Quelle: Podcast-Interview Warum du die Welt nie so siehst, wie sie wirklich ist (1:40:44)
Zur Person
Prof. Dr. Claus-Christian Carbon (CCC) ist Professor für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität Bamberg. Er leitet die Forschungsgruppe EPEK (Ergonomie, Psychologische Ästhetik, Gestalt) und forscht zu Wahrnehmung, Ästhetik, optischen Täuschungen und Kognition. Er ist u.a. bekannt für seine Arbeiten zu Schönheitsurteilen, Stereotypen und der Konstruiertheit von Realität.
Carbon
„Die Welt, die du wahrnimmst, existiert nicht da draußen. Sie wird in dir konstruiert — auf Basis deiner Erfahrungen, deiner Erwartungen, deiner Geschichte.”
Die Kernthese — Wahrnehmung konstruiert deine Welt
Carbons fundamentale Aussage: Was wir als Realität erleben, ist keine objektive Abbildung der Außenwelt, sondern eine aktive Konstruktion unseres Gehirns.
Das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern neurobiologisch nachweisbar:
- Aus dem Auge ins Gehirn laufen ca. 1 Million Nervenfasern
- Vom Gehirn zurück zum Corpus geniculatum laterale (der ersten Schaltstelle der Sehbahn) laufen jedoch 10–20 Millionen Fasern
Das bedeutet: Das Gehirn schickt weit mehr Signale zurück zum Sehorgan als es von dort empfängt. Es konstruiert aktiv, was es zu sehen erwartet — und lässt nur das durch, was zu seinem Modell passt.
Was das bedeutet
Wir nehmen nicht wahr und interpretieren dann. Wir interpretieren zuerst — und lassen die Wahrnehmung dem folgen. Das Modell im Kopf kommt vor dem Bild in der Welt.
Assoziativer Speicher — Kognition entsteht im Moment
Das Gehirn ist kein Festplattenspeicher, auf dem Erinnerungen und Überzeugungen unveränderlich abgelegt sind. Es ist ein assoziativer Speicher.
Kognition entsteht nicht durch Abrufen gespeicherter Inhalte, sondern durch Konstruktion im Moment — abhängig von Kontext, Stimmung, Vorerfahrung, aktueller Umgebung.
Das hat eine wichtige Implikation: Es gibt keine neutrale Erinnerung, keine neutrale Wahrnehmung. Jede Aktivierung von Wissen ist gleichzeitig eine Neuinterpretation.
Top-down Verarbeitung — Das Gehirn sieht, was es erwartet
Der technische Begriff für das Phänomen: Top-down-Verarbeitung. Das Gehirn füllt Lücken nicht mit dem, was da ist, sondern mit dem, was es für wahrscheinlich hält.
Praktische Konsequenz: Wenn dein Modell falsch ist, siehst du die Welt falsch — und merkst es nicht. Das Gehirn gibt kein Warnsignal aus, wenn es konstruiert. Es präsentiert das Konstrukt als direkte Wahrheit.
Stereotype sind nicht abschaltbar
Carbon nennt ein beunruhigendes Ergebnis aus der Laborforschung:
In Experimenten zur Lippendicken-Wahrnehmung (in Zusammenhang mit Hautfarbe) wurde den Teilnehmern explizit gesagt, dass sie keine Unterschiede machen sollten. Ergebnis: Der stereotypbedingte Wahrnehmungseffekt verstärkte sich statistisch.
„Wenn man Leuten sagt, sie sollen etwas ignorieren, verstärkt sich der Effekt oft.”
Das ist kein moralisches Versagen — das ist die Struktur des Wahrnehmungssystems. Bewusste Unterdrückung aktiviert das Konzept, das man unterdrücken will.
Das Namen-Experiment — Sprache konstruiert Wahrnehmung
Carbons eigene Forschung: Ein Gesicht wird aus je zehn Männer- und zehn Frauenbildern gemorft — vollkommen ambig, weder eindeutig männlich noch weiblich.
Die Versuchsbedingung:
- Probanden fixieren das negativierte Bild (Nachbild-Paradigma)
- Danach: weiße Fläche → das Nachbild erscheint
- Vor dem Experiment werden weibliche Namen (Maria, Vanessa, Ruth) oder weibliche Accessoires (Handtasche, High Heels, Lippenstift) gezeigt
Ergebnis: Statt des ambigen Gesichts sehen die Probanden eindeutig eine Frau. Nicht „eher weiblich” — sondern klar weiblich, ohne Zweifel.
