GedankenraumEmmanuel Levinas — DenkerVita
Der Philosoph, der die Ethik vor das Sein stellte: Im Antlitz des Anderen hört Levinas ein Gebot, das älter ist als jede Wahl — Du wirst nicht töten.
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Alberto Giacometti — Graphit auf Papier, suchende Linien, immer wieder übereinander gezogen. Giacometti hat sein Leben lang in Paris versucht, ein Gesicht zu zeichnen, und ist nie fertig geworden. Genau das ist Levinas' Antlitz: das, was sich jedem Zugriff entzieht, das man umkreist und nie in eine Kontur bringt. Links die gehende Figur, die sich nähert, rechts ein Pariser Fenster.
Prompt: Drawing in the manner of Alberto Giacometti, graphite on off-white paper, restless searching lines drawn over and over. At the center a single frontal head, very elongated and abstract, built from hundreds of circling pencil strokes that never settle into a contour, the face only suggested, two dense dark points for eyes. Wide empty paper around it. At the far left a tiny thin elongated walking figure like a bronze sculpture, striding toward the head. At the far right faint lines of a tall Paris window. Grey, black, a trace of ochre. No text, no signature.
Biographischer Snapshot
Emmanuel Levinas (12. Januar 1906 [30. Dezember 1905 jul.], Kaunas – †25. Dezember 1995, Paris) — litauisch-jüdischer, seit 1931 französischer Philosoph. Schüler Husserls und Heideggers in Freiburg, einer der ersten, die die Phänomenologie nach Frankreich brachten. Fünf Jahre deutscher Kriegsgefangener als französischer Soldat; Eltern und Brüder in Litauen ermordet. Drei Jahrzehnte Direktor der École Normale Israélite Orientale in Paris, spät Professor in Poitiers, Nanterre und an der Sorbonne.
Der Philosoph, der die Reihenfolge umdrehte: Vor jeder Frage nach dem Sein steht die Verantwortung für den anderen Menschen. Ethik als erste Philosophie — gegen Heidegger, bei dem er gelernt hatte, und gegen eine Tradition, die den Anderen immer schon in ein Ganzes einsortiert hat. Dazu der Talmud-Leser, der sich nie „Talmudist" nennen wollte, nur „Amateur, mit aller Liebe, die in dem Wort steckt".
Wichtigste Werke: Die Zeit und der Andere (1948), Totalität und Unendlichkeit (1961), Schwierige Freiheit (1963), Humanismus des anderen Menschen (1972), Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht (1974), Ethik und Unendliches (1982), die Talmud-Lesungen
Kernkonzepte: das Antlitz · „Du wirst nicht töten" · Totalität und Unendlichkeit · Asymmetrie · Geiselschaft und Stellvertretung · der Dritte und die Gerechtigkeit · das Sagen und das Gesagte · das sinnlose Leiden
Auszeichnungen u. a.: Ehrendoktorate der Loyola University Chicago (1970) und der KU Löwen (1973), Balzan-Preis für Philosophie (1989)
Biografie
Kaunas und Charkiw — Tora und Dostojewski
Er wird in Kaunas geboren, damals Gouvernement Kowno im Russischen Kaiserreich, als ältester von drei Söhnen des jüdischen Buchhändlers Jechiel Levinas und seiner Frau Dwora, geborene Gurwitsch. Zu Hause spricht man Jiddisch, Russisch und Litauisch; ein Privatlehrer bringt den Jungen Hebräisch bei, ausgehend von der hebräischen Bibel. Der Erste Weltkrieg treibt die Familie nach Charkiw in der heutigen Ukraine. Dort erlebt der Elfjährige die Revolution von 1917 und kommt, obwohl der Numerus clausus nur fünf jüdische Schüler zulässt, aufs Gymnasium. Er liest Puschkin, Lermontow, Tolstoi, Shakespeare und vor allem Dostojewski. Aus den Brüdern Karamasow stammt der Satz, den er sein Leben lang zitieren wird, bis er fast wie sein eigener klingt: „Wir sind alle für alles und für alle verantwortlich, und ich mehr als alle anderen."
1920 kehrt die Familie ins nun unabhängige Litauen zurück.
