner Protagonisten bereuen inzwischen, was sie gebaut haben, und er erzählt das ohne Häme. Politisch bewegt er sich auf der Linie der amerikanischen Food-Reform-Bewegung (Michael Pollan, Marion Nestle), aber deutlich marktfreundlicher: Am liebsten wäre ihm, dass die Unternehmen selbst mit gesünderen Produkten Geld verdienen. Bei einer Zuckersteuer hat er seine Meinung geändert. Lange hielt er sie für eine Belastung der Armen, inzwischen ist er dafür offen.

Kritik — die andere Seite:

Verbindungen zu anderen Denkern

→ Chris van Tulleken

Die nächste Generation derselben Frage: Wo Moss Salz, Zucker und Fett als Kronjuwelen beschreibt, sucht der Londoner Arzt die Ursache in der Verarbeitung selbst und in der Finanzialisierung der Konzerne.

→ Wolfram Schultz

Moskowitz' Glückspunkt ist angewandte Belohnungsforschung, und Schultz erklärt, warum ein in der Knappheit entstandenes System auf berechnete Süße so zuverlässig anspringt.

→ Tobias Rüther

Rüthers Befund, dass das Gehirn die Grenze zwischen legal und illegal nicht kennt, ist die Brücke zu Moss' später, über Nora Volkow gewonnener Einsicht, dass manche Lebensmittel für viele so süchtig machen wie Drogen.

→ Jonathan Haidt

Haidt beschreibt, wie Plattformen die Kindheit umbauen; Moss hat dieselbe Bewegung früher an Cola und Lunchables recherchiert, die gezielt „die Biologie des Kindes" nutzten.

→ Gabriel Yoran

Beide finden in der Konsumwelt keine Schurken, nur Produkte, die dem Hersteller besser dienen als dem Käufer, und Aktionäre, die genau das verlangen.

→ Philipp Blom

Bloms Beobachtung, dass Menschen sich an Verordnetes wie das Rauchverbot gewöhnen und es dann verteidigen, stützt Moss' späte Wende zur Zuckersteuer.

→ Jutta Roosen

Die Konsumökonomin vermisst, was ein Staat gegen die Kronjuwelen der Industrie ausrichten kann — und gibt Moss' Wende zur Zuckersteuer die Zahlen.

Cortex-Notes

Im Bestand

Michael MossSalz, Zucker, FettChris van TullekenDenkerVitaJutta RoosenDenkerVitaWolfram SchultzDenkerVitaTobias RütherDenkerVitaJonathan HaidtDenkerVitaGabriel YoranDenkerVitaPhilipp BlomDenkerVita

acht gedachte Verweise

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