GedankenraumChristian Wiese — DenkerVita
Ein evangelischer Theologe, der jüdisches Denken von innen liest: Christian Wiese erforscht Buber, Jonas und das schwierige Gespräch zwischen Juden und Christen nach der Shoah.
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Ludwig Meidner — nervöse Tusche mit Sepia auf getöntem Papier. Meidner, jüdischer Expressionist, kehrte aus dem Exil nach Hessen zurück und zeichnete dort bis zuletzt. Das Bild zeigt Wieses Arbeit: ein Gelehrtentisch voller Bücher und Briefe, eine Öllampe, und durchs Fenster ein hessisches Fachwerkdorf mit einer kleinen Synagoge — das Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen, das an seiner Professur entsteht.
Prompt: A wide banner drawing in the style of Ludwig Meidner's ink drawings, expressive black ink and wash with touches of sepia on toned paper, nervous energetic lines. A quiet scholar's desk under a window piled with old books and letters, an oil lamp; through the window a small Hessian village with timber-framed houses and a modest synagogue with a round window, a river and hills beyond. Slanting evening light. No legible text, no signature, no realistic face, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Prof. Dr. Christian Wiese (1961, Bonn) — Inhaber der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt (seit 2010) und seit 2021 Direktor des Buber-Rosenzweig-Instituts für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und Gegenwart.
Ein evangelischer Theologe, der den Weg ins Pfarramt bis zum Zweiten Examen gegangen ist und dann die andere Seite des Tisches gewählt hat: das jüdische Denken der Neuzeit, gelesen mit dem Wissen darum, wie die eigene Kirche es jahrhundertelang missverstanden hat. Studium in Tübingen, Bonn, Jerusalem und Heidelberg, Promotion in Frankfurt, Stationen in Essen, Erfurt, Montreal, Dartmouth, Dublin und Sussex.
Wichtigste Werke: Wissenschaft des Judentums und protestantische Theologie im wilhelminischen Deutschland. Ein »Schrei ins Leere«? (1999), Hans Jonas – »Zusammen Philosoph und Jude« (2003), The Life and Thought of Hans Jonas (2007); Herausgeber von Martin Bubers Schriften zur biblischen Religion (Werkausgabe Bd. 13, 2019) Kernthemen: jüdische Religionsphilosophie der Moderne · Hans Jonas · Martin Buber · Antisemitismusforschung · jüdisch-christlicher Dialog · Denken nach der Shoah
Biografie
Vom Vikariat zur Judaistik (1980er–1997): Christian Wiese wird am 28. Oktober 1961 in Bonn geboren und studiert evangelische Theologie in Tübingen, Bonn, Jerusalem und Heidelberg. Nach dem Ersten Theologischen Examen 1989 hängt er ein Aufbaustudium der Judaistik an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg an (1990–1992). Parallel zur Doktorarbeit absolviert er das Vikariat in Bonn-Beuel und Oberkassel und legt das Zweite Theologische Examen bei der Evangelischen Kirche im Rheinland ab. 1997 promoviert er in Frankfurt — über die Frage, warum jüdische Gelehrte im Kaiserreich das Gespräch mit der protestantischen Theologie suchten und dabei fast immer ins Leere riefen.
Wanderjahre (1997–2010): Statt einer Pfarrstelle folgt die Forschung: zunächst am Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte in Essen, ab 1999 als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Judaistik der Universität Erfurt. Gastprofessuren führen ihn 2003 an die McGill University in Montreal, 2004 ans Dartmouth College in New Hampshire und 2005 ans Trinity College Dublin. 2006 habilitiert er sich in Erfurt für Religionswissenschaft und Judaistik. Von 2007 bis 2010 leitet er das Centre for German-Jewish Studies an der University of Sussex und lehrt dort jüdische Geschichte.
Frankfurt (seit 2010): Im Oktober 2010 übernimmt Wiese die Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Goethe-Universität, am Fachbereich Evangelische Theologie. 2021 wird das Buber-Rosenzweig-Institut gegründet, das er seither leitet; die Universität nannte ihn bei diesem Anlass „einen der weltweit führenden Gelehrten des modernen deutsch-jüdischen Denkens". Frankfurt ist dabei nicht nur Arbeitsort, sondern Gegenstand: Die Reihe Kontexte zur jüdischen Geschichte Hessens und das Projekt Zerbrechliche Nachbarschaft. Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen (2022–2026, gemeinsam mit Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden und Gury Schneider-Ludorff von der Augustana-Hochschule) rekonstruieren die Geschichte von rund 400 jüdischen Gemeinden, die es um 1930 in Hessen gab — teils bis zur digitalen 3D-Rekonstruktion zerstörter Synagogen mit der TU Darmstadt.