Straßburg und Freiburg — Blanchot, Husserl, Heidegger, Davos
Eine deutsche Universität nimmt den Siebzehnjährigen 1923 nicht auf, also geht er nach Straßburg. Dort studiert er bei Maurice Pradines, Charles Blondel und Maurice Halbwachs, dem späteren Theoretiker des kollektiven Gedächtnisses, der 1945 in Buchenwald sterben wird. Und er trifft einen jungen Mann aus dem katholisch-monarchistischen Milieu, Maurice Blanchot. Die beiden verbindet eine Freundschaft, die die Gegensätze ihrer Herkunft und später auch Blanchots Weg durch die rechte Presse der Dreißigerjahre übersteht.
1928/29 geht er nach Freiburg im Breisgau, hört zwei Semester Husserl und ein Semester Heidegger und erlebt, wie Sein und Zeit den Boden unter der Philosophie verschiebt. Im Frühjahr 1929 sitzt er als Student in Davos, als Heidegger und Ernst Cassirer ihre berühmte Disputation führen. In der studentischen Abschlussrevue parodiert Levinas den ebenfalls jüdischen Cassirer mit bitterböser Übertreibung. Er hat diesen Abend später bereut, ein Leben lang.
1930 wird er in Straßburg mit Théorie de l'intuition dans la phénoménologie de Husserl promoviert, einer der ersten französischen Monographien über Husserl überhaupt. Mit Gabrielle Pfeiffer übersetzt er die Cartesianischen Meditationen. Per Dekret vom 8. April 1931 wird er französischer Staatsbürger.
Paris in den Dreißigern — ein früher Warner
1932 heiratet er Raïssa Lévi, die er seit der Kindheit kennt, eine in Wien ausgebildete Pianistin. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor: Éliane, die als Kleinkind stirbt, die spätere Kinderärztin Simone und der 1949 geborene Pianist und Komponist Michaël Levinas. Er arbeitet für die Alliance Israélite Universelle, eine Organisation, die Lehrer für jüdische Schulen im Mittelmeerraum ausbildet, und besucht nebenbei die Samstagabende bei Gabriel Marcel und Kojèves Hegel-Kurse.
1933 tritt Heidegger als Rektor der NSDAP bei. Levinas antwortet 1934 auf seine Weise: mit dem Aufsatz Einige Betrachtungen zur Philosophie des Hitlerismus in der Zeitschrift Esprit. Er liest den Nationalsozialismus dort als Philosophie, die den Menschen an Blut und Körper kettet und ihm damit die Freiheit nimmt, sich von seiner Herkunft loszusagen. Ein Jahr später folgt De l'évasion (Ausweg aus dem Sein): das erste Buch, in dem das Sein selbst als etwas erscheint, dem man entkommen möchte.
Fallingbostel — fünf Jahre Gefangenschaft
Bei Kriegsbeginn 1939 wird der Unteroffizier der Reserve eingezogen und, weil er Russisch und Deutsch spricht, als Dolmetscher eingesetzt. Im Juni 1940 gerät er bei Rennes in deutsche Gefangenschaft, einer von rund 1,8 Millionen französischen Soldaten. Nach Monaten in einem Frontstalag in Frankreich kommt er nach Deutschland, ab 1942 in ein Arbeitskommando des Stalag XI B in Fallingbostel zwischen Hannover und Bremen. Die jüdischen Gefangenen werden dort von den übrigen abgesondert und zum Holzfällen in den Wald geschickt. Was sie am Leben hält, ist die französische Uniform: Die Genfer Konvention schützt sie als Kriegsgefangene, auch als Juden.
Aus diesen Jahren stammt eine seiner leisesten Geschichten, Der Name eines Hundes oder das Naturrecht. Ein streunender Hund läuft eine Zeit lang dem Kommando zu, springt die Männer bei der Rückkehr von der Arbeit freudig an, und die Gefangenen nennen ihn Bobby. Für die Wachen und die Passanten sind sie Untermenschen; dieser Hund behandelt sie als Menschen. Levinas nennt ihn später „den letzten Kantianer in Nazideutschland" — ohne das nötige Gehirn, um die Maximen seiner Triebe zu verallgemeinern.
