Gedankenraum
DenkerVita·22. September 2026

Martin Buber — DenkerVita

Martin Buber, der Philosoph der Begegnung: Der Mensch wird am Du zum Ich, und alles wirkliche Leben beginnt dort, wo einer den anderen nicht mehr benutzt.

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Ephraim Moses Lilien — Jugendstil-Tusche auf Crème, ornamentale Ranken, gedämpftes Gold. Lilien war Bubers Zeitgenosse und Weggefährte, der Zeichner der frühen jüdischen Renaissance, für die Buber schrieb. Das Bild zeigt die berühmteste Seite aus Ich und Du: den Baum, dem man so begegnen kann, dass er Gegenüber wird — ein alter Gelehrter, die Hand am Stamm, als hörte er zu. Dahinter eine Hügelstadt mit Zypressen, Jerusalem, wo er starb.

Prompt: Jugendstil black ink illustration in the style of Ephraim Moses Lilien on cream paper, fine flowing lines, ornamental floral border, accents of muted gold. An old Jewish scholar with a long full white beard, a dark broad-brimmed hat and a long dark coat stands beneath a great spreading tree, one palm resting on the trunk, head tilted as if listening. At his feet an open book. In the far distance a small hill town of flat-roofed stone houses and cypresses. No legible text, no signature, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Martin Mordechai Buber (8. Februar 1878, Wien – †13. Juni 1965, Jerusalem) — österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph, Übersetzer, Erzähler des Chassidismus, Zionist und einer der beharrlichsten Mahner zur jüdisch-arabischen Verständigung. Aufgewachsen beim Großvater in Lemberg, 1916–1938 in Heppenheim an der Bergstraße, Lehrbeauftragter und Honorarprofessor in Frankfurt am Main, ab 1938 Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Der Philosoph des Zwischen: Was einen Menschen ausmacht, liegt für ihn in dem, was zwischen zweien geschieht, wenn der eine den anderen wirklich meint. Aus einem schmalen Buch von 1923 ist eine Denkweise geworden, die Pädagogik, Psychotherapie, Theologie und den christlich-jüdischen Dialog bis heute prägt.

Wichtigste Werke: Die Legende des Baalschem (1908), Ich und Du (1923), Die Schrift (mit Franz Rosenzweig, 1925–1961), Zwiesprache (1932), Die Frage an den Einzelnen (1936), Die Erzählungen der Chassidim (1949), Pfade in Utopia (1950), Zwei Glaubensweisen (1950), Gottesfinsternis (1953)

Kernkonzepte: die Grundworte Ich-Du und Ich-Es · Begegnung · das Zwischen · echtes Gespräch und dialogisch verkleideter Monolog · das ewige Du · Gottesfinsternis · Emuna gegen Pistis · Binationalismus

Auszeichnungen u. a.: Hansischer Goethe-Preis (1951), Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1953), Israel-Preis (1958), Erasmuspreis (1963); zehnmal für den Literatur-, siebenmal für den Friedensnobelpreis nominiert


Biografie

Wien 1878, Lemberg 1882 — das Wort „Vergegnung"

Die Eltern, der Unternehmer Carl Buber und die aus Odessa stammende Schauspielerin Elise Buber, trennen sich 1881. Die Mutter verschwindet ohne Abschied nach Russland und gründet dort eine neue Familie; niemand erklärt dem Kind, was geschehen ist. Mit knapp vier Jahren kommt Martin zu den Großeltern väterlicherseits nach Lemberg in Galizien. In seinen autobiographischen Fragmenten erzählt er eine Szene aus dieser Zeit: Er steht mit einem älteren Mädchen auf dem Balkon des Hauses, und sie sagt ihm, die Mutter komme nie zurück. Er sieht sie ein einziges Mal wieder, als erwachsener Mann, und prägt dafür ein Wort, das sein Denken wie ein Negativ begleitet: Vergegnung — die verfehlte Begegnung.

Der Großvater Salomon Buber ist Privatgelehrter, einer der großen Herausgeber der Midrasch-Literatur; mit ihm spricht der Junge Jiddisch. Die Großmutter Adele hat sich das Deutsche selbst angelesen und schreibt es oft in hebräischen Buchstaben. Dazu kommt das polnischsprachige Franz-Joseph-Gymnasium. Buber wächst also zwischen mehreren Sprachen auf und wird später auf Deutsch, Hebräisch, Englisch, Französisch und Polnisch schreiben; der Großmutter und ihrem Verhältnis zur Sprache schreibt er zu, ihn tief geprägt zu haben. In den Sommern beim Vater erlebt er in Sadagora zum ersten Mal einen chassidischen Hof, den Rebbe unter seinen Leuten — ein Bild, das er Jahrzehnte später wieder hervorholt.