Mit dem Frankfurter Haus am Dom und dessen Direktor Joachim Valentin verbindet ihn eine lange Zusammenarbeit — sichtbar in der Philosophischen Soirée über Buber und Levinas (2021) und im gemeinsam herausgegebenen Kompendium Jüdisch-christlicher Dialog (2024).
Bücher & Publikationen
Monographien
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Wissenschaft des Judentums und protestantische Theologie im wilhelminischen Deutschland. Ein »Schrei ins Leere«? | 1999 | Die Dissertation: wie jüdische Gelehrte um 1900 gegen das Zerrbild des Judentums in der protestantischen Theologie anschrieben — und kaum gehört wurden. Englisch erweitert als Challenging Colonial Discourse (Brill, 2005). |
| Hans Jonas – »Zusammen Philosoph und Jude« | 2003 | Essay über die jüdischen Wurzeln im Denken des Verantwortungsethikers. Stark erweitert als The Life and Thought of Hans Jonas. Jewish Dimensions (2007). |
Editionen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Hans Jonas: Gnosis. Die Botschaft des fremden Gottes | 1999 | Jonas' Gnosis-Studien, mit Einleitung von Wiese. |
| Hans Jonas: Erinnerungen | 2003 | Jonas' Lebenserinnerungen nach Gesprächen mit Rachel Salamander, herausgegeben und mit Epilog; übersetzt ins Italienische, Französische, Spanische und Japanische. |
| Friedrich Georg Friedmann: Heimkehr ins Exil | 2001 | Jüdische Existenz in der Begegnung mit dem Christentum, mit Epilog von Wiese. |
| Martin Buber: Schriften zur biblischen Religion (Werkausgabe Bd. 13) | 2019 | Zwei Teilbände, 1352 Seiten; Wieses Epilog „Biblischer Humanismus in dunkler Zeit" liest Bubers Bibelkommentare vor dem Hintergrund von Bibelkritik und Antisemitismus. |
| Joseph Klausner: Jesus von Nazareth | 2021 | Das hebräische Leben Jesu aus Jerusalem (1922), neu herausgegeben mit einem ausführlichen Nachwort. |
Herausgeberschaften (Auswahl)
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Weiterwohnlichkeit der Welt. Zur Aktualität von Hans Jonas | 2003 | Mit Eric Jacobson. |
| The Legacy of Hans Jonas: Judaism and the Phenomenon of Life | 2008 | Mit Hava Tirosh-Samuelson; Standardwerk der Jonas-Forschung. |
| Years of Persecution, Years of Extermination. Saul Friedländer and the Future of Holocaust Studies | 2010 | Mit Paul Betts. |
| Die Zukunft der Erinnerung | 2021 | Perspektiven des Gedenkens an die NS-Verbrechen und die Shoah (Kontexte zur jüdischen Geschichte Hessens, Bd. 1). |
| Das jüdische Frankfurt. Von der Emanzipation bis 1933 | 2023 | Bd. 2 der Hessen-Reihe; Bd. 3 führt von der NS-Zeit bis zur Gegenwart. |
| Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium | 2024 | Mit Joachim Valentin und Doron Kiesel; darin Wieses großer Beitrag „Im Schatten der Gottesfinsternis: Sprachversuche jüdischer Religionsphilosophie nach Auschwitz". |
Zu Robert Weltsch, dem Prager Zionisten und Herausgeber der Jüdischen Rundschau, und zum Reformrabbiner David Einhorn hat Wiese vor allem Aufsätze veröffentlicht (u.a. „Resisting the Demonic Forces of Nationalism" über Weltschs Antwort auf die Pogromnacht; „‚Priestervolk' einer universalen Vernunftreligion" über Einhorn, 2019). Eine intellektuelle Biographie Einhorns und eine Edition der Korrespondenz zwischen Buber, Hans Kohn, Weltsch und Shmuel Hugo Bergman sind als Vorhaben genannt.
