GedankenraumJoachim Valentin — DenkerVita
Ein katholischer Theologe, der über Derrida zu Levinas kam und Frankfurts Akademie zum Gesprächsort machte, an dem Religion, Kino und Stadt einander begegnen.
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Max Beckmann / Frankfurter Ansichten der Zwanziger — schwarze Konturen, flache Perspektive, Grün, Rot und Schwarz. Beckmann hat Frankfurt gemalt wie kein anderer, den Dom, den Main, den Eisernen Steg. Davor ein langer Tisch, an dem Menschen verschiedener Traditionen miteinander reden: das Haus am Dom und der Rat der Religionen, Valentins Arbeit in einem Bild.
Prompt: A wide banner painting in the style of Max Beckmann's Frankfurt views of the 1920s, oil on canvas, bold black contour lines, flattened perspective, saturated green, red and black. The red sandstone tower of Frankfurt Cathedral rises on the right above the river Main and an iron footbridge; in the foreground a long table where several simplified figures of different traditions sit and talk, one wearing a kippah, one a headscarf, one a clerical collar, gesturing to each other. No legible text, no signature, no realistic faces, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Prof. Dr. Joachim Valentin (1965, Hadamar) — Gründungsdirektor des Hauses am Dom in Frankfurt, der Katholischen Akademie Rabanus Maurus des Bistums Limburg, und außerplanmäßiger Professor für Christliche Religions- und Kulturtheorie an der Goethe-Universität Frankfurt (seit 2009).
Ein Fundamentaltheologe, der seine Doktorarbeit über Jacques Derrida schrieb und dabei auf Emmanuel Levinas stieß, mit einer Frage, die ihn bis heute antreibt: Was hat das Denken derer zu sagen, die selbst zu Opfern des abendländischen Denkens und Handelns wurden? Er hat nach der Promotion nicht sofort weitergelehrt, sondern erst die Ausbildung zum Pastoralreferenten gemacht, forscht zu Film und Theologie und ist Mitbegründer des Rats der Religionen Frankfurt.
Wichtigste Werke: Atheismus in der Spur Gottes. Theologie nach Jacques Derrida (1997), Zwischen Fiktionalität und Kritik. Die Aktualität apokalyptischer Motive als Herausforderung theologischer Hermeneutik (2005), Eschatologie (2013); Mitherausgeber von Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium (2024, mit Christian Wiese und Doron Kiesel) Kernthemen: Theologie nach Derrida und Levinas · Religion und Film · Religion und Digitalität · Apokalyptik und Eschatologie · jüdisch-christlicher und christlich-islamischer Dialog
Biografie
Hadamar und Freiburg (1965–1998): Joachim Valentin wird am 5. August 1965 in Hadamar im Westerwald geboren. Die Familie ist in der Pfarrei verwurzelt. In den 1980er Jahren will er Priester werden; den Anstoß gibt eine geistliche Woche, die der Limburger Bischof Franz Kamphaus eingeführt hatte. Priester wird er dann nicht. Er studiert von 1986 bis 1992 katholische Theologie, Philosophie und klassische Philologie, als Stipendiat des Cusanuswerks, und lernt im Freiburger Studium seine spätere Frau kennen. 1996 promoviert er in Freiburg bei Hansjürgen Verweyen in Fundamentaltheologie mit einer Arbeit über Jacques Derrida. An Freiburg hängt dabei ein Faden, den er in der Buber-Levinas-Soirée selbst aufnimmt: Die Albert-Ludwigs-Universität war 1928/29 auch Levinas' Studienort bei Husserl und Heidegger.
Statt an der Universität zu bleiben, macht er von 1996 bis 1998 im Bistum Limburg die Ausbildung zum Pastoralreferenten. „Mir war es aber wichtig, diesen Schritt in die Praxis zu machen", sagt er rückblickend. Was er bis dahin ehrenamtlich getan hatte, sollte er einmal von der fachlichen Seite kennenlernen.
Zurück an die Universität (1998–2009): Von 1998 bis 2005 ist er wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent am Arbeitsbereich Religionsgeschichte in Freiburg. Dort entstehen Arbeiten über Esoterik, Wunderglauben und apokalyptisches Denken am Rand und jenseits der Großkirchen. Am 25. Mai 2004 habilitiert er sich für Fundamentaltheologie und Religionsgeschichte und geht an die Universität Mannheim, wo er bis 2009 lehrt und einen ganzen Studiengang verantwortet. Von 2006 bis 2009 ist er außerplanmäßiger Professor in Freiburg, seit 2009 an der Goethe-Universität Frankfurt, Fachbereich Katholische Theologie, für Christliche Religions- und Kulturtheorie.
