GedankenraumEva Geulen — DenkerVita
Eva Geulen liest Theorie wie Literatur: Die Direktorin des Berliner ZfL fragt, wie Formen leben, warum das Ende der Kunst ein Gerücht bleibt und wie Hannah Arendt schreibt.
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Ernst Haeckel, Kunstformen der Natur — die Lithografien, in denen Naturforschung zur Ornamentik wird. Geulen hat über Goethes Morphologie geschrieben, über das „Leben der Form“. Das Banner zeigt eine Metamorphose in Goethes Sinn: Ein Blatt wird Zweig, Blüte, Samenkapsel, bis es am Ende ein Säulenkapitell ist, Natur, die zu Kultur weiterwächst.
Prompt: Scientific lithograph in the style of Ernst Haeckel's Kunstformen der Natur, wide horizontal banner. A symmetrical yet living arrangement of plant forms showing metamorphosis: a single leaf on the left transforming step by step into petals, seed pods and finally into the elegant curves of a classical column capital and the spine of an open book on the right. Fine engraved line work, delicate watercolour washes in sage green, ink blue and pale gold on cream paper. Quiet, precise, contemplative. No text, no labels, no people.
Biographischer Snapshot
Eva Geulen (3. Juli 1962, Bergneustadt) — Germanistin und Literaturtheoretikerin. Promoviert 1989 an der Johns Hopkins University in Baltimore über Adalbert Stifter, danach vierzehn Jahre Lehre in den USA (Stanford, Rochester, New York University), Lehrstühle in Bonn (2003–2012) und Frankfurt am Main (2012–2015). Seit August 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin als Nachfolgerin von Sigrid Weigel und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität. Mitherausgeberin der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Hannah Arendts, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (seit 2021, seit 2025 Sekretarin der Geisteswissenschaftlichen Klasse).
Wichtigste Werke: Das Ende der Kunst (2002), Giorgio Agamben zur Einführung (2005), Aus dem Leben der Form (2016 / 2021) Kernkonzepte: Theoriegeschichte, das Nachleben von Goethes Morphologie, das „Ende der Kunst“ als Gerücht, Stil der Wissenschaft, Arendts Essayistik
Biografie
Eva Geulen wächst in einem Haus auf, in dem Literatur Beruf ist: Ihr Vater Hans Geulen war Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer. Sie beginnt 1982 in Freiburg mit Germanistik, Philosophie und Indologie und geht schon im Jahr darauf nach Baltimore an die Johns Hopkins University. Dort schreibt sie ihre Dissertation über Adalbert Stifter: Worthörig wider Willen, eine Arbeit über einen Erzähler, dessen ruhige Prosa an der Grenze dessen arbeitet, was sich überhaupt darstellen lässt.
Es folgen gut vierzehn amerikanische Jahre: ein Mellon-Stipendium in Stanford, eine Professur mit Tenure in Rochester, ab 1995 New York University. Als Humboldt-Stipendiatin ist sie 1997/98 zum ersten Mal länger in Berlin. 2002 erscheint bei Suhrkamp Das Ende der Kunst, ein Buch, das Hegels berühmtes Diktum vom Vergangensein der Kunst nicht widerlegen oder bestätigen will, sondern seiner Weitergabe durch die Ästhetik folgt; die englische Übersetzung erscheint 2006 bei Stanford University Press.
2003 kehrt sie nach Deutschland zurück, auf den Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft in Bonn. In diesen Jahren entsteht die Einführung in das Werk Giorgio Agambens (2005), die mehrfach überarbeitet und ins Japanische, Polnische und Dänische übersetzt wird, und über Agamben findet sie, wie sie selbst erzählt, erst spät zu Hannah Arendt: 2008 gibt sie mit Kai Kauffmann und Georg Mein den Band Hannah Arendt und Giorgio Agamben. Parallelen, Perspektiven, Kontroversen heraus. Im September 2012, kurz bevor sie nach Frankfurt wechselt, hält sie in der Paulskirche die Laudatio auf Judith Butler zum Adorno-Preis, mitten in der Kontroverse um Butlers Haltung zu Israel.