Als Halbwüchsiger gerät er in eine Denkkrise über die Unendlichkeit der Zeit, aus der ihn Kants Prolegomena befreien. Bald darauf erfasst ihn Nietzsches Zarathustra, gegen den er sich erst langsam wieder freischreiben muss.

Studium, Herzl, Paula

Ab 1896 studiert er in Wien, Leipzig, Zürich und Berlin, Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik, Nationalökonomie und Psychiatrie, unter anderem bei Wilhelm Dilthey und Georg Simmel. Promoviert wird er in Wien mit einer Arbeit über das Individuationsproblem bei Nikolaus von Kues und Jakob Böhme — die Frage, wie das Einzelne im Ganzen bestehen kann, steht also schon am Anfang.

1899 lernt er in Zürich die katholische Schriftstellerin Paula Winkler kennen. Sie konvertiert zum Judentum, 1907 heiraten sie; die Kinder Rafael und Eva sind da schon geboren. Paula schreibt unter dem Pseudonym Georg Munk und arbeitet an seinen Büchern mit, bis zu ihrem Tod 1958.

Zur selben Zeit findet er zum Zionismus. Theodor Herzl überträgt ihm 1901 die Redaktion des Parteiorgans Die Welt, doch der Bruch folgt rasch: Buber und sein Kreis um Chaim Weizmann wollen zuerst eine Erneuerung jüdischer Kultur, Sprache und Gemeinschaft; der Judenstaat als diplomatisches Projekt ist ihnen zu wenig. 1902 gründet er den Jüdischen Verlag mit.

Der Rückzug in den Chassidismus

Um 1904 zieht er sich für einige Jahre aus der Parteiarbeit zurück und liest, was die Großvaterwelt ihm hinterlassen hat: die Überlieferungen der chassidischen Bewegung Osteuropas. Daraus entstehen Die Geschichten des Rabbi Nachman (1906) und Die Legende des Baalschem (1908) — freie Nacherzählungen, keine wissenschaftlichen Editionen, mit denen er einem westlichen, assimilierten Publikum eine fast vergessene Frömmigkeit nahebringt. In dieser Zeit ist er noch Mystiker im Sinn der Versenkung; im Lauf des Ersten Weltkriegs wendet er sich davon ab. Ein Glaube, der sich aus der Welt zurückzieht, wird ihm verdächtig. Was ihn am Chassidismus jetzt interessiert, ist die Heiligung des Alltags, der Umgang mit Menschen und Dingen.

Berlin, der Krieg, Gustav Landauer

Von 1907 bis 1916 lebt die Familie in Berlin-Zehlendorf. Buber gibt bei Rütten & Loening die Reihe Die Gesellschaft heraus, vierzig sozialpsychologische Monographien, und gründet 1908 mit Gustav Landauer und Erich Mühsam den Sozialistischen Bund. Den Kriegsausbruch 1914 begrüßt er zunächst als Gemeinschaftserlebnis — und Landauer, der Freund, hält ihm das in einem harten Brief vor. Die Kritik sitzt; der Krieg selbst tut das Übrige. Als Landauer im Mai 1919 in München von Freikorpssoldaten ermordet wird, verliert Buber den wichtigsten Gesprächspartner seiner Berliner Jahre. Er gibt später dessen Briefe heraus, und sein Buch Pfade in Utopia (1950) ist zu großen Teilen ein spätes Gespräch mit ihm.

1916 gründet er mit dem Verleger Salman Schocken die Monatsschrift Der Jude, die er bis 1928 herausgibt, und zieht nach Heppenheim an der Bergstraße.