→ Alle Titel bei Genialokal → Vollständige Publikationsliste (Goethe-Universität)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Philosophische Soirée: Ich, Du und der Andere – Buber und Levinas im Gespräch — Haus am Dom, 22.06.2021, mit Joachim Valentin. Wiese über Bubers dialogisches Prinzip, das „echte Gespräch" zwischen den Religionen und die „Gottesfinsternis" nach Auschwitz (YouTube, ca. 1:53 h)
- Die Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig — Haus am Dom, 03.12.2025: Lesung und Gespräch zu hundert Jahren Die Schrift und der Debatte, die sie auslöste (YouTube, ca. 2 h)
- Spiritual Resistance from the Sources of Judaism — Vortrag an der Israelischen Nationalbibliothek (2020, englisch) über Leo Baeck als Gelehrter und Repräsentant des deutschen Judentums in Weimarer Republik und NS-Zeit
- Hans Jonas and the Jewish Mysticism — Ben-Gurion-Universität (2013, englisch): Gnosis, Nihilismuskritik und jüdische Mystik in Jonas' Denken nach dem Holocaust
- Symposium „Das jüdische Frankfurt" — Livestream der Konferenz vom 11.10.2021, Kanal der Martin-Buber-Professur (mehrstündige Aufzeichnung)
Kernthesen
- Der Dialog, der keiner war. Die Wissenschaft des Judentums hat im Kaiserreich um Anerkennung durch die protestantische Theologie gerungen — und traf auf eine Theologie, die das Judentum als überwundene Vorstufe des Christentums beschrieb und den jüdischen Gelehrten kaum zuhörte. Wiese liest diese Konstellation als eine Art kolonialen Diskurs: Die Mehrheit definiert die Minderheit, und deren Einspruch wird zum „Schrei ins Leere".
- Dialog mit Differenz, nicht Verschmelzung. Ein echtes Gespräch zwischen Judentum und Christentum setzt nicht voraus, dass die Unterschiede verschwinden. Wiese spricht von einer „historisch fundierten, theologisch achtsamen Dialogizität": Die Geschichte der christlichen Judenfeindschaft gehört auf den Tisch, und die bleibende Differenz darf als legitim anerkannt werden. In der Soirée zeigt er das an Buber, der auch dort noch dialogisch blieb, wo sein christliches Gegenüber ihm das Heil absprach.
- Jonas' Ethik hat jüdische Wurzeln. Hans Jonas' Prinzip Verantwortung und sein Gottesbegriff nach Auschwitz lassen sich nur verstehen, wenn man den Philosophen und den Juden zusammen liest: die frühen Gnosis-Studien, die Kritik am weltverachtenden Nihilismus, die Erfahrung der Vernichtung, in der Jonas' Mutter ermordet wurde. Verantwortung für die Welt wird bei Jonas auch zu einer Verantwortung für das Göttliche.
- Denken im Schatten der Gottesfinsternis. Jüdische Religionsphilosophie nach der Shoah ist für Wiese eine Folge von „Sprachversuchen" an der Grenze des Sagbaren. Bubers Wort von der „Gottesfinsternis" deutet er so, dass die Dialoglosigkeit vom Menschen ausgeht, von seiner Grausamkeit und Verantwortungslosigkeit — und dass der Weg zurück ins Gespräch nur vom Menschen her beginnen kann, ohne das Leiden am Schweigen Gottes wegzuerklären.
- Antisemitismus hat eine theologische Vorgeschichte. Der moderne Antisemitismus ist nicht einfach vom christlichen Antijudaismus getrennt. Wiese verfolgt diese Linien bis in Debatten der Gegenwart, etwa über Israelkritik und antizionistischen Antisemitismus in der evangelischen Kirche. Zugleich erinnert er an jüdische Stimmen wie Hans Kohn, Robert Weltsch und Hannah Arendt, die einen „nicht-nationalistischen" Zionismus dachten und vor den „dämonischen Kräften" des Nationalismus warnten.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Martin Buber — DenkerVita — Namensgeber seiner Professur; Wiese gibt in der Werkausgabe Bubers Schriften zur biblischen Religion heraus.
- Emmanuel Levinas — DenkerVita — Bubers Kritiker; Wiese nimmt dessen Einwand zum Leiden des Anderen am ernstesten.
- Joachim Valentin — DenkerVita — Partner der Soirée und Mitherausgeber des Kompendiums Jüdisch-christlicher Dialog (2024).
Cortex-Notes
Im Bestand
vier gedachte Verweise