Seit 2015 leitet sie das ZfL, eines der Berliner Geisteswissenschaftlichen Zentren. Sie hat dessen Profil neu justiert und die Theoriegeschichte zu einem Schwerpunkt gemacht: die Frage, woher die Begriffe und Denkformen kommen, mit denen die Geisteswissenschaften arbeiten, und wie sie sich verändern. Aus einem Forschungsprojekt dort geht 2021 Aus dem Leben der Form hervor, eine Studie über das Nachleben von Goethes Morphologie im Denken des 20. Jahrhunderts. Sie ist Gründungsvorstand der Hans Blumenberg-Gesellschaft, war Mitglied im Senat der DFG, leitete die Projektgruppe Diversität der Leibniz-Gemeinschaft und gehört seit 2024 zu den Herausgebern der Zeitschrift für Ideengeschichte. Als Gastprofessorin ist sie immer wieder in den USA, zuletzt 2025 in Santa Barbara.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Worthörig wider Willen. Darstellungsproblematik und Sprachreflexion in der Prosa Adalbert Stifters | 1992 | Die Dissertation: wie Stifters Erzählen an den Grenzen der Darstellbarkeit über die eigene Sprache nachdenkt |
| Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts nach Hegel | 2002 | Hegels These vom Ende der Kunst als Gerücht, das die moderne Ästhetik von Nietzsche bis Adorno immer neu weitererzählt; englisch 2006 als The End of Art |
| Giorgio Agamben zur Einführung | 2005 | Die deutsche Standardeinführung zu Agamben: Homo sacer, Ausnahmezustand, das Lager, die Potenzialität; überarbeitet 2009 und 2016 |
| Hannah Arendt und Giorgio Agamben. Parallelen, Perspektiven, Kontroversen | 2008 | Herausgegeben mit Kai Kauffmann und Georg Mein: wo Agamben an Arendt anschließt, etwa bei Lager und Flüchtling, und wo er sie verfehlt |
| Aus dem Leben der Form. Goethes Morphologie und die Nager | 2016 | Schmaler Essay über Goethes späte Schriften zur Morphologie, ausgehend von seiner Besprechung der Nagetier-Skelette: Form als etwas, das sich verwandelt |
| Aus dem Leben der Form. Studien zum Nachleben von Goethes Morphologie in der Theoriebildung des 20. Jahrhunderts | 2021 | Mit Eva Axer und Alexandra Heimes: wie Goethes Denken in Gestalten und Metamorphosen in den Theorien des 20. Jahrhunderts wiederkehrt |
| Formen des Ganzen | 2022 | Mit Claude Haas herausgegeben: Begriffe wie Gestalt, System oder Totalität und ihre Geschichte |
| Blumenbergs Verfahren. Neue Zugänge zum Werk | 2022 | Mit Hannes Bajohr: nicht was Blumenberg dachte, sondern wie er dabei vorging |
| Hannah Arendt: Kleine Schriften I (Kritische Gesamtausgabe, Bd. 4.1) | — | Mit Anne Eusterschulte und Friederike Wein herausgegeben, Wallstein: Arendts kürzere Schriften in der kritischen Gesamtausgabe |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Philosophisches Gespräch: Hannah Arendt und der Ursprung totalitärer Herrschaft (Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 2018) — Fast zwei Stunden mit Philipp Felsch: Arendts Leben, Pluralität, Natalität, das Kapitel „Ideologie und Terror“ und die Frage, warum Arendt in Zeiten des Populismus wieder gelesen wird
- Eva Geulen über Hannah Arendt über Walter Benjamin (MERKUR, 2018) — Zwanzig Minuten über Arendts Porträt ihres Freundes Benjamin, dasselbe Thema wie ihr Merkur-Essay „Bucklicht Männlein“ (2022)
- Goethe für Quereinsteiger (Klassik Stiftung Weimar, 2021) — Eine Stunde Goethe für alle, die nicht von der Schullektüre herkommen
- Geisteswissenschaft heute (KU Eichstätt-Ingolstadt, 2021) — Vortrag über Lage und Selbstverständnis der Geisteswissenschaften
- Werkstattgespräch: Hans Ulrich Gumbrecht mit Eva Geulen und Melanie Möller (ZfL, 2021) — Über Stil und Schreiben in der Wissenschaft
- tl;dr #50: Roland Barthes, „Mythen des Alltags“, mit Eva Geulen (Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2025) — Ein Klassiker der Alltagskritik, gemeinsam gelesen
Kernthesen
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Theorie hat eine Geschichte. Die Begriffe, mit denen Geisteswissenschaften arbeiten, sind keine zeitlosen Werkzeuge. Sie entstehen, wandern, werden vergessen und kehren verwandelt zurück. Wer sie benutzt, sollte wissen, woher sie kommen. Darum hat Geulen die Theoriegeschichte am ZfL zum Programm gemacht.