Heppenheim und Frankfurt — Ich und Du

Im Haus in Heppenheim entsteht das Buch, das ihn berühmt macht. Vorbereitet wird es 1922 in der Vorlesungsreihe Religion als Gegenwart am Freien Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt, das Franz Rosenzweig leitet. 1923 erscheint Ich und Du, kaum 150 Seiten in drei Teilen: der erste über die Beziehung zwischen Menschen, der zweite über die Gesellschaft, der dritte über Gott. Rosenzweig ist sein genauester Leser und sein schärfster. Als er im September 1922 die ersten Fahnen bekommt, schreibt er zurück: „Sie geben dem Ich-Du im Ich-Es einen Krüppel zum Gegner. Daß dieser Krüppel die moderne Welt regiert, ändert nichts daran, daß es ein Krüppel ist." Das Es, gegen das Buber anschreibe, sei das falsche Es, ein Produkt des neuzeitlichen Denkens, „in Europa keine 300 Jahre alt".

Die Zwanziger sind Bubers dichteste Jahre. Von 1924 bis 1933 lehrt er an der Frankfurter Universität jüdische Religionslehre und Ethik, zuletzt als Honorarprofessor. 1925 beginnt er, angeregt durch den Verleger Lambert Schneider, mit Rosenzweig die Hebräische Bibel neu zu übertragen: Die Schrift, so nah am hebräischen Wortlaut, dass das Deutsche fremd klingt — die Bibel als gesprochenes Wort, nicht als Lesestoff. Rosenzweig, bereits schwer gelähmt, stirbt 1929; Buber setzt die Arbeit allein fort und vollendet sie im Februar 1961 in Jerusalem. Bei der kleinen Feier in seiner Wohnung hält Gershom Scholem die Rede und stellt die Frage, die über dem ganzen Werk liegt: Die deutschen Juden, für die es gedacht war, gibt es nicht mehr. Von 1926 bis 1930 gibt er mit dem katholischen Theologen Joseph Wittig und dem protestantischen Arzt Viktor von Weizsäcker die Zeitschrift Die Kreatur heraus, ein Experiment an sich: drei Konfessionen, die gemeinsam von der „Sorge um die Kreatur" sprechen, ohne einander bekehren zu wollen. Zu Pfingsten 1928 treffen sich religiöse Sozialisten in Heppenheim zu einer Tagung, deren Protokolle später unter dem Titel Sozialismus aus dem Glauben erscheinen; Buber ist dabei, und seine Drei Sätze eines religiösen Sozialisten stammen aus demselben Jahr.

Nach Ich und Du bricht das dialogische Denken nicht ab, es wird konkreter: Zwiesprache (1932) beschreibt an Beispielen, wie ein dialogisches Leben aussieht, Die Frage an den Einzelnen (1936) setzt sich mit Kierkegaards Einzelnem und mit dem Kollektivismus der Zeit auseinander, Elemente des Zwischenmenschlichen (1954) fragt, was ein echtes Gespräch voraussetzt.

1933 bis 1938 — „Rüstung zum Dasein"

Am 14. Januar 1933, zwei Wochen vor Hitlers Machtübernahme, führt Buber im Jüdischen Lehrhaus in Stuttgart ein öffentliches Zwiegespräch mit dem Bonner Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt. Schmidt vertritt die überlieferte Lehre, nach der das Heil Israels nur in der Bekehrung zur Kirche liegen kann; Buber antwortet, ohne den Gegensatz zu verwischen. Er erzählt, wie er zwischen dem Wormser Dom und dem jüdischen Friedhof gestanden und erfahren habe, dass Israel nicht aufgekündigt worden ist. Das Judentum kenne Israel von innen, das Christentum von außen; diese Differenz lasse sich nicht auflösen, wohl aber gemeinsam aushalten. Das Gespräch ist nach dem Stenogramm vollständig erhalten und gilt als Muster dessen, was er unter interreligiöser Zwiesprache versteht.

Nach dem Januar legt er seine Frankfurter Professur nieder, bevor man sie ihm aberkennen kann, und baut stattdessen die Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung auf. Die Losung, die er ihr gibt, heißt Rüstung zum Dasein: den deutschen Juden, deren Welt gerade zerbricht, einen Halt in ihrer eigenen Überlieferung geben. Im Februar 1935 verbietet ihm die Gestapo jedes öffentliche Auftreten, im selben Jahr wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Im März 1938 wandert er mit Paula nach Jerusalem aus — er selbst sprach von Einwanderung, nicht von Flucht. Im November desselben Jahres verwüsten Heppenheimer Nationalsozialisten das leere Haus.