Im Lager schreibt er in kleine Hefte, die 2009 als Carnets de captivité den ersten Band seiner Gesammelten Werke eröffnen, und den größten Teil von De l'existence à l'existant (Vom Sein zum Seienden, 1947). Raïssa und die Tochter Simone überleben in Frankreich, versteckt bei den Vinzentinerinnen in der Nähe von Orléans; Blanchot hilft ihnen, ein Versteck zu finden. Levinas' Eltern, seine Brüder Boris und Aminadab und die Schwiegereltern überleben nicht. Die Familie in Kaunas wird 1941 nach dem deutschen Einmarsch ermordet.
Als er es 1945 erfährt, schwört er, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Er hält den Schwur bis zu seinem Tod. Als deutsche Religionsphilosophen und Theologen ihn in den Achtzigerjahren suchen, finden die Begegnungen im Elsass und in Nordfrankreich statt.
Die École Normale und Monsieur Chouchani
1946 wird er Direktor der École Normale Israélite Orientale in Paris, der Lehrerbildungsanstalt der Alliance, und wohnt mit der Familie in der Dienstwohnung der Schule in Auteuil. Mehr als drei Jahrzehnte leitet er sie. Jean Wahl holt ihn an sein Collège philosophique; die Vorträge dort werden zu Die Zeit und der Andere (1948).
In diesen Jahren tritt eine der seltsamsten Figuren des Nachkriegsjudentums in sein Leben: Monsieur Chouchani, ein wandernder Gelehrter, dessen wirklicher Name bis heute ungeklärt ist und der äußerlich wie ein Landstreicher auftritt. Er lehrt zwischen 1947 und 1952 in Paris, bevor er Frankreich verlässt; Levinas studiert ab 1947 einige Jahre bei ihm den Talmud. Auf den Kolloquien der französischsprachigen jüdischen Intellektuellen, zu denen er seit 1957 spricht, hält er ab den Sechzigerjahren seine Talmud-Lesungen: kleine, genaue Kommentare, die eine rabbinische Diskussion Satz für Satz aufschließen, bis sie über Gerechtigkeit, Staat oder Vergebung mehr sagt als mancher philosophische Traktat.
Die beiden Schreibweisen hält er getrennt. Die philosophischen Bücher argumentieren, ohne sich auf die Schrift zu berufen; die jüdischen Texte erscheinen in eigenen Bänden, oft bei anderen Verlagen.
Totalität und Unendlichkeit — mit fünfundfünfzig
1961 erscheint, von Jean Wahl gedrängt, als Staatsthese Totalité et Infini. Der Autor ist fünfundfünfzig. Das Buch richtet sich gegen eine Philosophie, die alles Andere in das Eigene zurückholt, verstehend, begreifend, einordnend, bis nichts Fremdes mehr übrig bleibt. Dem stellt Levinas das Antlitz gegenüber: den anderen Menschen, der mich ansieht und sich in kein Wissen fügt.
Erst dieses Buch öffnet ihm die Universität: 1964 Poitiers, 1967 Nanterre, wo er mit Paul Ricœur zusammenarbeitet, 1973 bis zur Emeritierung 1976 die Sorbonne. Den Kreis der Kenner sprengt 1964 ein junger Philosoph namens Jacques Derrida mit dem langen Essay Gewalt und Metaphysik. Derrida bewundert das Buch und hält ihm eine unangenehme Frage vor: Wie will man die Sprache der griechischen Ontologie verlassen, wenn man gegen sie nur in eben dieser Sprache argumentieren kann? Levinas hat die Kritik ernst genommen, und das nächste Buch klingt anders.
Jenseits des Seins — die Widmung
1974 erscheint Autrement qu'être ou au-delà de l'essence, deutsch Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Die Sprache ist dunkler, dringlicher, oft hymnisch. Die Begriffe heißen jetzt Geiselschaft, Stellvertretung, Nähe, das Sagen, das sich im Gesagten nie ganz aufheben lässt. Und zum ersten Mal tritt der Dritte ins Zentrum: der andere Andere, der verlangt, dass ich vergleiche, abwäge, richte.
Dem Buch stehen zwei Widmungen voran. Die französische lautet sinngemäß: „Dem Gedächtnis der Nächsten unter den sechs Millionen von den Nationalsozialisten Ermordeten, neben den Millionen und Abermillionen Menschen aller Bekenntnisse und aller Nationen, Opfern desselben Hasses auf den anderen Menschen, desselben Antisemitismus." Die hebräische darunter nennt die Namen: den Vater, die Mutter, die beiden Brüder, die Schwiegereltern.