Important
Das ist keine Interpretation danach. Der Mann ist im Kopf schlicht nicht mehr da. Sprache und Kontext konstruieren die physiologische Wahrnehmung selbst — nicht erst die Deutung.
Optische Täuschungen — kein Fehler des Gehirns
Was gemeinhin als „optische Täuschung” bezeichnet wird, ist nach Carbon missverstanden. Es ist kein Fehler, keine Störung — sondern ein hochoptimiertes System, das für deine spezifische Lebenswelt kalibriert ist.
Beispiel: In Deutschland schaut ein Fußgänger beim Überqueren links–rechts–links. Dieses Muster ist so tief eingeübt, dass es nicht bewusst verläuft. In England, wo Linksverkehr herrscht, ist dieses Muster lebensbedrohlich — weshalb auf dem Boden steht: „Look right.”
Das ist kein Umstellen einer einfachen Regel. Das mentale Modell sitzt tiefer als der Wille.
„Unsere Wahrnehmung ist optimiert für unsere Anforderungen — das ist eine Stärke, keine Schwäche. Problematisch wird es nur, wenn wir die Umgebung wechseln und das Modell nicht.”
Vorprägung — woher kommt mein Filter?
Wahrnehmung ist nicht nur durch biologische Evolution geformt, sondern durch individuelle Prägungsgeschichte:
- Elterliche Modellierung (was war in meiner Familie positiv/negativ besetzt?)
- Eigene frühe Erfahrungen
- Kultureller Kontext
- Wiederholung und Gewohnheit
Beispiel: Motorradklang. Für jemanden mit positiver Motorrad-Assoziation klingt dasselbe Geräusch einladend, für jemanden mit negativer Erfahrung bedrohlich — obwohl das Geräusch physikalisch identisch ist.
Carbons Schluss: Wir können unseren Filter nicht einfach abschalten. Aber wir können ihn kennenlernen — und damit bewusster damit umgehen.
Sprache, Kategorisierung und das verifikationistische Denken
Carbon erzählt eine eigene Erfahrung: Er fragt in der Lüneburger Heide nach „gutbürgerlicher Küche” — und eine Person fragt zurück: „Haben Sie was gegen Ausländer?”
Er wollte nur regionale Küche. Aber der Begriff aktivierte eine Kategorie, und aus dieser Kategorie heraus wurde alles weitere gefiltert.
Das verifikationistische Muster: Sobald wir jemanden kategorisieren, suchen wir nur noch nach Evidenzen, die diese Kategorie bestätigen. Widersprechende Signale werden ignoriert oder umgedeutet.
„Wir kategorisieren sehr schnell. Das ist evolutionär sinnvoll. Aber in feinen Diskussionen ist es wahnsinnig problematisch — weil wir dann die Person nicht mehr sehen, sondern nur noch das Schubfach.”
Gegenmittel laut Carbon: Kategorien bewusst aufbrechen. Nicht positiv denken erzwingen — sondern wertfreier schauen: Was könnte noch der Grund sein?
Modelle verändern — die Welt verändern
Wenn Wahrnehmung auf Modellen basiert, die im Kopf liegen — dann verändert man die Wahrnehmung, indem man die Modelle verändert.
Carbon selbst beschreibt, dass er die meisten Dinge als Herausforderung statt als Bedrohung sieht. Das ist kein krampfhafter Optimismus — es ist ein trainiertes Mindset, das die Wahrnehmung organisch verändert.
Wichtige Unterscheidung:
- Manipulation im schlechten Sinne: Gegen besseres Wissen etwas suggerieren
- Aktive Uminterpretation: Sinn schaffen, Relevantes in den Fokus nehmen — das ist keine Selbsttäuschung, sondern Gestaltung der eigenen Realitätskonstruktion
Bezug zur Extremsituation (Viktor Frankl, ohne ihn namentlich zu nennen): In Konzentrationslagern überlebten vor allem jene, die ein Logos entwickelten — ein Ziel, einen Sinn, einen Wunsch, was nach der Befreiung kommt. Nicht weil die Grausamkeit aufhörte, sondern weil ihre Wahrnehmung sie anders trug.
„Das ist kein Sich-Belügen. Das ist Sinn schaffen und sich auf das Relevante konzentrieren.”