Jerusalem 1938–1965

An der Hebräischen Universität lehrt er bis 1951 Sozialphilosophie, Anthropologie und Soziologie. Die ersten Jahre wohnt die Familie in Talbiya zur Miete in einem Haus, das der Familie des späteren Literaturwissenschaftlers Edward Said gehörte. Kurz nach der Ankunft antwortet er öffentlich auf einen Artikel Mahatma Gandhis, der den Juden in Deutschland gewaltlosen Widerstand empfohlen und Palästina den Arabern zugesprochen hatte: Gandhi wisse nicht, was in den Konzentrationslagern geschehe, und Palästina gehöre beiden Völkern, die geschichtlich mit ihm verbunden sind.

1942 gründet er mit Judah L. Magnes, Ernst Simon und anderen die Vereinigung Ihud (Einheit), die einen binationalen Staat mit gleichen Rechten für Juden und Araber anstrebt. Der Krieg von 1948 macht das Programm zur Minderheitenposition, Buber bleibt trotzdem dabei, als Kritiker innerhalb des neuen Staates. 1951 reist er zum ersten Mal in die USA und spricht in New York über den Dialog zwischen Himmel und Erde; aus Vorträgen an amerikanischen Universitäten entsteht Gottesfinsternis. 1957 führt er an der University of Michigan ein öffentliches Gespräch mit dem Psychotherapeuten Carl Rogers, das bis heute in der Gesprächspsychotherapie gelesen wird.

1953 nimmt er in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an. In Israel ist das umstritten; in Deutschland wird es als Geste gelesen. Seine Rede Das echte Gespräch und die Möglichkeiten des Friedens handelt vom Kalten Krieg und von der Gesprächslosigkeit zwischen den Mächten: Die Krise des Menschen sei eine Krise des Vertrauens. Nach Heppenheim kehren weder er noch Paula je zurück. 1955 gehört er mit Hannah Arendt und Gershom Scholem zu den Gründern des Leo Baeck Instituts, Im Dezember 1959 verkündet er die Gründung der Israelischen Akademie der Wissenschaften und Geisteswissenschaften und wird 1960 ihr erster Präsident.

Paula stirbt 1958 in Venedig, auf der Rückreise von einer gemeinsamen Reise durch die USA und Europa. 1962 bittet Buber Ben-Gurion in einem zweistündigen Gespräch in seinem Haus und schriftlich auch den Staatspräsidenten Ben-Zvi, das Todesurteil gegen Adolf Eichmann nicht zu vollstrecken; die Todesstrafe sei als solche falsch. Er dringt nicht durch. Martin Buber stirbt am 13. Juni 1965 in Jerusalem, 87 Jahre alt.

Die Kritik von Levinas

Unter den Einwänden gegen Ich und Du hat einer besonderes Gewicht. Emmanuel Levinas, litauisch-französischer Philosoph, der die Schoah als Kriegsgefangener überlebte, während seine Familie in Litauen ermordet wurde, schreibt für den großen Sammelband über Buber (Philosophen des 20. Jahrhunderts, 1963) den Beitrag Martin Buber und die Erkenntnistheorie, und Buber antwortet darauf. Der Streitpunkt ist die Gegenseitigkeit. Bei Buber begegnen Ich und Du einander auf Augenhöhe: „Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke." Levinas setzt dagegen eine Asymmetrie, die sich durch keinen Vermittlungsversuch ausgleichen lässt: Der Andere tritt mir von oben entgegen, mit einem Anspruch, der jeder Gegenseitigkeit vorausgeht, und ich bin für ihn verantwortlich, ohne etwas zurückzuerwarten. Von einer solchen vorgängigen Verantwortung ist bei Buber höchstens am Rand die Rede. Dass man diese Asymmetrie auch mit guten Gründen ablehnen kann, gehört zur Fairness des Streits — es ist ein Gespräch, das zwischen den beiden nie ganz stattgefunden hat und das die Philosophische Soirée im Haus am Dom 2021 zu rekonstruieren versucht. → Emmanuel Levinas — DenkerVita


Bücher & Publikationen

Deutsche Originalausgaben, chronologisch.