In der Frankfurter Soirée hebt Joachim Valentin die Pointe hervor: Levinas behandelt diesen Hass als Konsequenz eines Denkens, das den Anderen immer schon dem Eigenen unterwirft, und nicht als Unfall der abendländischen Geschichte. Unter den Mottos des Buches steht Pascal: „‚Dieser Hund gehört mir', sagten diese armen Kinder; ‚das ist mein Platz an der Sonne.' Da ist der Anfang und das Bild der Usurpation der ganzen Erde."
Späte Jahre
1981 führt er mit Philippe Nemo für France Culture die Radiogespräche, die als Ethik und Unendliches (1982) zum meistgelesenen Zugang zu seinem Denken werden. Aus demselben Jahr stammt der Aufsatz Das sinnlose Leiden, auf Deutsch in Zwischen uns. Die späten Jahrzehnte bringen Sammelbände, die sein Werk in Deutschland bekannt machen: Die Spur des Anderen (1983), Eigennamen (1988), Außer sich (1991). An der Universität Fribourg in der Schweiz liest er in den Siebziger- und Achtzigerjahren gelegentlich über jüdisches Denken und Husserl.
Raïssa stirbt 1994. Emmanuel Levinas stirbt am 25. Dezember 1995 im Hôpital Beaujon in Clichy bei Paris, während der Chanukka-Tage, und wird auf dem Friedhof von Pantin beerdigt. Am Grab spricht Jacques Derrida; die Rede erscheint als Adieu à Emmanuel Lévinas.
Bücher & Publikationen
Deutsche Ausgaben, chronologisch nach französischer Erstveröffentlichung.
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Théorie de l'intuition dans la phénoménologie de Husserl | 1930 | Die Doktorarbeit, eine der ersten Husserl-Monographien in Frankreich. Als Sartre um 1932/33 durch Raymond Aron auf die Phänomenologie aufmerksam wurde, war dieses Buch einer seiner ersten Zugänge. |
| Ausweg aus dem Sein (De l'évasion) | 1935, dt. 2005 | Der frühe Essay über das Bedürfnis, dem bloßen Dasein zu entkommen: Übelkeit, Scham, das Gefühl, an sich selbst festgenagelt zu sein. |
| Vom Sein zum Seienden (De l'existence à l'existant) | 1947, dt. 1997 | Größtenteils in der Kriegsgefangenschaft geschrieben. Das anonyme Rauschen des il y a, des „es gibt", aus dem sich ein Subjekt erst herausarbeiten muss. |
| Die Zeit und der Andere (Le temps et l'Autre) | 1948, dt. 1984 | Vier Vorträge am Collège philosophique. Zeit entsteht in der Beziehung zum Anderen und nicht im einsamen Subjekt; der Tod als das, worüber ich nicht verfüge. |
| Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität | 1961, dt. 1987 | Das erste Hauptwerk. Das Selbe gegen den Anderen, Totalität gegen Unendlichkeit; das Antlitz als Einbruch des Unendlichen in eine Welt, die alles einordnen will. |
| Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum | 1963, dt. 1992 | Essays über jüdische Existenz nach der Schoah, über Erziehung, Israel und Religion für Erwachsene. Darin die Geschichte vom Hund Bobby. |
| Die Spur des Anderen | dt. 1983 | Von Wolfgang N. Krewani zusammengestellte Aufsätze zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, von den Husserl-Studien bis zur Spur. Im Gespräch in Frankfurt als besonders substanzieller Einstieg empfohlen. |
| Vier Talmud-Lesungen (Quatre lectures talmudiques) | 1968, dt. 1993 | Vier Kolloquiumsvorträge, darunter die berühmte Lesung über die „Versuchung der Versuchung": das Tun vor dem Hören. |
| Humanismus des anderen Menschen | 1972, dt. 1989 | Drei Aufsätze. Die Humanität des Menschen liegt in seiner Verantwortung für den Anderen. Im Kapitel „Bedeutung und Sinn" auch die eurozentrischen Sätze, an denen Souleymane Bachir Diagne ansetzt. |
| Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht (Autrement qu'être ou au-delà de l'essence) | 1974, dt. 1992 | Das zweite Hauptwerk, auch eine Antwort auf Derrida. Geiselschaft, Stellvertretung, das Sagen und das Gesagte, der Dritte. Gewidmet den Ermordeten. |
| Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur (Noms propres) | 1976, dt. 1988 | Die französische Ausgabe versammelt kurze Porträts, u. a. zu Agnon, Buber, Celan, Derrida, Jabès, Kierkegaard, Picard, Proust und Jean Wahl, darunter Martin Buber et la théorie de la connaissance. Die deutsche Ausgabe ist eine Textauswahl. |
| Wenn Gott ins Denken einfällt (De Dieu qui vient à l'idée) | 1982, dt. 1985 | Wie sich von Gott sprechen lässt, ohne ihn zum Gegenstand zu machen: über die Idee des Unendlichen und die Ethik. |
| Ethik und Unendliches. Gespräche mit Philippe Nemo | 1982, dt. 1986 | Die Radiogespräche von 1981. Der zugänglichste Weg hinein, kaum hundert Seiten, mit den berühmten Sätzen über das Antlitz. |
| Außer sich. Meditationen über Religion und Philosophie (Hors sujet) | 1987, dt. 1991 | Späte Aufsätze, darunter Texte zu Buber, aus denen in der Frankfurter Soirée gelesen wird. |
| Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen (Entre nous) | 1991, dt. 1995 | Aufsätze aus vier Jahrzehnten, darunter Das sinnlose Leiden (1982), sein Abschied von der Theodizee nach Auschwitz. |
| Verletzlichkeit und Frieden. Schriften über die Politik und das Politische | dt. 2007 | Herausgegeben von Pascal Delhom und Alfred Hirsch. Die politischen Texte, vom Hitlerismus-Aufsatz 1934 bis zu den späten Äußerungen über Staat, Israel und Menschenrechte. |
Zu Buber: Der Aufsatz Martin Buber und die Erkenntnistheorie erschien 1963 in dem von Paul Arthur Schilpp und Maurice Friedman herausgegebenen Buber-Band der Reihe „Philosophen des 20. Jahrhunderts" (Kohlhammer), in dem Buber seinen Kritikern auch antwortet. Französisch steht er als Martin Buber et la théorie de la connaissance in Noms propres (1976).
Zum Weiterlesen: Werner Stegmaier, Emmanuel Levinas zur Einführung (Junius) · Jacques Derrida, Adieu. Nachruf auf Emmanuel Lévinas (Hanser, 1999) · Torsten Habbel, Der Dritte stört (Grünewald, 1994), auf den sich Joachim Valentin in der Soirée stützt · Paul Ricœur, Anders. Eine Lektüre von „Jenseits des Seins" (Turia + Kant, 2015)
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- Philosophische Soirée: Ich, Du und der Andere – Buber und Levinas im Gespräch (Haus am Dom Frankfurt, 22.06.2021, ~1:53 h) — der Judaist Christian Wiese stellt Buber vor, der Theologe Joachim Valentin Levinas; danach ein Gespräch über Ich-Du und Antlitz, Symmetrie und Asymmetrie, den Dritten und die feministische Kritik. Die Grundlage der Cortex-Note.
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- L'idée de l'infini et le visage d'autrui (Oratoire du Louvre, 8.11.2016, frz., ~1:29 h) — der Philosoph und Dramatiker Denis Guénoun kommentiert einen Levinas-Text zur Idee des Unendlichen, Satz für Satz.
- Le visage : toute l'humanité qui nous regarde (Konferenz von Félix Perez, 2017, frz., ~2 h) — ausführlicher Vortrag über das Antlitz, aus dem Umfeld eines MOOC zu Levinas.
- Emmanuel Lévinas – L'éthique du visage (La Piqûre de Socrate, 2021, frz., ~23 min) — kompakte Einführung für den ersten Überblick.
Zum Nachschlagen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Emmanuel Levinas (engl.), der gründlichste frei zugängliche Überblick über Werk und Rezeption.
Kernthesen
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Ethik als erste Philosophie. Seit Aristoteles fragt die Philosophie zuerst, was ist, und leitet das Sollen daraus ab. Levinas dreht die Reihenfolge um. Bevor ich etwas erkenne, bin ich schon angesprochen; die Beziehung zum anderen Menschen geht jeder Ontologie voraus. Ein Denken, das mit dem Sein beginnt, neigt dazu, den Anderen in ein Ganzes einzuordnen, und in dieser Totalität sieht Levinas den Keim der Gewalt, die das 20. Jahrhundert ausgeübt hat.