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Das Ende der Kunst ist ein Gerücht, und es arbeitet. Hegel sagte, die Kunst sei „nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung“ für uns ein Vergangenes. Geulen fragt nicht, ob das stimmt, sondern was der Satz anrichtet: Er wird seit fast zweihundert Jahren weitererzählt, abgewandelt und dementiert, und gerade so hält er die Frage am Leben, was Kunst in der Moderne noch leisten kann.
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Formen leben. Goethe verstand Gestalt nicht als feste Hülle, sondern als Bildung und Umbildung, als Metamorphose. Dieses morphologische Denken, so Geulen, ist im 20. Jahrhundert nicht verschwunden, es lebt in Theorien nach, die sich selten auf Goethe berufen. Form ist darum ein Prozess, kein Ergebnis.
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Wie jemand schreibt, gehört zu dem, was er denkt. Ob Stifters Prosa, Blumenbergs Verfahren oder Arendts Essays: Geulen liest Texte der Wissenschaft und Philosophie mit dem Blick der Literaturwissenschaftlerin, auf Stil, Darstellung, Sprecherposition. Bei Arendt fragt sie, wer in ihren Essays eigentlich spricht und wie der Streit selbst zur Form ihres Denkens wird.
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Arendt ist für die Gegenwart lesbar, ohne sie zu erklären. Im Gespräch mit Philipp Felsch nennt Geulen zwei Gründe für Arendts Konjunktur: ihre Analyse der Lage der Flüchtlinge und dessen, was sie für die Menschenrechte bedeutet, und das Kapitel „Ideologie und Terror“, das zeigt, unter welchen Bedingungen Menschen sich nicht mehr auf den gemeinsamen Wirklichkeitssinn, den „gesunden Menschenverstand“, verlassen. Die wachsende Anziehungskraft populistischer Positionen in vielen europäischen Staaten nennt sie ausdrücklich als einen Kontext dieser Lektüre.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Hannah Arendt — Geulen ist Mitherausgeberin der Kritischen Gesamtausgabe von Arendts Werken. Im Dresdner Gespräch verteidigt sie Arendt gegen den Vorwurf der politischen Romantik und liest den Little-Rock-Text neu (→ Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft).
- Philipp Felsch — Gesprächspartner und Kollege an der Humboldt-Universität; beide lesen Theorie als Geschichte.
- Martin Heidegger — Gegen Felschs Gegenüberstellung von Hammer und Tisch hält Geulen fest, dass das Mitsein schon in Sein und Zeit steht; der Unterschied zu Arendt liege im Verfahren, nicht im Begriff: „die Hütte in Todtnauberg und Riverside Drive in Manhattan“.
- Theodor W. Adorno — In Das Ende der Kunst und Aufsätzen zur Ästhetischen Theorie liest Geulen Adorno als letzte Station einer Rede vom Ende, die nie ankommt.
Cortex-Notes
Im Bestand
fünf gedachte Verweise