TitelJahrBeschreibung
Die Geschichten des Rabbi Nachman1906Nacherzählte Geschichten des Urenkels des Baalschem — Bubers erster Versuch, den Chassidismus einem westlichen Publikum zu erzählen.
Die Legende des Baalschem1908Legenden um Israel ben Elieser, den Gründer des Chassidismus. Später von Buber selbst überarbeitet, weil ihm der frühe Ton zu ästhetisch geworden war.
Drei Reden über das Judentum1911Die Prager Reden vor dem Studentenverein Bar Kochba, die eine ganze Generation junger Zionisten prägten, darunter Hugo Bergmann.
Ich und Du1923Das Hauptwerk. Zwei Grundworte, Ich-Du und Ich-Es, drei Sphären der Beziehung (Natur, Menschen, geistige Wesenheiten) und das ewige Du. Poetisch, dicht, oft zitiert, seltener ganz gelesen.
Die Schrift (mit Franz Rosenzweig)1925–1961Die Verdeutschung der Hebräischen Bibel, die den Rhythmus und die Wortwurzeln des Urtexts ins Deutsche hinüberholt. Gilt neben Mendelssohns Tora-Übertragung als bedeutendste jüdische Bibel in deutscher Sprache.
Zwiesprache1932Das anschaulichste der dialogischen Bücher: echtes Gespräch, technisches Gespräch und dialogisch verkleideter Monolog, erzählt an Szenen aus dem eigenen Leben.
Die Frage an den Einzelnen1936Auseinandersetzung mit Kierkegaard und mit dem Kollektivismus der Diktaturen: Der Einzelne bewährt sich in der Verantwortung, die er in der Welt übernimmt, und nicht im Rückzug aus ihr.
Das Problem des Menschen1948 (hebr. 1942)Die Jerusalemer Vorlesungen zur philosophischen Anthropologie, von Aristoteles bis Heidegger — mit der These, dass der Mensch vom Zwischen her zu verstehen ist.
Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre1948Sechs kurze Kapitel über Selbstbesinnung, Umkehr und die Frage „Wo bist du?". Der zugänglichste Einstieg in Bubers Chassidismus.
Die Erzählungen der Chassidim1949Die große Sammlung, geordnet nach Meistern und Generationen. Das Buch, durch das die meisten Leser den Chassidismus kennen.
Gog und Magog1949 (hebr. 1943)Bubers einziger Roman: eine chassidische Chronik aus der Zeit der napoleonischen Kriege über den Streit, ob man das Ende herbeizwingen darf.
Pfade in Utopia1950Über Gemeinschaft und ihre Verwirklichung: der utopische Sozialismus von Proudhon bis Landauer gegen den zentralistischen Marxismus, und der Kibbuz als Versuch, der nicht gescheitert ist.
Zwei Glaubensweisen1950Jüdische Emuna (Vertrauen) gegen christliche Pistis (Fürwahrhalten eines Satzes). Streitbar, von christlichen Theologen oft zurückgewiesen, und doch ein Meilenstein des Religionsgesprächs.
Gottesfinsternis1953 (engl. 1952)Betrachtungen zum Verhältnis von Religion und Philosophie. Gott ist nicht tot, er ist verdunkelt — etwas hat sich zwischen Mensch und Gott geschoben wie der Mond vor die Sonne.
Das echte Gespräch und die Möglichkeiten des Friedens1953Die Rede zum Friedenspreis in der Paulskirche, mitten im Kalten Krieg.
Elemente des Zwischenmenschlichen1954 (zuerst im Merkur)Sein und Scheinen, Personwerdung, Vergegenwärtigung des anderen: die späte Präzisierung dessen, was ein echtes Gespräch voraussetzt.
Das dialogische PrinzipSammelbandIch und Du, Zwiesprache, Die Frage an den Einzelnen, Elemente des Zwischenmenschlichen und ein Nachwort — der beste Einzelband, wenn man nur einen kauft.
Begegnung. Autobiographische Fragmente1961Kurze Erinnerungsstücke: die Mutter, die Großmutter, das Pferd auf dem Gut der Großeltern, Sadagora, der Besuch eines jungen Mannes, dem er nicht wirklich zuhörte.
Ein Land und zwei Völkerhrsg. 1983, dt. 1993Bubers Schriften zur jüdisch-arabischen Frage, herausgegeben von Paul Mendes-Flohr.

Biographien und Einführungen: Paul Mendes-Flohr, Martin Buber. Ein Leben im Dialog (Jüdischer Verlag 2022) — die maßgebliche neuere Biographie · Dominique Bourel, Martin Buber. Was es heißt, ein Mensch zu sein (2017) · Siegbert Wolf, Martin Buber zur Einführung (Junius).