Realitätsabgleich — die Rückmeldung der anderen
Wahrnehmung ist subjektiv — aber wir leben in einer sozialen Welt. Carbon empfiehlt, regelmäßig aktiv einen Realitätsabgleich zu machen:
- Wie wirke ich auf andere?
- Was ist die Wirklichkeit der anderen über mich?
Nicht als Anlass zur Selbstkritik, sondern als Kalibrierung. Wenn wiederholt viele Menschen dasselbe Muster zurückmelden, lohnt es sich, innezuhalten.
Gleichzeitig: Nicht blind jedem Feedback folgen. Manche Rückmeldungen widersprechen dem eigenen Kern — den darf man halten und offen kommunizieren.
Kindliche Wahrnehmung — was wir verlieren sollten
Carbon sagt, er habe nie die kindliche Wahrnehmung ablegen wollen. Kindliche Wahrnehmung bedeutet für ihn:
- Diversität der Blickwinkel
- Nicht alles bierbitterernst nehmen
- Neugier als Standard
- Begeisterung ohne Rechtfertigung
Konkrete Geschichte: Carbons Nichte sah sein „hässliches” Haus (Neubau in einem historischen Viertel) als das schönste der Straße — weil es als einziges Balkonblumen hatte.
Auf der Documenta (Kasseler Avantgarde-Kunstausstellung): Während Erwachsene ernsthaft und stumm durch die Ausstellung gingen, lachten seine Kinder, setzten sich 20 Minuten vor ein Video, rannten herum — und zeigten Carbon Dinge, die er selbst nicht gesehen hatte.
„Ich habe quantitativ weniger gesehen, qualitativ wahnsinnig viel gewonnen.”
Der Fellini-Blick — Diversität als Reichtum
Carbon beschreibt seinen eigenen Wahrnehmungsmodus als „Fellini-Blick” — nach Federico Fellinis Art, das Absurde, Skurrile, Fremdartige nicht als Freakshow zu sehen, sondern als Ausdruck von Reichtum:
Das Andere, das ich nicht sofort begreife, bringt mich weiter. Es fordert mich. Es ist nicht ein Problem — es ist Diversität.
Das macht, nach Carbon, eine Welt reich — ohne dass Geld im Spiel ist.
Fehlerkultur und Selbstgnädigkeit
Carbon bekennt sich explizit zu einer radikalen Fehlerkultur:
„Es gibt wahrscheinlich kaum jemanden, der so viel gescheitert ist wie ich.”
Er meint das ernst. Viele Projekte gehen schief. Aber er geht nicht hart ins Gericht mit sich selbst. Stattdessen:
- Was hat nicht funktioniert?
- Woran lag es?
- Versuch es anders, mit anderen Leuten, aus einem anderen Blickwinkel.
Wichtiger Zusatz: Sei gnädig zu deiner Vergangenheit. Damals war man ein anderer Mensch mit anderen Informationen und anderen Modellen. Entscheidungen aus dem Rückblick zu geißeln ist unfair — man hatte die Optionen damals nicht auf dem Tisch.
„Bitte sei fair zu dir. Aber ziehe Lehren — ohne dich zu zerfleischen.”
Emotionale Authentizität — und was westliche Kulturen verloren haben
Carbon erlebte den Tod Nelson Mandelas in Kapstadt. Die Reaktion der Südafrikaner: spontanes Zusammenkommen, Weinen, Tanzen, öffentlicher Ausdruck von Trauer. Für ihn zutiefst authentisch und ergreifend.
Sein Befund über westliche Kulturen: Wir sind trainiert, Emotionen zu unterdrücken, souverän zu wirken, keine Schwäche zu zeigen. Wenn jemand fragt „wie geht’s dir?” — die Antwort ist automatisch „gut”, obwohl man denkt: eigentlich geht’s mir schlecht.
„Nur durch diese Offenheit öffnen wir uns — und öffnen sich die anderen. Und dann kommen wir tatsächlich weiter.”
Diese emotionale Verschlossenheit verhindert Realitätsrevision: Man kann nie wirklich korrigiert werden, wenn man sich nie zeigt.
Verbindungen in der Gedankenwelt
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Mausfeld beschreibt, wie Meinungskorridore gesetzt werden — durch Sprache, Framing, Normierung des Denkbaren. Carbon zeigt, wie das möglich ist: Einmal kategorisiert, sehen wir nur noch Bestätigung. Mausfeld erklärt die politische Architektur — Carbon die kognitive Mechanik darunter.