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Das Antlitz sagt: Du wirst nicht töten. Das Antlitz ist nicht das Gesicht mit Augenfarbe und Nasenform. Es ist die Nacktheit und Wehrlosigkeit des Anderen, die mich trifft, bevor ich ihn beschreiben kann. „Das Antlitz ist das, was man nicht töten kann, oder wenigstens das, dessen Sinn darin besteht zu sagen: ‚Du wirst nicht töten.'" Der Widerstand, den es leistet, ist ethisch, physisch ist er gleich null. Gerade weil man töten kann, spricht das Verbot.
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Die Verantwortung ist asymmetrisch. Anders als in Bubers Ich-Du steht der Andere nicht auf gleicher Höhe neben mir, er steht über mir, als Lehrer, als Fremder, als Witwe und Waise. Ich bin für ihn verantwortlich, ohne Gegenseitigkeit zu verlangen, bis zur Geiselschaft und Stellvertretung: Ich trage sogar noch seine Verantwortung. Levinas' Formel dafür ist Dostojewskis Satz, dass jeder für alle verantwortlich ist, „und ich mehr als alle anderen".
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Der Dritte verlangt Gerechtigkeit. Wäre ich nur mit einem Anderen allein, gäbe es keine Frage. Aber es gibt immer den Dritten, der ebenfalls mein Nächster ist. Seinetwegen muss ich vergleichen, was sich nicht vergleichen lässt: Daraus entstehen Recht, Institutionen, Staat. Levinas hält den Staat für notwendig und zugleich für gefährdet; ein Staat bleibt nur gerecht, solange er aus dem Antlitz des Einzelnen lebt und von ihm begrenzt wird.
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Das Leiden des Anderen ist sinnlos. In Das sinnlose Leiden (1982) verabschiedet er die Theodizee, den Versuch, das Böse als Teil eines sinnvollen Plans zu rechtfertigen. Nach Auschwitz sei jede solche Rechtfertigung obszön; das Leiden des Anderen zu rechtfertigen, nennt er die Quelle aller Unmoral. Sinn bekommt das Leiden nur an einer Stelle: im Leiden an seinem Leiden, in meiner Antwort darauf.
Politische Einordnung
Levinas hat seine Philosophie ausdrücklich als Antwort auf den Nationalsozialismus verstanden und das früh gezeigt: Der Aufsatz über den Hitlerismus erschien bereits 1934. Mit Heidegger hat er sich sein Leben lang gerieben. Sein und Zeit zählte er noch in den Gesprächen mit Philippe Nemo zu den fünf schönsten Büchern der Philosophiegeschichte. Zugleich fiel auf einem Kolloquium über die Vergebung 1963, in seiner ersten Talmud-Lesung, der Satz, der seither mit seinem Namen verbunden ist: Es sei schwer, Heidegger zu vergeben. 1988, als in Frankreich über Heideggers NS-Vergangenheit gestritten wurde, schrieb er dazu im Nouvel Observateur den Artikel Comme un consentement à l'horrible.
Israel. Levinas stand zum Staat Israel, verstand ihn aber als Aufgabe und nicht als Selbstzweck: als Chance, die prophetische Ethik der Bibel einmal unter den harten Bedingungen der Politik zu erproben. Die Probe kam im September 1982. Nach dem Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila bei Beirut, verübt von libanesischen Phalange-Milizen in einem Gebiet, das die israelische Armee kontrollierte, führte Shlomo Malka am 28. September 1982 für Radio Communauté ein Gespräch mit Levinas und Alain Finkielkraut. Auf die Frage, ob für den Israeli der „Andere" nicht vor allem der Palästinenser sei, antwortete Levinas, seine Definition des Anderen sei eine ganz andere: Der Andere sei der Nächste, der nicht unbedingt verwandt sei, es aber sein könne. Greife dieser Nächste einen anderen Nächsten an oder tue ihm Unrecht, dann nehme die Andersheit einen anderen Charakter an, dann könne man im Anderen auch einen Feind finden, und es stelle sich die Frage, wer im Recht sei und wer im Unrecht.