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Kernthesen

  1. Zwei Grundworte, zwei Haltungen zur Welt. Der Mensch spricht entweder Ich-Du oder Ich-Es, und mit dem Wort ändert sich auch das Ich, das spricht. Im Ich-Es erfahre, benutze und erkenne ich etwas; zwischen mir und dem Gegenstand steht eine Schranke. Im Ich-Du begegne ich einem Gegenüber mit meinem ganzen Wesen, ohne Zweck und ohne Vorwegnahme. Beides gehört zum Menschen: „Ohne Es kann der Mensch nicht leben. Aber wer mit ihm allein lebt, ist nicht der Mensch." Die Gefahr der Moderne liegt für Buber in einer Es-Welt, die von keiner Beziehung mehr durchzogen ist — Massengesellschaft, Übergewicht des Materiellen, Verdinglichung von Natur und Mensch.

  2. Der Mensch wird am Du zum Ich. Das Selbst ist nicht zuerst da und tritt dann in Beziehung; es entsteht in ihr. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Begegnung ist aber kein Zustand, sie ist augenblickhaft und vergeht; jedes Du muss wieder zum Es werden — Buber nennt das die „erhabene Schwermut unseres Loses". Die Beziehung wird dadurch nicht entwertet: Das Ich wächst an jeder gelungenen Begegnung, und es gibt sie in drei Sphären, mit der Natur (sein Beispiel ist ein Baum), mit Menschen und mit geistigen Wesenheiten, die sprachlos sind und doch Sprache zeugen.

  3. Das echte Gespräch bestätigt den anderen, ohne ihn zu billigen. Buber unterscheidet drei Formen: das echte Gespräch, in dem jeder den anderen in seinem Dasein wirklich meint und sich ihm zuwendet; das technische Gespräch, nötig, aber nur von der sachlichen Verständigung eingegeben; und den dialogisch verkleideten Monolog, in dem mehrere Menschen an einem Ort auf verschlungenen Umwegen jeder mit sich selbst reden. Im echten Gespräch nehme ich den anderen als Partner an und sage damit Ja zu ihm als Person. Das heißt nicht, dass ich seiner Meinung bin — Bestätigung ist nicht Billigung, und gerade das macht das echte Gespräch zum Weg zwischen Gegnern: zwischen Juden und Christen 1933, zwischen den Blöcken des Kalten Kriegs 1953.

  4. Das ewige Du, und seine Verfinsterung. In jedem Du spricht man das ewige Du an, Gott, der als einziger seinem Wesen nach nie zum Es werden kann. Wer ihn findet, findet ihn weder durch Weltflucht noch durch Starren auf die Welt, sondern indem er die Welt in ihm sieht. Dogma, Lehrsatz und weltlose Versenkung verfehlen ihn gleichermaßen, weil sie Gott zum Gegenstand machen. Gott braucht den Menschen und seine Antwort, um die Schöpfung zu vollenden. Nach der Schoah stellt Buber sich die Frage, die dieses Bild zu sprengen droht: „Wie ist in einer Zeit, in der es Auschwitz gibt, noch ein Leben mit Gott möglich?" Er antwortet mit der Gottesfinsternis: Gott ist nicht tot, etwas hat sich zwischen Himmel und Erde geschoben, und das Schweigen geht vom Menschen aus, von seiner Grausamkeit und Verantwortungslosigkeit. Mit Hiob hält er an der Anklage fest und kehrt doch zum Gespräch zurück: „Wir werden unseren grausamen und gütigen Herrn wiedererkennen."

  5. Glaube als Vertrauen, Gemeinschaft von unten. Emuna, das jüdische Glaubensverhältnis, ist Vertrauen in ein Gegenüber, Pistis das Fürwahrhalten eines Satzes. Religionen sind darum „Religionen im Exil", keine hat die volle Wahrheit. Ihr Gespräch geht „von Gewissheit zu Gewissheit": fest im Eigenen stehen und die Wahrheit des fremden, widersprechenden Glaubens achten. Politisch folgt daraus ein Sozialismus der kleinen, freien Gemeinschaften statt des zentralen Apparats — ein religiöser Sozialismus, dessen Probe für Buber der Kibbuz ist.