→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit
Bonhoeffer: Dummheit entsteht, wenn man aufhört eigenständig zu denken — durch Angst, Gruppenzwang, Propaganda. Carbon: Stereotype verstärken sich, wenn man versucht sie zu ignorieren; die bewusste Übersteuerung des eigenen Urteils macht es schlimmer. Beide beschreiben dieselbe Unzugänglichkeit des Musters für direkte Vernunftinterventionen. Der Unterschied: Bonhoeffer moralisch, Carbon kognitiv.
→ Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit
Cipolla: Dumme kategorisieren nicht — sie schaden ohne Plan. Carbon: Wir alle kategorisieren blitzschnell und füllen dann mit Bestätigung. Das verifikationistische Muster ist nicht Dummheit im Cipolla-Sinn — es ist strukturelle Beschränktheit. Cipolla würde fragen: Wer kommt in den Dummen-Quadranten, weil er stur auf seinem Kategorienfehler beharrt?
→ Manfred Spitzer — Hirnforscher Feldbach
Spitzer: Angst blockiert Lernen neurobiologisch — über den Mandelkern. Carbon: Angst ist auch ein Filter für Wahrnehmung; sie konditioniert uns dazu, Dinge als Bedrohung zu sehen, was die Wahrnehmung selbst verändert. Beide kommen von verschiedenen Seiten zur selben Schlussfolgerung: Das Gehirn ist kein passiver Empfänger — es formt, was ankommt.
→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck
Flassbeck: Menschen verstehen wirtschaftliche Kausalität nicht, obwohl sie einfach zu verstehen ist. Carbon würde sagen: Das ist kein Informationsmangel. Das Modell im Kopf — „Staatshaushalt wie Haushaltsbudget” — ist so tief verankert, dass widersprechende Argumente einfach nicht ankommen. Die 10-zu-1-Rückwärtsverdrahtung des Gehirns trifft hier auf wirtschaftspolitische Narrative.
→ Vipassana — Zehn Tage
Goenka: Die tiefste Quelle des Leidens ist das Reagieren aus Konditionierung — ohne innezuhalten. Carbon: Wahrnehmung ist immer vorgebahnt, immer konstruiert aus früheren Modellen. Beide beschreiben denselben Mechanismus: das Muster läuft automatisch. Vipassana trainiert die Fähigkeit, das Muster zu beobachten, bevor es zur Handlung wird. Carbon würde sagen: Indem du das Modell kennst, kannst du es auch verändern.
→ Andreas Zimpel — Neurodiversität
Carbon erwähnt am Ende seine eigene KI-Company (PSYAIhands.com) für neurodivergente Menschen — er schätzt, über eine Milliarde Menschen weltweit seien betroffen. Zimpel: Neurodiversität als Stärke und Ressource. Carbon: „Wahrscheinlich ticken wir alle ein bisschen anders.” Beide gegen das Defizitmodell — für ein Verständnis von Vielfalt als Reichtum.
→ Jürgen Kornmeier — Grenzgebiete der Psychologie
Derselbe Befund, andere Konsequenz: Kornmeier misst die Konstruktion im EEG — Kippfiguren, 60 Millisekunden Versatz zwischen echtem und innerem Wechsel — und seine Mona-Lisa-Studie zeigt Carbons Namen-Experiment eine Etage höher: Nicht nur das Geschlecht eines Gesichts, auch dessen Emotion wird aus dem Kontext gebaut, weil das System keine absoluten Werte kennt, nur Verhältnisse. Wo Carbon aus dem Befund eine Position gewinnt, gewinnt Kornmeier daraus Zurückhaltung.