Das Haus am Dom (seit 2005): Frankfurt sucht einen Gründungsdirektor für eine Akademie, die es noch nicht gibt. Katholische Bildungsarbeit fand in der Stadt bis dahin an wechselnden Orten statt. Valentin bekommt die Stelle 2005, reist noch von Mannheim aus durch Gremien und Pfarrgemeinderäte und stellt das Projekt vor. 2007 öffnet das Haus am Dom am Domplatz. Er hat es seither zu einem Ort gemacht, an dem Kirche und Stadtgesellschaft miteinander reden: rund 350 Veranstaltungen im Jahr, vom „Kino auf dem Dach" über Ausstellungen bis zu Podien und Bildungsreisen. Nach eigener Erhebung des Hauses ist die Hälfte der Besucher aus der Kirche ausgetreten, eine Zielgruppe, die Valentin „nicht missionarisch" versteht. In der Corona-Zeit entdeckte die Akademie YouTube; aus dieser Not ist das Videoarchiv entstanden, in dem auch die Buber-Levinas-Soirée liegt.
Das Haus litt mit, als das Bistum Limburg in die Krise um Bischof Tebartz-van Elst geriet. Valentin hat darüber 2014 den Band Der Fall Tebartz-van Elst. Kirchenkrise unter dem Brennglas herausgegeben. Namenspatron der Akademie ist Rabanus Maurus, Abt in Fulda und Erzbischof von Mainz. Zwei Bilder aus dessen Hauptkodex hängen über Valentins Schreibtisch, als Erinnerung an jemanden, der Menschen über Religion, Wissen und Kultur an einen Tisch brachte.
Ämter in der Stadt: Valentin ist Mitbegründer des Rats der Religionen Frankfurt. In dessen konstituierender Sitzung im Mai 2020 wurde er zum Vorsitzenden gewählt und 2021 bestätigt; 2023 übernahm mit Nura Frömel erstmals eine Frau den Vorsitz, Valentin wurde zweiter Vorsitzender. Für das Bistum führt er den Dialog mit Islam und Judentum. Lange saß er für die katholische Kirche im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks. Er ist Mitglied der Internationalen Forschungsgruppe Film und Theologie. 2020 erhielt er die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. Mit Christian Wiese vom Buber-Rosenzweig-Institut verbindet ihn eine lange Zusammenarbeit, sichtbar in der Soirée von 2021 und im gemeinsam herausgegebenen Kompendium von 2024.
Bücher & Publikationen
Monographien
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Atheismus in der Spur Gottes. Theologie nach Jacques Derrida | 1997 | Die Freiburger Dissertation (Grünewald): Was bleibt von der Rede über Gott, wenn Derridas Kritik an der Metaphysik ernst genommen wird? Über dieses Buch kam Valentin zu Levinas. |
| Zwischen Fiktionalität und Kritik | 2005 | Die Aktualität apokalyptischer Motive als Herausforderung theologischer Hermeneutik (Herder): Warum apokalyptische Motive in der Gegenwartskultur so lebendig sind und was sie der theologischen Auslegung abverlangen. |
| Eschatologie | 2013 | Einführung (Schöningh) in die Lehre von den „letzten Dingen", der christlichen Hoffnung über den Tod hinaus. |
Herausgeberschaften (Auswahl)
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium | 2024 | Mit Christian Wiese und Doron Kiesel (Herder, 720 S.): jüdische, katholische und evangelische Stimmen zu Trennung der Wege, Liturgie, Theodizee nach der Shoah, Israel und Antisemitismus. |
| Die Faszination des Bösen. Ein filmisches Panorama | 2022 | Mit Karsten Visarius (Schüren, Reihe Religion – Film – Medien 5): Wie das Kino das Böse zeigt und warum wir hinsehen. |
| Theologie und Digitalität. Ein Kompendium | 2021 | Mit Wolfgang Beck und Ilona Nord (Herder): Was die digitale Kultur mit Glauben, Kirche und theologischem Denken macht. |
| Die anarchische Kraft des Monotheismus | 2021 | Mit Ansgar Wucherpfennig u.a. (Herder). |
| Rationalitätstypen in der Theologie | 2017 | Mit Günter Kruck (Quaestiones disputatae 285, Herder). |
| Der Fall Tebartz-van Elst. Kirchenkrise unter dem Brennglas | 2014 | Aufarbeitung der Limburger Bistumskrise, in der auch das Haus am Dom unter Druck geriet (Herder). |
| Filmbilder des Islam | 2014 | Mit Stefan Orth und Michael Staiger (Schüren). |
| Paulus unter den Philosophen | 2013 | Mit Christian Strecker (Kohlhammer): der Apostel als Gesprächspartner der Gegenwartsphilosophie. |
| Natürlich Kultur. Postsäkulare Positionierungen | 2010 | Mit Martin Ramb (Schöningh). |
| Dogville – Godville | 2008 | Methodische Zugänge zu einem Film Lars von Triers (Film und Theologie 12, Schüren), mit Stefan Orth und Michael Staiger. |
| Jüdische Traditionen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts | 2000 | Mit Saskia Wendel (WBG): wie jüdisches Denken die Philosophie des 20. Jahrhunderts geprägt hat, das Feld, in dem auch Buber und Levinas stehen. |
Dazu Bände über Esoterik im Raum Freiburg (Heilssuche und Erlösungssehnsucht, 2000), über apokalyptische Gruppen (Weltuntergang oder Neue Kirche?, 2001), zu Dan Browns Sakrileg (2007) und eine lange Reihe von Filmbänden (Weltreligionen im Film, Göttliche Komödien, Kinder im Kino).