Politische Einordnung

Kulturzionist gegen Herzl. Buber war Zionist, aber von Anfang an in Opposition zur Mehrheit. Ihm ging es um die Erneuerung jüdischen Lebens, von Sprache und Gemeinschaft, nicht zuerst um Staatlichkeit. Auf dem Zionistenkongress 1921 in Karlsbad beantragte er eine Resolution, die die zionistische Führung auf ein „gerechtes Bündnis" mit den arabischen Völkern verpflichten sollte: Man kehre nicht ins Land zurück, um ein anderes Volk zu unterdrücken oder zu beherrschen. Verabschiedet wurde eine deutlich allgemeinere Erklärung, man wolle mit dem arabischen Volk in Eintracht und gegenseitiger Achtung leben.

Binationalismus. Mit Brit Schalom in den 1920er Jahren und dann mit dem 1942 gegründeten Ihud warb er für einen gemeinsamen Staat zweier Völker mit gleichen Rechten und für eine Einwanderung, die die Araber nicht verdrängt. Er hat den Staat Israel nach 1948 als Tatsache angenommen und blieb doch sein Kritiker: gegen die Militärverwaltung arabischer Gebiete, für eine Lösung des Flüchtlingsproblems, gegen einen Nationalismus, der das eigene Volk zum letzten Maßstab macht, auch wenn es das eigene war. Seine Kritik galt dem deutschen Nationalismus wie dem jüdischen, und sie trug ihm in Israel viel Feindschaft ein.

Die Einwände gegen ihn — von beiden Seiten. Für die Mehrheit der Zionisten, allen voran Ben-Gurion, war der Binationalismus eine schöne Idee ohne Partner: Auf arabischer Seite fand der Binationalismus nur wenige Verbündete, und der bekannteste, Fauzi Darwish al-Husseini, ein Cousin des Muftis, wurde im November 1946 ermordet, wenige Tage nachdem er eine Vereinbarung mit jüdischen Befürwortern der Verständigung unterzeichnet hatte. Aus palästinensischer Sicht wiederum bleibt Buber, bei allem Mut, ein Zionist, der die jüdische Einwanderung wollte, die die arabische Bevölkerung ablehnte, und der nach 1948 im vormals arabischen Talbiya lebte, aus dem viele Bewohner geflohen oder vertrieben worden waren. Beides ist wahr, und es mindert nicht, dass er zu den ganz wenigen gehörte, die zu Lebzeiten öffentlich und gegen die eigene Seite für die Rechte der anderen eintraten.

Gegen Gandhi, gegen die Todesstrafe, für das Gespräch mit Deutschland. Seine Antwort an Gandhi 1939 zeigt, dass der Dialogphilosoph keinen Pazifismus um jeden Preis vertrat: Gewaltloser Widerstand, schrieb er, habe gegen den Nationalsozialismus nichts ausgerichtet. Dass er 1953 den Friedenspreis in Frankfurt annahm, nahmen ihm in Israel viele übel; er selbst verstand es als Versuch, mit denen zu sprechen, die zum Gespräch bereit waren, ohne den Tätern zu vergeben. 1962 setzte er sich gegen die Hinrichtung Eichmanns ein, eine Position, mit der er in Israel nahezu allein stand.

Die Schatten. Den Ersten Weltkrieg hat Buber anfangs als Gemeinschaftserlebnis gefeiert, und Landauer musste ihn zur Ordnung rufen. In den frühen Prager Reden sprach er von einer „Gemeinschaft des Blutes" — eine Sprache seiner Zeit, von der er sich später entfernte. Gershom Scholem warf ihm vor, er habe den Chassidismus nach seinem eigenen Bild erzählt, aus den Legenden, unter Verzicht auf die theoretische Literatur der Bewegung. Und die Bibelübersetzung mit Rosenzweig griff Siegfried Kracauer 1926 in der Frankfurter Zeitung unter dem Titel Die Bibel auf Deutsch scharf an: als Archaisierung der Sprache und rückwärtsgewandte Wiederverzauberung des Textes, deren Stabreime ihn an Richard Wagner erinnerten. Wer ihn liest, sollte beides kennen: die Größe des Gedankens und die Momente, in denen er dem eigenen Maßstab nicht genügte.


Verbindungen zu anderen Denkern


Cortex-Notes

Im Bestand

Emmanuel LevinasDenkerVitaMartin Buber und Emmanuel…Ich, Du und der AndereChristian WieseDenkerVitaJoachim ValentinDenkerVitaHannah ArendtDenkerVitaErich FrommDenkerVitaMartin HeideggerDenkerVitaHartmut RosaDenkerVita

acht gedachte Verweise

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