Weiterführend
- Richard Gregory: Eye and Brain (1966) — Klassiker zur konstruktivistischen Wahrnehmungspsychologie
- Ulric Neisser: Cognitive Psychology (1967) — Begründung der kognitiven Wende; Wahrnehmung als aktiver Prozess
- Viktor Frankl: Man’s Search for Meaning (1946) — Sinn als Überlebensfaktor; Carbon verweist implizit auf diese Erkenntnis im KZ-Kontext
- Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow (2011) — System-1-Denken als Quelle von Wahrnehmungsverzerrungen; ergänzt Carbon um die ökonomische Perspektive
- Carbons Forschungsgruppe EPEK, Universität Bamberg — ergonomie-psychologische-aesthetik.de
- rabbit hole — Ungarn-Wahl KI-Wahlkampf — Deepfakes nutzen Carbons kognitive Mechanismen gezielt: wenn Mimik täuschend echt wirkt und das Gehirn nicht zwischen Original und Fälschung unterscheiden kann, kapituliert das Wahrnehmungssystem
→ Albert Moukheiber — Mein Hirn und die anderen
Carbons Erkenntnis, dass Wahrnehmung sozial geformt wird, findet in Moukheibers Teil 2 ihre direkte klinische Fortsetzung: Stereotypenbedrohung zeigt, dass das bloße Wissen um eine Gruppenerwartung die tatsächlich messbare kognitive Leistung verändert — Wahrnehmung und Kognition sind immer schon sozial. Carbons Top-down-Verarbeitung ist der mechanistische Grund, warum soziale Erwartungen so tief in die Wahrnehmung eingreifen können.
→ ARTE — Neurodivers Anders denken besser arbeiten
Die ARTE-Reportage zeigt Carbons These in der Praxis: Synästhesie (Zimpel sieht Zahlen in Farben) und Bilddenken bei Autismus sind keine “Fehler”, sondern alternative Top-down-Modelle — gleichwertige Konstruktionen derselben Realität. Carbons Befund, dass es keine “normale” Wahrnehmung gibt (nur dominante), ist das neurowissenschaftliche Fundament der Neurodiversitätsbewegung.
→ Albert Moukheiber — Mein Hirn und ich
Thematischer Zwilling: Beide beschreiben Wahrnehmung als aktive Konstruktion des Gehirns — Carbon mit dem Befund der 10:1-Rückwärtsverdrahtung (das Gehirn schickt mehr Signale zum Sehorgan zurück als es empfängt), Moukheiber mit optischen Täuschungen und kognitiven Verzerrungen. Carbon gibt den theoretischen Rahmen (Top-down-Verarbeitung), Moukheiber bringt ihn für ein breites Publikum zugänglich durch Magie, Experimente und Alltagsbeispiele. Wo Carbon die kognitive Mechanik beschreibt, zeigt Moukheiber ihre evolutionären Wurzeln (Kahneman/Tversky, Überlebensverzerrung, Optimismusverzerrung).
→ Markus Gabriel — Was ist Realitaet
Direkter philosophischer Gegenspieler: Carbon untersucht die konstruktivistische Seite der Wahrnehmung (das Gehirn konstruiert top-down, 10:1-Rückwärtsverdrahtung). Gabriel verwirft genau dieses „Welt des Zuschauers”-Modell als eines von drei überholten Realitätskonzepten. Sein Neuer Realismus argumentiert: Perspektiven sind objektiv real, keine Gehirnkonstruktionen — die Wirklichkeit strahlt Perspektiven ab. Carbons Befunde beschreiben WIE Wahrnehmung konstruiert; Gabriel fragt, ob die Konstruktion selbst bereits Realität ist.
→ Rebecca Boehme — So trickst du dein Gehirn aus
Böhme als empirische Gegenposition: Wo Carbon betont, dass wir die Welt nie sehen „wie sie ist” (10:1-Rückwärtsverdrahtung als Beweis), distanziert sich Böhme explizit von der Halluzinations-These. Ihre Argumentation: Evolution hat unsere Sinne in Interaktion mit der realen Welt optimiert — Wahrnehmung ist Konstruktion, aber eine, die real verankert ist. Produktive Spannung: Carbon zeigt das Ausmaß der Konstruktion, Böhme zeigt deren Realitätsanbindung.
→ Barbara Tversky — Denken beginnt nicht im Kopf
Tversky und Carbon teilen denselben konstruktivistischen Befund — das Gehirn konstruiert Wirklichkeit top-down — aber Tversky geht einen Schritt weiter: Die Konstruktion beginnt nicht erst im Cortex, sondern im Körper selbst. Gesten denken mit, räumliche Erfahrung ist das evolutionäre Fundament. Carbons 10:1-Rückwärtsverdrahtung und Tverskeys 50%-Cortex-These sind zwei empirische Belege für dieselbe tiefere Umkehrung: Input ist sekundär, interne Modellierung ist primär.