→ Alle Titel bei Genialokal → Lehrstuhlseite Christliche Religions- und Kulturtheorie (Goethe-Universität)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Philosophische Soirée: Ich, Du und der Andere – Buber und Levinas im Gespräch — Haus am Dom, 22.06.2021, mit Christian Wiese. Valentin moderiert und hält den zweiten Vortrag: Levinas' Biografie, die Ethik als erste Philosophie, seine Kritik an Buber (YouTube, ca. 1:53 h)
- Mit Gott gegen die Demokratie — Haus am Dom, 27.05.2026: Vortrag und Gespräch mit Arnd Henze und Meron Mendel über christlichen Nationalismus und die MAGA-Bewegung, Moderation Valentin (YouTube, ca. 1:32 h)
- Der jüdische Anteil an der Demokratie — Haus am Dom (2025): Valentin im Gespräch mit Rabbinerin Elisa Klapheck über das demokratisierende Potenzial religiöser Traditionen (YouTube, ca. 1:28 h)
- Raus aus den Gotteshäusern! — Haus am Dom, 22.06.2023: christlich-islamisches Gespräch über eine Spiritualität des Alltags mit Ahmad Milad Karimi und Tobias Specker, Moderation Valentin (YouTube, ca. 1:46 h)
- Einführung von Prof. Dr. Joachim Valentin, Vorsitzender des Rates der Religionen Frankfurt — Kanal des Rats der Religionen, 2020 (YouTube, ca. 7 min)
Kernthesen
- Die Opfer haben dem Denken etwas zu sagen. Nach Auschwitz hat die abendländische Philosophie für Valentin mehr als einen Kratzer bekommen; sie ist „zutiefst irritiert". Darum liest er jüdische Denker wie Derrida und Levinas nicht aus Mitleid, sondern weil er von ihnen eine Erklärung des Grauens und eine Alternative erwartet. Das sei der Antrieb seiner Dissertation gewesen, sagt er in der Soirée.
- Levinas ist kein Philosoph der Begegnung. Die gängige Etikettierung, die Levinas neben Buber stellt, hält Valentin für unzutreffend. Levinas lehnt eine Beziehung auf Augenhöhe ausdrücklich ab. Er denkt eine Asymmetrie, die durch jeden Vermittlungsversuch nur größer wird: Der Andere ist kein anderes Ich und stellt eine unendliche Forderung, der ein endliches Subjekt nie gerecht werden kann. Die klassische Ethik mit ihrem Abwägen kommt erst mit dem Dritten ins Spiel, wenn ich zwei Menschen gegenüber verpflichtet bin. Valentin stützt sich hier auf Thorsten Habbels Dissertation Der Dritte stört und hält Levinas, durch Husserl phänomenologisch geschult, in manchem für genauer als Buber.
- Gott entzieht sich auch. Bubers stärkste Schwäche sieht Valentin in der fast bruchlosen Übertragung der Ich-Du-Beziehung auf das „ewige Du". Das werde der Personalität Gottes in der Bibel gerecht, nicht aber dem biblischen Gott, der sich entzieht: der im ersten Buch der Könige nicht im Sturm ist, sondern in der „Stimme verschwebenden Schweigens", wie Buber und Rosenzweig übersetzen, und der Nacht, von der die Mystiker sprechen.
- Religion zeigt sich in der Kultur. Theologie hat für Valentin nicht nur die kirchliche Lehre zum Gegenstand, sondern auch die Bilder, in denen eine säkulare Gesellschaft ihre religiösen Fragen weiterträgt: Apokalypsen im Kino, das Böse auf der Leinwand, Esoterik, Wunderglauben, die digitale Kultur. Daher der Name seines Fachs, Religions- und Kulturtheorie, und die jahrzehntelange Arbeit in der Forschungsgruppe Film und Theologie.
- Eine Akademie ist ein Ort des Gesprächs, keine Kanzel. Das Haus am Dom soll eine katholische Stimme im Alltag der Stadt sein und zugleich offen für die, die gegangen sind. Aus dieser Haltung kommt Valentins Engagement für den interreligiösen Dialog in Frankfurt, vom Rat der Religionen bis zum Kompendium über das jüdisch-christliche Gespräch.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Christian Wiese — DenkerVita — Partner der Soirée und Mitherausgeber des Kompendiums Jüdisch-christlicher Dialog (2024).
- Emmanuel Levinas — DenkerVita — über Derrida zu ihm gekommen; Levinas' „Verantwortung vor der Beziehung" ist Valentins Formel für den Abend.
- Martin Buber — DenkerVita — der andere Pol der Soirée, dem Valentin im Gespräch Brücken zu Levinas zu bauen versucht.
Cortex-Notes
Im Bestand
vier gedachte Verweise