Die Passage, auf Englisch als Ethics and Politics im Levinas Reader (1989) bekannt geworden, ist bis heute umstritten. Kritiker wie Howard Caygill und Judith Butler lesen sie als Moment, in dem die Ethik des Antlitzes vor dem Palästinenser haltmacht: Wer als Feind definiert wird, bekommt kein Gesicht. Verteidiger wie Oona Eisenstadt und Claire Katz halten dagegen, die Stelle beschreibe genau das, was Levinas „den Dritten" nennt, den Übergang von der Ethik zur Gerechtigkeit, die abwägen muss. Sie verweisen auch auf das Gespräch als Ganzes, in dem Levinas auf einer kollektiven Verantwortung besteht, ohne Israel ausdrücklich Schuld zuzuweisen. Gerade diese Zurückhaltung lesen Kritiker wiederum als Ausweichen. Beide Lesarten haben Anhalt am Text. Offen bleibt die Frage, die sich jeder Ethik des Einzelnen stellt: Was wird aus dem Antlitz, wenn Völker im Konflikt stehen?
Europa und die Anderen im Plural. Levinas' Ethik ist auf den Einzelnen gerichtet, auf das eine Antlitz. Wo er über Kulturen spricht, klingt er oft anders. In Humanismus des anderen Menschen erklärt er die westliche Zivilisation zum einzigen Ort, von dem aus sich Kulturen beurteilen lassen; an anderer Stelle spricht er von Kulturen, die „tanzen", herablassend. Souleymane Bachir Diagne hat diesen blinden Fleck präzise benannt, ohne den Denker zu verwerfen: Levinas denke den Anderen im Singular, aber nicht die Anderen im Plural.
Die feministische Kritik. Schon 1949 kritisierte Simone de Beauvoir im Anderen Geschlecht, dass Levinas in Die Zeit und der Andere das Weibliche als „Geheimnis", als das Andere schlechthin beschreibt, und zwar ganz aus der Sicht des Mannes. Luce Irigaray hat diese Kritik später ausgebaut. In der Frankfurter Soirée hält Joachim Valentin fest, Levinas habe das patriarchale Erbe seiner Familienbilder erst spät erkannt; in den späteren Texten trete es zurück.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Martin Buber — DenkerVita — Symmetrie oder Asymmetrie: Levinas würdigt Buber als Ersten, der die dialogische Beziehung als unreduzierbar erkannt hat, und bestreitet dann, dass der Andere ein zweites Ich sei.
- Martin Heidegger — DenkerVita — sein Lehrer in Freiburg und lebenslanger Gegenpol: Ethik als erste Philosophie gegen eine Ontologie, die den Anderen nicht kennt.
- Paul Ricœur — DenkerVita — Kollege in Nanterre und kritischer Leser von Jenseits des Seins, der die Asymmetrie des Antlitzes in einen Dreiklang mit gerechten Institutionen einbettet.
- Souleymane Bachir Diagne — DenkerVita — würdigt die Ethik des Antlitzes und zeigt ihren blinden Fleck: den Anderen im Singular, nicht die Anderen im Plural.
- Simone Weil — DenkerVita — die zweite große Stimme der Aufmerksamkeit für den Anderen, die Levinas 1952 in Simone Weil contre la Bible ohne Nachsicht angriff.
- Ernst Tugendhat — DenkerVita — ebenfalls Heidegger-Hörer, der sich abwandte; beide nehmen das Ich aus der Mitte, Tugendhat durch Selbstrelativierung, Levinas durch den Anspruch des Anderen.
Cortex-Notes
- Martin Buber und Emmanuel Levinas — Ich, Du und der Andere — die Hauptnote: Buber und Levinas im Gespräch, Ich-Du gegen das Antlitz, Symmetrie gegen Asymmetrie.
- Souleymane Bachir Diagne — Der Philosoph als Übersetzer — Diagne nimmt sich Levinas' Eurozentrismus vor und rettet die Ethik des Antlitzes vor ihrem eigenen Urteil über die Kulturen.
- Zhao Tingyang, Forst und Williams — Tianxia und die Bedeutungen der Demokratie — Levinas als Stichwortgeber: Zwei haben Ethik, drei haben Politik.
Im Bestand
elf gedachte Verweise